Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

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Zwanzigster Brief.

Wien.

Das war eine Arbeit, Bruder, bis ich ein Zimmer hatte! Drei ganzer Tage lief ich mit meinem LehnlaquayenLehnlaquayen – Lehnlakei, Mietdiener in der Stadt herum, ehe ich unter Dach kommen konnte. Es ist hier nicht wie zu Paris, wo jedes QuartierQuartier – Stastviertel, Block ein KomtoirKomptoir – Kontor, Büro hat, welches dem Nachfrager Auskunft giebt, welche Wohnungen, Stuben und Kämmerchen, und um welchen Preis sie zu vermiethen stehn. Jeder Eigenthümer heftet hier einen Zettel an die Thüre seines Hauses, worauf gar umständlich zulesen ist, welche Zimmer ledig sind. In sehr vielen Häusern hat jedes der 5 oder 6 Stockwerke seinen besondern Eigenthümer, oder es hat einer eine ganze Wohnung gemiethet und kann eine Stube oder eine Kammer entbehren. Nun heftet jeder seine Anzeige besonders an die Türe, die oft zur Hälfte mit solchen Zettelchen überpappt ist. Da hat Einer eine ganze halbe Stunde zu lesen, ehe er im Reinen ist.

Das erste Zimmer, das ich beschaute, war über vier Stiegen und gefiel mir nicht übel; aber sobald ich hörte, daß der gute Mann, der es mir vermiethen wollte, ein gnädiger Herr sey, sagte ich zu meinem Lehnlaquayen in unserer Sprache: Fort; mit einem gnädigen Herrn, der die Hälfte seiner gemietheten Wohnung vermiethen will, mag ich nichts zu schaffen haben – Nun giengs in einem andern Haus der Anzeige nach über 6 Stiegen hinauf. Als ich auf der letzten Treppe verschnauft hatte, kam ein Männchen in einem Schlafrock und mit einer Feder hinter dem Ohr aus einer niedern Thüre gekrochen, welches die Magd, die ihm auf dem Fuß nachfolgte, gestrengster Herr betitelte. Gestrenger Herr, dachte ich bey mir, geht noch an. Ich besah die Stube, und wollte eben in Betracht der reinen Luft, die ich in dieser hohen Region athmen würde, den Kontrakt schließen, als es mir einfiel, ein Fenster zu öfnen, um zu sehn, was ich für eine Aussicht hätte. Ich erblickte nichts als einige gegenüberstehende Dächer und Schornsteine; denn das gebrochne Dach unter meinem Fenster deckte die ganze Strasse für mich – Weiter, sagt' ich; und nun nahmen wir denselben Tag wenigstens noch 6 Stuben in Augenschein, wovon mir aber keine behagte. Unter andern kamen wir auch zu einer Exzellenz, oder (ich will die Wahl haben) zu einer Magnifizenz, denn einen ähnlichen Klang hatte die Titulatur, welche gar auf dem ParterreParterre – Erdgeschoß eines Hintergebäudes wohnte, und mit welcher ich die faule Luft, die sie einathmete, nicht theilen wollte. Des andern Tages ward das große Werk der Stubenmiete mit einer gnädigen Frau eröfnet, die ihrer Fräulein Tochter so viel mit mir zu schaffen machen wollte, daß ich unmöglich meine Einwilligung dazu geben konnte. »Sehen Sie, sagten Ihre Gnaden, meine Tochter bringt ihnen alle Morgen selbst den Kaffee. Wollen Sie abends Thee, so wird Ihnen meine Tochter selbst damit aufwarten. Wollen Sie uns manchmal in die Komödie begleiten, so steht Ihnen, wenns Ihnen zu spät ist, zum TraiteurTraiteur – Verkäufer von Fertiggerichten zu gehn, unsere kalte Küche zu Befehl,« u. s. w. Du must wissen, daß es in Deutschland nicht wie bey uns ist, wo es ein ehrbares Frauenzimmer für eine Beleidigung hielte, wenn ihm ein Mannsbild, mit dem es keine besondere Verbindung hat, das Entree in ein Schauspiel bezahlen wollte. Hier zu Lande ist es eine Schuldigkeit, das Frauenzimmer, welches man irgendwohin begleitet, frey zu halten. Ich merkte wohl, daß die Dienste des schönen Fräuleins schon im Preis des Zimmers angeschlagen waren und daß man noch verschiedne NebengefälleNebengefälle – andere Gefälligkeiten in Anbetracht dessen, daß Mutter und Tochter unverheiratet sind von mir erwartete: Also weiter – Nachdem ich mich diesen Tag müde gelaufen, überzeugte ich mich, daß ich in der Stadt selbst meine KonvenienzKonvenienz – Bequemlichkeit nicht finden würde. Die gemächlichern Wohnungen, die etwas freye Luft und Aussicht geniessen, sind hier ungleich theuer als zu Paris. Es kann wohl nicht anderst seyn; denn beynahe der dritte Theil der Einwohner Wiens, im ganzen genommen, wohnt in der eigentlichen Stadt, welche doch kaum den sechsten Theil des ganzen Umfanges einnimmt. Die Vorstädte sind auf 600 Schritte von der Stadt selbst entfernt, und die Entlegenheit und ihre Weitläuftigkeit sind Ursache, daß sich das Volk zwischen den Wällen der alten Stadt, als dem Mittelpunkt des Gewerbes und der ganzen Bewegung der ungeheuern Maschine, so unmäßig zusammendrängt. Die meisten Vorstädte von Paris sind nicht viel weniger bewohnt, als die Stadt selbst; aber hier sehen viele wie Dörfer aus. Eine andre Ursache des hohen Preises der bessern Wohnungen in der Stadt ist, daß das zweyte Stokwerk von jedem Haus dem Hof zugehört, welcher es seinen Bedienten einräumt. Für eines der bessern Zimmer in einer gangbaren Strasse foderte man 6 bis 8 Gulden den Monath, oder ohngefähr 16 bis 20 Livres, und für das schlechteste unter dem Dache, 3 Gulden – In der Vorstadt Mariahilf, einer der gesundesten Gegenden der Stadt, fand ich nach einigen Umfragen den dritten Tag ein sehr gemächliches und lustiges Zimmer um 3 Gulden den Monath, das seine sehr schöne Aussicht hat und welches ich gegen keines derjenigen, die ich in der Stadt beschaut, vertauschen würde.

Ohne grosse Beschwerde kann ich nun freylich nicht in die Stadt kommen. Während daß man zu Paris ewig im Kot herumwadet, möchte man hier beständig im Staub ersticken. Wien steht den trockenen Ost= und Nordwinden offen, und ist von nahen Bergen gegen die Süd= und Westwinde gedeckt, da hingegen Paris von den letztern zu viel befeuchtet wird. Wenn es hier eine ganze Nacht geregnet hat, so ist einige Stunden nach Aufgang der Sonne alles wieder aufgetrocknet, und gegen Mittag steigen schon wieder die Staubwolken empor. Regnet es den Tag über, so ist während dieser Zeit wegen des vielen Staubes der Koth entsetzlich tief. Nun muß ich, wenn ich in die Stadt will, über die weite und öde Ebene, welche sie von ihren Vorstädten trennt; wo die Fußgänger meistens gezwungen sind, den Mund und die Nase mit einem Tuch zu verstopfen, um nicht vom Staub erstickt zu werden. Man fährt hier durchaus, auch mit den FiakernFiaker – zweispännige Mietdroschke, auch der Kutscher wird F. genannt., im stärksten Trott oder im Gallopp, und da der Weg nach Schönbrunn unter meinem Fenster vorüber geht, so gehört viel Vorsicht und noch etwas Glück dazu, um mit verstopftem Munde durch das Staubgewölke durchzukommen, ohne überfahren zu werden, oder mit dem Kopf an einen andern Fußgänger anzurennen.

Der Raum zwischen der Stadt und den Vorstädten giebt im Fall einer Belagerung der Vestung freyes Spiel; aber es ist höchst unwahrscheinlich, daß dieser Fall je wiederkommen werde. In neuern Zeiten waren die Türken die einzigen, die ihre Siege bis vor die Thore dieser HauptstadtTürken ... vor die Hauptstadt – die letzte Gefährdung Europas durch die Türken vor 1950 war die Bedrohung Wiens 1716, sie wurde unter dem österreichischen General Eugen von Savoyen-Carignan (»Prinz Eugen, der edle Ritter ...«), dem bedeutendsten Feldherrn seiner Zeit († 1736) abgewandt. verfolgen konnten, und selbst der König von Preussen konnte auch nach den glücklichsten Schlachten nicht weit gegen dieselbe eindringen. Die Macht des Kaisers ist nun jener der PfortePforte – Hohe Pforte, die Regierung des Osmanischen Reiches so überlegen, daß ich glaube, der hiesige Hof unterhält die Vestungswerke hauptsächlich in der Absicht, um die Stadt selbst im Zaum zu halten. Ohne einer Menge Familien zu schaden, könnten sie auch nicht geschleift werden; denn durch die Bebauung des leeren Raumes vor den Wällen würde der Werth der Häuser in der Stadt wenigstens um die Hälfte fallen. Nun giebt es viele Wohnhäuser von 2 bis 300.000 Gulden werth, die das ganze Kapital ihrer Eigenthümer ausmachen, und jeder, der in der Stadt selbst ein schuldenfreyes Haus besitzt, ist ein reicher Mann. Das Haus des Buchhändlers von TrattnernTrattner – Johann Thomas von Trattner, Hofbuchdrucker unter Maria Theresia, verlegte deutsche Klassiker als Raubdrucke und entstellte sie im Sinne der österr. Zensur. † 1798. s. a. Neun und zwanzigster Brief. trägt jährlich gegen 30.000 Gulden oder beinahe 80.000 Livres an Zinsen ein. Die Vortheile, die für die Gesundheit und Gemächlichkeit der sämtlichen Einwohner daraus entspringen, wenn die Stadt bis an die Vorstädte erweitert, und der gedrängte Haufen der Einwohner verdünnert würde, sind so beträchtlich eben nicht, daß sie den Schaden aufwögen, den die Eigentümer der Häuser durch diese Veränderung leiden müßten.

Seit einigen Tagen lief ich nach meiner Art die Kreutz und die Quere durch die Stadt, um mir einen Begriff von ihren Haupttheilen und ihrer Grösse zu machen. Von dem äussersten Ende der Vorstadt Wieden bis an das Ende der Leopoldstadt, die nur von einem schmalen Arm der Donau von der Stadt selbst getrennt wird und grösser als diese ist, hatte ich fast 2 Stunden zu gehn. Von der Vorstadt Rossau an bis zu Ende der Vorstadt Landstrasse brachte ich beynahe anderthalb Stunden zu. Der Umfang von Wien beträgt also weit mehr als der von Paris. Der Vorstädte sind etlich und dreysig, aber viele Gegenden in denselben sind öde, und einige hundert Gärten, worunter kaum 3 bis 4 sehenswürdige sind, nehmen fast den dritten Theil ihres Umfangs ein. Die volkreichsten Vorstädte sind die Rossau, die Josephstadt, St. Ulrich, Mariähilf und ein Theil der Wieden und der Leopoldstadt. Die größte von allen nach der Leopoldstadt ist die Wieden, und die Einwohner eines Theils derselben haben viel Aehnlichkeit mit denen in St. Marcel zu Paris.

In der Stadt sind kaum 8 Gebäude, die man schön oder prächtig heissen könnte. Unter denselben nehmen sich der Lichtensteinische Pallast, die kaiserliche Bibliothek und die Reichskanzley vorzüglich aus. Die kaiserliche Burg ist ein altes, schwarzes Gebäude ohne Schönheit und Pracht. Alles übrige ist eine geschmacklose Felsenmasse, die bis auf die Gipfel 5, 6 bis 7 Stockwerk hoch ausgehöhlt ist, um so viel Einwohner als möglich zu fassen. Es giebt hier kaum 3 Plätze, die etwas Figur machen. Diese sind der Hof, der Graben und der Neumarkt. Das größte Gedränge ist von der kaiserlichen Burg an über den Kohlmarkt, den Graben, den Stockameisenplatz und durch die Kärnthnerstrasse. In diesen Gegenden, besonders auf dem engen und unregelmäßigen Stockameisenplatz ist der Zusammenfluß von Menschen so groß und die Bewegung so lebhaft als irgend in einer Gegend von London oder Paris. Der Strom dieses grossen Getümmels zieht sich noch bis an das Leopolds=Thor und in die Hauptstrasse der Leopoldstadt fort – In den Vorstädten steigt die Zahl der sehenswürdigen Gebäude auch nicht über 8, und die Bauart und die Anlage der meisten Gärten verrathen überhaupt sehr wenig Geschmack.

Nach der gemeinen Sage, die auch von Leuten, denen man eine genauere Kenntniß ihrer Vaterstadt zutrauen sollte, bestätigt wird, beläuft sich die Anzahl der sämtlichen Einwohner Wiens wenigstens auf eine Million. Der berühmte Herr Büsching aber will in seiner Erdbeschreibung dieser Stadt kaum 200.000 Menschen zugestehen. Das hiesige Publikum und dieser große Geograph sind fast gleichweit von der Wahrheit entfernt. Voriges Jahr, wo die Sterblichkeit hier nicht ausserordentlich war, betrug die Anzahl der Todten etwas über 10.000, oder ohngefähr die Hälfte der jährlichen Begräbnisse zu Paris. Wenn man die ungeheure Menge der ab= und zuströmenden Fremden, deren Sterblichkeit man nur sehr geringen Theils mit in den ganzen Anschlag bringen kann, dazu nimmt, so muß man die Summe der Verstorbenen mit etlichen und dreyßig multiplizieren, um die wahre Zahl der hier wirklich athmenden Menschen beyläufig zu bestimmen. Ein Mann von Stande, der es genau wissen kann, sagte mir, man habe bey einer Zählung vor kurzem 385.000 Menschen hier gefunden, die Einwohner und Fremden zusammengenommen. Diese Zahl wird sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß hier Luft und Wasser besser sind als zu Paris, und in dieser Stadt über 700.000 Menschen gezählt werden, wovon jährlich ohngefähr 21.000 sterben. Wien ist also ungefähr so stark bevölkert als Neapel, und diese 2 Städte sind nach Konstantinopel, London und Paris ohne Vergleich die volkreichsten in Europa – wenn man nur mit mehrern grossen Städten bekannt ist, so wird man beim ersten Anblick schon überzeugt, daß diese Stadt mehr als 200.000 Seelen enthalten muß.

Mit dem Karakter, den Sitten, Gebräuchen, Belustigungen u. dgl. der hiesigen Einwohner bin ich noch zu wenig bekannt, als daß ich dir etwas zuverläßiges davon sagen könnte. Ich konnte bisher nichts als einige äussere Züge haschen, die von einer erstaunlichen Prachtliebe der Grossen zeugen. Man zeigte mir den Fürsten Karl von Lichtenstein, der ein stolzes Pferd ritt. Sein Gefolge bestand wenigstens aus 8 Personen, worunter auch einige niedlich gekleidete Husaren waren, die dem Anschein nach eine Art von Leibwache von ihm sind. Er soll in seinen Manieren, Gebehrden und Gesichtszügen etwas Aehnlichkeit mit dem Kaiser haben, und man glaubt, einer kopiere den andern im Aeusserlichen. Ich konnte diese Aehnlichkeit in dem flüchtigen Blick, den ich auf beyde zu werfen Gelegenheit hatte, nicht finden. Wenigstens unterscheidet sich der Kaiser von dem Fürsten darin, daß er bey seinen Spazierfahrten kein so zahlreiches Gefolge liebt. Ich sah ihn in einem Kabriolet mit einem einzigen Bedienten in den Augarten fahren. Er liebt das Einfache und Populäre fast bis zur Übertreibung, und sticht darin mit den Grossen seines Hofes stark ab, die dieses so stark auffallende Beyspiel nöthig hatten. Ich glaube in dieser kurzen Zeit mehr prächtige Equipagen und Pferde hier gesehen zu haben, als zu Paris. Unsere Moden herrschen hier despotisch. Periodisch werden die Puppen aus Paris hieher geschickt, und dienen den hiesigen Damen zum Muster ihrer Kleidung und ihres Haarputzes. Auch die süssen Herren beschreiben sich von Zeit zu Zeit Zeichnungen aus Paris und legen sie ihren Schneidern und Friseurs zum Studium vor. Gestern hörte ich in der Komödie eine Dame der andern mit dem Ton und der Miene der höchsten Wichtigkeit erklären, die Königinn von Frankreich habe erst vor 4 Wochen zu MuetteMuette – muet: franz. stumm?, Muette ist ein Jagdhaus den Kopfputz gehabt, nach dessen Muster sie koeffiertkoeffieren – frisieren sei. Alle Damen, die ich sah, sind wie die zu Paris stark geschminkt, und das Rothe zieht sich bis an die Ohren und in die Augenwinkel. Die Kunstverständigen sagen, die Augen bekämen durch dieses Roth ein gewisses Feuer, das die Blicke unaussprechlich beseele. Ich glaube, ich habe dir und der Nannette schon erklärt, daß ich Barbar genug wäre, alle Schminke von den Wangen der Damen mit einem Strohwisch und grobem Sand wegzureiben, wenn auch alles Spiel der Augen verloren gienge. Unterdessen scheint die dicke Schminke den hiesigen Damen wie den unsrigen ein unentbehrliches Bedürfniß geworden zu seyn, um ihr natürliches Gelb zu verdecken. Ich sah einige, die alle Ursache hatten zu beten: La verole mon Dieu m'a rongé jusqu'aux os.La verole mon Dieu ... – franz. »Mein Gott, die Syphilis hat mich bis auf die Knochen zerfressen.«


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