Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

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Drey und dreysigster Brief.

Wien –

Ich gab mir bisher alle Mühe, um den Werth der Güter kennen zu lernen, die jährlich in Hungarn ein= und ausgeführt werden, um mir einen deutlichen Begriff von dem Nationalreichthum zu machen. Entweder trägt man die Mauthregister, die einzeln mit ziemlich viel Genauigkeit gemacht werden, nicht ordentlich zusammen, und macht keine Auszüge daraus, oder man sucht sie geheim zu halten.

Alles, was ich dir also hierüber sagen kann, beruht auf Muthmassungen und Sagen. Ein dem Anschein nach glaubwürdiger Mann versicherte mich, der Werth der ganzen Ausfuhr des Königreichs betrüge ohngefähr 24, und der Werth der Einfuhr nur ohngefähr 18 Millionen Gulden. Bey diesem Anschlag sind die bloß durchgehenden Güter abgezogen. Gegen den Werth der Ausfuhr kann ich nichts ganz Positives einwenden, denn wie gesagt, ich konnte nichts bestimmtes herausbringen. Mir scheint die Angabe, in so weit ich nach meinem sehr unvollkommenen Ueberschlag urtheilen kann, immer merklich übertrieben. Aber das gegenseitige Verhältniß der Ein= und Ausfuhr will mir noch weniger einleuchten. Ich kann nicht begreifen, wohin sich der grosse Ueberschuß an Geld verkriechen sollte, der auf die Art in Hungarn strömte, ohne einen sichtbaren Ausfluß zu haben. Mit diesem Uebergewicht der Handlung müßte Hungarn eins der reichsten Länder in Europa seyn. Und doch ist in diesem Königreich nichts seltener als das Geld. Von den 20 Millionen Gulden, welche das Land sammt Siebenbirgen und Illyrien in allem der Regierung eintragen soll, kommen doch höchstens nur 3 Millionen nach Wien, und das, was die wenigen, ausser dem Königreich wohnenden, adelichen Familien aus dem Reiche ziehn, wird durch die Gegenwart so vieler Offiziers und Civilbedienten, die in andern Provinzen Güter besitzen, und den Ertrag davon in Hungarn verzehren, reichlich wieder ersetzt. Es bliebe also für Hungarn doch noch manche Million jährlich übrig, und wenn sich dieses glückliche Übergewicht des Handels auch erst seit 5 Jahren herschriebe, so müßte man schon mehr Blut in dem Körper des Reichs verspüren.

Wenn man die Menge der Waaren betrachtet die Hungarn jährlich von den Ausländern bezieht, so wird man es platterdings ungläublich finden, daß es in der Handlung das Gleichgewicht haben könne. Fast alle Kunstprodukten bekömmt es, nebst einer erstaunlichen Menge natürlicher Erzeugnisse, von den Fremden. Nur bloß für Tücher giebt es jährlich 4 bis 5 Millionen Gulden aus. Für Seidenzeuge, Leinwand, Baumwollenzeuge u. dgl. m. läßt es wenigstens 5 Millionen Gulden jährlich ausfliessen. Für rohes und verarbeitetes Zinn, Glas, Sackuhren,Sackuhr – Taschenuhr Farbmaterialien, Apothekerwaaren u. dgl. m. bezahlt es jährlich den Fremden auch einige Millionen, und der Kaffee und Zucker kosten es das Jahr durch wenigstens 2 ½ Millionen. Hier sind alle Gattungen der Galanteriewaaren, fremde Weine für die leckerhaften Grossen, die mit ihren vortreflichen vaterländischen Weinen nicht vorlieb nehmen wollen, ausländische Pferde, Kutschen, Geschirre und noch unzählige andre Artickel nicht mitgerechnet. Die natürlichen Produkte, die es den Fremden dagegen giebt, können diese ungeheure Summe lange nicht aufwiegen. Nach einem ziemlich wahrscheinlichen Ueberschlag verkauft Hungarn jährlich den Fremden für ohngefähr 5 ½ Millionen Gulden Vieh, nämlich Ochsen, Schweine und Pferde, für 4 Millionen Gulden Getraide, Heu u. dgl. m. für 3 Millionen Gulden Wein; für eine halbe Million Tobak, Seide (meistens aus Slawonien), Zitronen, Kastanien und andre Früchte; für einige Millionen Mineralien, besonders Kupfer; und wenn ich den Anschlag überhaupt nach meinen verschiedenen Erkundigungen in einzeln Artickeln machen sollte, so würde ich den ganzen Werth der Ausfuhr (die durchpaßirenden Waaren allzeit abgerechnet) ohngefähr auf 16, und den Werth der Einfuhr wenigstens auf 18 Millionen Gulden setzen.

Ich glaube Hungarn nicht zu viel zu thun, wenn ich es in meinem Anschlag jährlich seine 2 Millionen verlieren lasse. Seine Lage und die Anstalten der Regierung wehren ihm, seine natürliche Schätze völlig geltend zu machen, und bey einem fast durchaus herrschenden hohen Grad von Luxus, der bey den Grossen unbeschreiblich hoch ist, hat es nicht einmal so viel Industrie, daß es sich die Kunstprodukte, wozu ihm die Natur alle Gelegenheit darbiethet, selbst verfertigen sollte. Ich habe dir gesagt, welche ungeheure Summe Geldes es jährlich für Tücher ausgiebt, und doch ist kein Land in Europa, welches der Schaafzucht günstiger wäre als dieses. Prinz Eugen, der ein ebenso grosser Staatsmann und Beschützer der Künste und Wissenschaften, als Held war, sah die Vortheile ein, die das Land von der Schaafzucht ziehen könnte. Er ließ Schaafe aus Arabien kommen, und gab sich alle Mühe, ihre Fortpflanzung in der Gegend von Ofen zu befördern und auszubreiten. Kaiser Karl der VI. und Kaiser Franz machten ähnliche Versuche; allein sie waren nicht glücklich. Der Adel war bisher zu stolz, zu träge und zu verschwenderisch, als daß er sich mit der Landwirthschaft hätte abgeben sollen, und der Bauer hat kein Eigenthum. Solange der Adel im Besitz des größten Theils der Ländereyen im Königreich bleibt, und keine bessere Erziehung bekömmt, werden alle Versuche, den Kunstfleiß auf dem Lande auszubreiten, eitel seyn, und der Bürger in den Städten ist theils durch Religionsbedrückungen niedergeschlagen, theils durch den eingerissenen Luxus verdorben worden.

Die Nachläßigkeit der Polizey, den Strom des Luxus zu hemmen, ist unbegreiflich. Oft schon bin ich versucht worden, zu glauben, die Regierung achte es nicht der Mühe werth, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Reich zu wenden, weil der Ertrag der Grösse desselben nicht entspricht, oder das hitzige Temperament des Hofes sey nicht aufgelegt, Verbesserungen vorzunehmen, die erst nach einigen Generationen Früchte tragen würden, und er sey daher mehr geneigt, durch eine gewaltsame Anstrengung dieses Land zu benutzen, als dem gewöhnlichen Gang der Natur gemäß, erst den Grund zu einem dauerhaften Gebäude zu legen, dessen Vollendung zu erleben der regierende Fürst sich nicht versprechen kann. Von den vielen Zügen dieser Nachläßigkeit, die ich bemerkt habe, will ich nur eines erwähnen. Ungeachtet der tiefen Armuth des Landvolks läßt man die Juden und Raitzen öffentlich mit Zuker und Kaffee von Dorf zu Dorf das ganze Land durchziehn. Ihre Waare ist um so verführischer, und der Verkauf um so schädlicher, da sie diesen entbehrlichen Artikel des Luxus nicht ordentlich auswiegen, sondern in kleinen Portionen, die schon in Papierchen eingepackt sind, zu 2, 3, 4 und mehrern Kreutzern verkaufen. Sie schlagen keine Buden auf, sondern gehn von Haus zu Haus und biethen allem Witz, aller Beredsamkeit und allen Kniffen auf, um den Bauern ein Päkchen aufzuhängen, der sich denn um so leichter verführen läßt, da der Verkäufer öfters Brod, Wein, Eyer, Butter, Käs oder solche Sachen dagegen nimmt, womit der Bauer überflüßig versehen ist. Mit diesen eingetauschten Artikeln treibt dann der Jude wieder einen besondern Handel, wobey er gemeiniglich doppelt gewinnt. Auf die nämliche Art wird der Landmann mit Toback, Oel, Ingwer, Pfeffer, und andern Artikeln versehen, die gewöhnlich zur Hälfte mit Mäusedreck und ähnlichen Zusätzen vermischt sind. Auch die Quacksalber überziehn auf diese Art die Dörfer, obschon die Polizey seit einiger Zeit ein Auge auf sie hat. Ich weiß nicht, ob ihr Vertrieb dem Lande schädlicher ist, als jenes der Juden und Raizen.

Das Klima vom südlichen Theil des hungarischen Reiches wäre dem SeidenbauSeidenanbau – Zucht von Seidenraupen mittels Blätter des Maulbeerbaumes eben so günstig, als jenes der Lombardey, von Piemont und dem Venetianischen; allein während daß er unter dem brittischen Himmel, ja sogar in dem rauhen Schweden durch den Fleiß der Einwohner in Aufnahme kömmt, wird er in einem Land vernachläßigt, wo die Natur die Menschen dazu auffodert, wo sie das Beyspiel der benachbarten Venetianer dazu ermuntern sollte, und wo man die nöthigen Maulbeerbäume so leicht aus Italien haben kann. In Slavonien und einigen andern Gegenden wird zwar etwas Seide gewonnen; allein im ganzen ist der Seidenbau noch kein Schatten von dem, was er seyn könnte.

Nichts von allem dem, was Kunstfleiß heißt, ist in diesem Lande zu einiger Vollkommenheit gebracht, als der Bergbau. Die Leichtigkeit, womit durch denselben grosse Summen können gewonnen werden, hat ihn vorzüglich in Aufnahm gebracht. Alles, was die Mathematik zum Behuf desselben beytragen kann, ist hier gethan worden. Man erstaunt über die Maschinen, womit theils das Wasser aus den Gruben gebracht, womit theils die Ausbeute und Förderung des Aerztes erleichtert wird. An den Gold= und Silberbergwerken zu Kremnitz und Schemnitz gewinnt der Hof fast nichts. Einen Theil derselben läßt er auf seine eigne Rechnung bauen, und verliert dabey ein beträchtliches. Dieser Verlust wird wieder durch die Abgaben ersetzt, den einige Gesellschaften oder Privatleute für den Theil der Werke entrichten müssen, die sie bauen. Der Hof muß seinen Eigensinn, einen Theil der Gruben selbst zu bauen, theuer genug bezahlen, und aller Vorstellungen ungeachtet war er bisher nicht dahin zu bringen, seine Werke gegen gewisse Prozente an Gesellschaften zu überlassen, wobey er zuverläßig gewinnen würde. Unterdessen beträgt der Werth des Goldes und Silbers, welches jährlich in diesen Gegenden gewonnen wird, einige Millionen. Ausser denselben sind in dem eigentlichen Hungarn noch mehrere Gold= und Silberminen; allein die Silber= und Goldbergwerke in Siebenbürgen sollen sie alle zusammen, wenigstens nach Verhältniß des reinen Gewinnes seit einiger Zeit weit übertreffen, und für die Zukunft noch mehr versprechen. Dem ungeachtet glaube ich, daß der Hof an den Kupferwerken dieses Reiches mehr gewinnt, als an dem Gold und Silber, besonders da der neu eingeführte Gebrauch, die Kriegsschiffe mit Kupfer zu beschlagen, den Werth dieses Metalls so sehr erhöht hat. Hungarn wäre im Stand, ganz Europa mit dem nöthigen Kupfer zu versehen. Von den 4 Millionen Gulden, die ohngefähr den jährlichen reinen Gewinn des Hofes von allen Bergwerken seiner Lande ausmachen, kömmt ohngefähr die Hälfte auf Hungarn.

Das Land hat eine sonderbare Gestalt. Ringsum ist es von hohem Gebirge eingeschlossen, und in der Mitte giebt es Ebenen, wo man einige Tagreisen machen kann, ohne nur einen beträchtlichen Hügel zu sehn. Man findet ungeheure Heiden, und in denselben, wie in den tatarischen Steppen, wilde Pferde. Die Wälder sind mit Wölfen angefüllt, die nun durch ganz Schwaben, Bayern und Oestreich unter die fremden oder doch höchstseltenen Tiere gehören. Die Ufer der Flüsse in den Ebenen sind Moräste, die hie und da Seen bilden, und die Austrocknung derselben wird mit der Zeit ein unschätzbarer Gewinn für das Land seyn. Die Flüsse würden dadurch schiffbarer gemacht, große Strecken Landes gewonnen, und die Luft würde gereinigt werden. Alle Gattungen der Thiere sind von jenen in Deutschland sehr verschieden. Der gemeine Schlag der Pferde ist klein, leicht und eben nicht schön; allein sie sind ungemein lebhaft und stark. Mit 3 bis 4 Pferden fährt dich ein Hungar von Wien bis nach der Türkey in beständigem Trott oder Galopp. Unterdessen ist ihre Zucht durch angelegte Stuttereyen der Edelleuthe in vielen Gegenden sehr gebessert worden. Das Land liefert die meisten Pferde für die kaiserlichen Husaren, und sehr viel für die Dragoner. Die Ochsen sind die größten und von Bau die schönsten, die ich je gesehen. Von Farbe sind sie durchaus aschgrau und weiß, und ich erinnere mich nicht, nur einen rothen oder braunen gesehn zu haben. Ihr Fleisch ist sehr schmackhaft. Auch das Federvieh unterscheidet sich von dem in andern Ländern durch seine Gestalt und Grösse. Alles, was lebt, verräth entweder durch Lebhaftigkeit oder durch seinen Wuchs einen starken Trieb der Natur.

Die künstliche Gestalt des Landes ist eben so sonderbar als die natürliche. Bald erblickt man Palläste, in denen Pracht, Geschmack und Ueberfluß herrschen, bald kömmt man in Gegenden, wo die Menschen gleich den Thieren in unterirdischen Hölen, oder wie die Kalmüken in Zelten wohnen. In den Städten Preßburg, Pest und Ofen, welche die größten des Reiches sind, und deren jede gegen 30.000 Menschen enthält, glaubt man in einem sehr kultivirten Lande zu seyn, und einige Meilen vor den Thoren derselben glaubt man sich wieder in die Mongaley versetzt.

Der größte Beweiß, daß ein Land unglücklich ist, ist der Abstich grosser Pracht mit tiefer Armuth, und je stärker dieser Abstich ist, desto unglücklicher ist das Land. Ein Volk kann durchaus arm und doch glücklich seyn; aber wenn man unter einem Haufen Strohhütten, die ihre Einwohner kaum gegen Wind und Wetter decken, hie und da himmelhohe Marmorpalläste emporragen, und mitten in ungeheuern Wildnissen, worauf ein Schwarm skeletirter Menschen Wurzeln sucht, um sich den Hunger zu stillen, Gärten mit Fontänen, Grotten, Parterren, Terrassen, Statuen und kostbaren Gemählden sieht, so ist das ein Beweiß, daß ein Theil der Einwohner vom Raub des andern lebt.

Nicht lange nach meiner Ankunft allhier machte ich eine Lustreise nach dem Residenzschloß des Fürsten Esterhazy, welches ohngefähr eine Tagreise von Preßburg entlegen ist. Ohne Zweifel kennst du den Ort schon aus Moores Reisebeschreibung. Vielleicht ist ausser Versailles in ganz Frankreich kein Ort, der sich in Rücksicht auf Pracht, mit diesem vergleichen liesse. Das Schloß ist ungeheuer groß, und bis zur Verschwendung mit allem Geräthe der Pracht angefüllt. Der Garten enthält alles, was die menschliche Einbildungskraft zur Verschönerung, oder wenn du willst, zur Verunstaltung der Natur ersonnen hat. Pavillons von allen Arten sehen wie die Wohnungen wohllüstiger Feen aus, und alles ist so weit über dem gewöhnlichen Menschlichen, daß man beym Anblick desselben einen schönen Traum zu traumen glaubt. Ich will mich in keine umständliche Beschreibung all der Herrlichkeit einlassen; aber das muß ich dir im Vorbeygehn doch bemerken, daß wenigstens das Auge eines Unkenners, wie ich bin, hie und da sehr beleidigt wird, weil die Kunst zu viel gethan hat. Ich erinnere mich die Wände einer Sala TerrenaSala Terrena – Tempel oder Pavillon auf einer Anhöhe mit Figuren bemahlt gesehen zu haben, die wenigstens ihre 12 Schuh hoch waren, und, da die Sala nicht geräumig genug war, sie nach dem menschlichen Verhältniß ins Auge zu fassen, ein Erdensöhnchen meiner Art seine Kleinheit gar zu sehr fühlen liessen. Ich weiß du bist für den grossen Stil, und ich erinnerte mich beym Anblick dieser Riesenfiguren alles dessen, was du meinen profanen Ohren von der Theorie der römischen Schule, ihren grossen Umrissen u. s. w. vorgeschwätzt hattest, aber ich bin gewiß, wenn du diese abentheuerlichen Figuren gesehn hättest, du würdest mir eingestanden haben, daß der grosse Stil hier übel angebracht ist.

Was die Pracht des Orts ungemein erhöht, ist der Abstich desselben mit der umliegenden Gegend. Oeder und trauriger läßt sichs nicht denken. Der Neusiedler See, wovon das Schloß nicht weit entfernt ist, macht Meilen lange Moräste, und droht alles Land bis an die Wohnung des Fürsten hin, mit der Zeit zu verschlingen, wie er denn schon ungeheure Felder, die angebaut waren, und den ergiebigsten Boden hatten, verschlungen hat. Die Bewohner des angränzenden Landes sehen größtentheils wie Gespenster aus und werden fast alle Frühjahre von kalten Fiebern geplagt. Man will berechnet haben, daß der Fürst mit der Hälfte des Geldes, welches er auf seinen Garten verwendet, nicht nur die Moräste hätte austrocknen, sondern auch noch einmal soviel Land dem See entreissen können. Da der Zufluß des Sees immer häufiger und der Abfluß geringer wird, so ist die Gefahr womit das sehr niedrige Land umher bedroht wird, wirklich sehr groß. Es käme nur darauf an, durch einen Kanal das überflüßige Wasser in die Donau abzuleiten, Welche Unternehmung die Kräfte des Fürsten eben nicht übersteigt, und ihm in den Augen gewisser Leute mehr Ehre machen würde, als sein prächtiger Garten. Auf der andern Seite des Schlosses braucht man keine Tagreise zu machen, um Kalmüken, Hottentoten, IrokenHotentoten, Iroken – afrikanische und amerikanische Völkerschaften, hier für fremde Völkerschaften zu verstehen und Leute von Terra del FuegoTerra del Fuego – Feuerland in ihren verschiedenen Beschäftigungen und Situationen beysammen zu sehen.

So ungesund auch die Gegend, besonders im Frühling und Herbst, ist und sooft auch der Fürst selbst vom kalten Fieber befallen wird, so ist er doch vest überzeugt, daß es in der ganzen weiten Welt keine gesundere und angenehmere Gegend gebe. Sein Schloß steht ganz einsam, und er sieht niemand um sich als seine Bedienten, und die Fremden, welche seine schönen Sachen beschauen wollen. Er hält sich ein Marionettentheater, welches gewiß einzig in seiner Art ist. Auf demselben werden von den Puppen die größten Opern aufgeführt. Man weiß nicht, soll man staunen oder lachen, wenn man die Alceste, den Hercole al bivio u. a. m. mit der ernsthaftesten Zurüstung von Marionetten spielen sieht. Sein Orchester ist eins der besten die ich je gehört, und der grosse HaidenHaiden – Franz Joseph Haydn, österr. Musiker, † 1809 ist sein Hof= und Theaterkompositeur. Er hält sich für sein seltsames Theater einen Dichter, dessen Laune in Anpassung grosser Gegenstände auf seine Bühne und in Parodierung ernsthafter Stücke oft sehr glücklich ist. Sein Theatermaler und Dekorateur ist ein vortreflicher Meister, ob er schon sein Talent nur im Kleinen zeigen kann. Kurz, die Sache selbst ist klein, aber alles Aeussere derselben ist groß. Oft nimmt er eine Truppe fahrender Schauspieler auf einige Monate in Sold, und nebst einigen Bedienten macht er das ganze Auditorium derselben aus. Sie haben die Erlaubniß, ungekämmt, besoffen, unstudiert und in halber Kleidung aufzutreten. Der Fürst ist nicht für das Tragische und Ernsthafte, und er hat es gerne, wenn die Schauspieler, wie Sancho Pansa,Sancho Pansa – Gestalt aus »Don Quijote«, vgl. Neunzehnter Brief. ihren Witz etwas dick fallen lassen. Nebst dem ungeheuern Schwarm der übrigen Bedienten hält er sich auch eine Leibwache die aus sehr schönen Leuten besteht.

Sehr leid that es mir, daß ich den berühmten Haiden nicht sprechen konnte. Er war nach Wien gereiset, um ein grosses Konzert zu dirigiren. Man sagt, der Fürst habe ihm erlaubt, eine Reise nach England, Frankreich und Spanien zu machen, wo er von seinen Bewunderern mit der verdienten Hochachtung wird empfangen, und seine Börse reichlich angefüllt werden. Er hat einen Bruder, welcher Kapellmeister zu Salzburg ist, und ihm in der Kunst nichts nachgiebt; allein es fehlt diesem an Fleiß um sich zu dem Ruhm seines Bruders emporzuschwingen.


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