Joseph Christian von Zedlitz
Gedichte
Joseph Christian von Zedlitz

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Das Geisterschiff.

              Es rauschen die Winde, die Nebel ziehn,
Der Himmel ist sternenleer;
Hoch über den schäumenden Wogen hin
Durchschwebt ein Segel das Meer:
Das Schiff ist, gesteuert von Geisterhand,
In unaufhaltsamem Lauf,
Ihm schadet kein Sturm, kein Klippenstrand,
Kein Lebender weilet drauf!

Weit über der See, wo die Welle schweigt,
Ein Eiland verborgen liegt:
Ein einsamer Fels zum Himmel steigt,
Die Wolke sein Haupt umfliegt.
Dort blühet kein Halm, dort grünet kein Baum,
Kein Vogel sein Nest dort baut;
Nur der Adler allein aus der Lüfte Raum
Die starrende Oede beschaut.

Dort ist des Königs einsames Grab,
In der Wüste, uneingehägt;
Nur sein Degen, sein Hut, sein goldener Stab
Sind über den Sarg gelegt.
Kein Wesen lebt rings, und die Woge der Welt
Schlägt nicht an sein müdes Ohr,
Kein Blick auf die traurige Ruhstatt fällt,
Und doch war er König zuvor! –

Und es wechselt der Mond und das Jahr verrinnt,
Und der Todte liegt unbewegt;
Wenn die fünfte Nacht des Maien beginnt,
Nur dann sich der Leichnam regt:
Dieß ist die Nacht, wo der Welt entschwebt
Sein ruhebedürftiger Geist,
Dieß ist die Nacht, wo die Leiche belebt
Ersteht, und auf Erden kreis't.

Dann harret ein Schiff am einsamen Strand:
Vom Winde die Segel geschwellt,
Hoch wehet vom Mast der Flagge Band,
Goldne Bienen im weißen Feld!
Und der König besteigt's, es flieget dahin,
Wie ein Vogel in stürmender Hast;
Kein Ruder bewegt sich, kein Schiffer ist drin,
Der lenkend das Steuer gefaßt! –

Des Königs Schemen allein nur steht,
Und spähet hinaus in die Nacht,
Und sein Busen fliegt, und sein Athem weht,
Und das Feuer des Blicks ist erwacht.
Das Schiff legt an am bekannten Strand,
Und er streckt seine Arme entzückt,
Es jauchzt seine Seele: es ist sein Land,
Sein Land ist's, das er erblickt!

Und er steigt aus dem Schiff; auf der Erd' er steht,
Die einst seinen Fußtritt gekannt,
Und es bebt ihr Schooß, wo er wandeln geht,
Der Stern, der nun ausgebrannt. –
Er sucht seine Städte und findet sie nicht;
Er suchet die Völker umher,
Die, als er gewandelt im Sonnenlicht,
Ihn umwogt wie ein fluthendes Meer!

Und er sucht seinen Thron, und er ist zerschellt,
Den er hoch in die Wolken gebaut,
Von dem er zu seinen Füßen die Welt,
Eine dienstbare Scholle, geschaut!
Er sucht das Kind, seinem Herzen so lieb,
Dem das Reich er zum Erbe verhieß; –
Das Erb' ist verschwunden, dem Kinde blieb
Selbst der Name nicht, den er ihm ließ! –

»Wo bist Du,« – so ruft er, »o Kind, das schon
In der Wiege mit Kronen gespielt?
Die Tage des Glücks, sie sind entflohn,
Als im Vaterarm ich Dich hielt!
Meiner Liebe Weib, meines Herzens Sohn! –
Dahin mein ganzes Geschlecht!
Der Knecht war, sitzt auf des Königs Thron
Und der König ist wieder Knecht!« –


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