Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

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Drey und zwanzigster Brief.

Wien –

Sobald JosephJoseph – Joseph II., s. Ein und zwanzigster Brief. allein am Ruder der Regierung steht, wird hier eine Revolution geschehen, wodurch die jetzigen Einwohner schon in der nächsten Generation werden unerkenntlich gemacht werden. Er ist Philosoph im wahren Verstand des Wortes, ob er schon nicht, wie Kaiser Rudolph der Zweyte,Rudolph der Zweyte – Rudolph II., seit 1576 deutscher Kaiser, lebte in Prag, † 1612 mit einem Tycho BraheTycho Brahe – der bedeutendste Astronom und Astrologe seiner Zeit. Er beschrieb eine Supernova und erforschte Kometen. In seinem Weltsystem stand die Erde im Mittelpunkt, aber alle Planeten kreisen um die Sonne. Er hinterließ ein riesiges Beobachtungsmaterial, † 1601 nach den Sternen sieht. Er liebt die Menschen, und kennt ihren Werth. Ich weiß kein öffentliches Denkmal, das einem Fürsten mehr Ehre macht, als die Aufschrift über der Pforte des Augartens: Belustigungsort für alle Menschen gewiedmet von ihrem Freund. Er ist der größte Verehrer von allem, was bürgerliche Tugend heißt, und seine Regierungsgrundsätze sind unendlich republikanischer, als jene der meisten heutigen Staaten, die sich Republiken nennen. Aber die Gesinnungen seiner Frau Mutter stimmen mit seiner Philosophie zu wenig überein.

Die helle Seite dieser Fürstin ist freylich so glänzend, daß man die dunkle kaum bemerken kann. In dem häuslichen Karakter sind diese Flecken ganz unbedeutend und zum Theil liebenswürdig; aber es ist ein Unglück für die Menschheit, daß auch die geringsten Schwachheiten der Regenten auf das Glück ihrer Staaten Einfluß haben können, und daß oft die kleinsten Personalgebrechen die größten politischen Mängel sind.

Noch sieht man dieser berühmten Kaiserin an, daß sie eine Schönheit war. Ihr Körper kämpft seit verschiedenen Jahren mit einigen Gebrechen; aber alle Züge desselben verrathen noch eine starke Konstitution und ein heftiges Temperament. In der Augustinerkirche, wo sie einen Sieg feyerte, sah ich sie zum erstenmal, und erkannte sie sogleich, nicht sowol aus der Aehnlichkeit mit den Porträts, die ich von ihr gesehen, und die in Betracht ihres hohen Alters viel von ihrer Wahrheit verlohren haben, als vielmehr aus dem Blick der Majestät, der jedem, welcher die Ehre hat, ihr nahe zu kommen, auffallen muß. Sie hat die heftigsten Leidenschaften, und doch konnten sie grade diejenigen, denen die Natur den mächtigsten Trieb beygelegt hat, und denen ihr Temperament am meisten unterworfen zu seyn scheint, nicht zu der geringsten Ausschweifung verleiten. Sie ist vielleicht das größte und einzige Beyspiel in der Geschichte von einer Monarchin, über welche die Vernunft und Religion mehr Gewalt hatten, als der natürliche Trieb eines starken Temperaments und die Schmeicheleyen der unumschränkten Gewalt. Wahrscheinlich hat die Liebe an der Wahl ihres Gemahls viel Antheil gehabt. Er war einer der liebenswürdigsten Ritter seiner Zeit, und von der Natur vortreflich ausgerüstet, die Gunst einer Dame zu behaupten. Sie hielt ihn strenge zu seiner Ritterpflicht an; aber sie erlaubte sich keinen zweydeutigen Blick auf einen andern Gegenstand, als den ihr die Religion zu lieben gebot. Umsonst sucht die skandalöse Kronik im Kabinet dieser grossen Fürstin Anekdoten. Sie war die treueste Gemahlin unter tausenden und hundert tausenden. Zehn noch lebende, wohlgebildete und starke Kinder sind zeugen, daß ihr Gemahl ihre Liebe in vollem Maaß erwiederte. Nach seinem Tod entsagte sie mit einer heldenmüthigen Entschlossenheit allem Genuß der Liebe, und that ein Gelübde, ihn ewig zu betrauern, welches sie unverbrüchlich hält. Sie geht immer noch schwarz und ohne allen Schmuck. Wer staunt nicht, wenn er die Geschichten der Elisabethen,Elisabeth – entweder die russische Zarin E., † 1761 oder E. I. von England, † 1588 K ....K ... – gemeint ist die russische Zarin Katharina die Große † 1796, die z. Z. der Niederschrift noch lebte und so vieler anderer Fürstinnen kennt?

Aber die nämliche heftige Liebe machte ihrem Gemahl doch manche bange Stunde; die Eifersucht muß Gewalt über ein Herz bekommen, dessen heftige Triebe bloß von der Religion eingeschränkt werden. Man weiß nicht, wie viel Anlaß ihr Gemahl dazu gegeben; aber man kennt einige Frauenzimmer, die sich aus der Stadt entfernen mußten, bloß weil der gegen jedermann, und besonders gegen die Damen, sehr höfliche, Kaiser FranzFranz – Franz I. Stephan, seit 1745 deutscher Kaiser, † 1765 denselben einige vertrauliche, und vermuthlich ganz unschuldige Komplimente gemacht.

Ihre Wohlthätigkeit, woran auch die Religion viel Antheil hat,geht fast bis zur Verschwendung. Sie versagt keiner Seele, die leidet, ihre Hülfe, und dem geringsten ihrer Unterthanen steht der Weg offen, seine Leiden zu klagen. Ihr Hauszahlmeister hat ihr fast gar nichts als Rechnungen von Almosen vorzulegen. Gegen die Wittwen, besonders die von Adel, ist sie vorzüglich freygebig. Sie giebt eine ungeheure Menge Pensionen zu 6.000 Gulden, welche nach unserm Gelde fast 16.000 Livres macht, und unter denen, welche so ansehnliche Pensionen geniessen, sind viele Wittwen von Obristen, Hofräthen, u. dgl. m. Weil sie auf Hoheit hält, so will sie, daß jedermann seiner Geburth und seinem Stand gemäß leben soll. Für die öffentlichen Stiftungen zeigt sie sich wirklich als Kayserin. Die Bibliothek, die Schulen, die Kranken= und Armenhäuser kosten sie unermeßliche Summen. Man sagte mir, die Schulden, die sie durch ihre Freygäbigkeit gemacht, beliefen sich weit über 20 Millionen Gulden, und einer meiner Bekannten will einen ziemlich genauen Ueberschlag gemacht haben, daß sie beynahe 3 Millionen Gulden jährlicher Pensionen einziehn könnte, ohne jemand das Nothdürftigste zu entziehn.

Und wer sollte glauben, daß unter dieser großmüthigen Fürstin das Verdienst doch öfters darben muß, während daß so viele Nichtswürdige ihre Wohlthaten geniessen? Wer sollte glauben, die Religion könne über ihre natürliche Großmuth so weit siegen, daß sie einen Officier, der in ihren Diensten zu einem Krippel ward, nicht eher befördern wollte, als bis er die katholische Religion angenommen? Als dieser die Pfaffen einigemal von sich gewiesen hatte, und sah, daß er mit aller Gewalt ein Schurk seyn sollte, um befördert zu werden, verließ er Wien und starb als holländischer General im Haag. Seitdem der jetzige Kaiser einigen Einfluß hat, ist von dieser Art, das Verdienst zu unterdrücken, nichts mehr zu beförchten; aber er muß doch sein ganzes Ansehn gebrauchen, um ähnlichen Auftritten, die allzeit mehr das Werk der Pfaffen als der Monarchin selbst sind, zuvorzukommen.

Ihr lebhaftes Temperament bricht oft in Jachzorn, Strenge und Unerbittlichkeit aus; aber sobald diese schnellen Bewegungen vorüber sind, sucht sie augenblicklich das wieder gut zu machen, was sie in der unbändigen Hitze allenfalls verdorben hat. Man erzählte mir einen Auftritt, der, wenn er auch nicht wahr seyn sollte, ihrem Karakter doch vollkommen entspricht. Ein Officier ließ sich wegen einem Gesuche, das er zu machen hatte, auf die Audienzliste schreiben. Es währte lange, bis die Reihe an ihn kam, die nach der strengsten Ordnung beobachtet wird. Endlich ward er vorgerufen. Kaum hatte er vor der Monarchin die spanische Kniebeugung gemacht, die bey ihr Etiquette ist, so brach sie in Vorwürfe, Schimpfungen und Drohungen gegen ihn aus, daß er zu Boden sinken w9llte. Ihre Lebhaftigkeit machte ihre Augen in Feuer rollen, und die Bewegung ihrer Arme war dabey so lebhaft, daß er wirklich in Forcht stand, sie möchte mit eignen hohen Händen eine kleine Exekution an ihm vornehmen. Er wollte zwey und dreymal das Wort nehmen; aber der Strom der Verwünschungen der Monarchin machte ihn taub und stumm. Er mußte warten, bis sie wirklich ausser Athem gekommen war. Hierauf raffte er seinen Muth zusammen, und sagte, Ihre Majestät müßte ihn verkennen; er sey N. N. Sobald sie hörte, daß sie sich in der Person geirrt, bat sie ihn förmlich um Verzeihung, und ihr Eifer, alles wieder gut zu machen, gieng nun so weit, daß sie ihm eine ziemlich ansehnliche Pension aussetzte.

Sie ist nicht fühllos gegen den Ruhm, und sie ist stolz auf ihre Würde und die Grösse ihres Hauses. Sie weint Freudenthränen, wenn sie davon hört, wie ihre Kinder, besonders der Kayser und unsre Königinunsere Königin – Marie Antoinette, das 15. Kind der Maria Theresia, 1793 wegen Hochverrats hingerichtet von aller Welt angebethet werden. Dieser Familienstolz und ihr lebhaftes Gefühl überhaupt sind Ursache, daß sie alle Fürsten, die sie bekriegt haben, für ihre persönliche Feinde hielt, und es keinem hat vergessen können. Die letzte Gemahlin des Kaysers,Letzte Gemahlin – Sophie Caroline von Ingelheim ? eine bayrische Prinzeßin, mußte es noch empfinden, daß ihr Vater ehedem sich beygehen ließ, ihr Böhmen, Oberöstreich und die Kayserkrone zu rauben. Sie ließ sie die Vorzüge des Hauses Oestreich vor dem Hause Bayern fühlen; aber die Fabeln, die man hierüber ersonnen hat, sind nicht werth widerlegt zu werden.

Mit Bewußtseyn hat diese grosse Fürstin nie unrecht gehandelt. Sie ist Weib, und es ist besonders in den guten Eigenschaften des liebenswürdigen Geschlechtes mehr als sehr viele andre. Sie nahm es auch nicht übel, daß ihr ein naher Anverwandter einer andern grossen Monarchin, dem sie über den Ruhm seiner Verwandtin Komplimente machte, zur Antwort gab. »Eure Majestät; meine Schwester ist doch nur ein Weib.« Alle Tinten in Theresiens Karakter sind Schattierungen eines sehr lebhaften weiblichen Karakters. Sie ist die treuste aber auch die eifersüchtigste Gattin, die zärtlichste, aber auch die strengste Mutter, die freundschaftlichste, aber auch die gebietherischste Schwiegermutter.

Gar oft erhebt sich ihr Karakter über die Stärke eines Mannes. Die Entschlossenheit, womit sie nach dem Tod ihres Vaters ihre Erbschaft gegen so viele mächtige Ansprüche behauptete,Ansprüche behauptete – ihr Vater Karl VI. hatte 1713 in der 'Pragmatischen Sanktion' sie zur Erbfolge bestimmt. Als er 1740 starb, eroberte Friedrich II. von Preußen die Provinz Schlesien. Das führte zu tiefgreifenden Reformen in Österreich, mit denen die Rückgewinnung Schlesiens vorbereitet wurde. hat ganz Europa staunen gemacht. Ihre Gerechtigkeitsliebe ist so unpartheyisch, daß sie gewiß ihre Ansprüche fahren liesse, sobald man sie überzeugen könnte, daß sie unrecht hätte, und wenn auch ihr Vortheilund ihre Ehre darunter leiden sollten. Der König von Preussen, ob er schon weiß, daß sie einen kleinen Groll gegen ihn mit sich ins Grab nimmt, hat sich doch auf die Gewissenhaftigkeit dieser Monarchin allzeit so sehr verlassen, daß er bey jeder Unterhandlung nichts angelegeners hatte, als durch die Minister des hiesigen Hofes durchzudringen, und seine Gründe der Monarchin selbst vor Augen zu legen. Der ganze Adel von Genua, wie mir ein holländischer Officier von Rang erzählte, der an der bekannten Revolution in Genua 1746Ansprüche behauptete – ihr Vater Karl VI. hatte 1713 in der 'Pragmatischen Sanktion' sie zur Erbfolge bestimmt. Als er 1740 starb, eroberte Friedrich II. von Preußen die Provinz Schlesien. Das führte zu tiefgreifenden Reformen in Österreich, mit denen die Rückgewinnung Schlesiens vorbereitet wurde. viel Antheil hatte, schrie unter der Tyranney des abscheulichen Botta einstimmig: »O wär es doch möglich, unsre Beschwerden vor die Kayserin selbst zu bringen; gewiß es wäre uns geholfen!« Die Ausrufung dieser Republikaner zu einer Zeit, da sie von den östreichischen Waffen so hart mitgenommen wurden, ist die gröste Lobrede, welche Theresia je hören konnte; aber sie hörte sie nicht.

Bey den vielen Kenntnissen, die sie besitzt, fehlt es ihr an jener, welche unter allen zum Regieren die nothwendigste ist, nämlich an der wahren Kenntniß des Menschen. Sie ward nach der ehemaligen Gewohnheit ihres Hauses im Dunst der Hoheit erzogen, wodurch sie nie mit ihrem Blick in die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens, in die Angelegenheiten der untern Volksklassen und in das wahre Interesse der Nation eindringen konnte. Ihre ganze Erziehung war dazu angelegt, sie den falschen Vorstellungen der Schmeichler, den Betrügereyen der Pfaffen und den Vorurtheilen Preis zu geben, welche die Adelichen und Bürgerlichen, die Priester und Layen, zu wesentlich verschiednen Menschenarten machen. Schmeichler und Pfaffen verleiten sie zu Gewaltthätigkeiten, die ihr Herz verabscheuen würde, wenn sie dieselbe im rechten Licht sähe. Bey dem unbedeutenden Aufstand der Bauern in einigen böhmischen Kreisen vor einigen Jahren wollte der Kayser den Weg der Güte einschlagen. Er kannte die wahre Lage dieser armen Sklaven, die selbst nicht wußten, was sie wollten, und bloß vom Hunger herumgetrieben wurden. Man konnte ihnen wenig mehr zur Last legen, als daß sie einige Barone aus den Betten gejagt hatten. Die Weiber der böhmischen Edelleuthe vermochten mit einigen geborgten Thränen die Kayserin dahin, daß man Soldaten gegen die sogenannten Rebellen ausrücken ließ, und daß viele als Hochverräther aufgehängt wurden, die im Grunde nichts als Opfer ihres Hungers waren. Es war um die zeit der bekannten Mißjahre, wo sich eine Theuerung über ganz Europa ausbreitete, die besonders in dem so getreidereichen Böhmen eine schrökliche Hungersnoth veranlaßt hatte. Der Kayser wußte, daß der Geitz der Güterbesitzer, besonders der Pfaffen, die vornehmste Ursache dieser Hungersnoth war. Um das Schicksal seiner Böhmen zu erleichtern, drang er auf die Aufhebung der Leibeigenschaft, die einem Staat so nachtheilig ist. Die Anhänglichkeit seiner Mutter an den Adel widersetzte sich einem Entwurf, wodurch das von der Natur so begünstigte Böhmen in kurzer zeit zu einem der blühendsten Reiche werden müßte. Die Kayserin glaubte gegen ihr Gewissen zu handeln, wenn durch die Ausführung dieses Entwurfs ein kleiner Theil ihrer Unterthanen nur das geringste von seinem Einkommen verlieren sollte, und bedachte nicht, daß der Adel und die Pfaffen den Schweiß und das Blut so vieler tausend ihrer Unterthanen in Müßiggang verschwelgten.

Ein unumschränkter Regent, der nicht Menschenkenntniß genug besitzt, um die Leute, die ihn umgeben, zu übersehn, zu durchschauen, ist der abhängigste Mensch in seinem Staat. Bey all ihren Einsichten in so verschiedene Sachen, bey all ihrer Obergewalt kann es die gute Monarchin doch nicht rügen, daß sie fast von allen Leuten betrogen wird. Sie glaubt mit ihren Keuschheitsanstalten allen Sünden zuvorgekommen zu seyn, uns es ahndet ihr nicht, daß sie so viele Weiber, denen sie allen so viele Enthaltsamkeit als sich selbst zutraut, durch ihre Anstalten selbst zu Ehebrecherinnen macht. Sie denkt nicht daran, daß, indem sie einen Theil des hiesigen Frauenzimmers gegen die Anfälle der Mannsleute sicher setzt, der böse Geist unterdessen die Fahne mit doppelter Wut gegen die Frauen schwingt, die unzälige und unentdeckbare Hinterthüren haben, welche dem Feind, vor dem sie öffentlich das Kreutz machen, zu jeder Zeit offen stehn. Sie würde verzweifeln, wenn sie nur den Theil der HörnerHörner – einem Mann werden Hörner aufgesetzt, wenn seine Frau fremdgeht sehn könnte, welche die hiesigen Männer unter ihren Peruken und Frisuren herumtragen. Man versicherte, die Monarchin habe eine gewisse Art der jungen Leute, ihr Haar zu binden, besonders bey den Schülern des TheresianumsTheresianum – eine im Zuge der Einführung der Schulpflicht von ihr gegründete Schule in Wien sehr ärgerlich gefunden, und doch weiß ich von einem Grafen, der ehedem in diesem Institut war, daß es der neuverordneten keuschern Haarzöpfe ungeachtet durchaus mit gewissen stummen Sünden angesteckt war, und vielleicht noch ist, die ungleich abscheulicher und schädlicher sind, als die Sünden, worauf die Keuschheitskommißion Jagd machen soll. Ich kenne eine Frau, die, um sich und ihrer schönen Tochter den TitelTitel – hier: Vorwand eines Unterhaltes zu verschaffen, dieselbe auf ein kleines Theater gab, von dem sie aber kaum so viel bekömmt, daß sie ihre Haarnadeln damit bezahlen könnte. Das Theater ist zu Paris auch mehr der Titel als der wirkliche Unterhalt der Tänzerinnen, Sängerinnen und Aktrizen;Aktrice – Schauspielerin aber das eigne ist hier, daß die Mutter ihre feile Tochter von der Probe aus dem Theater grade in die Kirche führt, wo sie beyde mit niedergeschlagnen Augen und der frömmsten Miene an langen, rasselnden Rosenkränzen bethen, um sich bey der Polizey in den ruf der Heiligkeit zu bringen. Viele Hofleute, welche um die Gunst der Monarchin buhlen, wissen keinen bessern Weg zu ihrem Zweck, als fleißig die Hofkirche zu besuchen. Ich kenne einen sogenannten Gelehrten hier, der ein Gebetbuch aus dem Französischen übersetzte und es der Kaiserin dedicirte,Dedizieren – jemanden etwas zueigenen; widmen um nebst einem Geschenke auch die Anwartschaft auf eine Hofstelle zu bekommen. Er erreichte seinen Zweck. Die Kaiserin hielt ihn für einen frommen Mann, und er war unverschämt genug, im Kreis seiner Vertrauten der guten Monarchin zu spotten. Mit der Bücherzensur verhält es sich eben so. die Monarchin würde zu Boden sinken, wenn sie nur eine von den tausend hiesigen Privatbibliotheken sehen sollte, worinn man alle die vornehmsten der ketzerischen und skandalösen Schriftsteller findet, die sie durch ihr Zensurkollegium und ihren Index, der dicker ist als der römische, auf ewig aus ihren Landen verbannt zu haben glaubt,. So wird sie durch ihre eigne Anstalten, deren völlige Fruchtlosigkeit genug beweißt, daß sie unnatürlich sind, von aller Welt betrogen, und hängt bloß von dem gleisnerischen Schein ihrer Unterthanen ab. Das schlimmste ist, daß ein grosser Theil derselben zur Heucheley gezwungen wird.


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