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25

Im Kriminalamt herrschte große Aufregung. Der auf der Potsdamer Straße von Inspektor Muratow festgenommene Verbrecher hatte nach kurzem Sträuben gestanden, daß er ein Mitglied der Unbarmherzigen sei und in deren Auftrag den Mord an dem Kinde begangen habe. Seinen Angaben folgend, waren sofort mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. Bei einem der Festgenommenen fand man neun chiffrierte Briefe gleichen Inhalts. Die Adressaten konnten zum Teil ebenfalls verhaftet werden. Fünf von ihnen hatten allerdings bereits Wind bekommen und waren flüchtig.

Muratow war der Held des Tages. Er schien sich dessen jedoch gar nicht bewußt. Bescheiden wie immer saß er an seinem Schreibtisch und konnte ordentlich grob werden, wenn seine Kollegen ihn mit neugierigen Fragen bestürmten. Quer über seiner Stirn prangte ein rosa Heftpflaster, den linken Arm trug er in einer Binde. Die Schlacht auf der Potsdamer Straße hatte ihm einige recht schmerzhafte Quetschungen und Wunden eingetragen.

Je bescheidener Muratow war, um so stolzer wandelte sein Vorgesetzter Halle einher. Allen, die es hören wollten, erzählte er, daß dank der Tüchtigkeit der von ihm großgezogenen Beamten bereits mehr als die Hälfte der Unbarmherzigen hinter Schloß und Riegel gebracht sei und die Festnahme ihres Führers, des Großen Unbarmherzigen, in den nächsten Tagen erfolgen würde, wodurch dann die Bande so gut wie vernichtet wäre. Muratows vernünftige Einwendungen, daß zu solch optimistischer Beurteilung der Lage noch alle Voraussetzungen fehlten, fruchteten nichts. Halle hatte schließlich einen roten Kopf bekommen und war verärgert davongerannt.

Muratow seufzte.

»Möchte wissen, was der Mann angestellt hat, um Oberinspektor zu werden«, knurrte er.

»Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe«, sagte von Gorny mit einem nachsichtigen Lächeln. Er lehnte Muratow gegenüber am Fenster und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Sein Kopf steckte vollkommen in weißem Verbandstoff, eine Backe war dick geschwollen und die Lippen gesprungen. Angeblich hatten ihn einige Unbarmherzige so zugerichtet.

»Wissen Sie was, Muratow«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, »wir sollten mal zusammen einen kleinen Gewaltstreich wagen! Mit einem Schlage die ganze Bande erledigen! Ganz genau so, wie Halle sagt. Sie und ich! Wollen Sie?«

»Natürlich will ich!« rief der andere. »Glauben Sie aber ja nicht, daß dies so einfach ist.«

»Ich habe einen Plan«, entgegnete von Gorny sinnend. »Heute abend ...«

Plötzlich schwieg er. Die Tür war aufgesprungen, und herein stürzte, eine dicke Aktenmappe unterm Arm, Inspektor Nuber.

»Tag, Muratow!« rief er fröhlich. »Meinen Glückwunsch zu Ihren Erfolgen! Das haben Sie wieder einmal großartig gemacht!«

Beim Anblick von Gornys stutzte er. Gleich darauf ging ein Leuchten über seine Züge.

»Morgen, Herr von Gorny! Wie geht's? Donnerwetter! Sie sehen heute verdammt reparaturbedürftig aus!«

Von Gorny sah mit schrägem Blick zu Nuber hinüber.

»«Wenn Ihre Worte eine Beileidsbezeugung sein sollen«, entgegnete er gemessen, »so danke ich für die Freundlichkeit. Nehmen Sie, bitte, auch meine Beileidsbekundigungen zu Ihrer plötzlichen und unverhofften Pleite entgegen!«

Nuber kniff die Augen zusammen.

»Das macht mir nicht viel aus«, wehrte er ab. »Ich lebe seit Jahr und Tag ausschließlich von meinem Gehalt und den Honoraren für meine Mitarbeit bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift über Kriminalistik. Die Isheim-Aktien sind nach wie vor in meinem Besitz. Der ganze Unterschied ist der, daß diese Papierchen früher etwas wert waren und es heute nicht mehr sind. Wenn man überlegt, ist der Unterschied nicht sehr groß.« Mit diesen Worten verschwand er durch eine andere Tür.

Von Gorny zuckte die Achseln.

»Auch eine Ansicht! Aber, um zur Sache zu kommen ... Halt! Eins müssen Sie mir versprechen, Muratow! Diesem Nuber dürfen Sie kein Wort von unserem Plan verraten. Der wäre imstande, aus Neid und Ehrgeiz die ganze Geschichte zu hintertreiben, um dann später selbst die Lorbeeren zu ernten. Wollen Sie mir das Versprechen geben?«

»Meinetwegen!« brummte Muratow. »Legen Sie mal los! Was haben Sie vor?«

Von Gorny trat einen Schritt näher. Dann erklärte er mit gedämpfter Stimme:

»Heute um Mitternacht findet eine Zusammenkunft des Hohen Rates der Unbarmherzigen statt. Ich werde anwesend sein. Wenn Sie wollen, können Sie auch dabei sein. Es ist allerdings nicht ganz ungefährlich, aber wie ich Sie kenne, leiden Sie ja nicht an Mutmangel!«

»Das wäre mir in der Tat neu!« knurrte der andere. »Aber wie denken Sie sich die Geschichte eigentlich? Wenn Sie mir eine Einladungskarte zu der Sitzung verschaffen, und ich in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter hingehe, so vermute ich stark, daß man mich entweder gar nicht erst reinläßt oder aber nachher nicht mehr rausläßt! Sollte ich mich da täuschen?«

»Nein, so einfach ist es natürlich nicht. Aber ich sagte ja schon – ich habe einen Plan. Die zwölf Mitglieder des Hohen Rates erscheinen zur Sitzung maskiert und vermummt. Keiner von ihnen kennt den anderen. Das hat der Große Unbarmherzige so ausgedacht, damit jeder Verrat vor dem Hohen Rate halt machen muß. Wie kann man Leute verraten, die man gar nicht kennt? Und auf diesem Umstand beruht nun mein Plan. Es ist mir nämlich gelungen, den Namen von einem der zwölf Mitglieder festzustellen. Heute um elf Uhr abends wird dieser Mann auf meine Veranlassung verhaftet. Und Sie gehen statt seiner zur Sitzung! Ich verschaffe Ihnen die erforderliche Maskerade, mache Sie mit den Stichwörtern bekannt und bringe Sie auch an Ort und Stelle. Die Gefahr einer Entdeckung ist also verhältnismäßig gering.«

Muratow hatte Bedenken.

»Es läßt sich natürlich machen ... Aber da kommen mir zwei Fragen! Was bezwecken Sie denn mit Ihrem Vorhaben? Und warum lassen Sie die ganze Gesellschaft nicht an Ort und Stelle von einem größeren Polizeiaufgebot festnehmen?«

»Das hat seine guten Gründe«, sagte von Gorny ernst. »Der Ort, wo die Zusammenkunft stattfindet, wimmelt bereits seit heute früh von Spionen der Unbarmherzigen. Das geringste verdächtige Anzeichen – und die Sitzung, von der ich mir so viel verspreche, findet gar nicht statt. Andernfalls aber haben wir die Möglichkeit, einer voraussichtlich wichtigen Beratung beizuwohnen, und können unter Umständen etwas erfahren, was dem Großen Unbarmherzigen das Genick bricht. Ich bin sogar der Meinung, daß unter den Zwölfen auch er selbst sein wird.«

»Gut«, sagte Muratow nach kurzem Sinnen. »Ich bin dabei!«

Von Gorny war außerordentlich befriedigt, aber er ließ es sich nicht merken. In kurzen Worten erklärte er seinem Gegenüber, wo die Zusammenkunft stattfinden solle und wie er sich dabei zu verhalten habe.

»Jedem, der Sie im Umkreis von etwa einem Kilometer vom Treffpunkt der Zwölf gerechnet, anhält«, schloß er, »sagen Sie nur ›Ohne Gnade!‹ Vor diesem Stichwort öffnen sich Ihnen auch alle Türen. Das Stichwort zum Hinausgehen wird erst bei der Sitzung bekanntgegeben. Also nochmals – auf keinen Fall dürfen Sie weitere Polizeikräfte heranziehen. Das müssen wir ganz allein schaukeln! Waffen nehmen Sie aber selbstverständlich mit. Wir sind alle bis an die Zähne bewaffnet.«

Muratow blickte auf. Mit kühler Schärfe musterte er von Gorny.

»Ich mache mit. Es bleibt dabei«, sagte er ernst. »Es ist lange nicht so ungefährlich, wie Sie es darstellen. Das weiß ich. Es steckt, glaube ich, noch mehr dahinter, als ich jetzt vermuten kann. Eins aber ist gewiß – das merken Sie sich –, sollte es eine Teufelei Ihrerseits sein, dann, von Gorny, Gnade Ihnen! Ich pflege in solchen Fällen nicht zu spaßen.«

Vor Gorny lachte kurz auf.

»Sie sind wohl auch schon von der allgemeinen Nervosität angesteckt, Muratow? Wir stehen heute nacht zwei gegen zehn! Wir müssen zusammenhalten, sonst sind wir beide verloren!«

»Es ist gut«, antwortete der Inspektor kurz. »Es bleibt dabei!«

Und es blieb dabei. Alles kam genau so, wie von Gorny es vorausgesagt hatte. Es mochte gegen halb zwölf Uhr nachts sein, als Muratow, ein kleines Bündel unter dem Arm, durch das verrufenste Viertel der Stadt schlich. Wiederholt wurde er von höchst fragwürdig erscheinenden nächtlichen Gestalten angehalten. Der eine verlangte im barschen Tone Feuer, der andere erkundigte sich unterwürfig nach der Zeit, wieder ein anderer stellte sich ihm einfach schwerbetrunken in den Weg. Jedesmal genügten die kurzen Worte »Ohne Gnade!« – sofort traten die Leute beiseite.

Es ging durch einen finsteren Hof, dann eine morsche Treppe hinunter. Hier legte Muratow, genau von Gornys Weisung folgend, seine schwarze Halbmaske an, hüllte sich in einen langen, ebenfalls schwarzen, talarartigen Mantel und bedeckte den Kopf mit einer Kapuze. Nun kamen noch mehrere Türen. Immer wieder hieß es »Ohne Gnade!« Und jede Tür öffnete sich unverzüglich.

Endlich sah sich Muratow in einem mächtigen, hellerleuchteten Gewölbe. An einem großen, runden Tisch saßen mehrere vermummte Gestalten. Muratow wurde ruhiger. Er hatte mit raschem Blick sofort erfaßt, daß sowohl die Masken als auch die Mäntel aller sich vollkommen glichen. Und vor allem – sie glichen seiner eigenen Maskerade. Auf diesen Punkt legte Muratow im Augenblick den allergrößten Wert. Aber er konnte zufrieden sein. Einer sah genau wie der andere aus, und alle sahen sie ihm selbst zum Verwechseln ähnlich.

»Jetzt fängt die Geschichte an, mir Spaß zu machen!« dachte er und trat gemessenen Schrittes an den Tisch. Mit einer majestätischen Gebärde kreuzte er die Arme über der Brust und rief feierlich zum letztenmal: »Ohne Gnade!«

»Bruder, du bist uns willkommen!« antworteten die Vermummten im Chore.

Muratow setzte sich würdevoll. Unauffällig hielt er Umschau. Ob von Gorny wohl schon da war? Er zählte im ganzen neun Gestalten. Wie, wenn nun von Gorny gar nicht kam? Dann war er mutterseelenallein und machtlos allen Zufällen preisgegeben. Doch schien diese Sorge unbegründet. In kurzen Zeitabschnitten öffnete sich die Tür noch dreimal, und im gleichen Zeremoniell schritten nacheinander drei weitere Vermummte herbei.

Irgendwo schlug eine Uhr dumpf zwölfmal. Im selben Augenblick erhob sich einer der Versammelten. Seine Kleidung unterschied sich in nichts von der Maskerade der anderen. Nur an der Brust prangte ein dort befestigter Stern, in dessen Mitte ein großer roter Stein funkelte.

»Im Namen des Großen Unbarmherzigen, der wohl auch heute, wie so oft, unerkannt in unserer Mitte weilt, eröffne ich, der Obmann, unsere heutige Versammlung!« erklärte er feierlich.

Ein beifälliges Murmeln ging durch die Reihen der Zuhörer. Eine andere Gestalt erhob sich nun ebenfalls und verneigte sich tief vor dem Obmann.

»Das Zeichen an deiner Brust ist uns Gewähr für die Wahrhaftigkeit deiner Rede! Sei begrüßt als unser Obmann! Und nun, eröffne den uns Harrenden – was ist der Zweck der heutigen Berufung?«

Der Obmann stand eine Weile hochaufgerichtet, schweigend da. Seine schwarzen Augen sprühten durchdringend unter der Maske hervor und jagten unruhig über die Gesichter der Anwesenden.

»Verrat!« schrie er plötzlich laut und schlug mit der Faust heftig auf den Tisch.

Eine jähe Bewegung des Schreckens ging durch die Reihen der Anwesenden. Muratow fühlte sich wieder unbehaglich. Sollten sie etwas ahnen, wissen? Aber es war doch undenkbar! Wenn von Gorny ihn verraten hätte, so würden doch nicht die Unbarmherzigen über Verrat klagen. Da sie es aber doch taten, so mußte eben von einem anderen Verrat die Rede sein. Diese Überlegung beruhigte den Kriminalinspektor wieder.

»Verrat!« wiederholte der Obmann in etwas mäßigerem Tone. »Seit Wochen wirkt dieses schreckliche Gift in den Reihen der unsrigen. Viele tüchtige Mitglieder schmachten in Gefängnissen. Einigen droht die Todesstrafe. Schlimmer. Noch schlimmer! Zwei Mitglieder des hohen Rates sind der Polizei bekannt. Heute müssen wir diese verdienstvollen Männer ihres Amtes entheben, denn nur sofortige Flucht kann sie noch retten!«

Einer der Vermummten erhob sich stürmisch.

»Tod dem Verräter! Er muß in unserer Mitte sein!«

Der Obmann nickte.

»Du sprichst es aus, Bruder!« sagte er ernst. »Nur ein Mitglied des Hohen Rates konnte das alles wissen, was der Polizei verraten wurde. Wir müssen es suchen. Wir müssen es finden. Und – wir werden es finden! Aber bevor wir an diese Aufgabe herangehen, wird einer der Brüder uns Bericht erstatten. Ich würde diesen Bericht natürlich zunächst zurückstellen, wenn er nicht von so außerordentlicher Wichtigkeit wäre. Er steht mit der Frage des Verrats im engsten Zusammenhang. Der Bruder möge reden!«

Der Obmann setzte sich würdevoll. Muratow blickte gespannt im Kreise herum. Wer von den Vermummten mochte dieser Bruder sein? Vielleicht von Gorny ... Plötzlich merkte der Detektiv, daß irgend etwas nicht stimmte. Alle anderen blickten genau so wie er fragend herum. Keiner erhob sich.

»Der Bruder möge beginnen!« sagte der Obmann wieder, schon merklich ungeduldig.

Einem elektrischen Schlage gleich durchzuckte es Muratow. Jäh blitzte der Verdacht auf, wurde sofort zur Gewißheit. Der Bruder, auf dessen Bericht jetzt alle warteten, war der, den die Polizei vor einer Stunde verhaftet hatte, war der, dessen Rolle nun er, Muratow, spielte. Was jetzt? Die Entdeckung des Schwindels war unvermeidlich, die Gefahr riesengroß – – –

Totenstille herrschte im Raum. Leise tickte die Uhr. Sekunde um Sekunde verstrich. Und mit jeder Sekunde wuchs die Gefahr. Schon stand in aller Augen deutlich sichtbar das Mißtrauen ...

Wie von einer riesigen Faust emporgerissen, schnellte Muratow hoch. Er mußte die Rolle des Verschwundenen spielen. Mußte! Es war seine einzige Hoffnung. In der Tat, für den Augenblick schien die Gefahr beseitigt. Alles schaute wieder beruhigt drein. Es war aber die höchste Zeit gewesen.

Gespannt hingen elf Augenpaare an seinen Lippen.

»Meine Herren!« Wie ein Pistolenschuß knallten seine Worte in die eisige Stille. Elf Augenpaare wurden groß und drohend. Muratow hätte sich ohrfeigen mögen für die zwei kleinen Wörtchen. Sofort hatte er den verhängnisvollen Fehler erkannt. Doch die Worte waren gesprochen. Es war zu spät.


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