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6

Oberinspektor Halle war den ganzen Tag in der denkbar schlechtesten Laune. Er hielt auf Muratow große Stücke, und jetzt, nachdem er gerade erst einen seiner besten Mitarbeiter – Inspektor Olbrig eingebüßt hatte, war ihm der Verlust eines zweiten Inspektors doppelt unangenehm. Er überlegte lange hin und her, wen von seinen Leuten er als Ersatz heranziehen solle, aber keiner schien ihm recht geeignet. Und Nuber? Der hatte ohnehin so viel Arbeit, daß man ihm unmöglich auch nur einen geringen Teil der Aufgaben Olbrigs und Muratows aufbürden durfte.

Mit einem schweren Seufzer drückte Halle endlich auf den Klingelknopf und rief dem gleich darauf eintretenden Polizeidiener zu: »Schicken Sie mir mal Inspektor Fleischer her!«

»Passen Sie mal auf, Fleischer!« sagte Halle, als der Gerufene einige Minuten später eintrat. »Mit dem heutigen Tage scheidet Inspektor Muratow aus dem Dienste. Sie als einen meiner begabtesten Leute habe ich dazu ausersehen, die laufenden Aufgaben Muratows zu übernehmen. Ich hoffe, Sie werden mich meine Wahl nicht bereuen lassen.«

Inspektor Fleischer, ein mittelgroßer, stämmiger Mann von etwa vierzig Jahren, verneigte sich stumm.

»Lassen Sie sich von Nuber alles Nötige erklären«, fuhr Halle fort. »Er weiß am ehesten Bescheid ... Was ist denn schon wieder los?« unterbrach er sich, da der Polizeidiener nach kurzem Klopfen wieder eingetreten war.

»Ein Herr Krumm wünscht den Herrn Oberinspektor zu sprechen«, meldete er ehrerbietig.

»Krumm ... Krumm ...« murmelte Halle. »Der war doch schon vor drei Tagen hier ... Hatten nicht Sie diesen Fall, Fleischer? Ist es etwas von Wichtigkeit?«

Fleischer schüttelte den Kopf.

»Eine ganz harmlose Anzeige.«

»So? Na, dann empfangen Sie den Mann auch heute. Ich habe Eile. Warten Sie mal, Sie können das gleich hier erledigen. Ich muß jetzt sowieso gehen.«

Halle winkte zum Abschied mit der Hand und verließ das Zimmer. Inspektor Fleischer dagegen baute sich am Schreibtisch auf und bedeutete dem Diener, den Besucher hereinzulassen.

Krumm, ein vierschrötiger, baumlanger Kerl setzte sich dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl.

»Nun, haben Sie es?« fragte Fleischer, und an dem Tonfall seiner Stimme merkte man, daß er viel gespannter war, als er sich den Anschein zu geben suchte.

»Ich habe es«, brummte der Besucher und zog einen weißen Briefumschlag aus der Tasche. »Es sind zweiundzwanzig Namen. Lauter gefährliche ›Unbarmherzige‹, darunter drei Abteilungsleiter!«

Fleischer streckte die Hand nach dem Umschlag aus, aber der andere zog ihn blitzschnell zurück.

»Welche Summe können Sie auswerfen?« fragte er lauernd.

Der Polizeibeamte spielte nervös mit seinem Füllfederhalter.

»Ich sagte es Ihnen schon neulich ... Solange wir nicht wissen, ob es uns unbekannte Namen sind, können wir nichts Bestimmtes versprechen. Wir müßten auch zunächst Ihre Angaben überprüfen. Nur dann können wir etwas bezahlen, wenn die Schuld der Angezeigten klar erwiesen ist.«

Krumm steckte den Briefumschlag wieder ein.

»Dann tut es mir leid«, sagte er mit einem tückischen Seitenblick.

»Was verlangen Sie denn?« erkundigte sich der Polizeibeamte schon freundlicher.

»Zwanzigtausend Mark!« erwiderte der andere prompt. Fleischer schüttelte den Kopf.

»Ich bezweifle es, daß Ihre Angaben so viel wert sind ...«

»Für mich sind sie so viel wert!« rief Krumm ärgerlich.

»Verstehen Sie denn nicht, daß ich diesen Verrat möglicherweise mit meinem Leben bezahlen muß?!«

Der Kriminalbeamte stützte seine Stirn in die Hände und schwieg. Er schien angestrengt über etwas nachzudenken. Minuten verstrichen. Endlich hob er den Kopf und sagte langsam, mit einem eigenartigen Augenzwinkern:

»Zwanzigtausend Mark – hm ... das ist viel zu viel! Nie und nimmer wird Ihnen die Polizei eine solch hohe Summe gewähren. Aber ...«

Etwas in seiner Stimme ließ Krumm aufhorchen.

»Aber?« fragte er, als der andere plötzlich schwieg.

»Ich selbst zahle Ihnen diese Summe!« Rauh, fast heiser klang die Stimme des Kriminalbeamten.

»Sie?« stieß Krumm verblüfft hervor.

»Ja, ich«, wiederholte Fleischer stockend. »Vorausgesetzt, daß ich die erhaltenen Nachrichten nach eigenem Gutdünken verwerten kann.«

»Ich verstehe nicht ...«

Der Kriminalbeamte beugte sich vor.

»Die Sache ist nämlich die! ... Wenn ich die zweiundzwanzig Personen sozusagen selbst ›entdecken‹ würde, ohne daß jemand von Ihrer Anzeige etwas wüßte, dann ... Nun, ich hätte davon Vorteile, die mir zwanzigtausend Mark wert wären ...«

In den Augen Krumms blitzte es triumphierend auf. Das war weit mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Die ›Unbarmherzigen‹ würden auf diese Weise nichts von dem Verrat erfahren, und er würde somit das Geld bekommen, ohne dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen.

»Ich bin einverstanden!« sagte er bestimmt. Dann fügte er plötzlich in neu erwachtem Argwohn hinzu: »Aber bares Geld will ich sehen! Schecks nützen mir nichts. Die können gesperrt werden und so!«

Fleischer war jetzt die Ruhe selbst.

»Natürlich muß ich Ihnen einen Scheck geben. Aber Sie können ganz unbesorgt sein. Wenn der Scheck nicht in Ordnung geht, und Sie erzählen den Vorfall meinem Vorgesetzten, so verliere ich meine Stellung. Außerdem können Sie ja den Scheck gleich in der Bank einlösen.«

»Das werde ich auch tun, verlassen Sie sich darauf«, murmelte der andere grimmig.

Der Kriminalbeamte zog ein Scheckheft aus der Tasche. Während er ein Blatt ausfüllte, sagte er noch warnend:

»Aber reinen Mund halten, mein Lieber!«

»Sie können unbesorgt sein. Ich will doch nicht Selbstmord begehen!«

Fleischer händigte ihm den Scheck aus und nahm dafür den Brief in Empfang.

»Gehen Sie jetzt! Unsere Unterredung dauert ohnehin schon zu lange. Wir dürfen nicht Verdacht erregen.«

Krumm hatte den Scheck genau geprüft und verließ mit einem breiten, zufriedenen Grinsen das Zimmer. Er hatte die Tür kaum hinter sich geschlossen, als der Kriminalbeamte schon zum Fernsprecher stürzte.

»Wer ist da?« sprach er leise in den Schalltrichter, als die Verbindung hergestellt war. »So? Also passen Sie genau auf! Eben hat Krumm Umschlag, enthaltend zweiundzwanzig Namen, bei mir persönlich abgegeben. Wie? Ja, persönlich mir! Sorgt sofort für Bezahlung eines von mir auf Bank für Handel und Industrie ausgestellten Schecks über zwanzigtausend Mark. Aber unbedingt sofort! Sonst alles in Ordnung. Gebt allen gewarnten Mitgliedern Nachricht darüber, daß die Gefahr beseitigt ist. Wer schon geflohen ist, kann zurückkehren. Sonst nichts. Wie? Die Erledigung Krumms? Natürlich muß das geschehen, aber es eilt nicht. Sagen wir, im Laufe von drei Tagen. Alles verstanden? Gut. Schluß!«

Fleischer hängte den Hörer ein. Dann trat er an den brennenden Ofen und warf den mit zwanzigtausend Mark erkauften Briefumschlag uneröffnet in die knisternden Flammen.


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