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26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu Pferde beenden kann.

Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als er mit außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.

Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in gleichmäßigen Schlägen auf und nieder, und Max dachte nicht anders, als daß die Kraft durch einen Dampfkessel irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt würde, das die schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer Schiffe seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen oft plötzlich an der Oberfläche und verschwanden rätselhaft in die Tiefe, so daß Max in hellem Vergnügen glaubte, er befinde sich mitten im Manöver einer Unterseeboot-Flottille. Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über diesen herrlichen Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen erregten Sinn.

»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier als gefürchteter Admiral einige feindliche Schiffe in den Grund bohrte?«

Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend und wie ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem Gang auf dem Deck seines Schiffes hin und her. An einer Stelle bemerkte er eine Reihe von Röhrchen, eines dicht neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier und sagte schlau:

»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«

Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da es offen war, rief er hinab ins Innere des Dampfers:

»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«

Eine Stimme antwortete:

»Hallo! Wer da?«

»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Deck! Rasch herauf!«

Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:

»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«

Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei Ruder sich aus. Das Schiff bäumte sich erst auf, dann fuhr es kopfüber in die Tiefe. Max wurde mit hinuntergerissen, und schwindelnd dachte er:

.

»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll Geistesgegenwart das Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht besondere Dienste geleistet hatte. Zugleich begriff er mit Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf offenem Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber los und zappelte wie rasend, bis es ihm gelang, an die Oberfläche emporzukommen. Doch das Wasserschlucken, der Schrecken und die Überanstrengung hatten seine Kräfte so erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht nahe, stammelte er als letzten Stoßseufzer:

»O du meine liebe Mutter!«

Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine Arme aus, faßte etwas und klammerte sich so fest daran, wie es nur ein Ertrinkender fertigbringt. Von oben aber rief's:

»Oho, wer zieht an meinem Bein?«

Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden Kräfte und seinen ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:

»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer Person, die auf dem Wasser spazieren kann. Eine solche kann ich aber gerade brauchen, also Mut!«

Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit dem Erfolg wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder gelangte er über Wasser und schwang sich gewandt auf den Rücken des fremden Beinbesitzers, der abwehrend ausrief:

»Wer steigt mir auf den Rücken?!«

»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.

»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen bewaffnet, kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst ans Ufer zu befördern.«

Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, daß die Ameise zu allem eher als zum Ertrinken entschlossen war und keinen Widerspruch dulde. Deshalb nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf dem Wasser gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt mit langem, dünnem Körper und einem Kopf, der allein ein Drittel seiner Gesamtlänge ausmachte und der mit außerordentlich langen Fühlern versehen war. Sechs gleichlange Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls ungewöhnlich lang.

»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend freundlicher als vorhin; »sei du nur froh, daß du nicht auch auf ein Unterseeboot zur Überfahrt angewiesen bist. Doch bitte, wer bist du?«

»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit Freimut. »Wir Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht es uns keinen Spaß, sie oft zu benützen. Höchstens, wenn wir einmal über Land zu einem andern Gewässer wollen.«

So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen schwarzen Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter ihnen kamen zwei ganz dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, denen Max mit einem gewandten Ruck auswich.

»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wasserläufer fort, »aber in meiner Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. Diese können gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, andere spielen auf den gefährlichen Wassern tropischer Meere.«

Max merkte längst, daß er es mit einem feingebildeten Herrn zu tun hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich wegen der unverfroren kecken Art zu entschuldigen, mit der er einen Freiplatz aus seinem Rücken beansprucht hatte. So entspann sich zwischen Roß und Reiter eine artige Unterhaltung. Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf dem verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen hatte. Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern und sagte nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer gewesen sein, die Nontonecta glauca.«

»Was, so heißt das Schiff?«

»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner Ordnung und lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber während ich nur auf der Wasserfläche schreite, taucht dieses auch in die Tiefe, um drunten auf dem Schlammgrunde kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem giftigen Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es mit dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine gelbe Brust, seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten Beine, von denen das hinterste, längste Paar zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur herauf, um Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, die Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«

»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen ungeheuerlichen Irrtum mit Beschämung einsah.

»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr wundern. Der Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere als ich, und er versteht vortrefflich zu fliegen.«

»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! Es fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. Diese Erfindung haben die Menschen im großen Kriege noch nicht gemacht!«

So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer mit seinem Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes sprang Max von seinem Wasserpferd ans Land und rief:

»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir deinen liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir doch die Ordnung, der du zugehörst.«

»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe und Halbdecker. Wir Wasserläufer bilden eine eigene Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«

»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest du aber dem Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine Ungezogenheit sei, wie er ahnungslose Reisende, die sich ihm anvertrauen, behandelt!«

Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich elegant um und entfernte sich in langen, raschen Schritten vom Ufer. Max folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften Wesen, dessen dünne Beine lautlos über die Fläche glitten. Als längst nichts mehr von ihm zu sehen war, blickte Max einsam um sich und rief in großer Niedergeschlagenheit aus:

»Was nun?«


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