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33

Kriminalinspektor Nuber hatte seine Abendmahlzeit beendet und saß, die Beine bequem auf einem herangerückten Stuhl ausgestreckt, in seinem Ledersessel. In den Händen hielt er den berühmten Band »Verschmachtende Liebe« und starrte auf die Überschrift des dreiundzwanzigsten Kapitels: »Das zerknirschte Bekenntnis des Ruchlosen.« Langsam, mit einem sorgenvollen Seufzer wandte er das Blatt um. In derselben Sekunde ratterte die Klingel des Fernsprechers los.

Nuber legte sorgfältig ein gesticktes Buchzeichen zwischen die Blätter des Bandes, klappte ihn zu und nahm vorsichtig den Hörer ab.

»Ich bin nicht zu Hause!« sagte er ruhig, ließ den Hörer aber am Ohr.

»Nicht zu Hause! Machen Sie keine Witze!« hörte er Halle mit unnatürlicher Stimme brüllen. »Unerhörte Vorgänge im Zentraltheater! Großfeuer! Nuber! Großfeuer!«

»Danke für die Mitteilung, Herr Halle!« meinte Nuber zurückhaltend. »Aber wollen Sie da nicht lieber die Feuerwehr anrufen?«

»Quatsch – Feuerwehr!« Halles Stimme überschlug sich vor Zorn. »Die ist längst alarmiert!«

»Dann ist's ja gut«, erklärte Nuber gelassen. »Ich würde mir den Brand ja ganz gern ansehen, aber ich bin jetzt gerade beim Bekenntnis des Ruchlosen angelangt. Sie werden einsehen ...«

Nuber schwieg. Er hörte deutlich, wie Halle an den zweiten summenden Apparat heranlief.

»Was? Wie? Muratow drin? Nicht mehr zu retten? Das ist doch ... Ja, ja doch! Gleich!«

Wieder befand sich Halle an Nubers Apparat.

»Nuber!« schrie er. »Sie müssen sofort hin! Die Hölle ist dort los! Eine gräßliche Panik! Vierzehn Polizeiwagen sind unterwegs! Sie müssen die Leitung übernehmen! Sie sind doch ein Mensch der Tat, mit Ihrer Ruhe ...«

»Gut! Ich bin gleich dort. Wollen Sie es heute nicht mit den logischen Gedankenketten versuchen? Nein? Wie Sie wünschen! Machen Sie in zwei Stunden einen anständigen Mokka zurecht! Ich komme bestimmt. Auf Wiedersehen!«

Nuber riß Mantel und Hut vom Ständer, raste die Treppen hinunter und sprang in den ersten besten Wagen.

»Zentraltheater! Los! Los!« feuerte er den Fahrer an. »Mensch, so rühr dich doch! Was? Angst, aufgeschrieben zu werden? Laß sie nur schreiben ... Die Polente selbst beehrt sich, in deiner Kinderkutsche zu reisen!«

Der Fahrer schwitzte Blut. Mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit in die Kurven! Polizisten stellten sich in den Weg. Fuchtelten windmühlenartig mit den Armen. Stoben im letzten Augenblick vor dem jagenden Ungetüm beiseite.

Nuber saß rauchend im Wagen und blickte zum Fenster hinaus. Der Himmel war rot gefärbt. Rasselnd, klingelnd und pfeifend jagten Feuerwehr- und Polizeiwagen einher. Die Straße war schwarz von Menschen. Alles lief. Niemand wollte sich den Anblick des großartigen Naturschauspiels entgehen lassen.

Der Wagen hielt. Das Gedränge war so dicht geworden, daß an ein Vorwärtskommen damit nicht mehr zu denken war.

Nuber sprang heraus, warf dem Wagenlenker einen größeren Schein hin und stürmte vor.

Da sah er das Zentraltheater. Ein einziges purpurrotes Flammenmeer.

Nuber jagte an einen Wachtmeister heran, wies sich aus.

»Was soll das?« brüllte er, um in dem ohrenbetäubenden Lärm verstanden zu werden. »In dem Gedränge kann sich doch kein Mensch rühren. Nennen Sie das vielleicht Absperrungsmaßnahmen?«

»Wir haben alles versucht!« brüllte der andere zurück. »Es ist unmöglich, diese Menschenmauer zu sprengen. Die vorderen Reihen werden von hinten gedrängt ...«

»Binnen fünf Minuten haben Sie auf zweihundert Meter abgesperrt!« schrie Nuber. »Sehen Sie denn nicht, daß die Feuerwehr so nicht arbeiten kann? Wenn Sie vorn nichts ausrichten können, fangen Sie von hinten an! In fünf Minuten ist Platz! Sie haften mir dafür!«

Dann stand Nuber vor dem Haupteingang des Theaters. Eng aneinandergepreßt, vollkommen eingekeilt, hingen hier die Menschen zwischen den beiden Türpfeilern. Starrten aus blutunterlaufenen, irren Augen in die Freiheit, die so nahe und doch so unerreichbar war. Denn der seitliche Druck war so stark, daß er jeder Bemühung, sich ihm zu entziehen, spottete.

Hier war die Feuerwehr bei der Arbeit. Rücksichtslos griffen die Feuerwehrmänner in die lebendige Mauer hinein, zerrten an Händen und Füßen aus ihrer Mitte die Halbohnmächtigen heraus. Sanitäter nahmen sie in Empfang. Verstauten sie in den bereitstehenden Wagen.

Hier war alles in Ordnung. An der Arbeit nichts auszusetzen. Die Leute taten ihr Bestes. Nuber hastete weiter.

Plötzlich sah er auf einer Bahre, von zwei Sanitätern getragen, seinen Kollegen Muratow. Sein Gesicht war schwarz vom Rauch und Ruß, das Haar versengt, am Kopf klafften mehrere Wunden. Dabei tobte und wütete er, so daß die Sanitäter Gewalt anwenden mußten.

»Was ist denn los, Muratow?« rief Nuber. »Seien Sie doch ruhig! Die Leute haben ohnehin genug zu tun!«

»Ich muß zurück! Ich muß noch einmal hinein!« bellte Muratow heiser.

»Verrückt! Seien Sie froh, daß Sie aus dem Brattiegel mit halbwegs heiler Haut heraus sind!«

»Nina ist doch noch drin! Ich muß sie retten!« stöhnte Muratow.

»Sie können niemand mehr retten! Wo ist sie? Ich werde einen Feuerwehrmann hinschicken.«

»Unmöglich!« mischte sich ein Sanitäter ein. »Der Brandmeister hat bereits das Betreten des Gebäudes untersagt. Jeden Augenblick kann der Dachstuhl einstürzen.«

»Ich muß! Ich muß hin!« brüllte Muratow und versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien.

»Reden Sie kein Blech!« rief Nuber unwillig. »Wenn Ihnen so viel an dem Mädel liegt, werde ich sie holen. Wo ist sie?«

Muratow faßte nach der Hand Nubers und drückte sie leidenschaftlich.

»Sie wollen?«

»Ja. Schnell! Wo finde ich sie?«

»Loge zweiundzwanzig im zweiten Rang!«

»Na, hoffentlich erwisch ich wenigstens die richtige!« Mit diesen Worten hatte Nuber Mantel und Jackett abgeworfen und stürmte in langen Sätzen einer Leiter zu. Mehrere Feuerwehrleute versperrten ihm den Weg.

»Verboten! Niemand darf mehr hinein!«

»Ich bin Kriminalinspektor Nuber!« Die Worte klangen scharf und streng, schienen aber ihre Wirkung zu verfehlen.

»Und wenn Sie der Thronfolger von Japan wären! Da hinein kommen Sie nicht!« erklärte der Feuerwehrmann gleichgültig.

Nuber rannte zum Brandmeister, setzte ihm mit fliegendem Atem auseinander, daß er unter allen Umständen hinein müsse.

»Bedaure!« sagte der Brandmeister achselzuckend. »Das kann ich nicht gestatten! Jeden Augenblick muß der Dachstuhl einstürzen!«

»Sie brauchen es nicht zu gestatten!« rief Nuber ungeduldig. »Ich tue es auch ohne Ihre Genehmigung!«

»Muß es denn sein?« fragte der andere schon etwas unsicher.

»Es muß!«

»Auf Ihre eigene Verantwortung denn!«

Der Brandmeister gab seinen Leuten einen Wink. Im nächsten Augenblick befand sich Nuber im Besitz einiger Ausrüstungsstücke der Feuerwehr. Kaum hatte er diese angelegt, als ein eiskalter Wasserstrahl ihn von oben bis unten durchnäßte.

»Jetzt kann's losgehen!« Behend kletterte er die Leiter empor. Durch ein Fenster des zweiten Stockwerks stieg er ein. Sofort merkte er, wie notwendig die Wassertaufe gewesen war. Die Hitze war schier unerträglich. Schon nach wenigen Sekunden dampfte sein Anzug. Der Rauch benahm ihm fast den Atem. Hustend und ächzend machte er sich auf den Weg.

Der Qualm war so dick, daß er Mühe hatte, etwas zu erkennen. Ab und zu stürzte krachend und funkensprühend ein Balken von der Decke. Hier und dort sah er schattenhafte Gestalten vorbeihuschen. Am Boden lagen ebenfalls Menschen, zuckend und wimmernd, andere bereits tot, mit verglasten Augen und angekohlten Gliedern.

Schon befand sich Nuber im Korridor. An einer Seitentür erblickte er die rauchgeschwärzte Nummer »20«. Als er weitergehen wollte, stieß er auf ein Hindernis. Vor ihm lagen mächtige glimmende Trümmer, augenscheinlich ein Teil der eingestürzten Decke. Ein finsteres Loch gähnte ihm entgegen. Hier mußten einige schwere Balken beim Sturz den Boden durchschlagen haben.

Nuber tastete sich vorsichtig an der Wand entlang zurück. Er hoffte, daß die Nummer 22 sich diesseits des Hindernisses befinden würde. Aber seine Hoffnung wurde enttäuscht: die nächste Nummer, die er sah, war »19«.

Schon wollte er sich daran machen, über die glühenden Trümmer hinwegzuklettern, als ihm ein neuer Gedanke kam. Entschlossen stieß er die Tür zur Loge 20 auf und trat ein. Er hatte sich nicht verrechnet. Ohne sonderliche Mühe gelang es ihm, an der Brüstung entlang zur Loge 22 zu klettern.

In einer Ecke kauerte eine Mädchengestalt. Die Augen weit aufgerissen, das Gesicht schwarz, das Kleid zerfetzt und versengt.

Nuber sprang hurtig über die Brüstung, packte sie ohne viel Federlesens an und hob sie hoch.

»Hoffentlich ist die Tür noch nicht verrammelt!« dachte er und stieß dagegen.

Es war beinahe so. Doch gelang es seinen Anstrengungen, sie aufzustoßen. Kaum aber stand er draußen, als er erschrocken zurückfuhr. Mit einem furchtbaren Getöse stürzten mehrere schwere Balken herab. Im Nu war der Boden in ein Flammenmeer verwandelt.

Das Mädchen schrie laut auf. Als Nuber tapfer gegen die Flammen schritt, machte sie Anstalten, sich loszureißen.

»Nur Mut, mein Fräulein«, sagte der Kriminalbeamte heiter, obwohl es ihm durchaus nicht so zu Mute war. »Jetzt wird's spannend! Aber wir kommen durch! Passen Sie mal auf!«

Die eigentlichen Schwierigkeiten begannen erst jetzt. Bald springend, bald auf allen Vieren kriechend, bewegte sich Nuber Zell für Zoll vorwärts. Zuweilen mußte er plötzlich halten und mit den bloßen Händen Stück für Stück die von den Flammen erfaßten Kleiderfetzen des Mädchens herunterreißen. Dann wieder ging es weiter. Durch Qualm und Flammen.

Auf einmal stockte sein Schritt. Vor ihm kauerte eine menschliche Gestalt. Die Augen hervorgequollen, der Mund schief und verzerrt, das Gesicht blutüberströmt, die Kleider gleich Lumpen am Leibe schlotternd. All dies aber sah Nuber nicht. Seine Blicke hingen wie gebannt an der nackten Brust des Fremden. Deutlich sichtbar war hier das Zeichen einer Schlange. Der Fremde aber starrte seinerseits ebenso entgeistert auf die Brust Nubers. Jetzt erst wurde dieser dessen gewahr, daß auch sein Oberkörper bereits fast nackt war.

Sekundenlang bohrten sich die Blicke der beiden Männer ineinander.

»Bedaure!« sagte Nuber kurz. »Habe eben leider sehr wenig Zeit. Bis aufs nächste Zusammentreffen, mein Junge! Wirklich schade!«

Ein heiseres Lachen war die Antwort.

Nuber kroch mit seiner Last weiter. Er spürte kaum noch die Schrecken des Weges, war sich kaum dessen bewußt, als er zum Fenster hinaus und die rettende Leiter hinabkletterte. Erst als er unten wieder mit einem eiskalten Wasserstrahl begrüßt wurde, kam er zu sich.

»Sehn Sie, Herr Brandmeister«, war sein erstes Wort, »der Dachstuhl hält immer noch! Eigentlich bin ich enttäuscht. Das ist nicht programmäßig. In allen spannenden Romanen, die ich bis jetzt gelesen habe, stürzt so ein Dachstuhl immer genau in der Sekunde ein, wenn der Held die Heldin gerettet hat. Aber das niederträchtige Ding hier denkt ja gar nicht daran!«

»Alle Achtung vor Ihrem Humor!« lachte der Brandmeister. »Na, die junge Dame hat sich ja auch schon erholt!«

Nuber drehte sich schnell um. Vor ihm stand, in ein weißes Tuch gehüllt, Nina und streckte ihm bewegt die Hand entgegen.

Nuber machte eine tadellose Verbeugung.

»Gestatten, mein Name ist Nuber! Es hat lange gedauert, bis wir uns mal trafen. Wie ich höre, beabsichtigen Sie, mich zu heiraten! Wie gesagt, ich bin dagegen!«

Nina mußte trotz der ernsten Lage lachen.

»Nein, nein!« wehrte sie ab. »Ich will Sie nicht mehr heiraten. Sie sind nicht Nuber! Nie und nimmer hätte Nuber das getan. Nein, Sie sind nicht Nuber!«

Ein Zucken lief über die Züge des Kriminalbeamten.

»Ich bin nicht Nuber?! Ha, ha, ha ...« rief er ganz gegen seine Gewohnheit laut und lärmend. Plötzlich trat er dicht an Nina heran und raunte ihr zu: »Ich habe Sie eben aus dem Hexenkessel dort herausgeschleppt! Wollen Sie mich dafür zugrunde richten?«

Nina besaß nicht die Selbstbeherrschung Nubers.

»Nein, nein!« rief sie verstört. »Ich ...«

»Kommen Sie morgen abend zu mir!« fiel der Kriminalbeamte ihr behend ins Wort. »Bringen Sie auch Muratow mit. Dann wollen wir alles in Ruhe besprechen. Bis dahin – – –«

»Ich verstehe. Verlassen Sie sich auf mich!« sagte das Mädchen ernst.


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