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37. Das Geheimnis der Muskatellertraube.

In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts fehlte, inmitten eines lieben, bescheidenen Volkes, führten die zwei Ameisen ein stilles, süßes Leben.

»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang; denn für Honig hatte er ein ganz außerordentliches Verständnis. Dankbar für die erwiesenen Wohltaten hatten die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer zur Verfügung gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus einem Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein Mahl aufgetragen wurde, das wirklich eines Kaisers würdig war. Einmal bereitete Süßchen für die beiden Gäste einen Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht, das noch viel besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon:

»Das bestelle ich für alle Tage.«

»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält mehr Zucker und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist durch ihren hohen Nährwert bestimmt, die ausschließliche Nahrung solcher Larven zu sein, die Königinnen werden sollen.«

»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere Kraft?«

»Gewiß! Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß auf die Entwicklung der Larven. In gewöhnlichen Zellen speisen die Larven die alltägliche Mahlzeit, und es kommt eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen Gemächern wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei entwickelt sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise größer wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch Platz zum Größerwerden hat. Gäben wir den Arbeiterlarven nur diese Speise, bekämen wir lauter Königinnen.«

Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig Augen auf. Es wurde ihm furchtbar unbehaglich zumute, und er fragte vorsichtig ängstlich:

»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich eines Tages Hunderte von Eiern legen müßte, weil ich von der Wunderspeise gegessen habe?«

Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall.

»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle schon etwas Ungewöhnliches in mir vorgehen. Hilfe! hilf schnell! Ach, ein solcher Verrat wäre gräßlich!«

Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor Angst und Unruhe, sagte sie tröstend:

»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei Ameisen nicht die gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.«

Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum Ende des Sommers fünfzehntausend Eier legen zu müssen, holte einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust. Dann bat er, lieber doch keinen Königinnenbrei mehr zu bringen, – man könnte doch nicht sicher wissen, wie er wirke. Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen Herrn Grafen Großzang.

»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für jeden Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von früh bis abends Eier zu legen!«

Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief:

»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche Pläne! Das müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich einmal ordentlich vornehmen und einige neue militärische Übungen machen lassen!«

Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten eines Volkes, das seiner Königin treu ergeben war, seitdem er gar das Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war aller kindischer Ehrgeiz in seinem Ameisenkopf aufs neue erwacht. Es reiften daraus die wunderlichsten Pläne zukünftiger militärischer Abenteuer, von glorreichen Unternehmungen, Eroberungen und Verbesserungen im Reiche der gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen geäußerten Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt, fühlte sich trotzdem geschmeichelt durch Maxens Anspielung, daß sie eines Tages zur Herzogin erhoben werden solle, um die oberste Verwaltung über sämtliche kaiserliche Vorratskammern zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte sie ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen Anweisungen eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch zwei prachtvolle Harnische. Einen für Max, den andern für seinen Adjutanten.

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In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche Heerschau gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und Soldaten befahl:

»Abzählen! zu zwei!«

Und Großzang zählte:

»Eins!«

Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit fieberhafter Lust das Bienenvolk, um das Leben des Heranwachsenden Geschlechtes sicherzustellen. Unter den scharfen Augen der spähenden Schildwachen flogen am Eingang des Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für die Larven ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens hundert Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang an, und Max, der oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete, daß jede Biene vier Flüge täglich machte. Da nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so waren's zusammen hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug aber bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch verrechnet, denn von den Dreißigtausend blieb ein Drittel zur Hausarbeit daheim. Es kamen also in Wirklichkeit etwa achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene Bienen eingeflogen. Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung und Verwirrung, aber Max sah tiefer in dies Leben und konnte sich nicht genugtun im Bewundern seiner fabelhaften Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich seine eigene Aufgabe. Während die Sammlerinnen den Blütenstaub ordnungsgemäß in die entsprechenden Vorratszellen einlegten, widmeten sich andere der Reinigung des Gemeinwesens, andere sah er eine tote Biene fortschaffen, und wieder andere beförderten einen fremden Störenfried an die Luft. Mit liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen die jungen Larven augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit, sie in ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie diejenigen Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen, sorgfältig die Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen.

»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt.

»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern. »Diese Larven sind nun genügend entwickelt, sie sollen sich jetzt verpuppen, um danach vollkommene Bienen zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel Mühe kosten, das Wachstürchen selbst durchzubrechen.«

Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie unter andern auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde. Ihre Wachsdecke wurde kuppelförmig geformt.

»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch die Damen!«

Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß die Mahlzeit aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten in sein Zimmer, wo eine von Süßchen beauftragte Biene ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete und prüfte gedankenvoll den herrlichen Bissen im Munde.

»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht neu! Wo in aller Welt habe ich nur das schon gegessen?«

Plötzlich sprang er erfreut auf:

»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt nach der Traube an unserem Landhaus!«

Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung fort:

»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser Speise geholt? O sage es mir, du hast keine Ahnung, wie notwendig ich das wissen muß!«

»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen Rebe, die sich um ein Menschenhaus rankt.«

»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage, sage schnell, ist's weit von hier?«

»Na, ziemlich weit!«

»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max dringlich, »könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen? O tue es, ich will mich ganz leicht machen, und du bist mein Luftschiff, nicht?«

»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel zu tun!«

»Morgen dann?!«

»Vielleicht morgen; kann sein!«

»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max.

Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen Kaiser eigentlich gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung, sein Mütterlein zu sehen, vergaß er allen Ehrgeiz und alle Träume der Zukunft mit einem Schlage. Er hätte dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf fahrlässige Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden war. Sicher genügte jedesmal schon die Erinnerung an die Heimat, alle bösen Verstimmungen zu verscheuchen.

Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine gute Mutter alle schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt.


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