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Zweites Kapitel
Casale

Italien war damals politisch eine Ruine, umleuchtet vom Glanz seiner Kunstwerke. Der päpstliche Stuhl war noch immer eine Grossmacht, aber nicht mehr wie einst, denn halb Europa war protestantisch und die christlichen Völker des Mittelalters waren nationale Mächte geworden mit einem irdischen Staatsideal. Neapel, Sizilien, Sardinien und Mailand standen unter der lebentötenden spanischen Herrschaft. Venedig war im Verfall. Nur im Nordwesten war das immer kriegerische, mit Savoyen vereinigte Piemonte bereits eine Macht. Die kleineren Staaten wie Toskana, Genua, Parma konnten keine selbständige Politik treiben, sondern mussten sich Stärkeren beugen und anschliessen. Selbst Savoyen hatte zwischen Spanien und Frankreich einen schweren Stand.

Da war am 26. Dezember 1627 der Herzog Vincenz II. von Mantua, der letzte aus der regierenden Linie des Hauses Gonzaga, gestorben, und Karl von Gonzaga, Herzog von Nevers, aus einer durch die Heirat Ludovico Gonzagas mit Henriette von Cleve in Frankreich begüterten Linie des Hauses, war sein Erbe in Mantua wie in der Markgrafschaft Montferrat, die, weit vom mantuanischen Gebiet getrennt, zwischen Mailand und Savoyen lag.

Der spanischen Regierung war es nicht angenehm, dass ein mehr oder minder französischer Fürst in den beiden Provinzen herrschen sollte. Sie begünstigte daher einen anderen Bewerber aus einer entfernteren Seitenlinie der Gonzaga, den Herzog von Guastalla.

In Savoyen regierte ein alter rastloser Mann, Karl Emanuel I., einer der vielen bedeutenden Fürsten, die das Haus Savoyen hervorgebracht, ein schlauer Diplomat, ein glänzender Krieger, unermüdlich in ehrgeizigen Plänen, als Mensch hart und treulos. Er hatte schon früher Anspruch auf das an seiner Grenze gelegene Montferrat erhoben. Sein Vorwand war, dass Montferrat ein Weiberlehen sei und daher der Prinzessin Maria Gonzaga, seiner Enkelin, somit ihm selber zufallen müsste. Aber auf klugen französischen Rat war Karls ältester Sohn, der Herzog von Rethel, in Mantua eingetroffen und hatte sich noch in der Todesnacht des letzten Herzogs, ihres Oheims, mit dieser Prinzessin vermählt. Eine päpstliche Dispens lag bereit. Wenige Tage darauf kam auch sein Vater, liess sich zum Herzog ausrufen und schickte den Sohn an den Hof Ferdinands II. nach Wien, um für den Vater zu huldigen und die kaiserliche Belehnung zu fordern. Die Formen des Mittelalters galten noch.

Spanischer Einfluss erreichte es bei dem verwandten und verbündeten Wiener Hofe leicht, dass der Kaiser Mantua zunächst als erledigtes Reichslehen betrachtete und beide Bewerber vorlud. Und wenige Stunden vor jener Nacht, in der Herzog Vincenz starb und seine Nichte Maria ihren Verwandten heiratete, hatte Karl Emanuel mit den Spaniern einen Geheimvertrag geschlossen, nach welchem Montferrat zwischen beiden geteilt werden und die östliche, an die Lombardei grenzende Hälfte mit der Festung Casale, der stärksten in Oberitalien, an Spanien, der westliche Teil an Savoyen fallen sollte. Schon am 25. Februar rückten unerwartet von der einen Seite eine spanische, von der anderen eine piemontesische Armee in die Markgrafschaft ein. Victor Amadeus, Prinz von Piemonte, Karl Emanuels ältester Sohn, nahm eine Stadt nach der anderen und liess die Besatzungen niedermetzeln. Die Spanier unter Gonzalez von Cordova belagerten Casale.

Inzwischen hatte der Papst Gian Francesco Sacchetti als ausserordentlichen Nuntius nach Mailand geschickt, um den Streit zu schlichten, und dieser hatte seinen angenehmen und erprobten Mitarbeiter, den Kapitän Mazarini, als Sekretär mitgenommen.

Denn dieser sogenannte Mantuanische Erbfolgestreit bedeutete ganz anderes als die blosse örtliche Frage, wer in den zwei Ländchen regieren sollte. Ein ungeheures Kriegswetter zog sich über Europa zusammen. In Deutschland raste bereits seit zehn Jahren der Kampf der protestantischen Fürsten gegen den Kaiser und die Liga; hier und jetzt drohte der Weltkrieg auszubrechen, zu dem der deutsche Religionskrieg ward und der das Schicksal Europas umgestaltete; und er bedrohte zunächst das immer unglückliche Italien.

Der gewaltige Mann und die Macht, die bereits den Veltliner Streit entschieden hatte und die nun hinter Karl von Nevers stand, konnte jeden Augenblick eingreifen. Er war jetzt noch im eigenen Lande festgehalten, in dem er die Hugenotten niederwarf, die Frankreich als »Staat im Staat« geteilt hatten. Seit einem Jahre lag er vor La Rochelle und musste die Spanier vor Casale gewähren lassen. Aber französische Edelleute, die eben noch im piemontesischen Heer gedient hatten, verliessen es, schlichen sich durch die spanischen Linien und ermutigten die italienische Besatzung in Casale durch ihre heisse Tapferkeit.

Und als am 28. Oktober 1628 La Rochelle fiel, zog noch im selben Winter eine französische Armee durch Schnee und Kälte über die Alpen, stürmte im März den Pass von Susa und zwang Karl Emanuel zum Bündnis mit Frankreich; Montferrat musste er aufgeben; Gonzalez von Cordova zog heim, Richelieu schickte den Grafen von Toiras als Kommandanten nach Casale, liess den Marschall von Créqui mit Truppen in Italien und führte das französische Heer nach Frankreich zurück.

Aber die Spanier wollten Casale, das ihnen in französischen Händen zu gefährlich für Mailand lag; und beide habsburgischen Monarchien, zusammen die Weltmacht der Zeit, hatten nicht Lust, sich darein zu fügen, dass Frankreich eine italienische Frage entschied. Die Spanier schickten ihren besten Mann, den Genuesen Ambrogio Spinola, Marques de los Balbazes, den Eroberer von Ostende und Breda, als Statthalter nach Mailand; der Kaiser beschloss, Wallenstein nach Italien zu schicken. Vorläufig kam an seiner Stelle der Graf Collalto als kaiserlicher General mit einer Armee von Wallensteinern, die sogleich furchtbar in Italien hauste; Gallas, Altringer, Octavio Piccolomini dienten unter ihm.

Mantua und Venedig riefen Frankreich und gemäss dem Vertrag von Susa auch Savoyen zu Hilfe. Aber Karl Emanuel hatte sich bereits wieder heimlich den Spaniern verbündet.

Dem Sturm zu wehren, schickte der Papst nun eine »grosse Gesandtschaft« nach Oberitalien. Sein Neffe Antonio Barberini sollte als Kardinallegat in Bologna bleiben, der Monsignore Gian Giacomo Panziroli als ausserordentlicher Nuntius nach Mailand gehen und Mazzarini als eine Art Attaché der Gesandtschaft dort bleiben.

Er hatte viele Gönner in Rom. Sein Vater schrieb ihm in diesen Tagen in einem Brief, der noch vorhanden ist, Don Carlo Colonna, Herzog von Marsi, der ältere Bruder Don Geronimos – dieser war unterdessen bereits Kardinal geworden –, habe mit höchstem Wohlwollen von ihm gesprochen, und der Papst selber hätte gesagt: »Das ist ein junger Mann von grossem Geist und Gaben, den wir befördern wollen.« Schon im letzten Jahr hatte er den Nuntius Sacchetti, den Geschäfte nach Rom gerufen hatten, vertreten, die Verhandlungen selbst geführt, Depeschen beantwortet und Berichte nach Rom geliefert, die den Kardinal-Staatssekretär Francesco Barberini durchaus befriedigt hatten. Nur seine Handschrift, riet ihm sein Vater, möge er verbessern. »Seine Heiligkeit hätte die grösste Mühe, die Depeschen zu lesen. Wenn er täglich eine Viertelstunde darauf verwenden wollte, sich im Schönschreiben zu üben  …« Nun war er wieder allein und offiziell in Mailand, denn Sacchetti war abgereist und der neue Nuntius war noch nicht eingetroffen.

Ende August kam Spinola. Der berühmte, damals neunundfünfzigjährige General kam nicht gerne. Flandern war der Kriegsschauplatz, den er kannte, dort brauchte man ihn gleichfalls und er wünschte so bald als möglich dahin zurückzukehren. Mit Collalto, der ihn nicht »österreichisch« genug fand, hatte er sogleich Schwierigkeiten; die Spanier wiederum fanden ihn zu »italienisch«. Als ihm der junge päpstliche Sekretär, der ihm offenbar gefiel, vorstellte, welches Elend die deutschen Krieger, wenn es zum Kriege kam, wenn sie nur nach Montferrat durchrücken durften, über Italien, ihr gemeinsames Vaterland, bringen mussten, da erwiderte der Genuese, dass es ihm »in die Seele gehe«. Mazarin redete eifrig für den Frieden, der die Aufgabe der päpstlichen Gesandtschaft war, zum wenigsten für einen Waffenstillstand. Da sagte Spinola ihm eines Tages, es gebe ein Mittel: »wenn Karl von Gonzaga seine beiden Länder, die er doch nicht halten könnte, bis auf die zwei Festungen Mantua und Casale, die er vielleicht eine Zeitlang halten könnte, auslieferte, dann liesse sich verhandeln, damit werde er sich überdies den Kaiser günstig stimmen.«

Wir können uns vorstellen, wie der General – etwa von Staatspapieren aufsehend und die Brille ablegend, denn er war weitsichtig und konnte nicht ohne Glas lesen – dies mit Lächeln zu dem eifrigen jungen Mann sprach; jedenfalls bedeutete dieser mit Lächeln gemachte Vorschlag, den Spinola, wie er ausdrücklich sagte, »nicht als Soldat, sondern aus Liebe zum allgemeinen Wohl« machte, den grossen Augenblick in Mazarins Leben. Er hatte keinerlei Vollmachten, aber die Aufgabe der Gesandtschaft war der Friede, also vorläufig wenigstens ein Aufschub des Kriegs; der Ehrgeizige, nach Tätigkeit und Auszeichnung sich Verzehrende fühlte, was ihm in den Schoss fiel: Zeit, Informationen aus Rom zu verlangen, war nicht; er schickte nur einen Kurier mit einem rasch aufgesetzten Bericht ab, und so wie Spinola ihm gesagt, er wüsste nicht, ob man ihm in Madrid recht geben würde, so handelte auch er auf eigene Faust; um zehn Uhr vormittags hatte er mit dem Marchese gesprochen, um acht Uhr abends war er bereits zu Pferde auf dem Wege nach Mantua. Es war der 15. September 1629. Der Mann, der dreissig Jahre später den Weltkrieg beenden sollte, ritt jetzt, von seinem Schicksal getragen, von Ehrgeiz beflügelt, durch die nächtlichen Strassen Oberitaliens, seinen Ausbruch zu verhüten.

Am folgenden Tage erreichte er Mantua. Karl von Gonzaga war ein frommer und tapferer Mann, der vor allem die Türken hasste. Er hatte die Kreuzzüge erneuern wollen und zu diesem Zweck einen Ritterorden gegründet, den der Papst gesegnet, über den die Pariser gelacht hatten. Er erklärte jetzt, ohne seine Verbündeten Venedig und Frankreich nichts tun zu können; aber um seinen guten Willen zu zeigen, schickte er sogleich Kuriere ab. Von Venedig kam die Antwort, man müsste eine so wichtige Frage erst im Grossen Rat erwägen; vom Marschall von Créqui die Botschaft, er habe den Kurier gleich weiter nach Paris geschickt. Es hiess zurückreiten und Spinola um einen Aufschub von zehn Tagen bitten, bis die Antwort vom französischen Hof eingetroffen wäre. In Mailand erwarteten ihn Vollmachten – ein Zeichen, dass man in Rom sein Tun gebilligt hatte – sowie der Auftrag, sich sogleich nach Turin zum Herzog von Savoyen zu begeben.

Am 24. September angekommen, ritt er am 27. schon wieder ab. In Turin nahm man ihn mit jeder erdenklichen Liebenswürdigkeit auf; ein Kammerherr holte ihn in einem Hofwagen zur Audienz. Der Herzog sowie der Prinz von Piemonte behandelten ihn in langen wiederholten Unterredungen als den Mann ihres Vertrauens und setzten ihm auseinander, wie man die einzelnen Herren behandeln müsste, um sie für den Frieden zu gewinnen. Für den ergrauten Fuchs war der schlaue junge Mann noch lange nicht Fuchs genug. Karl Emanuel stak in der Schlinge, er war jetzt mit beiden Gegnern verbündet, heimlich mit den Spaniern, öffentlich mit den Franzosen, die in drohender Nähe standen, und der Aufschub der Feindseligkeiten war ihm daher zunächst sehr erwünscht. Mazarin sprach auch mit dem Marschall von Créqui, einem schönen alten Mann, der viel darauf hielt, jung zu erscheinen, berühmt durch Schlachten und endlose Duelle, und dem man, wie die Herren von Savoyen ihm eingeschärft, schmeicheln musste, wenn man etwas bei ihm erreichen wollte. Der Marschall versicherte, Frankreich sei gewiss für den Frieden, der Herzog von Savoyen möge nur aufhören, zweideutig zu handeln. In frohen Erwartungen ritt Mazarin zurück und war am 8. Oktober wieder in Mailand. Es war abgemacht worden, dass ein Kongress die Streitfrage entscheiden sollte; die Vertreter wurden ernannt, Spinola schickte seinen Sohn Don Philippo, der die spanische Kavallerie befehligte, nach Montferrat mit dem Vorschlag, dass bis auf weiteres kein Teil seine Stellungen verlassen sollte. Créqui antwortete offiziell, nur der Herzog von Mantua habe zu befehlen, aber heimlich schrieb auch er an Toiras, er möge Feindseligkeiten vermeiden.

Da störte der österreichische General alle Hoffnungen. Collalto wollte nichts davon hören, dass Casale und Mantua, wie Spinola vorgeschlagen, von der Übergabe ausgeschlossen sein sollten. Casale war Spinolas Sache, aber er wollte Mantua nehmen, sich Ruhm und dem Kaiser einen entscheidenden Vorteil schaffen. Er rückte auch sofort ins Herzogtum ein. Die Truppen Mantuas und Venedigs hielten den kaiserlichen Regimentern nicht stand. Octavio Piccolomini nahm in wenigen Tagen vierzehn Fahnen und neun Kanonen, Ende Oktober war die Provinz genommen und die Hauptstadt belagert. Karl von Gonzaga beklagte sich bitter, getäuscht worden zu sein, Créqui führte eine entrüstete und drohende Sprache, so dass Spinola beleidigt ward.

Den ganzen November und Dezember ritt Mazarin hin und her, das überall ausbrechende Feuer zu löschen. Von Mailand nach Turin, von Turin nach Mailand zurück und von Mailand nach Mantua, um Collalto wie den Herzog zu wenigstens stillschweigendem Zögern und Warten zu bewegen; von da nach Bologna zum Kardinallegaten und von ihm wieder nach Mantua ins österreichische Quartier, um bei Collalto nicht nur einen stillschweigenden, sondern einen erklärten Waffenstillstand zu erreichen, der den Kongress möglich machte und um den Panziroli ihn bereits vergeblich ersucht hatte. Überall spielte er die zweckdienliche Rolle, war fromm mit dem frommen Gonzaga, diplomatisch-höfisch in Savoyen, bei Collalto ganz Offizier, sodass dieser dem »Kameraden« bewilligte, was er dem steifen Prälaten verweigert hatte.

Nun konnte man nicht über die Stadt einig werden, in der der Kongress tagen sollte. Und noch durchschaute Mazarin die Fäden nicht. Collalto hatte ihm den Waffenstillstand für einen Monat bewilligt, weil Fieber sein Heer schwächten und er Verstärkungen abwarten wollte. Der Herzog von Savoyen, der das gefährlichste Spiel spielte, wollte, musste Zeit gewinnen. Wenn, wie er in Briefen nach Wien dringend bat, Wallenstein mit einer kaiserlichen Armee ins Elsass und in die Champagne einrückte, dann war Savoyen gerettet, dann mochte der Krieg, den er mit rachsüchtiger Freude voraussah, beginnen. Und bitter klagte er über Spinolas Untätigkeit. Casale, Mantua zum mindesten, hätten schon genommen sein können.

Andere durchschauten ihn; denn er hatte die Verpflichtung übernommen, die Garnison von Casale mit Lebensmitteln zu versehen, und erfüllte sie nicht, überdies legte er Verschanzungen in den Gebirgsstrassen gegen Frankreich an. Richelieu, der von allen am schärfsten sah und am klarsten wollte, griff abermals ein. Er war krank, er hatte die ewigen Ränke seiner Gegner bei dem unverlässlichen König zu fürchten, wenn er den Hof verliess; aber er, der in seinen schrecklichen Händen ein neues, mächtigeres Frankreich schuf, erkannte sofort, an welcher Stelle am meisten auf dem Spiele stand. Im Dezember rief eine Erklärung der französischen Regierung Europa zum Zeugen auf, dass man sie zum Kriege zwinge, und am 18. Januar traf Richelieu bei dem Heer in Lyon ein.

Im Schrecken darüber beschwor alles in Turin, auch Mazarin, den Marschall von Créqui, sich seiner Vollmachten zu bedienen und den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Er wies sie an den Minister, der ja so nahe sei. Der Nuntius Panziroli erbot sich, zu Richelieu zu reisen. Karl Emanuel riet ihm, den jüngeren Mann über die verschneiten Alpenpässe zu schicken, und wusste wohl warum. Es geschah. Am Abend des 28. Januar erreichte Mazarin Lyon. Vor der Stadt begegnete er dem savoyischen Gesandten, Grafen von Saint-Maurice, der den Kardinal vergeblich vom Vormarsch abzubringen versucht hatte. Auf das Angebot des Gesandten, der Prinz von Piemonte, der zu Chambéry stand, würde ihn behufs einer Unterredung aufsuchen, hatte Richelieu mit »drohender Höflichkeit« erwidert: »Der Prinz möge sich nicht bemühen, er werde schon zu ihm kommen.«

Am 29. sah Mazarin Richelieu und blieb den ganzen Tag im Gespräch mit ihm. Wenn die anderen ernstlich den Frieden wollten, sagte der Kardinal, nachdem er ihn lange reden lassen, dann würden sie ihn gleich schliessen, er marschiere jetzt nach Casale: wenn der Frieden inzwischen zustande käme, werde er mit Vergnügen umkehren. Damit führte er den Abgesandten zum Frühstück. Nach dem Frühstück erwiderte Mazarin, der immer die richtige Antwort und den möglichen Ausweg fand, der Kardinal möge seinen Marsch auch nicht auf eine Stunde unterbrechen, aber für den Monat, der ihm nötig sei, mit dem Heere Casale zu erreichen, den Waffenstillstand bewilligen; als Richelieu auch dies abschlug, bat er ihn nach langen Verhandlungen, wenigstens für ein paar Tage Waffenstillstand zu geben und den Marschall von Créqui zu bevollmächtigen, dass er mit Spinola und Collalto zusammentreffe und, wenn möglich, den Frieden schliesse. Ein triumphierender Einfall, den Richelieu nicht gut weigern konnte. Zwar der venezianische Gesandte Soranzo, den der Kardinal nun zuzog, bekämpfte den Vorschlag, aber Richelieu gab Mazarin recht.

Mazarin begleitete ihn, der sofort zum Weitermarsch aufbrach, bis zu seinem Wagen; ehe er einstieg, umarmte ihn der Kardinal und bat ihn, den Heiligen Vater seiner Ergebenheit zu versichern.

Was Mazarin sich seit langem gewünscht und gehofft, war über alle Erwartung erfüllt; er war dem grossen Minister begegnet, hatte selbständig mit ihm verhandeln dürfen und erfolgreich verhandelt. Seine eigenen, immer lebendigen, aber sonst durchaus sachlichen Berichte verraten in der Schilderung des Eindrucks, den Richelieu auf ihn gemacht, Begeisterung.

Auch er war noch am gleichen Abend aufgebrochen, war am 2. Februar wieder in Turin und erstattete Bericht. Er hatte die Friedensartikel gemäss den Forderungen Richelieus bereits aufgesetzt und ritt sofort weiter nach Pavia, wo er mit Spinola und Collalto zusammentraf. Aber er begegnete nur neuen Schwierigkeiten. Nur der Kaiser könne den Frieden schliessen, sagte Collalto. Spinola wollte der von ihm hoch verehrten Infantin-Regentin zu Brüssel das Schiedsgericht übertragen. Von der ersten Bedingung Richelieus, der sofortigen Investitur Karl von Gonzagas, wollten beide nichts wissen. Mazarin zog es vor, solche Antworten Richelieu gar nicht zu bringen; »der Herr Nuntius habe mehr Autorität,« sagte er. Er begab sich zum Kardinallegaten nach Bologna.

Richelieu, der schon in Embrun war, empfing den Nuntius, setzte nochmals seine Bedingungen auf und marschierte weiter. Karl Emanuel, von dem er, dem Vertrag von Susa gemäss, den Durchmarsch und die Verproviantierung der französischen Armee verlangte, schrieb im Februar dringende Briefe an den Kaiser, die österreichischen Truppen im Elsass mögen um Gottes willen rasch durch die spanische Freigrafschaft Burgund in Savoyen einmarschieren und den Franzosen in den Rücken fallen. Gleichzeitig bot er Richelieu an, mit ihm verbündet in Mailand und Genua einzufallen, aber die verlangten Lebensmittel lieferte er nicht. Richelieu stand schon in Susa. Karl Emanuel schrieb noch dringender nach Wien. Richelieu, der für seine dreissigtausend Mann zu Fuss und viertausend Reiter in den Bergen keine Nahrung fand, rückte am 13. März bis Casaletta, fünf Meilen von Turin. Er stand zwischen zwei Feinden, hatte weder Quartiere noch Lebensmittel, und so liess er den Prinzen Victor Amadeus zu einer Konferenz bitten, erklärte, den letzten Vorschlag des Herzogs anzunehmen, und forderte dafür nochmals alles für sein Heer Nötige. Der Prinz versprach alles, gab alle Befehle, aber nichts geschah. Wenn Richelieu weiterzog, hatte er die Festungen Turin und Vigliana und die piemontesische Armee im Rücken, die Spanier und Österreicher vor sich. Karl Emanuel hatte ihr Versprechen.

Am 17. März ritten Panziroli und Mazarin aus Turin ins französische Lager; sie trafen den Kardinal in Harnisch und Federhut zu Pferde, er stieg ab, und unter einem Baum führten sie nochmals vergebliche Unterhandlungen. Auch der Prinz von Piemont kam, von einigen Herren begleitet, hinzu. Der Kardinal war düster und nachdenklich. »Was will der Heilige Vater eigentlich?« fragte er Mazarin. Die Unterredung verlief fruchtlos.

Nach Turin zurückgekehrt, fanden sie den alten Herzog voll Angst um seinen Sohn; er fürchtete, Richelieu könnte ihn als Geisel behalten. Aber der Prinz kam unbehelligt zurück. Die ganze Nacht hindurch zog Richelieu seine Truppen zusammen. Noch einmal erschien ein französischer Abgesandter mit vier Trompetern vor Turin und mahnte an die Erfüllung der Versprechungen. Man gab ihm gar keine Antwort und hiess ihn gehen.

Am 19. verabschiedete Mazarin sich vom Herzog. »Gott ist gerecht,« sagte ihm der hasszitternde alte Mann, »jetzt ist er verloren.« Mazarin wagte Zweifel. »Man muss alten erfahrenen Leuten glauben, junger Mann!« erwiderte der Herzog. »Selbst um seinen Ruhm hat er sich gebracht,« sagte der Prinz von Piemont, »nun kann er ins Kloster gehen.« Als Mazarin aus Turin ritt, war die Stadt ein Heerlager; der Herzog erwartete den Angriff der Franzosen.

Er rechnete mit der Lage, die so unheildrohend für Richelieu schien, aber nicht mit dem Genie, dem inkommensurabeln Element der Weltgeschichte.

Am Morgen des 19. setzte Richelieu über die Dora, schickte einen Teil der französischen Artillerie zum Schein gegen Turin, rückte mit der ganzen Armee südwärts, erschien am 21. vor Pinerolo, nahm die Festung nach achttägiger Belagerung und besetzte die Provinz. Damit hatte er einen kürzeren Weg nach Südfrankreich im Rücken, hielt das ganze Piemont im Norden und Süden durch die beiden Festungen Susa und Pinerolo in Gewalt, sowie einen Schlüssel zu ganz Oberitalien in Händen.

Karl Emanuel war ausser sich; er liess die abgezogene Besatzung niederhauen; der Kommandant flüchtete. Spinola und Collalto rückten sofort ins Piemontesische ein, und der Herzog beschwor den Kaiser abermals, Wallenstein an die französische Grenze zu schicken. Dennoch wurden die Verhandlungen fortgeführt; der Kardinallegat selbst erschien bei Richelieu, dann nahm Mazarin seine Tätigkeit wieder auf. Er hatte den Titel eines »Ministers des Heiligen Stuhls« erhalten und wurde zu Chambéry durch den apostolischen Nuntius in Frankreich, Monsignore Bagni, dem inzwischen dort eingetroffenen Ludwig XIII. vorgestellt und vom König mit Auszeichnung behandelt. Indessen belagerte Spinola schon Casale, Richelieu machte aus Pinerolo und Susa gewaltige Waffenplätze, und Ludwig XIII. unterwarf ganz Savoyen. Ausser sich, dass Spinola vor Casale blieb und die Franzosen nicht hinderte, schrieb Karl Emanuel die heftigsten Anklagen gegen ihn nach Madrid und forderte seine Abberufung. »Das Hemd ist mir näher als der Rock,« soll Spinola dem Drängenden geantwortet haben. Im Osten wie im Westen wurde gekämpft; und in ganz Oberitalien begann im Gefolge des Krieges die Pest zu wüten. Dabei war noch immer kein Krieg erklärt und wurde für den Frieden gearbeitet.

Immer noch ritt Mazarin hin und her und wurde von einem zum anderen geschickt, aber eine Einigung ward nicht erreicht. Als er am 3. Juli zu St. Jean de Maurienne wieder vor Richelieu erschien, hatte er einen schweren Stand; dennoch gelang es ihm, den Kardinal, der im Augenblick am eigenen Hofe grosse Schwierigkeiten hatte, zu noch günstigeren Vorschlägen zu bestimmen. Aber als er sie Spinola überbrachte, fand er ihn selbst zu einem Waffenstillstand nicht mehr geneigt. Und obwohl Mazarin zuletzt ausrief: »Der König von Frankreich wird sagen, ich betrüge ihn, und ich werde zu meiner Rechtfertigung nichts vorbringen können, als dass ich mich auf das Wort Eurer Exzellenz zu sehr verlassen!« wollte ihm der Marchese selbst wenige Tage der Ruhe nur dann bewilligen, wenn Collalto vor Mantua das gleiche täte. Da begriff Mazarin. Spinola und Collalto, eine feine und eine derbe Natur, vertrugen sich nicht; Collalto hasste Spinola und hatte, wie Mazarin wusste, gleichfalls zu Madrid die Abberufung des Genuesen geraten; darum wollte der alte Städteeroberer nun unter allen Umständen Casale nehmen; und wenn er es nicht nehmen sollte, gönnte er auch dem Österreicher die Einnahme von Mantua nicht. In die Einnahme Casales hatte er sich verbissen mit einem Willen, der bis zum Starrsinn ging, er schwor, den Platz in vierzig Tagen zu nehmen. Aber Mazarin war Soldat genug, um zu erkennen, dass Casale sich noch lange halten konnte, das pestverheerte, schlecht besetzte, schlecht kommandierte Mantua nicht; dies schrieb er Bagni, damit Richelieu es erführe. Dann ritt er nach Como zu Collalto.

Der österreichische General lebte in nicht minderem Ärger und Zorn. Der Herzog von Savoyen hatte an Wallenstein persönlich geschrieben und dieser ihm durch Octavio Piccolomini sagen lassen, dass er selbst nach Italien kommen werde. Das war nicht Collaltos Spiel. Er wollte Wallenstein gleich sein, wie er Reichsfürst werden, nicht unter ihm dienen. Schon hatte er auf Wallensteins Befehl viertausenddreihundert Mann, seine besten Truppen, nach Piemont schicken müssen. Wollte Spinola Casale, so wollte er Mantua nehmen, ehe der Generalissimus kam.

Am 12. Juli war Mazarin aus dem spanischen Lager vor Casale geritten. Aber schon seit dem Anfang des Monats zog eine neue französische Armee von zwölftausend Mann über den Mont Cenis und Susa Casale zu Hilfe. Da der tapfere, schöne, unkluge Herzog von Montmorency sie durch den Engpass von Chiavenna an Vigliana vorbeiführte – er, der Marquis von Effiat und der Marschall von La Force wechselten jede Woche im Kommando ab –, griffen die weit stärkeren Piemontesen unter dem Prinzen Victor Amadeus sie an: die Franzosen im Pass schienen verloren und gewannen die Schlacht dennoch durch ihre unerhörte Bravour. Siebzehn spanische und österreichische Fahnen allein, darunter die der Regimenter Gallas und Wallenstein, konnte der Graf von Maure nach Paris bringen, während das französische Hilfsheer sich mit den bereits in Italien stehenden Truppen vereinte.

Das war am 8. gewesen. Mazarin erfuhr es erst in Como und gleich darauf, dass Mantua am 18. durch einen Überfall, den sechsundzwanzig Mann auf flachen Kähnen ausführten, erobert war. So entsetzlich hausten die kaiserlichen Truppen in der Stadt, dass man selbst am Wiener Hof – die Kaiserin Leonore war eine Gonzaga – darüber verstimmt ward. Bei Collalto erreichte Mazarin nichts; von Spinola, zu dem er zurückkehrte, dagegen einen merkwürdigen Vorschlag: zwanzig Tage Waffenruhe wollte der spanische Feldherr zum Abschluss des Friedens bewilligen; wenn er bis dahin nicht geschlossen würde, weitere zwanzig Tage für den Entsatz Casales; bliebe bis zu diesem Tage auch der Entsatz aus, müsste die Stadt ihm ohne weiteres übergeben werden. Diesen Vorschlag, den Mazarin schon einmal abgelehnt hatte, nahm er nun in der Not an, dann ritt er nach Asti zu Panziroli und von da nach Turin.

Nach Savigliano, dem piemontesischen Hauptquartier, kam er gerade zurecht, um den alten Karl Emanuel sterben zu sehen. Verzweiflung über seine Verluste, Wut über Spinola hatten ihn aufgerieben. Er hatte bereits abdanken wollen, um es seinem Sohn möglich zu machen, sich aus den Schlingen der väterlichen Politik und das Land aus all den Wirrnissen zu befreien. Victor Amadeus zog Mazarin sogleich zu Rate, der dann wieder Richelieu zu St. Jean de Maurienne aufsuchte. Am 2. August traf er dort ein. Der König von Frankreich war erkrankt und nach Lyon zurückgekehrt. Es war jene Krankheit, in der er seiner Mutter, die ihn pflegte, versprechen musste, Richelieu zu entlassen, sobald der Friede geschlossen wäre, während andere, die auf den Tod des Königs rechneten, den Kardinal schon auf dem Schafott sahen. Richelieu wusste, was am Hofe gegen ihn geschmiedet wurde, hatte schlechte Nachrichten von der Armee, deren Führer uneins waren, dazu die vom Fall Mantuas. In solcher Stimmung sass er allein, umgeben von Pest und Gefahr, in dem sonnverbrannten Alpental, selbst schwer krank, der immer zarte Körper geschwächt und ausgemergelt, aber immer von dem gleichen furchtbaren Geist und Willen erfüllt. »Seit siebzig Tagen halte er ihn hin, ohne eine klare Antwort zu bringen,« fuhr er den ewigen Boten an, »er sei wohl mit Spinola und den Spaniern einverstanden, ihn zum besten zu haben …!« Das Ende aber war wieder, dass er Mazarins scharf aus der Situation gezogene Schlüsse und Gründe gutheissen musste und Spinolas neuen Vorschlag mit der Änderung annahm, dass nur fünfzehn Tage für Friedensverhandlungen und dann fünfundzwanzig für den Entsatz sein sollten. In jedem Fall aber müssten nachher Casale wie Mantua an Karl von Gonzaga zurückerstattet werden, wogegen Frankreich Pinerolo wieder fahren lassen wollte. Sollte das nicht erfüllt werden, so müsste der Herzog von Savoyen sofort mit den Franzosen gegen die Spanier marschieren. All dies musste Mazarin unterschreiben und wagte es auch.

Am 2. August war er gekommen, am 4. brach er wieder auf und ritt die heissen Strassen talwärts, durch öde, geplünderte, verlassene Orte, während überall vor den Häusern die Leichen der an der Pest verstorbenen Soldaten und Bauern lagen. Es war jene Pest, die Manzoni in den »Promessi Sposi« geschildert hat. So ritt er, von Gefahr und Schrecken umgeben, im Geleit eines einzigen französischen Trompeters, wiederholt von streifendem Gesindel bedroht, einmal bei Vigliana beinahe von deutschen und piemontesischen Soldaten, die ihn für einen Franzosen hielten, erschlagen.

Sein Glück wollte, dass Victor Amadeus gerade vor Carignan eine neue Niederlage erlitten hatte und darum noch geneigter als vorher den Vorschlag hörte, sich den Franzosen zu versöhnen. Collalto, der nach Österreich zurückkehren wollte, hatte jetzt gleichfalls nichts mehr gegen ein Übereinkommen einzuwenden. Er erklärte sich bereit, nach Piemont zur Konferenz zu kommen, sowie er vom Kaiser die nötigen Befehle hätte. Er wusste, dass der Kaiser, dem der Angriff Gustav Adolfs vom Norden her drohte, durchaus für einen Frieden mit Frankreich war. In Regensburg verhandelten bereits die Gesandten. Davon, dass Wallenstein nach Italien ging, konnte nicht mehr die Rede sein.

So kehrte Mazarin, begleitet von dem savoyischen Staatssekretär Passer, wieder zu Spinola vor Casale zurück, endlich des Erfolges sicher. Da wollte dieser plötzlich nicht mehr, machte Schwierigkeiten und stellte unerfüllbare Forderungen. Und als sie ihm sagten, dass ja von ihm der Vorschlag ausgegangen sei, als beide drängten, als Passer drohte, Savoyen würde die nötigen Entschlüsse für sich allein fassen, als Mazarin erklärte, es bedürfe gar keines Waffenstillstandes, da der Friede auf der Stelle geschlossen werden könne, und alles widerlegte, was der Generalkapitän vorbrachte, da gestand ihnen dieser zuletzt, dass er keine Vollmachten mehr hätte. Die Klage Collaltos und des savoyischen Hofes hatten Früchte getragen. Er wies ihnen einen Brief seines Königs, den er bisher selbst seinem Sohne verheimlicht hatte. »Es hat sich gezeigt, dass Ihre Bereitwilligkeit zum Frieden den Frieden verzögert hat,« hatte Philipp IV. ihm geschrieben. So hatte sich der Schicksalsfaden, den er Mazarin im September lächelnd zugeworfen und den dieser emsig ein ganzes Jahr lang hin und her gezogen hatte, zuletzt um Spinolas Hals gelegt.

»Also wenigstens einen Waffenstillstand, dass wir verhandeln können!« bat Mazarin. Aber Spinola forderte nunmehr die Übergabe der Stadt, mit Ausnahme der Zitadelle, für welche die alten Vorschläge in Geltung bleiben sollten. So schrieb denn Mazarin, da ihm nichts übrigblieb, einen ausführlichen Brief an den Monsignore Bagni, den dieser Richelieu zeigen sollte; Richelieu, der dringend in Frankreich zu tun hatte, nahm auch diese Bedingung an; und so wurde endlich am 4. September der allgemeine Waffenstillstand bis zum 15. Oktober abgeschlossen; vierhundert noch waffenfähige Männer zogen sich in die Zitadelle zurück, und die Stadt Casale wurde dem Marchese von Santa Croce, der Spinola vertrat, übergeben. Spinola selbst lag schwerkrank im Lager und phantasierte. »Man hat mir die Ehre geraubt! Das ist der Lohn für vierzig Dienstjahre!« rief er verzweifelt, als Mazarin ihn besuchen kam, bat, »er möge ihm doch eine Einsiedelei nennen, in der er seine Schande verbergen könne.«

Mazarin konnte ihm den Trost geben, dass der König von Frankreich, weit entfernt davon, ihn für wortbrüchig zu halten, ihm persönlich die Stadt Casale übergebe; der französische Vertreter – es war Richelieus Schwager, der Marquis von Brezé – kam selbst ihm versichern, dass dies nur aus Achtung für ihn geschehen sei. Toiras, der Verteidiger Casales, bat um die Ehre, ihm seinen Besuch machen zu dürfen. Alle kamen höflich und ritterlich, den berühmten alten Mann, der sich kindlich darüber freute, zu trösten und ihm Ehre zu erweisen. Mazarin, den er besonders liebevoll behandelte, warf ihm scherzend vor, dass er ihn ein ganzes Jahr lang kreuz und quer durch Italien gehetzt, und der alte General umarmte und küsste ihn. Er begriff nicht, dass gerade Mazarin, der sich all die Zeit hindurch bei allen auf seine Friedensliebe berufen, ihm, ohne es zu wollen, am meisten geschadet hatte. Er hatte offenbar einen Schlaganfall erlitten und war nicht immer bei Bewusstsein; am 11. September legte er das Kommando nieder und zog sich nach Castel Nuovo an der Scrivia zurück, wo er geboren war und wo er am 25. September, immer noch in seinen Phantasien über seine verlorene Ehre klagend, starb.

Giulio Mazzarini aber schrieb an den Nuntius in Frankreich die Worte: »Er hatte hunderttausend Taler Jahreseinkommen, als er Militär wurde, und achtundzwanzigtausend, als er starb!« Das war für den jungen Sizilianer das Überraschendste.

Nach jahrlangem Bemühen hatte er nun den ersten Teil seiner Aufgabe durchgeführt; da ward ihm die Krönung des Werks aus den Händen genommen: der Friede, der seine Leistung, sein Verdienst sein sollte, dem nichts mehr im Wege zu stehen schien, sollte nicht in Italien, sondern in Regensburg von den Gesandten geschlossen werden. Er wusste es und arbeitete fieberhaft, ihnen zuvorzukommen; aber die spanischen Heerführer waren nach Spinolas Tod nicht mehr für den Frieden, und Collalto folgte dem gut österreichischen Beamtengrundsatz, vor allem keine Verantwortung zu übernehmen, solange er nicht durch eine bestimmte kaiserliche Order gedeckt war. Auch Victor Amadeus nahm wiederum eine abwartende Haltung ein. Ihm war's, wie allen Herren von Savoyen, um die Königskrone zu tun. Er hatte von Richelieu verlangt, er möge ihn zum König von Rom machen; er nannte sich später König von Cypern; ob er besser tat, zu Frankreich oder zum Kaiser zu halten, war ihm noch nicht klar. Da verlor Mazarin seine Ruhe und Beherrschung: jung und überreizt sprach er – er sagt es wenigstens in seinen Depeschen – mit den spanischen Heerführern, dem Marquis von Santa Croce und dem Herzog von Lerma, in nicht mehr höflichem Ton, und als der Herzog von Savoyen ihn fragte, was er noch mehr für den Frieden tun könnte, da »habe er nur die Achseln gezuckt«.

Das half wenig. Ende September kam Octavio Piccolomini aus Wien und brachte Collalto, bei dem Mazarin sich gerade befand, ein Handschreiben des Kaisers, das ihm mitteilte, dass der Friede geschlossen sei und Frankreich sich verpflichtet habe, nie und unter keinem Vorwand den gegenwärtigen oder künftigen Feinden des Reiches sich zu verbinden.

Ludwig XIII. lag im Sterben, Richelieu schien verloren, da hatten seine Gesandten, Herr von Léon und der Pater Joseph, die »graue Eminenz«, es für geboten gehalten, unter allen Umständen Frieden zu schliessen. Die Königin Mutter in Frankreich, Maria von Medici, liess im Hofe ihres Schlosses Raketen steigen, aus Freude, wie sie der Prinzessin von Conti ausdrücklich sagte, nicht so sehr über den Frieden, als dass Richelieu nun in jedem Falle »fertig sei«.

»Ich habe den kaiserlichen Brief in Händen gehabt; er ist völlig klar … es bleibt mir nichts übrig, als im Auftrag des Grafen Collalto dem Marschall von Schomberg Mitteilung davon zu machen,« schrieb Mazarin an Bagni.

Aber Henri von Schomberg, der indessen das Kommando über die französische Armee erhalten hatte, einer von Richelieus verlässlichsten Freunden, aus deutscher Familie – sein Vater hatte Heinrich III. deutsche Reiter zugeführt –, erklärte, nur aus Höflichkeit für Collalto nehme er den Brief ernst: solch eine Bedingung und solch ein Friede seien unmöglich. Und in jedem Falle gelte, was im Vertrag vom 4. September zwischen den Heerführern ausgemacht worden: am 15. Oktober, sobald der Waffenstillstand abgelaufen, werde er Toiras, der die Zitadelle von Casale unbezwinglich durch alle Nöte hielt, zu Hilfe ziehen. Und wie sehr vor allem Victor Amadeus sich mühte, ihn zurückzuhalten, rückte er in der Tat am 16. mit zweiundzwanzigtausend Mann, unbekümmert um den Frieden, vor, setzte bei Raconigi über den Po und näherte sich Casale. So seltsame Wandlungen hatte die tragische Komödie, dass, als Mazarin den Waffenstillstand, dem er ein Jahr nachgeritten, endlich erreicht hatte, andere den Frieden schlossen, und der Krieg erst recht losbrach.

Panziroli, der Nuntius, war erkrankt. »Ich habe Fieber und Leibschmerzen,« schrieb er an Barberini, »und der Herr Mazzarino wird mit gewohntem Eifer alles tun, was Menschenpflicht ist.« So war dieser wieder allein päpstlicher Bevollmächtigter auf dem Kriegsschauplatz. Aber all sein Reden machten auf Schomberg keinen Eindruck, der die Rückgabe Casales an den Herzog von Mantua forderte. Wieder ritt er hin und her, durch die Vorposten, durch die Armee, zu den spanischen Generalen und zu Collalto, dem er vorschlug, man möge, die Franzosen zu befriedigen, Casale dem Gonzaga ausliefern, während ein österreichischer Kommandant als kaiserlicher Kommissär bis zur endgültigen Belehnung des Herzogs die Verwaltung führen sollte.

Wie immer in dieser Zeit des Hinundherhetzens, der schwierigen Nachrichten, der weiten Entfernungen, übertrieb Mazarin die Bereitwilligkeit der anderen und seine Vollmachten; so versicherte er Collalto der Zustimmung Schombergs, der von dem Vorschlag keine Ahnung hatte. Dennoch wollte Collalto zunächst nicht; aber er hatte vom Kaiser die Erlaubnis, nach Wien zurückzukehren, sobald der Friede geschlossen wäre, und es drängte ihn, abzureisen; er hatte die Abwicklung der Sache bereits Gallas, seinem Nachfolger im Kommando, übergeben; und so sagte er schliesslich, wenn der Vorschlag Santa Croce, dem spanischen Kommandeur, recht wäre, hätte er nichts dagegen. Mit dieser Erlaubnis ritt der andere schon ins spanische Lager, wo er aus der Erlaubnis den Wunsch des kaiserlichen Vertreters machte, von Santa Croce zu Schomberg, der bereits in der Ebene in Schlachtordnung stand, und von ihm wieder zu den spanischen Generalen zurück, immerzu redend, färbend, phantasierend, den Frieden preisend, den unsicheren Ausgang einer Schlacht malend, Gott und den Heiligen Vater anrufend.

Kein Teil aber liess sich durch den Geschäftigen in den militärischen Massnahmen aufhalten. Die spanische, stark überlegene Armee – viele kaiserliche Regimenter, selbst ein brandenburgisches, waren darunter – stand in den gewaltigen Verschanzungen, die Spinola, der grösste Genieoffizier seiner Tage, angelegt hatte, während die Franzosen zum Angriff rückten. Die spanische Artillerie hatte bereits das Feuer eröffnet. Die französischen »Enfants perdus«, so nannte man die zum ersten Angriff bestimmten Leute, hatten die spanischen Linien erreicht: dem Piccolomini, der die deutsche Kavallerie kommandierte und rekognoszieren geritten war, wurde das Pferd erschossen. Da sah man einen Reiter durch das Feuer und die anmarschierenden Reihen galoppieren, der in der einen Hand seinen Hut, in der anderen ein Kruzifix schwang und mit äusserster Stimmenkraft »Frieden! Frieden!« schrie.

»Man muss das gesehen haben, um es zu glauben,« schreibt einer der französischen Offiziere, die die Schlacht mitmachten, der spätere Marschall du Plessis-Praslin, in seinen Memoiren. »Es war ein wirkliches Wunder, wie ein einziger Mann da die Schlacht aufhielt.« Der ehemalige Schauspieler der Jesuitenschule hatte sein Meisterstück gemacht.

Die Generale traten zu einer Konferenz zusammen und schlossen vor Casale den Frieden, gemäss der Formel, die Mazarins wundervolle Schlauheit gefunden und einem als vom anderen kommend erträglich gemacht hatte. Noch am selben Tage setzte Schomberg seinen Bericht an Richelieu auf, und am folgenden kam die Nachricht, dass Ludwig XIII. durch das Aufbrechen eines Darmgeschwürs gerettet war, dass Richelieu, der nach wie vor Minister blieb, die Gesandten in Deutschland desavouiert und abberufen und dem Frieden von Regensburg die Genehmigung versagt hatte! Mazarin triumphierte.

Als am 28. die Ausführung des Vertrages begann und den Spaniern, die Casale verlassen mussten, die unangenehmere Rolle zufiel, sagte der Herzog von Lerma es laut, der »Herr Marchese von Santa Croce habe sich vom päpstlichen Minister nasführen lassen«. Ein noch tiefer beleidigter Spanier, Don Martin d'Aragona, sagte zu Mazarin, »er habe Seiner katholischen Majestät mehr Schaden getan, als die Landung der Mauren in Spanien«, worauf der im Hochgefühl seines Erfolges Schwelgende ihn Lügner hiess und zum Degen griff; Piccolomini und andere traten dazwischen und schlichteten den Streit.

Noch im selben Jahre verliessen die fremden Armeen Italien.

Die alten Biographen erzählen, dass der Papst zur Erinnerung an das »Wunder von Casale« eine Medaille prägen und ein Bild davon machen liess, das im Vatikan aufgehängt ward.


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