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29

Im Hotel »Eldorado« war es in den Abendstunden um neun Uhr herum immer sehr still und ruhig. Um diese Zeit pflegten die Hotelgäste ihre gemeinsame Abendmahlzeit im großen Speisesaal einzunehmen, und die sonst so belebten Korridore und Treppengänge waren nur halb erleuchtet und verlassen.

Wie immer, so war es auch heute. Der durchdringende Schrei, den das Stubenmädchen Lizzi plötzlich ausstieß, war in der allgemeinen Stille überall, selbst in den entferntesten Winkeln des Hotels deutlich vernehmbar. Im Speisesaal verstummte die Unterhaltung. Gabeln und Löffel blieben auf halbem Wege vom Teller zum Mund stecken. Unzählige Augenpaare kreuzten sich in furchtsamer Frage. Ebensoviele Ohrenpaare lauschten angestrengt, ob sich der Schrei wiederholen würde.

Aber alles blieb still. Die Spannung wurde unerträglich. Niemand wagte, ein Wort zu sagen, eine Bewegung zu machen.

Plötzlich sprangen einige beherzte Männer auf und stürmten zur Tür hinaus. Dem Herdentrieb folgend, drängte alles ihnen nach. Im zweiten Stock blieben die Vorderen wie auf Befehl stehen. Die Hinteren reckten die Köpfe, trauten sich aber nicht vor.

Die Tür des Zimmers 179 stand offen. Eng an die Wand gepreßt, lehnte da das Stubenmädchen Lizzi. Ihr Gesicht war bleich wie Wachs, die tiefrot geschminkten Lippen zuckten. Die gespreizten Finger beider Hände waren wie zur Abwehr einer unsichtbaren Gefahr nach dem Zimmerinnern gerichtet.

»Was ist, Lizzi, was ist denn?« fragten einige, ohne sich weiter vorzuwagen.

»Dort ... dort ...« stammelte das Mädchen bebend.

Langsam rückten die Hotelgäste näher. Da sahen auch sie es. Die Decke eines kleinen Tisches war heruntergerissen, eine Lampe lag zerbrochen am Boden. Auf dem Sofa aber lag regungslos eine männliche Gestalt. Der Kopf und der eine Arm hingen herab. Das Gesicht des Mannes war nicht zu sehen. Dicht neben der zerbrochenen Lampe aber waren Blutspuren zu erkennen.

Plötzlich drängte sich von hinten ein Herr vor.

»Ich bin Arzt«, erklärte er kurz. »Ich will den Mann dort untersuchen. Ich bitte die Herrschaften, dieses Zimmer nicht zu betreten. Vielleicht hat jemand die Freundlichkeit, inzwischen die Kriminalpolizei zu benachrichtigen.«

Die in kühlem, sachlichem Ton gesprochenen Worte wirkten auf alle wie eine Erlösung. Plötzlich wollte jeder etwas tun, irgendwie helfen. Doch der Arzt stand mit ausgebreiteten Armen vor der Tür.

»Ich wiederhole!« rief er scharf. »Niemand darf das Zimmer betreten! Wer das Zimmer trotz meiner Weisung betritt, macht sich unter Umständen der Beihilfe zu einem Verbrechen verdächtig.«

Das wirkte. Mehrere Herren hasteten davon. Der Arzt beugte sich über den leblosen Körper. Schon nach wenigen Sekunden trat er zurück.

»Da ist jede Hilfe zu spät«, erklärte er kurz. »Der Mann ist bereits seit einigen Stunden tot.« Dann brannte er sich gemächlich eine Zigarette an und rauchte schweigend in tiefen Zügen. Als er nach etwa zehn Minuten die Zigarette am Boden austrat, wurde der leise Ausruf »Kriminalpolizei« hörbar. Alles blickte gespannt den Herbeieilenden entgegen.

Es waren Oberinspektor Halle und Inspektor Nuber in Begleitung von zwei anderen Beamten. Neben ihnen lief händeringend der Geschäftsführer des Hotels einher.

Man gab sofort den Eingang zum Zimmer frei. In der Tür wandte sich Halle schnell um.

»Seit wann wohnt der Herr bei Ihnen?« erkundigte er sich beim Geschäftsführer.

»Seit etwa zwei Wochen«, lautete die Antwort.

»Wie heißt er? Was ist er von Beruf?«

»Er ist, glaube ich, in geheimem Auftrag hier, Sein Name lautet – von Gorny.«

»Wa–a–as? Was sagen Sie da?« brüllte Halle.

Der Geschäftsführer wich erschrocken einen Schritt zurück.

Da legte sich Nuber ins Mittel.

»Es ist gut!« sagte er kurz. Dann wandte er sich an seine Begleiter. »Einer von Ihnen nimmt Aufstellung vor dem Haupteingang. Niemand darf einstweilen das Hotel verlassen. Der andere bleibt hier vor der Tür.«

Er machte Anstalten, die Tür zu schließen, als sich der Arzt einmengte. In knappen Worten erklärte er, was hier bis jetzt geschehen war. Nuber zog ihn hastig ins Zimmer und schloß hinter sich die Tür.

»Entsetzlich!« stöhnte Halle fassungslos.

Nuber wechselte mit dem Arzt einige Worte und machte sich dann sogleich an die Arbeit. Vor allem wurde die Lage des Körpers von Gornys mehreremal von den verschiedensten Seiten aus photographiert. Dann erst durfte der Arzt den Leichnam genauer untersuchen.

»Sechs Stichwunden in der linken Brust«, erklärte er nach einer Weile. »Zwei dieser Stiche sind unbedingt tödlich.«

Nuber nickte. Er kauerte mitten im Zimmer und untersuchte mit einer Lupe den Boden. Halle hatte sich inzwischen etwas beruhigt und trat nun gespannt näher.

»Haben Sie etwas entdeckt?«

»Blutstropfen!« antwortete Nuber.

»Sie sind gut!« brummte Halle unzufrieden. »Dort neben dem Sofa sind eine ganze Menge Blutspuren. Das ist Ihnen natürlich zu einfach. Ausgerechnet diese paar kleinen Tropfen müssen Sie untersuchen.«

»Natürlich«, erwiderte Nuber gelassen. »Die Blutspuren beim Sofa sind nämlich in Ordnung. Diese dagegen nicht!«

»Können Sie nicht etwas deutlicher reden?«

»Auch das, wenn es nötig ist. Der Tote ist, wie aus der ganzen Lage klar hervorgeht, sofort nach Erhalt einiger Stiche schwer blutend zusammengebrochen. Im Fallen griff er nach dem Tischtuch und riß es mitsamt der Lampe zu Boden. Die linke Hälfte seines Oberkörpers hing frei in der Luft. Daher floß das Blut auf den Boden herab. Der Mörder trat augenscheinlich in die Blutlache. Sehen Sie hier die Flecke! Sie verraten deutlich die Form einer Fußsohle. Also ist alles an diesen Blutspuren klar, und sie kümmern mich daher wenig. Anders diese Blutströpfchen! Woher sollen die wohl stammen?«

»Aber mein lieber Nuber, das ist doch ganz klar. Der Mörder wird sich beim Zustoßen die Hand verletzt haben. Als er wegging, verlor er hier einige Blutstropfen.«

»Das dachte ich anfangs auch«, nickte Nuber. »Aber es stimmt nicht. Aus einem oder besser einigen Blutstropfen läßt sich unter dem Mikroskop bekanntlich feststellen, ob der Körper, von dem sie herabfielen, stillstand oder in Bewegung war. Noch mehr – auch in welcher Richtung er sich bewegte. Nun sehe ich aber, daß dieser Jemand, von dem die Tropfen stammen, sich nicht vom Sofa zur Tür, sondern umgekehrt, von der Tür zum Sofa bewegte. Voraussichtlich fielen also diese Tropfen, bevor der Mord geschah.«

Der Arzt hatte sich inzwischen ebenfalls die Blutstropfen angesehen. Nachdenklich blickte er auf.

»Ich bin aus Liebhaberei Chemiker«, sagte er endlich. »Sie müssen diese Blutstropfen unbedingt chemisch untersuchen lassen. Ich vermute nämlich, daß dies gar nicht Menschenblut ist.«

»Oh!« rief Nuber überrascht. »Tierblut?«

»Ich glaube es«, stimmte der Arzt zu. »Etwas Sicheres vermag ich jetzt natürlich nicht zu sagen.«

»Das wäre in der Tat sehr bemerkenswert«, meinte Nuber sinnend und machte sich sogleich wieder an die Arbeit. Wieder holte er seine Lupe hervor. Plötzlich bückte er sich und hob einen kleinen Gegenstand vom Boden. Dann trat er in den Lichtkreis der Deckenlampe und betrachtete stumm seinen Fund. In seinen Zügen malte sich maßloses Staunen.

Mit einer hastigen Gebärde verwahrte er seinen Fund in der Rocktasche. Im selben Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter, und Halle sagte im leicht spöttelnden Ton:

»Bitte, keine Geheimniskrämerei, lieber Nuber! Ich möchte aus sehr begreiflichen Gründen auch erfahren, was Sie da gefunden haben!«

Wortlos steckte Nuber seine Hand wieder in die Tasche und hielt gleich darauf seinem Vorgesetzten auf der Handfläche einen kleinen Westenknopf hin.

»Hm ...« brummte Halle enttäuscht. »Sagt ja nicht viel ... Solche Knöpfe gibt es jedenfalls zu Hunderten, zu Tausenden in Berlin ... Doch halt! Eine dänische Fabrikmarke! Das ist ein Anhaltspunkt! Zweifellos! Wenn es uns gelingt, festzustellen ...«

Halle stutzte. Seine Blicke waren an den Westenknöpfen Nubers entlanggeglitten. Da hatte er es gesehen. Alle Knöpfe Nubers waren von der gleichen Fabrik wie der soeben im Mordzimmer gefundene. Alle, bis auf einen.

»Inspektor Nuber!« sagte Halle ernst und feierlich. »Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für verhaftet!«


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