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29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen Hausschlüssel hat.

Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. bewegt, »endlich kann ich sagen: Zu Hause!«

Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser Freund den Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. Auch diesmal mußte er leider bald erfahren, daß es nicht so einfach ist, in ein geschlossenes Haus einzudringen, auch wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden ist.

Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre so genau eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch auf der Schwelle ein Spältlein zu finden war. Und Max suchte doch mit unendlichem Fleiß.

Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber auch hier ging es nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein Messingschildchen, und er mußte wohl oder übel wieder umkehren, nachdem er vergebens im Schloß herumgekrabbelt war.

Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, um zu sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster hineinkäme; doch gab er den Plan gleich wieder auf.

»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte er, »denn in dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«

Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin und her. Er, der einst so viel von künftiger Größe geträumt hatte, wünschte jetzt zum ersten Male, noch viel kleiner zu sein, als er schon war. Da gewahrte er beim Mondlicht ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein Holzwurm ins Holz zu bohren pflegt.

»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus gelangen«, sagte er für sich und machte gleich den Versuch.

Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande mit seinen Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. Je weiter er vorwärts kam, desto breiter und bequemer wurde der Weg. Es war ein vielgewundener, dunkler Gang, der manchmal anstieg, manchmal abfiel und voll Sägemehl lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses Ortes hier angehäuft worden war.

»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein mag, der sich damit vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«

So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, voran, um allenfallsigen Überraschungen zuvorzukommen. Nach einem guten Stück Weges hielt er an. Vor ihm lag etwas Weiches, Zartes, das die Straße versperrte.

Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die sprach:

»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«

So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, diesmal machte er zunächst eine weise Überlegung.

»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; aber sein Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er nicht Haustüren durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, mit ihm zu verhandeln, ehe er sich gegen mich umdrehen kann.«

Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den weichen, zarten Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig mit seinen Zangen und sagte listig:

»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«

»Au, au, du bringst mich ja um!«

»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne täte ich es nicht.«

»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«

»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar Worte zusammen plaudern.«

»Aber wer bist du denn, was willst du?«

»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, kleine Ameise, aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl imstande, Sie mit einem einzigen Biß in zwei gleiche Teile zu zerlegen.«

»Was für ein greulicher Einfall!«

»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, ist fürs erste dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, darf ich dann hoffen, daß auch Sie Ihre Waffen nicht gegen mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe hohe Achtung vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«

.

»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«

»Auf Insektenehrenwort?«

»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, zu denen ich mich rechne.«

»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können wir im vollsten Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre auch zu deiner Familie.«

Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich um, und Max fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf vor sich, der in eine hornharte Spitze ausging.

»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der Besitzer dieses Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. Auch stehe ich gerade vor einem neuen, bedeutsamen Abschnitt meines Lebens und will das gegebene Wort nicht brechen.«

»Das ist ein sehr guter Entschluß.«

»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«

»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine zu gelangen. Mit einem Wort, ich muß durch diese Türe hindurchkommen.«

»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu Ende.«

»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so geschickt!«

»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!«

Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen und fragte:

»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir rede.«

Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich:

»Ich bin der Sirex juvencus, die Kiefernholzwespe. Durch den Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft, bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln, um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick meines Lebens stehe.«

Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes geben, deshalb sagte er:

»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind als ein Zwetschgenkern.«

Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch verbreiterte und verlängerte.

Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war Max, als ob sie murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«

Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:

»O ich Unglückselige!«

Max drängte sich zu ihr.

Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen und murmelte unverständliche Worte.

»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.

Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher Stimme:

»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«

Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn zur Verzweiflung.

Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag der Türe.


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