Edgar Wallace
Der grüne Bogenschütze
Edgar Wallace

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63

John Wood erholte sich zuerst von seinem Schrecken. Es waren nur einige Augenblicke vergangen, als er schon über die Mauer sprang. Spike hörte, wie seine Füße den Boden berührten und wie er den kleinen Pfad der Mauer entlanglief. Er selbst war vollständig mit dem halb ohnmächtigen Mädchen beschäftigt.

»Haben Sie ihn gesehen?« flüsterte sie und zitterte an allen Gliedern. Er mußte sie beinahe die Leiter hinuntertragen und in das Haus führen.

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte sie noch einmal.

»Sicherlich habe ich etwas gesehen,« gab Spike zu.

»Wo ist Mr. Wood?«

»Er ist hinter ihm her.« Valerie schloß die Augen, als ob sie die schreckliche Erscheinung nicht sehen wollte.

»Was – was haben Sie gesehen, Mr. Holland?«

»Nun – es sah grün aus, vielleicht war es der Bogenschütze. Ich muß zugeben, daß ich vollständig verwirrt bin.«

Eine Viertelstunde später kam Wood etwas atemlos zurück.

»Ich mußte ohne Leiter über die Mauer zurückklettern,« sagte er.

»Es tut mir so leid, ich hätte eine andere Leiter für Sie auf der Seite nach der Burg herunterlassen sollen. Es war doch wirklich gedankenlos von mir!«

»Das macht nichts.« Mr. Wood staubte sich die Hände ab. Er lächelte, als ob die ganze Sache nur einen Scherz für ihn bedeutet hätte.

»Haben Sie ihn eingeholt und gesehen?«

»Ich habe nur etwas von ihm gesehen – nur einen kurzen Augenblick – aber ich habe ihn nicht erreichen können.«

Sie sahen einander an.

»War es der Grüne Bogenschütze, Miß Howett?« fragte Spike.

»Ich denke, daß darüber gar kein Zweifel bestehen kann. Wohin wollen Sie gehen, Holland?«

»Ich muß jetzt schnell den alten Bellamy aufsuchen,« sagte er entschieden. »Vor allem muß der Park sofort abgesucht werden, damit wir den Grünen Bogenschützen finden, oder der ›Globe‹ verliert seinen besten Berichterstatter.«

Er mußte den Pförtner aus dem Schlaf wecken, der sich schon zur Ruhe gelegt hatte. Dieser arme Mann weigerte sich lange Zeit, zu Mr. Bellamy hinaufzutelephonieren. Aber schließlich gelang es Spike, ihn zu überreden.

»Lassen Sie Mr. Holland ans Telephon kommen,« sagte Bellamy und als das geschehen war, fragte er: »Nun, was ist denn schon wieder los?«

»Ich habe Ihren Grünen Bogenschützen im Park gesehen, Mr. Bellamy.«

»Kommen Sie herauf,« sagte Bellamy nach einer Pause.

Er erwartete Spike am Eingang der dunklen Halle.

»Was haben Sie denn da nun schon wieder für eine neue Mär mit dem Grünen Bogenschützen?«

»Ich habe ihn gesehen – und zwar viel deutlicher, als ich Sie jetzt sehen kann.«

»Sie haben ihn gesehen – wo standen Sie denn?«

»Ich schaute über die Mauer von Mr. Howetts Garten. Miß Howett zeigte mir gerade, wie schön das Schloß bei Nacht aussieht.«

»Das muß ja ein wunderbarer Anblick gewesen sein,« sagte der Alte sarkastisch, »wo gar kein Licht brannte. Haben Sie vielleicht auf ein Galafeuerwerk gewartet, das ich Ihnen zu Ehren abbrennen sollte? Aber nun erzählen Sie, was haben Sie gesehen?«

»Ich habe es Ihnen ja schon gesagt – den Grünen Bogenschützen. Er stand nicht drei Schritte weit von mir entfernt.«

»Haben Sie zuviel Wein zum Abendbrot getrunken?« fragte Bellamy wütend. »Sie möchten gern eine interessante Geschichte für Ihre Zeitung haben, Holland! Wenn Sie aber glauben, daß ich Ihnen dabei helfe, irgendeine Geistergeschichte zu erfinden, dann irren Sie sich! Sie hätten sich die Mühe sparen können, hierher zu kommen. Es gibt einen Grünen Bogenschützen,« sagte er belustigt. Spike wunderte sich, denn er hatte ihn noch nie so gesehen. »Aber es ist ein ganz merkwürdiges Gespenst, das nie aus dem Hause gehen kann, ohne sich zu erkälten. Es ist nämlich ein Hausgeist, der an frischer Luft stirbt. Nein, Holland, Sie müssen sich ein anderes Märchen ausdenken!«

»Würden Sie nicht wenigstens das Grundstück absuchen lassen?«

»Nein, ich lasse nichts absuchen,« erwiderte Bellamy ungeduldig. »Ich habe überhaupt nicht genug Leute dazu. Vielleicht bringen Sie Ihren Freund Featherstone mit, der kann das ja machen.«

Bellamy stand bisher in der Türöffnung und drehte sich plötzlich um.

»Kommen Sie herein. Ich möchte Sie noch etwas fragen.«

Als sie einander in der Bibliothek gegenübersaßen, begann Bellamy sofort zu sprechen.

»Sie haben mir neulich etwas von einem Mann erzählt, den Creager gepeitscht haben soll. Ich war so böse auf Sie, daß ich Ihnen damals unangenehme Dinge sagte, aber nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt habe, möchte ich doch noch etwas genauer wissen, was Sie damit eigentlich sagen wollten.«

»Ich habe Ihnen erzählt, daß der Mörder Creagers wahrscheinlich ein Mann war, den er einmal mit der Peitsche geschlagen hat. Creager war Gefängnisbeamter und hatte besonders die Pflicht, die dazu verurteilten Verbrecher zu peitschen. Jedenfalls ist es eine Annahme der Polizei, daß Creager von jemand getötet wurde, der schon lange darauf wartete, sich an ihm zu rächen.«

Bellamy schob seinem Besucher eine Kiste Zigarren über den Tisch hinüber, nahm sich selbst eine, biß das Ende ab und steckte sie an.

»Das ist leicht möglich,« sagte er dann. »Ich weiß ja gerade nicht viel darüber, wie es in den englischen Gefängnissen zugeht, aber ich entsinne mich, in den Zeitungen gelesen zu haben, daß Creager ein Gefängniswärter war. Die Ansicht, die Sie eben darüber äußerten, hat viel für sich.« Er blies die Rauchwolken seiner Zigarre in die Luft und beobachtete, wie sie sich im Räume verteilten. »Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt, wer der Grüne Bogenschütze sein könnte?«

»Ich habe schon zu viele Spuren,« erwiderte Spike kurz.

»Jede Woche finde ich wieder einen anderen heraus. Zunächst hatte ich Sie im Verdacht –«

»Mich?« fragte Bellamy und mußte laut lachen. »Das ist allerdings spaßhaft. Haben Sie denn nicht Julius Savini einmal verdächtigt?«

Spike nickte.

»Ich habe schließlich alle Leute damit in Verbindung gebracht. Und bis heute abend war ich ganz sicher, daß ich wußte, wer es war.«

»Wen hatten Sie denn im Verdacht?« fragte der alte Bellamy und sah ihn scharf an.

»Nach meinen Erfahrungen möchte ich nicht einen unschuldigen Mann bezichtigen. Mr. Bellamy, nebenbei fällt mir ein, daß Sie meiner Zeitung mit einer Klage gedroht haben.«

»Ach, kümmern Sie sich nicht darum, ich werde nichts gegen Sie unternehmen. Sie sind ein netter Mensch und ein kluger Reporter – es ist möglich, daß Sie durch mich noch eine ganze Menge Geld verdienen.«

»Das ist ja großartig!« erwiderte Spike.

»Aber deswegen brauchen Sie nicht unverschämt zu werden,« brummte der Alte, dem es scheinbar wieder leid tat, daß er eben so liebenswürdig gewesen war. »Ich bin bereit, große Summen für große Dienste zu bezahlen, Holland. Und Sie sind gerissen genug, daß Sie leicht ein Vermögen zusammenbringen können. Wer hatte denn eigentlich die Ansicht, daß Creager von einem Mann getötet wurde, den er gepeitscht hatte – war das etwa Featherstone?«

»Ich kann Ihnen nur erzählen, daß es eine Ansicht der Polizeidirektion ist, Mr. Bellamy. Und Featherstone wird doch wohl wissen, was die Polizei denkt. Aber sagen Sie mir, wo hält sich Savini auf? Haben Sie nichts von ihm gehört?«

Bellamy schüttelte den Kopf.

»Warum sollte ich denn etwas von ihm hören? Ich habe ihn hinausgeworfen, weil er versuchte, mich zu bestehlen. Es ist doch nicht sehr wahrscheinlich, daß er mir alle paar Tage ein Liebesbriefchen schickt. Was hält denn die Polizei von der Sache?«

»Die ist davon überzeugt, daß er sich immer noch hier in der Burg aufhält,« erwiderte Spike.

Der Alte lachte grimmig.

»Denken Sie denn, ich unterhalte hier ein Genesungsheim für Verbrecher?« fragte er verächtlich. »Diese dummen Leute hier glauben natürlich jeden Unsinn, sie glauben ja auch an den Grünen Bogenschützen.«

»Und an die graue Frau,« fügte Spike hinzu, der sich plötzlich an seinen Ausflug von heute nachmittag erinnerte.

Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, aber Gespräche mit Bellamy wurden häufig durch Schweigen unterbrochen. Spike konnte das Gesicht des Alten nicht sehen, der sich herumgedreht hatte und in das Kaminfeuer starrte. Aber plötzlich überkam Spike ein sonderbares Gefühl, als ob er fröre. Zuerst nahm er an, daß die Tür offenstände und ein kalter Luftzug von dort ihn träfe. Er wandte sich sogar um und wollte sie schließen, aber sie war fest zu. Dann begann Bellamy wieder zu sprechen, aber er hatte das Gesicht immer noch abgewandt.

»Was ist denn das für eine graue Frau, Mr. Holland?«

»Es ist eine ganz neue Erscheinung, die ich erst heute entdeckt habe. Einer von den Landleuten hat eine Frau gesehen, die im Klosterwald umherwandert, ungefähr drei Meilen von hier entfernt.«

»Und wer ist sie?«

»Hier in diesen ländlichen Gefilden ist alles grün,« erwiderte Spike in Gedanken. »Die Leute dachten, es wäre ein Gespenst. Aber vielleicht ist es auch nur jemand, der viel frische Luft haben will und deshalb dorthin gegangen ist.«

»Sie sagten doch eben ›graue Frau‹ – wo hält sie sich denn auf?«

»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, daß sie in einem Haus dort im Walde wohnt. Ich habe mir heute die Mühe gemacht, dorthin zu gehen und nachzuforschen, ich habe die Stelle auch gefunden, das Haus war aber vollkommen leer. Heute morgen noch muß jemand dort gewesen sein, ich bin nämlich in das Haus hineingegangen und habe mich genau umgesehen.«

Spike wollte sich mit Bellamy gut stellen, und es schien ihm kein Grund vorzuliegen, warum er ihm dieses kleine Abenteuer nicht erzählen sollte.

»Neue Schuhe, Medizinflaschen und Spuren von Automobilen,« wiederholte Bellamy. »Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig. Und sie war heute morgen da, wie Sie sagen?«

»Ich vermute es stark, denn die Spuren der Räder waren noch ganz frisch, sie hat scheinbar auch letzte Nacht in dem Bett geschlafen.

»Wahrscheinlich ist es so, wie Sie sagen – sie wird in der Natur leben wollen.«

Jetzt erst wandte sich Bellamy um. Spike wollte seinen Augen nicht trauen, denn Abel schien viel älter geworden zu sein und sah noch häßlicher und abstoßender aus als sonst.

»Sie sind wirklich ein netter Kerl, Holland,« sagte er langsam. »Als ich Ihnen neulich einmal Geld anbot, waren Sie so furchtbar beleidigt. Aber vielleicht kann ich Ihnen ein neues Auto kaufen. Fahren Sie gern Auto?«

»Ich bin gerade nicht so sehr davon entzückt, daß ich selbst einen Wagen brauchte,« erwiderte Spike und wunderte sich, aus welchem Grunde Bellamy plötzlich so liebenswürdig und freigebig wurde.

»Sie können doch dann überall hinfahren und sich die Gegend ansehen. Aber ich glaube, ich nehme Ihre Zeit zu sehr in Anspruch. Kommen Sie morgen wieder. Sie können ruhig den Park absuchen. Ich werde dem Pförtner telephonische Anweisung geben, daß er Sie hereinläßt. Aber ich glaube, Sie werden nichts finden. Ich sagte Ihnen schon, das Gespenst hier in der Burg hält sich nur im Innern auf und kann besonders nasses, feuchtes Wetter nicht vertragen.«

Als Spike gegangen war, klingelte Bellamy nach Sen.

»Bringe mir einen Regenmantel und mache den Wagen fertig. Es ist möglich, daß ich lange Zeit fortbleibe.«

Diese ganze Nacht wartete Bellamy in strömendem Regen darauf, daß die Bewohnerin des einsamen Hauses im Klosterwald zurückkehren sollte. Er stand im tiefen Schatten der Bäume in der Nähe der Schlafzimmerfenster. Er kümmerte sich nicht um den kalten Wind, der durch den Wald heulte, auch nicht um den Regen, der ihm ins Gesicht schlug. Wenn sie zurückgekommen wäre, hätte Abel Bellamy in Zukunft sicher vor ihr sein können, aber der graue Morgen dämmerte herauf, ohne daß er etwas von ihr gesehen hatte, und er fuhr nach Garre zurück, ohne ein neues Verbrechen begangen zu haben.


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