Edgar Wallace
Der grüne Bogenschütze
Edgar Wallace

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25

Valerie Howett wurde nicht ohnmächtig. Langsam und mechanisch setzte sie die Katze, die sie noch im Arm gehalten hatte, wieder auf den Boden. Dann hob sie den Pfeil auf. Der Schaft war ganz glatt und die Spitze nadelscharf.

Der Grüne Bogenschütze! Der war also hier eben in demselben Raum gewesen! Wohin mochte er gegangen sein?

Das Zischen des überkochenden Kessels brachte sie wieder zur Wirklichkeit zurück. Sie drehte den Gashahn zu und ging in ihr Zimmer nach oben. Sie hatte keinen Hunger mehr.

Der Grüne Bogenschütze! Aber sie hatte nichts von ihm zu fürchten, er war ja ein Feind Abel Bellamys, also war er ihr Freund! Sie versuchte das Furchtgefühl zu überwinden, das sich ihrer bemächtigt hatte, und es gelang ihr auch teilweise. Als die Dorfuhr eins schlug, ging sie wieder in den Garten hinunter. Ihre Knie zitterten, aber trotzdem stieg sie die Leiter empor und kletterte auf der anderen Seite nach Garre Castle hinunter. –

Mr. Bellamy brauchte gewöhnlich zwei Stunden für sein Abendessen, manchmal speiste er auch länger, aber niemals kürzer. Es war gegen jede Regel, daß er eine halbe Stunde nach dem Servieren schon klingelte und das Geschirr abräumen ließ.

»Telephonieren Sie zum Pförtnerhaus und sagen Sie, daß ich Besuch erwarte, einen Mr. Smith! Der Mann soll sofort herausgebracht werden, wenn er kommt.«

»Jawohl, mein Herr,« antwortete Savini unterwürfig. Jetzt wurde ihm klar, warum das Abendessen nur so kurze Zeit gedauert hatte.

»Bringen Sie auch etwas Rum und einen Syphon Sodawasser! Und vergessen Sie auch nicht die Kiste mit den billigen Zigarren,« fuhr er fort. »War Spike Holland eigentlich sehr überrascht, daß ich ihn hierher einlud? Vermutlich hat er Ihnen gesagt, warum ich ihn hergebeten habe?«

»Er hat mir nichts erzählt,« entgegnete Julius und zuckte mit keiner Wimper unter den argwöhnisch beobachtenden Blicken des Alten. »Die Dienerschaft beklagt sich über die Hunde, mein Herr,« sagte er dann. »Sie sagen, daß die Hundekäfige zu nahe an der Küche sind und daß sie sich fürchten an ihnen vorbeizugehen.

»Werfen Sie die ganze Gesellschaft hinaus,« sagte Abel Bellamy brutal. »Und reden Sie nicht über Küchenklatsch mit mir, sonst schicke ich Sie auch noch in die Küche hinunter, dann können Sie dort mit den anderen zusammen essen!«

Bellamys böser Charakter hatte sich nicht im mindesten geändert, und selbst seine aufregende Entdeckung im »Berkshire Herald« hatte keinen Einfluß auf ihn.

Julius beeilte sich, die Auftrage seines Herrn auszuführen und war neugierig, warum Coldharbour Smith nach Garre Castle gerufen worden war.

Später änderte Bellamy seine Absicht und sandte Julius nach dem Pförtnerhaus, um die Ankunft des Besuches abzuwarten.

Es war fast elf Uhr, als Coldharbour Smith in einem Londoner Mietauto ankam. Julius sah sofort, daß er unterwegs oft angehalten haben mußte, um mit dem Chauffeur einen kleinen Trunk zu nehmen. Die beiden waren so ausgelassen und fröhlich, daß Julius über ihr Betragen empört war.

»Mr. Smith, es wäre viel besser, Sie würden Ihrem Freund sagen, daß er nicht solchen Lärm macht. In dem Dorf wird schon so viel über die Burg gesprochen, und Mr. Bellamy möchte nicht noch weiteren Grund zu unnützem Gerede geben.«

Coldharbour Smith stand im Alter von fünfzig Jahren, war groß, nicht gerade sehr ordentlich gekleidet, und hatte eine rohe Ausdrucksweise. Seine Gesichtsfarbe war dunkel und seine starken Kinnladen hätten einem Gorilla Ehre gemacht. Er nahm den Rat übel auf, den ihm Savini gab.

»Scheren Sie sich zum Teufel,« brüllte er laut. »Wo ist der Alte?«

»Er erwartet Sie.«

»Schön, soll er warten. Ich will erst trinken. Komm mit, Charlie!« wandte er sich wieder an den Chauffeur. »Wir wollen erst noch in den ›Blauen Bären‹ gehen.«

»Das Lokal ist schon seit vielen Stunden geschlossen,« sagte Julius. »Gehen Sie jetzt hinauf, Mr. Smith. Der Herr wartet auf Sie.«

»Schön, dann nehme ich meinen Freund mit hinauf.«

»Das werden Sie nicht tun,« entgegnete Julius scharf.

Manchmal konnte er auch energisch und mutig sein, und in diesem Fall stand die Autorität Abel Bellamys hinter ihm.

»Gut,« sagte Smith düster, »warte hier auf mich, Charlie.«

Er ging mit unsicheren Schritten an Savinis Seite.

»Warum hat er denn mitten in der Nacht nach mir geschickt?« fragte er aufsässig.

»Das weiß ich nicht – das fragen Sie ihn besser selbst.«

»Zuerst sagen Sie mal was über sich selbst,« brummte Smith. »Wer sind Sie denn eigentlich?«

»Ich bin Julius Savini.«

»Ach, der alte Julius! Ich dachte, Sie säßen im Gefängnis? Wie gehts denn den andern Jungens? Sagen Sie mal, was machen Sie denn eigentlich hier, Julius, alter Krieger und Bundesgenosse?«

»Ich bin Mr. Bellamys Sekretär.«

»Ist sonst noch jemand hier, den ich kenne?« fragte Smith, als sie nahe ans Haus kamen. »Wie geht es denn eigentlich dem Grünen Bogenschützen?« Er brüllte laut vor Vergnügen und schlug sich auf die Knie. »Doch 'ne Verrücktheit, wenn man anfängt, grüne Bogenschützen zu sehen! Euer Schnaps muß ein bißchen stark sein, Julius. Was trinkt Ihr eigentlich bei Euch – Fusel?«

Julius war froh, als sie in die Halle kamen. Coldharbour Smith, der seinen Namen nach der Polizeistation führte, auf der man ihn schon so oft verhaftet hatte, war vollständig betrunken. Einmal mußte Julius ihn fest am Arm fassen, damit er nicht umfiel. Smith blinzelte, als er in den hellen Lichtschein der Bibliothek trat. Auf einen Wink des Alten verschwand Julius sofort und war zufrieden, daß er bei der Unterredung nicht zugegen sein mußte.

»Setzen Sie sich, Smith«, sagte Bellamy und zeigte auf einen Stuhl. »Wie ist es mit einem Schluck?«

Erst jetzt erkannte Abel Bellamy die Verfassung seines Besuchers.

»Sie sind ja wieder ganz voll, Sie Hund! Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten sofort zu mir kommen, und zwar nüchtern!«

»Ich weiß überhaupt nicht, warum die Menschen nüchtern sind,« sagte Smith widerspenstig. »Wenn man sich doch betrinken kann – na, sagen Sie mir doch, warum soll man das nicht tun? So können Sie gar nichts dagegen sagen, Bellamy, das ist doch logisch, was?«

Abel Bellamy ging zum Tisch und goß ein Glas reinen Branntwein ein. Smith streckte schon die Hand aus, um das Glas zu nehmen, als ihm Bellamy plötzlich den ganzen Inhalt ins Gesicht goß. Mit einem Aufschrei fuhr Smith zurück, faßte mit den Händen nach den Augen und rieb sie entsetzt.

»Sie haben mich blind gemacht,« brüllte er.

»Seien Sie ruhig – hier, nehmen Sie das!«

Bellamy warf ihm eine Serviette zu, die beim Abräumen liegen geblieben war. Stöhnend und ächzend wischte sich Smith das Gesicht.

»Das ist ein ganz gemeiner Trick, den Sie mir da gespielt haben!« stöhnte er. »Wenn ich nun blind geworden bin!«

»Ich hoffe, daß ich Sie wenigstens nüchtern gemacht habe, Sie betrunkenes Schwein. Und wenn Sie jetzt noch nicht aufgewacht sind, werde ich schon Mittel und Wege finden, Ihnen den Alkohol auszutreiben. Aufgepaßt!«

Mit eisernem Griff packte er Smith am Kragen, stellte ihn auf die Füße und hielt sein Gesicht zwischen seinen großen Händen fest wie in einem Schraubstock.

»Fünf Jahre lang habe ich Ihnen nun Geld gezahlt und Sie haben nichts dafür getan, Sie verfluchter Kerl! Und wenn ich Sie das erstemal brauche und nach Ihnen schicke, kommen Sie mir betrunken ins Haus! Nun sind Sie hoffentlich bei Verstand und etwas nüchterner! Und wenn ich Sie durch Schmerzen noch etwas nüchterner machen kann, dann werde ich Ihnen soviel davon geben, daß Sie bis an Ihr Lebensende daran denken sollen!«

Er schaute in das entsetzte Gesicht des andern und drückte die Daumen auf die Augen des Mannes. Smith wehrte sich und griff nach dem Arm, der ihn hielt. Aber Bellamy ließ ihn plötzlich wieder los.

»Setzen Sie sich dorthin!«

Smith flog krachend in den schweren Stuhl.

»Nun hören Sie zu! Ich habe Arbeit für Sie. Sie haben mir neulich geschrieben, daß Ihnen dieses Land nicht mehr recht paßt und daß Sie nach Amerika gehen wollen. Das heißt also, daß die Polizei hinter Ihnen her ist, und ich will wetten, daß sie Sie auch kriegt. Es ist möglich, daß ich eine Aufgabe für Sie habe, die Sie über See bringt, und wenn Sie den Auftrag gut ausführen, dann haben Sie genug Geld für den Rest Ihres Lebens. Also wohlverstanden, es wäre möglich, ich bin noch nicht ganz sicher. Aber in den nächsten Tagen wird sich die Sache entscheiden. Sind Sie nun nüchtern?«

»Ja, Mr. Bellamy,« sagte Smith eingeschüchtert.

Abel Bellamy schaute auf ihn hinunter.

»Sie sind gerade der Richtige für diese Aufgabe. Sie sind häßlich genug, Sie sind eine giftige Schlange, Smith – aber im Augenblick brauche ich gerade so ein Vieh. Nun hören Sie zu.«

Bellamy ging zur Tür und schloß sie ab. Dann kam er zu Smith zurück, und sie sprachen eine ganze Stunde lang miteinander.


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