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Erstes Buch
Giulio Mazzarini, päpstlicher Offizier und Diplomat

Erstes Kapitel
Herkunft und Jugend

Die Mazarins oder, wie sie eigentlich hiessen, Mazzarini kamen gleich den Bonaparte von einer italienischen Insel; gleich den Bonaparte von unbeträchtlicher Herkunft, kamen sie durch das Genie eines Mannes in Frankreich zur Macht. Ob ungekrönt, ward Giulio Mazzarini der Beherrscher Frankreichs; ein Geistlicher ohne Nachkommenschaft, gründete er in den Kindern seiner Geschwister eine Familie, die sich durch Heirat mit den ersten Geschlechtern Europas verband; ihre Kinder wurden Fürsten, und ihre Begabung und Schönheit, ihre Taten wie ihre Torheiten haben die Welt eine Zeitlang in Atem gehalten oder belustigt; ihre Nachkommen sitzen auf den Thronen Europas.

Gefällige Biographen, wie der Parlamentsadvokat Aubéry, sprechen von einer glänzenden Vergangenheit, von einem Helden Jean Mazarin aus der Zeit der Sizilianischen Vesper, von der Ächtung und Flucht der Familie in den Kämpfen des Hauses Aragon gegen das von Anjou. Andere nicht unfreundlich gesinnte nennen Mazarins Vater einen gewandten Kaufmann; die Feinde des Ministers, wie der Kardinal von Retz, schalten »seine Geburt niedrig und seine Kindheit schändlich«.

Genealogen des siebzehnten Jahrhunderts, wie Palizzolo, sagen scheinbar sachlich, dass die Mazzarini, die ursprünglich aus Genua stammten, wo sie Massarino oder Mazzarino geheissen, seit dem vierzehnten Jahrhundert in Sizilien ansässig und dort kleine Edelleute gewesen, die ein Lehen ihres Namens von den Grafen von Branciforte hatten. Ein Marco Mazzarino wäre im fünfzehnten Jahrhundert Sekretär der Königin Blanca, der Gemahlin des Königs Martin von Aragon und Sizilien, und Generalvikar von Sardinien gewesen. Aber sicher ist das keineswegs und Zweifel gestattet. Zwar muss man den Schmähschriften der Fronde nicht glauben; und wenn der Kamaldulenser Pater Michel aus Grosbois in seiner Klage über die »Greueltaten der Mazariner in Brie« schreibt: »Sein Grossvater war ein getaufter Jude, der sich nach der Stadt nannte, in der er das Judentum abgeschworen; sein Vater ein Mützenhändler, der Pleite machte und sein Land verliess durch den Judenfluch und die Sündenpein, die sie durch alle Lande der Erde treibt,« so mag dies blosser Hass sein. Wenn aber in dem »Brief des Ritter Georg von Paris an den Herrn Prinzen von Condé« gesagt wird: »Er hat seinen Ahnen alles zugeschrieben, was die Bewohner von Mazzarino in Sizilien je Bemerkenswertes getan; die Herren und Grafen, denen der Ort gehört, und die ich gesprochen und die Branciforte heissen, leugnen die Verwandtschaft mit ihm, die er behauptet, wie auch der verstorbene General Magalotti, der vor La Motte fiel, in meiner Gegenwart diese Verwandtschaft mit Empörung bestritten und sogar gesagt hat: wenn er sein Freund nicht sein könnte, ohne sein Verwandter zu sein, so wolle er lieber auch nicht sein Freund sein,« so zeigt sich, dass der Verfasser nicht ohne Sachkenntnis spricht, um so mehr, als die Worte des Grafen Magalotti an anderer Stelle bestätigt werden. Es gab ohne Zweifel viele Familien des Namens Mazzarini aus der Stadt Mazzara und dem Tal des Mazzaroflusses in Sizilien; Palizzolo schrieb zu einer Zeit, da Mazarins Familie bereits eine mächtige war: Genealogen waren mächtigen Familien stets gern gefällig und wussten in kunstreich gepfropften Stammbäumen die Verbindung mit der wünschenswertesten Familie gleichen oder ähnlichen Namens herzustellen. Wenn sich nicht in Sizilien noch Dokumente finden – und das ist wenig wahrscheinlich –, so wird die Herkunft der Mazarins eine dunkle bleiben. Als Mazarin einer der gebietenden Männer in Europa geworden war, da schrieb ihn im Jahre 1648 die Republik Venedig und 1655 die von Genua in das goldene Buch ihres Adels ein; noch sind die Dankbriefe, die er an die Dogen der beiden Republiken richtete, erhalten. Als diese zweite Ehrung vorbereitet wurde, da erinnerte auch er, in Briefen an den Marchese Giustiniani, an jene angebliche genuesische Abstammung seiner Familie. Er fragte auch bei einem Herrn Lazaro Spinola an, ob sich nicht in früherer Zeit einmal eine Spinola mit einem Mazzarini verheiratet hätte, und es scheint nicht, dass der Spinola durch die Frage sich beleidigt gefühlt hätte, wie wenige Jahre vorher jener Graf Magalotti, der, altem florentinischem Adel entstammend – die Magalotti waren ein Zweig der Bardi –, jede Verwandtschaft empört zurückgewiesen hatte. Und die Bardi wie die Magalotti waren noch Bankiers und Tuchhändler gewesen, als die Doria und Spinola schon alte ghibellinische Rittergeschlechter waren, die berühmte Admirale und Lenker der Republik zu den ihren zählten. Aber der Magalotti war zu einer Zeit aufrichtig gewesen, da Mazarin noch nicht mit regierenden Häusern verschwägert war. Durch einen Geistlichen, den Pater Piaceti, und einen Genealogen namens Costa liess Mazarin in den Archiven von Montaldeo, die den Doria gehörten, nach den beweisenden Papieren forschen, und verlangte, dass man ihm notariell beglaubigte Abschriften davon senden möge. Und er versichert dem Giustiniani, nachdem er die Abschriften erhalten, dass Violante Spinola tatsächlich seine Urgrossmutter gewesen, und dass aus den Dokumenten hervorgehe, dass die alten sizilianischen Mazzarini und die genuesischen eine Familie seien. Wer hätte damals widersprochen? In den Papieren Colberts fand sich späterhin ein Brief des Bischofs von Fréjus, Zongo Ondedei, der einst Mazarins Faktotum gewesen, vom 14. Oktober 1661, in dem es heisst: »Der Aufenthalt zu Nevers führt mir das ruhmvolle Angedenken unseres grossen Kardinals vor Augen und erinnert mich an das, was ich immer vergessen: die Genealogie Seiner Eminenz, die ich durch einen gebildeten Mann ausarbeiten lassen, der auf diesem Gebiet sehr unterrichtet ist; der Tod hat mir indessen nicht Zeit gegönnt, sie dem Herrn Kardinal zu zeigen …« der Pater Piaceti und die Papiere aus Montaldeo werden erwähnt, sowie jener Costa, »den der Erzbischof von Tortona, der die Geschichte unserer Zeit schreibt, Seiner Eminenz geschickt hatte, und der dem Herrn Kardinal versprach, genaue Nachforschung zu pflegen, um etwas anderes zu finden, das von Wert sein könnte; da dieser Mann indessen vom Tode Seiner Eminenz erfahren, hat er, wie er mir schreibt, alle seine Nachforschungen eingestellt«. Der Abbé von Choisy irrte also, da er in seinen vergnüglichen Memoiren den Satz niederschrieb, dass »der Kardinal Mazarin nie genealogische Chimären gehabt hätte«.


Anmerkung: Zu S. 1-4. Dank der Liebenswürdigkeit des verstorbenen Grafen D. Minotto erhielt ich Abschriften der einschlägigen Stellen aus Palizzolos »Il Blasone di Sicilia«, aus Alessandro Scalas »Dissertationi Storiche-Genealogiche« und andern heraldischen Werken. Irgend Sicheres über Mazarins Herkunft ergab sich nicht daraus. Man müsste im Tal von Mazzara in Sizilien nachforschen, und es scheint überraschend, dass dies bisher noch nie geschehen ist. Es mag fraglich sein, ob sich dort noch Dokumente über die Familie finden, ist aber nicht unmöglich. Im Kapitelarchiv der Kathedrale zu Pescina de' Marsi in den Abruzzen hat sich der Taufschein des Kardinals gefunden, den Don Luigi Colantoni in der »Rivista Abruzzese«, Jahrgang XVIII, Heft I veröffentlicht hat; ebenso Briefe, die zwischen Pietro Mazzarini und den Domherren des Kapitels gewechselt wurden. Don Luigi Colantoni verdanke ich auch eine Abbildung der Reste von Mazarins Geburtshaus, eine Art Loggia, die in ein anderes Haus hoch über den Felsen eingebaut ist. Wie ich höre, sind sie bei dem grossen Erdbeben im Jahr 1915 eingestürzt.

Bei dem auf S. 4 erwähnten Brief Mazarins vom 11. Dezember 1659, nicht 1654, wie irrtümlich gedruckt ist, in dem er anordnet, dass sein Vater als »einfacher Edelmann« bestattet werde, dürfte vor allem der Wunsch massgebend gewesen sein, die grossen Kosten eines prächtigeren Begräbnisses zu sparen.

Der auf S. 3 genannte Costa und der Pater Piaceti sind auch in einem Brief Mazarins an den Marchese Gianettino Giustiniani in Genua vom 19. Jan. 1655 genannt (Aff. Etr. t. 271 fol. 40 ro), in dem der Kardinal von Violante Spinola kurzweg als von »seiner Urgrossmutter« spricht; allerdings hat Costa dem Pater nur eine Kopie geliefert und der Kardinal meint, es könnte sich auch das Original finden. In einem bei Chérot, »Jeunesse de Louis XIV« zitierten Brief des P. Paulin, des Beichtvaters des Königs vom Dez. 1652 an Mazarin, wird ein Giacomo Diaceto erwähnt, der mit jenem Piaceto identisch sein dürfte. Welche Schreibweise die richtige ist, wird sich nur durch Vergleichung der Originale feststellen lassen, lohnt aber sicherlich nicht der Mühe.

Der leise Zweifel, den ich mir im Text auf der gleichen Seite über das der Mutter des Kardinals gespendete Lob erlaube, dürfte unbegründet sein. Mazarins Mutter Hortensia Bufalini hatte tatsächlich den besten Ruf. Denn als der französische Gesandte Lionne sich 1654 bei Alexander VII. darüber beklagte, dass der Kardinal von Retz sich »in abscheulicher Weise« über die Mutter des Ministers geäussert hätte, bekreuzigte sich der Papst und rief dreimal: »Era una Santa, una Santa, una Santa!« (aus einem Briefe Lionnes, zitiert bei Valfrey, »La Diplomatie française au XVIIe siècle. Hugues de Lionne et ses ambassades en Italie.« S. 276).

Die Bufalini stammen nach Amayden aus Città di Castello, wo – wie Bertini feststellt, – heute noch ein Zweig der Familie blüht, während die römische Linie erloschen ist. Paul III. verlieh ihnen den Titel Grafen von San Giustino. Ihr Wappen ist ein schwarzer Stierkopf in Silber mit einer roten Rose zwischen den Hörnern. Von Mazarins Oheim Giulio Bufalini sagt Amayden: »Ich habe Giulio Bufalini gekannt, einen ausserordentlich schönen und hochgewachsenen Mann, auch von hohem Mut, da er überaus tapfer war und viele Streitigkeiten hatte; dann, als alter Mann schrieb er ein Traktätlein gegen das Duell, weil er sich nicht mehr darin betätigen konnte.«


Wichtiger als diese Vorarbeiten für Palizzolo, die nichts »von Wert« ergaben, mag ein Brief sein, den Mazarin am 11. Dezember 1659 nach dem Tode seines Vaters an seinen Agenten in Rom, Elpidio Benedetti, schrieb: »Er soll nicht als Herzog bestattet werden,« heisst es darin, »weil er es nicht war; es wird zu allen Zeiten seinen und meinen Ruhm mehren, wenn man sieht, dass er als einfacher Edelmann starb, während er jeden Rang hätte erreichen können.« Dass Pietro Mazzarini in Rom als Edelmann lebte und galt, sagt auch der Abbé Arnauld, der ihn dort kennen gelernt hat. Beweise sind dies nicht. Viele Leute gaben sich schon damals, wenn sie es zu einem gewissen Glanz gebracht, für adelig und altadelig aus, und sicher ist nur, dass Pietro Mazzarini, der Vater des Kardinals, aus Sizilien gekommen war und zu Rom Geschäftsführer oder Haushofmeister eines römischen Grossen, des Don Filippo Colonna, Fürsten von Palliano und Herzogs von Tagliacozzo, Konnetabels des Königreichs Neapel, ward. Ob er nun ein armer Edelmann oder ein tüchtiger Faktor war, jedenfalls machte er in seiner Weise Karriere und hob sein Haus. Sein Herr war auch sein Gönner und gab ihm Hortensia Bufalini, aus einer Familie des römischen Adels und des Konnetabels Patenkind, zur Frau. Dass die Biographen ihre Schönheit und Tugend loben, ist üblich; zum mindesten die Schönheit glaublich, weil Kinder und Enkel durch Reiz und Schönheit glänzten. Es wird auch erzählt, dass sie dichtete und der Gattin des Konnetabels, Donna Lucrezia, ihre »Rime« widmete. Jedem grossen Hause hingen damals Klienten aller Art an, vor allem kleinere Edelleute, die in verschiedener Weise, als Stallmeister, Haushofmeister, Jägermeister, Kammerherren und Gefolge, dienten, dafür das Brot des Hauses assen und in seinem Schutze lebten. Die Bufalini, scheint es, wie die Mazzarini »gehörten« den Colonna. Ein Bruder Hortensias war Malteserritter, ein tüchtiger Kriegsmann und Raufer, der viel in Frankreich lebte und eine Schrift über das Duell verfasst und Ludwig XIII. gewidmet hat, die den Titel führte: »Wie muss der wahre Kavalier sich verhalten, wenn Streitigkeiten unter Edelleuten entstehen und Aufklärungen nötig werden?«

Die Colonna hatten gerade in jener Gegend, aus der ihr Haushofmeister stammte, mannigfache Beziehungen: der älteste Sohn des Konnetabels Marcantonio Colonna heiratete Isabella von Gioeni-Cardona, und unter ihren Lehen wird das Tal von Mazzara in Sizilien erwähnt. Ein anderer seiner Söhne, Don Federigo, nahm eine Branciforte zur Frau. Jedenfalls waren sie in der Lage zu erfahren, wer ihr Haushofmeister war, der vielleicht seinerseits bei diesen Eheschliessungen zu tun hatte.

Pietro Mazzarini hatte von Hortensia zwei Söhne und vier Töchter. Er heiratete in späteren Jahren, als seine erste Frau gestorben war, eine Orsini – Porzia Orsini –, ein Beweis, wie sehr die Familie in die Höhe gekommen war, vielleicht ein Anzeichen dafür, dass sie von jeher adelig gewesen. Wie gross die Standesunterschiede damals auch waren, das Emporkommen, das der Persönlichkeit immer einen abenteuerlichen Reiz gibt, war – besonders in Frankreich und Italien – im siebzehnten Jahrhundert nichts Seltenes. Reichtum, Gewandtheit, mehr noch kriegerische Erfolge öffneten die Türen. Während Pietro Mazzarini Edelmann des Colonna ward, arbeiteten in Südfrankreich Maurer und Schuster, deren Enkel Grafen, Generale, Minister wurden.

Giulio, Pietros ältester Sohn, wurde zu Piscina in den Abruzzen geboren, wohin die Mutter, die Sommerhitze Roms fliehend, zu ihrem Bruder, dem Abbate Bufalini, der dort eine Pfründe hatte, gezogen war. Der Tag war der des heiligen Bonaventura, der 14. Juli des Jahres 1602. Das Städtchen liegt hoch und sonnig auf dem Berggipfel nach italienischer Art, und noch stehen, am Rand des steilen Abhangs erbaut, die Grundmauern und eine zierliche Loggia des Hauses, in dem er geboren wurde. Der Taufakt der Kapitelkirche ist vorhanden und lautet deutsch: »Am 14. Tage des Julius 1602 ist Julius Raimundus, Sohn des Herrn Petrus Mazzarini aus Palermo und der Dame Hortensia, seiner Gattin, von mir, Don Paschalis Pippo, getauft worden, und hat ihn über das heilige Taufbecken gehalten die Hebamme Christina.« Den Namen Julius erhielt er entweder dem Bruder der Mutter, dem Malteser, oder einem Bruder des Vaters zu Ehren, der Giulio Mazzarini hiess und Jesuit war. Der Taufakt wurde lange vergeblich in der Pfarrkirche seines Sprengels zu Rom, der der Heiligen Vincentius und Anastasius im Quartier Trevi, gesucht. Diese Kirche liess er später, in der Zeit seiner Macht, da er sich gerne für einen Römer gab, in geschickter Selbstverherrlichung mit einer prachtvollen Fassade von Travertin »nach den Zeichnungen des Herrn Martin Longo« versehen, und sie trägt noch heute sein Wappen. Mit dem Kapitel von Piscina stand die Familie dauernd in guten Beziehungen, und heitere liebenswürdige Briefe Pietro Mazzarinis an die Domherren sind im Kapitelarchiv gefunden worden. Er besorgt einen Silberkrug, den das Kapitel dem Monsignore Colonna schenken will, bedauert, den ihm gesetzten Preis überschritten zu haben, »sie wissen, wie freigebig er mit fremdem Gelde sei«, der Maultiertreiber Horazio werde den Krug überbringen; oder er dankt ihnen für ihre Glückwünsche zur Ernennung »Monsignore seines Sohnes« zum Kardinal und wird auch Sr. Eminenz ihre freundliche Gesinnung übermitteln.

Bei den Jesuiten im Collegium Romanum machte Giulio seine Studien. Die Jesuiten hätten ihn gerne für immer gehabt, sie sollen sich so bemüht haben, den Vielversprechenden für den Orden zu gewinnen, dass er, ihrem Drängen und ihren Lockungen zu entgehen, die Schule vorzeitig verliess. Er war ein anmutiger, lebhafter und gewitzter Knabe, ein Schauspieler und Redner von Anfang an. Als im Kollegium zu Ehren des Stifters des Ordens – vermutlich am 22. Mai 1622, dem Tage, an dem er heilig gesprochen ward – eine dramatische Legende seines Lebens aufgeführt wurde, da riefen die Väter den jungen Mazzarini, der die Schule schon verlassen hatte, um die Rolle des heiligen Ignatius zu spielen. Zu S. 7. Von den Schriften, die Mitteilungen über Mazarins Jugend enthalten, ist es mir leider nicht gelungen, Benedettis »Raccolta di diverse memorie per scrivere la vita del Cardinale Giulio Mazzarini Romano«, Lyon, ohne Datum, und Alfonso Paiolis »Vite del Cardinale Giulio Mazarini e di Oliviero Cromwell«, Venedig-Bologna 1675, zu Gesicht zu bekommen. Bei einem ersten Aufenthalt in Paris, der vorzeitig abgebrochen werden musste, hatte ich versäumt, sie in der Nationalbibliothek einzusehen; eine zweite für den Herbst 1914 geplante Reise hat der Krieg verhindert. Was Wichtiges und Bedeutsames in beiden steht, ist längst anderweitig verwertet und abgedruckt und mir nicht entgangen. Die wichtigste Quelle ist jedenfalls die Erzählung des Unbekannten, die in der »Rivista contemporanea« (Turin, Jahrg. 1855) veröffentlicht wurde. Auch dieses Heft war nirgends zu finden, nicht einmal in den Turiner Bibliotheken, in denen just dieser Jahrgang fehlte, auch in keinem Antiquariat von Turin, wo Freunde die Liebenswürdigkeit hatten, es für mich zu suchen. Dagegen gelang es mir Ende Juli 1914, noch gerade vor Kriegsausbruch aus einem Pariser Antiquariat eine französische Übersetzung der Schrift von Moreau mit wertvollen Auszügen aus den beiden oben erwähnten, die, wie vermutet wird, grossenteils auf ihr beruhen, zu erhalten. Ich hatte damals durch Don Luigi Colantoni erfahren, dass, in einem Heft der »Rivista Araldica« in Rom, Ugo Orlandini mitteilte, eine sehr interessante handschriftliche Biographie Mazarins gelesen zu haben, die sich im Besitze des Collegio Araldico in Rom befinde. Der ausbrechende Krieg verhinderte weitere Bemühungen. Im vergangenen Jahr wurde mir diese Biographie dank der Güte des Grafen Bertone durch die freundliche Vermittelung der deutschen Botschaft in Rom nach Berlin zur Einsicht geschickt, und mit Erstaunen fand ich, dass die sehr schöne Handschrift einen Originaltext der so lange gesuchten Vita des Unbekannten darstellte, aber offenbar nicht den, der in der Rivista Contemporanea veröffentlicht wurde, da dieser der Turiner Universitätsbibliothek entnommen war. Wie Moreau in der Einleitung zu seiner Übersetzung mitteilt, gibt es noch drei Handschriften dieser Lebensgeschichte in der Pariser Nationalbibliothek und zwar zwei in den Fonds Baluze No. 10487, 1 und 2, und eine im Supplément Français, No. 5485.

Der Text ist ein Bericht an eine Hoheit, die ihn verlangt hätte; man vermutet den Kardinal Moriz von Savoyen. Er ist in einem durchaus nüchternen und vertrauenerweckenden Ton geschrieben und erweist sich in seinen späteren nachprüfbaren Teilen fast durchweg richtig. In ihm wird Mazarins Grossvater Giulio als ein vermögender Handwerker zu Castel-Mazarino in Sizilien bezeichnet. Benedetti erzählt – diese Abschnitte hat Moreau übersetzt und seinem Buch einverleibt – von vornehmen Vorfahren und Schwägerschaften in Palermo; aber das gehört offenbar zu den nachträglichen genealogischen Schöpfungen. Noch allgemeiner und datenloser spricht Naudé in seinem »Mascurat« von der vornehmen Abkunft des Kardinals, und er gesteht auch selbst zu, sie nur wahrscheinlich gemacht zu haben. Auch ist von der genuesischen Abkunft und der Heirat mit einer Spinola bei Benedetti nicht die Rede, sondern von ganz andern Familien. Dass Benedettis Angaben, die zweifellos auf den Kardinal zurückgehen oder doch in seinem Auftrag zusammengestellt wurden, der andern Ursprungslinie, die der Kardinal für sich in Anspruch nahm, widersprechen, beweist, dass beide nur dunkle Vermutungen, oder noch wahrscheinlicher blosse Wünsche und Phantasien sind. Auf viel näherem und glaublichem Gebiet bewegt sich Benedetti, wenn er, gleich dem Unbekannten, angibt, dass Pietro Mazarini im Rione Trevi also in nächster Nähe des Palazzo Colonna, seine Wohnung hatte. Naudé zählt auch Giulio Mazarinis Lehrer in der Jesuitenschule auf, unter denen wir einen Pater Christoph Grienberger, also offenbar einen Deutschen, finden. Auch woher das Wappen, das Mazarin führte, stammt, und wann es zuerst auftauchte, scheint nicht festgestellt und wäre vielleicht einer Untersuchung wert.

Da er im Palazzo Colonna mit den Söhnen des Fürsten verkehrte, lebte er mit dem römischen Adel; dieses Leben war voll von Lockungen; das Spiel war das Modelaster der Zeit, und kaum möglich, in guter Gesellschaft zu verkehren, ohne ihm zu verfallen. Der junge Mazzarini spielte, bis er – wie ein Namenloser erzählt, der sich für seinen guten Bekannten aus jener Zeit ausgibt – sein letztes Paar Strümpfe versetzen musste. »Ich war selbst mit, als er sie wieder auslösen ging«, sagt der Erzähler.

Als der Fürst einen seiner Söhne, Don Geronimo Colonna, den er für die Kirche bestimmte, an die hohe Schule von Alcalá schickte, um dort das kanonische Recht zu studieren, verwendete sich Giulios Familie dafür, dass er als Cameriere – das bedeutete ein Mittelding zwischen Kammerdiener und Kammerherr, ähnliches vielleicht wie Famulus – Don Geronimos mitgehen durfte. Dass der Geschmeidige und Wohlgestaltete überall Sympathie fand, das glauben wir den alten Biographen gern: sich einzuschmeicheln und gefällig zu erweisen war recht eigentlich sein Talent, bis er es später so missbrauchte, dass ihm als seltsames Echo der Hass aller dafür entgegenschlug. Damals gefiel er noch. Alcalá liegt nur wenige Stunden von Madrid; die Colonna waren Granden von Spanien, Don Filippo war Konnetabel des Vizekönigtums und hatte den Sohn ebensosehr an den Hof geschickt wie an die Universität. Giulio studierte zu Alcalá und spielte in beiden Städten, bis er sein letztes Geld verlor.

Vor Don Geronimo hatte er offenbar Furcht und wagte nicht, ihm etwas zu sagen. Ein Notar in Madrid, dem er ebenfalls gefallen hatte und der in ihm den richtigen Mann für seine hübsche Tochter sah, half ihm aus. Der junge Komödiant hütete sich wohl, jenem den wahren Grund zu sagen; er tat, als wären seine Gelder nicht pünktlich eingetroffen. Er gewann wieder, bezahlte die Schuld und verliebte sich mit Leidenschaft in die Tochter. Er wollte auch sogleich heiraten und trug die Sache seinem Herrn vor. Der junge Colonna sah, dass da einer im Begriff war, sich die Karriere zu verderben; er hiess ihn zunächst wichtige Briefe an den Konnetabel nach Rom bringen, wo er gleich die Einwilligung des eigenen Vaters erbitten könne. Pietro Mazzarini, so sagt der Ungenannte, der dies alles erzählt, wäre der Heirat nicht abgeneigt gewesen, als er die »vergoldeten« Berichte des Sohnes hörte; aber der alte Fürst, dem Don Geronimo seine Bedenken geschrieben, verbot dem jungen Mann, nach Spanien zurückzukehren, hiess ihn die Dummheit sich aus dem Kopf schlagen, in Rom bleiben und studieren. So endete, wenn die Geschichte wahr ist, wie sie es wohl sein kann, Mazarins erste Liebe. Er setzte die in Alcalá begonnenen Studien an der Sapienza zu Rom fort und promovierte, etwa zwanzig Jahre alt, zum Doktor beider Rechte. Er dachte nicht daran, Theologe zu werden; seine Neigungen waren weltlicher Art, und die Gelegenheit führte ihn bald in einen noch weniger geistlichen Beruf.

In Graubünden und besonders im Veltlin, das damals zu dem Kanton gehörte, bekämpften Protestanten und Katholiken einander mit Verbannungen und wilden Mordtaten. Spanien, damals noch die Vormacht in Europa, griff ein; der Herzog von Feria, spanischer Statthalter in Mailand, schloss einen Vertrag mit den Katholiken, besetzte das Land und errichtete Festungen. Alle Kantone der Schweiz nahmen je nach ihrem Glauben Partei und führten Krieg gegeneinander. Um den Besitz der Pässe, die vom Veltlin nach Graubünden führten, der wichtigsten Heerstrasse zwischen Norden und Süden, war von jeher Streit gewesen. In den letzten Jahrzehnten hatten Frankreich und Venedig über die Pässe entschieden; nach Frankreich wandten sich die Protestanten um Hilfe, aber der unentschlossene Günstling Ludwigs XIII., der dort regierte, Luynes, wagte keinen Krieg; er schickte Bassompierre als Gesandten nach Madrid, der den jungen Philipp IV. bewog, sich zur Räumung des Veltlin zu verpflichten. Aber der Gesandte selbst glaubte nicht an die Erfüllung des Vertrages; es geschah auch nicht; vielmehr besetzte Erzherzog Leopold im Jahre 1622 von Tirol aus Graubünden und seine Pässe, denn auf eine bessere Verbindung zwischen den habsburgischen Ländern in Italien und Deutschland war es abgesehen; der Kampf der Schweizer dauerte fort; Luynes war indessen gestorben, aber der zaghafte alte Kanzler von Sillery wagte ebenso wenig wie er. Zwar schlossen Frankreich, Savoyen und Venedig einen Bund, das Veltlin den Spaniern wieder zu nehmen, aber man griff nur den früheren Vorschlag eines anderen französischen Diplomaten auf, das katholische Tal vorläufig dem Papst zu übergeben, bis all die vielen Ansprüche und Streitfragen endgültig erledigt wären. Dazu waren die Spanier bereit.

Gregor XV. hob Truppen aus. Don Francesco Colonna, Fürst von Palestrina, aus einem anderen Zweige des grossen Hauses, stellte auf eigene Kosten ein Infanterieregiment von dreitausend Mann. Der Sohn Pietro Mazzarinis ersah die Gelegenheit, bewarb sich bei dem Verwandten seiner Gönner um eine Offiziersstelle und erhielt eine Kompagnie.

Durch etwa fünf Jahre blieb Mazarin päpstlicher Infanteriekapitän, lag in Garnison und stand im Feld; aber von Gefechten und Schlachten, die er mitgemacht, hören wir nicht viel, obschon im Veltlin gelegentlich auch gerauft wurde. Die päpstlichen Truppen waren nicht blutgierig: »s'è fatto amazzar a la francese«, sagte man, wenn einer den Feinden unvorsichtig zu nahe gekommen war. An ihrer Spitze stand damals Don Torquato Conti, später ein berühmter und berüchtigter Kondottiere des Dreissigjährigen Krieges. Ihn begleitete als apostolischer Kommissar Gian Francesco Sacchetti und diesen wieder ein Unterkommissar Francesco Capatio; aber der Kapitän Mazarini hatte sich dem apostolischen Kommissar vorstellen lassen, schob sich in den Vordergrund und verdrängte den minder brauchbaren Mann; er, der Französisch und Spanisch sprach, sich überall liebenswürdig und willkommen zu machen verstand, den all seine Talente auf den diplomatischen Weg wiesen, fand diesen Weg wie von selber: bald schickte man ihn zum spanischen Statthalter nach Mailand, bald an den savoyischen Hof zu Turin, bald ward er bei der Republik Venedig gebraucht, bald im Veltlin verwendet. Dabei blieb es auch, als an Stelle Contis der Marchese Bagni den Befehl im Veltlin erhielt.

Dort wären die Leute gerne päpstlich geblieben; aber am 13. August 1624 war in Frankreich der frühere Bischof von Luçon, der Kardinal von Richelieu, erster Minister geworden; und die französische Politik hatte eine andere Führung: mit französischem und venezianischem Geld wurde ein Heer von Schweizern aufgestellt, das ein Franzose, Annibal von Estrées, Marquis von Cœuvres, befehligte: im tiefsten Winter 1625 rückte er über die Alpen und jagte päpstliche Truppen und Spanier aus dem Lande. Bald darauf wurde im Vertrag zu Monzon vom 6. März 1625 die Veltliner Frage vorläufig geschlichtet, und Urban VIII. – Maffeo Barberini –, der indessen Papst geworden war, löste die nichts leistende, kostspielige Armee sogleich auf.

Auch Mazarini kam nach Rom zurück. Man war mit ihm zufrieden gewesen, und als bald darauf der Kardinal Sacchetti Legat in Ferrara wurde und Gian Francesco, sein Bruder, ihn diesmal als Kommandeur der Truppen begleitete, nahm er den Kapitän Mazarini mit.

So war er nach wie vor päpstlicher Infanterieoffizier, mit diplomatischen und Verwaltungsangelegenheiten betraut.


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