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Zweites Kapitel
Die letzten Kämpfe in Frankreich

Es galt den innern und den äusseren Krieg in einem zerrütteten Lande unter vermehrter Geldnot mit verminderten Truppen weiterzuführen und zu beenden. Mazarin bewährte seinen zähen Willen, seine Klugheit und sein Glück.

Während der Kämpfe um Paris im Mai des Jahres hatte der siegreiche Feldherr der königlichen Truppen im Süden, der Graf von Harcourt Forderungen an ihn gestellt. Ob kommandierender General, Grosstallmeister von Frankreich und Statthalter im Elsass, war er arm. In sehr ergebenen Briefen erinnerte er daran und an seine Verdienste. Er wünschte, da der Marschallstab ihm für einen lothringischen Prinzen nicht passend schien, und da er Condés Besieger war, Konnetabel zu werden, sowie Statthalter der Guyenne an des Prinzen Stelle, und forderte zunächst, den Worten nach immer im Dienst und zum Vorteil des Königs, in der Tat als ein Pfand gegen die Regierung, die Festung Breisach für sich, die durch den Tod des Generals von Erlach erledigt war. Die Stadt war der Schlüssel der französischen Stellungen im Reich: ein Vetter des Staatsekretärs Le Tellier wurde zum Gouverneur ernannt. Harcourt zögerte, schrieb, war gekränkt, »seine Treue, seine Dienste, seine Anhänglichkeit an die Interessen Seiner Eminenz so wenig gewürdigt zu sehen«. Der dicke Graf spielte eine kleine nur halb tragische Wallenstein-Episode: er ward untätig; Truppen wurden ihm abgefordert, die er weigerte; der Befehl, ihn zu verhaften, wurde erwogen, und eines Tags im August, gerade als Mazarin sich zum zweitenmal in Bann zu gehen anschickte, verschwand der General aus seinem Lager vor Villeneuve d'Agen, liess seine Truppen führerlos und begab sich auf geheimen Wegen nach Breisach, wo er Verbindungen hatte.

Zum Glück für den Hof befand sich die Armee der Prinzen im Süden gleichfalls in schlechter Lage. In Bordeaux waren wilde Partei- und Bürgerkämpfe. Der Prinz von Conti und seine Schwester von Longueville hielten die Stadt für Condé, in der Tat aber regierte für ihn der energische Rat Pierre Lenet aus Dijon gleichsam als sein Minister; und auch seine Macht war eine beschränkte in dieser städtisch-prinzlichen Anarchie, in der eine merkwürdige fanatische Handwerkerpartei herrschte, die sich nach den Ulmen, unter denen sie ihre Versammlungen abhielt, die »Ormée« nannte. In der Provinz kämpften für den Prinzen ausser adeligen Parteigängern seine wilden Reiterführer Marsin und Balthazar; in Bourg an der Mündung der Garonne sass der spanische Admiral Baron Wattenwyl; auf der Insel Oléron und im Hafen von Brouage – der Ort ist heute ein unbedeutendes Nest – sass der Raubgraf Foucault von Daugnon, forderte viel und hielt sich zweideutig in seinen uneinnehmbaren Seefestungen. Und alle waren eifersüchtig aufeinander, machten sich gegenseitig Vorwürfe und klagten bitter in Briefen; es fehlte an Truppen und mehr noch an Geld; die spanische Regierung schickte ihre »Goldpatagonier« spärlich und spät, nur hie und da ein paar hundert irische Söldner, die abfielen, sobald man ihnen von andrer Seite Geld bot. »Die Langsamkeit der Spanier kann einen rasend machen,« schrieb Lenet an Condé. »Klären Sie Herrn von Marsin ein für allemal darüber auf,« schrieb Condé, gleichfalls bestürmt, seinerseits am 30. September von Paris an Lenet, »dass ich ihm keine Hilfe schicken kann, und wenn er nicht aufhört, mich zu verfolgen! Könnte ich es tun, würde ich nicht warten, bis er darum bittet!« Zuletzt ward in Bordeaux ein »wütendes Verlangen nach dem Frieden« laut, wie in Paris, und als die Weinlese kam, war Lenet in grösster Sorge; aber die führerlosen, gleichfalls desorganisierten und durch Abkommandierungen geschwächten königlichen Truppen vermochten die kostbare Ernte nicht ernstlich zu stören. Zwar hatte die königliche Flotte unter Vendôme die spanische in einer grossen Seeschlacht bei den Inseln an der Mündung der Garonne geschlagen, aber der Sieg war nicht verfolgt worden und die Flotte, der es überdies an Lebensmitteln fehlte, war zum Entsatz von Dünkirchen abgesegelt.

Zum Feldherrn in der Guyenne an der Stelle Harcourts liess Mazarin einen Mann ernennen, für den der sonst so kühl Empfindende seit langem eine Schwäche hatte, den schönen Candale. Man wusste, dass er ihn mit einer seiner Nichten zu verheiraten wünschte. Der junge Herzog erwiderte die Sympathien des Kardinals keineswegs, und die Heirat erschien ihm, wie seinem Vater, dem Herzog von Epernon, nicht standesgemäss, aber sie beschlossen die auffällige Gunst des Ministers zu nützen. Der liebenswürdige, aber nicht überkluge junge Mann hatte einen der feinsten Köpfe Frankreichs zum Berater, Herrn von Saint-Evremond, der nicht nur ein glänzender Schriftsteller, sondern auch ein weltkluger schlauer Normanne war; dessen Freund, der Graf von Miossens, und der Chevalier von Mun führten die Verhandlungen für ihn mit dem Marquis von Roncherolles und mit Le Tellier, der neben den Amtsgeschäften des Kriegsministeriums auch manches Privatgeschäft des Kardinals zu besorgen hatte. Sie waren die Schlaueren: Candale wurde zum Kommandierenden in der Guyenne ernannt, ohne seine andern Forderungen aufzugeben, die Verlobung aber ward verschoben. Mazarin war so böse, dass er die vollzogene Ernennung widerrufen wollte, und er verzieh Saint-Evremond nicht, dem er die Schuld gab. Damals schüttelte alle Welt den Kopf, nicht nur weil der fünfundzwanzigjährige Feldherr noch nie etwas geleistet hatte, mehr noch weil die unerträgliche Art des alten Herzogs von Epernon die Provinz in den Aufstand getrieben hatte, die Ernennung seines Sohnes sie erbittern musste. »Er wird noch Frankreich zugrunde richten für die schönen Augen des Herrn von Candale,« sagte der alte Senneterre.

Zur Aushilfe bei solchen prinzlichen Feldherrnschaften gab es zu allen Zeiten einen erfahrenen Stab. Vendôme hatte den Kommandeur von Neuchèze sowie Abraham Du Quesne auf seinem Admiralschiff »César« neben sich gehabt, als er den Sieg bei den Inseln erfocht; Candale fand tüchtige Offiziere in der Provinz. Ihm und Vendôme, der auch Landtruppen unter seinem Kommando hatte, wurde der als Diplomat und Krieger gleich bedeutende Kommandant von Dünkirchen, Géoffroy von Estrades, zur sicheren Nachhilfe geschickt.

Nun geschah in und um Bordeaux Ähnliches wie vordem in Paris: das Parlament wurde nach Agen verlegt, und ein Teil der Räte fand sich dort ein; in Bordeaux selbst arbeiteten Mazarins geheime Agenten, vor allem wieder der Pater Berthod, der in den Klöstern wie unter den frommen Damen der Stadt seine freundschaftlichen Beziehungen hatte. Die Lage Contis war von Anfang keine angenehme gewesen. Er und die Herzogin fühlten sich von ihrem Bruder beinahe verhöhnt, der erklärte, dass »alle ihnen absolut gehorchen sollten, nur in allen finanziellen Angelegenheiten sollte Lenet, in allen militärischen Marsin vollkommen unabhängig entscheiden«. Mit seiner Schwester hatte der Prinz Zänkereien; an den vier Miniaturhöfen in Bordeaux, denn selbst der kleine Herzog von Enghien hatte seinen eigenen Hof, gab es Ränke und Feindschaften; dazu die Parteien der Stadt, auf deren gewalttätigste und ihm fremdartigste, den Handwerkerrat, er sich stützen sollte. Man erinnerte sich in Bordeaux, dass die Guyenne einst englisch gewesen, an die Gründung einer südfranzösischen Republik unter englischem Schutz wurde ernstlich gedacht, von englischen Emissären und französischen Schwärmern eine Verfassung entworfen. Der Streit wurde immer wüster, der Aufenthalt immer peinlicher, bittere Schmähschriften auf Conti und die Herzogin wurden verbreitet, zahlreiche Garden mussten ihn wie die Prinzessinnen vor ihren Anhängern schützen. Die königlichen Truppen wurden immer stärker; der Kommandant der Irländer, Dillon, ging mit ganzen Regimentern für tausend Taler zu ihnen über; der Graf von Daugnon fiel ab und verkaufte sich und seine uneinnehmbaren Inseln und Sumpffestungen an Mazarin für den Marschallstab; die königliche Flotte fuhr in die Garonne ein und eroberte mit den Landtruppen vereint die festen Plätze unterhalb Bordeaux. Seiner falschen Stellung und der vergeblichen Pein müde, hörte der Prinz auf das, was sein kluger Kammerherr, der Abbé von Cosnac, ihm zuflüsterte, und während er seine Juwelen und sein Silberzeug für seinen Bruder verpfändete, schickte er den Marquis von Chouppes mit geheimen Anträgen zu Candale, der ihn mit seiner ganzen gewinnenden Liebenswürdigkeit aufnahm. Ihm wäre ein Wunsch erfüllt worden, wenn er den Prinzen dem Hof zurückzugewinnen und Bordeaux auf friedlichem Weg zu nehmen vermocht hätte. Aber Wochen vergingen. Noch arbeitete und schrieb Lenet wie ein Verzweifelter; noch erschien der eifrige Graf von Fiesco, der für Condé in Spanien gewesen war, in Bordeaux und ermunterte die Partei mit Verheissungen. Lange spielte Conti ein Doppelspiel, noch im Juli liess er in der Andreaskirche das Sakrament ausstellen und für die Ankunft einer spanischen Flotte beten. Seine Umgebung begann ihm zu misstrauen, Marsin wollte ihn verhaften lassen. In der Stadt stritten die Parteien bis zuletzt in erregten Versammlungen auf der Börse, im Rathaus, mit Gewalttaten und Hinrichtungen. Aber auch hier siegten die weissen Zeichen. Die königliche Partei verhandelte durch den Pater Berthod und gutgesinnte Bürger mit Vendôme. Der gewandte Gourville, La Rochefoucauld's Sekretär, der eben seinen Herrn mit dem Hofe ausgesöhnt hatte, erschien in Bordeaux und ging gleichfalls zwischen den Prinzen und den königlichen Generalen hin und her. Der Vertrag, der noch durch die Eifersucht Vendômes auf Candale erschwert worden war und noch einmal gefährdet wurde, als Candale, des Friedens sicher, auf einer prächtigen Barke durch die Stadt fuhr und der Hass der südlich erregbaren Bevölkerung gegen sein Geschlecht aufflammte, kam endlich doch zustande, und am 31. Juli ward Bordeaux übergeben. Die spanische Flotte kam zu spät. Es ist nur menschlich, dass in ihren Memoiren Cosnac, Gourville, Chouppes, Berthod, jeder sich das Hauptverdienst zuschreibt. Jedem scheinen seine Ideen die besten, seine Taten die wichtigsten.

Der Prinz von Conti und der Herzog von Candale trafen sich und sagten einander lächelnde Liebenswürdigkeiten; nicht ohne Neid sah der Prinz den jungen Sieger, dem er nicht nur die Stadt übergeben, von dem er sich noch überdies 10 000 Livres ausleihen musste, um seine dringendsten Gläubiger in Bordeaux zu bezahlen. Er und seine Schwester zogen sich in nicht sehr glücklicher Stimmung auf verschiedene Schlösser zurück. Die Prinzessin von Condé begab sich mit ihrem Sohn nach Flandern zu ihrem Gatten.

Am 3. August zogen die Sieger in Bordeaux ein. Mit dem Vertrag waren die königlichen Generale sehr reitermässig umgegangen: am Rande – er liegt noch in den Pariser Archiven – steht zu den vorgeschlagenen Artikeln kurz bemerkt: »gewährt«, »in die Amnestie einbegriffen«, »dem König zur Entschliessung vorbehalten« und ähnliches. Und die Regierung hielt nicht einmal, was gewährt worden, ein, wenn sie auch vergleichsweise milde vorging. Einige Führer der »Fronde« wie der »Ormée« wurden verbannt oder gehenkt, der Fleischer Dureteste gerädert, einige entflohen. Die verhassten Zwingburgen Trompette und Hâ, die die Bürger zerstört hatten, wurden wieder aufgebaut und erhielten königliche Besatzungen. Neue Stadträte wurden gewählt; der Herzog von Epernon wieder zum Statthalter der Provinz, d'Estrades zum lebenslänglichen Bürgermeister der Stadt ernannt. Die alten Freiheiten von Bordeaux gingen wie alle Freiheiten und Rechte in der nun folgenden Zeit unter.

Mit geringeren Kämpfen war die Provence beruhigt worden. Mazarin verlieh die Statthalterschaft der Provinz dem Mann seiner Nichte, dem Herzog von Mercoeur, dem seine Treue nun endlich Vorteile brachte. Seine Weisung war, Milde zu üben. Toulon und einige wenige Städte, die sich nicht fügen wollten, wurden belagert und eingenommen. Der Herzog von Epernon nahm die letzten Festungen und Plätze der Prinzen in der Bourgogne, und der innere Krieg war beendet.

Der Krieg mit Spanien dauerte fort, aber der Fall von Bordeaux war für Condé eine schwere Enttäuschung. Noch hoffte er von Flandern aus mit einem spanischen Heer auf Paris zu rücken, wo alles sich für ihn erheben würde. Aber Turenne verlegte ihm den Weg und mied eine Schlacht, und Frankreich blieb ruhig. Turenne gewann in diesem, wie in den folgenden Feldzügen viel Ruhm, und Condé schlürfte viel Bitternisse. Mit dem Herzog von Lothringen hatte er sich sehr bald entzweit; viele seiner besten Anhänger hatten ihn verlassen: Tavannes, seine »rechte Hand«, war gegangen, weil eine reiche Tante ihn andernfalls zu enterben drohte, und er sich von dem heftigen Prinzen schlecht behandelt fühlte; La Rochefoucauld hatte, seiner Wunden, seiner enttäuschten Liebe und vieler Verluste müde, mit dem Hofe Frieden gemacht; Nemours war tot; Condés eigner Bruder hatte sich von ihm losgesagt und schloss sich dem siegreichen Kardinal an; seine Schwester hatte sich, von Liebe und Politik gleich enttäuscht, vorläufig zu ihrer trauernden Tante von Montmorency ins Kloster der Töchter Mariens zu Moulins zurückgezogen: dann tat sie volle Busse und ging zu ihrem Gatten. Sie wurde sehr fromm und hat später durch Vermittelung ihrer jansenistischen Freunde grosse Geldbeträge verwendet – was ihr sicherlich schwer ankam – um die von der Verwüstung des Bürgerkriegs Betroffenen zu entschädigen, da sie ihn mitverschuldet hatte.

Mit den spanischen Statthaltern hatte der Prinz die unvermeidlichen und verärgernden Rangstreitigkeiten; ihre Generale fühlten nicht nur den Neid gegen den überlegenen Mann: sie trauten ihm auch nicht völlig; sein Ungestüm und die spanische stolze Langsamkeit vertrugen sich nicht. »El Sennor Prencipe corre su caballos prestados,« »der Herr Prinz reitet auf geliehenen Pferden!« sagte der Graf von Fuensaldaña, wenn Condé zu Schlachten drängte.

In Frankreich konnte das Volk indessen unter Trompetenstössen auf öffentlichen Plätzen den Parlamentsbeschluss verkünden hören, mit dem der Prinz von Condé und seine Anhänger vorgeladen wurden, sich wegen des Verbrechens der Majestätsbeleidigung – dies war das Wort für ein Verhalten, das man heute Hochverrat nennen würde – zu rechtfertigen. Am 27. März 1654 wurden sie, in Gegenwart des Königs, nachdem der Tatbestand notorisch war, für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt; der Name Bourbon und der Prinzenrang wurden Condé abgesprochen, die Wahl der Todesart dem König überlassen.

Schwere Sorge hatte dem Kardinal der Abfall des Grafen von Harcourt geschaffen; nicht nur in der Guyenne: Breisach war die wichtigste Festung an der Rheingrenze. Der alte Herzog von Elboeuf und sein Sohn, der Prinz von Harcourt, Verwandte des Unzufriedenen, wurden zu ihm geschickt und boten ihm grosse Geldsummen. Er wollte noch mehr und verlangte für seinen Sohn eine Nichte des Kardinals zur Frau. Der »dicke kleine Mann«, den Condé verspottet hatte, knüpfte jetzt mit ihm und dem Herzog von Lothringen Verbindungen an. Da er auch die Festung Philippsburg in Händen hatte, war die ganze Grenze, das Elsass, alle Ergebnisse des westfälischen Friedens in Gefahr. Da griff der Kardinal zu einem andern Mittel, das noch mehr Geld kostete, aber sicherer schien: Milet, der seinerzeit mit Herwarth, als Turenne gegen den Hof hatte kämpfen wollen, die deutschen Reiterregimenter des Marschalls zum Abfall bewogen hatte, und Gravelle, der einst die Truppen geworben hatte, mit denen Mazarin nach Frankreich zurückgekehrt war, begaben sich nach Philippsburg und Breisach und bestachen die Garnison. Gleichzeitig rückte der Marschall von La Ferté ins Elsass ein und nahm Belfort und Thann. Im Mai 1654 musste Harcourt nachgeben: er erhielt Verzeihung, bedeutende Renten, Entschädigungen und wurde Statthalter im Anjou, wo er nicht gefährlich schien.

Grotesker noch war im folgenden Jahr der Abfall des Marschalls von Hocquincourt, der jene Armee mit den grünen Schärpen geführt hatte. Ein schöner, kraushaariger Hitzkopf, empfindlich und, so wie der Graf von Harcourt, nicht überklug, hatte er es dem Hofe und Turenne nie vergeben, dass dieser den Oberbefehl erhalten hatte, noch weniger, dass er selbst bei Gien geschlagen worden, woran seiner Ansicht nach nur Turenne Schuld trug. Er war damals in die Herzogin von Châtillon verliebt, die, immer noch eine der schönsten Frauen Frankreichs, nach wie vor ihren wohlberechneten Liebesverhältnissen und einträglichen und anregenden Verhandlungen lebte. Ob ihre Liebesspiele wirklich nur Condé dienen sollten, ob sie den Dienst des Prinzen zur politischen Verbrämung ihrer Geld- und Liebesbedürfnisse verwendete, ob sich beides von selbst angenehm verband, wer will das entscheiden? Jedenfalls reiste sie zwischen Brüssel und Paris und ihrem Schlosse Merlou, das der Prinz ihr geschenkt hatte, hin und her. Sie spielte damals mit einem der gefährlichsten Werkzeuge des Kardinals, dem weibergierigen Abbé Foucquet, dem Bruder des Generalprokurators. Zur heftigsten Eifersucht gereizt, schimpfte der Marschall, dessen Ausdrücke derb und unflätig waren, auf den Abbé wie auf den Kardinal, und unter den verlockenden Augen der schönen Frau war er bereit, einen gefährlichen Brief an Condé nach Brüssel zu schreiben. Er war Gouverneur der Grenzfestungen Péronne und Ham. Condé gab den Brief dem spanischen Statthalter in Brüssel, Grafen Fuensaldaña, und dessen Sekretär, der von Mazarin gekauft war, schickte ihn nach Paris, wo er dem sofort dahin berufenen Marschall vorgelegt wurde. Erklärungen, Tränen, Umarmungen alter Freunde waren das Ergebnis. Aber die schöne Isabelle-Angélique begann ihr Spiel von neuem. Heimliche Spazierritte zu zweien in Wäldern und Wiesen um Merlou machten den Marschall glücklich und verleiteten ihn zu neuen Briefen. Mazarin verlor die Geduld: der Kapitän von Gaumont wurde mit dreissig Gardereitern nach Merlou geschickt, die Herzogin verhaftet und dem nicht minder verliebten Abbé Foucquet zum Verhör und zur Bewachung übergeben. Ganz Frankreich lachte. Nur Hocquincourt lachte nicht; er war ausser sich. Er »ist bereit, mit seinem Blut zu unterschreiben, dass er dem Herrn Kardinal vollkommen zu eigen ist«, wenn man den »schönen Engel« freilässt; er droht, die Festungen sofort Condé zu übergeben, wenn man es nicht tut. Schon wird die Anwesenheit Condéscher Offiziere, – Guitauts, Arnolphinis und des Bruders der Herzogin, Montmorency-Bouteville – in Péronne gemeldet, und so muss mit dem »Narren« verhandelt werden, der für 600 000 Livres auf beide Festungen verzichtete und zu Condé ging. Zwischen Frau von Châtillon und ihrem Wächter kam es zu den tollsten Auftritten: sie öffnete seine Kassetten, um ihre Briefe zurückzunehmen; der Abbé zerschlug darauf vor Wut ihren Toilettenspiegel; endlich floh sie und zog sich erschöpft in ein Kloster zurück, um bald zu neuen Intrigen an den Hof zurückzukehren. Sie wurde später regierende Herzogin von Mecklenburg-Schwerin, die Gattin jenes klugen Christian Ludwig, der in Versailles zu Ludwig XIV. sprach: »Alle Welt sagt, dass ich Eurer Majestät ähnlich sehe; ich bin allerdings hübscher.«

In jener Zeit des Übergangs vom Lehenstaat zum Beamtenstaat, in der die Statthalter und Gouverneure für ihre Söhne meist das »Droit de survivance« erhielten, glichen sie schon, infolge der Auffassung, die sie selber und die Welt von ihrer Stellung hatten, mächtigen und unbotmässigen Lehensträgern mehr als gehorsamen Beamten. Die Königin hatte nicht nachgeben wollen, Turenne war es, der angesichts der Wichtigkeit der Festungen, zum Vergleich geraten. Der junge König sah dies alles, sah die Schwäche des Staats, die Gefahren dieser Auffassung. Man wird es ihm auch genug vor Augen geführt haben, und er hat es anders gehalten: als zwanzig Jahre später der Chevalier von Rohan einen ähnlichen Versuch machte, liess er ihm den Kopf abhauen.

Aber kein Gegner machte Mazarin soviel Sorge, wie der Kardinal von Retz. Ungleich Condé, der durch seine Rücksichtslosigkeit, seine unbeherrschte Lust zu stechendem Witz, sich fast alle Freunde verscherzte, war er ein gewinnender und hochherziger Schauspieler. So ungläubig sein Denken, so unerbaulich sein Wandel war, die Geistlichen der Pariser Diözese liebten ihn und hielten an ihm fest. Adelige Damen versetzten ihren Schmuck, um ihm Geld zu schaffen, Männer verschworen sich, ihn zu befreien, ein Arzt und ein Domherr teilten freiwillig seinen Kerker, während er gleichzeitig, trotz schärfster Überwachung, mit seinen Freunden stete Verbindungen unterhielt. In Vincennes hatte er lange Nächte bei der Lampe gesessen, mit dem Studium griechischer und römischer Autoren beschäftigt, und an einer Schrift über die notwendige christliche Ergebung eines Gefangenen arbeitend. Da starb am 21. März 1654 sein Oheim, Jean François von Gondi, der Erzbischof von Paris, dessen Koadjutor er war. Vor einem apostolischen Notar, namens Roger, der als Tapezierer verkleidet in seine Zelle zu arbeiten kam, hatte Retz schon vorher für seinen Almosenier, den Domherrn von Labour, eine Vollmacht ausgestellt, die der Notar unter Tapetenresten hinausgebracht und mitgenommen hatte. Um vier Uhr morgens war der Erzbischof gestorben, um fünf Uhr hatte sich das Kapitel versammelt und Labour im Namen seines Nachfolgers von dem Erzbistum Besitz ergriffen; als Le Tellier als Regierungskommissar erschien, »donnerten« bereits die Bullen des neuen Kirchenfürsten durch das Gewölbe von Notre-Dame. Diesen Mann in dieser Stellung zu dulden, schien dem Hofe unmöglich. Man war vorher in ihn gedrungen und tat es nun erst recht, durch verschiedene Offiziere, sowie durch Bellièvre, den neuen Ersten Präsidenten, nachdem Matthieu Molé im März 1653 zurückgetreten war, weil er die Stellung mit dem Amt eines Siegelbewahrers unvereinbar fand. Man bot Retz die Freiheit und grosse Einkünfte, wenn er auf den erzbischöflichen Stuhl verzichtete und nach Rom ging. Der düsteren Festung müde, gab der Gefangene nach und unterschrieb den Verzicht, fest entschlossen, ihn später als erzwungen zu widerrufen. Zudem musste der Papst den Verzicht bestätigen. All dies sah Mazarin auch, und er wusste auch, dass der Papst tun würde, was Retz wünschte; so forderte er, dass dieser zwölf seiner Freunde als Bürgen für sein Verhalten stelle. Das wollte Retz nicht, und so erreichte er zunächst nur, dass er nach dem Kastell von Nantes gebracht wurde, in Obhut des alten Marschalls de La Meilleraye, seines Verwandten, der Statthalter der Bretagne war. Er gab sein Ehrenwort, nicht zu entfliehen. Dafür hatte er im Schlosse freien Verkehr und unterhielt sich vortrefflich, machte der schönen jungen Marie Madeleine von La Vergne, der späteren Frau von Lafayette, vergeblich den Hof und sann auf die Flucht. Obwohl er ihm völlig vertraute, liess der Marschall, um seiner Verantwortung willen, ihn scharf bewachen, und trotzdem entfloh er tollkühn am hellen Nachmittag, indem er die Wachen auf der Plattform durch seinen Diener bewirten und in ein Gespräch verwickeln liess und sie zugleich täuschte, indem er seine rote Simarra auszog und zwischen zwei Zinnen breitete, als ob er noch dort stünde und in die Ferne blickte, während er sich an einem Seil längs der hohen Festungsmauer zur Loire hinabliess, wo vier Edelleute harmlos ihre Pferde zu tränken schienen. Zweiundvierzigmal standen zwischen Paris und Nantes frische Pferde für ihn bereit, denn er wollte geradewegs nach der Hauptstadt, in seinen festen erzbischöflichen Palast, und er wäre der Mann gewesen, eine gefährliche neue Bewegung in Paris zu entfachen, wenn nicht in einer engen Dorfstrasse sein Pferd gescheut und ihn gegen einen Türpfosten geworfen hätte, so dass er sich die Schulter ausrenkte. Der Plan war zunichte. In Heuhaufen und Scheunen, oder auf den Schlössern von Verwandten, die ihn nicht alle gerne sahen, musste er sich unter furchtbaren Schmerzen, von schlechten Wundärzten schlecht behandelt, vor den Truppen verbergen, die ihn suchten, und entkam zuletzt auf einer Fischerbarke über das Meer nach San Sebastian.

»Nun wird dieses grosse Licht der Kirche in Spanien leuchten,« schrieb Mazarin an den Marschall von Gramont. Aber Retz war zunächst klug genug, dem Beispiel Condés nicht zu folgen. Im Auftrag des spanischen Hofs erwiesen ihm der Gouverneur, Baron Wattenwyl, sowie der Vizekönig von Aragonien, Herzog von Monteleon, jede Höflichkeit, aber vorsichtig mied er eine Verbindung, schiffte sich bei Valencia auf einer spanischen Galeere ein und gelangte in schwerer sturmvoller Fahrt nach Toskana und von da nach Rom. Innozenz X., Mazarins alter Feind, empfing ihn in vierstündiger Audienz, weinte, wie er gerne tat, Tränen über sein Schicksal und berief am nächsten Tage ein Konsistorium, in dem er ihm feierlich den Kardinalshut aufsetzte. Am französischen Hof gab dies bitteren Ärger.

Da man Mazarin abgeraten, einem Kardinal vor dem Parlament den Prozess zu machen, weil die ganze Geistlichkeit ihre Vorrechte verletzt gesehen hätte, wurde Lionne nach Rom geschickt, um Retz vor dem heiligen Stuhl anzuklagen. Lionne, der Neffe Abel Serviens, war durchaus Diplomat und Beamter. Gewissenhaft und unermüdlich in der Arbeit, sehr gebildet, war er ein so leidenschaftlicher Spieler, dass man im Kabinett bisweilen bedenklich wurde, aber so fähig, dass man über vieles hinwegsah. Er hatte Mazarin einst in Rom kennengelernt, war später sein Sekretär gewesen und hatte sich seinerzeit vergeblich bemüht, die Ehe der dritten Schwester des Kardinals, Cleria Mazarini, mit dem Bruder des Kardinal Macchiavelli zu vermitteln, um diesen damit für Frankreich zu gewinnen. Im Jahre 1643 war er als französischer Agent in Rom gewesen, um in einem lächerlichen und schädlichen Krieg zwischen dem alten Urban VIII. und dem Herzoge von Parma zu vermitteln. Er erhielt die schwierigsten Aufträge, war immer überarbeitet, lebte in höchst unerfreulichen häuslichen Verhältnissen und sah stets krank aus.

Ehe er eintraf, war Innozenz gestorben. Dadurch fiel ihm eine noch grössere Aufgabe zu, denn sehr viel hing für Mazarin von der neuen Wahl und dem Konklave ab. Im Kollegium der Purpurträger gab es drei Parteien: eine kleine französische, der ausser dem Protektor, dem Kardinal von Este, eigentlich nur Mazarins einstiger Gönner und späterer Schützling Antonio Barberini, Bichi, Grimaldi und Orsini angehörten. Die Kandidaten des französischen Hofs waren nach Lionnes Instruktionen in erster Linie wieder, wie bei der letzten Wahl, Giulio Sacchetti, dann Luigi Capponi und Bernardino Spada; weiterhin erschienen mehrere andere Kardinäle in zweiter Reihe nicht unerwünscht. Zwei Kardinälen erteilte die französische Regierung die Exklusion: Francesco Barberini, »der die ganze Christenheit verderben würde«, und Fabio Chigi. Dieser hatte mit Mazarin in Köln freundlich verkehrt, und im Juni 1652 hatte der Staatsekretär Brienne in Briefen an den französischen Gesandten in Rom, den Bailly von Valencay, ihn als Nachfolger des regierenden Papstes zu sehen gewünscht. Das mochte eine für den damaligen Kardinal-Staatsekretär berechnete Liebenswürdigkeit gewesen sein. Mazarin beschuldigte ihn, schon als Nuntius zu Münster bei den Verhandlungen für den Westfälischen Frieden gegen Frankreich gearbeitet zu haben. Er und der Barberini sollten ausgeschlossen sein. Im übrigen sollte der Kardinal von Este tun, »was er für Frankreich, ja, was er für sich persönlich für vorteilhaft hielte«. Sehr zahlreich war die spanische Partei, ihre geistigen Leiter waren die Kardinäle Gian Carlo Medici und Trivulzio. Retz hätte sich gerne der französischen Partei angeschlossen, schon um zu betonen, dass sein Kampf nur der Person Mazarins galt, aber da die Kardinäle der Partei den Auftrag hatten, nicht einmal seinen Gruss zu erwidern, war es ihm unmöglich gemacht. Als der spanische Gesandte bei einer Gelegenheit dem Kardinal-Kollegium eine Denkschrift überreichte, in der der König von Spanien als der »älteste Sohn der Kirche« bezeichnet wurde, protestierte Retz laut gegen die Anmassung eines Titels, der dem König von Frankreich zukam. In Paris geriet man in Verlegenheit, und man half sich, indem man den Vorgang in der »Gazette de France« erzählen und als zwischen Retz und dem spanischen Gesandten abgekartet bezeichnen liess. Retz schloss sich einer Mittelpartei an, die sehr geschickt für die Wahl Chigis arbeitete. Er hat die Vorgänge im Konklave in seinen wunderbaren und unverlässlichen Memoiren geschildert, mit all ihren feierlichen Heimlichkeiten; er erzählt, wie er in den Schüsseln und Tellern, in denen ihm die Speisen gebracht wurden und die hohle Böden hatten, von seinen Freunden Nachrichten erhielt und sie erwiderte. Wie im vorhergehenden Konklave erhielt Sacchetti täglich die gleiche hohe Stimmenzahl, aber nie die Zweidrittelmehrheit. Am zweiundachtzigsten Tage wurde die Exklusion Chigi gegenüber zurückgezogen; zwei Tage später war er gewählt und nannte sich Alexander VII. Im ersten Konsistorium erhielt Retz das Pallium von ihm, nach dessen Erteilung ihm die Jurisdiktion in seiner Diözese erst zustand. Lionne wurde in Rom hingehalten und zum besten gehalten. Mit Behagen verzeichnet der Staatsekretär des Äusseren Brienne, der den Mann, der sein bedeutenderer Nachfolger wurde, nicht leiden mochte, in seinen Memoiren Lionnes Misserfolge. Man riet ihm abzureisen, aber er blieb. »Er wisse«, schrieb er an seinen Oheim Servien, »wie der Kardinal Mazarin mit Wermut zu tränken verstehe, wenn er unzufrieden sei, und was man ihm kredenzen würde, wenn er jetzt heimkehrte.«

Wie immer war es ein stetes Spiel von Einflüssen und Ränken, ein ewiges Beraten mit wahren und falschen Freunden, ein Spionieren und geschäftiges Weitertragen von wahren und falschen Nachrichten, ein Aus- und Eingehen von Edelleuten und Geistlichen, Italienern und Franzosen im Hause Lionnes wie bei den Vätern der Mission, wo Retz wohnte, ehe er sich einen Palast am Campo Marzio einrichtete. Durch die Königin Christine, die in Rom lebte, erfuhr Lionne, dass der Papst für Retz eintrete, weil er überzeugt sei, dass dieser »früher oder später in Frankreich erster Minister sein werde«. Es war ein letzter Schimmer. Man musste die Verhältnisse in Frankreich sehr schlecht kennen, um das zu glauben. Als Retz im Sommer seiner verrenkten Schulter wegen in den Bädern von San Casciano bei Florenz weilte, gelang es Lionne, den Papst, der ein enger, kleinlicher, sehr vorsichtiger Mann war, umzustimmen und Retz bei ihm zu schaden. Wenn man ihm auch nicht den Prozess machte, wie der französische Hof es wünschte, so musste er doch am 31. Dezember 1655 statt seines bisherigen Generalvikars, des Pfarrers Chassebras von der Madelaine, der mit grosser Kühnheit für ihn auftrat, einen andern dem Hofe genehmen Vikar ernennen und als er die Ernennung widerrief, wurde er vom Papst gezwungen, sie aufrechtzuerhalten. Lionne, der abberufen wurde, konnte trotz all dem Verdruss, den ihm dieser Aufenthalt in Rom gebracht, nicht ganz unbefriedigt gehen. Retz, der in solchem Glanz erschienen war, sah keine Hoffnung mehr. Die Verhältnisse waren völlig verändert, das Geld begann ihm zu fehlen. Dazu brach die Pest in Rom aus, der Papst verschloss sich auf dem Monte Cavallo im heutigen Quirinal und empfing niemanden mehr. Retz hatte seine Zeit versäumt. Bei all seinem ausserordentlichen Geist und seiner dämonischen Kühnheit lag etwas Kindisches, ein geistreich spielerischer Trieb in seinem Wesen, der ihn in entscheidenden Augenblicken verkehrt handeln liess. »Das ist ein Mann, der seine Rolle schlecht gespielt hat,« sagt Guy Patin in einem Brief von ihm. Er verliess Rom und begab sich nach Besançon, verhandelte mit seinen Parteigängern in Frankreich, und musste den Ort verlassen, obwohl die Freigrafschaft zu Spanien gehörte, weil er dort nicht sicher war. Am l4. September 1656 war ein allgemeiner Haftbefehl gegen ihn erlassen und jedem Franzosen der Verkehr mit ihm untersagt worden. Eine Zeit dunkler Wanderungen kam für ihn. Er verbrachte den Winter 1656 in Konstanz, ging nach Ulm, Augsburg, Frankfurt, lebte unter allerlei Namen, als Baron de la Neuville, als Herr du Mesnil, in Holland, Flandern und Norddeutschland und knüpfte wieder Verbindungen mit Condé an, der, ob spanischer Feldherr, sich selber kaum helfen konnte und gleichfalls bittere Geldnot litt. Er selbst sank in dieser Zeit. In Briefen an seine frommen Freunde von Port-Royal spielte der Kardinal von Retz den Anachoreten in der Wüste, während er als Baron de la Neuville in Wirtshäusern seinen Liebschaften mit hübschen Kellnerinnen lebte. Seine Spur verlor sich zuletzt völlig, obwohl man sich in Paris immer noch mit ihm beschäftigte und ihn fürchtete, bis er am Hofe Karls II. in London wieder auftauchte, um Mazarin einen letzten Verdruss zu bereiten.


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