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Viertes Kapitel
Mazarins Familie und der Hof

Die Hoffeste waren in jenen Jahren von bisher unbekannter Pracht. Dem jungen König war diese Pracht Freude und Bedürfnis, und der Kardinal, der ihn zu erfreuen und zu beschäftigen wünschte, sparte nicht mehr mit dem Gelde für seine Unterhaltung. Auch war die Zahl der fürstlichen Besuche gross. Im Januar 1656 wurde zu Ehren des Herzogs von Modena das Ballet »Psyche« – ein Kostümfest mit vorgeschriebenen Tanzfiguren – bei Hofe aufgeführt, das eine Woche später »für den Herrn Nuntius« wiederholt wurde. Die Gruppe der Winde trat zuerst auf, dann die des Frühlings; dies war der König selbst mit vier Nymphen, und zwei von den Nymphen waren die Herzogin von Mercœur und ihre Schwester Olympia Mancini, die beiden andern die Herzogin von Créqui und das Fräulein von Menneville. Es folgten Bacchus, Ceres, Cupido, Pluto, Neptun mit ihren Zügen, die Gruppen der Irrlichter, Gladiatoren, Jäger, Amazonen, Marc Anton mit römischem Gefolge trat auf. Das Fräulein von Gramont spielte die Psyche, der junge Herzog von Anjou, der Bruder des Königs, der gern eine doppelgeschlechtige Rolle spielte, trat als Amazone auf. Als der Herzog von Modena im folgenden Jahre wiederkam, wurde das Ballett »Amour malade« aufgeführt, in dem der Groll, die Zeit, die Vernunft dem kranken Liebesgott den Anblick heiterer Tänze verordneten. Der Hofdichter Isaac von Bensserade verfasste die Texte, ein junger Florentiner Lulli, den Mademoiselle einst hatte kommen lassen, um bei ihm Italienisch zu lernen, bis man sein Talent zur Pantomime und Musik entdeckte, und der seit 1652 Dirigent der königlichen Kapelle der »vierundzwanzig Violinen« war, schrieb die Musik. Die hohen Beamten, die grossen Finanzleute gaben Gesellschaften, zu denen der Hof erschien. Loret schildert einen Ball, den der Kanzler Séguier, der »Cato Frankreichs«, gab, auf dem hundertvierzig Körbchen mit verzuckerten Früchten und kostbaren Parfüms an die Gäste verteilt wurden, die sich fast darum schlugen. Der Generalprokurator bewirtete den Hof in Saint-Mandé, ebenso Lionne in seinem Schlosse Berny, eine hohe und kostspielige Ehre für die Gastgeber. Im Frühling fand ein Ringstechen in den Gärten des Palais Royal statt, dessen Balkone und Fenster von den Zuschauern besetzt waren. Drei prächtige Reiterzüge ritten aus dem Louvre nach dem Palais hinüber, der erste in weiss und rosa, der des Königs; den zweiten blauweissen führte der Herzog von Guise, den dritten, der grünweiss war, der schöne Candale. Sie trugen »römische« Kostüme, mit Gold und Silber gestickt, kleine Helme mit Strauss- und Reiherfedern auf dem Kopf. Den Zug eröffneten zwölf mit weiss und rosa Bändern geschmückte Pagen, die die Lanzen und Devisen der Kavaliere trugen, dann kamen sechs Trompeter, hierauf der erste Hofstallmeister und wieder zwölf Pagen, von denen die zwei letzten die Lanze und die Devise, die der König gewählt hatte, die Sonne, trugen, mit dem Spruch: »Ne più ne pari«, »Keiner mehr und Keiner gleich!« Der Herzog von Guise ritt beim Stechen ein Pferd, »würdig eines Abencerragen«, das zwei Mohren ihm vorführten; aber den Preis gewann der Graf du Lude und er empfing ihn aus der Hand der Herzogin von Mercœur, der Nichte des Kardinals.

So fiel von all dem Glanz ein Teil auf den Minister, weil seine Nichten, umworben und umschmeichelt von allen Grossen der Erde, den Reigen heisser Spiele in den Festsälen des Louvre mittanzten, und den ihrem Reiz und der Macht ihres Oheims gespendeten Weihrauch selig genossen. Alles Glück und alle Bitternisse des Lebens wurden diesen schicksalsreichen Kindern zuteil.

Der König war so gewöhnt, alle Aufmerksamkeiten den Nichten des Kardinals zu erweisen, dass er bei einem kleinen Ball in den Zimmern der Königin Frau von Mercœur vor der anwesenden Prinzessin von England zum Tanz aufforderte. Die Königin sprang entsetzt auf und trennte das Paar, während die Königin-Witwe von England zu begütigen suchte. Des Abends erhielt der König von seiner Mutter eine Strafpredigt; er hörte sie gehorsam an und erwiderte nur: »Ich liebe die kleinen Mädchen nicht.« Die Prinzessin Henriette war damals erst elf Jahre alt.

Die vor kurzem als Abenteurerinnen gegolten hatten, traten nun eine nach der andern in fürstliche Familien ein. Der Prinz von Conti sass missmutig und mit der Welt zerfallen in Südfrankreich. Da sagte ihm eines Tags sein Sekretär, François Sarrazin aus Caen, ein witziger und erbärmlicher Literat, der früher bei Retz schmarotzt hatte, und jetzt bei dem launischen Prinzen den Spassmacher spielte, er »könne es so gut haben wie Herr von Candale: er brauche nur eine Nichte des Kardinals zu heiraten«. Das Wort wirkte weiter. An dem kleinen Hof wurde Rat gehalten, und der Herr von Langlade wurde mit Sarrazin zum Kardinal geschickt. Dieser wusste seine Freude zu verbergen und bei der Mitgift zu sparen. Von den Nichten, die zur Verfügung standen, wählte der Prinz die schöne Anna Maria Martinozzi, nachdem er ihr und Olympias Porträt gesehen hatte. »Übrigens heirate er den Kardinal und nicht die Nichte«, sagte er. Er erhielt die Braut, die der Herzog von Candale verschmäht hatte, aber als Mitgift nicht den Connetabelrang und ein Fürstentum, wie sein Kammerherr, der Abbé von Cosnac, dies zum Ausgleich einer so wenig standesgemässen Verbindung gefordert hatte, sondern nur hunderttausend Francs und Versprechungen. »Man verheiratet Sie zu vier Prozent, gnädiger Herr,« sagte Sarrazin, der Sekretär, witzig und höhnisch zu dem Prinzen, der ihm wütend die Feuerzange an den Kopf warf. Die Trauung wurde am 24. Februar 1654 in Paris vollzogen; zur Hochzeitsfeier liess der Kardinal in seinen Zimmern Corneilles »Cid« aufführen und gab einen Ball. Bei dieser Feier sahen die Gäste, was in jener Zeit ungeheures Aufsehen erregte. Man pflegte damals im Schlafzimmer, auf dem Bette ruhend, zu empfangen, und man sah das Bett des Kardinals von einem Geländer umgeben, eine Auszeichnung, die bisher den Mitgliedern der königlichen Familie vorbehalten war. Etwa zwei Wochen vor der Trauung war ihm das Recht durch ein königliches Patent verliehen worden. Bett und Saal waren mit Wandteppichen geschmückt, die das Leben Franz I. darstellten und aus dem Nachlass Richelieus stammten.

Seine Nichte war nun eine Prinzessin des Hauses Bourbon. Und obschon der Prinz ihr ein furchtbares Brautgeschenk brachte, – denn der Leichtsinnige hatte die letzten Wochen vor der Ehe in Ausschweifungen verbracht, und ihre beiden ersten Kinder starben nach der Geburt, – wurde es eine glückliche Ehe. Die fromme Anna Maria liebte ihren buckligen kleinen Mann mit dem schönen Kopf, und er sie; der Prinz war so eifersüchtig, dass er sie vom Hofe entfernte, als sie den König, dessen Aufmerksamkeiten zu lebhaft wurden, in Schranken weisen musste; dem gefährlichen Marquis von Vardes verbot er sein Haus. Und wie er stets von seiner Umgebung bestimmt wurde, so wurde er nun durch den Einfluss seiner Frau fromm; beide waren fast nur in Kirchen zu sehen, und der Prinz, dessen Haustheater einst die Truppe Molière-Béjart gebildet, der so gerne mit Molière Stücke gelesen und beurteilt hatte, »gab sich nun ganz Gott hin«, mied die Schauspielhäuser wie die Pest und schrieb eine Schrift gegen den Theaterbesuch. Lange Zeit waren beide eifrige Jansenisten, bis Gott dem Wandelbaren, wie der Père Rapin schreibt, »die grösste Gnade erwies, dass er auch den Jansenismus abschwor.« Die Prinzessin verkaufte ihren Schmuck, damit ihr Mann gutmachen könne, was im Bürgerkrieg durch ihn an Schaden geschehen war, und als beide noch jung starben, sprach Frau von Sévigné von ihnen als von »zwei Heiligen.«

Im Herbst des Jahres, in dem sie heirateten, kaufte Mazarin vom Hause Gonzaga die Baronie Mayenne, die für ihn in ein Herzogtum umgewandelt wurde, so dass er von nun an den Titel eines Herzogs führte.

Er wohnte seit seiner Rückkehr im zweiten Stock des Louvre über den königlichen Gemächern; er hatte viele seiner Bilder und Gobelins dahin bringen lassen; für einen Teil seines Gefolges hatte Colbert zwei Häuser dicht beim Louvre gemietet; die übrige Dienerschaft, geistliche und weltliche Herren vom Gefolge wohnten im Palais unter Aufsicht seines Kammervorstehers, des Bischofs von Coutances, Claude Auvry. Die Nichten wohnten bei ihm. Seine Garden wurden neu uniformiert, englische Pferde gekauft und eine Fülle kostbarer Gewänder für ihn bestellt; als aber die Herzogin von Mercœur einen Wagen brauchte, da meinte der Kardinal, einer seiner alten Wagen mit einer neuen Decke tue es auch, so dass selbst der sparsame Colbert protestierte. Mit dem Plan, sich eine Art Hausmacht zu schaffen, hatte der Kardinal nach Rom geschrieben und seine Schwestern, die Gräfin Martinozzi mit ihrer zweiten Tochter Laura, sowie die Frau von Mancini mit ihrer jüngeren Tochter Maria und ihrem zweiten Sohn Philipp kommen lassen. Er hatte seinem Vater in Rom seine Pläne mitgeteilt. »Der Herr Gesandte und der Herr Vater«, schrieb er an seine Schwester Martinozzi, »werden Ihnen die Gründe sagen, warum ich entschlossen bin, meine Nichte Laura nach Frankreich kommen zu lassen, vorausgesetzt, dass es Ihnen Vergnügen macht zu hören, dass ich sie zu verheiraten denke.« Es scheint, dass der Gedanke der Schwester kein ungeteiltes Vergnügen machte; beide Frauen waren von einfacher, schüchterner Art und führten in Rom ein bescheidenes Leben, aus dem sie nicht leichten Herzens in die unheimlich bewegte und gefährlich leuchtende Welt um den hochgestiegenen Bruder zogen. Die Republik Genua schickte eine Staatsgaleere, um die Familie des mächtigen Ministers in Cività Vecchia abzuholen. In der Provence empfing sie der Statthalter, der Frau Martinozzis Schwiegersohn war, der Herzog von Mercœur; sie wurden glänzend aufgenommen und von der liebenswürdigen Laura Victoria unterrichtet, wie man sich bei Hof zu benehmen habe; aber sie müssten alsbald klagen, dass der Kardinal ihnen zu wenig Geld anwies. Girolama Mancini hatte auch ihre dritte Tochter Hortense mitgebracht, die noch ein Kind war, und als der Kardinal ihre ausserordentliche Schönheit neben der hässlichen Marie sah, war er es zufrieden. Seine Schwester hätte Marie am liebsten in Italien gelassen. In Paris fühlte Frau Martinozzi sich nicht behaglich, sie vertrug das Klima nicht, und war sonst unzufrieden. Am 8. Oktober 1653 schrieb ihr der Kardinal von Laon: »Was Sie mir über Laura schreiben, verstehe ich nicht ganz. Euer Gnaden,« – so redet er die Schwestern stets an, – »baten mich, sie so bald als möglich an den Hof kommen zu lassen, und jetzt bitten Sie mich, sie in Italien zu verheiraten: Sie wollen dahin zurück und Sie können sich nicht von ihr trennen. Wenn sie in Italien heiratet, müssen Sie sich doch auch von ihr trennen, denn in Rom sehe ich keine mögliche Partie, die grösser wäre als die Barberini. … Aus Sorge um Ihre Gesundheit wünsche ich, dass Sie vor der kalten Jahreszeit mit Laura nach der Provence gehen. Bleiben Sie dort mit der Signora Girolama und mit der Herzogin von Mercoeur; ich komme dann mit Anna und hole mir Laura. Ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen, schreiben Sie mir frei, was Sie denken. Ich werde Laura in Italien verheiraten, und Sie werden zufriedener sein, als wenn die Ehe mit den Barberini zustande gekommen wäre.« An Frau von Mercoeur schrieb er am gleichen Tag: »Laura brauche ich, und die Mutter soll nach Rom zurück … der Hof ist ja wirklich eine beständige Qual für sie.« Frau Martinozzi blieb noch anderthalb Jahre in Paris, bis ihre Tochter, besser als mit dem Barberini, mit Alfonso von Este, dem Sohn des Herzogs von Modena, verheiratet ward. Am 6. Juni 1655 schrieb Mazarin an seinen nunmehrigen Verwandten, den Kardinal von Este, und man fühlt die Genugtuung hochbefriedigten Ehrgeizes, die aus den scheinbar schlichten Worten quillt –: »Vergangenen Donnerstag, den 27. Mai, fand die Verlobung zwischen dem Herrn Prinzen Alphons und meiner Nichte im Zimmer des Königs und in Gegenwart Ihrer Majestäten statt, die den Ehevertrag unterschrieben, den der Herr Graf von Brienne als Staatsekretär aufgesetzt hatte, und sie geruhten dann mit der Frau Prinzessin von Carignan, ihrer Tochter, der Prinzessin von Baden, der Kurprinzessin von der Pfalz, der Herzogin von Mercoeur, meinen Schwestern und andern Damen des Hofs zu speisen. Am folgenden Sonntag wurde die Trauung von dem Herrn Bischof von Soissons in der königlichen Kapelle vor dem ganzen Hof vollzogen … Vertreter des Bräutigams war der Herr Prinz Eugen von Savoyen.« Die Ehe hatte auch eine politische Bedeutung: der Herzog von Modena, der ein hervorragender Soldat war, schloss ein Bündnis mit Frankreich und wurde Generalissimus der französischen Armee in Italien. Auch Laura, die als »römische Schönheit« gepriesen wird, war auf ihr Bild hin gewählt worden; sie kannte ihren Gatten noch gar nicht und reiste sogleich über Marseille nach Italien. Ihre Mutter verliess Frankreich mit ihr, um nicht wiederzukehren. Laura Martinozzi, die ebenso klug als schön war, wurde nach ihres Mannes frühem Tode Regentin in Modena, ihre Tochter Maria Beatrix war Königin von England.

Der Graf und die Gräfin Noailles, die Laura nach Modena begleitet hatten, reisten auf dem Rückweg über Rom und brachten im Auftrag des Kardinals die jüngsten Kinder seiner kinderreichen Schwester Mancini, Marianna und Alphonso, die noch sehr klein waren, nach Paris.

Das Mädchen blieb am Hof und wurde, lebhaft und niedlich, der Liebling der Königin und des Kardinals. Der Knabe kam zu den Jesuiten, wie vor ihm sein Bruder Paolo; Maria und Hortense wurden im Kloster der Heimsuchung Mariens im Faubourg Saint-Jacques erzogen.

Zwei Jahre vorher, im Dezember 1654, war der Vater des Ministers, Pietro Mazarini, der einstige Haushofmeister des Fürsten Colonna, in Rom gestorben, und beissende Bemerkungen wurden am französischen Hof darüber gemacht, wie überhaupt hinter dem Rücken des Kardinals ein unaufhörliches Schlangenzischen war. Er selbst, der allzeit dem Vater gegenüber wirkliche Liebe empfunden zu haben scheint, schrieb an Elpidio Benedetti, seinen Agenten in Rom: »Ich kann nicht sagen, dass ich den Tod meines Vaters vorausgesehen, denn obwohl er den Leiden des Alters unterworfen war, schöpfte ich doch aus der Kraft seines Lebensgeistes in Gespräch und Charakter Hoffnung auf ein längeres Leben, so dass die Nachricht von diesem Verlust mir unerwartet kommt, und mich in jene Betrübnis versetzt, die Ihr Euch vorstellen könnt, da ich den Vater verlor, der so gut und bedeutend war und während seines Lebens die allgemeine Wertschätzung erworben hat. Gott gebe ihm die ewige Ruhe und mir die Gnade, ihm im Leben und Sterben nachzueifern.« Immerhin erwartet er im gleichen Brief »ein sehr deutliches und geordnetes Inventar, nicht nur der Möbel, der Juwelen und Wertsachen, Wagen und Pferde, die im Hause gewesen sind, sondern auch des Geldes und jeder andern Sache, die mein Vater besass …« Des Vaters zweite Gattin, die Signora Porzia Orsini, meint er, würde am besten in das Haus ihres Bruders ziehen.

Im selben Jahr, in dem Laura den Erbprinzen von Modena heiratete, starb am 19. Dezember 1656 Mazarins Schwester Girolama Mancini, die in Frankreich geblieben war, erst zweiundvierzig Jahre alt. Sie war am Hofe sehr bescheiden aufgetreten und nicht unbeliebt gewesen; der Bischof von Montauban hielt ihr die Leichenrede und man fand, dass er den Namen Mazarin und Mancini allzuviel Weihrauch und Salbung spendete. Am gleichen Abend wurde das Ballett »Amour malade« aufgeführt. Ihr sternkundiger Gatte, versichert man, hatte den eigenen Todestag, den seines ältesten Sohnes, der im Gefecht von Saint-Antoine fiel, und den seiner Frau vorausgesagt und sie hatte trübsinnig in Todeserwartung gelebt. Wenige Wochen später starb ihre Tochter Laura Victoria, die Herzogin von Mercoeur, am 8. Februar einundzwanzig Jahre alt, plötzlich und unerwartet im Wochenbett. Aus dem Ballsaal bei Hof, wo wiederum das Ballett »Amour malade« getanzt wurde, rief man den Kardinal nach dem Palais Vendôme, in dem sie lag. Alles sprach davon, wie schön sie im Sterben aussah. Mazarin, der den Tod seiner Schwester gefasst ertragen hatte, brach am Bett Laura Victorias in wildes Schluchzen aus, aber die Welt, wenigstens an diesem Hofe, glaubte es ihm nicht. Ihr Gatte, der sie sehr geliebt hatte, trat in geistlichen Stand. Ihr Sohn ist einer der grössten Feldherrn Frankreichs geworden.

Feste und Trauerfeiern, Glück und Unglück wechselten stürmisch in dieser Familie. Elf Tage nach dem Tode Laura Victorias heiratete ihre Schwester Olympia den Prinzen Eugen Moriz von Savoyen-Carignan. Nicht hübsch, aber keck, reizvoll und intrigant, hatte sie den jungen König, der ihr Gespiele war, durch ihre Spottlust unterhalten und ihn lebhaft angezogen; man hatte es bemerkt, aber nicht ernst genommen; sie nahm es vielleicht ernster, und als auch andere Schönheiten ihn anzuziehen begannen, ward sie eifersüchtig. Von ihrer Verheiratung war oft gesprochen worden, aber teils war sie in ihrem ehrgeizigem Wahn nicht bereit gewesen, teils hatten die Bewerber ihre schöneren Cousinen vorgezogen. Jetzt, da sie den König entweichen sah und erkannte, dass sie geträumt hatte, war sie sehr bereit, einen Prinzen des Hauses Savoyen zu nehmen. Er war der Sohn des verstorbenen Prinzen Thomas und der Tochter des letzten Grafen von Bourbon-Soissons, der bei Sedan gefallen war. Von den Söhnen aus dieser Ehe war der älteste taubstumm, der zweite stotterte, der dritte »konnte sprechen«. Dieser wurde Olympias bequemer und zuvorkommender Gatte. Wenn Molières »Bürger als Edelmann« mit Staunen erfährt, dass er »Prosa« sprechen kann, so wussten die Eingeweihten unter den Zuschauern, dass Molière ein Wort verwendete, das vom Grafen von Soissons erzählt wurde. Er erhielt diesen Titel seines mütterlichen Grossvaters, so dass auch Olympia eine Prinzessin des königlichen Hauses wurde, und ward zum Generalobersten der Schweizer ernannt, weil man der unbotmässigen Truppe einen bequemeren Mann, als ihr letzter Generaloberst, der Herzog von Schomberg, gewesen war, einen gehorsamen Hofgeneral zum Führer geben wollte. Um so unbequemer war die Schwiegermutter, die Olympia erhielt, die Prinzessin von Carignan, eine verlogene Frau von unvernünftigen Launen. Mazarin musste oft zur Verträglichkeit mahnen. Das Haus Savoyen-Carignan war arm. Der Kardinal hatte seiner Nichte 600 000 Livres zur Mitgift gegeben; ihr Mann hatte nur seine Einkünfte als Generaloberst und als Statthalter im Bourbonnais. Sie waren etwa ein Jahr verheiratet, als Olympia, von ihrem schönen, im Wesen ihr ähnlichen Hoffräulein Denise du Fouilloux begleitet, ihrem Mann zur Armee nach Italien nachreiste und dem Kardinal unterwegs einen Brief schrieb, in dem sie ihm schnippisch mitteilt, dass »der Schneider auf Kredit keine Kleider liefern wolle und Fräulein du Fouilloux nicht auf den Ball gehen könne; sie selbst könne ihr nicht helfen, denn sie werde bald ihre eigenen Sachen versetzen müssen … seit der Hochzeit der Prinzessin von Conti haben Eure Eminenz mir nichts mehr gegeben … Demnächst werden wir wohl selber in einem Wirtshaus als Pfand bleiben müssen …« Zum Schluss bittet sie um strenges Geheimnis, da »sie vor der Welt das Gesicht wahre«. Denise du Fouilloux ist mit unterschrieben. Die Prinzessin von Carignan weigerte sich, ihren Sohn weiter zu unterstützen, und als der Kardinal auf Olympias Bitten ihr einen Teil der Apanage ihrer Schwiegermutter zuwies, wurde die Prinzessin rasend. Endlich setzte die Königin Olympia eine kleine Rente aus. Diese hatte indessen ihre Drohung wahrgemacht und den früheren Kammerherrn des Prinzen von Conti, Daniel von Cosnac, der indessen Bischof von Valence geworden war, um 10 000 Francs gebeten und ihm ihren Schmuck zum Pfand angeboten. Der junge Bischof schickte ihr das Geld und lehnte das Pfand ab: dann wichen beide einander ängstlich aus; er wollte sich durch seine mahnende Gegenwart nicht unbeliebt machen; fünf Jahre später mahnte er wirklich und erhielt das Geld zurück.

Die Gräfin von Soissons spielte am Hof eine wechselnde und schillernde Rolle; sie ist in den nächsten Jahren Mazarins Spionin am Hof gewesen und er bezahlte sie durch Vorteile, die er ihr sicherte. Intrigen, das abendliche Flüstern und die kleinen Verschwörungen und Geheimnisse in den Hofgemächern erfüllten ihr Dasein; wie weit sie von der Befriedigung an den Wirrnissen und Aufregungen, die sie mit verursachte, von kleinen Bosheiten zum wirklich Bösen fortschritt, wird schwer zu entscheiden sein: dunkle Prozesse, Verbannung, abenteuerliche Flucht, peinliche Erlebnisse und ein einsames bitteres Alter in Brüssel standen ihr bevor. Ihr Geschlecht aber blühte über das aller ihrer Schwestern und Verwandten: ihr jüngster Sohn war der grosse Prinz Eugen, der als österreichischer Feldherr Frankreich durch seine Siege erschütterte; und als 1831 die ältere Linie des Hauses Savoyen ausstarb, wurden ihre Nachkommen Könige von Sardinien, Könige von Italien.

Mazarin hatte seine Nichten in die Häuser Bourbon, Este, Savoyen und Vendôme verheiratet; aber er wünschte einen Erben für seinen eigenen herzoglichen Namen, und doppelt schmerzlich musste er empfinden, dass der stolzeste und beste seiner Neffen, Paolo Mancini, so früh gefallen war. Philippe Mancini war hübsch und liebenswürdig, auch nicht unbegabt, aber ohne Selbstzucht, voll von Eigenheiten und ohne allen Ehrgeiz. Der Kardinal empfand keine Sympathie für ihn. »Man muss sich mit Alphonse beschäftigen,« schrieb er im Juni des Jahres an Colbert, »denn aus dem älteren wird man nie etwas machen, oder ich müsste mich sehr irren.« Der König, der ihn gut leiden mochte, ernannte ihn zum Kapitänleutnant seiner Musketiere, deren Kapitän er selbst war, aber Philippe, der den militärischen Zwang nicht liebte, tat wenig Dienst und überliess die Führung der Kompagnie dem Leutnant Isaac von Baas, an dessen Stelle später d'Artagnan trat. Dagegen machte der jüngste, Alphonse, dem Oheim Freude; er war glänzend begabt und zeichnete sich bei den Jesuiten aus. In all seiner ungeheuren Arbeitslast wachte der Kardinal über den Fortschritten des kleinen Neffen; am 15. Juli 1657 schrieb er aus dem Lager vor Stenay an Colbert: »Ich höre, mein Neffe will heute eine Arbeit machen, mit der er sich um den Klassenpreis bewerben will. Sagen Sie ihm, dass ich selbst seine Arbeit sehen will, und wenn er guttut, ihm Beweise meiner Zufriedenheit geben werde. Mir scheint, er geht zu oft aus; er sollte selbst ablehnen und sich entschuldigen, wenn man ihn einlädt, denn er weiss, dass es mir nicht angenehm ist und nicht gut für ihn ist.« Mazarin wünschte vor allem nicht, dass er bei der Familie Chavignys verkehre, die den Knaben einlud. »Wenn die Ferien kommen, soll er mit den Kindern des Herrn Le Tellier« – des Staatsekretärs – »gehen, deren Umgang ihm nützlich sein wird. Ich bin sicher, Herr Le Tellier wird ihn wie sein drittes Kind behandeln. Zum Schluss: wenn er arbeiten wird, um ein anständiger Mensch zu werden, so werde ich sein Glück machen, wenn nicht, so werde ich mich nicht um ihn kümmern.« Der Kleine gewann den Klassenpreis, und am 18. August schreibt Colbert an den Kardinal: »Herr Alphonse bittet um die Erlaubnis, in den Ferien mit einem Gewehr schiessen zu dürfen, was ich ihm wohl ohne Anweisung von Euer Eminenz gestatten konnte. Da stets ein Kammerherr mit ihm sein wird, glaube ich nicht, das etwas geschehen kann.« Und der Kardinal antwortete am 21. August aus Sedan: »Ich freue mich über das, was Sie von meinem Neffen schreiben. Ich antworte auf seinen Brief, um ihn noch mehr anzuspornen; es ist nur gerecht, ihm eine besondere Belohnung für die Ferien zu geben. Ich wünsche, dass er in den Ferien Gewehrschiessen lerne.«

Mit dem Gewehr geschah nichts, aber um Weihnachten spielten die Zöglinge in einem Saal des Kollegiums »Prellen«, und da der kleine Mancini eben in die Luft geschleudert wurde, fiel er an einer Ecke des Prelltuches nieder, wo der kleine Abbé von Harcourt stand, der war ein schwaches Kind, und durch das Gewicht des Fallenden ward ihm der Tuchzipfel aus der Hand gerissen: Alphonse stürzte so heftig und so unglücklich zur Erde, dass er einen Schädelbruch erlitt. Die Leibärzte des Königs Esprit und Vallot und die vier ersten Chirurgen von Paris, Elis, Menard, Cressé und Letarge wurden zu ihm gerufen, er wurde trepanirt und der Dreizehnjährige ertrug die furchtbaren Operationen mit erstaunlicher Beherrschung; man schöpfte bereits Hoffnung, aber umsonst; er starb am 5. Januar und wurde neben seiner Mutter in der Marienkirche beigesetzt. Der Kardinal, in allen Hoffnungen zum zweitenmal furchtbar enttäuscht, schloss sich durch zehn Tage in Vincennes ein und liess keinen Menschen vor sich kommen.

Der ganze Hass, den die Franzosen gegen den Minister empfanden, spricht aus den Worten, mit denen der bittere Guy Patin den Tod des Knaben begleitete: »Der kleine Mancini, der Neffe Seiner Eminenz, ist am 5. Januar abends an Krämpfen, an seinem gebrochenen Kopf gestorben. Der Mazarin wollte für diesen kleinen Neffen einen Kardinalshut aus Rom kommen lassen und ihm für eine Million Pfründen geben. Was so ein kleiner Italiener allein verschlungen hätte, davon können zehn Franzosen leben. Man sagt sogar, er hätte ihn zu seinem Nachfolger im Ministerium bestimmt, aber der Strick ist gerissen. Diese Italiener kommen als magere Bettler her und fressen sich hier fett.« Und an anderer Stelle: »Der König tröstet das grosse Genie über seinen empfindlichen Verlust: nempe omnis credo exercet histrioniam: rex, sacerdos, plebs, eques.«

Die Feststimmung überwog am Hofe bei weitem in diesen Jahren, schon weil die Jugend den Ton angab, und auch weil Jahr um Jahr neue Erfolge und neuen Anlass zu Festen brachte. Im Sommer 1656 kam die Königin Christine nach Paris. Man hatte von der »schwedischen Pallas« gesprochen, als sie Dichter und Gelehrte an ihren Hof gezogen hatte. Mazarins Bibliothekar Naudé war, als er sich im Frühjahr 1652 nach der Verwüstung der Bibliothek ohne einen Pfennig in Paris fand, ihrer Einladung nach Stockholm gefolgt. Sie vermehrte das Staunen der Welt durch ihre Thronentsagung, durch ihren Glaubenswechsel, ihre Art zu leben. Sie kam aus Rom. Ganz Paris war erregt, bei Hof riss man sich um den Brief, den der Herzog von Guise, der ihr mit dem Grafen Comminges entgegengereist war, über sie schrieb. Alles wollte das Wunder sehen. Mazarins schüchterne Schwestern, die sich damals in Südfrankreich befanden, baten doch in tiefer weiblicher Neugier um die Erlaubnis, die Königin auf der Durchreise besuchen zu dürfen. Die gelehrte Königin, die acht Sprachen beherrschte, trug einen Leibrock von männlichem Schnitt, fussfreie Röcke und Männerstiefel; sie reiste ohne weibliche Bedienung, mit drei italienischen Kavalieren und einem Friseur; ihr Haar hatte sie glatt abrasiert; im ersten Augenblick, da der Wind ihre Perücke zerzaust hatte, erschien sie der Hofdame, Frau von Motteville, wie eine »schamlose Zigeunerin«, sie fand aber dann doch, dass die Schwedin zwar grobe aber stolze Züge und schöne feurige Augen hätte; ihre Hände waren stets erschrecklich schmutzig, und Mademoiselle musste, ebenso wie die Motteville, feststellen, dass sie die Beine so ungeniert über die Stuhllehne warf, wie sie es nie gesehen hatten. Sie tat auch gelegentlich starke oder taktlose Aussprüche; dem jungen König, der damals noch für Olympia Mancini schwärmte, redete sie zu, die Italienerin zu heiraten; Mademoiselle gegenüber bedauerte sie, dass der König in keine schönere Person verliebt sei. Aber sie antwortete jedem schlagfertig und hochmütig, der mit ihr anbinden wollte, nahm die königlichen Ehren, die ihr auf Wunsch des regierenden Königs von Schweden erwiesen wurden, königlich entgegen, besuchte die Akademie und das Theater, liess sich von dem Verwalter, Herrn Colbert, die Schätze im Palais des Kardinals zeigen – er selbst war abwesend – und machte zum Staunen und abermals endlosem Gerede der Gesellschaft nur einer einzigen Frau in Paris ihren Besuch: dem Fräulein Ninon von Lenclos, von deren Geist und freiem Leben sie viel gehört hatte. Sonst fand sie »Frauen zu unwissend und zu langweilig«.

Bei einem zweiten Besuch erfüllte sie die Welt mit ernsterem Entsetzen, als sie ihren Stallmeister, den Marchese Monaldeschi, der schon im Vorjahr mit ihr gekommen war, von den zwei andern Kavalieren in der Galerie des Schlosses von Fontainebleau, in dem sie wohnte, abschlachten liess. Sie hatte ihn kurzweg »zum Tode verurteilt«, und befahl den beiden andern ihn zu töten, und da er sich wehrte und alle in grosser Aufregung und Verwirrung waren, wurde es eine Schlächterei. Der Grund ist nie klargestellt worden. Der Hof war empört. »Wir sind hierzulande solche Tragödien nicht gewöhnt,« schrieb Mazarin an den französischen Gesandten in Stockholm, den Chevalier de Terlon; der Königin selbst liess er durch den früheren Gesandten, der an ihrem Hof gewesen, Herrn Chanut, seine Missbilligung aussprechen. Sie schrieb ihm im Ton eines beleidigten Schulmädchens zurück, sie nehme alles, was von ihm komme, mit Achtung auf, und Herr Chanut habe seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um ihr Angst zu machen. Wenn es nicht gelungen wäre, so sei das nicht seine Schuld, aber »wir Leute aus dem Norden sind ein wenig wüst von Natur und nicht so sehr furchtsam. Sie werden daher entschuldigen, wenn seine Mitteilungen nicht den gewünschten Erfolg gehabt haben. Ich bitte Sie, zu glauben, dass ich alles für Sie zu tun bereit bin, nur nicht mich zu fürchten. Ich finde es weit weniger schwierig, Leute umzubringen, als sie zu fürchten. Was meine Handlungsweise gegen Monaldeschi betrifft, so sage ich Ihnen, wenn es noch nicht geschehen wäre, so würde ich heute nicht zu Bette gehen, ohne es getan zu haben, und ich habe keinen Grund, sie zu bereuen. Dies sind meine Empfindungen über den Gegenstand: wenn sie Ihnen gefallen, so soll es mich freuen, wenn nicht, so werde ich dennoch nicht aufhören, dabei zu bleiben und auch mein ganzes Leben lang zu bleiben Ihre wohlaffektionierte Freundin Christine.« Sie kam indessen bald mit Bitten, als sie nicht mehr an den Hof eingeladen wurde. Man liess sie durch Monate sich in Fontainebleau langweilen, und als man ihr endlich gestattete, zum Karneval nach Paris zu kommen, räumte man ihr die Zimmer des Kardinals ein, der gerade abwesend war, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie vor seiner Rückkehr abreisen müsse. Trotzdem schob sie die Abreise hinaus, weil sie in grossen Geldnöten war, wie sie denn auch eigentlich beide Male gekommen war, um vom französischen Hofe Geld zu bekommen. Der Kardinal hatte ihr bereits 83 000 Livres zur Auslösung ihrer zu Amiens verpfändeten Wandteppiche geliehen. Bei Hof nicht eben aufmerksam behandelt, stürzte sie sich in den Pariser Karneval und fuhr von einem Ball zum andern, bis ihr der König zuletzt eine kleine Unterstützung auszahlen liess, damit sie nach Rom zurückkehrte. In Toulon bat sie den Präsidenten von Oppède vergeblich, ihr noch tausend Pistolen zu leihen. Mazarin zog aus ihrer Not Nutzen: ein eifriger Käufer von Diamanten, erfuhr er, dass sie die ihren in Antwerpen versetzt hatte und erstand sie billig. Aber er schickte ihr doch im nächsten Jahre durch den Obersten Tenderini 36 000 Livres nach Rom, mit dem Auftrag, dass sie nicht erfahren dürfe, dass sie von ihm kämen, denn »erhalten könne er sie nicht«.

Die schwedische Königin war für die Pariser eine Sensation, eine grossartige Unterhaltung gewesen, die, wie das geschieht, mit einer peinlichen Ernüchterung endete. Angenehmer für den Hof war die Wiederkehr und die Versöhnung seiner eigenen abtrünnigen Mitglieder. Jede bedeutete, jede vermehrte Mazarins Triumph. Die Herzogin von Longueville hatte ihm den demütigsten Brief geschrieben, in dem sie ihn ewiger Dankbarkeit, unerschütterlichen Gehorsams versicherte. Ihr Bruder Armand war sein Neffe geworden. Monsieur, der in Blois mit seiner ewig kränklichen Frau und seinen drei unversorgten Töchtern Hof hielt, war sehr fromm geworden, er fluchte nicht mehr und verbrachte die Zeit, die er einst mit Trinken, Weibern und Gassenbübereien verbracht hatte, mit Andachten und Gebeten. Als Herzog von Orléans, Chartres, Valois, Montargis und Graf von Blois standen ihm in seinem Gebiete gewisse Hoheitsrechte zu: die Justiz wurde in seinem Namen ausgeübt, die meisten Beamten von ihm ernannt, die niederen Geistlichen erhielten ihre Pfründen von ihm; einer der letzten Reste des alten Feudalstaates. Da seine vollkommene Harmlosigkeit und Machtlosigkeit feststand, vermittelte Mazarin selbst seine Versöhnung mit dem Hof. Er kam nach Paris und wurde freundlich und ehrenvoll empfangen, und kehrte dann wieder nach dem einsamen Blois zurück. Mademoiselle verzeichnet bitter und höhnisch, dass ihr Vater dem Kardinal den ersten Besuch machen musste, weil dieser an der Gicht erkrankt zu Bette lag.

Aber auch sie fühlte sich verlassen und unglücklich. Als sie 1655 in die Nähe von Paris kam, »wurde alle Welt krank« und am dritten Tag erhielt sie den Befehl, sich zu entfernen. Ihre Hofdamen langweilten sich zu Tode; die Folge waren Quälereien und Streitigkeiten ohne Ende. Mit ihrem Vater lag sie im Prozess über ihr mütterliches Erbe. Endlich war ein gerichtlicher Vergleich zustandegekommen, den ihre Grossmutter, die alte Herzogin von Guise, vorgeschlagen und den Monsieur nach grossem Geschrei angenommen hatte. Mademoiselle, die wirklich benachteiligt wurde, weinte bittere Tränen, ehe sie unterschrieb. »Dass ich nur nicht vor Stolz und Freude sterbe,« sagte sie, als sie zum erstenmal wieder eine Einladung von ihrem Vater erhielt. »Immer noch reden Sie so?« sagte der Graf von Béthune, der zusammen mit ihrem alten Kampfgenossen, dem Herzog von Beaufort, an dem Zustandekommen des Vergleichs mitgearbeitet hatte. »Ich werde für mein Geld doch noch reden dürfen!« erwiderte die Prinzessin. Aber der alte Gaston hatte einen ausserordentlichen persönlichen Reiz und konnte so bezaubernd liebenswürdig sein, dass sie davon hingerissen wurde; der Besuch, der mit steifer Verlegenheit des Herzogs und mühsam unterdrückten Tränen der Prinzessin begann, endete mit einer vollen Versöhnung, und der Herzog schrieb an den Kardinal, um ihr vom Hofe Verzeihung zu erbitten. Der Graf von Béthune, ein stets gefälliger Freund, vermittelte dann auch hier. Der Hof befand sich in Sedan in der Nähe der Armee, die Montmédy belagerte. Turenne schickte Mademoiselle eine Abteilung des Regiments Hessen-Homburg zur Eskorte durch das Kriegsgebiet; Gendarmen und Gardereiter holten sie ein, und sie war glücklich. Sie küsste der Königin den Saum des Kleides und die Hände nach den grossen Formen und Gesten der Zeit; dann sprach man freundlich miteinander. Die Königin war überrascht über die vielen grauen Haare, die die Prinzessin bekommen hatte, und ordnete sie ihr anders, und sagte ihr dabei, dass sie sie am Tag von Saint-Antoine am liebsten erdrosselt hätte; sonst aber sagte man sich Liebenswürdigkeiten. Es gab ein grosses Vorstellen von neuen Herren, neuen Damen. Die Prinzessin war Sonnabend angekommen. Dienstag, am Tage der Kapitulation, kamen der König und der Kardinal. »Hier ist ein Fräulein, das ich Ihnen vorstelle,« sagte die Königin, »der es sehr leid tut, schlimm gewesen zu sein und die in Zukunft brav sein wird.« Der König lachte. Am andern Morgen nach der Messe, da der Kardinal mit ihr im Wagen fuhr, sagte er: »Wenn Ihnen im Jahre 52 jemand gesagt hätte, dass der Mazarin im Jahr 57 neben Ihnen im Wagen sitzen würde, Sie hätten es nicht geglaubt, und nun sitzt er doch da, der Mazarin, der so viel Böses tat.« Und sie sprachen von der vergangenen Zeit und sagten einander viel halb ehrliche, halb verlogene Freundlichkeiten.

Zwei Jahre später machte der Hof noch einen Besuch in Blois. Mademoiselle beschreibt ihn: es war wie ein Besuch bei armen Verwandten; alles, die Trachten wie die Tafel in Blois, war aus der Mode, die jungen Prinzessinnen machten keine Figur, und ehe das Essen recht vorbei war, brach man wieder auf und fuhr fort. Das war das letzte Erscheinen Monsieurs, des »fils de France«, einst Generalstatthalters des Königreichs.

Die vollkommen veränderte Zeit breitete schnell ihren Schleier über die Vergangenheit. Ganz freilich wurde sie nicht vergessen. Als der Prinz von Conti eines Abends bei der Königin von den Kämpfen der Fronde zu erzählen begann und plötzlich erschrocken, »wie aus tiefem Schlaf erwachend« ausrief: »ich Narr, wie kann ich nur von diesen Dingen mit Ihnen sprechen,« da beruhigte die Königin ihn lächelnd: »ihm und Herrn von Turenne habe sie wirklich und von ganzem Herzen verziehen, aber … auch nur ihnen beiden!«

Und der König liess später die Akten der Parlamente aus diesen Jahren, soweit ihr Inhalt die Auflehnung gegen die Krone bezeugte, vernichten.


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