Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

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Sechs und zwanzigster Brief.

Wien –

Hier wimmelt es von Gelehrten. Wenn dir einer begegnet, dem du nicht an seinen schmutzigen Händen ansehen kannst, daß er ein Färber, Schmied oder Schuhmacher, oder an der Uniform, daß er ein Laquay, oder am vielen Gold auf den Kleidern, daß er ein grosser Herr ist, so kannst du sicher seyn, du hast einen Gelehrten oder einen Schneider vor dir, denn beyde Menschenklassen hab ich hier noch nicht recht unterscheiden gelernt. Frägst du mich aber um die Namen der hiesigen sogenannten Gelehrten, so bin ich in einer verfluchten Verlegenheit. Es giebt wohl einige, die mit dem Kopf weit über den grossen Haufen dieser Gelehrten emporragen. Hell,Hell – Maximilian Hell, Astronom und Mathematiker, † 1792 Martini, Störk, Stephani , DenisDenis – Johann Nepomuk Cosmas Michael Denis, Schriftsteller, Jesuit. Wurde als Ossian-Übersetzer bekannt, gab 1762 das erste österreichische Lesebuch heraus und dann vor allen Herr Sonnenfels,Sonnenfels – Joseph Freiherr von Sonnenfels, Jurist und Nationalökonom, setzte sich für die Humanisierung des Strafrechts ein, † 1817 der einzige Philosoph, der den Namen verdient, der sehr viele brauchbare Kenntnisse mit wahrer Vaterlandsliebe, Geschmack und Eleganz verbindet. Ausser diesen sind noch einige wenige da, die allenfalls den Namen eines Gelehrten ohne Erröthen tragen können, und die Leute von Stande, die ihr Wissen für sich behalten, oder doch nur so viel davon von sich geben, als es Einfluß auf die Staatsgeschäfte hat, rechne ich gar nicht hieher. Aber alle diese müssen sich des Namens eines Gelehrten schämen. Denn im Ganzen genommen, usurpirtUsurpirt – usurpieren: widerrechtlich an sich reißen man hier diesen Titel abscheulich. Ich will dir ein Gemählde von einem Gelehrten machen, der noch dazu unter den pecora Campipecora Campi – Viehzeug auf dieser Weide dieses Namens eine vorzügliche Figur spielt.

Dieses Herrchen übersetzte erst ein Gebetbuch aus dem Französischen, um sich der Kaiserin zu empfehlen; machte dann einen Versuch mit einer Periodischen Schrift, worüber aber niemand lachen und niemand weinen wollte. Sie ward also Makulatur. Da machte er einen AkkordAkkord – gütlicher Ausgleich unterschiedlicher Interessen mit dem Nationaltheater, und verband sich, demselben jährlich 6 Stücke zu liefern. Er lieferte 3 tragikomische Farcen, und da war die Dichterey des Männchens erschöpft, und der Vertrag mit dem Theater zu Ende. Er suchte sich hierauf bey der Kaiserin mit der Uebersetzung ihrer Geschichte von * * einzuschmeicheln, bekam ein schönes Gelde von der großmüthigen Monarchin, und von dem Buchhändler einen starken Vorschuß auf die Uebersetzung der kristlichen Jahrhunderte, wozu es die Monarchin ermunterte. Die Geschichte der Kaiserin war so schlecht übersetzt, daß sogar viele Namen von inländischen Oertern bis zur Unkenntlichkeit verdorben waren, und das Herrchen wußte offenbar nicht, daß diese Oerter auf kaiserlichem Grund und Boden liegen. Als es nun zur Uebersetzung der Jahrhunderte kam, so fühlte es seine Schwäche in der französischen Sprache, und nahm einen Subalternen in den Sold, der ihm – ich glaube den Bogen um einen halben Gulden – übersetzte, und von seinem Prinzipal=UebersetzerPrinzipal – hier: Geschäftsinhaber den kleinen, mit blutigem Schweiß verdienten Lohn, mit Gewalt herauspressen mußte. – nun nimmt dieß Herrchen alle öffentlichen Vorfälle zum Vehikulum seiner Schriftstellerey, und ist im strengsten Verstand des Wortes ein Auteur de jourAuteur de jour – Bestsellerautor geworden, dessen Produkte des Tages nach ihrer Erscheinung Makulatur sind.

Ich nahm das gelehrte Oestreich zur Hand, ein Werk, womit ein Professor von Linz sein Vaterland prostituierte. Da stehn dir gegen 100 Gelehrte drinne, die in ihrem Leben nichts geschrieben haben, als einige Dissertationen, die kein Mensch mehr finden würde, und die schon lange auf dem dritten Ortdritter Ort – die Toilette und in den Krambuden verbraucht worden sind; einige Gelegenheitsgedichte, einige Seufzer an ihre Schönen oder die Hunde ihrer Schönen, einige Predigten oder einige erbärmliche Komödien. Der Verfasser dieses seltsamen Werkes scheint platterdings keinen, der in seinem Vaterland eine Zeile unter die Presse gegeben, und sollte es auch nur ein kaufmännisches AvertissementAvertissement – Nachricht seyn, aus der Gesellschaft der Gelehrten auszuschliessen. Nun läßt sichs leicht erklären, warum ganz Wien voll Gelehrten ist. Ein Gelehrter heißt hier ein Mensch, der ein Blättchen Papier in seinem Vermögen und zwey gesunde Finger hat, etwas darauf zu schreiben. Die letztern sind nicht einmal unumgänglich nöthig, denn bey meiner Durchreise ließ sich einer in Schwaben ums Geld sehn, der mit dem Fuß schrieb. Die größte Prostitution, welche der Verfasser des gelehrten Oestreichs seinem Vaterlande anthat, ist, daß er kein einziges Werk zu nennen wußte, welches man ein eigentliches Meisterstück heissen könnte; platterdings kein Meisterstück. Die besten Bücherschreiber, die er nennt, sind das, was man in andern Ländern gute Schriftsteller heißt, und die Zahl von diesen ist in dem gelehrten Oestreich so gering, daß man es wirklich das ungelehrte Oestreich heissen könnte, denn die Anzahl der darinn angezogenen SottisenSottisen – Dummheit, Frechheit, grobe Äußerung ist ungleich größer.

Es giebt hier eine ungeheure Menge von sogenannten Gelehrten, denen sogar die Begriffe von Weltkenntniß fehlen, die man bey uns, ich will nicht sagen bey einem Sekretär, sondern auch nur bey einem brauchbaren Laquayen voraus setzt. Unter zehn dieser Herren sind gewiß neun, die in der größten Verlegenheit wären,wenn sie von einem Weltmann von Stande zur Unterredung gezogen würden. Es ist nicht, als wenn sie sich in ein gewisses Fach der Wissenschaften so vertieft hätten, daß sie die ganze übrige Welt darüber vergässen: Nein; es ist wirkliche Dummheit. Auch die meisten der Gelehrten, die sich etwas von dem Troß auszeichnen, haben ausser ihrem Fach so viele Vorurtheile, so schieffe Begriffe, so wenig allgemeine Welt= und Menschenkenntniß, daß ich alle Augenblicke stumm werde, wenn ich mit diesen Herren in meinem Gespräche etwas über die Linie, welche die Stadt einschließt, oder oft nur aus ihrem Studierzimmer hinausschreiten will. Sie sind sogar in ihrer eignen Heymath fremd. Könnte man wohl in Paris einen Gelehrten finden, der neuern Staatengeschichte von Europa überhaupt, den inländischen Gelehrten und ähnlichen Gegenständen ganz unbekannt wäre? Hier ist ein Gelehrter, der dies alles kennt, eine Seltenheit.

Ich wundre mich gar nicht, daß es den Grossen des hiesigen Hofes, und dem Adel, welcher die Welt gesehn, vor den meisten deutschen Gelehrten eckelt. Die meisten kaiserlichen Offiziere, die ich kenne, verdienen den Namen von Gelehrten viel eher, als die erbärmlichen Leutchen, welche hier diesen Titel tragen. Die erstern besitzen nebst den Kenntnissen, die ihr Stand erfodert, gemeiniglich noch eine geübte Menschenkenntniß und Umgänglichkeit. Ich kenne sogar verschiedne von ihnen, die man in jedem Betracht Philosophen heissen kann, da ich hingegen unter den hiesigen Gelehrten kaum 4 auffinden konnte, die dieses Namens würdig sind.

Man macht uns und den Italiänern den Vorwurf, wir hätten uns erschöpft, und wären nun ins Fade gefallen. Es mag zum Theil wahr seyn; aber wir haben unsere grosse Periode durchwandert. Wir haben in allen Fächern der Künste und Wissenschaften Meisterstücke geliefert. Hier geschah gerade das Gegentheil. Aus der tiefsten Barbarey hat man schnurstracks einen Sprung ins Fade gemacht. Die Philosophie hat hier noch nie ihre Epoche gehabt. Ein inländischer Schriftsteller hat es selbst gestanden.

Der Dämon der Möncherey hielt den hiesigen Nationalgeist bis unter die jetzige Regierung gefangen. Man wollte ihm Luft machen; aber der Dämon ließ ihm nicht mehr Freyheit, als um spielen zu können. Er war vorsichtig und mächtig genug, um bisher zu verhindern, daß sein Sklave nicht Meister über ihn würde – an der Kette, woran er bis itzt noch gebunden ist, kann er sich nie erheben. Joseph muß erst diese Kette zerreissen.

Es ist auffallend, daß hier fast alle grossen Leute Fremde sind. Lasey, Laudohn und WurmserWurmser – Dagobert Siegmund von Wurmser, österreichischer Feldmarschall, † 1797 bey der Armee sind Fremde. Unter den Gelehrten ist Herr von Störk ein Schwab; Denis, der größte Dichter Dichter Oestreichs, ein Bayer; Hell, der größte Mathematikus, wie man mir sagt, ein Slesier; und wenn auch gleich die hohen Stellen der Civilbedienung mit Inländern besetzt sind, so hat doch der Kaiser für sich einige Geheimschreiber, denen er sich anvertraut, die auch Fremde sind.

Zu vielen neuen Einrichtungen mußte man auch Fremde haben, die aber oft schlecht belohn wurden. Die kleine Post, diese vortrefliche Anstalt, hat man einem Fremden zu danken, der aber Schulden hinterlassen mußte. Zu einigen Verbesserungen bey der Artillerie gebrauchte man einen jungen französischen Offizier, dem man aber den Kopf so toll machte, daß er den Dienst aufgab, und zu Neapel mehr Erkenntlichkeit suchte. Ein Engländer lehrte sie hier das Geheimniß, die Pferde sicher zu beschneiden. Man hat ihm grosse Versprechungen gemacht, als man ihm aber seine Methode zu beschneiden abgelernt hatte, hielt man sie nicht. Er schrieb auf ein Billet: Man zwinge ihn Schulden zu machen, und das sey er nicht gewohnt. Dieß Billet legte er auf seinen Tisch und schoß sich eine Kugel durch den Kopf – Man muß diese Unterdrückung des Verdienstes nicht den Ersten des Hofes zuschreiben. Nirgends wird es reicher belohnt als hier, wenn es das Glück hat, sich selbst denselben vor Augen zu stellen; aber nirgends verstehn auch die Hofbedienten die Kunst, sich das Verdienst der andern zuzueignen, so gut als hier. Nirgends ist es, bis es vor den Thron kommen kann, so vielen KabalenKabalen – Intrigen ausgesetzt als hier, und nirgends muß es sich selbst so oft verläugnen, um anerkannt zu werden, als hier. Künste und Wissenschaften, alles hängt von den Intriguen der Hofbedienten ab. Der Kaiser weiß es nur zu gut, und sucht es dadurch zu verbessern, daß er mit seiner bekannten Popularität dem Verdienst auf den halben Weg entgegen geht. Aber es ist eine Unmöglichkeit, daß ein grosser Monarch alle Gattungen von Menschen genau kennen sollte, und es muß geschehen, daß er öfters durch die Schminke des Verdienstes getäuscht werde, besonders wenn er, wie Joseph, so ungemein heftigen Eifer äussert, dasselbe zu belohnen.

Was die Kunst betrift, da hab' ich dir gar wenig zu sagen. Ich sah Gemählde und Bildhauereyen, welche die Akademie jährlich öffentlich auszusetzen pflegt. Von den ersten waren 2 Drittheile Porträts, wie überall. Die grösten Künstler müssen sich nun fast blos mit Porträtiren abgeben. Die Kunst leidet darunter, aber der Künstler gewinnt dabey. Wenigstens giebt es baares Geld. Von Bildhauereyen waren nichts ausser 2 Busten vom Kaiser und der Kaiserin aufgestellt, die mir ungemein gefielen. Du weißt aber, daß ich nicht der zuverläßigste Kenner bin – Im Grunde vertritt hier das Theater die Stelle aller Künste, und davon werd ich dir in meinem nächsten Brief Nachricht geben.


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