Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel
Die andere Taktik

Am 9. April 1651 schrieb der Parlamentsrat Olivier d'Ormesson in sein Tagebuch: »Man sieht, dass der Herr Prinz nach seiner Gefangenschaft noch mächtiger ist als vorher, und dass nur seine eigene Mässigung ihn noch im Zaum halten kann.« Aber eine gleiche Lage der Dinge kehrt nie wieder: Condés Stellung war äusserlich und mehr noch innerlich eine andere als im Jahre 1649, da er den Hof und Frankreich zum ersten Male beherrscht hatte. Scheinbar trugen seine einzigartige Persönlichkeit im Herrscherhause, sein Ruhm und seine kriegerische Macht ihn auf die höchste Höhe, aber die Spannungen waren andere geworden, ihm selbst aber fehlte wie vormals das Nötigste: die Erkenntnis.

Der die Erkenntnis hatte und ein klares Ziel, sass auf Schloss Brühl. Was Condé durch das Gewicht seiner Person erreicht zu haben glaubte, das hatte der Spielleiter dort ihm zugewiesen; und sowie er den Zug vollendet und ihn dadurch mit seinen Verbündeten von gestern tödlich entzweit hatte, stellte er bereits diese in sein Spiel gegen den Prinzen ein. So liess er mit wundervoller Gewandtheit seine Gegner für sich arbeiten, ohne dass sie es ahnten.

Freilich ward ihm im Augenblick bei der Höhe des Einsatzes bange. Der Prinz hatte die Statthalterschaft von Burgund mit dem Herzog von Epernon getauscht und von diesem die Guyenne erhalten; und damit Bordeaux, die Stadt, die ihm am meisten ergeben war und auf die er sich am besten stützen konnte. Da aber in Burgund seine Anhänger die festesten Plätze besassen – Arnauld de Corbeville war Gouverneur in Dijon und Montmorency-Boutteville in Bellegarde –, so war ihm diese Provinz im Falle eines Krieges nicht verloren. In der daran grenzenden Champagne war sein Bruder Statthalter und er selbst im Berri; sein Schwager Longueville hatte die Normandie. Eine Reihe von Grenzfestungen war in den Händen seiner Anhänger; in den nördlichen Provinzen stand der Graf von Tavannes mit den Regimentern der Prinzen, die eine kleine Armee für sich bildeten; in Katalonien kommandierte Marsin, einer seiner treuesten Anhänger, die königlichen Truppen. Nun forderte er noch die Auvergne für den Herzog von Nemours, die Provence für seinen Bruder, verlangte weitere Festungen und suchte Verbindungen im Süden, die ihm die Küsten und Mündungen gesichert hätten.

Die von ihm abhängigen Provinzen wären ein Gürtel um Frankreich gewesen. Niemand kann sagen, was für Pläne er erwog, was ihm eigene ehrgeizige Träume, was ihm aufstachelnde und verlockende Reden mancher, die um ihn waren, zuflüsterten. Sechsunddreissig Jahre später, als sein Katafalk im Dom von Notre-Dame unter tausend Kerzen stand und Bossuet ihm eine berühmte Leichenrede hielt, da sagte der Bischof: »Hier vor den Altären darf ich wohl die Worte wiederholen, die ich aus seinem eigenen Munde gehört: er sagte, da er von jener unglücklichen Gefangenschaft sprach, dass er als der unschuldigste aller Menschen hineingegangen und als der schuldigste wieder herausgekommen.« Und der Graf von Coligny in den »kleinen Erinnerungen«, die er als alter Mann an den Band seines Messbuches schrieb: »Er wollte dem König die Krone rauben. Ich weiss, was er mir oft gesagt, und worauf er seine Pläne gründete; aber das sind Dinge, die ich lieber vergessen als niederschreiben will.« An ein unabhängiges Fürstentum für sich, sei es Lothringen, sei es Burgund, hatte er von jeher gedacht. Jetzt schickte er den Marquis von Sillery unter einem Vorwand nach Brüssel, um Unterhandlungen für ihn mit den Spaniern zu führen. Die Sendung konnte nicht geheim bleiben und war sofort verdächtig.

Aber seine so hochgetürmte Macht war allseits untergraben. Er selbst arbeitete daran. Bei Hof machte er sich keine Freunde. In einer Sitzung des Staatsrats hatte er den Präsidenten von Maisons, der Oberintendant der Finanzen war, gefragt, wo bestimmte Gelder hingekommen wären, und dieser hatte ein wenig schroff geantwortet: »Das wissen Sie ganz gut, gnädiger Herr!« – »Wir wollen nicht heftig werden!« sagte Conde gereizt; da aber der Präsident ihm weiter widersprach, wurde der Prinz so wütend, dass er jede Selbstbeherrschung verlor und jenen in brutalster Weise insultierte. Die anderen Minister sassen schweigend, mit mancherlei Gedanken. Seine eigenen Freunde musste seine Undankbarkeit gegen die Führer der Fronde, wenn sie gleich ihre Gegner waren, bedenklich machen. Die bedeutendsten unter ihnen, deren Schicksal am wenigsten an das seine geknüpft war, die eine selbständige Politik treiben konnten, waren unzufrieden. La Rochefoucauld war beleidigt, dass der Prinz nicht im ersten Abkommen mit dem Hof, auf der Abtretung von Blaye, das ihm versprochen war, bestanden und sie durchgesetzt hatte. Die Bouillons fanden ihren Vorteil zu wenig gewahrt; sie wollten auf allen Wegen ihr Fürstentum Sedan zurückhaben; Turenne war weder mit der Rolle, die er unter Condé spielte, noch mit der Behandlung zufrieden, die er erfuhr. Die Freundschaft des ersten Präsidenten war verscherzt: Matthieu Molé trug der Königin wegen seiner Entlassung keinen Groll, aber dem Prinzen verzieh er nicht. Der Herzog von Longueville war doppelt geärgert durch Condés höhnisches Benehmen: »Sie nützten ihn aus, ohne ihm darum Achtung zu erweisen, wie sie es mit jedem machten, der dies ertrug,« schreibt seine Tochter – und er war erbittert durch das Verhalten seiner Gattin, die der Politik und den Abenteuern der Partei und zugleich ihrer Liebe lebte, und sein Verlangen, dass sie zu ihm zurückkehre, mit der gleichen verletzenden Geringschätzung zurückwies. Sie hatte in ihrer Stieftochter eine Feindin; und durch Fräulein von Longueville und durch Priolo, den Sekretär des Herzogs, knüpfte Mazarin mit ihm Verhandlungen an: der alte Mann söhnte sich mit dem Hofe aus und Condé hatte die Normandie verloren. Bei Bouillon und Turenne erschien, dem Hofe wie ihnen befreundet, mit neuen Anerbietungen der kluge Ruvigny und hatte mit beiden Brüdern unendliche Besprechungen.

Indessen warf der Kardinal den Ministern Servien und Lionne vor, dass sie ihre Vollmachten überschritten hätten, als sie dem Prinzen die Guyenne zugestanden und ihm die Festung Blaye für La Rochefoucauld versprochen hätten. Er hiess sie allen neuen Forderungen sich unbedingt widersetzen. Das bedeutete bei Condés heftigem Wesen schon den Bruch mit ihm.

Während die Freunde wankend wurden, arbeiteten die Feinde kräftig gegen ihn. »Freitag, den 21. April, war Frau von Chevreuse allein bei der Königin im kleinen Kabinett und hat ihr alles erzählt,« berichtet Dubuisson-Aubenay in seinem Tagebuch. Die Herzogin bot ihre von Conti verlassene Tochter nun zur Vermählung mit des Kardinals jugendlichem Neffen Paolo Mancini an. Châteauneuf, der in seinem Zorn den Vertrauten Mazarins jetzt die Pläne verriet, die die Prinzen im Februar gegen die Krone beschlossen hatten, bat Brachet, nach Brühl zu gehen und dort seine Mitarbeit anzutragen. Vorsichtig erwiderte der Kardinal ihm, wie vielen anderen, die ihm in diesen Tagen schrieben: »Wie schade, dass Sie nicht vor sechs Monaten so gedacht! Nun habe ich keine Lust mehr, die Staatsgeschäfte in Frankreich zu leiten – aber tun Sie etwas für meine Ehre!« Doppelte Vorsicht war ihm in dieser Zeit, da er aus der Ferne arbeitete, notwendig. Der Königin liess er sagen, »sie möge tun, als freue sie sich über solche Bekehrungen, um zu verhüten, dass jene sich nicht etwa, von ihr abgewiesen, mit dem Prinzen aussöhnten«. Aber während er zögerte, drängte er zugleich und warnte schon wieder vor Chavigny, der, wenn man ihm Zeit liesse, ganz der Mann sei, ein solides Gebäude zu errichten. »Wie die Sachen liegen, muss man alle Leute gut behandeln und kajolieren,« schrieb er an Lionne, »il faut bien traiter et cajoler tout le monde« … »auch Frau von Longueville … man kann die Leute nachher immer wieder auseinanderbringen.«

Wenn in diesen Wochen alle, aus Berechnung oder Leidenschaft, ihre Bündnisse schlossen, einander dienten oder einander betrogen, so war dies für Retz noch über seinen Ehrgeiz hinaus ein schauspielerisches Bedürfnis. Seine Verstellung war vielfach und künstlerisch. Als Monsieur sich so rasch mit dem Hofe wieder gut stellte, da zog er sich ins Kloster von Notre-Dame zu den frommen Pflichten seines Berufes zurück. In Monsieurs Augen las er die Freude, den im Augenblick unbequemen Ratgeber loszuwerden. »Adieu, guter Vater Einsiedel!« sagte der Prinz von Conti lachend, als er ihm den Abschiedsbesuch machen kam, denn die Feinde erwiesen einander, soweit sie zur guten Gesellschaft gehörten, jede Höflichkeit. Er lebte frommen Studien und Gebeten, machte Firmungsfahrten in die Umgebung und liess in einem seiner Fenster ein Vogelhaus anlegen.

»Ich überliess mich der Vorsehung nicht so ganz,« schreibt er, »dass ich mich nicht auch der irdischen Mittel bedient hätte.« Zunächst zur eigenen Sicherheit. Weltliche Freunde und Anhänger wie die Herren von Annery, von Lameth, von Châteaubriand waren im Kloster seine Gäste; fünfzig schottische Edelleute von den Truppen des ihm befreundeten Marquis von Montrose waren in der Rue Neuve einquartiert. Allerlei Leute gingen im Kloster aus und ein, er selbst begab sich wie vorher jede Nacht verkleidet, nur von Malclerc, seinem Stallmeister, begleitet, zu seiner Schönen im Hotel de Chevreuse. Im stillen machte er sich in Paris bei Volk und Geistlichkeit beliebt, schadete seinen Feinden und freute sich am eigenen Spiel. »Der Koadjutor pfeift seinen Vöglein,« sagte Bautru, der Spassmacher bei Hof.

Da erhielt er einen unerwarteten Besuch. Der Marschall du Plessis-Praslin liess sich geheimnisvoll nach Mitternacht bei ihm melden, umarmte ihn beim Eintritt und sagte: »Ich begrüsse Sie als unseren Minister. Die Königin legt ihre Person, die des Königs und die Krone in Ihre Hände«; und er zeigte ihm einen Brief Mazarins an die Königin, in dem stand: »Sie wissen, dass ich keinen schlimmeren Feind in der Welt habe als den Koadjutor. Aber ehe Sie die Forderungen des Prinzen bewilligen, machen Sie jenen zum Kardinal, geben Sie ihm meine Stelle, meine Wohnung; denn wenn der Prinz solche Dinge verlangt, können Sie ihn ebensogut gleich nach Reims zur Krönung führen!« Retz begriff, dass der Brief geschrieben war, um ihm gezeigt zu werden. »Sowie ich dem Hof nur halb traute, beschloss auch ich halb ehrlich zu sein: das Ministerium auszuschlagen und den Kardinalshut bei der Gelegenheit zu gewinnen.« »Sie sollten die Königin sprechen,« sagte der Marschall prüfend, und da Retz ihm entgegenkam, zog er ein von der Königin gesiegeltes Schreiben hervor, das jenem Sicherheit verbürgte. Retz küsste es ehrfürchtig und fragte: »Wann wollen Sie mich zu Ihrer Majestät führen?«

Wieder kam er heimlich des Nachts im Kloster von Saint-Honoré mit der Regentin zusammen. Nach langen Unterhandlungen und gegenseitigen liebenwürdigen und verlogenen Reden versprach Retz: wenn sie ihm gestatte, es ohne Lohn zu tun, mache er sich anheischig, den Prinzen in acht Tagen aus Paris zu treiben und auch zu bewirken, dass Monsieur sich von ihm lossage. Entzückt reichte die Königin ihm die Hand und sagte: »Übermorgen sind Sie Kardinal und der zweite meiner Freunde!« Er bedang sich jedoch das Recht aus, auch ferner gegen Mazarin zu sprechen. Das verdross die Königin: sonst würde er für abtrünnig gelten und allen Einfluss bei der Partei verlieren, begründete er. Um bei der Gelegenheit zwei im Augenblick verbündete Gegner zu unversöhnlichen Feinden zu machen, zeigte sie ihm ein Memorandum, das Châteauneuf seinerzeit gegen ihn aufgesetzt hatte; sichtlich Mazarins Weisung, den sie im Gespräch »ce pauvre innocent« nannte. Dagegen hiess sie den Koadjutor sich mit der Kurprinzessin ins Einvernehmen setzen, die seine Freundin sei. »Sie sind ein Dämon,« hätte sie ihm zuletzt gesagt, »gehen Sie zur Kurprinzessin!« Er erzählt auch, dass die Königin im Verlauf der Tage einmal Fräulein von Chevreuse fragte, »ob er, Retz, noch die gleichen Absichten hätte?« und da jene es bejahte, hätte die Königin sie geküsst und gesagt: »Spitzbübin, du tust mir heute so wohl, wie du mir vordem weh getan hast!«

Gondi verliess das Kloster und ging ans Werk. Er kehrte in die Welt zurück; er redete und liess schreiben. Wieder wurde Paris von Schriften überflutet; diesmal für und gegen den Prinzen, wie für und gegen den Koadjutor, die auf der Bühne von Paris jetzt schnell die Gegenspieler wurden. Da erschien von des Koadjutors Seite »Die Verteidigung der alten rechtmässigen Fronde«; von der anderen, vom Dichter Sarazin, der in Contis Diensten stand, sehr geschickt geschrieben, der »Brief eines Pariser Kirchenvorstehers an seinen Pfarrer über das Benehmen des Herrn Koadjutors«. Retz liess durch Olivier Patru, der für den feinsten Kopf des Pariser Barreaus galt, die »Antwort des Pfarrers an den Kirchenvorsteher« verfassen, ein Advokat Portail schrieb für ihn die »Verteidigung des Koadjutors«, einige Pamphlete verfasste er selbst und sah die anderen für ihn geschriebenen sicherlich durch, feilte und arbeitete mit. »Der Koadjutor hat die besten Schreiber im Sold,« schrieb Mazarin kurze Zeit darauf, »er könnte einige Schriften für uns verfassen lassen«. All diese – und sehr viele andere Hefte –, deren Bestellung und Entstehung, wie heute der Ursprung aufsehenerregender Zeitungsartikel, den Lesern verborgen war, wurden in den Strassen ausgerufen und feilgeboten. Retz erzählt, wie er die »Verteidigung der alten rechtmässigen Fronde« durch fünfzig Austräger in Paris verkaufen liess; und da diese Leute den Angriffen erbitterter Anhänger der anderen Partei ausgesetzt waren, so wurden sie durch bezahlte, mit Stöcken bewaffnete Kerle, die sich in ihrer Nähe hielten, geschützt; und die Prügeleien in Paris, besonders auf dem Pont-Neuf, waren ungeheuer. Da politische Druckschriften, ja alle Druckschriften, die die Zensur nicht passiert und ein Privileg erhalten hatten, verboten waren, hatten sie auch die Polizei zu fürchten, die vornehmlich nach Angriffen auf den Hof und den Kardinal fahndete. Die Strafen waren furchtbar und fruchteten nichts: Todesstrafe traf den Drucker wie den Verfasser, die Schriften selbst wurden verbrannt, die Austräger, wenn sie keinen behördlichen Erlaubnisschein vorweisen konnten, öffentlich durchgepeitscht. Aber selten wurde in diesen Zeiten einer erwischt, noch seltener kam es bis zur Verurteilung oder Bestrafung. Im Jahre 1649 war eine Witwe Musnier mit ihren Kindern zu den Galeeren verurteilt worden; den Drucker Marlot hatte das Volk auf dem Weg zum Galgen mit Gewalt befreit. Retz' Pamphlete wurden heimlich bei der Witwe Guillemot, Hofdruckerin des Herzogs von Orléans, gedruckt, der Prinz hatte seine eigene Druckerei im Hôtel Condé eingerichtet, der Hof hatte eine in den königlichen Schlössern. An viertausend verbotene politische Streit- und Schmähschriften sind in der Zeit vom Januar 1649 zum Oktober 1652 in Paris erschienen und öffentlich verkauft worden. Die Verfasser liefen noch besondere Gefahr: vornehme Herren rächten sich für den Spott gelegentlich durch Prügel; einem gewissen Dubois-Montandré, der ein »Manifest« für den Prinzen verfasst hatte, wurde in diesen Tagen im Auftrag des Marquis von Vardes die Nase abgeschnitten.

Das Seltsame der Lage war, dass die Führer der alten Fronde ein heimliches Bündnis mit dem Kardinal geschlossen hatten, von dem ihre Partei nichts wissen durfte. Im Parlament herrschte noch immer die gleiche Erbitterung gegen ihn, und die für seine Rückkehr arbeiteten, mussten öffentlich gegen ihn sprechen. Und da sie im Herzen diese Rückkehr selbst durchaus nicht wünschten, so war ihre Haltung eine so durch und durch verlogene, dass sie sich selber nicht mehr über sie klar sein mochten. Allerlei Gerüchte gingen; dass die Kuriere zwischen Brühl und dem Hof hin und her ritten, konnte nicht geheim bleiben: man fühlte den Kardinal. Der dachte wirklich bereits daran, zurückzukommen.

In diesem Wirrsal von Unehrlichkeit und nacktester Gier nach Vorteil und Macht fiel es allen als Dummheit auf, dass ein Mann sich ritterlich benahm. Der Herzog von Mercœur, des Hallenkönigs Beaufort älterer Bruder, der in den ersten Tagen des Jahres 1649 mit Laura Victoria Mancini verlobt worden war, liebte das schöne und liebenswürdige Mädchen wirklich und hielt an ihr fest, jetzt da ihr Oheim gestürzt, sie selbst arm und verhöhnt in die Fremde getrieben war. Er reiste ihr heimlich nach und vermählte sich mit ihr im Exil, wahrscheinlich auf Schloss Brühl; auch die Zeit, wann es geschah, steht nicht fest; doch muss es in diesen Wochen gewesen sein. Er hatte seine Treue zunächst zu büssen. Sowie er zurückkam, lud das Parlament ihn vor. Retz erzählt, dass er erst schüchtern und ungeschickt vor der Versammlung ganz den Eindruck eines albernen Bauernjungen machte, zuletzt aber in Hitze geriet und die Prinzen in grausame Verlegenheit brachte, indem er ihnen vorhielt, wie sie sich einst so ganz anders zu seiner Verlobung gestellt hatten. Das Parlament verbot, dass »Madame Laura Mancini« den Boden Frankreichs beträte; sein Vater, der alte Herzog von Vendôme, enterbte ihn; und dass die Königin ihm dafür wohlgesinnt ward, dass der junge König ihn bei allen Hofballetts in seiner »Figur« haben wollte, das half ihm nicht viel. Da er harmlos und gutmütig war, nahm niemand Rücksicht auf ihn, nicht einmal der Kardinal, der überdies andere Sorgen hatte; und so spielte er in den nächsten Monaten eine traurige Rolle, als Neuvermählter ohne Frau, und in solcher Geldnot, dass er die nötigen Anzüge für jene Ballettfiguren bei Hof sich nicht zu schaffen wusste. Die Königin gab, wie er selbst beklagt, »Leuten, die vor acht Tagen noch die Waffen gegen den König getragen«, Statthalterschaften, aber nicht dem sanften Menschen, den man nicht brauchte und nicht fürchtete.

Wie kläglich diese Hochzeit sich anliess, und ob sie in Paris nur Spott und Wut erregte, so war es doch die erste Verbindung des Kardinals mit einem fürstlichen Hause; das Blut Pietro Mazarinis verband sich mit dem Blut der Bourbons, aus dem Exil schlug er Wurzel in Frankreich. Er dachte und schrieb bereits von weiteren Vermählungen, nannte den schönen Candale, der ihm von jeher in die Augen gestochen, glaubte vielleicht selbst Beaufort durch die Hand einer Nichte für sich gewinnen zu können. Trotz Not und Klagen hielt er den Augenblick der Rückkehr für nahe. Er richtete an Goulas, den Sekretär des Herzogs von Orléans, einen demütigen Brief: »niemand würde mehr Verehrung, mehr Unterwürfigkeit für Seine königliche Hoheit hegen als er«. Aber die Minister schrieben ihm, die Zeit sei noch nicht gekommen, noch sei der Hass zu gross. Der Graf von Brienne versicherte ihm: »Jahre würden noch vergehen, und auch dass er zu seinem Gelde komme, sei aussichtslos.« Zum Troste konnten ihm seine Korrespondenten sagen, dass die Königin unveränderlich für ihn sei; dass die Kinder bei Hof einander als Schimpfwort »Frondeur« zuriefen, worauf der König jüngst den kleinen Beauvais gefragt hätte: »Was bin denn ich?« – »Sie sind ein Mazariner!« antwortete der; dazu hätte der kleine Ludwig XIV. gelacht und sei rot geworden und hätte seine Mutter angesehen, die ebenfalls eine lebhafte Freude gezeigt hätte. Von Anfang an und wiederholt hatte sie an das Kind, das ganz unter ihrem Einfluss stand, die Frage gerichtet: »Wenn Sie grossjährig sind, mein Sohn, werden Sie nicht den Herrn Kardinal zurückrufen, der uns so gut gedient hat?« – »Ja, sicherlich!« versprach der Knabe jedesmal.

Während der unruhige gestürzte Mann in Brühl seine Hoffnungen erwog, schlugen die Minister ihm dringend vor, da an ein Zurückkommen doch nicht zu denken sei, möge er einen »ehrenhaften Ausweg« wählen und in irgendeiner Mission für die französische Regierung nach Rom gehen; dass der Papst ihn gut aufnehme, dafür würden sie schon Sorge tragen. Sie liessen durchblicken, dass bei dem hohen Alter des Papstes im nächsten Konklave auch für ihn Aussichten der Wahl wären.

Er fühlte, dass sie den keineswegs bequemen Meister loszuwerden wünschten. Das waren die Tage, in denen die Minister für ihn und die Königin Verräter und Schurken waren. Zur Vorsicht wollte er sich den Ausweg und die Teilnahme am Konklave jedenfalls sichern; und er schrieb an Benedetti, dass er nun die Weihen nehmen wolle, ohne die er zum Konklave nicht zugelassen war. Der Papst, sein Feind, weigerte ihm die Dispens, die Weihen extra tempora zu nehmen.

Da er ihrem Rat nicht folgte, schickten ihm die Minister einen förmlichen Befehl, sich nach Rom zu begeben. Mazarin rührte sich nicht vom Rheinufer fort.

Indessen wurde in Paris der Kampf gegen Condé nicht nur mit Schriften und listigen Reden im Parlament geführt, die die Umstimmung vorbereiten sollten; sondern wie im Jahre 1650 einigten sich die gleichen Personen mit Mazarin und der Königin dahin, dass es am besten wäre, den Gefährlichen abermals in Haft zu nehmen. Beim Grafen von Montrésor, zu dem der Koadjutor, damit die Fahrt unauffälliger sei, in Jolys Wagen fuhr, hatte er mit Lionne eine dreistündige Besprechung. Die Frage war nur, wo die Verhaftung vorgenommen werden sollte, denn ins Palais Royal kam der Prinz bereits nicht mehr. Die Königin beriet mit vielen; der Marquis von Seneterre, ein alter, schlauer Höfling, riet ihr von Gewalt ab; ein Mönch und Doktor der Theologie, den sie für ihr Gewissen befragte, erklärte, sie könne mit dem Prinzen wie mit einem Verbrecher und Reichsfeind verfahren. Es fanden sich Männer, die Lehre zur Tat zu machen. Der Marschall von Hocquincourt, ein derber schöner Kriegsmann von kurzem Sinn, erbot sich, den Prinzen niederzustechen. Der Graf von Harcourt, der Grossstallmeister von Frankreich, der vielleicht das Spottlied nicht verwunden hatte, das Condé einst auf ihn dichtete, und das ihm auf allen Wegen folgte, soll sich gleichfalls angeboten haben. Alle Parteien behaupten in ihren Memoiren, dass sie selbst den Vorschlag mit Abscheu zurückgewiesen, die anderen ihn nicht ungern gehört hätten, jeder greift nach dem Verdienst, den Mord verhindert zu haben. Die Motteville versichert, dass schon die Worte jenes Geistlichen der Königin höchlich missfielen; und es scheint in der Tat nicht glaublich, dass Mazarin, der jedem blutigen Vorgehen abgeneigt war, einen so furchtbaren Eingriff auf sich genommen hätte. Er hat jedenfalls an Lionne geschrieben, dass er durchaus dagegen sei.

Ehe man sich über die Schlinge geeinigt hatte, die ihm gelegt werden sollte, war Condé, der ohnedies seit jenem ersten Male in beständiger Angst vor einer neuen Verhaftung lebte, gewarnt worden. Und als in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli, da er bereits zu Bett lag, Vineuil, sein Sekretär, eintrat und ihm sagte, zwei Kompagnien der Garden marschierten auf sein Haus zu, stand er sofort auf, verliess, nur von wenigen Personen begleitet, Paris durch die Porte Saint-Michel und ritt querfeldein, bis er abermals Pferdegetrappel durch die Nacht vernahm. Es war, wie sich herausstellte, ein langer Zug von Geflügelhändlern, die auf ihren Eseln zur Stadt auf den Markt ritten, vor denen der tapferste Mann der Zeit jetzt in wilder Flucht davonsprengte. Auch die Gardesoldaten waren nur zum Schutz einer Zollbehörde ausgerückt. Aber der Prinz war auf weitem Umweg, beinahe über Meudon, in seinem Schloss Saint-Maur-les-Fossés angelangt, das nicht weit von Charenton und Vincennes an der Marne lag, und er hiess seine Familie und seine Freunde zu ihm kommen.


 << zurück weiter >>