Autorenseite

 << zurück weiter >> 

8

»Sie müssen entschuldigen, Herr von Gorny«, sagte Gabriel, der Leiter der Fortbildungskurse »Morgenstern«, indem er mit einem prüfenden Blick durch die Gläser der Hornbrille sein Gegenüber musterte. »Wir mußten natürlich Ihre Empfehlungsschreiben erst prüfen. Ich konnte Sie daher nicht gleich gestern empfangen. Sie werden verstehen, daß solche Vorsicht in unserem Fall durchaus angebracht ist und ...«

»Aber selbstverständlich, Herr Gabriel«, erwiderte von Gorny mit einem verbindlichen Lächeln. »Natürlich mußten Sie erst meine Papiere prüfen.«

»Ja, Ihre Papiere sind in Ordnung. Ich will Ihnen allerdings nicht verhehlen, daß mich Ihr Erscheinen hier nicht gerade angenehm berührt hat, aber ... Na, ja! Ich verspreche mir, offen gestanden, sehr wenig von dem Doppelspiel, das Sie in London, wie mir berichtet wurde, so erfolgreich betrieben ... Es ist ein zweischneidiges Schwert! Und ich fürchte, daß dabei hier kaum etwas Gutes herauskommen wird.«

Von Gorny lächelte wieder in seiner gewinnenden Art.

»Herr Gabriel, Sie müssen nicht denken, daß meine Aufgabe etwa darin besteht, hier eine Kontrolle Ihrer Tätigkeit auszuüben. Wir wollen vielmehr kameradschaftlich Hand in Hand zusammenarbeiten! Sie sind und bleiben natürlich der unumschränkte Leiter, und ich bin höchstens der Berater ... Sie dürfen mir nicht böse sein. Mir persönlich ist ja meine Arbeit in London viel lieber ...«

»Wir werden sehen!« Gabriel erhob sich brüsk. Man merkte, daß er sich Gewalt antat, um seine Verstimmung zu verbergen. »Kommen Sie jetzt nach unten! Vielleicht können Sie dort gleich mit Ihren Beratungen beginnen!«

Von Gorny überhörte geflissentlich den versteckten Spott der letzten Worte. Unbekümmert folgte er seinem Führer. Es ging einige steile Treppen hinunter in ein dunkles Kellergewölbe. Vor einer eisenbeschlagenen Tür blieb Gabriel stehen und drückte in unregelmäßigen Abständen fünfmal auf eine Klingel. Wenige Sekunden später sprang die Tür auf.

»Bitte treten Sie näher!« sagte der Leiter kühl.

Sie befanden sich in einem großen Saal. Der Raum war kahl und nackt; nur an den Wänden standen einige Holzbänke, sonst war kein Möbelstück zu sehen. Auf diesen Bänken saßen etwa fünfzehn junge Leute beiderlei Geschlechts herum. Ihre Kleidung bestand aus einem enganliegenden Turnanzug, der Arme und Beine freiließ. In der Mitte des Saales stand ein etwa vierzigjähriger Mann von kleiner, gedrungener Gestalt. Er war der einzige, der eine lange Hose und ein Hemd trug, dessen Ärmel bis über die Ellbogen aufgeschlagen waren.

»Lassen Sie sich nicht stören, Horn!« sagte Gabriel. »Dies hier ist Herr von Gorny, von dem ich bereits neulich mit Ihnen sprach.«

Die Herren verneigten sich stumm voreinander. Horn wandte sich sogleich wieder den jungen Leuten zu.

»Wir wollen jetzt zum praktischen Teil des Unterrichts übergehen! Abzählen, schnell!«

Sofort standen die jungen Leute in Reih und Glied, gleich darauf hatten sie bereits abgezählt.

Horn nickte zufrieden.

»Die Nummern eins bis vier«, erklärte er, »sind heute die Straßenpassanten. Die Nummern fünf bis elf übernehmen die Deckung. Die Übrigen machen die Diebe! Los!«

Im Nu hatten alle den Raum durch eine kleine Seitentür verlassen.

Horn trat händereibend auf von Gorny zu, der inzwischen neben Gabriel auf einer Holzbank Platz genommen hatte.

»Wollen Sie längere Zeit bei uns bleiben?« erkundigte er sich.

»Das weiß ich noch nicht«, meinte der Engländer achselzuckend. »Ich bin hierin genau so wie Sie von den Beschlüssen der Zentrale abhängig. Meine Abberufung von London kam mir sehr unerwartet. Sie wissen doch, daß die Zentrale mit dem Berliner Geschäft nicht ganz zufrieden ist?«

»Ha!« rief Horn gereizt. »Sagen Sie ruhig, daß die Zentrale wettert und flucht! Bei mir braucht's nicht solch schöner Umschreibungen. Nicht ganz zufrieden! Pah! Warten Sie mal, wenn erst unser junger Nachwuchs auf den Markt geworfen wird! Dann werden wir den verdammten Engländern schon zeigen, was wir können!«

Die kleine Seitentür hatte sich geöffnet, und eine merkwürdige Gesellschaft schob sich lärmend herein. Ältere, monokeltragende Herren, junge, spazierstockschwenkende Dandys, einige alte Jungfern in fadenscheinige Mäntel gehüllt, zwei elegante Damen in modernen Jackettkostümen, dazu noch einige Typen des dunkelsten Berlin – alles dies wogte wild, planlos durcheinander. Hier und dort erkannte von Gorny ein Gesicht, die meisten waren aber so verändert, daß niemand einen von den jungen Schülern dahinter vermutet hätte, die hier kurz zuvor in einfachen Turnanzügen in Reih und Glied standen.

»Maskerade!« lachte von Gorny. »Aber verdammt echt!«

Horn lächelte geschmeichelt.

»Sie werden noch Ihre blauen Wunder erleben. Los, Kinder! Zeigt, was ihr könnt!«

Im Nu war das Bild verändert. Das war kein sinnloses Herumtummeln mehr. Jeder spielte jetzt anscheinend eine bestimmte Rolle. Dem Zuschauer bot sich der Anblick eines durchaus lebensgetreuen Straßenbildes. Langsam schritten hier Menschen auf und ab, blieben stehen, wie um Auslagen zu bewundern, wechselten einige Worte, gingen wieder weiter. Ab und zu warf der eine oder andere eine Uhr, eine Geldbörse, oder ähnliche Gegenstände Horn zu. Von Gorny wußte, daß hier der Taschendiebstahl in seiner vollendetsten Form geübt wurde, aber so scharf er auch beobachtete, konnte er doch nie den Diebstahl selbst sehen.

»Ich merke nichts«, sagte von Gorny endlich kopfschüttelnd.

»Das will ich meinen!« lachte Horn vergnügt. »Das wäre ja noch schöner, wenn sogar Sie etwas sehen könnten. Glauben Sie mir, ich, der Lehrer, sehe ebenfalls nichts! Das macht die richtige Deckung. Die Kunst des höheren Taschendiebstahls besteht aus drei Teilen. Einmal der Diebstahl an und für sich – ein blitzschnelles und dennoch so vorsichtiges Zugreifen, daß das Opfer nichts spürt. Zweitens – die Deckung! Gewöhnlich genügen zwei, höchstens drei Personen, um mit ihrem Körper die Arbeit des Komplicen für alle etwaigen Zuschauer unsichtbar zu machen. Es können sogar Geheimpolizisten anwesend sein. Das stört den Taschendieb – ich meine natürlich den ausgebildeten – sehr wenig. Wir haben da zum Beispiel ein Mitglied, eine gewisse Schmidt-Lindner; sie steht seit Monaten unter polizeilicher Beobachtung und arbeitet dennoch sauber wie immer. Endlich kommt dann noch der dritte Teil, nämlich das geschickte Weitergeben des gestohlenen Gegenstandes. Der Diebstahl kann ruhig zwei Sekunden nach der Ausführung entdeckt werden. Nie aber darf der eigentliche Dieb den Gegenstand länger als eine Sekunde bei sich haben. Was geschieht dann? Er wird des Diebstahl verdächtigt, wird festgenommen, durchsucht, verhört, und schließlich und letzten Endes doch wieder freigelassen.«

Von Gorny hatte den Worten Horns aufmerksam zugehört.

»Ja«, meinte er nachdenklich, »das leuchtet mir ein. Ich habe demnach eben den zweiten Teil des richtig durchgeführten Diebstahls beobachten können: Die Deckung! Ob aber die Bestohlenen dabei wirklich nichts spüren? Ihre Schüler werden es Ihnen doch nicht gerade auf die Nase binden ...«

»Aber Herr von Gorny!« Horn schien geradezu verletzt. »Sie glauben doch nicht, daß wir Ihnen etwas vormachen wollen?! Darf ich bitten – vielleicht machen Sie selbst mal einen kleinen Spaziergang durch unsere improvisierte Straße! Ich hafte sogar dafür, daß Ihnen dabei Ihre Kleider nicht zerschnitten werden.«

Von Gorny stand lächelnd auf. Horn aber rief über den ganzen Saal: »Frank stiehlt dem Herrn hier die Brieftasche, und zwar nach Schema A. M.!« Dann setzte er sich schmunzelnd in eine Ecke.

Von Gorny ging langsam durch die Reihen der Schüler. So eifrig er auch umherspähte, konnte er sich doch nicht darüber klar werden, welcher von ihnen der bewußte Frank war. Er beschloß aber auf seiner Hut zu sein. Plötzlich trat eine unliebsame Störung ein. Alle Schüler blickten mit schadenfrohem Lächeln zu einer der eleganten Damen hin, die mit einem Apachen in Streit geraten war.

»Bekannter Trick!« dachte von Gorny. »Ablenkung der Aufmerksamkeit – nein, darauf falle ich nicht herein!«

Im nächsten Augenblick aber merkte er, daß es sich augenscheinlich doch um mehr als einen Trick handelte. Ein Fausthieb des Apachen traf das Mädchen so empfindlich auf das Nasenbein, daß es einige Schritte zurücktaumelte, gegen von Gornys Schulter anstieß und gleich darauf hart zu Boden schlug.

»Ruhe da!« brüllte Horn. »Verdammtes Pack! Ruhe!«

Das Mädchen erhob sich schwankend. Mit einem Tuch wischte es sich das Blut aus dem Gesicht. Alles war still geworden.

Von Gorny trat ein paar Schritte zurück.

»Also, ich beginne noch einmal mit meinem Spaziergang«, sagte er unschlüssig.

»Danke! Nicht nötig!« entgegnete Horn. »Hier ist Ihre Brieftasche!«

Der andere faßte erschrocken nach der linken Brusttasche. Die Brieftasche war weg.

»Nun, haben Sie etwas gemerkt?« erkundigte sich Horn listig.

»Nein, wirklich nicht. Wie machen Sie denn das?«

»Hm ... Das war einer von den neueren Kniffen. Schema A. M. bedeutet ›Anrempelungsmethode‹. Als das Mädel gegen Ihre Schulter purzelte, klaute Frank die Brieftasche. Und zwar etwa eine Sekunde später, als Sie bereits vollkommen ruhig dastanden. Sie spürten natürlich nichts. Oder? Denken Sie mal nach? Haben Sie vielleicht doch etwas gespürt und es nur in der begreiflichen Erregung nicht beachtet?«

»Nein, ich spürte gar nichts. Jetzt verstehe ich. Sie erschrecken Ihr Opfer, das es in der Erregung dann an der nötigen Aufmerksamkeit fehlen läßt, so daß Sie mit ihm leichtes Spiel haben.«

»Wo denken Sie hin«, lachte Horn. »Das ist ja eine längst bekannte Geschichte! Ich sagte Ihnen doch, daß es sich hier um einen neueren Kniff handelt. Wohl spielt der Schreck dabei eine gewisse Rolle, aber nur eine sehr untergeordnete. Die Hauptsache ist der Stoß! Sie erhielten einen leichten Schlag gegen die rechte Schulter, die Brieftasche befand sich aber in der linken Brusttasche. Sie spürten wohl den ersten heftigen Stoß gegen Ihre rechte Seite, den gleich darauf einsetzenden Druck auf der linken Seite spürten Sie aber nicht. Es ist nämlich eine merkwürdige Tatsache, daß durch jede Berührung des Körpers die Aufmerksamkeit des Gestoßenen vollständig nach der berührten Stelle hingeleitet wird, und er dadurch sogar eine zweite, schwächere Berührung an einer andern Stelle nur als Verstärkung des ersten heftigen Stoßes empfindet. Mit diesem Kniff haben wir wunderbare Erfahrungen gemacht. In der Regel erzählten die Beraubten erst nach stundenlangem Befragen von dem Herrn, der sie plötzlich beim Arm gepackt und vor einem Wagen gewarnt oder von der Dame, die gegen sie angerannt und sich gleich darauf in der liebenswürdigsten Weise entschuldigt hatte. Und dann war es immer viel zu spät, als daß die Verfolgung des mutmaßlichen Mitschuldigen, dem man außerdem nicht das geringste beweisen konnte, irgendeinen Zweck gehabt hätte.«

»Sehr hübsch, in der Tat!« sagte von Gorny und nahm die ihm hingehaltene Brieftasche in Empfang. »Vielleicht hätten Sie die Güte«, fuhr er geläufig fort, »mir auch die Papiere zurückzugeben, die Sie meiner Brieftasche entnahmen und jedenfalls irrtümlicherweise einsteckten. Ich könnte sie vielleicht doch noch einmal brauchen.«

Horn war plötzlich dunkelrot geworden. Hastig fuhr er mit der Hand in die Tasche und holte ein Bündel Papiere hervor.

»Bitte um Entschuldigung«, stotterte er verwirrt. »Es ist meiner Aufmerksamkeit entgangen ... Ein Versehen, natürlich ...«

Von Gorny steckte die Papiere ein.

»Es sind übrigens belanglose Sachen«, erklärte er lächelnd. »Ein Raub würde sich kaum lohnen. Was hätten Sie auch schon davon?«

»Nicht wahr? Nicht wahr? Was hätten wir schon davon?« wiederholte der andere verlegen.

Von Gorny schien plötzlich keine Freude mehr am Zuschauen zu haben. Als er sich verabschiedete, war sein Händedruck jedoch genau so warm, und sein Wesen genau so freundlich wie stets.

Gabriel ließ sogleich den Unterricht abbrechen und bedeutete Horn mit unheilverheißender Miene, ihm zu folgen.

»Wissen Sie, was Sie sind?« zischte er, nachdem er sich überzeugt hatte, daß alle Türen seines Arbeitszimmers dicht verschlossen waren. »Wissen Sie, was Sie sind? Ein Anfänger! Ein Stümper! Jeder Ihrer Schüler hätte das geschickter gemacht!«

Horn verteidigte sich nur schwach.

»Sie vergessen, daß von Gorny mit allen Wassern gewaschen ist. Der wird uns noch manche Nuß zu knacken geben.«

Gabriel rannte unruhig im Zimmer umher. Plötzlich blieb er stehen und stampfte wütend mit dem Fuß auf.

»Und wir werden ihn doch noch klein kriegen! Ich bin überzeugt, daß er ein Verräter ist! Wir müssen etwas tun ...«

»Ich kann ja noch einmal auf ihn schießen. Zum zweiten Mal werde ich bestimmt nicht fehlen ...« Gabriel lachte verächtlich auf.

»Wenn das so einfach wäre! Ha! Ich würde mir deswegen bestimmt keine grauen Haare wachsen lassen. Oder glauben Sie etwa, ich fürchte die Polizei? Lächerlich!«

»Wen fürchten Sie denn sonst? Die Brüder werden Ihnen doch nur dankbar sein, wenn Sie einen Verräter beseitigen lassen.«

»Die Brüder? Die tanzen ja doch alle nach meiner Pfeife. Das ist es nicht. Aber von Gorny steht seit vierundzwanzig Stunden unter dem besonderen Schutz des Großen Unbarmherzigen! Verstehen Sie jetzt? Ich sah so etwas kommen und darum wollte ich ihn schon vorher um die Ecke bringen. Jetzt müssen wir natürlich ganz anders vorgehen!«

»Aber was können wir denn sonst tun?«

»Seine Schuld beweisen – das ist jetzt der einzige Weg! Morgen abend brechen Sie bei ihm ein! Jedes beschriebene Stückchen Papier mitbringen, und wenn es die harmlosesten Rechnungen zu sein scheinen. Verstanden?«

Horn nickte.

»Diesmal werden Sie mit mir zufrieden sein!«


 << zurück weiter >>