Heinrich Federer
Jungfer Therese
Heinrich Federer

 << zurück weiter >> 

25

Marthafest in Peraut! In keiner Stadt unten im Land haben sie einen solchen Tag, auch nicht in Rom oder Köln. Alle Perauter droben am Berge und unten an der Straße denken seit Wochen nur an diesen Tag. Wer ist Ehrenprediger? Wer amtet? Wer trägt die Marthafahne in der Prozession? Wie viele Buden wird es vor der Kirche geben? Wer kränzt am schönsten? Wird der Wind wehen, daß wir die Hügelfeuer am Abend nicht anzünden können? – Die Schulkinder flechten jeden Abend aus Stechlaub und Tannreisig am Triumphbogen vor dem Pfarrhof und üben dazu drei uralte Marthalieder. Der Meßner holt den mittelalterlichen Kirchenschatz aus den Truhen und staubt ihn sorglich ab. Und in den weitzerstreuten Gehöften machen Mann und Frau und Kind aus, wer ins Hochamt, wer in die Vesper und wer an die Prozession darf. Und wer von den Geschwistern heuer den Marthakuchen aufschneiden soll! – In den zwei großen Gasthöfen zum Rößli und zum Engel werden alle Zimmer gewaschen und die Betten frisch angezogen, und zwei neu eingestellte Serviertöchter helfen aus Stühlen und alten Bänken auch noch Lagerstätten bereiten. Denn weitum kommen die Pilger daher. – In den vielen Spezereien putzt man die Scheiben blank, und mit der ganzen Verschmitztheit einer Krämerseele wird das Allerfeinste, das Unwiderstehliche des Kramladens ins Fenster geschoben. Es kommen auch braune Thurgauermädchen mit kleinen Wagen voll roter und schwarzer Kirschen. Und zu ihnen fahren noch viel braunere Italienerbuben mit Wägelchen voll Orangen. Denn der Marthatag ist meist ein heißer Tag. Aber zuletzt kommen noch zwei Wägelchen, worauf ein lebendiges Brünnlein von Sirup und Limonade quillt. Und die stoßen die allerbraunsten Jungens, die es überhaupt gibt, zwei Spanierbuben aus der Stadt.

Alles ist in Bewegung auf das Fest, selbst die hohen, dunkeln Berghügel schütteln ihr helles Buchenhaar voll Ungeduld, und die Vögel, die drüber hinfliegen, pfeifen es einander zu: Kirchenfest im Dorf! Sputet euch, sputet euch! Es gibt zu naschen von Gesims und Schwelle.

Am Vorabend ist das Dorf sauber wie eine Sonntagsstube, alle Häuser sehen aus wie Ratsherren im Staatsfrack, alle Scheiben haben schneeweiße Vorhänge, alle Türklinken blitzen wie Gold, alle Menschenaugen wie Sonnenspiegelchen. Man wandert bereits in halbem Feststaat die Straßen auf und ab und besieht mit Lob oder Rüge die vielen Fenster und Torfüllungen. Sollte man es glauben, daß wir an die Hundstage streifen? Ganz Peraut ist voll Grün und Blumen wie im Mai. Zwischen dem Laub hangen Bilder Christi und Mariens und vor allem der heiligen Martha. Da sieht man die Heilige bald am Spinnrocken einen himmelblauen Faden drehen, bald am Webstuhl das silberne Schifflein durch einen rosenroten Zettel schnellen, bald sogar am Herd die Kelle rühren, ja selbst am Hütlerstock einen goldgelben Halm knüpfen. – Daneben flattern bunte Schärpen wie Fähnlein oder gaukeln grelle Lampions über die Gasse hinaus. Denn am Festabend wirft sich Peraut in eine so übermütige Feuergloriole, daß die andern Dörfer weitherum aus ihrem Nachtschatten heraus sich fast die Augen an solcher Röte droben in den Höhen wund schauen.

Wie das plaudert und kichert durch die abendlichen Gassen und mit hundert dünnen Ah und Oh sich wundert, weil die Präsidentin heuer ihre Fenster sogar mit Samt ausgeschlagen hat. Immer fällt dieser alten Frau etwas Junges und Neues ein! Aber man muß wahrhaftig die Nase rümpfen, die spitze Perauternase, weil der Nachtlichtli-Redakteur wieder nur ein paar magere Efeustöcke an seine Fenster gestellt. Der Geizhals! sagen die einen, die selber nichts haben. Der Verschuldete bis ans Halszäpfchen! meinen die Geldsäcke.

Und es nachtet, und die saubern Sterne ziehn hinter den Hügeln langsam herauf, viel größer und viel gelber als in andern Nächten. Und sie zucken gekreuzt und gezackt durch den violettdunkeln, samtweichen Himmel wie nie zuvor. Auch dieser Himmel ist heut seltsam hoch und feierlich. Was hat er doch für einen gewaltigen Schwung gegen die Ebene hinunter und über die Schneeberge hinauf! Welch ein seltener Himmel ist das! Seit der Bethlehemsnacht ist er sicher nie mehr so schön gewesen. Und so viele spaßige Sternlein nun miteinander schwatzen wollen, und so manches irre Wolkenflöcklein ein bißchen eitel rauschen möchte, und so gern selbst die hellgeschliffene Sichel des Mondes im Osten, grad über dem Bruggberg, dem Abendstern im Westen einen Schabernack spielen möchte, sie dürfen nicht, sie dürfen nicht. Schweigen müssen sie alle. Es geht ein gewaltiges, heiliges, wundersames Pst! Pst! über den ganzen Himmel. Pst, stört mir die lieben Perauter nicht! Sie haben ja morgen Marthatag.

Noch spät brennen Lichter in den Häusern. Aber immer nur ein ganz kleines Lämplein, für die heimkehrenden Beichtleute in den Flur gestellt. Die andern schlafen, um zeitig genug am Morgen und hoffentlich vor den Berglern, die immer so früh daherklappern, an einem der zwölf Beichtstühle einen guten Platz zu erobern und ihre Seele bald zu erleichtern. Es ist so schwer, mit einem gesammelten, sündenvollen Beichtherz auf das »absolvo te« lange, lange warten müssen.

O du große, geheimnisvolle Perauterkirche nächtens vor Sankt Marthatag. Was bist du für ein merkwürdiger, reicher Menschenort! Wie dunkel bist du, und doch wie gut finden die hundert und aber hundert Menschen den Weg in deine dämmerigen, verstohlenen Winkel, wo die Beichtväter hinter grünen Vorhängen sitzen und über die Seelen richten und schlichten. Die fünfzehnjährigen Schlingel, die hier wilder als irgendwo wachsen, gehen alle zum Pater Engelbert. Er ist alt und läßt einen schneeweißen Bart bis auf den Strick wallen und schnupft gewaltig und rügt milde, sehr milde. Aber die Mädchen knien lieber drüben bei der Marthafahne. Dort herrscht Pater Kuno mit einem so schönen, ernsten, heiligen Gesicht, daß die Maler ihn oft für Johannes- oder Aloisiusbilder zum Vorbild nehmen. Er merkt es nicht. – Beim Perauterpfarrer, Philippus Tur, wollen die Mannen am liebsten beichten. Denn er ist Perauter wie sie und hat Scheiben eingeworfen und Kirschen gerupft und die Schule geschwänzt und Ohrfeigen und Böxe ausgeteilt genau wie die andern Schlingel. Er kennt also die Perauter Schwachheiten. Er versteht uns am besten. Dagegen ziehen die Frauen den ersten und zweiten Kaplan vor. Die sich besonders gescheit dünken, gehen zum ersten, dem Innsbrucker Doktor. Die andern knien beim zweiten, dem fröhlichen Herrn Lambert nieder. Er macht dem Sünder einen so schönen Mut, gibt kleine Bußen und betet die allmächtige Lossprechung so klar, daß man es versteht trotz allem Latein. – Aber wo es nun sei, alle gehen doch mit zögerndem Fuß ins Häuslein und knien voll Demut auf den Schemel und neigen sich tief unter dem Joch ihrer Sünde. Aber alle heben dann tapfer das Haupt und fassen einen großen Schritt, wenn sie entladen und gesegnet aus dem Gericht kommen.

Endlich gegen zehn Uhr wird die Kirche allmählich leer. Die letzten genagelten Schuhe eines Hirten von Trommlingen lärmen hinaus. Die Geistlichen setzen sich im Pfarrhof um den späten Abendtisch – an die Fastenspeisen! Denn vergeßt mir nicht, vor so einem großen Fest ist Vigilfasten.

Da sind Kapuziner vom nächsten Kloster herauf, dann die drei Perauter selbst, dann zehn bis zwölf Hilfspriester aus der Umgegend. Nie fehlt der knochige, siebzigjährige, aber noch wie ein Jüngling so feurige Dekan Bächtold. Er hat noch immer schwarzes Haar und kleine schwarze, glänzende Knallkirschenaugen und macht prachtvolle Witze über die jungen Rauchfäßlein. Auch Pfarrer Ringsei aus Mosligen kommt jedesmal. Er hat ein Marthalied komponiert, das morgen nach dem Hochamt gesungen wird. In seinem Bergnestlein spielt er oft abends spät, wenn er noch ein Bübel für den Blasbalg auftreibt, geistliche Weisen aus Bach und Händel und Mozart und schließt den alten Orgeldeckel nie, ohne zuletzt noch von Marziano Perosi ein Weihnachtsstück in die dunkle, alte Kirche hinuntergespielt zu haben. Er hat diese Weise einst den Meister selber spielen hören und er weiß nichts Gläubigeres und Hirtenmäßigeres unter dieser alten Erdensonne. Er ist ein schwerer, beleibter, langsamer Herr, sozusagen eine halbe oder ganze Note, während der witzige Wallfahrtspriester von Idarain mit seinem hüpfenden Köpflein und seinem glatten, schnellen Hochdeutsch eher einer Zweiunddreißigstel gleicht. – Kaplan Lambert serviert und gibt immer eine Anekdote zur Portion; aber der Innsbrucker Doktor schenkt den Wein schweigsam ein und hört sogleich auf, sobald einer sagt: »Genug!«

Man grüßt sich nach dem Tischgebet, fragt und erzählt sich kleine Pastoralien, mustert die jungen, noch unbekannten Neupriester, erkundigt sich um die Besserung des allbeliebten Cyrill Zelblein, und Pfarrer Chrysostomus von Rütmühl, ein peinlicher Liturge, wird mit leisem Spott gefragt, was er wohl wieder für neue Verordnungen auszupacken habe – in coloribus et in honoribus? – Dennoch kommt man nicht recht ins Gespräch. Alle sind vom Beichthören müde, und ein feierlicher Schatten des schweren, sorgenvollen, aber herrlichen Sakramentes lagert noch auf den meisten Stirnen und will ein ungeistliches Späßlein nicht aufkommen lassen. Im Schulhaus drüben hat die Blechmusik noch einen Parademarsch geprobt. Jetzt gehen sie heim, die Lichter erlöschen, vom Turm schlägt es elf. –

Es wird immer stiller am Tische. Müde, müde, liebe Freunde, lächelt der Pfarrer bei sich. So ist's recht. Ihm gilt der Marthatag soviel wie dem Bauern die große Ernte. Und er zählt jetzt seine vielen Knechte und rechnet aus, was für eine Arbeit so viele heut abend in seinem Weinberg geleistet und wie viel Frucht sie noch morgen von vier bis neun Uhr in die Scheuer tragen. – Fast die ganze Gemeinde führen sie zum Altar. – »Nehmt Suppe, nehmt Suppe! Und da, schneidet tapfer in Käse und Brot, und schenkt doch ein . . . Roten? . . . Weißen? . . . Hört nicht auf den Doktor da!« – Er möchte sie stark und frisch haben, seine lieben Winzerleute. Denn schon vor Sternenbleichen fängt die Arbeit wieder an.

Kaplan Johannes ist kurz vor zehn Uhr angekommen und wird mit schonungsloser Neugier betrachtet. Die meisten kennen ihn nicht. »Das ist also unser Ehrenprediger!« ruft Dekan Bächtold. »Ich gratuliere! Sie kommen schon früh zu hohen Ehren. Unsereiner wurde katzengrau, eh' er nur einmal in Peraut eine Maipredigt . . .«

»Taceas!« widersprach Pfarrer Tur rasch. »Du hast ja im Dom vor drei Bischöfen predigen dürfen! Ist dir das noch nicht genug?«

»Ach, diese Predigt, Philippus, wie oft muß ich davon noch hören?« seufzte der Dekan und schloß seine Kirschenäuglein ungeheuer schelmisch. Er dachte gern an sein Kanonikat in der Bischofsstadt zurück, aber noch lieber an den Tausch mit seinem jetzigen Dörflein, grad unter den Behitener Felsen. In der Stadt hielt er es, der freie, kühne Sohn des Hostbauern in Failch, nicht lange aus. Jetzt war er selig.

»Erzählen Sie uns das!« drängten die Jungen indessen den Perauter Pfarrer. Was gab es doch vor alters für Tage der Herrlichkeit! Jetzt ist alles so nüchtern und so steif geworden!

»Sie müssen wissen,« klatschte nun wirklich der Perauter mit vergnügter Bosheit den Kaplänen aus, »daß unser Dekan im Exordium die Bischöfe mit den Aposteln verglich und alsdann sagte, er wolle nun von drei Aposteln reden, die wir in unsern Tagen besonders nötig hätten . . . bedenket . . . vor den drei Gnädigen!«

»Glaubt ihm nicht alles! . . . und ich hab's nicht bös gemeint! Mißverstanden hat man mich, wie alle großen Geister!« beteuerte der Dekan mit komischem Ernst. »Und dann, auch die Violetten und Purpurnen sind Menschen.«

Aber Philippus Tur fuhr unerbittlich fort: »Vor den Bischöfen, so ein Exordium! . . . Er meine den Sankt Petrus, erster Teil! . . . den heiligen Paulus, zweiter Teil! . . . Und drittens . . . passen Sie auf! und drittens nicht etwa den heiligen Johannes, gar nicht den, sondern den klugen, kräftigen, ernsten Jakobus von Jerusalem.«

»Wieso denn? Argumente vor! Causae? Loci? Conclusiones? Macte, Reverende!« riefen die Jungen.

»Ach,« klagte der Dekan, »da kommen schon wieder Ihre gelahrten Seminarwörter! Könnt Ihr nicht auf gut Deutsch sagen: Beweisführung? – O tempora, o mores!«

»Heute ist die Liebe groß, aber der Glaube klein,« fuhr der Pfarrer nun recht ernst im Erzählen fort, und alle Neckerei verschwand, »heute, so ungefähr sagtest du, ist der Mut sehr groß, mit den Christusleugnern einige Schritte weit zu spazieren, und der Mut sehr klein, stillezustehen und zu sagen: Hier geht mein Weg weg von euch; kommt jetzt auch ein Stücklein mit mir! . . . Heute schreit man immer: Das Gemeinsame, das Gemeinsame! Wo wir nicht einmal den Herrgott gemeinsam haben . . . und man flötet uns zu: Piano, piano . . . wenn die Gegner uns noch so überschreien . . . Piano! Nicht weh tun! . . . Man redet vom Überbrücken dessen, was nie überbrückt, von keiner Archentaube überflogen, von keiner Liebe überwunden werden kann, – weil der Glaube nicht mitgeht!«

»O, das ist sehr schön,« sagte Johannes leis, und bewundernd streifte sein graues Auge den alten Dekan, der sich eben eine Zigarre anzündete. Und er verzieh ihm diese Zigarre und die Schnupfernase und sogar den alten, nicht ganz saubern Glasperlenkragen, den er weit um das magere Greisenhälschen trug.

»Hernach sagte einer der Bischöfe zu unserem Dekan: ›Heute haben Sie wohl uns Violetten einen Klaps geben wollen?‹ Aber der Dekan erwiderte mit erstaunlicher Demut: ›Ich werde mich nicht unterstehen . . .‹ ›O, o,‹ versetzte unser Episkopus, der strengste von den Dreien, ›wenn einer predigt, sind wir andern alle Hörer, nicht Lehrer. Und ich denke, der Zweite an TimotheusNämlich der zweite Brief Pauli an Timotheus: praedica . . . insta opportune, importune . . .! gilt auch, wenn violette und sogar purpurne Seide unter den Zuhörern glänzt.‹ War das nicht groß gesprochen?«

»Nur hätte er auch die weiße Seide beifügen dürfen,« warf der neugebackene Pfarrer Pfyf ein. »Auch der Papst muß sich predigen lassen. Auch der Summus Pontifex kann wie Petrus einen Tadel brauchen. Zum Beispiel Savonarola hat . . .«

»Zum Beispiel vielleicht ein bißchen zu viel gepredigt,« unterbrach der Dekan rasch und funkelte streitlustig mit den schwarzen Bauernäuglein. »Und dann, Sie junges Rauchfäßlein, können Sie etwas Hitze aushalten? Das Feuer vor dem Palazzo Vecchio . . .«

»Hochwürdige,« schnitt hier Pfarrer Tur die gefährliche Disputation ab, »daß ich nicht vergesse . . . Pfarrer Zelblein hat mir aus Rom eine Karte gesandt. Gleich nach der Audienz beim heiligen Vater . . . da, seht! hört!«

Pfarrer Tur zog eine vom vielen Herumzeigen schon ganz abgegriffene Karte heraus und las: Vidi Petrum, amice! Sicuti regem, magisque sicuti patrem filiorum suorum sacerdotum. Numquam me infantulum S. Matris Ecclesiae tam vigenter sentitus sum, quam illa hora. Desiderium complevi, felix revertor. Tuus C. Z.Freund, ich sah Petrus! wie einen König, nein, eher wie einen Vater seiner priesterlichen Söhne. Nie habe ich mich so kräftig als ein Kind unserer heiligen Mutter-Kirche gefühlt, wie in jener Stunde. Meine Sehnsucht ist befriedigt, glücklich komme ich heim. Dein C. Z.

Das ergriff alle. Man kannte den derben Zelblein. Wenn der so schrieb, so weich, so zart! Johannes wunderte und freute sich am meisten darüber. »Mein Prinzipal,« erklärte er stolz, »kehrt in wenigen Tagen heim. Wir haben gute Berichte aus Pisa.«

»Gratulamur!« erscholl es in einem herzlichen Chorus.

»Wenn einer von uns, dann hätte dieser Cyrillus im Vatikan predigen dürfen. Denn erstens ist er ein tadelloser Priester, zweitens ein tüchtiger Prediger, drittens hat er nie den kleinsten seidigen Ehrgeiz gehabt; nicht einmal nach einem violetten Westenknopf hat er auch nur mit dem linken Auge geblinzelt,« beschloß der Perauter und schob die römische Karte andächtig ins Brevier.

Man freute sich über dieses Späßchen vom Westenknopf, das auf den jungen Pfarrer Pfyf gemünzt ist, weil er sehnlich nach dem Prälatenrang strebt und einstweilen ein violettes Schnupftuch und Strumpfband gebraucht. Nur Johannes vermochte nicht mitzulächeln. Die Predigt machte ihm seltsam schwer, obwohl er sie fein auswendig wußte. Er freute sich sonderbarerweise nicht darauf, wie er geglaubt hatte. Sie drückte ihn wie etwas, das man zwar ordentlich gegessen, aber nicht recht verdaut hat. Warum wohl? Unter den Geistlichen hier, deren schwarze Fräcke so theologisch lang und ohne Schick geschneidert waren, aber die von Weihrauch oder geistlichen Büchern dufteten, ja eine ganze Luft von Priestertum, wie er sie seit dem Seminar nie mehr eingeatmet hatte, trotz Schnupf und Zigarren um sich verbreiteten, unter diesen Geistlichen, die so gewiß und fröhlich aus ihrem Sacerdotium herausschauten, ohne einen Zweifel und ohne ein unglückliches Stündlein: ach, da fiel dem Johannes die Marthapredigt immer schwerer aufs Herz. Er weiß wahrhaft nicht warum. Noch vor einer Stunde war er stolz darauf. Sie hatte ihn auf dem steilen Weg nach Peraut hinauf sozusagen beschwingt. Er trug sie gleichsam wie das ideale Modell einer Kirche auf der Hand, so wie man Sankt Heinrich oder Sankt Ferdinand mit einem kleinen, doppeltürmigen Münster abbildet. Ja, diese Stube von Bethanien war eine Art von Reformkirche, wo die Maße sehr vernünftig und sehr heilig ausgerechnet waren. Aber jetzt, unter diesen Priestern schien ihm, sein Münster verändere sich merkwürdig. Überall treten Lücken und Risse hervor, die schönen gotischen Fenster verblinden, und es läutet mißtönig unter den beiden Helmen hervor. Und doch haben die Kollegen hier noch keine Silbe gegen seine bethanische Predigt geäußert. Was ist jetzt das wieder? Um Gottes willen, wie wird er morgen predigen, wenn schon jetzt die Ängste wie Sturzbäche über ihn brechen? Ist denn am Ende der Geist hier in der Priesterstube nicht der gleiche wie der Geist in seinem Bethanien? Und wenn es ein zwiefacher ist, wo, um Gottes willen, wo liegt der Unterschied? Und welches ist der rechte Geist von beiden?

Einige Herren stehen auf, sie wollen noch die Nokturnen der heiligen Martha beten. Da kommt die Wirtschafterin herein und wirft ein paar Exemplare der Festnummer »Lampe« auf den Tisch.

»Wie, schon wieder, schon wieder!« ruft der Dekan, der gleich ein Blatt aufgenommen und überschaut hat.

»Was denn?« fragen die Geistlichen und umringen den greisen Nikodemus.

»Ach, dieser Quidam, cujusdam, quibusdam . . .«

»Der ›Im geistlichen Frack durchs weltliche Land‹?«

»Der! . . . Nun schreibt er gar ›Marthagedanken‹. Geben Sie acht, Herr Ehrenprediger, der schnappt Ihnen die Worte vor dem Mund weg! Na, na, na, was für ein unruhiger Kleriker muß der sein!«

»Das ist doch kein Priester, Herr Dekan!« widersprechen die älteren Herren.

»Gewiß, gewiß!« eifern die Jüngern, »er ist Priester. Er kennt sich gut im Klerikalen aus.«

»Na, gut!« spottet Pfarrer Ringsei, der Komponist. »Wie konnte er dann schreiben, man sollte dem Choral das moderne Ohr öffnen, mit einem Violinschlüssel öffnen? . . . Meine Herren: Choral und Violinschlüssel! Sagen wir: Santa Maria Maggiore und ein Kinematograph Pathé Frères! . . . Choral und Violinschlüssel geht nie zusammen.«

Johannes wurde dunkel wie eine der Kirschen auf seinem Desserttellerchen.

»Und er ist doch ein Priester,« behauptete der Pfarrer mit dem violetten Strumpfband. »Er kennt die Konzilien, die Reihe der Päpste seit Gelasius und redet von Apokryphen.«

»Das kann man alles aus dem Herder abschreiben,« brummte jener weißbärtige Kapuziner, bei dem die Schlingel so gern beichten. »Ich halte nichts von solchem Geschreibsel in politischen Zeitungen.«

Einige Herren setzten sich wieder. Man sah deutlich, daß jene Quidam-Artikel die Köpfe heftig beschäftigt hatten. Der ernste Innsbrucker Doktor las indessen den neuen Artikel im Ofenwinkel mit gerunzelter Stirne.

»Wer ist es? . . . Wer weiß etwas von ihm? . . . Wo steckt er?« fragte man, riet man, verwarf man. Alle hatten den ersten Artikel gelesen. Die Jungen nannten ihn geistreich und wohlmeinend. Aber die Älteren schüttelten ihre grauen Häupter und meinten, früher habe man die Zeitung nie zu pastoraltheologischen Ergüssen benutzt. Und auch heute gebe es gewisse blaue Hefte aus Linz und ein graues aus dem alten, tapfern Chur und ein sehr schönes rotes, von Weisheit und kostbarem Humor lachendes, Maria-Laacher Stimmen genannt die sich hundertmal besser zu solchen Aufsätzen eignen. Freilich, die wollten dann solide, nahrhafte Manuskripte. So ein krummes, oberflächliches Geplausch über das Feierlichste auf Erden, so ein Gedankensprenkel, mit einigen neuen Wörtlein gewürzt und mit ein wenig Pariser Esprit bestrichen, so was hätten freilich weder die Linzer und die Laacher, noch der Redakteur im Rhätischen droben je angenommen.

Eben darum, versetzten die Jungen schon etwas schwächer, mußte die Zeitung ihr Papier hergeben. Man muß sich doch populär aussprechen dürfen! – – Bezeichnend, sehr bezeichnend, kam es von den Grauen zurück, wenn man Sankt Thomas in ein Käsblättchen wickeln und aus einem Samstaganzeiger eine Kanzel machen will. – Aber, wehrten die Grünen, habe denn nicht ein ganz Großer gesagt, daß Paulus, wenn er heute lebte, Redakteur würde? – Ach, das sei ein Spruch cum grano salis, mit allem Wahren und Unwahren der geflügelten Worte, behalfen sich die Alten. An Redakteur Tann, der seine Osterandacht nie in der Wohngemeinde mache, und an sein Nachtlichtlein habe der große Ketteler sicher nicht gedacht, an so ein total wertloses Provinzblättlein. Nein, sicher nicht! – Man müsse nehmen, was man habe, rieten die Jungen. Lasse man diesen Quidam nur ruhig schreiben. Er verherrliche die Kirche auf einem Boden, wo sie gewöhnlich nur geschändet werde. – Verherrlichen? Da möchten sie, die Alten, einstweilen noch ein dickes Fragezeichen machen. – Nun ja, klang es schüchterner von den jungen Lippen, sie möchten ja auch keinen Kirchenvater aus diesem Quidam machen. Indessen, wenn das Blatt gering sei und wenig Tüchtiges bringe, so hätte doch der Klerus seine Schuld daran. Warum schreibe er nichts hinein? – Statt ein Mittagsschläfchen, Herr Pfarrer, ein Artikelchen über neue Bibelfunde . . . statt den Gang zum Bienenkorb, Herr Dekan, eine Notiz über die Missionen in Afrika . . . statt der Bach-Etüde, Herr Ringsei, ein wertvolles Aufsätzlein über den Volksgesang in der Kirche . . . Warum schimpfen wir? Warum schreiben wir nicht? . . .

Hier neigten die alten Herren vom Mittagsschläfchen und Bienenstand und Orgelstündchen leis und reuig ihre Köpfe. – »Da habt ihr recht,« gab der Dekan herzhaft zu. »Etwas müssen wir euch Jungen schon zugeben. Aber gleich sag' ich: unsere Feder ist alt und altmodisch. Wir können den neuen Stil nicht mehr erlernen. Das sind gar zu kurze Sätzchen. Da gibt es kein Subjekt und kein Prädikat mehr. Zum Beispiel, – hier in den Marthagedanken, – hört einmal: ›So wird der Geist des evangelischen Christus . . .‹ na, das ist übrigens eine Tautologie! . . . aber weiter: ›So wird der Geist des evangelischen Christus erst im vollen wahr . . . Und rundet das Leben! . . .‹ – Seht, seht, kein Subjekt! – ›Und Licht, wo ihr keines hättet‹ – seht, kein Prädikat! . . . Nein, dieser neue Stil mit so spitzigen, nervösen Sätzlein, den können wir uns nicht mehr angewöhnen, alldieweil wir Greise sind und hinfüro immer mehr Greise werden! Punktum! Da habt ihr unsern Stil!«

Man lachte den Dekan gütig aus. So schlimm wäre es denn doch nicht. Johannes aber ward von einer Bangigkeit in die andere geworfen.

»Nun, Herr Kanonikus! Dieser Stil ist auch nicht der unsrige!« sagte Vikar Dr. Otto, der Innsbrucker. Er hatte indessen den Artikel durchgelesen. »Es ist etwas wie Feuilletonsprache, so etwas Unrastiges, Haschendes, für einen Tag Lebendes darin. Schade! Der Mann ist geistreich und gibt sich nobel. Aber diesmal merkt man gleich, wohinaus die Sache will. Es hat wieder einer einen schiefen Ziegel am Kirchendach gesehen, und nun soll man die Kirche umbauen! Ich denke, wir Jungen gehen auch nicht mit diesem Quidam. Er ist ein guter Teufel, aber grenzenlos irrgeleitet. Und da will er noch führen! Der Arme!« – –

Johannes vermeinte unter den Tisch zu sinken, als nun Dr. Otto eine Anzahl der saftigsten Sprüche aus dem Leitartikel vorlas. Und jedesmal, wenn nach dem Satz der Chorus brummte. Höherer Blödsinn! oder: Ist er bei Verstand? oder: Der redet ja wie einer, der noch naß ist hinter den Ohren! – dann wurde es ihm finster vor den Augen. Das waren wirklich genau die Sätze aus seinem Werklein, im Kapitel von Maria und Martha. Eigenmächtig hatte sie Tann aus jenem Abschnitt gerissen und in der Festnummer der »Lampe« abgedruckt. Wie übel klangen sie aus dem Munde des strengen Innsbrucker Doktors. Wie ganz elend und merkwürdig fadenscheinig! Johannes schämte sich über sein eigenes Kind. Aber das war noch nicht das Furchtbarste. Ganz so in diesem Ton und Akkord war ja seine Predigt komponiert. Einige Stellen klangen wörtlich wie die Zeilen hier. Um Gottes willen, was machen? Die ganze Predigt ist nun unbrauchbar geworden. Johannes hält es in der Stube nicht mehr aus. Er rafft ein Blatt in seinen Rock und steht auf. Ihm ist so wirr, daß er kaum noch hört, wie Dr. Otto unter der Türe zu ihm sagt: »Gute Nacht! Schlafen Sie wohl! Ich freue mich, daß wir morgen eine ganz andere Martha zu hören bekommen, nicht wahr, lieber Herr Nachbar!«

»Er scheint ein kränklicher Mann zu sein!« sagte der Dekan in der Stube und paffte seinen dicksten Rauch aus der Zigarre. »Kein Blut, keine Farbe, keine Stimme! Na, was bekommen wir wohl für eine Predigt? Die Leute munkeln allerlei. Aber die Lachweiler haben ja auch ein hyperböses Maul . . . Indessen, kann ich jetzt? . . .« er machte eine ganz andere, kindlich ernste Miene und sah mit rührender Bescheidenheit den Pfarrer an . . . »kann . . . ich jetzt? . . .«

»Kommen Sie, Reverende,« lud der Perauter ein und öffnete das Türchen ins Studierzimmer. Dort legte er ein Kissen auf den harten Schemel, daß sein alter Freund bequemer zum Beichten niederknie. – Der Dekan wollte das Hochamt am Morgen mit reiner Stimme singen.

Schlafen Sie gut! – Wie konnte Johannes gut schlafen? – Wir freuen uns alle auf Ihre morgige Predigt! – Lieber Himmel! wo stehe ich eigentlich? Täusche ich nicht alle Welt, mich und die andern? – Das wird eine ganz andere Martha sein! – Nein, nein, es ist die gleiche, Satz für Satz, wie sie auf jenem schmutzigen Blatt steht. – Und es ist nicht die erwartete, richtige, echte, evangelische Martha, o nein, ich fühle das!

Ich bin ein anderer als alle da unten, dachte Johannes weiter und hörte mit Wehmut und Bitterkeit von der Stube herauf immer noch einige helle, priesterliche Stimmen klingen. Wie sind die alle doch zufrieden! Auch die Jungen und Jüngsten! Sie quälen sich nicht, es bohrt kein Zweifel in ihnen, es martert sie kein dummer Drang, etwas umzustellen, was nun einmal so ganz gut gestanden hat. Sie haben alle so helle Augen wie Vögel, die recht hochfliegen könnten, aber auf ihrem Ast zufrieden sitzen und aus dem schönen breiten Baum schon gar nicht herausmögen. Und ich? Immer wegfliegen und auf andere Bäume sitzen und meinen schönen, heimatlichen Kirchenbaum von dort angaffen, nein anpfeifen und auspfeifen! Etwa so: Blühe doch reicher! . . . grüne doch voller! . . . reife doch rascher! . . . Wo hab' ich nur dieses unselige Kritisieren her? Im Seminar schliefs doch. Aber eben, es schlief nur. In Tübingen und in Würzburg wars furchtbar wach. Diese herrlichen Schulen waren für mich zu groß, zu frei, ich gehörte in ein theologisches Schneckenhäuschen, sicher! Aber freilich, schon zu Hause hat mir die Mutter wohl zehnmal im Tage zugerufen: Was will der Nörgeler schon wieder?

Du liebe, liebe Mutter im Himmel oben, siehst du mich in so großer Plage? Da liegt er wieder, dein Nörgeler!

Vielleicht muß genörgelt werden auf Erden, damit die Welt gesund bleibt. Auch in der Kirche muß vielleicht genörgelt werden . . . aber von Fremden und Hassern, nicht von den eigenen Kindern! Eine Mutter will von den Kindern geliebt und bewundert werden! Das Hassen und Nörgeln mögen die andern besorgen!

Gewiß, es muß vielleicht auch drinnen in der Kirche getadelt und kritisiert und verbessert werden! Aber nicht von mir, der erst aus den Schulbänken hervorgekrochen ist, sondern von den Kirchenlehrern! Nicht von einem Kaplänchen, sondern von einem großen Bischof oder Papst! Und nicht von einem kranken Burschen, der weder die Historie genau kennt, noch die SummaDie theologischen Meisterwerke Thomas von Aquins. gründlich durchgenommen hat, der die Großstadt und ihre Pastoration noch nie sah und das wirkliche Leben nur aus den Seminarpulten und seit vier Monden aus den Lachweiler Stüblein kennt! Ja, es muß vielleicht getadelt werden, aber sicher nicht von mir, der voll bittern Launen und Schwärmereien ist und jeden Tag seine Sache anders sieht, – sondern von den eisernen Charakteren der Kirche, von den Felsenmännern des Jahrhunderts, von den Aloisius, wenn es Jünglinge sein sollen, von den Franziskus und Ignazius, wenn es Männer sind, und von den Leo und Pius unter den Greisen! – Wie komme ich in diese erlauchte Gesellschaft? Was bin ich für ein aufgeblasener Tropf? O lieber Gott, wahrhaft nicht aus böser Sünde, aber aus kranker, törichter, poetischer Phantasterei, ich elender Hans Hochhinaus!

Es war ein enges, niedriges Schlafzimmer, von einem knappen Kerzenstumpen erhellt, mit einem holperigen Boden, der bei jedem Schritt aufschrie, mit alten Tapeten und übeln Kupferstichen an der Wand: wo Johannes sich und die ganze Welt außer sich zum erstenmal genau so sah, wie sie beide waren. So groß und so klein! Aber so ist die Wahrheit! Sie hatte an hundert Tagen und an hundert Orten ihren Widersacher gewürgt, gestoßen, gedrängt, bis sie endlich hier in der kleinen Pfarrkammer von Peraut ihn völlig zu Boden warf. Gerade hier wollte sie ihn haben, am Vorabend von Sankt Martha, den hochwürdigen Herrn Ehrenprediger!

Johannes kniete am offenen Fenster nieder. Von da sah man ganz nahe das ewige Licht aus der Chorscheibe drüben schimmern. Stundenlang kniete Johannes so. Die Kerze löschte unter schmerzlichem Geknister und Getropfe aus. Zu Häupten donnerte es zwölf und eins und zwei vom Turm. Die Feuerwache schritt im Takt durch die Straße, aus einer der vielen Pfarrhofkammern rief ein Geistlicher im Schlaf: Fis! fis! – er war am Komponieren. – –

O wie still war es in dieser Nacht! Wo ist denn die rüstige, alle Hände voll wirkende Martha jetzt? Ah, sie schläft eben auch oder sie ruht dort drüben bei Maria am Tabernakel!

O wie still ist es! Der ganze Himmel wandelt herum und dreht seine Milliarde süßer Goldäuglein, aber wie lautlos!

Dort oben am Kronenberg, scheinbar die Tannenwipfel streifend, dort ist ein Stern ausgelassen geworden, flackert und zappelt wie in einem Räuschchen. Plötzlich erlischt er. – Und wieder geht es über den ganzen hohen Bogen: Sst, sst! Silentium sanctissimum! Der Kaplan von Lachweiler muß ja seine Marthapredigt studieren! – –


 << zurück weiter >>