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31

Nuber sollte recht behalten. Muratow fand tatsächlich im Koffer von Gornys einen etwa drei Meter langen Filmstreifen. Dieser wurde einige Stunden darauf mit einem kleinen Versuchsapparat den zwei Taubstummen vorgeführt. Es erwies sich, daß dies, wie Muratow es erwartet hatte, die Fortsetzung jener unterbrochenen Szene war. Nur zwei Worte lasen die Taubstummen noch von den Lippen des Verbrechers. Sie lauteten: »ohne Kopf«.

Halles Enttäuschung kannte keine Grenzen. Denn Nubers Brandmal zeigte nur zu deutlich eine Schlange mit Kopf. Ein anderer Umstand kam noch dazu – der Diener Nubers war spurlos verschwunden. Alles sprach nunmehr dafür, daß Nubers Annahme richtig war – dieser Diener mußte der Mörder von Gornys sein. Halle konnte sich den Fall besehen, von welcher Seite er auch wollte – es gab keinen Grund mehr, Nuber in Haft zu behalten. Der Westenknopf? Den konnte genau so gut der Diener am Tatort hinterlassen haben. Vielleicht sogar mit Absicht.

So kam es, daß Nuber noch am selben Abend aus der Haft entlassen wurde. Er hatte sich sogleich nach Hause begeben, um vor allen Dingen einmal auszuschlafen. Auf der harten Pritsche des Untersuchungsgefängnisses hatte er kaum ein Auge schließen können.

Er mochte etwa drei Stunden in einem totenähnlichen Schlaf verbracht haben, als er jäh erwachte. Er hatte das bestimmte Empfinden, daß sich jemand in seinem Zimmer befand.

So sehr er aber seine Augen anstrengte, konnte er doch nichts sehen. Eine Bewegung zu machen, wagte er nicht. So lag er, alle Sinne angespannt, still da und holte regelmäßig und tief Atem.

Einige Minuten verstrichen. Ein leises Knistern drang an sein Ohr. Aber immer noch sah er nichts.

Plötzlich hörte er von der Straße her das Surren eines Wagens. Blitzschnell ging ihm der Gedanke durch den Kopf, daß, da sein Zimmer im Erdgeschoß lag, die Scheinwerfer des Wagens den Raum für einen Augenblick erleuchten würden.

Er kniff die Augen zusammen und spähte scharf unter den geschlossenen Lidern hervor. Jetzt! Ein Lichtstrahl tanzte durchs Zimmer. Schon war es wieder finster. Doch das sekundenlange Aufleuchten hatte genügt, um Nuber eine mit vorgehaltenem Revolver dicht an den Schrank gepreßte Gestalt erkennen zu lassen.

Nuber verfluchte seine Nachlässigkeit. Sein Revolver lag mitten im Zimmer auf dem Tisch. Undenkbar, ihn von hier aus zu erreichen!

Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken. Sollte er plötzlich aufspringen und sich auf den Eindringling werfen? Die Kugel war ihm in diesem Fall so gut wie sicher. Oder sollte er sich aus dem Bett fallen lassen, dann zur Seite springen – – –

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Plötzlich durchstrahlte helles Licht den Raum. Sein nächtlicher Besucher hatte selbst den Schalter gedreht. Nuber starrte die Gestalt des Fremden wie einen Geist an. Vor ihm stand mit erhobener Waffe ein Chinese.

»Guten Abend, Mister Nuber!« sagte er höflich.

Nuber erholte sich schnell von seiner Überraschung.

»Sie sind Wang Ho, nicht wahr?« fragte er.

Der Chinese zeigte lächelnd seine weißen Zähne.

»Ganz recht. Ich bin Wang Ho.«

»Es muß wohl ein dringendes Geschäft sein, das Sie zu mir führt, mein Herr! Im allgemeinen habe ich immer beobachten können, daß entsprungene Häftlinge keinen sonderlichen Wert auf ein Zusammentreffen mit Kriminalbeamten legen!«

»Sehr richtig, Mister Nuber!« nickte der Chinese. »Mein Geschäft ist dringend und eilt sehr! Sie werden ...«

»Augenblick einmal!« unterbrach ihn Nuber gemütlich. »Wollen Sie nicht lieber erst den Revolver beiseite legen. Ich werde dann Ihren Ausführungen mit erhöhter Aufmerksamkeit folgen.«

Der Chinese lächelte wieder.

»Wie sagt man doch gleich ... Mit Speck fängt man Mäuse! Nein, Mister Nuber, so dumm bin ich nicht. Ich weiß genau, daß Sie dann den Versuch machen würden, mich festzunehmen. Wir haben beide einige Tage gesessen. Sie werden zugeben, daß die Untersuchungshaft auf einen gebildeten Menschen etwas niederdrückend wirkt.«

»Mein Herr, Sie sind entschieden im Irrtum!« widersprach der Kriminalbeamte. »Wenn Sie nämlich glauben, ich wollte Sie festnehmen! Fällt mir nicht im Traume ein! Ich weiß ganz genau, daß Sie Malmgreen gar nicht getötet haben!«

Des Chinesen Augen wurden plötzlich groß. Das Lächeln fror ihm in den Mundwinkeln ein.

»Aber mein Gebieter ist doch tot«, entgegnete er mühsam.

»Natürlich ist er tot«, nickte Nuber. »Nur haben nicht Sie ihn getötet, mein sehr geehrter Herr Wang Ho! Möchte wissen, warum Sie diesen Mord auf sich nehmen wollen! Allerdings, ein solcher Fall steht in der Kriminalistik nicht vereinzelt da. Alles schon vorgekommen. Zum Beispiel tut man dies mit Vorliebe, wenn man den Mörder kennt und ihn aus irgendwelchen Gründen schützen will.«

»Sie sind klug, Mister Nuber!« sagte Wang Ho langsam. »Klüger, als ich dachte. Darum werde ich mich wohl hüten, den Revolver aus der Hand zu legen.«

»Wie gesagt, es ist unnötig! Aber meinetwegen behalten Sie das Ding zwischen den Fingern. Passen Sie aber ja recht gut auf, daß es nicht unversehens losgeht. Kugeln wirken zuweilen sehr zerstörend auf die menschlichen Gewebe ein. Aber nun zur Sache! Was wollen Sie von mir?«

»Kennen Sie eine Dame namens Nina Holm?«

Nuber riß erstaunt die Augen auf.

»Gehört das zur Sache?« rief er verdutzt. »Ja? Na, gut! Ich kenne keine Dame dieses Namens. Genügt Ihnen das?«

»Nein!« sagte Wang Ho streng. »Es genügt mir nicht. Sie lügen! Sie kennen diese Dame sehr gut. Und Sie werden Sie noch viel besser kennenlernen. Binnen drei Tagen werden Sie diese Dame heiraten!«

Mit einem Ruck saß Nuber aufrecht im Bett.

»Wa – was werde ich?« stammelte er verblüfft. Auf einmal ging es wie ein Aufleuchten über seine Züge. »Das ist der beste Witz meines Lebens!« rief er lachend. »Muß ja eine ganz verrückte Krabbe sein – diese, meine Braut! Schickt mir da als Bräutigamwerber mitten in der Nacht einen Chinesen mit Revolver und allem Zubehör! Prächtig! Fabelhaft!«

In den Katzenaugen Wang Ho's flammte Zorn auf.

»Da gibt es gar nichts zu lachen!« fauchte er wütend. »Wollen Sie Miss Nina Holm heiraten oder nicht?«

»Ich denke gar nicht daran!« rief Nuber heiter. »Sagen Sie Ihrer Auftraggeberin, daß ich mit meinem Junggesellenleben außerordentlich zufrieden bin und einstweilen keinerlei Lust verspüre, mich zu verändern. Aber im Bedarfsfall werde ich mich ihres Vorschlags gern erinnern. Vielleicht in zehn bis zwölf Jahren ...«

Wang Ho machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Drei Tage!« sagte er eisig. »Sie haben genau drei Tage Zeit zum Überlegen. Wenn Sie bis dahin nicht Miss Holm geheiratet haben, schieße ich Sie wie einen Hund nieder. Ich werde Sie zu treffen wissen, Mister Nuber! Sie entgehen mir nicht. Also überlegen Sie sich die Sache reiflich!«

»Das sind ja nette Aussichten ... Na, ich werde mir das draufgängerische Dämchen mal bei Gelegenheit ansehen ... Soweit wäre wohl nun alles besprochen. Vielleicht würden Sie jetzt die Güte haben und sich wohlwollend zurückziehen. Ich habe nämlich noch nicht ausgeschlafen.«

»Ich gehe gleich«, entgegnete der Chinese würdevoll. »Vorerst noch eines! Ich lege hier auf den Tisch eine Eintrittskarte – Parterre, zweite Reihe, links – für die Revue ›Die verzauberten Amazonen‹. Die Aufführung findet morgen um acht Uhr abends im Zentraltheater statt. Ich wünsche, daß Sie sich diese Revue ansehen!«

»Sie wünschen ... Nein, was Sie sagen! Wenn nun aber ich es nicht wünsche? Was dann?«

»Auch Sie werden es wünschen, Mister Nuber. Wenn Sie nämlich hingehen, so können Sie dort den Großen Unbarmherzigen verhaften.«

»In der Tat, das wäre eine sehr beachtenswerte Dreingabe zu den verzauberten Amazonen!« lachte Nuber. »Ich werde Sie aber trotzdem enttäuschen, mein Herr! Ich gehe nicht hin. Den Großen Unbarmherzigen kriege ich nämlich auch so in den nächsten Tagen.«

Der Chinese erhob sich und schritt zum Fenster.

»Das können Sie halten, wie Sie wollen«, sagte er kühl. »Dann wird eben Inspektor Muratow den Großen Unbarmherzigen morgen verhaften.«

Vorsichtig schwang sich Wang Ho auf die Fensterbrüstung.

»Auf Wiedersehen, Mister Nuber!« grüßte er höflich.

»Halt! Halt! mein Herr!« schrie Nuber plötzlich laut.

»Was ist? Was wollen Sie?« fragte Wang Ho vorsichtig.

»Sie haben vergessen, das Licht auszudrehen, mein Herr!« sagte Nuber vorwurfsvoll. »Als Sie kamen, war es dunkel. Also ist es nur gerecht und selbstverständlich ...«

Wang Ho war bereits hinter der Fensterbrüstung verschwunden. Nuber sprang aus dem Bett und stapfte nach dem Lichtschalter. Als er sich gleich darauf wieder die Decke über die Ohren zog, bewegten sich seine Lippen im Selbstgespräch.

»Diese Chinesen scheinen ein ziemlich rücksichtsloses Volk zu sein!«

Wenige Minuten später schlief er fest ein.


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