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24. Auf dem Weg zur Mutter.

Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre in Verlegenheit gekommen, es uns genau zu sagen; denn er hatte keine Uhr bei sich. Aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden Gallwespe zurufen:

»Na, und?!«

»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das Blatt, »ich glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung ähnlich ist.«

»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin oder hierhin? Wo ist's?«

»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum Ausschnaufen! – Höre, das Haus, das ich sah, liegt in derselben Richtung wie das Blatt, auf dem wir sitzen.«

»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem rechten Vorderbeinchen.

Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:

»Jetzt gehe ich … Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! Aber wir werden uns wiedersehen, gelt!«

Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam den Weg, den er auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder hinab.

»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, er sehnte sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«

Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.

Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten Willens sind. Sagt man ihnen: »Geh mir rasch da- oder dorthin«, so laufen sie auch schon und rufen: »Ich bin gleich dort.«

Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt, schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die ihm die Gallwespe angegeben hatte.

Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind. Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche hatte aufwenden müssen.

»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen haben!«

Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach:

»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.«

Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.

»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den Hunger spürte er nicht mehr so quälend.

Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod.

Eine Wespe, von der Art der Sandwespe – Max hatte nun schon eine ganz nette Insektenkenntnis –, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib bohren, als sie plötzlich davon abstand.

»Halt ein!«

Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten Stunde für die Grille. Die Angreiferin war überrascht, ließ ein wenig locker, und es gelang der zu Tode Geängstigten, ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf war sie in ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über Max her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. Der tötende Stachel glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max sagte lachend:

»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«

»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du hergelaufener Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits zu Hause eingebracht, und eine fehlt mir noch; endlich hatte ich sie glücklich, und du bist schuld, daß sie mir entwischte.«

»Genügen die dreie dir nicht?«

»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier. Habe ich keine viere, so bekommen meine Kinder nicht genug zu essen. Nun kann ich deines Vorwitzes halber von neuem die Jagd beginnen.«

»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir leid. Mit deiner wilden Kraft wirst du gewiß bald eine andere bekommen. Lebe wohl und entschuldige vielmals!«

Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf zwischen Wespe und Grille und seine Unterhaltung mit dem betrogenen Sieger hatte ihn nicht im geringsten in der Richtung des Weitermarsches beirrt.

»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die Grille schön eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine verteufelte Kraft. Man sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl muß ich meine Freundin Gallwespe noch mehr bewundern. Sie ist viel kleiner und war doch imstande, sich einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«

Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn drängte die Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg zur Mutter war gar so weit.

Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den gleichen Weg verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und schnellere Weise. Es war ein äußerst fein gebautes Insekt mit langem, dunkelgrauem, dünnem Körper, mattgelb am Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten, ja allerleichtesten Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von einem Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte und durchaus nicht finden könne.

»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was würde ich nicht bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«

Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstechenden Augen an und lachte laut:

»Ich bin keine Libelle.«

»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.

»Wenn du's wissen willst, – ich habe viele Beziehungen zu deinesgleichen.«

»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft verkehren!«

»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. Dabei setzte es sich, unbekümmert um Max, bedächtig umherspähend auf einen Grashalm. Max näherte sich, er wollte wissen, was es denn eigentlich zu tun vorhabe.


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