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13. Das weiße Fähnlein.

In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine Stimme:

»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend trat sie zwischen Max und seine Feinde. Mit zitternden Fühlern und drohend aufgesperrten Kieferzangen stellte sie sich den Angreifern entgegen, die sofort einige Schritte zurückwichen.

»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch unterstehen, euch das Recht über Leben und Tod eines Gefährten anzumaßen? Ihr, die ihr kaum einen Tag alt und noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«

»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu widersprechen.

»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer keck hinzu.

Immer zorniger entgegnete Fuska:

»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das Ei als eines der Unseren erkannt und heimgebracht. Ich muß mich höchlich wundern, daß ihr, die ihr sozusagen noch die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß ihr euch ein Urteil über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid ihr! Naseweise Rangen!«

Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen treu zu Fuska, während der Professor, die Vorderbeine aus dem Rücken verschränkt, das Haupt bekümmert schüttelte.

»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt; »werden denn die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen lernen? – Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache ihrer grausamen Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich habe meine kostbare Zeit mit diesen Unverbesserlichen vergeudet!«

Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen standen beschämt vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen nahm und ihn den andern vorstellte.

»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer Unrecht. Sein Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. Sind das nicht die hauptsächlichsten Merkmale unserer Familie? Wer leugnet, daß er eine Rasenameise ist wie wir alle?«

Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden jedes Gefühl der Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft umringten sie ihn alle, und jeder drängte herzu, ihn zu umarmen.

Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in ihrer liebevollen Weise zu:

»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen Schrecken erholen.« In einem abseits gelegenen Kämmerlein angelangt, ließ Max seinem Kummer freien Lauf, und er klagte:

»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!«

»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«

»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.

»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«

»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.«

»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich, wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das heillose Zipfelchen zu verstecken.

»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar nicht weiter auf.«

»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung.

»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser lächerlichen Fahne zwang.

»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich wenigstens mit einem Griff das Zipfelchen verstecken, aber nun? Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, aber Mutter wollte nicht hören, und …«

Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles andere darüber vergaß.

»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein, wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir hätte, das immer bei mir bliebe!

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Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog er jetzt lustig an seinem Fähnlein, nannte sich selbst bei seinem Necknamen Butziwackel und schließlich weinte er erleichterten Herzens Freudentränen aus seinen sämtlichen hundertdreiundzwanzig Augen. Daß ihm einige Kameraden heimlich und neugierig gefolgt waren, bemerkte er nicht. Von seinem Selbstgespräch hatten sie wohl nicht viel verstanden, aber am selben Abend tuschelten sich die Ameisenkinder gegenseitig in die Ohren, daß Fuskas Schützling Butziwackel heiße.


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