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19

Nina saß in einem einfachen Kaffeehaus und wartete geduldig auf Wang Ho. Er hatte sie hierher bestellt. »Bei uns haben die Wände Ohren!« war alles, was er zur Erklärung vorbrachte. In den letzten Tagen hatte sie ihn kaum zu Gesicht bekommen. Sogar die ihr bereits zur lieben Gewohnheit gewordenen Teestunden in seinem Stübchen fielen aus. Regelmäßig fand sie seine Tür verschlossen. Nur einmal hatte er auf ihr zaghaftes Klopfen geöffnet, ihr mit einem seltsamen Blick in die Augen gesehen und dann langsam, ablehnend den Kopf geschüttelt. Er wünschte ihre Besuche nicht mehr. Vielleicht hatte er auch Furcht – was konnte sie wissen?

»Guten Tag, Miss Holm!« sagte plötzlich die Stimme des Erwarteten neben ihr. Nina blickte auf. Sie war so in Gedanken gewesen, daß sie sein Eintreten übersehen hatte.

Er setzte sich ihr gegenüber und bestellte sich einen Steinhäger. In seinem schlechtsitzenden Anzug, von dem die grellrote Krawatte unliebsam abstach, machte er einen komischen, geradezu lächerlichen Eindruck. Er schien sich dessen aber nicht bewußt. Sein Gesicht war ernst und seine Mienen feierlich.

Eine Weile schwieg er und drehte sich umständlich mit seinen schlanken Fingern eine Zigarette. Plötzlich sah er Nina durchdringend an und sagte kurz:

»Hüten Sie sich vor dem Engländer!«

Nina fuhr auf.

»Sie meinen doch nicht von Gorny? Er ist ...« Mit einer Handbewegung brachte Wang Ho sie zum Schweigen.

»Wozu Namen nennen?« sagte er leise und düster. »Sie haben mich verstanden, ohne daß ich den Namen aussprach. Wozu das? Es ist zwecklos und kann gefährlich sein!«

Wieder schwieg er eine Weile, und wieder kamen seine Worte plötzlich und unvermittelt:

»Erzählen Sie mir alles, was Sie über den Engländer wissen!«

»Das ist nicht viel«, sagte Nina. Dann erzählte sie in kurzen Worten, wie sie ihn bei ihrer Kollegin kennengelernt, wie er sie rechtzeitig vor der Polizeistreife gewarnt hatte, auch daß sie ihn seitdem einige Male getroffen. Alles dies brachte sie in kühlem, geschäftsmäßigem Tone vor, aber Wang Ho war ein scharfer Beobachter – er merkte genau, daß ihr von Gorny durchaus nicht so gleichgültig war, wie sie den Anschein zu erwecken suchte.

»Denken Sie mal nach«, sagte er, als sie schwieg. »Haben Sie nicht den vielleicht unbewußten Eindruck gehabt, daß dieser Mann irgend etwas von Ihnen wollte, daß er Sie zu irgendeinem Zwecke brauchte. Hat er Sie nicht nach irgend etwas gefragt, ich meine – soviel wie ausgefragt?«

»Nein!« entgegnete Nina bestimmt. »Nichts dergleichen. Er ist, abgesehen von seinem Beruf, bestimmt ein ganz harmloser Mensch und meint es zweifellos gut mit mir.«

Der Chinese nickte spöttisch.

»Sicherlich meint er es gut mit Ihnen. Wissen Sie, was er den Unsrigen über Sie berichtet hat?«

»Nun?«

»Daß er ebenfalls an Verrat Ihrerseits glaube, den Vollzug der Todesstrafe aber einstweilen für einige Tage hinauszuschieben bitte, da er in der Lage sein würde, bis zu diesem Zeitpunkt einwandfreie Beweise Ihrer Schuld zu erbringen.«

Fassungslos starrte Nina den Sprecher an.

»Das kann nicht sein«, flüsterte sie. »Wang Ho, Sie täuschen sich! Das kann doch nicht sein!«

Der Chinese kniff die Augen zusammen.

»Ich täusche mich nicht«, sagte er ernst. »Denken Sie noch einmal nach! Hat er Sie nicht ausgefragt? Hat er nicht unauffällig durch Sie etwas zu erfahren versucht? Vielleicht etwas scheinbar Belangloses? Denken Sie nach!«

»Nein, bestimmt nicht. Wir haben uns nur über ganz harmlose Dinge unterhalten. Er hat mich nie nach etwas gefragt. Höchstens ... Aber das ist ganz unwichtig. Nein, nein ...«

»Bitte!« unterbrach sie der Chinese lauernd. »Was wollten Sie eben erwähnen? Bei einem Menschen dieser Art ist nichts unwichtig. Wonach hat er Sie also doch gefragt?«

»Aber das ist doch Unsinn, Wang Ho. Eine Privatangelegenheit, die für ihn keinerlei Bedeutung haben konnte. Er erkundigte sich nach meinem ehemaligen Verlobten. Sonst nichts.«

»Oh!« machte Wang Ho überrascht. »Sie waren verlobt?«

»Ja, vor Jahren, als ganz junges Ding. Die Sache ist längst vorbei und überwunden.«

»Sie werden mir noch einmal ganz genau die Geschichte Ihrer Verlobung erzählen müssen! Jetzt haben wir keine Zeit dazu. Antworten Sie mir! Wann hat er davon angefangen?«

»Vor drei Tagen. Ich spreche nicht gern davon. Das merkte er und hörte sofort auf zu fragen.«

»Gut. Und wann haben Sie ihm die Geschichte erzählt?«

»Gestern. Das Gespräch kam zufällig auf zurückgegangene Verlobungen. Da erzählte ich es denn.«

»Also gestern!« sagte Wang Ho ernst. »Und vorgestern gab er seinen Bericht an die Unsrigen. Das bedeutet, daß Sie sich ab gestern in Todesgefahr befinden. Denn nun, da er weiß, was er wissen wollte, wird er Sie rücksichtslos des Verrates bezichtigen. Solange Sie ihm die Geschichte Ihrer Verlobung nicht erzählten, waren Sie sicher. Jetzt ist es zu spät.«

»Wang Ho, Sie irren sich bestimmt. Dieser Mensch ...«

»Ist ein Lump!« rief der Chinese schroff. »Warten Sie! Wußte sonst noch jemand von Ihrer Verlobung?«

»Ja, die Schmidt-Lindner. Aber nichts Genaues.«

»Jetzt sehe ich klar. Diese Frau war ein Jahr lang in London seine Geliebte. Als er ihrer überdrüssig war, verriet er sie an die Polizei. Sie bekam anderthalb Jahre Zuchthaus dafür. Später brachte er es zuwege, daß sie von den Unsrigen nach Berlin geschickt wurde. Durch diese Frau hat er Ihre Geschichte erfahren. Dann hat er Sie selbst eingewickelt, bis Sie ihm alles erzählten. Und nun wird er Sie wegwerfen. Weil er Sie nicht mehr braucht. Ganz einfach.«

»Ich kann es nicht glauben!«

»Glauben Sie es ruhig! Ich weiß über diesen sauberen Kerl längst Bescheid. Bis jetzt ging es mich aber nichts an. Nun jedoch droht Ihnen Gefahr, und Wang Ho ist Ihr Freund.«

»Was wollen Sie tun?«

»Vorläufig werde ich Sie beobachten und bewachen. Vielleicht geht die Gefahr vorüber. Es ist möglich, denn dieser Engländer hat Feinde. Darunter ist einer, der ihm sehr gefährlich werden könnte. Vielleicht gelingt es ihm, den Engländer zu Fall zu bringen. Ich weiß es nicht, denn dieser Engländer ist schlau, sehr schlau ... Und dann«, Wang Ho beugte sich vor und sprach die nächsten Worte leise, kaum hörbar: »er steht unter besonderem Schutz des Großen Unbarmherzigen ... Vielleicht ist er es selbst ...«

»Was? Von Gorny – der Große Unbarmherzige?!« schrie Nina auf.

Des Chinesen Gesicht verzerrte sich.

»Still!« herrschte er sie an. »Sie bringen sich und mich in Gefahr! Die Leute werden schon auf uns aufmerksam. Wir müssen gleich aufbrechen ... Ich sage nicht, daß er es ist, aber es ist möglich. In wenigen Tagen ist die Geheimsitzung des Hohen Rates der Unsrigen. Ich weiß, daß an diesem Tage der Feind den Engländer zu vernichten versuchen wird. Hoffentlich gelingt es ihm. Das würde Wang Ho viel Arbeit abnehmen. Sonst muß er eingreifen. Gehen Sie jetzt! Der Herr wird schon ungeduldig sein. Ich bleibe noch. Ich muß wissen, was die Leute hier tun, wenn Sie gegangen sind.«

Nina erhob sich stumm und eilte zur Tür. Sie erschrak, als sie sah, wie sich in der Ecke ein Mann erhob und ihr folgte. Es war ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann mit sehr gewöhnlichen Gesichtszügen. Er hatte die Tür noch nicht erreicht, als der Chinese sich schon behend zwischen sie und den Riesen gezwängt hatte.

»Bleiben Sie stehen, großer Mann!« schrie der Chinese mit schriller Stimme, und seine winzigen Schlitzaugen blitzten und funkelten.

Der Mann grinste freudig. Höhnisch betrachtete er die zierliche Gestalt Wang Ho's, die sich neben der seinen zwerghaft und schmächtig ausnahm. Plötzlich glomm es in seinen Augen zornig auf.

»Aus dem Wege, du Kröte!« brüllte er.

Der Chinese rührte sich nicht. Sein kleiner Körper schien zu Stein erstarrt. Nur seine Backenknochen arbeiteten.

Der Riese hob seine mächtige Pranke. Nina schrie auf. Der Chinese aber hatte sich blitzschnell geduckt. Der Schlag, der ihn unfehlbar zermalmt hätte, ging daneben. Die unförmige Gestalt seines Gegners geriet durch den eigenen Schwung ins Wanken. Im nächsten Augenblick hatte Wang Ho einen der kleinen Tische an sich gerissen, schwang ihn sekundenlang mit spielerischer Leichtigkeit über seinem Kopfe, um ihn dann krachend dem Riesen auf den Schädel sausen zu lassen.

Der Koloß fiel um wie ein gefällter Baum.

Im Nu war das Bild verändert. Von allen Seiten drangen Feinde auf den Chinesen ein. Doch schon hatte er Nina zur Tür hinausgeschoben, folgte ihr selbst auf dem Fuße, warf die Tür dröhnend hinter sich zu und stemmte eine in der Nähe liegende Eisenstange so geschickt zwischen Tür und gegenüberliegende Wand, daß die Bemühungen seiner Widersacher, ihm zu folgen, zunächst erfolglos bleiben mußten.

»So!« sagte er aufatmend und rückte seine rote Krawatte zurecht. »Sie sehen, Sie werden bereits verfolgt. Das war zweifellos bestellte Arbeit. Aber solange Wang Ho lebt, wird Ihnen nichts geschehen. Beeilen Sie sich jetzt!« Plötzlich erhellte sich sein Gesicht. »Ich muß noch meinen Bruder abholen. Ich habe ihn in einem Kindergarten untergebracht. Dort soll es sehr hübsch sein ...«

Nina sah ihn mit großen Augen an. Ihr zitterten noch die Knie vor Erregung, und er konnte bereits wieder lächelnd von seinem Bruder schwärmen. Kopfschüttelnd trat sie auf die Straße. Als sie einen Blick auf die Uhr warf, erschrak sie. Sie war um eine volle Stunde zu spät dran.

Als sie einige Minuten darauf mit ihrem eigenen Schlüssel die Wohnungstür öffnete und leise durch den Gang schlich, hörte sie im Zimmer Malmgreens jemand auf und ab gehen.

»Er hat Besuch«, dachte sie und überlegte, wie sie sich nun verhalten sollte. Es war das erstemal, daß Wang Ho nicht anwesend war. Sollte sie eintreten oder lieber warten, bis der Chinese kam? Bei dem eigentümlichen Charakter Malmgreens war es schwer, das Richtige zu erraten, und ein Irrtum konnte recht unliebsame Folgen haben.

Sekundenlang zögerte sie, dann klopfte sie entschlossen an. Erst zweimal kurz hintereinander, dann nach einer Pause noch einmal. Genau so, wie Wang Ho stets zu klopfen pflegte.

Das Geräusch der Schritte brach ab.

»Komm her! Los, Wang Ho, wird's bald?!« hörte sie die ungeduldige Stimme Malmgreens.

Nina trat rasch ein. In jähem Schreck riß sie die Augen auf. Vor ihr stand kerzengerade Malmgreen, der Gelähmte.

Sie wollte etwas sagen, ihr Zuspätkommen irgendwie erklären, doch die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Wirr kreuzten sich ihre Gedanken. Malmgreen war nicht gelähmt ... Aber warum spielte er dann eine solche Komödie? Am liebsten wäre Nina wieder schnell hinausgetreten, aber es war bereits zu spät. Durchdringend und finster hingen die Blicke Malmgreens an ihrer Gestalt.

»Du Hund!« schrie er plötzlich wild. »Wo hast du gesteckt, verdammte Chinesenbrut?«

»Er ist verrückt!« durchzuckte es Nina. »Er verwechselt mich mit Wang Ho.«

»Antworte!« brüllte Malmgreen, bebend vor Zorn. »Antworte, nichtswürdiger Gelber!«

Nina schwieg. Keiner Bewegung mächtig, stand sie da und sah mit steigendem Entsetzen, wie er ihr Zoll für Zoll näherrückte. Plötzlich ging in seinem Gesicht eine merkwürdige Veränderung vor. Die Zornesröte verschwand. Aus den Augen sprach Angst.

»Ein Fremder ist hier!« schrie er auf. »Wang Ho, wo bleibst du? Ein Fremder ist hier!«

Nina überlief es kalt. In einer kurzen Sekunde hatte sie die Wahrheit erkannt. Malmgreen war weder gelähmt, noch verrückt. Er war blind.

Schritt für Schritt wich sie zurück. An der Wand entlang, wie sie zu spät erkannte, in der falschen Richtung – von der Tür weg. Und Malmgreen folgte ihr. Sein Kinn schob sich vor, die Nasenflügel bebten, und seine Augen blickten stier und ausdruckslos. Zum ersten Male sah sie bei ihm diesen, für die Blinden typischen Blick, und er erschreckte sie maßlos. Die zitternden Hände Malmgreens rückten näher und näher an sie heran. Jetzt befand sie sich in der Ecke. Es gab kein Ausweichen mehr ...

Da öffnete sich dicht neben ihr eine kleine Tapetentür. Wang Ho's starke Arme packten sie um den Leib. Ein Ruck. Sie stand draußen im Gang.

Ein krampfhaftes Schluchzen durchrüttelte ihren Körper.

»Er ist blind. Er ist blind«, flüsterte sie, ohne aufzuhören.

Der Chinese trug sie in seine Stube und legte sie behutsam auf eine Matte.

»Er ist blind«, nickte er ernst. »Merkten Sie das erst heute?« Einen Augenblick schwieg er sinnend, dann fügte er hastig hinzu: »Der Herr darf nicht wissen, daß Sie es waren, die sein Geheimnis erfuhr. Sonst ... Nun, mein Bruder hat es auch vor einigen Tagen entdeckt. Und am nächsten Tage fiel zufällig ein Telegraphenmast um, der ihn beinahe getötet hätte. Ich glaube nicht an solche Zufälle. Ich kenne die Herstellungsweise dieser Zufälle ... So, jetzt muß ich zu meinem Herrn. Der unsterbliche Buddha möge mich erleuchten, auf daß meine Lügen jetzt dem erhabenen Geist meines Herrn angenehm und schmackhaft erscheinen mögen.«


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