Edgar Wallace
Der grüne Bogenschütze
Edgar Wallace

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35

»Hören Sie nicht auf den Kerl, Captain,« schrie Smith heiser. »Er ist verrückt, er war schon immer unzurechnungsfähig, er war in einer Irrenanstalt!«

Plötzlich überschüttete er den Mann mit einem furchtbaren Wortschwall. Er sprach jiddisch, und Jims Gefangener wurde unter dem Anprall seiner Rede plötzlich mäuschenstill.

»Halten Sie jetzt den Mund, Smith,« sagte Featherstone scharf. »Wenn Sie in meiner Gegenwart zu dem Mann sprechen, haben Sie die englische Sprache zu gebrauchen.« Er wandte sich wieder an seinen Gefangenen. »Heraus mit der Sprache! Was meinten Sie, als Sie den Namen dieser Dame erwähnten.«

»Ich habe mir nur einen Scherz erlaubt,« antwortete der Mann kleinlaut.

»Ich habe viel Sinn für Humor,« fuhr Jim ihn an, »aber hierüber kann ich nicht lachen. Was wissen Sie von Miß Howett?«

»Ich weiß gar nichts von ihr.«

»Er hat ihren Namen in der Zeitung gelesen,« warf Smith ein. »Aber ich kann Ihnen versichern, Captain, er ist wirklich nicht richtig im Kopf. Sie sind doch im Irrenhaus gewesen, Isaacs?«

»Ja, das stimmt,« gab der andere seufzend zu. »Man darf mich nicht für meine Worte verantwortlich machen.«

In diesem Augenblick kamen die vier Polizisten an, nach denen Jim telephoniert hatte.

»Nehmen Sie diesen Mann und bringen Sie ihn zur Station. Ich beschuldige ihn wegen bewaffneten Überfalls und Körperverletzung. Ich werde nachher hinkommen und ihn verhören.«

Als sich die Beamten mit dem Gefangenen entfernt hatten, wandte sich Featherstone an Smith.

»Vermutlich haben Sie schon seit langer Zeit Sehnsucht nach Unannehmlichkeiten. Ihr Wunsch wird jetzt über Erwarten in Erfüllung gehen! Wenn ich mit dem Kerl da fertig bin, komme ich zurück und werde Sie vornehmen.«

»Sie können mir keine Angst einjagen, Captain,« sagte Smith und hielt sich noch immer den blutenden Kopf.

»Es kommt auch gar nicht darauf an, ob Sie Angst haben – es handelt sich darum, daß Sie wahrscheinlich ermordet werden. Machen Sie sich das einmal in Ihrem Schädel klar!«

Featherstone folgte den Polizisten und ließ den Gefangenen in einer Zelle einschließen.

»Isaacs hat tatsächlich recht, Captain Featherstone,« sagte der Sergeant. »Er ist etwas verrückt und wird von Zeit zu Zeit in eine Irrenanstalt gebracht, solange ich mich besinnen kann.«

»Wie sind seine Akten?«

»Die sehen böse aus. Er hat schon dreimal vor den Geschworenen von Old Baley gestanden – meist wegen räuberischen Überfalls. In der letzten Zeit war er im ›Goldenen Osten‹ beschäftigt. Coldharbour Smith hatte ihn sozusagen angestellt.«

Es war ein aussichtsloses Unternehmen, aus dem Mann etwas herausbringen zu wollen. Offenbar hatte Smith ihn in Jiddisch gewarnt, etwas auszusagen und ihm sicher eine große Belohnung versprochen, wenn er den Mund hielte. Jim war es ganz klar, daß die Erwähnung von Valeries Namen kein Zufall war. Mrs. Smith! Welche schrecklichen Pläne hatten Coldharbour Smith und dieser Teufel von Bellamy vor?

Jim ging mit einem Polizeibeamten in die Zelle und verhörte den Gefangenen. Aber er erkannte bald, daß es nur Zeitverschwendung war. Isaacs hatte einen krummen Buckel, einen schiefen Hals und eine niedrige, zurückfliehende Stirne. Aber trotz seines geistigen Defektes war er doch schlau genug, um diese Gebrechen in jeder Weise für sich auszunützen. Er schaute Jim bloß blöde an.

»Kann mich überhaupt nicht erinnern, daß ich sowas gesagt habe – wie war doch der Name der Dame?«

»Es hat keinen Zweck,« meinte Jim, als er zum Dienstraum zurückkam. »Ich weiß überhaupt nicht, ob es sich der Mühe lohnt, ihn noch länger einzusperren. Es ist Smiths Sache, die Anklage gegen ihn zu erheben. Wenn das nicht geschieht, lassen Sie ihn wieder laufen.«

Smith dachte gar nicht daran, seinen Helfershelfer anzuzeigen und gab das auch offen zu, als Featherstone ihn danach fragte.

»Meine Geduld mit diesem verrückten Teufel ist zu Ende. Ist es nicht genug, daß ich sehen mußte, wie er Ihnen auflauerte? Gott sei Dank hat er nicht Sie, sondern mich getroffen,« sagte Smith heuchlerisch.

»Ich bin sehr gerührt,« erwiderte Jim sarkastisch. »Aber jetzt wollen wir einmal über Miß Valerie Howett sprechen und warum Isaacs ihren Namen mit dem Ihrigen zusummen nannte.«

Sie saßen wieder in dem kleinen Raum hinter der Bar, aber jetzt war ein Polizist an dem hinteren Türausgang aufgestellt und ein anderer bewachte den Haupteingang.

»Ich weiß wirklich nicht mehr als Sie darüber. Diese Verrückten haben ganz sonderbare Ideen. Manchmal prägt sich ihnen ein Name ein –«

»Also lassen Sie den Unsinn, Smith,« sagte Jim mit gefährlicher Ruhe, »und spielen Sie nicht auch den Verrückten. Sie sind jedenfalls bei klarem Verstand.«

»Captain, ich weiß wirklich nichts davon. Ich habe den Namen dieser Dame früher nie gehört. Ich kann doch nichts für das, was dieser verrückte Isaacs gesagt hat.«

»Isaacs hat nur das wiederholt, was Sie geäußert haben müssen, als Sie betrunken waren, Smith. Ich sage es Ihnen noch einmal – Sie sind in großer Gefahr, Sie brauchen nicht so schmutzig zu lachen. Ich weiß schon, woran Sie eben wieder denken, ich habe aber nicht damit gemeint, daß wir Sie ins Gefängnis stecken wollen, – ich kann Sie hinter Schloß und Riegel bringen, sobald ich will. Sie fühlen sich sicher, weil niemand etwas gegen Sie unternimmt, aber Sie sind schlecht beraten. Ein Mann wie Sie steht immer mit einem Bein im Zuchthaus. Man braucht sich gar nicht die Mühe zu geben, großes Material gegen Sie zu sammeln. Nein, Sie sind in Gefahr, in persönlicher Gefahr.« Er drohte ihm warnend mit dem Finger. »Hüten Sie sich vor mir, aber größere Gefahr droht Ihnen von jemand, der kein Mitleid mit Ihnen haben wird.«

Lange nachdem sich die Tür hinter Featherstone geschlossen hatte, saß Coldharbour Smith immer noch in der Haltung, die er während der Unterredung eingenommen hatte. Dann stand er auf, öffnete die Tür zu der Bar und rief dem Barmann mit grober Stimme etwas zu.

»Schicken Sie mir den südamerikanischen Kapitän herüber und bringen Sie eine Flasche Wein und Zigarren. Ich werde wohl die Nacht hier bleiben.«


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