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27. Bei den Hummeln.

Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz allein, bei dunkelnder Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? Er kannte die Richtung seines Weges nicht, er wußte nicht einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch tatsächlich an jener Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder ob er gar wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft hatte.

»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten finden«, seufzte Max.

Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf einem Hügelchen ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein. Dabei tastete er sich vorsichtig mit den Fühlern voran und hielt für alle Fälle seine Zangen bereit.

Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. Als Max bei einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen Ganges angelangt war, hörte er einen langgezogenen, tiefen Ton, der in ihm alte Erinnerungen weckte und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen wohnt ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler ist auf seiner Baßgeige!«

Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein dritter, dann ein vierter und fünfter vernehmen, und durch die geräumigen Gewölbe der finstern Höhle klang eine feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten Baß, so daß Max meinte:

»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die hohe Schule für Baßmusik.«

Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich nach der ersten Pause:

»Bravo! Bravo! Da capo!«

Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.

Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig einige Töne an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, und endlich spielten sie mit stets wachsender Stärke die Melodie zu dem Liedchen:

»Rumpidibum, Rumpidibum,
Wer geht um, wer geht um?
Ist's ein Feind, so bleib' er fern,
Doch den Freund empfang' ich gern!
Wer steht vorm Tor,
Rumpidibum,
Der tret' hervor!«

Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und sagte mit einschmeichelnder Stimme:

»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den Herrschaften für diese Nacht um Aufnahme bittet.«

Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:

»Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«

Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. Die Bewohner kamen ihm in derselben Haltung entgegen. Sie betrachteten ihn genau mit ihren Fühlern, um ihn kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem Fremdling nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen hatte einzutreten, redete ihn an:

»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. Das gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«

Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen und streckte mit Wonne die armen, müden Glieder aus, die so viel geleistet hatten.

Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte von Baßgeigen hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner der Höhle stets mit schweren Schritten hin und her gingen und dabei unablässig brummten.

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Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, um diese merkwürdigen Musikanten bei Licht zu besehen. Da erblickte er denn eine Anzahl wohlbeleibter, kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht behaart vom Kopf bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer gelben Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den Rücken und ging am abgerundeten Ende des Körpers über in ein zartes Weiß. Am Bruststück trugen die Tiere zwei Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.

»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.

Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und doch waren es Insekten von milden, höflichen Sitten, voll Eifer für ihre Kinder, voll Zuneigung für ihre Familie, unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis Abend beschäftigt waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge Brut heimzuholen.

Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. Ein verlassenes Mausloch, einen von Ameisen noch nicht in Anspruch genommenen Maulwurfshaufen, einen schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder sonstige Hohlräume im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos und Gras. Aber wenn auch am Hummelneste die Kunst fehlt, so herrscht drinnen dafür eine friedliche Eintracht. Im Hummelstaate arbeiten alle. Männer und Frauen führen das gleiche einfache, ehrliche Leben.

Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in Frieden, immer brummen sie, und immer sind sie gegen alle Gutgesinnten lieb und artig, obschon sie ein so bärenhaftes Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen, daß man die Leute nicht nach dem Äußeren abschätzen und beurteilen darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter rauher und unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, wie auch im Gegensatz die Schönheit oft durch ihren inneren Unwert schwer enttäuscht.

Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, fand bald Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, von denen die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die letzte ist.

Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme äußern wollte, erschien am Eingang der Wohnung ein haariges, schwarzes, geflügeltes Insekt, welches einer Hummel glich, aber dessen Sprache doch die Zugehörigkeit zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte bescheiden:

»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine kleine Unterstützung!«

Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.

»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei Tagen arbeite ich an meinem Nest, das ich an der äußeren Wand einer Menschenwohnung anlegte. Da kam eine Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man ja leider kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche an meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf um meine Rechte zog ich den kürzeren, und die Freche bemächtigte sich meines fast fertigen Nestes. Übel zugerichtet, mußte ich fliehen und finde jetzt nicht einmal mehr die Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende ich mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig zu essen gebt.«

Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven Leute sofort ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max sehr gern teilnahm, denn sein Magen brummte bereits, als ob er selber eine Hummelgeige geworden wäre. Nach dem Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und wollte auch fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte tiefen Eindruck gemacht hatte, zu ihr hin und sprach:

»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen möchte.«

Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht eines jeden Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu verwenden, wenn er der rohen Gewalt ausgesetzt ist, und daß es sich gehört, das gute Recht gegen den Unterdrücker zu verteidigen.

»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.

Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:

»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem spitzen Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, daß du mir helfen könntest, es zurückzuerobern. Doch will ich es dir für alle Fälle weisen. Mein Nest ist an der Vorderseite eines Hauses, das in gerader Richtung vor uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt es an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters Dach emporrankt.«

Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und hörte nicht mehr auf Max, der vor Aufregung kaum fragen konnte:

»Ist es eine Muskatellerrebe?«


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