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35. Im Bienenreich.

Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren Bienen ein hübsches Schlafkämmerlein angewiesen hatten, sehr schlecht gelaunt.

»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze Nacht verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. – Großzang! Hallo, Großzang! Großzang!«

Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer auf.

»Na endlich!« rief Max; »was für eine Art zu schlafen! Ein kaiserlicher Adjutant, das merke dir, schläft nur mit dem einen Auge, mit dem andern hat er stets zu wachen.«

»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.

»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast du bei dem Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere gegessen. Es ist unbedingt nötig, daß du dich änderst; denn meine Einkünfte erlauben mir vorderhand nicht, einen solchen Vielfraß von Adjutanten zu halten.«

Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:

»Etwas anderes! – Heute morgen müssen wir den Palast der Bienen besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt werden. Verstehst du, der Königin! Benimm dich deiner Stellung entsprechend und blamiere mich nicht!«

Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, um Max wieder in beste Laune zu versetzen.

Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen über die höfischen Sitten und Gebräuche und schärfte ihm ein, sich genau daran zu halten.

Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, mit dem der Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen sollte, als jemand an der Türe klopfte und fragte:

»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«

Es war Süßchen.

Max ging ihr entgegen und sagte:

»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich erklären, daß ich keine Freundin bin.«

»Wie? Keine Freundin?«

»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«

»Und diese andere Ameise?«

»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen Geschlechte an.«

»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, wie ich eine Arbeitsbiene bin.«

Max mußte lachen und schaute Großzang an.

»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? – Süßchen meint, wir wären zwei Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. Und wenn sie erst hört, wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, das Inkognito fallen zu lassen. Großzang, stelle mich vor!«

Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach würdevoll:

»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«

Max deutete auf Großzang und sprach:

»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des Kaisers Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, der zweite Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen ausgesaugt.«

Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.

Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, und erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung folgen zu lassen. Er erzählte ihr vertraulich die Geschichte seines Aufstiegs zu fürstlicher Höhe und den jähen Sturz von seinem Throne.

Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, sagte sie:

»Hör mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe nach keiner Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang zur vergnüglichen Arbeit. Hast du, Unglücklicher, auch diesen verloren? Bitte, beeile dich, wenn du jetzt unser Haus besichtigen willst.«

Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Unmut schüttete er über den unschuldigen Großzang aus, den er barsch anfuhr:

»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! Hörst du nicht? Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. Komme sofort! Wie lange braucht es noch, bis du dich rührst?«

Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur Seite, der Adjutant hinterdrein.

Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung gegen gestern wahrnahm. Die Toröffnung war viel niedriger und schmäler geworden. An beiden Innenseiten des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus einer braunen, klebrigen Masse bestanden.

»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, als ich eintrat.«

»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In Zukunft wird ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. Wir haben unser Haustor verbessert.«

»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern aufzuführen?«

»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, wie du vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten wir zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit streichen wir im Hause Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial haben wir den Eingang verengert; wir kitten damit auch unsere Waben an der Decke und an den Seitenwänden fest.«

»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch auch etwas sagen wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher Genauigkeit und Schnelligkeit diese Veränderung ins Werk gesetzt wurde!«

»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen gutgelaunt. »Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, vor denen sich einer fürchten kann!«

Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte sich mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein Haus handelte, wie Süßchen es nannte, noch um einen Palast, wie er glaubte, sondern um eine wirkliche und wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der Baukunst, der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.

Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie der Linien und weise Ausnützung des Raumes.

Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer Unmenge von Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form erbaut waren. An jeder Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes Zimmer an.

»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den beiden Ameisen, »daß das Sechseck die einzige Form ist, die uns gestattet, im gegebenen Raum die größtmögliche Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu bauen. Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust an Raum bedeuten.«

»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt die Raumfrage in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist es möglich, diese Zellen so regelmäßig und so genau zu machen?«

»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere Wohnung bestimmt haben, sei es in einem Mauerloch oder in einem hohlen Baum, wie dieser hier, bauen wir zuerst die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist das Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen. Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit dem Munde und fügen Stückchen an Stückchen zusammen. Und weil wir viele sind und immerfort einander ablösen, geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer größeren Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil er die beiderseits anzubauenden Zellen trennt. Von der Mittelwand aus ziehen unsere gewandtesten und tüchtigsten Bauleute die Seitenwände unserer Zellen. Wollt ihr das sehen?«

Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade neue Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert und poliert, bis die sechs Seitenwände die nötige Länge erreicht hatten und ein bequemes und sauberes Kämmerlein einschlossen.

»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.

»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.

Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei den Menschen Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens das gleiche bedeutet. Natürlich stimmt das nicht immer und nicht in jedem Fall.

»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir sind imstande, in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend Zellen zu bauen.«

»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube mir zu bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«

»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die Zellen für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, wir Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise herum, auch auf Max und Großzang.

»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. »Ich gab dir bereits zu verstehen, daß wir Männer sind!«

»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und fuhr fort: »Hier, diese größeren Zellen sind für jene Eier bestimmt, aus denen männliche Bienen geboren werden, … wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese letzteren hier sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß, prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen zu werden.«

»Was? Wie?« sagte Max. »Königinnen!«

Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, aber in ebendemselben Augenblicke stand man vor einem sonderbaren Hügel, vor dem Max neugierig anhielt.

»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.

»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, den du besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen konnten, haben wir ihn einbalsamiert. So kann er nicht verwesen und uns die Luft verpesten.«

»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten Körper, der am Boden festklebte.

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes rings mit Wachs ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. So ist er luftdicht abgeschlossen, kann darum nicht verwesen und uns die Luft verderben. Ich will euch noch ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art unschädlich gemacht haben.«

Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk und sprach:

»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus gekrochen, und wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein Stich trieb sie in ihr Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs haben wir ringsumher am Boden das Schneckenhaus festgeklebt, und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus begraben.«

Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht nur über die Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart der Bienen. Sie wollten eben ihre Bewunderung ausdrücken, als sich plötzlich ein dreimaliges taktmäßiges Gesumme wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen flüsterte leise:

»Still, die Königin kommt!«


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