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13

»Ich habe Angst!« sagte Nina fröstelnd.

»Unsinn! Wenn er dabei ist, brauchst du keine Angst zu haben«, flüsterte Frau Schmidt-Lindner.

Die Straße war dunkel und menschenleer. Wie ausgestorben. Die beiden Frauen, in Pelzmäntel gehüllt, bogen in einen Hof. Vor einer großen Glastür machten sie halt. Im selben Augenblick tauchte neben ihnen eine hohe Männergestalt auf.

»Ich bin's! Keine Furcht!« Es war von Gornys Stimme. Die Tür öffnete sich langsam. Der Portier, nur notdürftig bekleidet, blickte zitternd vor Frost umher.

»Alles in Ordnung?«

»Ja! Kommen Sie her!« Von Gorny zog ein paar handfeste Stricke hervor.

»Aber, bitte, vorsichtig«, jammerte der Portier, »ich bin alt und gebrechlich ...«

»Das wird sich zeigen«, meinte von Gorny erbarmungslos und zog die Schnüre um den Leib des Alten. Im Nu war er gefesselt.

»Haben Sie ein Taschentuch bei sich?« wandte sich von Gorny an Frau Schmidt-Lindner.

Sie zog ein seidenes Tüchlein hervor.

»Nützt nichts!« rief er barsch. Blitzschnell riß er ihr den Schal vom Halse, hatte im Augenblick einen Knebel daraus geformt, den er dem Portier in den Mund stopfte.

»Los! Schnell!« kommandierte von Gorny. »Nina bleibt hier. Schmiere! Ein Pfiff – Vorsicht! Zwei schrille Pfiffe – Gefahr! Sie und ich«, wandte er sich an Frau Schmidt-Lindner, »gehen nach oben! Schnell, so gehn Sie doch!«

Eine Taschenlaterne blitzte auf. Auf teppichbelegten Treppenstufen zeichnete sich ein belichteter Kreis ab.

Nina stand fiebernd vor dem Hause. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, und das Herz pochte fast hörbar. Sie hatte entsetzliche Angst. Noch nie hatte sie sich auf Ähnliches eingelassen. Was waren die harmlosen Taschendiebstähle, bei denen sie so oft Helfersdienste geleistet hatte, gegen dieses gefährliche Unternehmen? ...

Ihre Gedanken brachen jäh ab. Von Gorny stand plötzlich wieder neben ihr.

»Türmen Sie!« raunte er ihr zu. »Schnell! Sofort! Wenn Ihnen Ihre Freiheit lieb ist, türmen Sie! Aber leise und unauffällig!«

Nina war einer Ohnmacht nahe. Ehe sie ein Wort der Erwiderung fand, war von Gorny im Dunkel verschwunden.

Was war geschehen? Einen Augenblick überlegte Nina. Sie empfand ein blindes Vertrauen zu diesem Manne, obwohl sie fast gar nichts über ihn wußte. Er hatte gesagt »türmen«, er hatte gesagt »sofort«! Wozu also noch zögern?

Lautlos schlich sie an der Mauer entlang aus dem Hofe. Nun befand sie sich wieder auf der Straße. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Die Öde und Leere wirkte unheimlich.

Nina hüllte sich enger in ihren Pelz und begann, rasch auszuschreiten. Schnell, schnell, weg von hier! Irgendwo lauerte Gefahr! Es war so still wie vor Ausbruch eines Gewitters. Gleich mußte es losgehen ... Jetzt ... Da!

Ein schriller, langgezogener Pfiff durchriß die nächtliche Stille.

Mit einem Ruck warf sich Nina zurück. Nun ging sie langsam wieder in der Richtung zum Hof, aus dem sie soeben geflohen.

Die Straße wimmelte plötzlich von Polizisten. Lichter blitzten. Motorräder knatterten. Hier und dort ein leiser Pfiff, ein kurzer, mit halblauter Stimme erteilter Befehl.

»Sollen wir das Frauenzimmer mitnehmen, Inspektor?« hörte Nina eine Männerstimme dicht daneben. Eine Hand packte sie hart am Arm.

»Loslassen!« klang es im scharfen Befehlston zurück. »Sie kommt ja gar nicht von dort!«

Nina atmete befreit auf und warf dem Inspektor einen dankerfüllten Blick zu. Der Schein einer Laterne streifte sein Gesicht. Das Mädchen biß sich in die Lippen, um einen Aufschrei zu verhindern.

Es war Inspektor Muratow.


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