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Viertes Kapitel
Die Gegenregierung der Prinzen

Von allen Tagen der Fronde ist der von Saint-Antoine, der 2. Juli 1652, den Leuten am tiefsten im Gedächtnis geblieben. Dieser heisse, sonnige Schlachttag, den ganz Paris miterlebte, der Tag der Toten und Verwundeten, war der Höhepunkt des Dramas.

Am 4. Juli folgte eine jener Schreckenszenen, deren die Geschichte von Paris so viele kennt.

Condé hatte die Macht. Seine Regimenter lagen in der Stadt, die ihm freundlich und rettend die Tore geöffnet hatte und ihm doch nicht völlig zu Willen war, deren Behörden ihre Unabhängigkeit behaupteten. Chavigny, so scheint es, hatte die Idee, die entfachte Begeisterung der Bürger für die Sache des Prinzen auszunützen und jene Vereinigung herbeizuführen, die ihr den Sieg zu versprechen schien. Ob er, ob andere Parteigänger das Programm dessen verabredeten, was geschehen sollte, weiss man nicht.

Für den Nachmittag des 4. Juli wurde eine allgemeine Bürgerversammlung ins Rathaus berufen: die Schöffen und Ratsherren der Stadt, Deputationen der Geistlichkeit, des Parlaments, des Rechnungs- und Steuerhofs, die Obersten der Bürgergarde, Notabeln, Vorstände der Handwerkerinnungen; mehr als 300 Personen erschienen; und eine Menge Ungeladener drang mit ein. Auf der Place de Grève vor dem Rathaus hatte sich seit halb ein Uhr eine ungeheuere Menge angesammelt. In Maueranschlägen war ihnen für heute die Vereinigung der Stadt und des Parlaments mit den Prinzen angekündigt worden. Fast alle trugen Abzeichen aus Stroh an den Hüten, in den Knopflöchern, wo es anging. Der Prinz hatte seine Leute am 2. Juli Stroh als Erkennungszeichen tragen lassen – bestimmte Uniformen waren noch selten – und Stroh war schnell zum Parteizeichen der Fronde geworden. Wer keines trug, lief Gefahr. Geistliche wurden geprügelt. Selbst die Pferde vor den Karren trugen strohernen Schmuck am Zaumzeug. Auf dem Platze waren Fässer aufgefahren, und Wein ward reichlich ausgeschenkt und getrunken. Durch diese wartende unruhige Menge bahnten sich die Deputierten seit zwei Uhr einen Weg; oben im Saal standen sie in Gruppen, gespannt, in lebhaften Gesprächen. Man wartete auf die Prinzen. Um fünf Uhr erschien ein Trompeter, der dem Bürgermeister Le Fèvre einen königlichen Befehl überbrachte, durch den die Versammlung um eine Woche verschoben wurde. Pfeifen und höhnendes Gebrüll antworteten der Verlesung. Da viele, des Wartens müde, nach Hause gehen wollten, erhob sich der Stadtanwalt Germain Piètre und hielt eine lange Rede, die damit schloss, man müsse den König bitten, dass er in seine gute Stadt Paris zurückkehre und ihr den Frieden wiedergebe: »Ja, aber ohne den Mazarin!« schrie man ihm zu. »Natürlich ohne den Mazarin,« erklärte Piètre beruhigend; aber die Aufregung war gross. Endlich um sechs Uhr kamen die Prinzen; auch sie trugen die stroherne Kokarde. Am Fuss der Treppe empfing sie der Gouverneur von Paris, der Marschall de l'Hôpital: »Wie, Ew. Königliche Hoheit kommen mit dem Zeichen des Aufruhrs?« sagte er überrascht. Orléans, jedem zu Willen, stammelte eine Entschuldigung. Die Prinzen nahmen mit dem Herzog von Beaufort und den Herren ihres Gefolges auf einer Estrade Platz. Beide, Orléans wie Condé, dankten der Stadt für die Aufnahme ihrer Armee und erklärten, sie würden sogleich Frieden schliessen, sobald der Kardinal entfernt wäre. Darauf erhob sich der Marschall und dankte Ihren Hoheiten für ihre gute Gesinnung; das gleiche tat der Bürgermeister nach ihm, und beide erklärten, sie würden nun über Massnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt beraten. Es scheint, dass die Prinzen jetzt bestimmte Anträge in ihrem Sinne erwarteten, die vielleicht verabredet waren und die aus irgendeinem Grund, wie es in Versammlungen so oft geschieht, nicht oder noch nicht gestellt worden. Sie erhoben sich in sichtlicher Unzufriedenheit und verliessen den Saal. Als sie sich auf dem steinernen Stufenabsatz vor dem Mittelportal befanden, rief einer ihrer Edelleute – es soll der Graf von Béthune gewesen sein – in die dichtgedrängte harrende Menge die Worte: »Die Leute da oben wollen nichts für uns tun, wollen keine Vereinigung; es sind lauter Mazariner! Tut doch ihr etwas!« Ein Wutgeschrei erhob sich, die Menge stürzte nach den Toren, bedrohte die Wachen und Diener, die sie nicht einliessen; Schüsse wurden nach den Fenstern abgefeuert. »Einigung! Einigung!« brüllte man hinauf, und da das Geschrei immer wilder wurde und das Schiessen nicht aufhörte, erschienen die erschrockenen Deputierten an den Fenstern des Rathauses und begannen zu sprechen, aber man hörte sie nicht an, man schoss nur nach ihnen. Niemand konnte wagen, das Rathaus zu verlassen. Der Prinz von Rohan-Guémenée, der mit dem Herzog von Orléans gekommen war, wurde niedergeschlagen, da man ihn, nach seinem blauen Ordensbande, für den Marschall de l'Hôpital hielt; nur durch grosse Geldversprechen rettete er sein Leben. Die Eingeschlossenen liessen weisse Fahnen zum Fenster hinausflattern und warfen Zettel in die Menge, auf denen stand, dass die Einigung mit den Prinzen genehmigt sei. Aber nichts half; nur das Gebrüll: »Erwürgt, verbrennt die Mazariner!« antwortete. Auf der Place de Grève erhob sich über einer Pyramide ein mächtiges steinernes Kreuz, auf dessen Stufen Verurteilte ausgestellt wurden und Abbitte leisten müssten; zu Füssen dieses Kreuzes lagen an diesem Tage, vermutlich von einem Kahn ausgeladen, schwere Holzbalken aufgeschichtet: diese hoben die Wütenden auf die Schultern und versuchten damit, die verschlossenen Tore einzustossen, und da dies nicht gelang, schichteten sie die Balken vor den Toren auf, häuften Holzgerät und Stroh darüber, übergossen das Ganze aus rasch geholten Kannen mit Öl und legten Feuer an.

Neben den Tobenden gab es genug erschrockene und bange Zuschauer. Ein Advokat, namens du Buys, der von den Fenstern der »Dame Compagnon, einer Tante seiner Frau,« diese Anstalten sah, eilte, aus so gefährlicher Nähe zu kommen; in einer benachbarten Strasse traf er einen »hochgewachsenen Mann mit einem goldenen Kragen«, dem mehrere Leute folgten; laut sagte er: »Welch ein Jammer, dass da so viel ehrliche Leute zugrunde gehen, die man mit einer Abteilung der Bürgerwache retten könnte«; aber der Mann mit dem goldenen Kragen erwiderte: »Gottes Tod! Blut muss fliessen!«

Die Schüsse von unten hatten bisher wenig Schaden getan; aber jetzt drangen Leute aus der Menge in die gegenüberliegenden Häuser und begannen ein regelmässiges, wohlgezieltes Feuer durch die Fenster ins Rathaus hinüber; und der Marschall erkannte, dass das nicht Leute aus dem Volk sein konnten, sondern waffengeübte Männer, die militärisch angriffen. Die Versammelten flohen aus den Sälen und verbarrikadierten sich hinter den Toren; als diese nachzugeben begannen und die Menge eindrang, stiess sie auf die Garden des Marschalls und die Häscher der Stadt, die in dem engen Raum noch sicherer feuerten und sehr viele niederstreckten. Aber die Munition ging aus und die Überzahl war zu gross. Unterdessen war es vollkommen finster geworden. Der Pfarrer der benachbarten Kirche von Saint-Jean en Grève war auf dem Platz erschienen, um Einhalt zu tun: er erhielt einen Streich auf den Kopf, dass er in Krämpfen niederfiel. Sein Vikar holte das Sakrament aus der Kirche, aber da sich niemand darum kümmerte, bekam er Angst, dass es entweiht werden könnte, und trug es zurück. Dem Pfarrer Duhamel von Saint-Méderic, einem durch seinen Eifer bekannten Jansenisten, der das gleiche versuchte, wurde die Sutane herabgerissen; und der Kampf ging fort. Der Richter Miron, der am 26. August 1648 der Führer auf den Barrikaden gewesen, eilte hinab, die Einigung zu verkünden, das Volk zu beruhigen: er wurde niedergeschlagen und ermordet. In den Zimmern des Rathauses beteten die Leute oder beichteten den anwesenden Geistlichen ihre Sünden, andere verkrochen sich in den Winkeln und Gängen des Gebäudes, andere kämpften verzweifelt. Viele wurden totgeschlagen und ausgeraubt, Anhänger der Prinzen wie ihre Gegner, viele kauften sich durch Geldversprechen los, manche wurden in wunderbarer oder wunderlicher Weise gerettet.

Gegen Abend war Mademoiselle spazieren gefahren; auch sie hatte einen Strauss von Strohhalmen mit einem blauen Bande – der Farbe von Orléans – an ihrem Fächer befestigt. Den Rauch, der über dem Rathaus aufstieg und den man in ganz Paris sah, hatte sie nicht bemerkt. Als der Tag sich neigte, fuhr sie in den Luxembourg. In einem Vorsaal traf sie den Prinzen mit verschiedenen Damen in heiterem Gespräch. Ihr Vater hatte sich wegen der grossen Hitze des Tages zurückgezogen, um das Hemd zu wechseln. Da stürzte, atemlos und bleich vor Schrecken, ein Bürger herein und meldete, was auf der Place de Grève vorging. Er brachte einen Zettel von Monsieurs Sekretär Goulas, der sich auf dem Rathaus befand. Auch dieser Zettel, in zitternder, kaum leserlicher Schrift, auf verknittertem Papier, liegt, durch einen Zufall erhalten, noch heute in der Nationalbibliothek. Die Prinzessin versicherte, ihr Vater wäre so verstört gewesen, dass er, ohne der anwesenden Damen zu achten, im blossen Hemde in die Halle gelaufen kam, um dem Prinzen zuzurufen: »Mein Vetter, eilen Sie hin und schaffen Sie Ordnung!« Condé aber antwortete: »Monsieur, es gibt keinen Dienst, zu dem ich Ihnen nicht erbötig wäre; aber mit Aufständen möchte ich nichts zu tun haben, da bin ich feige; schicken Sie doch Herrn von Beaufort, der kennt das Volk!« Man schickte Beaufort, der nicht wiederkam. Nun erbot sich Mademoiselle selbst hinzufahren; sie nahm einige Herren mit; die Damen, die ihr folgen mussten, beteten im Wagen während der Fahrt. In den Strassen in der Nähe des Rathauses sah sie Tote tragen, aber weiter vermochte sie nicht durchzudringen, da das Gewühl zu dicht, das Gesindel zu gefährlich war. Sie kehrte in den Luxembourg zurück und fuhr von da wieder nach dem Rathause, um noch einen Versuch zu machen. Da war es Mitternacht. Die Strassen waren jetzt leer, nur die Scharwache zeigte sich und folgte ihr. Auf dem Platz war das Gedränge gleichfalls geringer geworden. Beaufort, der noch dort war, bahnte ihrer Karosse den Weg. Ein Mann sah zu ihrem Wagenfenster herein und fragte: »Ist der Prinz da?« »Nein!« antwortete Mademoiselle; beim Fackelschein sah sie, dass er eine Waffe unterm Arm trug. Über rauchende Balken schritten sie ins Rathaus: es schien menschenleer; im Sitzungsaal standen die verlassenen Tribünen. »Nie noch hatte ich einen so einsamen Ort gesehen.« Endlich meldete jemand, dass der Bürgermeister in einem Zimmer versteckt wäre und sie gerne sprechen wollte: »Er hatte eine Perücke auf, die ihn unkenntlich machte, sonst war sein Gesicht so heiter und ruhig, als wenn nichts vorgefallen wäre.« Beaufort fragte ihn nach seinen Absichten und verhalf ihm zur Flucht. Vom Platz wurde noch immer nach dem Saal geschossen, da man offenbar die Fackeln und Schatten sich bewegen gesehen hatte. Auch der Marschall de l'Hôpital war in einem der unteren Räume verbarrikadiert. Mademoiselle liess ihm sagen, sie wolle ihn retten; er rief aus dem Zimmer zurück: »Mademoiselle erweise ihm eine grosse Ehre«, vertraute sich aber lieber einem ihm ganz unbekannten Menschen an, mit dem er verkleidet durch ein Fenster flüchtete und der ihn unerkannt in ein nahgelegenes Haus brachte, wo man ihn verbarg. Die Prinzessin wartete indessen vergeblich an der Türe: »Ich begann mich zu langweilen; der Tag fiel durch die Fenster, das Volk strömte wieder zusammen … Es war vier Uhr morgens geworden, daher fuhr ich nach Hause, legte mich zu Bett und schlief den ganzen Tag.«

Am nächsten Morgen stand das Rathaus rauchgeschwärzt, mit eingeschlagenen und zerschossenen Fenstern und Türen, die Möbel waren verwüstet, die Wandteppiche gestohlen, die berühmte Reiterstatue Heinrichs IV. über dem Mittelportal von Musketenkugeln beschädigt.

Es ist nie festgestellt worden, wer an der Untat Schuld trug, da alle sie leugneten. Viele Leute behaupteten, sie hätten verkleidete Soldaten erkannt: unter den Toten auf dem Platz lagen Offiziere Condé'scher Regimenter. Beaufort, als er aus dem Luxembourg kam, soll zusammen mit dem Marquis von La Boulaye von einem Fenster aus dem Wüten untätig zugesehen haben. In den Protokollen des Rathauses steht, der Substitut des Generalprokurators, Beschefer, hätte Schiesscharten in den gegenüberliegenden Häusern entdeckt; aber der Generaladvokat Bignon hätte ihm geraten, »lieber nicht weiterzuforschen, vielleicht wäre es gefährlich, zuviel Licht in die Sache zu bringen.« Zwei armen Teufeln, die von einem Geretteten unter Drohungen das versprochene Geld verlangten, wurde der Prozess gemacht; und sie wurden am 23. gehenkt; der eine, ein Perückenmacher, erklärte bis zuletzt seine Unschuld: er sei nur mitgegangen, der andere, ein Küchenjunge des Hotel Condé, gestand. Man hatte eine Kompagnie der Bürgerwehr zur Exekution gefordert, aber der Kommandant erklärte, seine Leute seien keine Henker; auch halte er die beiden wohl für die Unglücklichsten, aber nicht für die Schuldigsten.

Die Prinzen protestierten laut und behaupteten, Mazarins Emissäre hätten die Sache angestiftet, um sie in Verruf zu bringen, aber niemand glaubte ihnen. Im Grunde war es nur die Fortsetzung ihrer bisher geübten Politik gewesen. Was geplant war, und was nicht, was über die Absicht der geheimen Anstifter hinaus geschah, weil in solchen Fällen das losgelassene Tier sich nicht bändigen lässt, das wird man nie wissen. Mademoiselle selbst sagt, dass es »der Keulenschlag für die Partei« gewesen.

Die erschrockene Stadt war scheinbar gewonnen, in der Tat verloren. Der Vorstand der Kaufmannschaft gab seine Entlassung, ebenso de l'Hôpital. Der alte Pierre Broussel wurde Bürgermeister von Paris und schwor seinen Eid im Luxembourg in Monsieurs Hände. Das Parlament gewährte die erwünschten Vollmachten, es erklärte, dass der König der Gefangene Mazarins und seine Entschlüsse nicht frei seien, und bat darum den Herzog von Orléans, wieder die Würde eines Generalstatthalters des Königreichs anzunehmen; es übertrug dem Prinzen von Condé den Oberbefehl über alle Armeen und ernannte Beaufort zum Gouverneur von Paris. Aber bis auf den Präsidenten von Nesmond hatten alle Präsidenten Paris verlassen, der Generalprokurator war verschwunden, der alte Omer Talon blieb wegen schwerer Krankheit zu Hause, der andere Generaladvokat Jerôme Bignon kam einmal und nicht wieder, da er sich aus der unhaltbaren Lage mit den gewundensten Rechtsauffassungen nicht herauswinden konnte. Von denen, die kamen und stimmten, taten es die meisten aus Furcht, die »stärker war als ihr Gewissen«.

Gaston ernannte einen Staatsrat, dem Condé, Nemours, Beaufort, La Rochefoucauld und andere Edelleute, der Graf von Chavigny sowie eine Anzahl Räte des Parlaments und der andern souveränen Körperschaften angehörten. Auch Pierre Séguier, der Kanzler, wurde eingeladen und kam zu Omer Talons Entrüstung und Staunen. Eine vollkommene Gegenregierung war eingesetzt. Einen Augenblick berauscht, verteilten sie bereits Ämter und Statthalterschaften. Aber als das Pariser Parlament seine Beschlüsse den andern Parlamenten kundgab, nahm nur das von Bordeaux sie zur Kenntnis. Der Herzog von Orléans teilte seine Ernennung allen Statthaltern mit, aber einzig der Gouverneur von Orléans antwortete ihm. Monsieur schrieb auch an den König und versicherte, er werde sich der erteilten Vollmachten nur zu seinem Dienst und zum Wohl des Staates bedienen: der König nahm das Schreiben nicht an.

Mit dem, was sie so heiss verlangt und so blutig erzwungen, hatten die Prinzen nichts erreicht. Die neue Regierung galt nur in Paris, und auch da war ihre Macht zweifelhaft. Sie tat, was jede Regierung als erstes tut, sie schrieb Steuern aus und machte sich dadurch nicht beliebter. Persönliche Reibungen und Skandale schwächten die Partei noch mehr. Der Herzog von Nemours hatte seinem Schwager Beaufort nie vergeben, und als sie wieder einmal in einen Streit um den Vorrang gerieten, liess er ihn fordern. Hinter den grossen Gärten des Hotel Vendôme lag der Pferdemarkt, der nur Sonnabends benützt, an den übrigen Tagen ein verlassener Grasplatz war. Dort trafen sie sich, jeder mit vier Zeugen. Es scheint, dass Beaufort sich nicht gerne schlug. Nemours aber stürzte mit dem Ruf: »Schurke, einer von uns muss sterben!« auf ihn zu, schoss und fehlte; dann griff er ihn mit dem Degen an; da schoss Beaufort aus unmittelbarer Nähe und tötete ihn. Nach der Sitte der Zeit schlugen sich auch die Zeugen; zwei davon fielen. Beauforts Schwester, die Gattin des Toten, wusste nichts von dem Duell; als sie Leute im Hofe rufen hörte: »Er ist tot!« stürzte sie ohnmächtig hin. Sie war um so untröstlicher, als ihr Mann andere Frauen mehr geliebt hatte. Im Kloster der Töchter Mariens empfing sie den Beileidsbesuch der Frau von Châtillon, der wieder von andern das Beileid ausgesprochen wurde. Der Skandal war gross. Der neue Gouverneur von Paris blieb einige Tage zu Hause; man wusste, dass Nemours das Duell durchaus gewollt hatte.

Rangstreitigkeiten waren die Tragödien und Komödien der Zeit. Am andern Tage stritten der Prinz von Tarent, der Sohn des Herzogs von La Tremouille, und der Graf von Rieux, aus dem Hause Lothringen, um den Vorrang beim Kriegsrat im Luxembourg. Der Prinz von Tarent rief Condé an, der zu seinen Gunsten entschied. Der Graf von Rieux sagte zornig: »Condé sei immer ein Feind des Hauses Lothringen gewesen, übrigens fordere er die Entscheidung Monsieurs; ihn habe er nicht um seine Entscheidung gebeten und frage ihn gar nicht,« dies mit einer verächtlichen Handbewegung, die, wie es scheint, den Prinzen streifte, worauf dieser ihm eine Ohrfeige gab. Der andere schlug ihn mit der Faust vor die Brust und zog seinen Degen. Der Herzog von Rohan fasste Rieux um den Leib, andere schrien und drohten; Condé, der keinen Degen hatte, schlug wütend auf den Grafen los, bis Rohan und die Garden des Herzog von Orléans diesen auf die Terrasse des Luxembourg brachten. Von dort wurde er auf Monsieurs Befehl nach der Bastille geführt.

»Sie sehen einen Mann, der heute zum erstenmal geschlagen worden ist!« sagte der Prinz des Nachmittags, noch ausser sich, zu Mademoiselle. Der alte Omer Talon, der über das tödliche Duell zwischen Nemours und Beaufort nur einige Zeilen verliert, widmet dieser Sache mehrere Seiten. »Ich liess es mir zweimal erzählen, maxime, was die Ohrfeige betrifft, die der Herr Prinz zurückbekommen haben soll.« Sein Substitut, Herr Beschefer, suchte ihn und den zweiten Generaladvokaten Bignon auf, um die juristischen Folgen eines so furchtbaren Ereignisses mit ihnen zu erwägen. Des Nachmittags besuchte ihn der Herzog von Rohan und erzählte ihm den Hergang wieder in anderer Weise, und beklommen schrieb der alte Mann, der nur noch wenige Monate zu leben hatte, in sein Tagebuch: »Die Sache, – ob sie gleich in der Hitze geschah, – hat mich tief erschüttert. Die ausserordentlichen Dinge verstören mich. Wenn ich sehe, dass in den Kreisen der Grossen solche Verwirrung herrscht, wenn so beispiellose, in ihren Folgen nicht zu berechnende Dinge geschehen, dann frage ich mich, ob dies das Ende unsrer Leiden bedeutet, die, wie ich immer fühlte, mit einer Tragödie enden müssen, oder ob es der Anfang und das Vorzeichen neuer Krankheiten ist. Bisher ist das königliche Blut, solange unsere Monarchie besteht, unverletzt geblieben; ich fürchte, dies ist ein erster Schritt zu äussersten Dingen, die selbst in der Vorstellung schon schauerlich sind.«

So fasste im siebzehnten Jahrhundert ein alter, wackrer Beamter und Jurist diese Balgerei zweier unbeherrschter Menschenkinder auf. Er muss aber auch bemerken, »dass die Grossen des Hofs, namentlich die Mitglieder der Häuser, die sich für souverän halten, aber auch die Herzöge und Pairs gar nicht böse über die Sache sind, da sie finden, dass die Prinzen vom Geblüt sich allzuviel herausnehmen, und nun froh sind, dass sie etwas abgekriegt haben, das ihnen zur Lehre dienen mag.«

Der Graf von Rieux, der das Verbrechen, das Talon für todeswürdig erklärt, begangen, blieb fünf Wochen in der Bastille.

Es war sicherlich schlimmer für Condé, dass die Steuer von 800 000 Livres, die man den Pariser Hausbesitzern auferlegt hatte – 75 Livres für jeden fahrbaren Torweg, 15 bis 27 für kleinere Tore und Türen – nicht einging, und sich auch keine Behörde fand, die sie einheben wollte. Sold für die Truppen war brennend nötig, und so nahm man, was sich in der königlichen Münze vorfand, aber damit reichte man nicht weit. Die Mannschaften, die nicht bezahlt wurden, rissen aus oder plünderten. Die Bürger wehrten sich, es kam zu Schiessereien; beliebte Männer wurden erschlagen und beklagt. Als Condé am 9. August eine Musterung hielt, zählte die Armee nur mehr 2500 Mann, nach andern Berichten noch weniger: »1500, und die fast alle an der Lustseuche erkrankt«, sagt Dubuisson-Aubenay. Bei solchen Zuständen kam es zu Auftritten mit den Offizieren. Tavannes, Chavagnac, Vallon drohten zu gehen.

Condé war sehr schlechter Laune. Indessen hatte Chavigny eine neue Idee, den Finanzen der Partei zu helfen. Am 3. Juli, dem Tag nach der Schlacht von Saint-Antoine, hatte der Prinz die Nachricht erhalten, dass seine Frau zu Bordeaux im Sterben läge. Sie war im achten Monat der Schwangerschaft an einem schweren Fieber erkrankt. Der Gatte, der sie nie geliebt hatte, und alle seine Freunde hofften auf ihren Tod. Auf der Terrasse des Luxembourg fand Mademoiselle Chavigny im Gespräch mit der Gräfin Frontenac, einer ihrer Hofdamen. – »Wir sprechen von der armen Frau Prinzessin und wir verheiraten den Herrn Prinzen neu,« sagte Chavigny. – »Ich wurde rot und entfernte mich.« – Alle hatten den gleichen Gedanken. Wenn der gefürchtete Prinz die Erbin heiratete, der die Herzogtümer Montpensier, Aumale und Maine, das Fürstentum Dombes, die Grafschaft Eu und wieviel kleinere Herrschaften zu eigen gehörten, dann war der Partei geholfen und ein grosses, übermächtiges Haus in Frankreich begründet. Die Hofdame erzählte ihr nachher, Condé sei völlig getröstet und wolle sie heiraten, und damit sein Sohn, der kleine Herzog von Enghien, nicht im Wege stehe, sei er entschlossen, ihn zum Kardinal zu machen. Als der Prinz und Mademoiselle sich des Abends im Garten Renard trafen, gingen sie lange nebeneinander her und sprachen kein Wort. Für beide war die Ehe nur eine Frage des Ehrgeizes, aber der Prinz war ihr in diesen Tagen sympathisch geworden, und er, der sich sonst vernachlässigte, wie sein Vater, ging so weit, dass er sich für sie rasieren liess und mitten in der Woche ein weisses Hemd anlegte.

Der Plan gewann noch grössere Bedeutung, als acht Tage später der kleine Herzog von Valois starb, Monsieurs einziger, erst zwei Jahre alter Sohn. Er war nur ein lahmes, zurückgebliebenes Kind, aber doch der Erbe von Orléans gewesen. Der Hof legte Trauer an, in »kleinkörnigem holländischen Camelot«; aber in dem Beileidsbrief des Königs war von einer Strafe des Himmels die Rede, was Mademoiselle höchst unpassend fand. »Der Herr Prinz, wenn er schon nicht betrübt war,« schreibt sie, »so verstellte er sich doch sehr gut und benahm sich durchaus verbindlich gegen Monsieur.« Man wusste in den einzelnen Zweigen des Hauses Bourbon, wie man in solchen Fällen gegeneinander zu empfinden pflegte. Ludwig XIII. hatte jedesmal laut gejubelt, als seinem Bruder statt des erwarteten Sohnes immer wieder ein Mädchen geboren wurde.

Aber die Prinzessin von Condé genas, und alle Hoffnungen hatten ein Ende. Auch Frau von Châtillon hatte gehofft.

Condé rief die Spanier dringend um Hilfe an. Es war aber die Politik der spanischen Regierung, ihn stets nur soweit zu unterstützen, dass der lähmende innere Zwist in Frankreich erhalten wurde, der ihnen Erfolge an den Grenzen gestattete. »Sie wollten den Ruin wie den Triumph des Herrn Prinzen in gleicher Weise verhüten, den inneren Krieg dauernd machen,« sagt La Rochefoucauld. Sie hüteten sich schon deshalb, mit Macht für ihn einzutreten, weil sie ein plötzliches Nachgeben des französischen Hofes und eine Versöhnung fürchteten, die Condé an die Spitze der französischen Heere gebracht hätte. Der Prinz war, ahnungslos wie immer, ihr Werkzeug, während er sie zu benützen wähnte.

Diesmal schienen sie ihn für verloren zu halten: der Graf von Fuensaldaña rückte mit 25 000 Mann in Frankreich ein und drang bis Chauny an der Aisne, auf halbem Wege nach Paris, vor. Die königliche Armee zählte nicht einmal ein Dritteil davon und hatte die Prinzen im Rücken. Der Schrecken in ganz Nordfrankreich war so gross, dass die Normandie und verschiedene Städte in andern Provinzen sich weigerten, den Hof aufzunehmen; die Flucht nach Lyon, der Rückzug der Armee in den Süden wurden erwogen. Aber Turenne stellte dem Kardinal vor, dass dann Paris und wohl auch der Feldzug überhaupt verloren sei. Mazarin gab ihm Recht; »der Königin schien überhaupt nie ein Plan zu gewagt.« Turenne traute es sich zu, der spanischen Übermacht den Weg zu verlegen. Kein Feldherr verstand es wie er, unangreifbare Stellungen einzunehmen und dem Gegner das Verwerten der eignen Kräfte unmöglich zu machen. »Wenn er vor dem Feinde der Schwächere war, dann gab es keine Gegend, in der er nicht aus einem Wasserlauf, einer Schlucht, einem Hügel oder Gehölz sich einen Vorteil zu schaffen verstanden hätte,« schrieb Saint Evremond, der unter ihm gedient hatte, »sein wahres Talent war, verfahrene Dinge wieder ins Geleise zu bringen.« Er marschierte sogleich nach Compiègne, La Ferté drang mit der Reiterei bis nach Chauny vor, das die Spanier räumten, weil es keine Verteidigungsmöglichkeiten bot. Fuensaldaña wurde vom Erzherzog zurückgerufen und zur Belagerung von Dünkirchen kommandiert, die im Feldzugsplan des Jahres ursprünglich beschlossen war. Dem Prinzen wurde wieder der Lothringer und der Herzog von Württemberg mit deutschen Truppen zu Hilfe geschickt. Aber ehe sie eintrafen, wurden bei Hof wichtige Beschlüsse gefasst.


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