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Bei den Volkssängern und Volkssängerinnen.

Weit höher als alle sonstigen Vergnügungen stellt der eingefleischte Wiener (einer gewissen Kategorie) die leidige » Volkssängerei«, die in seinem Erholungsrepertoire festtäglich roth angestrichen und – namentlich in dem letzten Jahrzehnt in wahrlich bedauernswerther Weise zum mächtigsten Magnete für Alt und Jung, zum fast wichtigsten Factor des socialen Verkehrs geworden. Das Uebel, dem das lustige »Babel an der Donau« vielleicht zum größten Theile das oft citirte stigmatisirende Wahrzeichen vom »abfaulenden Misthaufen« verdankt, scheint übrigens seinen bedenklichsten Höhepunkt bereits erreicht zu haben, und muß, da eine Gradation der Unfläthigkeit unmöglich, eine Umkehr zum Bessern mit Zuversicht erwartet werden. –

Nachfolgende, wenig erheiternde und noch weniger erhebende »Studien«, die vor vier Jahren geschrieben und damals als getreuestes Conterfei einzelner gesanglichen Pestbeulen der Gesellschaft und unserer sittlichen Zustände überhaupt galten, Wurzbach spricht (Band 22, Seite 336) bei Erwähnung dieser »Culturbilder« von ihrer » haarsträubenden Wahrheit«. dürften deshalb, wenn uns die Götter günstig, in kurzer Frist nur mehr als Fragment des Nekrologes einer überwundenen Epoche zu betrachten sein, jener vieljährigen Verdummungsära, in welcher der gesammte educatorische Apparat in der Lehre des albernsten Servilismus bestand, der als Prämie für seine Leistung die gnädigste Zotentoleranz erhielt. Denn ob die sattsamlich bekannten »patriarchalischen« Zustände des Vormärz uns beglückten, oder die bluttriefenden Helden der Reaction uns im Zaume zu halten hatten, immer waren jene Werkzeuge des legalsten Schutzes sicher, mit deren Hilfe das obligate Versumpfungs- und Entnervungsgeschäft glücklich durchgeführt werden konnte. Und dazu gehörten von jeher die patentirten Prediger der Zote – die Volkssänger und Volkssängerinnen. –

 

Eine erschöpfende Geschichte des » Wiener Volkssängerthums« muß – wenn sie überhaupt ein Bedürfnis; – erst geschrieben werden. Was ich hier biete, sind eben nur flüchtige Skizzen, Grundlinien für einen » Essay des Bänkels«, welch mühevolle und lorbeerlose Arbeit einem passionirteren Forscher überlassen bleiben mag. Ich begnüge mich mit den ohnehin untröstlichen Resultaten einer kurzen Um- und Rückschau in und nach den genealogischen Mysterien der vaterländischen Orpheuse des »Brettels« und erzähle, was ich über »Volkssänger« erzählen hörte oder in bitterster Autopsie selbst wahrnahm.

Ohne Zweifel besaß Wien schon in den ältesten Zeiten derlei Vertreter der »Volksmuse«, denn, wie aus Andeutungen verschiedener Chronisten zu ersehen, zogen stets einige lustige Käuze, eine Art »Volksminstrels« oder »Straßentroubadours« umher, die zum Ergötzen des »gemeinen Mannes« ihre, nicht immer zimperlichen Lieder zum Besten gaben. Meist schien man sich jedoch darauf zu beschränken, gewisse Modethorheiten zu geißeln und die Gefallsucht und Eitelkeit der Weiber durchzuhecheln. Dennoch aber erforderte das Geschäft immerhin einen »ganzen Mann«, d. h. Einen, der Grütze im Kopfe und die nöthige Portion Keckheit hatte, denn er mußte bei sich darbietender Gelegenheit sogar aus dem Stegreife ein paar derbe Strophen loszulassen verstehen.

Leider war die Nachwelt, welche bekanntlich nicht einmal den k. und k. Mimen Kränze flicht, so undankbar, auch die Namen dieser »Volksbelustiger« nicht aufzubewahren, und so wissen wir denn kaum mehr als von Einem zu erzählen, der übrigens einer viel späteren Zeit, nämlich dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts angehörte, und den zufälligerweise nicht einmal seine »Kunst«, sondern nur seine beispiellose Liederlichkeit und Trunksucht in das Pantheon der Geschichte stellte.

Ich meine den unsterblichen »Sackpfeifer und Bänkelsänger« (Max?) Augustin, den populärsten Meistersänger der damaligen Bierschänken, von dessen zahllosen, von ihm selbst gedichteten und componirten Liedern sich aber nur das noch heute bekannte

Ey du lieber Augustin:
's Geld is hin, 's M..sch is hin;
Ey du lieber Augustin –
Alles is hin!

im Munde des Volkes erhielt. Von diesem »Bruder Liederlich« erzählt nun die Chronik, daß er im Jahre des Unheils 1679 aus seiner Lieblingskneipe »zum rothen Dachl« (heute Griechengasse Nr. 9 »zum weißen Engel«, auch » Schlosserbierhaus« genannt), Nachts volltrunken nach Hause gewankt, später auf der Straße liegend aufgefunden, von den Siechknechten als vermeintliches Opfer der Pest auf den Todtenkarren geladen und zu den Todten in die Pestgrube (in der Nähe von St. Ulrich) geworfen wurde. Dieses schauerliche Nachtlager habe jedoch, so heißt es weiter, dem wüsten Kumpan nicht im Mindesten geschadet, im Gegentheile, als er am nächsten Tage sich ausgeschlafen und aus dem Leichenhaufen sich hervorgearbeitet habe, sei er ganz wohlgemuth seinem Geschäfte (und noch mehr der Weinflasche) wieder nachgegangen und habe noch ein volles Vierteljahrhundert sein tolles Abenteuer unter schallendem Gelächter des begeisterten Auditoriums in »ergötzlichen Verslein« abgesungen. Der Unverbesserliche starb hochbetagt am 10. October 1705 in seinem Kämmerlein auf der Landstraße (heute Nr. 120) nach abermals durchschwelgter Nacht, vom Schlage getroffen und wurde auf dem damaligen St. Nicolai-Friedhofe (dem heutigen Kirchenplatze) beerdigt. Ein Jahr darauf fiel sein Rivale, der berühmteste Tanzgeiger und Liedersänger Georg Staben, ebenfalls im volltrunkenen Zustande, Nachts vor dem Stubenthore in eine Senkgrube und erstickte im Unrath. – Ist es nicht ein bedeutsames Fatum, daß schon die Urahnen der Volkssängerzunft, sozusagen: die Patrone des Zotenmetiers in solch charakteristischer Weise endeten? ...

 

Vom »Bruder Augustin« bis zu Anfang unseres Jahrhunderts ist in den Annalen des Wiener Volkssängerthums wieder eine Lücke, denn erst vom Beginne dieses Säculums reichen die Daten, welche unsere Väter und Großväter über die Leistungen einzelner Koryphäen des Wirthshaus- und Straßengesanges ( Polyhymnia vulgivaga) gesammelt, und auch die Ausbeute dieser mündlichen Traditionen ist eine nur höchst spärliche.

So erzählen sie von dem » blinden (Bürger) Poldl«, der als Harfenist (Harfenspieler) in Wirthshäusern umherzog und bei den Klangen seines erbärmlichen Instrumentes einige populäre Strophen krähte. Besser war schon der (einäugige) Italiener Manochetti, der nicht übel sang, natürlich nur deutsche Gassenhauer, d. h. Lieder im Wiener Dialecte; dann der » Zwickerl« (Leopold Mayer), der erst vor ein paar Decennien als abgekümmerter Greis starb, einst als Zitherspieler und Geiger in den vorstädtischen Schenken brillirte, wo er unter der stereotypen Formel: »Brave Mannschaft! Brave Mannschaft!« sein hypernaives Publicum grüßend apostrophirte, ehe er mit seiner Tadädelstimme die gang und gäben Volksweisen zu fistuliren begann. Endlich eine ganz dämmerige und fast unsichere Figur: Rothkopf, der sich sein Renommée als » Dudler in's Häfen hinein« ersungen haben soll.

Eine Legion von »Harfenisten« (so nannte man damals jeden »Volkssänger«) trieb sich noch in den Zwanziger und Dreißiger Jahren in den Häusern herum. Wahrhaft Grauen oder Mitleid erregende Gestalten von dunkelster, oft auch glorioser Vergangenheit, schlichen sie, zerlumpt und zerrissen, mit einer invaliden Harfe armirt, in die Hofräume der bevölkertsten Wohngebäude, ließen sich auf dem nächstbesten »Holzstock« oder auf dem Brunnenkranz nieder und krähten und schnarrten ein Lied, meist fürchterlichen Inhaltes: eine Schauerballade, eine »Morithat« oder eine schandvolle ... Cochonnerie, worunter das vielberüchtigte und darum vielbejubelte »neiche Lied« von der » Schwerenoths-Liesel« fast so obscön wie eine Bravourarie unserer Ulke war. Dieser billigste »musikalische Genuß« der unteren und untersten Stände fand stets ein überaus hörbegieriges und auch dankbares Publicum. Köchinnen, Gesellen und Lehrjungen umstanden funkelnden Auges den schlüpfrigen Amphion und »schmissen« ihm in fidelster Stimmung das Honorar in den zerknitterten Hut, der zu den Füßen des »Künstlers« stand, und sangen, wenn er weiterzog, die markantesten Strophen der unsauberen Dichtung im privaten Chorus. So wurde die Schweinigeln öffentlich geschult! – Später thaten sich solcher Hofvirtuosen mehrere zusammen und gaben ihre Productionen in Bierschänken vor den Linien oder in Praterkneipen zum Besten (der Originellste war wohl jener » Stelzfuß«, der trotz feiner Krücke am liebsten tragirte, d. h. ganz ernsthaft » Helden« spielte und z. B. als » Peter Szapary« sein Auditorium thatsächlich zu verblüffen verstand); auch Frauenspersonen, selbstverständlich nicht von makelloser Conduite, wirkten bei solchen kleinen Truppen mit, und bald wurde das »Harfenistenvergnügen« zum lebendigsten Bedürfnisse für einen großen Theil des Volkes.

Aus diesen zerstreuten und, wenn auch nicht für die Hefe, so doch für die vorletzte Schichte der »Gesellschaft« berechneten »Banden« sonderten sich allmählich die vermeintlich talentvolleren oder auch unternehmenderen Köpfe ab und bildeten soi-disant, »purificirte« Firmen, was jedoch nicht ausschloß, daß die Misère in jeder Beziehung nicht auch ihre stärkste Seite war. Uebrigens kannten (bis auf ein paar sporadische Guitarristen) fast Alle kein anderes Instrument zur Begleitung ihrer Liedervorträge als die Harfe, und der, der sie spielte, war sicher ein alter, meist blinder Mann, ein Exharfenist, der nun das Gnadenbrot bei seinem Director aß und anstatt in einem Versorgungshause Zuflucht zu suchen, doch lieber beim altgewohnten Geschäfte blieb, wenn es ihn auch nur kümmerlich ernährte.

Weitaus den größten Ruhm genossen jedoch damals die »Gesellschaften« Jonas und Anselm Stöckel – Letzterer der Vater des jetzt noch wirkenden Volkssängers A. Stöckel, des »ungezogensten Lieblings der Kamönen«, – Jonas und der alte Stückel waren in den Zwanziger Jahren die Matadore des singenden Harfenistenthums, hatten ihre stabile Truppe engagirt, d. h. zwei oder drei untergeordnete Sänger, mit denen sie in den namhafteren Vorstadtgasthäusern kleine Scenen im entsetzlich grellen Costüme aufführten und als »Orchester« ebenfalls einen, meist blinden, Harfenspieler benützten.

Jonas und Stöckel hatten viel Zulauf und verdienten mit dem Absammeln bei den Gästen – sie gingen nämlich, sobald sie ein oder zwei Lieder oder eine komische Scene zum Besten gegeben, in ihrer phantastischen »Charaktermaske«, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit beklext, mit dem Teller in der Hand von Tisch zu Tisch – ein schönes Stück Geld. Aber nur Stöckel, der, wie weiland der urgemüthliche Komiker Hasenhut, mit dem drastischesten Discant die Leute lachen machte, verstand hauszuhalten und hinterließ den Seinen ein nicht unbedeutendes Vermögen; Jonas, der in seiner Blüthezeit die Finger mit Brillantringen vollgesteckt hatte und durch dieses Manöver seinen Gästen, wenn er ihnen den Teller entgegenhielt, so sehr zu imponiren wußte, daß man es nicht wagte, weniger als ein paar »Silbergröschel« darauf zu legen, ja daß man auch häufig einen Zwanziger springen ließ, starb Anfangs der Vierziger Jahre in der hiesigen Vorstadt Erdberg blind und fast als – Bettler.

Bald nach den ersten lucrativen Erfolgen Meister Jonas' und Stöckel's wimmelte es auch schon von stabilen, öffentlichen Firmen aus der Harfenistengilde, und war es keine Seltenheit, nicht einzelne »Talente«, sondern sogar complete Familien diesem edlen Zweige der vielgeästeten Kunst sich widmen zu sehen. So die Familie Linnbrunner, mit dem unbeschreiblich ordinären Schwesterpaare, den viel angestaunten »Tenoristinnen«; dann die Familie Scharinger, weiters Kwapil, Herzog, Fruholz (nebenbei glücklicher Copist des »Holz- und Strohmusikers« Gusikow) etc. etc. Wer spricht heute noch von diesen wirthshäuslichen Celebritäten der guten alten (Backhendl-)Zeit? Verschwunden und vergessen die (in färbigen Transparenten) leuchtenden Namen, verklungen wie ihr letztes Lied, verschollen selbst in den Bezirken ihrer populärsten Ruhmesthaten, ausgelöscht auch in dem Gedächtnisse ihrer enragirtesten Verehrer, all die tausendmal belachten und beklatschten Lieblinge des Volkes! – Einzig und allein der Harfenistendynastie Linnbrunner gelang es, ihren »Künstlernamen« auch der gegenwärtigen Generation geläufig zu machen, indem ein Mitglied dieser Familie und ihr üppigster Sprosse – der »Prater-Falstaff« Linnbrunner, als feistester Komiker des Jahrhunderts in Fürst's Singspielhalle noch immer mimt und agirt.

 

All diese »Künstler und Künstlerinnen«, welche ihre armselige Tribüne von Schenke zu Schenke schleppten und in den Winkeln der Vorstädte ihr Publicum und ihre Enthusiasten suchten, trotteten die breite Straße des Hergebrachten und vermochten schon aus dieser Ursache keine schlagenden, nachhaltigen Erfolge zu gewinnen.

Da kam endlich der Reformator des Harfenistenthums – Moser und hob mit einem mächtigen Ruck den noch immer auf der untersten Stufe befindlichen »Stand«. Wie Luther die Bulle verbrannte, so verbannte Moser, gleichfalls mit den alten Ueberlieferungen brechend, die Harfe, das triviale Symbol des »Standes« aus dem Requisitorium des »Volkssängers« und wählte das ästhetische Clavier. Dann wagte er den gefährlichsten Schritt: er perhorrescirte das »Absammeln«, als – »seiner Leistungen unwürdig« und führte das geregelte »Entrée« ein, wodurch er sich wenigstens die roheste Classe der Bevölkerung vom Halse hielt.

Moser war ein Genie in seinem Fache. Von armen Eltern abstammend – er war der Sohn eines Trödlers – (sein wahrer Name war J. B. Müller) sah er sich gezwungen, seine Studien abzubrechen, und da es ihm nicht behagte, das Gewerbe seines Vaters zu ergreifen, so ging er, wie es in einem Buche über Wien heißt, als »Factotum einer Herrschaft« auf Reisen, durchzog Deutschland, Frankreich, die Schweiz und Holland, und erwarb sich Sprachkenntnisse, die es ihm nach seiner Rückkehr ermöglichten, als Sprachlehrer einige Zeit Unterhalt zu finden. Mangel an Bekanntschaft zwang ihn jedoch, 1829 zu einer Harfenistenbande zu treten, wo er nach jahrelangen Mühen sich endlich selbst zum »Director« emporschwang.

Als solcher wirkte er nun wahrhaft veredelnd auf seinen Stand und hatte auch die Veredelung der Massen in seinem achtbaren Programme. Moser kannte das Wiener Leben aus dem ff; aber er vermied es stets, gemein oder zotenhaft zu werden und: Meister Moser, dann der unvergleichlich lustige Gatter, der Versuchstenor der Hofoper Hagen, der heute noch, wenn auch in ganz anderer Sphäre, beim »Geschäfte« ist, waren in den von Moser gedichteten, überaus witzigen Scenen eine Trias, der man nur eine »Versündigung« nachsagen konnte, und zwar: die an dem Zwerchfell der Zuhörer. Auch Matras verdiente sich bei Moser seine ersten künstlerischen Sporen.

Moser's Bedeutung für die Culturgeschichte Wiens ist nicht zu unterschätzen; er hatte aber auch, wie Wenige, wirklichen Beruf für den selbstgewählten Stand, und daß er seine »Mission« als Volkssänger nicht mißbrauchte und der Gemeinheit keine Concession machte, beweist ein gleichzeitiges Urtheil über ihn, welches lautet: »Ohne Scheu kann jeder Gebildete in die Localitäten treten, in denen Moser sich producirt und selbst Frauenohren dürfen es wagen, seinen Scherzen zu horchen.« Für die Tüchtigkeit von seinen Leistungen spricht endlich, daß der Hofmusikalienhändler Haslinger die meisten von Moser gedichteten und componirten Lieder in einer hübschen Ausgabe veröffentlichte.

Moser geißelte in treffender, aber gutmüthiger Weise die Dummheiten seiner lieben Landsleute, die anfänglich herzlich über das Spiegelbild lachten, jedoch allgemach anfingen, die gewohnten »Pikanterien« zu vermissen, die ihnen ähnliche Productionen anderer Volkssänger im Uebermaße boten. Moser merkte diese Sehnsucht, aber sie beirrte ihn nicht in seinem Vorsatze, er blieb seinem sittlichen Programme treu, ja er verfiel nun sogar gewissermaßen in ein Extrem von Solidität, belehrte und moralisirte, und – langweilte schließlich den großen Haufen, so daß er gerade zur rechten Zeit starb (6. December 1863, in nicht glänzenden Verhältnissen), um den schwer genug errungenen Kranz nicht verwelken sehen zu müssen. Wurzbach schreibt in einem lesenswerthen Aufsatze über den Sonderling:

»In den letzten Jahren änderte sich seine Weise des Vortrages merklich. Die Zote hat er stets, soviel als möglich, von seinen Productionen ferngehalten, in den letzteren Jahren aber wurde er geradezu moralisirend; seine Vorträge durchzog ein Hauch der – Belehrung und Bildung, und es war interessant, die Metempsychose zu beobachten, wie sich die Volksbühne in eine Bude der Schamlosigkeit und lüsternen Zote verwandelte, während das Bänkelsängerthum sich zum edleren Berufe, dem der Volksbildung, die der Volksbühne obliegt, erhob. Doch dauerte diese Umwandlung nur kurze Zeit. Mit Moser's Tode gingen die Dinge ihren alten Gang weiter, nur mit dem Unterschiede, daß nun Volksbühne und Bänkelsänger vereint in Zote und Gemeinheit machten, welche Aufgabe in neuester Zeit auch die höheren Bühnen übernommen zu haben scheinen.«

Moser's gesammelte Schriften, eine Specialität der Wiener Localkomik und drolligster Humoristik, erschienen vom Jahr 1842 an bei Mörschner, später bei Dirnböck in zwanzig Bändchen, unter dem Titel: » Das Wiener Volksleben. In komischen Scenen geschildert von J. B. Moser, Volkssänger in Wien.« Die complete Sammlung gehört bereits zu den buchhändlerischen Raritäten und wird gut gezahlt. Von seinen » Wiener Localgesängen« wurden vierundsiebzig Nummern veröffentlicht, die sich mit ihrem einfachen Schmucke des harmlosen Spaßes in der heutigen Aera des schamlosen Scandales wunderlich genug ausnehmen. Politischen und poetischen Werth in gewissem Sinne und innerhalb der Grenzen seines bescheidenen Wollens hatten vorzugsweise seine letzten Producte, so die Soloscene zur »Schillerfeier« und das »Wiegenlied für Kronprinz Rudolf«.

Wer nun die Erbschaft Moser's, des ehrlichen Regenerators des arg verwilderten »Harfenistenthums«, angetreten, wie sie verwaltet wird? Ach, nur Wenige waren von demselben lauteren Streben erfüllt, die Mehrzahl brach wie eine Horde Wüstlinge in den von Moser so sorgsam gepflegten Garten der »Volksmuse« ein, übergoß die bereits so schön gedeihenden Schößlinge des anständigen Witzes mit dem Spülicht der ehrvergessensten Zote und devastirte die mühevolle Pflanzung mit dem Kehricht der unglaublichsten Gemeinheit und des nacktesten Cynismus ...

 

Wie eine Bombe platzte Fürst in die durch seinen milden Aufschrei erschreckte Gesellschaft. Ein heiserer, kreischender Evoëruf bierduseligster Schlemmerei drang plötzlich in die Ohren der lauschenden Zuhörer; mit vandalster, rüdester Zerstörungslust wurde der ästhetische Aufbau Moser's niedergerissen, und als von dessen Werk keine Spur mehr vorhanden, da schlug der lüsterne Faun, der unbarmherzigste Spötter, der ungenirteste Verlästerer und Verächter des »guten Geschmackes« und der Gesittung eine grinsende Lache auf, und das verehrungswürdige Publicum, wie aus einem langen Schlafe erwachend, lachte aus vollem Herzen mit. Der Sprung in diese gräuliche Tiefe war jäh und von ... schmutzigsten Folgen, man kam in einer Pfütze an, aber man fuhr nicht erschreckt zurück, nein, man fühlte sich cannibalisch wohl und wälzte sich und wälzt sich noch heute gemüthlich darin herum. Mit Fürst beginnt demnach die neueste Aera des Wiener Volkssängerthums.

Was verschaffte Fürst die sociale Bedeutung, die er unleugbar und im rapidesten Fluge errungen? Was gab ihm die Macht, einer ganzen Epoche in dem Culturleben einer Weltstadt sein Mal aufzudrücken? Was verhalf ihm dazu, daß er trotz des Zetergeschreies der entrüsteten Aesthetiker sogar viele Deserteure aus diesem Lager zu sich herüberlockte, und worin bestand endlich die seltene Kunst, das Publicum durch ein Decennium an sich zu fesseln? Es ist, um aufrichtig zu sein: seine frische, lebenswahre Auffassung und Darstellung der eigentlichen » Volkscharaktere«, der, wenn auch nicht reizenden, so doch in gewisser Beziehung classischen, jedenfalls originellen Typen aus den alleruntersten Volksschichten, seine frappante Portraitirung des » Urwieners« und des sogenannten » reschen und feschen Wieners«, dessen letzte Abkömmlinge einer aussterbenden Classe er mit diabolischer Schärfe und in den urwüchsigsten Gestalten wahrhaft meisterlich zu zeichnen verstand, Fürst war der Höllenbreughel des famosen » Thurybrücklers«, des resoluten » Praterscheibers«, des Alles » vergitschenden Dulliäbruders«, er schuf die » Poesie in Hemdärmeln« und » Schlapfen« und gründete damit die Schule für » Graseltänze« und » Hackerg'stanzel« – entsetzlichen Andenkens.

Fürst's Auftreten und seine energisch-kaustische Vortragsweise waren für die Kreise, die sich für derlei überhaupt interessiren, von betäubender Wirkung. Er wußte Töne anzuschlagen, die jeder Wiener in seiner Brust verschlossen hielt; er gebrauchte Worte von jener kernigen, niederschmetternden Wucht, von jener prägnanten Färbung, wie sie nur auf den Lippen der Urwieners schlagfertig des Erlösers harren; er ließ ein Brillantfeuerwerk von zündendsten Witzen los, die prasselnd über die Köpfe seiner Zuhörer fuhren, Witze, die dem eigentlichen Wesen des Wieners entsprossen und nur ihm verständlich, oft sogar ein Echo seiner eigenen Gedanken und Empfindungen waren. Fürst cultivirte zwar nur das niedrigste Genre, er holte sich seine »Charaktere« nur aus den fuselqualmigsten Räumen, dennoch aber begriff den Meister des Cynismus, den neuesten Kneipen-Hogarth, nicht nur deren stabilster Insasse, sondern – wunderbarerweise – auch der zartfühlige Schöngeist reinsten Wassers, von den »Wiener Gawliers«, seinen wärmsten »Schätzern«, gar nicht zu sprechen. Nenn wenn auch die Terminologie seiner präcisirenden Kraftausdrücke, das jenische Hacker-Kauderwälsch seines Dialoges und die Wurzelbedeutung seiner geflügelten Worte fremden Ohren fremdartig klangen, der auf dem Wiener Pflaster Großgezogene verstand – weß Standes er auch immer sein mochte – entweder jubeltrunken oder verschämt schmunzelnd – recht gut die schäumenden Ergüsse dieser ungezügelten Suada.

Fürst gehörte in der »Blüthe« seines Wirkens zu den populärsten Persönlichkeiten der frivol modernisirten Fabiana; er war der Favorit der »Gründe«, aber auch in den goldstrotzenden Salons erlauchter Paläste excellirte der wilde Classiker, der sich mit jedem neuen Liede aus seinem unerschöpflichen Borne frische Kränze, freilich penetranten Duftes, um seine Schläfe wand. Diese Glorie des ungeberdigsten Sohnes seiner Zeit war die einschneidendste Kritik der eigentlichen Ziele des größten Theiles der Wiener Gesellschaft, die rastlosen Schrittes ihrem heutigen tristen Zustand entgegeneilte. Damit spreche ich es ungescheut aus, daß eine namhafte Summe der Demoralisation und Verwilderung Wiens dem Schöpfer und Begründer der neuen Schule, dem Meister der versificirten Nudität und Trivialität, d. h. Fürst auf's Kerbholz zu schreiben ist, Fürst, der, ein anderer Virgil, ein entsittlichender Cicerone, seine Gäste im Pfuhle der rohesten Sinnesart umherführte, sie vor dem Schmutze nicht Abscheu, sondern daran Gefallen finden lehrte, sintemalen der Mann auch noch das unselige Talent besaß, alle seine textirten ... Entsetzlichkeiten mit packendster Verve vorzutragen und dazu Melodien zu ersinnen, die das trägste Blut sieden machten.

Seitdem sind Jahre vergangen, Fürst, der es selbst lachend erzählt, daß sein erster »Lehrherr« in der Kunst des Gesanges bei » Spinnerin am Kreuz« endete, ist ein Biedermann geblieben, ist ein opferwilliger Menschenfreund, ein wahrer Vater der Armen, insbesonders armer Schriftsteller, die er nährt, tränkt, bekleidet und schließlich begräbt. Zahllos find die Wohlthaten, die er spendete, und verdiente der Mann nach dieser Richtung zum Ehrenbürger Wiens ernannt zu werden, wenn seine ästhetischen Verbrechen nicht pestilenzialisch auf zum Himmel – röchen. Inzwischen hat er, »dulliäsatt«, dem »Brettl« Valet gesagt, ist wiederholt und nun abermals Leiter eines »Musentempels« geworden, kann Laube und Dingelstedt Collegen nennen und ertheilt seinen Leibpoeten (worunter der treffliche Elmar und der ganz tüchtige und überaus fleißige Bayer) dramaturgische Winke, die einem »Schreyvogel der Posse« imponiren könnten. Fürst, älter, milder und zahmer geworden, spielt in seiner Winterresidenz in der Josefstadt und in seiner Singspielvilleggiatur im Prater nunmehr edle Greife und moralisirende Väter. Aus dem zuchtlosen Satyr wurde fast ein schamhafter Mentor, der ( trop tard) seinen verderbten Zeitgenossen lehrreiche Vorträge hält und in honnetesten Couplets sie zu ihren Bürgerpflichten zurückzuführen bestrebt ist. Welche Wendung durch Gottes Fügung! –

Aber die Unheilsschule, die er vor einem Decennium gründete, erfreut sich leider noch immer des blühendsten Bestandes. Eine vielköpfige Meute, beiderlei Geschlechtes, drängte sich auf das durch seinen Abgang eines Regenten beraubte Terrain und riß sich um die Palme der Führerschaft, Seine alten Zunftgenossen gingen übrigens ihre gewohnten Wege und kümmerten sich blutwenig um die »neiche« Methode. Matras, Fürst's langjähriger Kumpan, der drolligste Repräsentant des »verschmitzt spaßigen Wieners«, war längst vom Geschäfte ausgeschieden und erklomm, »im Sokkus der höheren Posse«, den Rang eines ersten Komikers im Leopoldstädter Theater, wo er für Figuren der unteren Classen eine schauspielerische Specialität geworden. Wer also sollte Fürst's Nachfolger, d. h. Wiens Liebling, auf der Wirthshaus-Rostra werden? Ein entsetzlicher Wettstreit brach los, weniger in der Copie der packenden Urwüchsigkeit Fürst's, als im Cultus der nackten Zote; die Jünger wollten es dem Meister zuvorthun, die Novizinnen des Jodler-Metiers übersprangen die letzten Schranken, welche Sitte und Anstand gezogen und – die Orgie begann. »Après moi le déluge!« zu deutsch: »Macht's, was's wollt's!« rief der emeritirte Triumphator hämisch zum Abschiede, und die heisersten Megären der Unverschämtheit und die grinsenden Dolmetsche der frappirendsten Frechheit balgten sich um die Concession, die Metropole zur stinkenden Pfütze sittlichen Unrathes heranzubilden.

Ach, es würde eine » Bibel der Zote«, wollte man diese gesanglichen Schandthaten, das planmäßige Ersticken des letzten Fünkchens Schamgefühl in den respectiven Busen der geehrten Zuhörerschaft (jeglichen Standes, Alters und Geschlechtes), den gereimten und gemimten Unflath, der allabendlich über die Häupter des p. t. Publicums lachend ausgeschüttet, nach Gebühr und erschöpfend würdigen. Ich unterzog mich im Herbst 1868 der unrühmlichen Aufgabe, diese privilegirten Brutstätten der Demoralisation, diese Lehranstalten für Schamlosigkeit zu durchwandern, aber der Cursus überstieg meine Kräfte: von hundert derlei Prostitutionsgymnasien lernte ich nur circa ein Dutzend kennen – ich war satt und müde und von unüberwindlichem Ekel zu sehr ergriffen, als daß ich die Wanderung hätte fortsetzen können.

Nur ein paar ehrenwerthe Ausnahmen fand ich, die man, schon der kostbaren Rarität wegen, mit dem Monthyon'schen Tugendpreis zieren sollte. Der Rest war Schmach. – Was hier folgt, sind eben die Ergebnisse meiner damaligen dornenvollen (vielbereuten) Pilgerfahrt. Neuere »Forscher« haben ihre angebliche Entrüstung mittlerweile in weit groteskere Formen gekleidet – pessimistische Zweifler in die Echtheit solch rühmlicher Gesinnung witterten in dem Sittlichkeitsspectakel nichts, als eine – verlockende Reclame, wieder Andere warfen sämmtlichen mißgünstigen Kritikern den »Schimpf« an den Kopf, daß sie » Moralitätsfexe« seien. Sind beide Einwürfe nicht erhebend? Nun, mag darauf antworten, wem es beliebt, ich persönlich finde es nicht der Mühe werth und reproducire vielmehr unverkürzt und ohne die Farben aufzufrischen, was ich nach meinem ersten Rundgange in ehrlichster Absicht niederschrieb:

 

Beginnen wir mit den »Damen«. – Verehrte Leserin! Erröthen Sie nicht über meine Frage, aber ich muß Sie fragen: Kennen Sie die Mannsfeld, »Fräulein Antonie Mannsfeld«? Nein? Nun, das wundert mich, denn gerade in den sogenannten »besseren Kreisen« ist dieser Name ein vielgenannter, und ich wette um was Sie wollen, daß Ihr Herr Gemahl, oder Ihr Bräutigam, oder Ihr Cavaliere servente, mag er mit seinen ästhetischen oder moralischen Grundsätzen noch so prunken, doch ein heimlicher Habitus der gewissen »Soiréen« bei Dreher, bei den »drei Engeln«, dem »Zeisig« u. s. w. ist, und daß sich dieses Muster eines soliden Mannes vielleicht nirgends so gut, d. h. so »famos« unterhält, als eben dort.

Damit habe ich gleich vorwegs angezeigt, daß das Stammpublicum dieser modernsten Wirthshausprimadonna kein ordinäres, kein bierduseliges ist; nein, Fräulein Mannsfeld recrutirt ihr Auditorium thatsächlich meist nur aus der zweiten und ersten Wählerclasse und die Rauchwolken, die ihr entgegenwirbeln, dampfen aus keinen trivialen Tabakspfeifen hervor; im Gegentheile, es ist aromatischer Wohlgeruch aus kostbaren Milares, Londres und Regalias, der ihrem Mezzosopran schon während der nur dreijährigen Strapazen leider einen so rauhen Timbre anhauchte. Nochmals, die Zuhörerschaft ist keine gemeine, die Anhänger der Künstlerin kommen auch selten zu Fuß, eine Wagenburg von Fiakern hält vor jenen Etablissements und aus den Fiakern springen alte und junge Herren in tadellosester Toilette, mit den allerweißesten Manschetten und den phantasiereichsten Knotenverschlingungen ihrer koketten Echarpes. Die alten und jungen Herren, mit Lackstiefletten und Binocles geschmückt, werfen den Billeteurs der Mannsfeld so vertraut-cordiale Grüße zu, wie ihren Freunden – den Stallpagen in der Manège bei Renz – und sind selbst mit dem Kellner herablassend freundlich, wenn er sie zu den reservirten Plätzen führt. – Das ist die Garde der Mannsfeld.

Ist nun der Saal gefüllt, ist die Ungeduld der Kunstfreunde auf's Höchste gespannt, dann beginnt die Production, d. h. ein oder meist zwei seröse Eingangslieder werden von den männlichen Assistenten der Directrice, natürlich wirkungslos herabgesungen – alle Hälse richten sich sofort nach einer Seitenthür und – Fräulein Mannsfeld erscheint unter donnerndem Begrüßungsjubel, sie lächelt, macht die obligaten dankerfüllten Knixe und singt ihre » Wiener Lieder«.

Was Fräulein Mannsfeld singt? Sie singt, um es kurz herauszusagen, den Cancan. Sie singt die Zote in der unzweideutigsten Textirung, sie singt den impertinentesten Gassenhauer, wie ihn das angeheiterte, echte »Wiener Lumperl« nach der vierzehnten Halben »fühlt und empfindet«, sie singt die Hausordnung gewisser Häuser, sie singt die Usancen der Straßendirne. Und das p. t. Publicum jubelt, es klatscht, daß die rothbraunen Glacés zerplatzen und die aufrichtigsten Freudenthränen in den edlen »Markersdorfer« perlen.

Wie Fräulein Mannsfeld singt? Vor einigen Jahren brachte ein Localästhetiker in einem hiesigen Blatte einen großen »kritischen« Aufsatz über die schneidige Wiener »Theresa« und erschöpfte den ganzen Vorrath seiner berühmten Styltechnik, um das Pikante, Prickelnde, Kaustische, Diabolische dieses weiblichen Petronius, dieses halb »Nestroy'sche«, halb »Fürst'sche« in ihrer Vortragsweise in das rechte Licht zu setzen. Es ist wahr, Fräulein Mannsfeld, welche ich sogar als ein gebildetes, jedenfalls geistreiches »Frauenzimmer« halte, ist eine pikante Erscheinung. Fräulein Mannsfeld ist so klug, anspruchslos aufzutreten. Ihre Toilette ist eine beinahe absichtlich einfache: ein bis an den Hals enggeschlossenes Kleid, ohne viel Aufputz, eine fast »schüchterne« Frisur – kein Schmuck und kein Geschmeide – sie bringt nur sich und ihr Talent.

Und sie hat Talent! Es ist schwer, schärfer zu nuanciren, treffender zu pointiren, kaustischer zu persifliren, als es die Mannsfeld »macht«; aber was nuancirt sie, was pointirt sie und was – persiflirt sie? Der unsaubere Poet dieser »Wiener Lieder«, der immer und immer nur einen einzigen »Vorwurf« für seine specifisch dichterische Begeisterung wählt und seinen Pegasus aus der schmutzigsten Hippokrene ... saufen läßt, weiß das »pikante« Thema in zahllosen Variationen zu scandiren und, von unglaublichem Cynismus geleitet, in die erschreckendsten Refrains zu bringen. Und dieses versificirte mixtum compositum von Schamlosigkeit und leidigem Wiener Kneipenwitz hat Fräulein Mannsfeld zu interpretiren und – es gelingt ihr »magnifique«, die »Schlager« solcher Sorte nicht unverstanden an den geneigten Ohren eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publicums vorüber gehen zu lassen, denn sie »nuancirt« die Zote wirklich meisterhaft und blinzelt dazu auf eine unnachahmliche Weise mit ihren pfiffigen Aeuglein, was den empörenden Text gleichsam mit durchschossenen Lettern bringt.

Das ist die Mannsfeld der neuesten Aera. Das nicht die Wirthshäuser besuchende Publicum kennt diese singende Mänade nur aus einer gelungenen Imitation der lustigen Soubrette des Carltheaters. Aber was sang die Gallmeyer? Eine Strophe von » Na versteht si!«, eines der frömmsten Lieder der Mannsfeld und noch aus der guten alten Zeit vor zwei Jahren! Das jetzige Repertoire, d. h. die neuesten Lieder dieser resoluten Sängerin, haben jedoch bereits die Grenze des »Möglichen« nicht nur erreicht, sondern weitaus überschritten, und würden selbst die – als bedeutend emancipirt – renommirten classischen Mlles. Phryne und Lais erröthen machen. Aber nichtsdestoweniger besuchen selbst Damen und sogar Mütter mit ihren Töchtern diese amüsanten »Soiréen« und stoßen die unwissenden Backfischchen mit dem Ellbogen, wenn sie eine markante Stelle gleichgiltig anzuhören Willens wären.

Wen soll man nun anklagen? Fräulein Mannsfeld? Sie macht mit ihren Productionen brillante Geschäfte und soll sich bereits als dreifache Hausfrau fühlen. Den Dichter? Mein Gott! Der Mensch kann eben nichts Anderes »dichten« und die Zote ist sein Element, wie dem Fisch das Wasser. So bleibt denn das Publicum, das der Zote huldigt und sie ermuntert und ermuthigt und aneifert, immer in neuer Form aufzutreten und sie nöthigt, sich sogar zu überbieten. Das ist nun bereits geschehen und die Frage ist wahrlich beängstigend, was denn, um den Beifall nicht erkalten zu lassen, und da somit stets Durchschlagenderes, Packenderes gebracht werden muß, nun Alles noch von diesem Genre gebracht werden wird? Denn solch gesungener Caviar ist für manchen Gaumen bereits zum Bedürfniß geworden, er ist das ästhetische Souper eines großen Theils unserer »anständigen« Gesellschaft, denn wenn selbst Männer, welche notorisch zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Deutschlands gehören und sogar von Napoleon in Salzburg aufgesucht wurden, die paar kurzen Mußestunden, welche ihnen die schwierige Mission der Gesetzgebung erübrigt, dazu verwenden, die »Wiener Lieder« der Mannsfeld anzuhören, so ist es kein Wunder, wenn sich an solchen Festabenden auch simple ... Bankiers mit ihren Angehörigen dort einfinden. –

 

Fräulein Antonie Mannsfeld heißt eigentlich » Montag«. Ihre Schwester, die ebenfalls beim »Geschäfte« und von welcher später die Rede, behielt ihren rechten Namen bei, nur die fesche Toni transfigurirte. Sie that dies aus » Pietät« für ihren Leibdichter, welcher sich Ferdinand Mannsfeld nannte.

Nicht ganz ein Jahr, nachdem obige Zeilen geschrieben, starb dieser Zotenpoet, und zwar unter der Bezeichnung: »Wiener Liederdichter und Journalist (!)«. Fräulein Mannsfeld erschütterte dieser Fall auf's Heftigste; sie ließ einen schwarzgeränderten Partezettel in den Blättern inseriren, womit sie uns von dem Heimgange des Unersetzlichen Mittheilung gab. Er entschlief »nach langen schmerzvollen Leiden und Empfang der heiligen Sterbesacramente selig in dem Herrn«. Knapp daran stand wörtlich Folgendes: »Da ich es als eine heilige Aufgabe betrachtete, den so schwer Leidenden in seinem letzten Kampfe nicht zu verlassen, so war ich leider in die unangenehme Lage versetzt, an einigen Abenden meinen Verpflichtungen dem p. t. Publicum gegenüber nicht nachkommen zu können. Deshalb um Vergebung bittend, mache ich die geziemende Anzeige, daß ich von Montag den 14. Juni 1869 angefangen ( also drei Tage nach dem Tode des Unvergeßlichen) wie zuvor meine Soiréen abhalten und mich bemühen werde, mit ganz neuen Liedervorträgen meine geehrten Gönner bestens zu unterhalten. Antonie Mannsfeld, Volkssängerin.« –

Ist das nicht das resoluteste ..: »Wiener Blut«? – –

 

Ein theilweise anderes Publicum als die Mannsfeld, und auch ein theilweise anderes Repertoire, als es diese cultivirt, haben die nächsten Größen der – zwar beim Clavier arbeitenden, aber im Volksmunde noch immer als » Harfenisten« bezeichneten Volkssängergilde: die Herren Nagel und Amon.

Dieses Dioskurenpaar hat in Wien einen Namen, weil es die Mission usurpirt, einen ganzen »Begriff« zu repräsentiren, nämlich den des » Urwienerthums«. – Allein ich finde, daß gerade diese Herren trotz aller Anstrengung das allerwenigste Geschick dazu haben, denn es fehlt ihnen Witz und Humor und dieses Deficit läßt sich weder durch gellendes Gejohle und Geschrei, noch durch forcirte Gesten ausgleichen – die Wirkung, die sie mühevoll hervorpressen, ist lange nicht jene, wie sie Fürst einst erzielte, ehe er »dramatischer Künstler« wurde, oder wie sie Matras so ganz unbewußt erreichte, als er noch nicht die Ambition hatte, erster Komiker des »elegantesten« Theaters zu werden, was ihm übrigens auch gelang. Fürst und Matras waren die Typen des » Urwienerthums«, ich beklage nicht, daß sie es nicht mehr sind – aber die Herren Nagel und Amon sind es auch nicht.

Ich weiß, daß ich durch diesen gewagten Ausspruch, der an Kühnheit nur durch jenen Galilei's überboten wird, den gesammten Chorus der » Dulliä-Fanatiker« gegen mich gehetzt habe, aber wenn mich die ehrenwerthen Nagel-Enthusiasten auch steinigen oder im Wege der Gnade nur prügeln würden, ich bleibe doch dabei, daß das, was Herr Amon im Schweiße des Angesichtes schreit – nicht witzig, und das, was Herr Nagel mit den lebensgefährlichsten Körperverrenkungen zu verdollmetschen suchte nicht lustig ist. – Die beiden Herren haben eben – ermuthigt durch die damaligen Erfolge der vorgenannten Koryphäen des vierzeiligen Genres, vor ein paar Jahren das gleiche Geschäft etablirt, aber ohne die nöthigen Fonds ihrer Vorbilder, sozusagen den »göttlichen Funken« ( sic!) zu besitzen, der z. B. Herrn Fürst beseelte, wenn er den » blauen Montag« sang, dessen classischer Refrain » Nur ka Wasser nit!« zum »geflügelten Worte« in der Sitten- und Literaturgeschichte Wiens wurde.

Die meisten Anhänger dieser unsterblichen Matadore der echten »Wieana-Tanz« geben sich nun freilich auch mit den Epigonen der Meistersänger zufrieden und applaudiren in unverfälschter Begeisterung die wirklich anstrengenden Leistungen derselben; allein der Kern jener Gattung Publicum, das an diesem Genre Gefallen findet, fehlt; es fehlt der Schottenfelder Fabrikantenssohn mit dem gewichsten, schmalkrämpigen Cylinder; es fehlt der Lerchenfelder Bummler, der die unvergeßliche »Tinnerl« von den »drei Hackeln« noch »dudeln« gehört; es fehlt der aus innerem Triebe, aus Passion, aus Leidenschaft für die »Sache« zum Privat-» Hacker« selbstherangebildete Hausherrnssohn von der Siebenbrunner Wiese, von Erdberg und überhaupt von den »entern« Gründen; es fehlt so mancher »laute Bua«, der »harbe« Pepi und der »manschesterne Schani«, der »Kohlrabi-Schackerl« und der »Blinserl«! – Ja, die gesammte Garde fehlt, die noch vor Jahren dem »Alleweil fidel, fidel!« gelauscht, sie hat sich zurückgezogen und schmollt, denn sie »versteht die Welt nicht mehr«, die sich an den mattherzigen »Schnapper-Liedern« der Herren Nagel und Amon ergötzen kann und doch einst so wahrhaft »Gediegenes« zu hören bekam.

Und von ihrem »Hacker-Standpunkte« aus hat diese urwüchsige Garde Recht. Sie räumte deshalb das Terrain einem anderen Publicum, auf dessen Bildungsgrad, auf dessen Talent zum »Fidelen« sie nun nur mitleidig herabblickt, dessen Verständniß und kritisches Urtheil für das »Laute« sie belächelt. Das jetzige Publicum ist zwar scheinbar auch »laut«, aber es sind doch nur die Pseudo-Fidelen, die gegenwärtig – »paschen«; es sind wohl auch freiwillige, aber forcirte »Hacker«, denen der innere Beruf fehlt, »schon a so zu sein«, und die nicht die mindeste Berechtigung haben, »mitzujodeln«, wenn ein Kunstverständiger irgend einen »ganz Tiafen« zu präludiren beginnt. Das jetzige Publicum, welches die »Soiréen« der Herren Nagel und Amon besucht, ist ein innerlich zahmes und nur äußerlich fideles. Es kommt der Commis, der auch zu Zeiten ein »verflixter Kerl« sein will, aber schon die Wahl seiner geschniegelten Toilette zeigt, daß er seiner Aufgabe nicht gewachsen und davon himmelweit entfernt ist, was er für ein paar Stunden anstrebt. Es kommt ferners der sogenannte »Lebemann«, der, blasirt von den Genüssen beim Sperl, sich durch eine – vermeintlich sehr stark paprizirte »Hetz« auffrischen will und schon deshalb glaubt, das Zeug in sich zu verspüren, ein Wiener Vollblut darzustellen, weil er weiß, daß man den Hut in solchen Regionen schiefer in's Gesicht zu setzen hat. Und schließlich kommt auch sogar der vorstädtische Spießbürger, der sein durch alle möglichen Steuerzuschläge verbittertes Gemüth mit Gewalt erheitern möchte, und der, je mehr Herr Amon schreit, desto mehr glaubt, sich unterhalten zu müssen.

Aus diesen, im Grunde genommen faden, wenigstens sehr friedfertig und gemäßigt organisirten Charakteren besteht das Gros des Nagel- und Amon'schen Publicums, welches sich zwingt und überredet und sogar einbildet, sich »fesch« zu unterhalten. Was bieten nun diese beiden so renommirten Volkssänger ihrem überaus dankbaren Auditorium? Eine Reihe von »Wiener Liedern«, deren Inhalt theils zweideutiger Natur, wenn auch nicht so schrankenlos zotig, wie die Mannsfeld'schen, theils ein sogenannter »politischer« ist. Diese Lieder werden nun von Beiden, um den größtmöglichen Effect zu erzielen, mit der Vollkraft ihrer Lungenflügel, und accompagnirt von den groteskesten Körperbewegungen und Gesichterschneidereien, herabgesungen, und je größer das Geschrei des »Sängers«, desto lärmender ist der Beifall des Publicums. Herr Nagel z. B. verblüfft schon durch die, die Wände erzittern machende Stentorstimme, mit welcher er in die erwartungsvolle Menge hineinschreit: »A neugs Liad!« – Dieses so gewaltsam annoncirte »neuche Liad« wird nun mit obligatem Jubel begrüßt und, ob es noch so witzlos, am Schlusse mit Jubel belohnt. Die »politischen« Lieder ergehen sich in communalen Anklagen über den Mangel an Schatten im Stadtpark und die schlechte Bespritzung der Ringstraße, oder wenn der Dichter sich zu patriotischer Begeisterung aufraffte, in edelstem »Preußenhaß«, welche, wenn auch ungefährliche Gesinnungstüchtigkeit den Spießbürger selbstverständlich in Entzücken versetzt. Uebrigens sind die »politischen« Lieder von »liberalem Hauche« durchweht, was immerhin anerkennenswert ist.

Aber alle diese Lieder werden von keinen originellen Melodien begleitet, welche früher eine so rasche Popularität erlangten und tatsächlich diesen Schöpfungen der Volksmuse einen eigenthümlichen Reiz verliehen. Die Lieder, welche die Herren Nagel und Amon singen, sind mühevoll den Motiven eines Walzers, einer Polka, ja sogar einer Quadrille angepaßt, welcher sinnlose Usus eine qualvolle Zerhackung des Textes erfordert und schließlich monoton wirkt. Schon durch diesen Fürgang verliert ihre Leistung das Charakteristische des Volkssängerthums.

Wer nun von beiden »Künstlern« der vorzüglichere ist? Ich weiß es nicht, Herr Nagel soll der Komiker sein, heißt es, und Herr Amon will komisch sein – ich hörte Beide stets nur schreien; aber unzweifelhaft ist, daß sie zusammengehören. Was nämlich David dem Jonathan und Jonathan dem David war, was Orest dem Pylades und Pylades dem Orest gewesen, das ist Herr Nagel dem Herrn Amon und Herr Amon dem Herrn Nagel: zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag – außerdem sollen Beide recht wackere, brave Wiener Bürger sein, die nebstbei ihre deutsche Gesinnung beim Schützenfeste bekanntlich durch die Spende eines prächtigen Fasses Wein manifestirten – aber ich bleibe dabei, das specifische, witzige, fidele » Urwienerthum« präsentiren sie doch nicht. Wie dem auch sei, die Welt braucht nicht zu verzagen, ein neu Geschlecht ersteht, vielleicht bringt es uns auch den eigentlichen »Volksfänger«, der lustige und witzige Lieder zu singen weiß, und auch den, freilich Anfangs wenig lucrativen Versuch wagt, dem Publicum weder Zoten, noch Gemeinheiten, noch läppische Albernheiten zu bieten.

 

Vor beiläufig anderthalb Jahren wurde das engverknüpfte Dioskurenpaar vom unerbittlichen Schicksale gewaltsam getrennt. Herr Nagel erkrankte eines Abends plötzlich und ernsthaft und muhte in eine Privatheilanstalt abgegeben meiden. In jüngster Zeit körperlich so ziemlich hergestellt, scheint er jedoch noch nicht in der geistigen Verfassung, sich neue Lorbeeren zu – erjodeln. Vorbei! Vorbei! – –

Und nun zu einem » weißen Raben«:

 

Wieder ein anderes Publicum hat die dritte »Größe« des Volkssängerthums – Kampf um sich geschaart: die anspruchlose, aber lebens- und lachlustige Mittelklasse des Bürgerthums und was »drum und dran« hängt, die Subalternbeamten und »kleinen« Hausherren als Schwiegersöhne und Schwäger, sozusagen die neunte und zehnte Diätenclasse des Wiener Honoratiorenthums und überhaupt Alles, dessen Gaumen an keine »prickelnde« Kost, an keinen »Wildpretparfum« gewöhnt ist, und das nur das bescheidene Verlangen hegt und trägt, nach des Tages Mühsal ein paar Stunden lang ... lachen zu können. Und da sind sie denn auch auf der rechten Fährte, denn wer bei Kampf nicht lacht, der lacht in diesem Jammerthal überhaupt nicht mehr, für den ist »Tauf und Chrysam« verloren, der soll sich – begraben lassen.

Der » alte Kampf«! – Die Wiener heißen ihn so; nicht, weil er schon hochbetagt – er zählt erst einundfünfzig Jahre – sondern weil er seit fünfunddreißig Jahren in Wien »wirkt«, in Wien, seiner Vaterstadt, und weil ihn Jeder von uns schon in seiner Jugend gehört, weil es Jedem von uns wie ein Traum dünkt, als er das erste Mal über ihn – lachte. Und nun treibt er seit fünfunddreißig Jahren dasselbe tolle, lustige, pudelnärrische Zeug; seit fünfunddreißig Jahren »schneidet« er dieselben drastischen »Gesichter« und feit fünfunddreißig Jahren sind wir ihm gefolgt, zu gutem und schlechtem Vier, in alle Vorstädte der communalen Windrose sind wir ihm nachgewandert, in sämmtlichen Wirthshaussalons haben wir seinetwegen geschwitzt und uns mit den Kellnern der verschiedensten Rechnungsmethoden herumgezankt, und in Folge dieser schönen Erinnerungen ist Kampf ein Stück von unserem Leben geworden – er ist mit den Wienern und dem Wiener Leben verwachsen.

Dann ist sich Kampf – und das wird ihm von seinen paar Gegnern zum Vorwurf gemacht, diese lange, lange Zeit so ziemlich gleich geblieben. Das Wiener Volkssängerthum brüstet sich nämlich mit seinen kolossalen »Fortschritten«, und indem es heute dem Geschmacke und Geiste der Zeit sich accomodirt zu haben vorgibt, eigentlich aber nur in der ... Zote »macht«, blickt es mitleidig lächelnd auf die »alte Schule« zurück, die einst der selige » Zwickerl« gegründet, Stöckel (Vater) und Jonas fortgeführt und die mit Moser begraben wurde. Kampf aber ist – » stehen« geblieben. Er sieht zwar die Erfolge, die das »Hackerthum« und die Zotenreißerinnen sich errungen, aber er bringt es nicht über sich, in dem sauberen Genre mitzuthun, er leistet Verzicht auf eine gewisse Gattung Publicum, wie auch auf die männliche und weibliche, auf die öffentliche und heimliche Demimonde, und er begnügt sich mit seinem altgewohnten bürgerlichen Stammpublicum, das mit Weib und Kind zu seinen »Lachkränzchen« kommt und sich nicht zu schämen braucht, Weib und Kind mitgenommen zu haben,

Kampfs Force ist der harmlose Spaß, der gemüthliche Jux, dann seine Charakteristik gewisser Volksfiguren und unter diesen namentlich sein bereits der »Classicität« sich erfreuender » Böhm'«. – Kampfs »Böhm'« hat einen Ruf, der weit über den Liniengraben Wiens reicht und Koryphäen der Kunst haben Kampf aufgesucht, um seinen »Böhm'« zu bewundern. Dawison z. B. erfrischte sich, wie er selbst sagte, an dieser köstlichen Charge wenn Nestroy moros zu werden fürchtete, ging er zu Kampf und war wieder geheilt, wenn Beckmann melancholische Anwandlungen fühlte, vertrieb er sich die Grillen mit Kampf's »Böhm'« – selbst Karl Treumann, der's doch wahrlich auch nicht nöthig hatte, studirte diese treffliche Leistung. Kampf ist in dieser Darstellung eine Specialität, und die Figur, die er geschaffen und die sein Eigenthum ist, wurde für Wien ein ganzer »Begriff«. Ein Kampf-Abend ohne » Böhm'« ist nicht mehr denkbar und obwohl er, wie er gesteht, den »Böhm'« bereits über neuntausend Mal (!) gespielt, und viele taufend Male als »Böhm'« » den Mailiftl« und den nicht minder classischen Anhang: » Von den Olmen« gesungen, so bin ich doch überzeugt, daß, w« Kampf auch heute spielt, seine Zuhörer, wenn ihnen auch vor Lachen bereits die Thronen in den Augen stehen, doch wieder nimmersatt: » Den Mailiftl« und » Von den Olmen« verlangen und daß Kampf beide Lieder, vielleicht auch als Zugabe noch die pyramidal drolligen, böhmischen » Grasltonz'« mit derselben zwerchfellerschütternden Wirkung zum Besten gibt.

Damit sei aber auch gleich gesagt, daß Kampf mit seiner allerdings grotesken Persiflage nichts Arges, nichts Böswilliges beabsichtigt. Nicht wie Hamilkar seinen Sohn Hannibal den Römerhaß lehrte, lehrt Kampf die Wiener den » Böhmenhaß«. Kampf bringt in der harmlosesten, gutmüthigsten Weise nur die, ohnehin allen Wienern bekannte, sich ewig gleichbleibende Figur eines nach Wien eingewanderten Urczechen, der sich aus angebornem, stets vom Glücke begünstigten Speculationstriebe hier freiwillig germanisirt, immer und immer wieder eine »Wittfrau mit klane Eckhaus!« findet und heiratet, dabei in bornirt-verschmitzter Weise »kecke Wiener L...bub« überlistet und schließlich als »reiche Seilerermaste« – echt wienerisch-fidel werden will.

Darüber lachen nun die Wiener und diese kleine Revanche, daß wir über das »Glück« eines Czechen lachen, werden uns die Herren Czechen wohl verzeihen. Was anderes ist es mit dem »dummen Kerl von Wien«, der sich daran ergötzt, wenn im Prater der »Jud« vom Wurstel erschlagen wird. Wenn aber Kampf den Wienern nur den freilich drolligen, aber dennoch sprichwörtlichen Glückspilz aus Podiebrads und Czaslau's Umgebung zeigt, und der in verschiedenen Richtungen von dem eingewanderten Rivalen eben nicht am ... Brüderlichsten behandelte Wiener zu seiner eigenen Niederlage und über den »socialen Sieger« lacht, so ist das wahrlich ein bescheidenes Vergnügen des Wieners, der keinen Nationalitätenhaß kennt und sich sogar an die »pfiffigsten« Erfolge seiner uncollegialsten Nebenmenschen zu gewöhnen weiß.

Das mußte, wie gesagt, erwähnt werden, weil von einer Seite, wo man bekanntlich »keinen Spaß versteht«, Kampf wiederholt der Vorwurf gemacht wurde, er mache die »böhmische Nation« lächerlich, und deshalb cajoliren ihn die eingefleischten Wiener. Dem ist nun eben nicht so. Kampf ist ein so gutmüthiger, harmloser Wiener, wie der Wiener überhaupt ist, und es war eine – Lächerlichkeit ohne Gleichen, daß einige bramarbasirende Swornoste, freilich zu einer Zeit, als der doppeltgeschwänzte Löwe am grimmigsten knurrte, aus Kampfs lustiger Scene politisches Capital schlagen wollten und in einem öffentlichen Locale einen nationalen Exceß producirten.

Nein, wer halbwegs bei gesunden Sinnen ist, wird und muß über Kampf nur lachen. Ich glaube, daß der sauertöpfischeste, griesgrämigste, verhämorrhoidalisirteste Protokollsdirector oder menschenfeindlichste Landesgerichtsrath über Kampf lachen muß. Ich glaube, daß selbst der wüthigste Sohn der Wenzelkrone wenigstens lächeln muß, sieht er und hört er sein leibhaftiges Conterfei, »Klesheimisch« fühlen und dabei das »Deutsche« so unbarmherzig maltraitiren. Ich glaube endlich, daß selbst der ernsteste Shakespeare-Erklärer und »gebildetste« Hebbel-Kritiker trotz der imponirenden Höhe seines Standpunktes und Forscher-Bewußtseins doch ... schmunzeln muß, wenn er Kampf z. B. als alten (Wiener) Sesselträger Sebastian von der »Leich'« zurückkommen sieht, wo er sich so gut unterhalten, wo auch eine »Harmonika« dabei war; wie Kampf ferners erklärt, daß über eine »schöne Leich' nix is«, und daß er den »Jux« in seinem Leben nicht mehr vergißt, wie sie »sein' besten Freund einig' feuert haben in die Grub'n«! u. s. w.

Das sind Scenen und Figuren aus dem Volke und, von Kampf wahrheitsgetreu dargestellt, von unbeschreiblicher Wirkung. Man lacht seit dreißig Jahren und wird stets darüber lachen. Und es lacht Alles über Kampf, Alt und Jung. Frauen beißen in ihre Sacktücher, um nicht laut aufschreien zu müssen und der kleine Nachwuchs, der sich stets in die nächste Nähe der Tribüne postirt und Mund und Augen aufreißt, um all den Schabernack ganz zu genießen, schüttelt sich vor Lachen.

Kampf spielt hauptsächlich die »Alten« und zwar aus den unteren Volksschichten, vortrefflich. Eine fabelhafte Beweglichkeit feiner Gesichtsmuskeln gestattet ihm die frappantesten Physiognomien hervorzuzaubern, wobei ihn eine merkwürdige »Gaumentechnik« unterstützt, um alle möglichen Spracharten und Dialecte zu copiren. Außerdem ist er noch ein Meister im künstlichen – Schielen!

Im Umgange ist Kampf wie alle gebornen Komiker höchst einsilbig und sogar misanthropisch. Als vielgeplagter Familienvater – von sechzehn Kindern hat er noch sechs zu ernähren, ist sein Dasein eben kein sorgenfreies, kein lustiges. Er gesteht, daß er nicht den rechten Beruf erwählt, daß er hätte »zum Theater« gehen und die Bretter, welche die Welt bedeuten, betreten sollen, während er auf dem »Brettl« versauert sei. Auch ein politischer Märtyrer ist Kampf; in der Zeit der Ordnungsmacherei wurde er nämlich einer Strophe wegen confiscirt und mußte fast durch zwei Monate »brummen«. Er hat mit den Wienern überhaupt »Freud und Leid« getheilt und auch schon deshalb haben die Wiener ihren »alten Kampf« gerne. Möge er sie noch lange lachen machen! –

 

Wir steigen nun einige Stufen tiefer hinab. – Wollte ich pathetisch werden, ich würde einen classischen Vergleich wählen und meine verehrten Leser und Leserinnen, wie es Dante von seinem Cicerone passirte, höflichst einladen – die » Hölle« zu besuchen, so aber geht unsere, wenn auch nicht ganz ungefährliche Wanderung nur in einen beliebigen » Keller« mit soundsoviel Staffeln. – Aber das »Hinabsteigen« meine ich ja überhaupt nur figürlich, denn wir können unsere Studien viel commoder in einem oberirdischen Locale, z. B. in einem Etablissement der »Stadt Belgrader« Region fortsetzen, nur dürfen Sie weder über die Kunstgenüsse, die nun folgen, noch über die Atmosphäre, in die ich Sie führe, die Nase rümpfen, denn es ist eben – in jeder Beziehung »starker Tabak«, der hier consumirt wird, und Sie haben sich gegen so manche Attentate auf Ihre verschiedenen Nerven und Organe zu wappnen.

Besuchen mir deßhalb heute zur Abwechslung Herrn Stöckel. Sie werden gleich beim Eingange den Unterschied in den »Empfangsmodalitäten« merken; es fehlt nämlich an der Thüre das usuelle »Kastel« mit dem darin sitzenden Cassier, denn Herr Stöckel huldigt noch dem alten, von seinem Vater ererbten Cultus des »Absammelns« mit dem Teller, ein Gebrauch, der ebenfalls viel für sich hat, denn der »Künstler« wird dadurch mit seinem Publicum in Berührung gebracht. Das Streben eines Volkssängers geht doch vor Allem dahin, »populär« zu werden. Was erhöht nun die Popularität mehr, als wenn der soeben mit dem betäubendsten Beifallsgeklatsche ausgezeichnete »Künstler« von seiner Tribüne herabsteigt, einen Teller mit der obligaten Serviette ergreift und im vollen, oft pudelnärrischen Costüme, noch Hochroth geschminkt, d. h. das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit beschmiert und beklext, sich an den nächsten Tisch wendet und ohne jeglichen Künstlerstolz wie ein ganz gewöhnlicher Mensch sein bescheidenes Anliegen vorbringt, sich für eine Kleinigkeit von etlichen Kreuzern sogar bedankt – ja noch mehr, es nicht einmal verschmäht, aus dem ihm dargereichten Bierglase einen tüchtigen Schluck zu thun.

Man kennt die Naivetät einer gewissen Gattung Publicum, das jede »Vermaschkerirung« mit weit aufgerissenen Mund und Augen bewundert, das sich höchlich geschmeichelt fühlt, wenn selbst der schäbigste Bajazzo einer herumziehenden Seiltänzertruppe sich mit ihm die unsanftesten Späße erlaubt, und das nicht genug staunen kann über solche Leutseligkeit und wie derlei – eigentlich »ungewöhnliche« Menschen so menschlich sprechen und – trinken. Dieses naive und gutmüthige Publicum freut sich nun stets, wenn irgend ein Künstler (aber nur »maschkerirt« muß er sein, oder doch wenigstens geschminkt) nach seiner Produktion – und sei es was immer für eine – zu ihm »herabsteigt«, mit ihm verkehrt und mit ihm aus einem Glase trinkt. Es freut sich, den, über welchen von seinem erhöhten Standpunkte aus es soeben noch bis zum »Zerplatzen« gelacht, nun in der allernächsten Nähe zu sehen, die grotesken Malereien in seinem Gesichte nun genau bewundern zu können und vielleicht sogar ein paar Extraspäße, die nur für diesen einen Tisch berechnet sind, zu hören. Es freut sich schließlich, den Tribut seiner ungeheuchelten Anerkennung dem Liebling direct einhändigen zu können, d. h. ihn auf den vorgehaltenen Teller zu legen und auch gleich den Dank dafür separat in Empfang zu nehmen.

So viel über den »Werth« der Methode des »Absammelns«. Ich wollte damit nur zeigen, in welch cordiale Verbindung es den ausübenden »Künstler« mit seinem Auditorium bringt. Diese »cordiale Verbindung« herrscht nun, und zwar in der tolerantesten Ausdehnung, gerade zwischen Herrn Stöckel und seinem Publicum. Stöckel hat auf sein Sängerbanner die Devise: » Nur kan' Schenirer!« geschrieben und seine Zuhörer an einen solch vertraulichen Verkehr gewöhnt, wie er nur in gewissen Kreisen besteht, wo sich eben Einer vor dem Andern nicht zu »scheniren« braucht. Herr Stöckel genirt sich nun wahrhaft nicht im Mindesten vor seinem Publicum und dieses wieder genirt sich nicht – über Herrn Stöckel zu lachen, und zwar »unbändig« zu lachen. Stöckel verschmäht es, Umschreibungen zu gebrauchen, das ist dem Manne zu langweilig und seine Zuhörer prätendiren ja auch eine so zarte Rücksicht nicht. Stöckel nennt die Dinge bei ihrem wahren, wenn auch oft – übelriechendsten Namen; er verhüllt auch die Zote nicht, er entzieht ihr selbst das nothdürftigste Gewand und schleudert sie nackt hinaus unter seine lachenden Zuhörer und kichernden Zuhörerinnen. Er bringt Dinge auf's Tapet, bei deren leisester Andeutung die »Damen« sonst die Ohren verstopften oder doch »verschämt« die Augen niederschlugen – bei Stöckel »kugelt« man sich vor Lachen. Dennoch will ich Stöckel nicht gemein nennen und sein Publicum kein sittenloses; beide Theile sind nur, wie bereits gesagt, im höchsten Grade »ungenirt« und über Vieles »hinaus«, was bei halbwegs scrupulösen oder »kritischen« Köpfen Bedenken oder gar Aergerniß erregen würde. Bei Stöckel kennt man sich gegenseitig, man weiß dort, wo »Barthel den Most holt«, man versteht das ... »Jägerlatein« exact und kennt die Terminologie gewisser Ausdrücke wie ein Professor der betreffenden Wissenschaft. Zu was also viele Umstände machen? Man braucht ja deshalb nicht verdorben, auch nicht gemüthsroh zu sein, so wenig als z. B. die urwüchsigen Repräsentantinnen der » Wäschertonerl«-Species schon aus dem Grunde moralische Ungeheuer mären, weil ihre Dialectik eine ungeheuerliche und ihr »savoir faire« ein verblüffend – ungebundenes ist.

Nein, gerade Stöckel's Publicum ist kein solches, das nur der Zote wegen kommt und ihr begeistert zujohlt, es lacht zwar darüber, aber die Zote und die Gemeinheit ist ihm nicht Hauptzweck, nicht Lebenselement, nicht sein ganzes Wissen und Wollen. Stöckel's Stammpublicum steht zwar um eine Nuance unter dem – Kampfs, aber es ist wie dieses nicht aus der Demimonde recrutirt; im Gegentheile, es ist der »untere« Bürgerstand, der tagsüber gearbeitet und Abends ein paar Stunden lachen will, der Geselle, der mit »ihr« kommt, wenn sie ihren »Ausgang« hat u. s. w. Stöckel's Publicum will ebenfalls, wie Kampfs Publicum, nur lachen, und weil es einen gesunden, starken Magen hat und viel vertragen kann, so lacht es über Vieles, eigentlich über Alles.

Und Stöckel ist wirklich drollig. Als Urwiener und Sohn des bei unseren Vätern und Großvätern vielbeliebten Volkssängers, hat er die Eleusinischen »Geheimnisse« des Volkssängerthums sozusagen mit dem »Namenbüchl« gelernt. Er kennt Wien und die Wiener, dann das Wiener Leben wie Wenige; er kennt die Eigenthümlichkeiten und Schwachen des leichtlebigen, lustigen Völkchens, wie nur Einer; er kennt die Sprech- und Ausdrucksweise, den Jargon der unteren Schichten vortrefflich und versteht aus dem »ff« die Schlagwörter des Tages, die »mots« des Augenblicks zu benützen. Ihm ziehen auch alle Jene nach, denen der Kampf zu »hoch« ist, denen Kampf's parodistisches Talent und sarkastisch drastische Charakterisirung zu ferne liegen, aber Stöckel begreifen sie, seinem »Gedankenfluge«, der sich nie über das Niveau der allerpopulärsten Vorkommnisse erhebt, vermögen sie zu folgen, Stöckel's »Philosophie«, die er in seinen drolligen Monologen darlegt, können sie fassen, seine Beziehungen wissen sie zu deuten, seine »Logik« zu würdigen. Stöckel hat auch nicht das Bestreben, zu ironisiren, zu geißeln – er schlägt mit dem Dreschflegel darein, er spricht von der Leber weg, oder wie er selbst sagt, »wie ihm der Schnabel gewachsen ist«. Und das schätzt sein dankbares Publicum.

Ein Abend bei Stöckel ist in mancher Hinsicht amüsant. Schon seine Vortragsweise ist originell. Während sein Vater mit dem dünnsten »Tadädl«-Stimmchen die harmlosesten Lieder zum Besten gab und wie ein krankes »Zeiserl« sein bekanntes

»Von Hietzing kum i her,
Hab' fast kan Ath'n mehr«,

mühselig zwitscherte – schnarrt sein Sohn, der nun wohl auch schon den Fünfzigern nahe sein mag, in gellendster Weise die verfehmtesten Reime herab und schaut sich dabei mit den malitiösesten Augen die Wirkung an, welche die, gleich einem Gußregen aus seinem Munde hervorschießenden, für andere Menschen unaussprechlichen Worte auf seine elektrisirten Zuhörer machten. Nun, diese Wirkung besteht in einem ohrenerschütternden Gelächter und Geklatsche, Stocket verneigt sich, macht einen derben Spaß und singt (d. h. schnattert) ein neues Lied in noch viel merkwürdigerer Textirung und der wunderlichsten Wortfügung.

In den sogenannten »Intermezzos« (komischen Scenen), in welchen Stöckel eine ganze »Rolle«, meist dummdreiste Bediente und ähnliche »Charaktere« durchzuführen hat, ist er unerschöpflich in den drolligsten Einfällen und oft sogar recht witzigen Impromptus.

Mit Stöckel hat das Volkssängerthum keinen Fortschritt gemacht, weder zum Guten, noch zum Schlimmen. Er selbst kennt keine Concessionen an den Zeitgeist, an den Geschmack der Gegenwart, er kennt nur den Spaß, freilich in seiner derbsten Weise, aber – man muß es gestehen, es ist wirklicher Spaß. Zudem versteht ihn sein specifisches Publicum, das ohnehin gleichfalls an die derbste Kost gewöhnt ist. Wie vertraut er nun mit diesem seinem Publicum ist, habe ich bereits oben angedeutet, er selbst nennt sich – da er etwas hinkt – in feinen Ansprachen laut und ungescheut » den hatscheten Stöckel«, und hat er eine Pitèce anzukündigen, so geschieht es, indem er sagt: »Sogleich folgt eine komische Scene: »Der Wunderdoctor« – daß also ka Mensch daweil furt geht!« – Ist das nicht familiär?

 

Wir sind von nun an fort und fort im » Hinabsteigen«. Wer mir folgen will, mag es thun, aber mich später mit Vorwürfen verschonen, daß Manches doch so unsauber, ja Vieles sogar empörend roh gewesen und daß er nahe daran war, in einem Sumpfe der cynischesten Gemeinheit zu ersticken. Sie fragen mich erschreckt, wohin es gehe? Ich weiß es selbst noch nicht; wir haben eine weite Wanderung durchzumachen, ein ganzes Heer von – Wirthshauskünstlern und Künstlerinnen harrt noch unseres Besuches, wir wollen sie Alle kennen lernen und auch ihr Stammpublicum und ihren Einfluß auf die große Masse – und dabei müssen mir sogar das »Rangsverhältniß« im Auge behalten und Jeden und Jede in die Reihe stellen, in die Jeder und Jede gehört. Denn nur keine Verletzung des fremden Ehrgefühls!

Aber da befinde ich mich selbst in einem peinlichen Dilemma und komme mir fast vor, wie Buridan's Gefährte zwischen zwei Bündeln Heu, »prüfend und wählend, welches das Bessere sei« – indem ich sinnend nachgrüble, welcher von den beiden rivalisirenden Gesellschaften, » Eckhard und Pirringer« – dann » Schieferl und Drexler«, von denen die Erstere den Gesangskomiker Reder, und die Andere die sogenannte Localsängerin Fräulein Zeidler als Reservemagnet mit sich führt, der Vorrang gebühre? Beide Gesellschaften haben nämlich die specifische »Ambition«, das Treiben der alleruntersten Volksschichten Wiens in Sang und Klang zu versinnlichen, das »Leben und Lieben« einer ganz eigenthümlichen Gattung Menschen zu zeigen, deren Verve das prononcirteste, hart an das Gebiet des » Kappelbubenthums« streifende » Hackerthum« ist, deren Ideale der Vogelhuber und die Vogelhuberin und deren Heldenthaten bei der » Mehlgrub'n im Prater (seligen Andenkens) sind; die leuchtenden Auges vom » picksüaßen Holz« des » Grueber Franzl« beim » Gschwandtner« erzählen, die bei den » Schwoama Buab'n« schmoren, denen nur bei den Melodien einer » Klampfen« wohl ist, die den Musikanten ihre letzten paar Kreuzer hinwerfen, um sich » anstrudeln« zu lassen und bei den »freien Phantasien« eines » Guitarrezupfers« und den stürmischen » Vierzeiligen« einer » Jodler-Sirene« begeistert ausrufen: » Verkauft's mein G'wand, i bin im Himmel

Meinen verehrten Lesern und Leserinnen, welchen dieses »Beisldeutsch« fremdartig klingt, denen dieses Hacker-Idiom unverständlich ist und die über solches »Sprüchlkauderwälsch« verwundert den Kopf schütteln, kann ich mich nun freilich nicht erklären, sie würden die Beziehungen auch nicht verstehen – aber wenn sie vielleicht schon das »Vergnügen« hatten, ( en passant) die Herren Nagel und Amon gehört zu haben, so könnten sie doch einen annähernden Begriff des »Wesens« jener Volksclasse und des »seelischen« Inhalts ihrer Amüsements haben, zugleich aber auch die Bedeutung des » Klampfen-Jenisch« leise in sich aufdämmern fühlen und sodann – je nach Geschmack oder ihren starken Nerven – mich weiter begleiten oder sich auch widerwillig abwenden.

Die Firma » Nagel und Amon« ist nun, wie ich schon früher einmal gezeigt, die, wenn auch humorlose, gegenwärtig aber doch Hauptdolmetscherin dieses sogenannten » Urwiener«- eigentlich aber » Hackerthums«. Die Ableger dieses Stammhauses sind die seit einigen Jahren selbstständig etablirten Nebenfirmen Eckhard und Pirringer – dann Schieferl und Drexler. Welche von beiden Gesellschaften die »vorzüglichere« sei – wie gesagt, ich weiß es nicht, ich habe nur so viel gefunden, daß beide »Schulen« innigst bestrebt sind, ihre Vorbilder zu überbieten, d. h. bei Reproducirung der »Art und Weise« der gemeinsten Species unserer geliebten Mitbrüder in Superlativen sich zu ergehen und bei ihrer gewohnten minutiösen Detailmalerei des Gemeinen die Farben nicht zu schonen, im Gegentheile, möglichst dick aufzutragen.

Die Herren Eckhard und Pirringer, zwei Vollblutwiener, beschäftigen sich meist mit »Dudeln« (Jodeln) und genießen das Renommé, die ersten »Dudler« des aufgeklärten Jahrhunderts zu sein. Nun ist es allerdings wahr, daß vorzugsweise Herr Eckhard ein Matador auf dem Falsett ist und daß er mit staunenswerther Virtuosität den »Umschlag« und die sonstigen Bravouren eines Professionsdudlers versteht. Es ist auch ferners wahr, daß in diesen – eigentlich unbeschreiblichen Melodien ein prickelnder Reiz, ein wollüstiger, elektrisirender Zauber liegt, daß ihr nationales Element eine anheimelnde Wirkung auf heißblütige Naturen auszuüben vermag, und daß schließlich dieses »melodische Aufjauchzen der inneren Lust« die Zuhörer leicht mit sich fortzureißen im Stande ist. Aber das Jodeln der Alpenbewohner ist wohl ein anderes, als das städtische Surrogat, das uns in gewissen Bierschänken und Kneipen geboten wird. Während der Sohn der Berge in seiner schmucken Tracht, wenn er die nationalen Weisen erklingen läßt, mit der Kraft und dem Schmelz seiner Töne in unserer Brust Wehmuth und Entzücken erweckt, wird der schwarzbefrackte, mit einem »feschen Schnaunzel« adjustirte »Dudler« der Haupt- und Residenzstadt befremdend auf uns wirken und müssen die, wenn auch lieblichsten Melodien durch die triviale Vortragsweise und den unterlegten, meist empörenden Text uns mit den wohlmotivirtesten – Unmuth erfüllen. Denn die eigentliche Tendenz dieser civilisirten Jodler ist doch keine andere, als der Trivialität und Gemeinheit eine Concession zu machen, ihr ein Loblied zu singen und das verwerfliche »Wiener Hackerthum« zu glorifiziren.

Aber man wird mir einwenden, daß die Herren Eckhard und Pirringer – ebenfalls zwei »Inseparables«, zwei sich ergänzende Factoren, wie die Herren Nagel und Amon – sich eines großen Anhanges erfreuen, daß ihr Publicum alle Stände umfaßt, welches nur aus ihrem Munde, aus ihrer Darstellung die Personificirung des » Urwieners« zu hören und zu sehen gewohnt ist? Darauf erwidere ich, daß eine Reproduktion der häßlichsten Seite des Wiener Lebens wahrlich kein Bedürfniß ist und daß es ersprießlicher wäre, die unsaubere »Species«, welche dargestellt werden soll, lieber aussterben zu lassen, als sie durch eine forcirte Copie noch fortzupflanzen. Daß aber die Zuhörerschaft der Herren Eckhard und Pirringer »alle Stände« umfaßt, ist eine leidige Thatsache. Ich war zur Ergänzung meiner mühseligen und aufreibenden Studien erst dieser Tage im » Maximilian-Keller«, wo man unter der artistischen Leitung des Herrn Faber wenigstens exquisit bedient wird. Das Publicum daselbst war nun unstreitig aus »allen Ständen« und ein neben mir sitzender »Mann aus dem Volke« that sich nicht wenig darauf zu Gute, in diesen Räumen mitunter in der illustresten Gesellschaft zu sein. »Ob Sie's glauben oder nit«, meinte er, »da herunt' is' oft recht noblich. A Stuck a zwanz'g Gawlier san gar nix Selten's; da schauen's, da kummen g'rad wieder a drei!« – Richtig, drei Cavaliere vom allerblauesten Blute und darunter sogar Einer, der in der »Affaire Brasseur-Hornischer« eine Marterrolle spielte, den man erst vor einigen Stunden abermals mit der Vorlesung des erschütternd-herzinnigen Briefes seiner unglücklichen, sterbenden »Lori« gelangweilt und der in den schneidigsten »Vierteiligen« des Herrn Pirringer und den »harbsten« Dudlern des Herrn Eckhard die richtigste Medicin für sein fatales Ennuy suchte und – fand. Ach, jener Mann hatte Recht, es wahr recht noblich in diesem Keller.

Wer sich übrigens an den eigenthümlichen Productionen der Herren Eckhard und Pirringer nicht ergötzen kann oder wer vielleicht »Dulliäsatt« und des unausgesetzten »Dudelns« müde ist, der findet an dem Compagnon der Gesellschaft, an dem drolligen, lustigen, quecksilbernen »Gesangskomiker« Herrn Reder einen hinlänglichen Ersatz für die ausgestandenen ästhetischen Leiden und kann unter herzlichem Lachen die Unbill vergessen, die man seinem – Gemüthe angethan. Herr Reder ist nämlich ein wirklicher, dabei vielseitiger Komiker, und ich begreife nicht, daß man diesen Tausendkünstler in einem solchen Wirkungskreise verkümmern läßt, d. h, daß ihn noch kein Theaterdirector entdeckte.

Von der rivalisirenden Firma der vorgenannten Gesellschaft, von denen Herren Schiefer und Drexler, dann ihrer Helfershelferin, dem Fräulein Zeidler, die sich sammt und sonders in demselben Geleise, in dem gleichen Genre bewegen, ist unter Hinweis auf das soeben Geschilderte nicht viel Neues zu sagen, außer – daß sie hauptsächlich und meist einzig und allein nur in der Zote brilliren. Die meisten Strophen all ihrer »schönen« Lieder sind von diesem »Hauche durchweht«, und wo diese gewiß starken Herren der Schöpfung nicht ausreichen, da besteigt das »schwache Weib« die Tribüne und singt mit der kolossalsten Nonchalance Dinge, über die mein Setzer erröthen müßte, wollte ich sie für den Druck hier niederschreiben.

Fräulein Zeidler ist keine angenehme Erscheinung. Zur »prickelnden« Mannsfeld fehlt ihr eben Alles, und sie besitzt nur den hehren Willen, es der Meisterin in der Ungenirtheit zuvorzuthun. Daß die Zeidler nicht die mindeste Anlage zu einer Sängerin, wenn auch nur »Volkssängerin« hat, daß sie nicht vorzutragen, nicht zu pointiren, nicht zu nuanciren versteht, macht ihrem Publicum, das nur mit heißhungerigem Begehren der » Zote« lauscht, nichts; Fräulein Zeidler singt (oder kräht vielmehr) die pure, nackte, eindeutige Zote und wird von ihrem Publicum beklatscht und bejubelt. Und was ist das für ein Publicum, das dieser frivolen Firma nachzieht? Unsere »liebe Jugend« und ein gewisser Theil des untern Bürgerstandes. – Vor mir saß eine solche Bürgerfamilie. Die zwei erwachsenen Töchter wußten vor Verlegenheit nicht, wohin sie ihre Augen richten sollten und wischten sich thatsächlich den Angstschweiß von der Stirne. Zwei sechs- bis siebenjährige Buben schliefen fest und hatten – es war halb zwölf Uhr Nachts – ihre Köpfchen erschöpft auf den Tisch gelegt. Der Vater wollte gehen – aber Fräulein Zeidler begann, dem stürmischen Verlangen eines verehrungswürdigen Publicums Folge leistend, ein neues Lied, und die Mutter an jenem Tische rüttelte mit unmütterlichster Heftigkeit die beiden Knaben. Diese schnellten schlaftrunken empor, rieben sich ihre armen, vom Tabakqualm gerötheten Aeuglein, und die Mutter rief, ihnen das Bierglas hinhaltend: »Schamt's Eng z'schlafen, da trinkt's und hört's zu, sie singt a neug's Lied!« – Wackere deutsche Mutter! – Ich sag's ja immer, die Zukunft gehört den Müttern! –

 

Ein paar Jahre sind es erst, daß das Konsortium » Lamminger und Lasky« sämmtliche »fesche Zeug'ln« von Wien vor die Pforten jener Bierschänken lockte, in welchen es die vielbewunderten » Grasltanz« in endlos variirten Strophen erklingen ließ. Die Begeisterung der »werthen Anwesenden« war allabendlich eine stürmische, das »verehrungswürdige Publicum« konnte sich an den inhaltsschweren Liedern und dem energischen Vortrage nicht satt hören, es strömte stets wieder in Massen herbei und lohnte die beiden »Sänger«, die es so recht verstanden, die nationalen Weisen – Lichtenthals zu interpretiren, mit dem »ehrendsten« Beifallsgeklatsche.

Es war eine schöne Zeit! Fürst und Matras begannen fast gleichzeitig ihre Laufbahn, die » Ach, Herr Jegerle!«-Poesie florirte, Parteien bildeten sich, welche sich im heftigsten Kampfe gegenüberstanden und mit leuchtenden Augen, das Bierkrügel in der zitternden Hand, darüber stritten, wer größer sei: ob Fürst, ob Lamminger – ob Lasky, ob Matras, und ob » der liabe, der guate, der brave Herr von Hecht« auch sämmtlichen Anforderungen des gerade herrschenden Geschmackes entsprechen könne.

Wie gesagt, eine schöne Zeit! Wir staken eben bis über die Ohren in den ersten Segnungen des Concordates; wie ein Bleigewicht lastete die Hand der damaligen »Ordner« des Staates auch auf der Bevölkerung der Metropole und erstickte jede freiere Regung des Geistes und confiscirte jede politische Kundgebung, die nicht in den Kram der momentanen Machthaber paßte. Man arretirte die jungen Leute mit langem Kopfhaar, man reihte die Redacteure der Witzblätter in die Strafcompagnien zu Gaunern und Dieben ein, man löschte das letzte glimmende Fünkchen freiheitlicher Bestrebungen mit den willkürlichsten polizeilichen Ordonnanzen aus – aber man ließ das plötzlich emporwuchernde Unkraut der Gemeinheit und der Zote unberührt und war vielleicht an »maßgebender« Stelle heimlich froh, daß die Menge an solch unsauberen Dingen Gefallen finde, im Bierdusel und »G'stanzel«-Lärm alles Andere überhörte und im blöden Gejohle allmählich versumpfe. –

Mit diesem kleinen Rückblick auf einen der traurigsten Abschnitte der vaterländischen Geschichte wollte ich nur den Zeitpunkt andeuten, wann beiläufig die » neue Schule« des Wiener Volkssängerthums, die unter dem Aushängeschilde des »Fidelen« nur im Trivialsten, in der Charakterisirung, respective Nachahmung der ordinärsten Volksschichte – oder einzig und allein in der Zote macht, begonnen hat. Die Herolde dieser neuen Aera, die nach und nach die große Masse vermilderte, sittlich corrumpirte, für jedes bessere Streben unempfindlich machte, habe ich bereits oben genannt – ihre Firmen bestehen aber nur mehr theilweise. Fürst und Matras trennten sich. Beide wollten sich »veredeln«, d. h. der Eine hat die Hardiesse, Theaterdirector zu sein und der Andere warf die »Schlapfen« des Bänkelsängers weit von sich und schlüpfte in den Sokkus des »höheren Komikers«. Beide vermögen zwar den Tabakqualm-Parfüm ihrer früheren Stellung nicht ganz loszuwerden, aber sie emancipirten sich doch wenigstens von den grellen Gestionen des Wirthshaus-»Harfenisten« und den schreienden Verpflichtungen eines »Brettlhupfers«.

Aber auch das Band, das Lamminger und Lasky, die beiden Unzertrennlichen, so innig umschlang, ist zerrissen; Tyrtäus-Lamminger, der die Spartaner des V. U. W. W, mit seinen »Vierteiligen« einst zu so schönen Thaten begeisterte, daß das Bier, mit Jubelthränen vermischt, über alle Tische rann, ist – verschollen. Ich weiß nicht, zog er sich auf irgend eine ersungene Villa in Erdberg oder »Odakling« zurück und ruht auf seinen Lorbeeren aus, oder ist er auf Kunstreisen in fernen Welttheilen und enthusiasmirt vielleicht einzelne Indianerstämme mit seinen »Schnadahüpfeln«, oder – ist er in ein noch besseres Jenseits hinübergegangen – genug, er ist verschollen. Aber sein Kumpan Lasky lebt und »wirkt« noch. Ich fand ihn erst dieser Tage wieder, aber wie! Alt und fast innerlich zusammengebrochen, mühselig moderne Lieder singend, er, der nach dem Ausspruche seiner Verehrer einst zu den »Halbsten« der »Harken«, zu den »Lautesten« der »Lauten«, zu den »Fidelsten« der »Fidelen« gehörte, der in der »Dudler-Frage« dominirend auftrat und in schmierigen Zeitläuften, in kritischen Augenblicken einen »tiafen Tanz« in die Waagschale warf, die Muthlosen und Verzagten damit aufrichtete und ihr erschlafftes Blut wieder warm pulsiren machte. Der arme Lasky! Herr Zangl, der jetzige Matador des »Reschen« und »Feschen«, der eigentliche Repräsentant des »Urwienerthums«, hat ihn bei seiner Truppe in's Schlepptau genommen und läßt ihn edelmüthiger Weise das Gnadenbrot essen, d. h. ein paar Lieder singen. Sic transit gloria ...!

Zangl! – Wer ist aber Zangl? höre ich den Areopag der »Kunstkenner« rufen. Nun, ich habe seine »sociale« und »künstlerische« Stellung bereits signalisirt und wiederhole es, daß dieser frische, kräftige Mann mit seiner Stierbrust und seinem Stentororgane, seiner Lebhaftigkeit und seinem Mutterwitze, gegenwärtig weitaus der Berufenste ist, jene gewisse Gattung » Vollblut« der » entern« Gründe, wie es leibt und lebt, spricht und singt und – philosophirt, zu copiren und der, wovon sein » Werkelmann«, eine kleine Meisterleistung, Zeugniß gibt, sogar hinlängliche schauspielerische Befähigung besitzt, einzelne Chargen und Typen der minderen Volksclassen aus der lustigen Kaiserstadt auf's Trefflichste darzustellen. Zangl, und das ist ihm bei der dermaligen Zotenepidemie nicht hoch genug anzurechnen, verschmäht das schmähliche Hilfsmittel der equivoquen Attentate, er hat ein reiches Requisit anderer Späße und Drollerien, und steigt er auch manchmal in die tiefuntersten Schichten des Wiener Lebens hinab, so zeichnet er zwar die Figuren desselben auf's Frappanteste und Täuschendste, aber er holt sich bei diesem heiklen Tauchergeschäft keine Zote herauf, und die Zuhörer und die Zuhörerinnen brauchen bei seinen drastischen Schilderungen nicht zu erröthen.

Und Herr Zangl hat diese Fürsorge nöthig. Denn man sagt, daß nicht nur das herzogliche Schreiberlein Criquet und die »Caprizen-Pepi« häufig seinen schneidigen Vorträgen gelauscht, sondern daß auch unnachsichtigere, sensitivere Naturen aus dem high-life der Wiener Gesellschaft mit stillem Vergnügen den rhetorischen Kunststücken dieses »rauhen Pyrrhus« von der »Roßauerlände« zugeschmunzelt hätten.

Herr Zangl besitzt neben den kräftigsten Stimmmitteln aber auch noch das »Mundstück« eines echten Wieners, Sein » Was ist deutsch?« – dieses feierlichste Manifest eines »Thurybrücklers«, ist wohl das Non plus ultra einer dialectischen Eruption, wie sie nur aus dem vulcanischen Busen eines reinblütigen Deutschmeisters hervorzuwirbeln pflegt und deren Lavaerguß von verwegensten Titulaturen und niederschmetterndsten Nomenclaturen als Pelotonfeuer von » Wiener Sprücheln« an das Ohr des verdutzten Zuhörers schlägt.

Aber unter all diesen halsbrecherischen »Sentenzen«, die – um figürlich zu sprechen – » bloßfüßig« und mit » aufgestreckten Hemdärmeln« und » pleine carrière« daherrasen, läuft doch nicht die Zote mit, jene, manchmal etwas verhüllte, meist aber splitternackte Zote, wie sie von der Mehrzahl der Herren und »Damen« dieser Sängergilde so gerne herumgetummelt wird. Als ich mein Staunen darüber ausdrückte, meinte ein neben mir sitzender »herrschaftlicher Koch«: »Das kommen bei ›Sangel‹ nix vor, Monsieur Sangel seien ordentliche Mann und haben nix nöthig, in immoralité zu macken.« – »No«, ergänzte der »herrschaftliche Kutscher«, der ebenfalls an dem Tische saß, den Commentar: »wann's eppa so was gern hör'n, da gengan's zu die › G'frettbrüada‹, da ›geht's dick awa‹!« – Gerne hören?! – Ich warf dem Manne im Bewußtsein meiner culturhistorischen Mission einen »vernichtenden« Blick zu, aber – ich ging zu den »G'frettbrüdern«, weil ich meinen Rundgang zu machen habe.

» G'frettbrüder!« – Was heißt » G'frett?« Castelli hat das Wort in seinem berüchtigten »Wörterbuch der niederösterreichischen Mundart« nicht, er kennt nur das Wort »Frött'n« und erklärt es mit: »eine Sache langsam und ungeschickt thun, auch sich mit Etwas abmühen und doch nicht vorwärts bringen«. Adelung leitet das Wort aus dem schwäbischen »Fretten« – eine schwere Arbeit verrichten – her und nennt »Fretter« einen » Pfuscher«. – Mit diesen etymologischen Vorkenntnissen ausgerüstet, ging ich zu den »G'frettbrüdern«, die unter diesem Namen bei den Volksfängern intabulirt und deren Firma Herr Seifenmoser – oder in Abwesenheit des Chefs Herr Lebschmied zeichnet.

Ich hörte eine lange Weile zu und empfand nebst den übrigen Anwesenden eine herzliche Langeweile. Herr Seifenmoser ist ein Veteran unter den Volkssängern, ein kleines, graues, schmächtiges Männchen mit dünner Stimme und singt altvaterisches Zeug. Herr Lebschmied, der primo buffo, ist ein Groteskkomiker von trivialstem Schlage, humorlos, witzlos, und das Abmühen Beider, Gelächter zu erzielen, rechtfertigte ihren eigenwilligen Titel »G'frettbrüder« vollkommen. Von der berüchtigten Zotenreißerei aber sah ich und hörte ich nichts. Wieso kommt dann die Gesellschaft zu diesem unsauberen Renommée? dachte ich mir, was steckt noch im Hintergrunde, mit welchen Knalleffecten will man den Beifall des bereits ungeduldigen Auditoriums sich erobern? Was kommt noch? – Da wurde eine Soloscene: » Die Ausspielerin«, vorgetragen von Fräulein Fanny Seifenmoser, annoncirt und ein freudiges Gemurmel ging durch den Saal.

Und wie eine Gazelle sprang ein schlankes, zierlich gebautes sechzehn- bis siebzehnjähriges Mädchen, mit einem Goßmannköpfchen, reizenden Angedenkens, hervor und schwang sich auf die Tribüne, verneigte sich, aus den lieblichsten Augen schelmisch lächelnd, nach allen Seiten und begann das Lied. Die Stimme des Mädchens ist nicht stark, aber sie klingt angenehm und schmeichelt sich in Herz und Ohr des Zuhörers. Das anmuthige Mädchen trägt aber auch anmuthig vor, so klug und verständig – dabei ist über die ganze Erscheinung ein eigener Zauber ausgegossen, das Gesichtchen strahlt in Heiterkeit und Lust – unähnlich dem brutalen, rohen, ja frechen Auftreten mancher ihrer Geschäftsgenossinnen gibt sie sich so zart und modest, beinahe unbewußt und unschuldsvoll, man hört so gerne zu ... plötzlich kommt sie zur Pointe – – o pfui Teufel!

Da wiehert nun der Janhagel. Der »dumme Kerl von Wien« erwacht, er fühlt sich in seinem Elemente, er johlt, er jauchzt, denn er watet und patscht herum in der Zote; der Gischt, die Jauche der cynischesten Gemeinheit spritzt ihm in's Angesicht und nun ist ihm wieder wohl ...

Es ist unmöglich zu schildern, was das arme Geschöpf zu singen hat. Das Lied hat eine Unzahl Strophen, aber jede überbietet die andere an Schamlosigkeit, an Rücksichtslosigkeit gegen etwa Anwesende des »zarten« Geschlechtes. Aber der Beifall des »verehrungswürdigen Publicums« wird immer stärker, immer tobender; die Sängerin hat ihren Strophenvorrath erschöpft, sie muß immer und immer wieder erscheinen, bis sie zuletzt mit einer eingelernten Capitalzote ihren tiefgefühlten Dank ausspricht und Abschied nimmt.

Es schnitt mir in die Seele, als ich dem Scandale anwohnte. Und da mußte der Vater – seine Prise gemüthlich schnupfend, zuhören, was sein Töchterchen sang. Die Mutter saß mit seligem Entzücken über das Talent und den Beifall ihres Kindes, vergnügt an der Casse; mein Gott! das Mädchen, der Magnet der Gesellschaft, ernährt seine Eltern; wie muß es nun diese heimlich schmerzen, daß der Geschmack des Publicums ein so tief gesunkener, daß die Gemüthsroheit der Masse eine so fürchterliche ist und man so Unerhörtes, so Empörendes bieten muß, um »bei der starken Concurrenz« nur halbwegs reussiren, feine paar Krügel Bier trinken und sein Jungschweinernes essen zu können ...

Nun existiren vielleicht einige sogenannte »Lebemänner«, die das Alles, was ich hier schreibe, als versteckte Reclame betrachten und den Abscheu, den ich rückhaltslos und offen ausspreche, doch nur für einen veritablen Köder ansehen, um sie zu dieser sauberen Wirthschaft hinzulocken. Möglich; denn es gibt ja Leute mit so eigenthümlich organisirten Spürnasen, daß sie in Allem, selbst in den ehrlichsten Worten doch eine speculative Reclame wittern und diese sind eben nicht zu curiren. Aber eine indirecte Reclame ist eine derlei Schilderung für gewisse Menschen allerdings. Als Samstag ein hiesiges Abendblatt ebenfalls seine Glossen über das Zotenthum einiger Volkssängerinnen machte und dabei pathetisch ausrief: »Eine heilsame Reaction gegen die Zotenreißerei bereite sich in Wien vor« – da sprangen ein paar alte junge Männer wie elektrisirt in die Höhe und der Eine sagte: »Du, da müssen wir doch noch eher dazu schauen, eh' die G'schicht aufhört oder gar – verboten wird!« Und als ich unlängst, entrüstet von dem widerlichen Schauspiel, daß man ein so jugendliches, reizendes Geschöpf, wie die zuletzt geschilderte »Künstlerin«, zu einem solch traurigen Handwerk dressirt, auf- und davonlief und auf der Straße einem »Bekannten« begegnete und ihm meine Empfindungen klagte, schüttelte er verwundert den Kopf und erwiderte »Ah – ah – ah! Was Sie da sagen! Da muß ich doch gleich morgen hingehen, ob's wirklich so arg ist!« – Da hat man's! –

 

Wir sind nun in der Region des Zehnkreuzer-Entrées und der »Zweikreuzer-Zigarl«. Das »Gollasch« dampft und die, wenn auch nur sporadischen Rostbraten, welche die imponirendsten Hausmeister des Bezirkes nach den obligaten »Savaladis in Essig und Oel« als Dessert genießen, entwickeln den populärsten Zwiebelduft. Das Auditorium besteht meist aus Eleven der Schuhmacherkunst und sonstigen Delegirten der »feschen« Arbeiterwelt. Aber auch vorzeitig emancipirte Lehrjungen, deren Stellung es zufällig erlaubt, sich einen »guten Tag« anzuthun, geben durch ihre Erscheinung zu verstehen, daß sie der »kindischen Hetz« beim Röhrbrunnen bereits entwachsen und nicht unempfänglich für das »Höchere« seien, d. h. für die zweite Serie der üblichen Vergnügungen ihrer irdischen Laufbahn: den »Harfenisten«,

Die »Gesellschaft« ist demnach etwas frappirend. Auch das credenzte »Lager« (?) hat nicht die Dreher'sche Noblesse und läßt seinen Ursprung aus Laboratorien der sagenhaftesten Winkelbrauereien vermuthen. Weiters zeigt der hier herrschende Lärm von – beinahe beängstigender, ungezogenster Ungenirtheit, und das in kurzen Zwischenpausen sich stets wiederholende Geklirre von, durch das begeisterte »Anstoßen« verletzten Bierkrügeln illustrirt in eben nicht anheimelnder Methode die gehobene, »animirte« Stimmung der jugendlichen Kunstfreunde.

Aber dennoch »schmücken« diese Kreise mitunter ganz notable Persönlichkeiten. Junge Dandys in prächtiger Toilette und den »heiklichsten« Ueberziehern, hervorragende »Papas« und »Onkels« der Residenz huschen etwas verschämt an den biertriefenden Tischen vorüber und kauern sich bei einer Bouteille Rothwein in irgend einer Ecke nieder; denn wer das unbezähmbare Verlangen in seinem sonst erschöpften Herzen trägt, Fräulein Montag, die singende Prophetin des Gesellenthums, zu hören, muß eben das Opfer bringen, in diese Räume hinabzusteigen.

Wer ist Fräulein Montag und wie kam sie zu solch lärmendem Renommée? Ich weiß darüber nicht viel zu berichten, ich kenne weder ihre genealogischen, noch sonstigen Verhältnisse und habe nur in Erfahrung gebracht, daß sie im Beginne ihrer »künstlerischen« Laufbahn im schönen Vereine mit Fräulein Mannsfeld wirkte, daß sie sich später, wie es unter rivalisirenden und ehrgeizigen Künstlerinnen schon geht, mit ihr entzweite, sich von dem Impresario Klügl engagiren ließ und nun für einige Zeit den Leibpoeten ihrer Meisterin für sich ganz allein gewonnen habe. Mehr als diese kurzen biographischen Notizen kann ich selbst meinen wißbegierigen Lesern und – Leserinnen nicht bieten und füge höchstens noch bei, daß dieses Kellerphänomen eine ganz hübsche, freilich überaus ... resolute Erscheinung ist, daß sie ihren blonden Lockenkopf kühn in die Höhe zu schnellen weiß, äußerst lebhafte flammende, die milchbärtige, wie glatzköpfige Zuhörerschaft beinahe fascinirende Augen besitzt, ein schwarzes, bis an den Hals »modest« geschlossenes Seidenkleid trägt, an einer schweren »goldenen« Kette eine Damenuhr baumeln läßt, und, was die eigentliche Force ihrer künstlerischen Leistung betrifft, es, wie mich ein Sachverständiger mit seinem »heiligen Ehrenworte« versicherte, im Dudeln nicht nur der Mannsfeld, sondern allen »Dudlerinnen«, mögen sie der Gegenwart oder bereits der Kunstgeschichte angehören, schon längst »awaputzt« hat. Mehr weiß ich von dieser Dame nicht zu erzählen.

Aber Fräulein Montag »dudelt« nicht nur, in welchem Gesangsgenre sie übrigens wirklich – möge man den schlechten Witz gestatten, eine »Sonntag«, d. h. eine vollendete Meisterin ist; sie »dudelt« nicht nur – sie singt auch textirte Lieder, deren Inhalt jedoch das Gerücht bestätigt, daß der Erdichter der Mannsfeld sein schönes Talent dem neuen Wirthshaussterne angeboten und der »Toni zum Trutz« gerade jetzt sein »Bestes« geben will.

Ich weiß nun nicht, ob mein verehrter Verleger es mir glaubt, wenn ich ihm auch schwöre, daß ich selbst in diesem Augenblicke, wo ich mich nur an jene Lieder erinnere – erröthe; mögen es dagegen meine theuren Leserinnen mir glauben und mich auch deßhalb von jeglicher Detailmalerei der beiden Gesangsfrevel » Nix is g'scheg'n!« und » Guat is' ganga!« dispensiren.

Das nervenstarke Auditorium erröthete aber nicht. Die – Herren klatschten, als ob sie gerade einen belehrenden Vortrag über Socialdemokratie gehört und als ob man ihnen eben haarscharf nachgewiesen hätte, daß sie keine Wiener Arbeiter, sondern »Europäer«, ja, was noch mehr, »Weltbürger« wären. –

Ich hätte es gerne gehabt, daß in diesem peinlichen Momente, wo, nebenbei erwähnt, Fräulein Montag einem hart an der Tribüne postirten, ungeberdigen und volltrunkenen ... Jüngling während ihres Vortrages mit dem Notenhefte eine »Dachtel« auf das Hinterhaupt versetzte, und diese autonome Justiz der fixfingerigen und schlagfertigen Volkssängerin von Allen, selbst von dem »Betroffenen«, mit ungeheucheltem Jubel begrüßt wurde – ich hätte es, sage ich, gerne gehabt, daß jenes Mitglied des Arbeiterbildungsvereines, welches mit Leidenschaftlichkeit Vorträge über Voltaire's »Candide«, die »Fee Nab« und ähnliche literarische Curiositäten hält, an meiner Seite gesessen wäre.

Vielleicht hätte der gelehrte Ausschuß doch die drängende Notwendigkeit gefühlt, daß vor allem Anderen in seiner Standesclasse ein sittlicher Grund gelegt werden muß und daß – selbst ehe man noch die Arbeiter mit den poetischen Schöpfungen Shelley's oder der Felicia Hemans bekannt macht, der Verwilderung, der moralischen Corruption, welche durch die fanatische Cultivirung des zotigsten Bänkelsängerthums sogar über den jugendlichsten Nachwuchs hereinzubrechen droht und theilweise schon hereingebrochen ist, nur insofern Halt geboten meiden kann, wenn die Wortführer der Arbeiter ihre »Macht« und ihren oratorischen Einfluß dazu verwenden, einen wohlmotivirten Abscheu vor diesem ekelerregenden Treiben selbst in dem Busen des ausgelassensten Epigonen des Meisters Sachs zu erwecken.

Oder ist es etwa nicht ein betrübender Anblick, es zu sehen, wie unser Gesellenstand sich im Schlamme der Gemeinheit wälzt, wie die Arbeiter nicht nur sich selbst an solch scandalösen, gesungenen Orgien weidlich ergötzen, sondern auch noch ihre »Bräute« mitnehmen und diese nöthigen, den Unflath zu toleriren, ja – sich daran zu gewöhnen? – Was werden das einst für Mütter werden, und wie werden sie ihre Kinder erziehen? Soll die Roheit, das Erbtheil gewisser Stände und Volksclassen, nie und nimmer enden? Freilich sollten in diesem Punkte die Arbeiter, die Meister selbst mit »leuchtendem« Beispiele vorangehen und nicht ihre eigenen Familien in derlei Zotenspelunken führen. Aber statt »die Kleinen lehren, Speere werfen und die Götter ehren«, animirt man sie, die Wiener Lieder einer Mannsfeld, einer Zeidler, Seifenmoser oder gar einer Montag anzuhören und in der Schlemmerei und im »Dulliä-Verständnisse« heranzuwachsen. Gott besser's! –

 

Die Jeannette Weiß singt auch! – – Mit diesem scheinbar unüberlegten Ausspruche will ich aber dennoch keinesfalls weder die Muse des Gesanges noch den Begriff » Singen« überhaupt verletzen; denn ich glaube, daß, wenn wilde Indianerstämme ihr Geheul erschallen lassen und dies von den gelehrtesten Reisebeschreibern oder gefangenen weißen Reportern als »Kriegsgesänge« bezeichnet, somit als in die Rubrik »Singen« gehörig, classificirt wird – und wenn ferners sogar das Charivari von heiseren Gurgellauten, das die ungezähmteste Naturalien beim »burgundischen Kreuz« im Wurstelprater, Liesinger-Unterzeugvoll mühsam hervorquetscht, von den umstehenden Köchinnen und ihrer militärischen Assistenz »Singen« und die musikalische Missethäterin selbst eine Sängerin, wenn auch nur eine Volkssängerin genannt wird – man nicht anstehen darf, auch das, was Fräulein Jeannette Weiß allabendlich im Wirthshaus bei Clavierbegleitung thut – singen zu nennen. Also sie singt wirklich! –

Es liegt mir nun nichts ferner, als dem Fräulein durch eine unfreundliche Kritik in seiner Carrière etwa schaden zu wollen. Auch ihre »Schule« und ihren »Meister« will ich nicht tadeln, da ich ja ohnehin nicht weiß, ob sich die sonderbare Sängerin Beider je erfreute, und ob sie nicht vielleicht in ungeschultester, ungekünsteltster Urwüchsigkeit, gerade in heroischer Verachtung jeglicher Notenkenntniß dennoch ihren Platz als europäische Künstlerin einzunehmen bestrebt sei. Aber auch die »Stimme« will ich nicht verlästern, da der Charakter derselben vorläufig ohnehin noch nicht genau zu »räcisiren ist, welcher Ansicht auch mein verehrter Freund, der »Maschindrumbeter« Przlaczek huldigt, indem dieser »Hanslick« der Stadt Belgrad auf meine Erkundigung die Achseln in die Höhe zog und erklärte: »Waß man nix was G'wißes, ob is Ald, ob is Subran, ob gar is Indermezzo, weil is Stimstock nix in Urdnung, ganz ruinirte!« – E pur si muove! Und sie »singt« doch! –

Was sie singt? Mein Gott! Die »g'wiss'n Liada«, für deren Interpretation man heutzutage nur mehr das »zarte« Geschlecht wählt und mit welch »pikanter« Methode – das idealste Gebilde des Weltenschöpfers: das Weib, die Lehrmeisterin für Obscönität werden zu lassen, man allein noch die erschlafften Nerven der blasirten Gesellschaft aufzurütteln vermag und – »a halbwegs leidlich's G'schäft mach'n kann«!

Ich saß so recht zerknirscht über die Ohnmacht der Besserdenkenden, so recht muthlos gegenüber der verheerenden Macht der Gemeinheit, so recht angewidert von der ungeschlachten, rohen Production der »Sängerin« und dem Gejohle der Zuhörer, und grollte im Stillen meinem hämischen Schicksale, das mich dazu verurtheilte, sogar derlei anhören zu müssen und dieses Zotengeplärre gerade von den jugendlichsten Aspiranten des activen und passiven Wahlrechts beklatscht zu sehen. Ich mußte wohl gar zu vernehmlich geseufzt haben, denn ein neben mir sitzendes, legitim getrautes Paar frug mich bekümmert, ob mir etwas fehle oder ob mir die »G'schicht« vielleicht nicht gefalle? Es ist nun möglich, daß ich mein Referentenhaupt schwermüthig geschüttelt, denn die Beiden sahen sich verwundert an, worauf mich die gutmüthige Frau tröstete und meinte: »'s is wahr, gar schön is das nit, was ma da z'hör'n kriegt, aber es is ja a nur für d' jungen Leut, die müssen doch a a Freud hab'n!« – Also nur für die »jungen Leut« ist »das«? – Sixtes! Sixtes! – Ich glaube, ich ging hinaus und »weinte bitterlich«.

»Fräulein« Jeannette Weiß ist eine »hoch aufgeschossene« starke Person. Sie imitirt, was das moderne, bis an den Hals geschlossene, sittsame Volkssängerinkleid betrifft, weder die Mannsfeld, die diese keusche Mode erfunden, noch die Montag, die den »Gspaß« nachmacht, Fräulein Weiß huldigt der entgegengesetzten Methode. Auch ihre Aktionen sind nicht so bescheiden, so nur leise andeutend, wie es die pfiffige »Toni« zu machen und soviel Effect damit zu erzielen versteht. – Die Weiß haut mit den fleischigen Armen um sich und gebraucht dieselben, wie die wirkliche und falsche Antoinette ihr »Bein«, zur Versinnlichung dessen, wo der Text nicht immer ausreicht. Sie hat zwar schließlich nicht den mindesten Beruf für ihr dermaliges Geschäft, aber – sie scheint wenigstens, wie so Viele ihrer Gattung, ein »gutes Herz« zu haben, denn obwohl eben nicht mit glänzenden Einnahmen beglückt, gab sie doch erst vor ein paar Tagen eine Beneficevorstellung zu Gunsten der hochbetagten Mutter eines kürzlich verstorbenen »Volkssängers« Namens Kainz.

Ach, die arme Matrone saß, in das ärmlichste Schwarz gekleidet, am Cassentischchen und zählte wiederholt die vier bis fünf Gulden, die ihr nun für ihre alten Tage geschenkt wurden; die »Jeannettel« wetterte auf der wackeligen, morschen, baufälligen Tribüne ihre derben »G'stanzeln« herab ... ich weiß nicht, was in jenem Augenblicke das verlassene, gebrechliche Mütterchen gedacht und gefühlt haben mag, wenn sie ihres todten Sohnes sich erinnerte, der ja auch dieselbe »Künstlerlaufbahn« betreten, und daß es doch wohl eigenthümlich sei, wenn man gerade durch den Vortrag der frivolsten Lieder ihr in ihrer Noth und Kümmerniß, in ihrem herzzerreißenden Elende eine edelmüthige Hilfe bringen will. Vielleicht seufzte sie auch? Vielleicht beklagte sie doch – diesen »Stand«, der in seiner fortschrittlichen Entwicklung heute fast durchaus sittlich so tief gesunken ist? Vielleicht zürnte sie – tiefinnerlich beschämt, erst jetzt ihrem Sohne? ... Die alte »Harfenistenmutter«! – –

Aber, um nicht sentimental zu werden, was für den »Stand«, den ich mir erwählt, das Gefährlichste wäre, suchte ich lieber die » Salonjodlerin« Fräulein Mathilde Krahl auf, die sich unter dieser kühnen Bezeichnung bei der Genossenschaft der »Dudlerinnen« intabuliren ließ und als solche in der Kunstgeschichte Wiens glänzen – möchte.

» Salonjodlerin!« Das Wort klingt wohl barock, hat aber für den, der das locale Mäcenatenthum kennt, nichts Befremdendes. Es ist nämlich noch nicht so lange her, daß gerade in den aristokratischesten Gemächern, in gar vornehmen Salons die Zither sammt ihrem dudelnden Zugehör en vogue gewesen: die zart geädertsten Damen glühten ungescheut für diese romantischen Melodien der Sennerhütten oder des Kuhstalles und so manches üppige Boudoir wurde zur idyllischen »Schwaig«, worin man mit dem neuen faible den phantasievollsten Cultus trieb. Alexander Baumann brachte die Sache in die Mode, das Burgtheater-Nandl, Fräulein Wildauer, machte sie salonfähig und der Zithermatador Kropf wurde thatsächlich zum »tonangebenden« Helden der damaligen Abende. Wie Alles durch Ausschreitungen sich abnützt, so war's auch in dieser momentanen Geschmacksrichtung. Man griff immer tiefer und tiefer und lud sich zuletzt in jenem bekannten Rennweger Tusculum sogar – Herrn Fürst ein ...

A la Camera scheint sich der Dudlercultus überlebt zu haben. Natürlich; man braucht ja, um dem specifischen Gelüste fröhnen zu können, diese heimlichen Dudlerconventikel nicht mehr, man fährt in dieser aufgeklärten Zeit ungenirt in unnumerirten Fiakers zu den öffentlichen Soiréen der Mannsfeld und der Montag, und genießt unter Einem den dazu gehörigen Parfüm der ganzen »fidelen« Wirthshausscenerie. Ob nun Fräulein Krahl je in einem veritablem »Salon« gejodelt und ob sie demnach das stolze Prädicat einer » Salonjodlerin« c'est-à-dire »gesetzlich« zu führen berechtigt ist, ob ihre künstlerischen Antecedentien bis in solche Räume reichen, in welche man nur über mit Teppichen belegte Stiegen zu schweben hat, das Alles habe ich leider nicht in Erfahrung bringen können. Auch das Dulliä-Professorencollegium, an das ich mich in meiner Kritikerangst wendete, wußte mir nicht Bescheid zu geben, denn Fräulein Krahl blüht wie ein Veilchen nur im Verborgenen, es ist schwer, sie aufzufinden und ich habe sie rein zufällig beim – »schwarzen Ochsen« auf der Landstraße entdeckt.

Die » Salonjodlerin« singt dort in der » Schwemm«. Es ist dies übrigens das geräumigste Local des Etablissements, das nur noch zwei kleine Nebenzimmer aufzuweisen hat, und die beim »Ochsen« sich producirenden Künstler müssen sich deshalb schon bequemen, unter den unmittelbaren Auspicien des Hausknechts, respective »Weintragers« zu »arbeiten«.

Als ich eintrat, sah ich noch nicht die mindesten Vorkehrungen für die »Soirée«. Wohl saßen die Künstlerin und ihr Cortège in einem Winkel, aber mehr zur Abreise gerüstet, als für den heiteren Dienst der Musen, und thaten recht kleinlaut. Der Wirth hatte das sogenannte »große Umschießen«; es war nämlich auch zugleich » Blunzen- und Leberwürsttag« und die Anwesenden lechzten hörbar nach dieser schweinernen Ambrosia, denn das stürmische Feldgeschrei lautete unaufhörlich: »Nur recht braun, Herr Wirth!« Dieser selbst war nicht »gut aufg'legt« und auf meine Frage: wann das »Concert« beginne, antwortete er trocken: »Gar nit, der Hausherr leidt's nit!« – Der Hausherr leidt's nit – der Tyrann!

Das vorhandene Publicum fügte sich jedoch in das Unvermeidliche und kaute seine Würste. Es bestand meist aus ehrbar rußigen Schmiedegesellen und sonstigen Arbeitercollegen; die Damenwelt war nicht vertreten.

Da trat ein benachbarter Jüngling mit der »Seinigen« ein und machte an die Inamorata mit der kategorischen bezirksüblichen Redeformel: » Da schwaß Di nieder!« die Einladung zum »Platznehmen«. Dies geschah und entschied für den Abend. Außerdem kamen noch einige Stammgäste und die übrigen stabilen Extrazimmerhonoratioren, und nun wurde der Kellnerjunge cencouragirt, sich in die Höhle des Löwen, nämlich in das hausherrliche Atrium zu wagen: »mit einer schönen Empfehlung vom Wirth und ein' Handkuß von der Fräul'n Krahl und sie thäten halt bitten lassen – u. s. w.« Ich glaube, das Placetum wurde aufgehoben, das Veto zurückgenommen und die Licenz huldvollst gewährt, denn alsbald ging der Arrangirungsrummel los.

Zwanzig fleiß'ge Hände regen,
Helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle –

d. h. der Wirth, der Hausknecht, der Kellnerjunge und einige »Freiwillige« stürzen sich muthig in die Schlachtlinie, in die compacte Masse der dichtbesetzten Tische, fassen diese an beiden Enden – die Gäste mit den Wurstresten, sie theils zwischen den Zähnen, theils mit dem »Hölzl« in den Händen haltend, springen in die Höhe und fügen sich gutwillig in die neue Ordre de bataille, denn es ist Platz zu machen für's »Glawir« und für die »Bawlatschen«. Aus der »Fleischbank«, d. h. dem Abstechlaboratorium des Wirthes werden nun zwei Schrägen geholt, ein paar Bretter darauf gelegt und die Tribüne ist fertig.

Das Alles ist im Nu geschehen. Mittlerweile beeilt sich der Famulus der Gesellschaft, die äußere Decorirung des Hauses ordnungsgemäß zu bewerkstelligen. Das »Annoncenkastel« wird hervorgebracht, mittelst fabelhaft rasch fabricirten »Mehlpappes« werden die »Soiré-Pelakate« darauf geklebt, zwei brennende Kerzen hineingestellt, die leuchtende Firma wird beim Eingange aufgehängt, der Hausknecht wischt sich den »Schwiz«, der ihm »bis über'n Buckel awirinnt«, mit dem Leibelärmel von der Stirne, die Künstler stärken sich noch mit einem Schluck »Abzug«, die Primadonna – eine dralle, bereits im Hochsommer des Lebens stehende, mit einem schwarzen Lockenkopf geschmückte, jedoch unrasirte Dame legt ihre Vermummung ab – Alles räuspert sich und die Production, die eigentlich in einem unaufhörlichen, rapiden »Absammeln« besteht, beginnt.

Wie gesagt, die Zustandebringung der »Soirée« kostete nicht viel, aber eine schwere Arbeit – es war nicht der Mühe werth! –

 

Da macht mich Einer, der genau bis auf's Itüpfelchen ist, aufmerksam, daß ich bei meinen »kritischen Gängen« die Rangordnung verletzt, daß ich eine »Koryphäe« übersprungen und dadurch meinem Gerechtigkeitssinne wie Taxirungsvermögen beinahe eine Blöße gegeben hätte, indem ich, weiß Gott! über wen und was Alles schon geschrieben, aber der – Fanny Hornischer, die doch so viel Spectakel in Wien mache und ihre Existenz so tumultuös kundgebe, mit keinem Sterbenswörtlein gedacht habe. »Ueber die Hornischer«, meint mein pedantisch gewissenhafter Freund, »sollen Sie doch schreiben, die kommt ja weit vor der Zeidler, Weiß u. s. w., die dürfen Sie nicht ignoriren, es ist schon des Publicums wegen!« – – Richtig; die Hornischer, auf die hätt' ich bald vergessen ...

Eigentlich nicht vergessen. Nur Mangel an Zeit und – aufrichtig gesagt, eine Art – Idiosynkrasie, die ich bei Nennung dieses markanten Namens nicht überwinden kann, hinderten mich bisher, meiner Pflicht nachzukommen. Nein, ich habe sie nicht vergessen, im Gegentheile, erst dieser Tage, als ich die jetzt in Wien anwesenden drei Pariser Volkssängerinnen sah und hörte, ist mir meine edle Landsmännin, die Fanny, eingefallen, und ich nahm mir da ernstlichst vor, bei nächstbester Gelegenheit das Versäumte nachzuholen. Und seitdem hab' ich sie nun auch gehört, die Hornischer ...

Viele anständige Menschen beklagen das Erscheinen und die Productionen der drei Französinnen. Es ist wahr, was sie importiren, ist eben kein Bedürfnis; für Wien und was sie leisten, ist sowohl vom sittlichen, wie vom künstlerischen Standpunkte aus eher als verwerflich zu betrachten. Dennoch glaube ich, ist das bösartige Contagium, das die fremden Damen in unsere Mauern verschleppt, kein so nachteiliges, so intensiv wirkendes und ich bin vielmehr der Ansicht, daß der eigentliche Pesthauch unheilbarer Sittenverderbniß von unseren vaterländischen Künstlerinnen genügend verbreitet wurde. Die drei Pariserinnen haben uns sittlich nicht verschlechtert, die haben uns moralisch nicht ruinirt.

Was leisten denn die drei verschrieenen Sumpfpflanzen von der Seine gar so Entsetzliches? Die Dolores ist, wie der Wiener sagt, »a arm's Waserl«, die »nit kalt und nit warm macht« und apathisch ihre unverständlichen Chansonetten herableiert. Der Satan der Wasagasse, die Antoinette, ist eigentlich auch nur ein Impresario-Schwindel, das Fräulein hat keine Stimme und trägt auch nicht besonders pikant und charakterisirend vor, da ihr der Mannsfeld'sche Esprit, der im Scandalgenre so herrlich eingreift, zu fehlen scheint. Die Antoinette leistet sogar blutwenig. Sie arbeitet mit ihrem Beine; das ist ihr ganzes Können und Wissen und das sehen wir ja allabendlich an unseren heimischen Ballerinnen. Was sie singt, verstehen ferner die Wenigsten, vielleicht nicht einmal der Regisseur dieser Bühne, denn sie singt im Pariser Straßenjargon, der bekanntlich weder bei Machat, noch bei Meidinger, noch bei Ahn erklärt wird, und die verlästerte Antoinette ist somit selbst »textlich« für die keuschen Ohren der Wiener und Wienerinnen nicht von enormer Gefahr. So bleibt denn nur die Alkazar- Marguerite, deren Erscheinung freilich einige Bedenken von Seite der Sittlichkeitspolizei, die wir in unserem eigenen Busen zur Wahrung unserer Unverdorbenheit zu erhalten haben, wachrufen könnte.

Mlle. Marguerite ist eine verwirrend corpulente Dame. Sie thut auch nicht besonders prüde und geizt mit der Schaustellung ihrer Reize, die in's Gewicht fallen, nicht im Mindesten. Personen mit etwas ängstlichen Grundsätzen erschrecken vielleicht, wenn sie diese Göttin der Ueppigkeit, die selbst für das unbewaffnete, kurzsichtigste Auge noch immer eine Büste voll Ueberschwenglichkeit und eine noch dazu ungekünstelte, aber hyperbolische Anschoppung unter der Kniebeuge offenbart, plötzlich zu betrachten haben. Auch was sie singt – und sie singt leider sehr verständlich und verständig, ist nicht immer ein Hymnus auf die Verschämtheit, für welche Tugend Propaganda zu machen, die schlau blinzelnde Pariserin überhaupt nicht auf Reisen gegangen zu sein scheint. Mitunter klingt Einiges sogar etwas ... frivol; ja manche stylistische Wendung ihrer Chansons, accompagnirt von der entsprechenden Hüftenbewegung, gibt unserem moralischen Gewissen einen tüchtigen Schlag – aber so niederschmetternd gemein klingt vielleicht selbst das Abscheulichste aus diesen sinnlich aufgestülpten Lippen nicht, als wenn unser (ja, wir dürfen sagen: » unser!«) »Landeskind«, die heimische Künstlerin Fanny Hornischer die Strophenzote: » Nit schön, aber guat!« singt, und so bodenlos trivial wird selbst das Cynischeste aus dem Munde der gleichfalls ungenirten Französin nicht erscheinen, als wenn unsere (ja, wir dürfen sagen: » unsere!«) vaterländische Sängerin ihren Gesangscollegen in der schnarrendsten Tonart mit den Worten: » Soglei a Lied vom ›bladen Binder‹!« annoncirt.

Das ist wohl der Superlativ der unweiblichsten Roheit und diese innerliche Roheit wird umso widerlicher, als die Sprecherin in himmelblauem, »anstandshalber« bis an das Kinn geschlossenem, mit der obligaten Schleppe behaftetem Seidenkleide, in der Maske einer sozusagen anständigen Dame erscheint, und diese erborgte Maske dazu benützt, zur prickelnden Ueberraschung ihres Auditoriums, dieses mit einer Sturmfluth sprachlicher Gemeinheiten zu überschütten. Und wie lachen über derlei schmutzigen Gußregen oder platzende Petarden der Trivialität meine theuren Wiener, wie jubeln sie über die Naschmarktphrasen der »eleganten« Sängerin, wie »paschen« sie über solchen »Jux«.

Aber wie »fidel«, wie »fesch« die Fanny Hornischer ist! Wie sie – anscheinend so recht in ihrem Lebenselemente sich bewegt, wenn sie – wie eine Ente in der Pfütze, im dicksten Zotensumpfe herumplätschert und ihr die Jauche bis an die Stirne spritzt. Und wie bei solcher Production ihr und ihren Verehrern so cannibalisch wohl ist ...

Da fiel mir – die ich überhaupt nicht aus dem Gedächtnisse verlieren kann – die Katastrophe ein, welche den Namen Hornischer zuerst in die Oeffentlichkeit brachte. Die Fanny hatte sich vordem in Vielerlei versucht, sie mimte und sang vor der Linie und im Prater, und Kunstkenner wollten behaupten, sie hätte zur Sängerin oder Schauspielerin nicht den mindesten Beruf, nicht das mindeste Talent. Da – schoß sich ihre Schwester, die arme Lori, durch's Herz; das unerfahrene Kind, das man in Gesellschaft der Fiaker-Milli, der »böhmischen Toni«, der »dicken Bernhardine« u. s. w u. s. w. brachte, starb an – schlechter Obhut – man hätte nun glauben sollen, die überlebende Schwester würde von diesem fürchterlichen Schlage zermalmt, oder sie büße in einem Winkel der Erde dafür, daß sie der unschuldsvollen Schwester keine gute Wegweiserin war und die Mutterstelle bei dem unerfahrenen Wesen zu leichtsinnig ausgefüllt habe. Ach nein; der entsetzliche Fall wird zur Reclame für den Namen und die Fanny stellt sich sogar in den Vordergrund, in die grellste Beleuchtung, sie wird Volkssängerin, und – in welchem Genre!

Es wäre damals an den Wienern, wenigstens an den Frauen Wiens gewesen, die Aufdringliche zurückzuweisen und durch einen allgemeinen Schrei der Entrüstung über solches Treiben die Ehre der Wiener Gesellschaft zu wahren. Von all dem geschah nichts. Wohl sollen, wie es heißt, bei dem ersten Debüt der neuen Bänkelsängerin einige Zischlaute gehört worden sein, allein die Hornischer-Enthusiasten erklärten die Zischer für »brotneidige« Mannsfeld'sche Emissäre, und der Jubel war sogar grenzenlos, als der Applaus die Störefriede übertäubte. Gerechter Gott im Himmel! Als ich unlängst gerade auf einem echt »bürgerlichen Grunde«, auf der Wieden, unserer politisch-hochwichtigen Vorstadt » St. Antoine«, den Freudenrummel, den die Hornischer mit ihren S..liedern unter den Anwesenden hervorrief, mitanhören mußte, als ich es mit eigenen Augen sah, daß sich betagte Männer, ihre Familien am Tische zurücklassend, zur Tribüne drängten, um nur kein Wort davon zu verlieren, was aus dem Munde der lascivsten Volkssängerin hervorquillt, und nicht einmal errötheten, daß ihre Frauen und Kinder gezwungen waren, diesen gesprochenen und gesungenen Unflath anzuhören – da frug ich mich selbst: Sind das Deine Landsleute? Sind das die Wiener, die einst Barrikaden erbaut, das Zeughaus gestürmt und ihre Brust den Bajonetten einer zehnfach überlegenen Macht entgegengehalten haben?

Sind das die Wiener, für die so viel edles Blut geflossen, für die die Wortführer der Bewegung in den Tod gegangen oder in den Kerkern geschmachtet? O, diese zwanzig Jahre haben uns hart mitgenommen, diese zwanzig Jahre offener und versteckter Reaction haben uns entnervt, versumpft, sittlich zu Grunde gerichtet, diese zwanzig Jahre haben uns ...

Man verzeihe mir, daß ich scheinbar den unwürdigsten Anlaß benütze, um ein Blatt aus der Geschichte Wiens in's Gedächtniß meiner Landsleute zu rufen. Aber mit tiefster Bekümmerniß erfüllt es mich, sehe ich die Geistes- und Herzensrichtung einer erschreckend großen Zahl meiner Mitbürger und wie oft gerade der Mittelstand – jedes bessere Streben als langweilig perhorrescirend, nur der Zote, der Gesinnungslosigkeit, der Gemeinheit zujohlt. Was ist dann von den unteren und untersten Ständen zu gewärtigen? Einer meiner hochverehrtesten Freunde, dessen Pessimismus kein krankhafter, sondern ein »wohlmotivirter« ist, lächelt in solchen peinlichen Augenblicken stets auf eine diabolische Weise und trumpft mich mit dem unwiderlegbaren Hinweis auf derlei Geistesprostitutionen jedesmal mit den Worten ab Diese Leute wollen eine Constitution? Gebt ihnen eine alberne »Komödie, eine frivole Cancanistin, eine freche Bänkelsängerin – und sie sind zufrieden!« – Circenses! Circenses!

Fräulein Hornischer ist für den Moment in gewissen Kreisen eine gefeierte Erscheinung. Ein Exvater der Stadt, dessen Beziehungen zu der gesungenen Ungenirtheit bekannt sind, applaudirt in heiliger Begeisterung für das »G'wisse«! Die Sängerin selbst ist anscheinend recht lebensfroh und glücklich und erfreut sich vorderhand des »ehrenden« Beifallssturmes. Mich aber dauert sie beinahe. Ich denke immer, daß sie – zur Ehre der Weiblichkeit, doch Stunden hat, wo sie die ganze Erbärmlichkeit ihrer »künstlerischen« Mission empfindet, wo sie vor der, im Grunde genommen, doch qualvollen »Oeffentlichkeit« ihrer Stellung vielleicht sogar erschrickt, wo sie bei der Erinnerung an die gar zu effectvolle ... Ouvertüre ihrer Production als Volkssängerin doch erbebt, und bei dem Gedanken an eine voraussichtlich freudenlose Zukunft etwa ihre »Zustände« bekommt. Vielleicht fühlt sie sich trotz des tollen Lärmens der fanatischen Zechgenossen, trotz des Geknalles der Champagnerstöpsel zeitweise übel gelaunt und ungeachtet des Umschwirrens jubelnder Verehrer dann und wann doch recht einsam und verlassen! Vielleicht weint sie sogar zu Zeiten um ihre arme, todte Schwester, die schrecklich enttäuschte Lori ..., ist es so, mein Fräulein? Dann – verzeihen Sie mir, was ich über Sie geschrieben habe. – –

 

Wien ist endlich auf dem rechten Wege. Da schreibt mir Jemand, daß meine edle Landsmännin Hornischer ein geradezu injuriöses Couplet auf mich singe, d. h. krähe, und daß das »Publicum« keinesfalls darüber indignirt sei, im Gegentheile »juble und jauchze«. Der Mann vergaß beizufügen – welches Publicum. – Bei der Geschmacksrichtung, welcher die große Masse heutzutage huldigt und welchem Genre sie überhaupt »zujubelt«, wäre übrigens noch ganz Anderes zu gewärtigen. Wie dem auch sei, das Spülicht der Gemeinheit, das die singende Zote ungescheut und öffentlich über Alt und Jung, Weib und Kind ausgießt, hat den Kern der Wiener Bevölkerung bereits mit einer undurchdringlichen Kruste überzogen, an der jeglich veredelndes Bemühen einer reinigenden Seife fast vergebens ist. Welcher Geschmack aber der herrschende, was das Leibgericht der Menge ist, davon ein paar erläuternde Beispiele.

Es existirt in Wien eine Gesellschaft » Katzenberger«, welche sich ebenfalls öffentlich producirt, aber keine Gesangsvorträge zum Besten gibt, sondern nur in »Musik« macht. Nun, der Name Katzenberger klingt wohl nicht harmonisch und nicht melodisch, dennoch leistet die Gesellschaft ganz Tüchtiges. Die Frau ist eine kleine Meisterin auf der Flöte, Clarinette und dem Piccolo, auch eine gute Zitherspielerin ist sie. Der Mann ein vortrefflicher Violonist, desgleichen sein College. Der eine Sohn der Familie leistet auf dem Clavier recht Anständiges und sogar der jüngste Katzenberger'sche Sprößling arbeitet bei der großen Trommel und den Cinellen wacker darauf los. So bildet denn die Familie ein ganz gutes Orchester en miniature und bringt ihre Piècen fast tadellos zur Aufführung. Man sollte demnach glauben, daß sich Familien aus dem Mittelstande an einer derlei musikalischen Katzenberger-»Soirée« ganz wohl vergnügen könnten. Dem ist aber nicht so, die Mehrzahl der Anwesenden langweilte sich. Ein ehrsamer Bürger vom Grunde klopfte mürrisch seinen Ulmer mit den Worten aus: »Fade G'schicht!« – »Fad?« interpellirte ich den vorstädtischen Kritiker, »warum fad?« »No«, entgegnete er, »das seg'ns und hörn's ja; 's is ja a Alles mäuserlstill, die Leut' woll'n halt was sing'n hör'n und was Fesch's – aber da soll'ns morg'n kommen, da singt die X., da wurden's an Spectakel erleb'n und a Hetz! – i g'freu mi selber schon!« – Würdiger Greis!

Weiters. Die Volkssängergesellschaft Hofer, Unger und Wanthaller gehört meines Erachtens unter die besseren, jedenfalls anständigeren Ableger der vielgeästeten singenden Genossenschaft. Das lustige Trifolium cultivirt eben nicht die nackte Zote und sucht mehr durch drastischen Spaß zu wirken. Wer lachen will, der kann da genug lachen. Herr Hofer ist nun nebenbei noch ein recht angenehmer Sänger. Endlich ist der Mann auch sehr bescheiden. Freilich ist diese Bescheidenheit eine durch den Erfolg nothgedrungene, denn als ein neben mir sitzender Herr den Sänger nach einem Liede becomplimentirte und sein Bedauern aussprach, daß er so selten singe, erwiderte Letzterer fast kleinlaut: »Ja, ich würde recht gerne singen, aber ein großer Theil des Publicums findet an derlei Liedern keinen Gefallen. Muß ich's doch selbst oft hören, daß ganz ›anständige Tische‹ bei meinem Erscheinen ausrufen: ›O je, kummt der schon wieder mit sein' G'sangel; mir mög'n aber das nit, mir möchten a paar harbe Tanz – so g'wisse Liader hör'n‹! « –

Da habt Ihr ein Urtheil aus dem Munde von ehrlichen Volkssängern und Volkssängerinnen über den Geschmack des Publicums. Wollt Ihr ihn noch unterstützen und schützen? Meinetwegen thut's, wenn Ihr darob nicht erröthet! –

 


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