Joseph Christian von Zedlitz
Gedichte
Joseph Christian von Zedlitz

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Liebeswunder.

                        In des Rheines Mitte ragt einst eine Pfalz in alten Zeiten,
Nah bei Kaub, wo um die Felsen die getheilten Wellen gleiten;
Jetzt noch sieht man dort geborstne Mauern aus dem Wasser stehn,
Sieht weithin den Strom sich winden, links und rechts die Straßen gehn.

Trümmer sind es eines Schlosses, nicht gebaut von Menschenhänden,
Schilfumgränzte Wassergötter zimmerten an seinen Wänden;
Und des Stromes Nixe gab es ihrem Buhlen zum Geschenke,
Daß, drin wohnend, ihrer Lieb' er treulich immerdar gedenke.

Von der Veste lugt ein Zwerge, dessen Aug' nie Schlaf berührte,
Der ein Heerhorn groß und silbern, und ein scharf Gewaffen führte,
Streng hielt er das Thor verschlossen mit gewalt'gen Eisenstangen;
So war seiner edlen Herrin ausgesprochenes Verlangen.

Wenn des Wegs die Ritter zogen zum Turnier auf stolzen Rossen,
Hin am Strom die Schiffe glitten, buntbewimpelt, schaumumflossen;
Sahen schöngeschmückte Jungfraun sehnsuchtsblickend von den Zinnen,
Rosenwangig, goldenlockig, der Pfalzgräfin Dienerinnen.

Und im Erker auf dem Lager, überdeckt mit ind'scher Seide,
Goldbetroddelt, und geschmücket reich mit Perlen und Geschmeide,
Einen Pfauenwedel haltend an dem Griff von Edelsteine,
Ihren Blick zur Erde heftend, saß die Pfalzgräfin vom Rheine.

Mit gesenktem Haupte saß sie, ihre Wangen bleich und hager,
Und der Busen flach und eben, und fast unerquicklich mager,
Abgezehrt und welk die Hände, auf dem Haupte graue Haare,
Also war sie anzuschauen – zählt jetzt eben zwanzig Jahre!

Haben Feen sie verzaubert, daß sie also umgestaltet,
Daß das edle Fürstenfräulein so verwunderlich gealtet;
Hat sie bösen Trank getrunken, den aus dunklen Kräntersäften
Nekromanten, ihre Feinde, brauten mit der Hölle Kräften? –

Nein, nicht Fee'n noch Nekromanten waren gegen sie verschworen,
Nicht durch Kräutersaft und Bannspruch ging des Leibes Reiz verloren,
Jung ist Abends sie entschlummert, und ergreiset aufgewacht,
Ihre Schönheit umzuwandeln gnügt' der Kummer einer Nacht.

Damals war es, als der schöne Graf von Worms mit seinen Mannen,
Stahlbewehrt, mit Schwert und Lanze, kaum vermählet, zog von dannen,
Ihre Blicke fruchtlos spähten in die allerfernsten Weiten,
Wolken Staubs nur konnten schauen, wo des Wegs die Ritter reiten.

Schon ein Jahr war's, wo die Fürstin trauernd diese Pfalz bezogen,
Und Gemeinschaft floh der Menschen, eine Siedlerin der Wogen;
Schon verzweifeln ihre Mägde, weil sie einsam sollen bleiben,
Ohne Tanz und ohne Liebsten müssen ihre Zeit vertreiben! –

Leidvoll saßen sie und schauten emsig hin nach allen Winden,
Ob kein Ritter, Spielmann, Knappe, möcht' den Weg zum Schlosse finden;
Ob kein fahrender Geselle in den Nachen werde steigen,
Einlaß heischend, an dem Thore sich kein Fremder werde zeigen.

Siehe, da tönt eines Morgens als sie noch im Schlummer Alle,
Von dem Thurm des Thurmwarts Heerhorn schmetternd laut mit frohem Schalle;
Springen von dem Lager hastig die erschreckten Schläferinnen,
Greifen Mieder, Strümpfe, Schuhe, wissen nicht womit beginnen.

Und der Zwerg tritt vor die Gräfin, weckt sie aus dem Morgenschlummer,
»Gute Botschaft, die ich bringe, o verscheuche Deinen Kummer!
Heimgekehret ist der schöne Graf von Worms; im Morgenwinde
Weht sein Banner, über'm Harnisch glänzt die himmelblaue Binde!«t

»Abgesessen sind die Männer, stellten ihre Landen nieder,
Banden ab die Eisenhelme mit dem wehenden Gefieder;
Wie in vollen Imenstöcken wimmelt's an des Rheins Gestaden,
Wo sie in den kühlen Fluthen die bestaubten Pferde baden!«

»»Wächter, Du bist thöricht worden! –«« ruft die Gräfin – will vom Bette –
Doch gebunden sind die Glieder wie mit einer eh'rnen Kette;
Endlich kehrt die Kraft ihr wieder, und sie faßt nach den Gewändern,
Nestelt zitternd sich das Leibchen, knüpft die Röcke mit den Bändern.

Sie stürzt fort; doch wie vorbei sie am krystallnen Spiegel eilet,
Und hineinblickt unwillkürlich, steht sie schaudernd, und verweilet,
Ringt die Händ', und so wie plötzlich Quellen brechen aus den Steinen,
Stürzen ihre Thränen nieder, fängt sie jammernd an zu weinen.

»Ach wie bin ich doch so häßlich!« ruft sie aus, »Gott sey's geklagt,
Nimmer kann ich mich ihm zeigen, wenn mein Gatte nach mir fragt,
Bin verkümmert und verwelket, alt und grau, und mager worden,
Wollt' ich meinen Liebsten küssen, würd' er mich im Zorn ermorden!«

»Ach, wie ist das Leben bitter! komm o Tod, hilf mir zur Ruhe,
Nicht im Brautbett soll ich liegen, nein, in eines Sarges Truhe! –«
Klagt's, und birgt ihr Antlitz weinend in des Lotterbettes Kissen,
Sie umstehn die Jungfrau'n tröstend, doch sie will von Trost nichts wissen!

Und schon stößt der Kahn vom Ufer, reich geschmückt und aufrecht stehet
Drin der Graf von Worms, der schöne, licht sein stolzer Helmbusch wehet;
Und die Morgensonne spiegelt sich in seiner Waffen Glanze,
Gleich Sankt Michael, wenn geflügelt er aufschwebt im Glorienkranze! –

Still am Schlosse hält der Nachen, und der Held mit gleichen Füßen
Springt an's Land, kann's nicht erwarten, seiner Gattin Mund zu küssen,
Treppauf klirren seine Sporen; aufreißt er das Thor und strecket
Aus die Arm' – und läßt sie fallen flugs, und fährt zurück erschrecket! –

»Kehre Deiner Treu' entbunden – ruft die Gräfin ihm entgegen –
Eine blüh'nde Rose ziemet Deinem Bett, o edler Degen.
Nicht die Hagebutte herbe, die der Reif des Leids verbrennet!
Wehe mir, der Gramentstellten, die der Liebste nicht mehr kennet! –«

Sagt's, und fühlt ihr Herz gebrochen von dem allzu bittern Jammer,
Ihrer Mißgestalt sich schämend, will sie fort zur nahen Kammer,
Doch der Graf verwehrt's; er möchte herzlich sie zum Willkomm grüßen,
Die von Liebesschmerz Gebeugte auf die treuen Lippen küssen! –

Doch so oft er sie betrachtet, und sie also häßlich findet,
Fühlt er, daß ein jäher Schauer ihm die Glieder hemmt und bindet,
Nicht vermag er's, und doch treibt's ihn; möcht' und möcht' sie nicht umarmen,
Schwanket so, ein Rohr im Winde, zwischen Abscheu und Erbarmen! –

Endlich legt er ab den Harnisch, und der Arm und Beine Schienen,
Schickt, wie er der Waffen ledig, fort Gefolg' und Dienerinnen,
Schließet dann die Fensterladen, daß das Licht den Weg nicht findet,
Setzt sich zu ihr hin im Dunkel, Samson gleich, als er erblindet!

Als er ihr Gesicht nicht schaute, und die Scheu hat überwunden,
Hatt er milde Trostesworte für die Trauernde gefunden;
Bis das Licht, das unwillkommne, endlich allgemach verglommen,
Und statt dem gemachten Dunkel nun das wirkliche gekommen.

»Sey getrost,« so sprach er freundlich, »ist Dein Reiz auch hingeschwunden,
Minnelohn verdient die Treue, edler Gut wird nicht gefunden!«
Zieht sie hin an seine Seite, hält sie mit dem Arm umfangen,
Schmiegt sie an sein Herz, und drücket Küsse ihr auf Mund und Wangen! –

Und wie er die Hand ihr fasset, dünkt's ihn, daß sie weich, geründet,
Und ihr Hauch, als er sie küsset, Duft von Spezerei'n entzündet;
Und der Leib, erst welk und mager, dünket voll und frisch dem Recken,
Und den Busen, erst so hager, kann die Männerhand kaum decken! –

Wie vom jungen Wein betäubet, weiß er nicht, was ihm geschehen,
Das er faßt, es ist ein andres, als das Weib, das er gesehen;
Und er zittert, daß er wieder häßlich es am Morgen finde,
Daß der Rausch, des Nachts getrunken, mit des Tages Licht verschwinde!

Doch er will sein Schicksal wissen, wissen ob ein Spuk, Gespenster
Ihn geäfft! Springt auf und öffnet schnell das dicht verschloss'ne Fenster;
Und das volle Licht des Tages kommt im Purpurstrom geflossen,
Hat mit rosenrothem Schimmer rings das Lager übergossen.

Schlummernd liegt der Frauen schönste, scheint vor Wonne noch zu beben,
Süße Scham und selig Lächeln scheinen um den Mund zu schweben;
Züchtig faltet sie die Hände auf des weißen Busens Hügel,
Wie ein Cherub, der sich hüllet in den Schnee der eignen Flügel! –

Brunnen gibt's, die wunderkräftig sprudeln aus der Erde Klüften,
Wirft man drein verwelkte Blumen, blühn sie frisch in Farb' und Düften;
So auch ist, die welk entschlummert, frisch erblühet aufgewacht,
Ihre Schönheit zu erneuern gnügt' die Wonne einer Nacht.


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