Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Dreysigster Brief.

Wien –

Es ist geschehen. Die große Theresia, die mit allen ihren Schwachheiten doch eine der größten Frauen war, die je einen Thron besessen, ist nicht mehr. Ich sage dir nichts von den Klagen ihrer hinterlassenen Unterthanen, die sie wie eine Mutter liebten, nichts von dem Gepränge, das ihre Leiche umgiebt, und nichts von den grossen Anstalten, die zu ihrer Beerdigung gemacht werden. Alles das kannst du in den Zeitungen besser haben, als ich es dir beschreiben kann. Auch von ihren letzten Augenblicken, die den Karakter eines Menschen am wenigsten aufschließen, und wo er gewiß in seinem ganzen Leben am zweydeutigsten ist, kann ich dir nicht viel sagen. Ueberdem sind die Nachrichten davon ziemlich widersprechend.

So viel weiß man, daß sie in den letztern Jahren ihrer Auflösung mit etwas Bangigkeit und Forcht entgegen sah. Die natürliche Schwäche alter Leute, und dann die Besorgniß, ihr Thronfolger möchte einige Veränderungen vornehmen, von welchen ihr ahndete, und die ihrem Herzen zuwider waren, mögen die Ursache gewesen seyn. Auch als sich der Tod ihr allgemach näherte, konnte sie sich nicht sogleich fassen. Umsonst bath sie die Aerzte, ihrer Kunst aufzubieten. Der Tod siegte. Als man ihr seinen grausamen Triumph für gewiß ankündigte, zeigte die Religion ihre Stärke, und sie ward eine Heldin, als sie überwunden war. Sie besprach sich noch einige Stunden lang mit ihrem Sohn, und sorgte besonders noch für ihre Familie. Sie war die beste Mutter bis zu dem letzten Athemzug.

Der Monarch, welcher in den Jahren, wo das Gefühl der Ehre am lebhaftesten ist, und zu grossen Unternehmungen spornt, sich nun allein an der Spitze eines der mächtigsten Reiche in der Welt sah, und eine auf ihre Gewalt eifersüchtige Mitregentin verlor, die bisher allen seinen grossen Entwürfen im Weg stand, war in diesem Augenblick nichts als Sohn. Er vergaß alles, und beweinte den Verlust einer Mutter, deren Herz er kannte.

Die Familienliebe des kaiserlichen Hauses ist äusserst merkwürdig. Ich muß dir noch einige Züge mittheilen, die den Karakter dieser grossen Monarchin vortreflich ins Licht setzen – Sie hatte die Freuden des Ehebettes in vollem Maaß genossen. Sie war keine Hässerin der Freude; aber die Wollust mußte bey ihr in den Schranken der Ehrbarkeit und Religion bleiben. Sie kannte den Werth der Liebe, und hatte als Mutter nichts angelegeners, als auch ihre Kinder die erlaubte Liebe schmecken zu lassen. Von Herzen gerne gab sie ihre Einwilligung zur Verheyrathung ihrer Tochter Kristine mit einem apanagirten Prinzen aus dem sächsischen Haus, obschon die Politik des Kaisers etwas dagegen einzuwenden hatte, daß sein Haus dadurch mit zu viel Nebenästen belastet werden könnte. Als ihr Sohn Maximilian Koadjutor des Deutschmeisterthums ward, und das Gelübde der Keuschheit ablegen mußte, bedung sie sich vom Pabst ausdrücklich, daß er von diesem Gelübde dispensirtdispensiren – dispensieren: von einer allgemeinen Vorschrift im Einzelfall befreien seyn sollte, sobald er den Orden verlassen und sich begatten wollte. Auch die 2 noch ledige Prinzeßinnen hätten Männer bekommen, wenn es bloß von ihr abgehangen hätte. Sie hätte sich immer für desto glücklicher gehalten, je mehr Enkel sie bekommen hätte, und wenn auch ihre Schatzkammer noch soviel darunter gelitten hätte. Sie hätte in jedem Anblick eines ihrer Kinder die Freuden des Ehestandes in der Erinnerung wieder genossen, und doppelt genossen, weil sie sie mit ihrem Kind hat theilen können – Ein andrer schöner Zug von dieser Art, ist, daß sie für ihre Kinder eine treue Mutter blieb, wenn sie auch noch so weit von ihr entfernt, und noch so erhaben waren. Sie vergaß die Königinnen von Frankreich und Neapel, aller Entfernung, und aller Erhöhung ungeachtet so wenig, daß sie es auch noch in letztern Jahren nicht an Lehren, und sogar, wenn sie es allenfalls für nöthig erachtet, an sanften mütterlichen Verweisen nicht fehlen ließ. Ihr grosser Sohn war schon Kaiser, als sie ihn auch in Gegenwart von andern noch in Kleinigkeiten korrigirte. Die Gewalt, die sie bis zu ihrer letzten Stunde über denselben und über alle ihre Kinder behauptet, floß so ganz mit ihrer Mutterliebe zusammen, daß ihre Verweise keinem derselben auffielen – Ihre vergnügtesten Stunden waren, wenn sie Briefe von den Höfen von Versailles, Neapel, Parma und von Mayland empfieng. Sie schloß sich dann mit einer ihrer innigsten Freundinnen ein, und ergoß die Freude, Mutter von so vielen glücklichen Kindern zu sein, in ihren Busen.

Der Prinz Statthalter von MaylandStatthalter von Mayland – Peter Leopold II. Joseph, Sohn der Erzherzogin, wurde 1790 Kaiser, † 1792 und der Herzog von Sachsenteschen,Herzog von Sachsenteschen – Albert Kasimir von Sachsen-Teschen, ein Sohn Friedrich August II. von Sachsen. Als Schwiegersohn der Erzherzogin bekam er diesen leeren Titel ohne Amt, seit 1780 Statthalter der österreichischen Niederlande, † 1822 den der Kaiser seinen theuersten Schwager zu nennen pflegt, werden den Verlust einer liebevollen Mutter vorzüglich empfinden. Die Oekonomie des Kaisers, die er auch gegen sich selbst bis zur Strenge treibt, werden sie in manchen Nebenzuflüssen fühlen. Die zwo noch ledigen Schwestern des Kaisers können sich auf alle Art leicht einschränken, und sie sind sowohl in ihrem väterlichen als mütterlichen Testament hinlänglich bedacht worden; und was die übrigen Kinder dieser unvergleichlichen Mutter betrifft, so sind sie alle unabhängig von ihrem hohen Bruder und gut genug versorgt. Wenigstens wird es unserer lieben Königin am Nothdürftigen nicht fehlen, und wenn sie auch gleich nicht die strengste Oekonomin ist, so ist ihre Erziehung doch zu gut, als daß sie es zu grossen Ausschweiffungen kommen lassen könnte, und in Gefahr stünde, einen Franzosen je über sie murren zu hören. Welcher Franzmann, der sich der Zeiten der du Barrydu Barry – Marie-Jeanne Becu, Comtesse du Barry, Mätresse Ludwig XV. von Frankreich bis zu seinem Tod 1774, hingerichtet 1793 erinnert, wird den im Vergleich mit der ausgelassenen Mätresse so unbedeutenden Aufwand einer guten Königin beklagen, und nicht die Asche einer Mutter segnen, die seinem durch die Verschwendung einer Beyschläferin so zerrütteten Vaterlande eine weise und tugendhafte Königintugendhafte Königin – dieser Brief ist eine einzige Parodie, hier beispielsweise werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Die Biografie der Königin sagt anderes. Man vergleiche auch die Mitteilungen über Maria Theresia im Ein und zwanzigsten Brief. geschenkt hat.

Seitdem das Gerüchte vom Tod der Kaiserin die Stadt erfüllt hat, bemerkt man auf den Gesichtern und in den Gebehrden der Geistlichen und Hofbedienten Ahndungen von einer grossen Revolution. Die Prälaten, die sonst die Bäuche auf den Strassen mächtig vorpresten, schleichen seit einigen Tagen ganz gebeugt an den Wänden hin, und die Hofbedienten scheinen immer in die Rechnungen ihrer Schulden vertieft zu seyn. Sie tragen alle die Hände in den Hosensäken und scheinen eine ApostropheApostrohe – feierliche, nicht öffentliche Anrede an eine Person oder Sache an ihre Börsen in ihren Bart zu murmeln. Doch ehe ich dich mit dem unterhalte, was vermuthlich geschehen kann, will ich dich mit dem Zustand der östreichischen Lande, so wie sie die grosse Theresia verläßt, bekannt machen.

Das Haus Habspurg-Lothringen gehört nun unter die 4 ersten europäischen Mächte, und hat in der Grösse keine Nebenbuhler als Rußland, Frankreich und Großbrittanien. Zu Anfang dieses Jahrhunderts bis unter die Regierung der verstorbenen Kaiserin gehörte Oestreich in die Klasse der mittlern europäischen Mächte, und Englands ganze Macht und das Geld der Holländer mußten es unterstützen, wenn es eine bedeutende Rolle spielen wollte. Selbst zu der Zeit, wo die Sonne nie in seinen Gränzen untergieng,die Sonne ... – Ausspruch Karl V. († 1556) in Bezug auf die spanischen Kolonien in Amerika: »In meinem Reich geht die Sonne nicht unter.« war es so förchterlich nicht, als itzt. Der Verlust so vieler Reiche und Provinzen lehrte es endlich, daß die Stärke eines Staates nicht auf der Masse der innern Kräfte, sondern auf dem Gebrauch derselben beruhe. Ein grosser Mann, der ihm zu einer Zeit diente, wo es noch das Elsaß, Neapel, Sicilien und verschiedene andre Länder besaß, verglich es einer umgestürzten Piramide, die auf ihrer Spitze steht, und durch das Gewicht des schweren Theils wankt. Die Pyramide ist nun etwas leichter geworden, aber sie steht der Natur gemäß auf ihrem Boden, vest und unerschütterlich.

Die Grösse der gesammten östreichischen Erblande, wenn sie rund beysammen lägen, würde etwas mehr betragen, als die Grösse Frankreichs. Hungarn, nebst Siebenbürgen, Kroatien, Slavonien, Tömeswar und dem Stück von Dalmatien macht 4.760 geographische Quadratmeilen aus. Böhmen beträgt 900, Mähren samt dem Stück von Schlesien 430, die östreichischen Kreislande, wozu das eigentliche Herzogthum Oestreich, Steiermark, Kärnthen, Krain, Tyrol und die Ländereyen des Hauses in Schwaben gehören, betragen nebst der Grafschaft Falkenstein, dem neueroberten Stück von Bayern und ein Theil von Friaul ohngefähr 2.200, die Niederlande 500, die Besitzungen in der Lombardey 200, und die Königreiche Gallizien und Lodomerien samt der von den Türken abgetrettenen Bukowina ohngefähr 1.400 geographische Quadratmeilen, welches zusammen 10.360 Quadratmeilen beträgt, da Frankreich kaum die runde Zahl von 10.000 solcher Meilen ausmacht. Doch der Unterschied ist noch so groß nicht; wird aber durch die zu erwartende Vereinigung von Toskana und den modenesischen Staaten mit den übrigen Erblanden bald sehr merklich werden. Die Natur war diesen Ländern noch günstiger als unserm Vaterlande, ob sie schon so viel für dasselbe gethan hat. Frankreich hat kein Produkt, welches die östreichischen Staaten nicht in eben der Menge liefern oder doch bey gehörigem Anbau liefern könnten; Wein, Oel und Seide nicht ausgenommen. Einige der ersten Bedürfnisse, Getreide und Vieh können sie in einem solchen Ueberfluß liefern, daß sie nebst ihren eignen Einwohnern noch wenigstens die Hälfte jener von Frankreich damit versorgen könnten. Der Schatz von Metallen in den Bergen, welche Hungarn umgeben und Tyrol, Kärnten, Krain und Steiermark anfüllen, wird im Vergleich mit dem reinen Gewinn der Könige beynahe ebenso beträchtlich seyn, als jener in dem Gebirge des spanischen oder portugiesischen Amerika. Hätten diese Länder eine ebenso grosse Seeküste um ihren Ueberfluß in die weite Welt verführen, und ihren natürlichen Reichthum besser geltend machen zu können, sie würden wenigstens um den vierten Theil mehr Werth haben, als Frankreich. Aber die glückliche Lage unseres Vaterlandes, das Gewässer, welches dasselbe auf verschiedenen Seiten beherrscht, und die schiffbaren Flüsse, welche den Absatz unserer Produkte aus der Tiefe des Reichs nach allen Seiten erleichtern, geben ihm in Rücksicht auf den verhältnismäßigen Werth ein entscheidendes Uebergewicht über die östreichischen Staaten.

Hungarn ist ohne Vergleich der wichtigste Theil des östreichischen Erbreichs. Er besitzt nicht nur alles, was die andern Provinzen hervorbringen, sondern muß auch noch einige derselben mit seinem Ueberfluß ernähren, und seine Produkte übertreffen jene der übrigen Staaten eben so sehr an Güte, als in der Menge.

Hier fällt es einem stark auf, daß der Mensch immer desto weniger thut, je mehr die Natur für ihn gethan hat. Bloß der Kampf mit Schwierigkeiten entwickelt seine Kräfte, und nur die äusserste Noth kann ihn seiner natürlichen Trägheit entreissen. Der Bergschweitzer trotzt den nakten Felsen seinen Unterhalt ab, und hat unwirthbare Wildnisse in ergiebige und bewohnte Ländereyen umgeschaffen. Der Holländer hat den verschlämmten Sand des Rheines und der Maas, den ihm die See beständig streitig macht, in einen Garten verwandelt, indessen der beßte Boden in Hungarn wüste liegt.

In Wien glaubt man, die geringe Bevölkerung wäre die Ursache, daß Hungarn eine so ungeheure Menge Getraide und Vieh ausführen könnte; allein wenn es auch dreymal so stark bevölkert wäre, so könnte es doch gewiß diese Bedürfnisse in noch grösserer Menge ausführen, wenn der Ackerbau auf den Grad von Vollkommenheit gebracht würde, worauf er in dem größten Theil von Schwaben ist. Es liegt nicht nur ein guter Theil dieses ergiebigen Landes ungebaut, sondern auch der, welchen man bebauet, wird bey weitem nicht so benutzt, als er benutzt werden könnte. Hier weiß man noch nichts von dem künstlichen Wiesenbau, von einer vortheilhaften Art zu düngen, von Mischung der Erdarten, vom Gebrauch des Mergels, den verschiedene Gegenden und zwar von sehr guter Art, im Ueberfluß haben. Es bleibt wenigstens um die Hälfte mehr Land brach liegen, als nöthig wäre. Die gewöhnlichste Art, das Getraide auszudreschen, ist, daß man die Ochsen drauf herum treibt, wobey ein guter Theil davon im Stroh zurück gelassen wird. Wenn man die Strassen dieses herrlichen Landes überblickt, so glaubt man durch eine Steppe zu reisen, ob man schon einen Boden betritt, der das Korn 50, 60, ja, wie mich einige versicherten, oft 100fältig ohne mühsame Bearbeitung zurückgiebt. Die Strassen nehmen hie und da einen unübersehbaren Strich Landes in die Breite ein, weil der flache Boden einen so geringen Werth hat, daß man ihn dem Eigensinn der Fuhrleute ohne die geringste Einschränkung Preis giebt, die sich dieser Freyheit mit einem unbeschreiblichen Muthwillen bedienen, und beym geringsten Regen, oder wenn ein altes Gleisse nur im mindesten beschwerlich ist, durch das angränzende Feld jagen.

Die Einwohner entschuldigen ihre schlechte Wirthschaft damit, daß das Getraide keinen Werth habe, und sie es bey einer reichen Erndte nicht abzusetzen wüßten. Die Entschuldigung hat einiges Gewicht, aber verschiedne Fehler der Verfassung und Verwaltung sind die Grundursache des schlechten Zustandes der Wirthschaft. Mit der Bevölkerung würde der Werth des Getraides steigen, und wenn der Landmann mehr Ermunterung zur Arbeit hätte, so könnte ein grosser Theil dieses so unerschöpflichen Bodens zu andern Erzeugnissen als Getraide benutzt werden. Man gewinnt zwar schon eine beträchtliche Menge Tabak, Safran und verschiedene Gattungen der edlern Früchte; allein die Arten der Produkte, welche das Land nebst diesen noch liefern könnte, sind unzählig, und, was du kaum glauben wirst,die Regierung sucht die Erzeugung der Produkte, wodurch das Land am meisten gewinnen könnte, eher zu hemmen, als zu befördern.

Die Ausfuhr der vortreflichen hungarischen Weine, die eines der Hauptprodukte dieses Landes sind, und deren erleichterte Ausfuhr unsern Weinhandel nach Norden fast gänzlich zu Grunde richten könnte, ist mit ungeheuern Auflagen erschwert. Die Regierung will dieses unerklärbare Betragen dadurch erklären, daß, wenn die Ausfuhr der hungarischen Weine frey wäre, der östreichische Weinbau zu Grunde gehen müßte. Ich weiß nicht, ob das Gesetz noch gilt, aber wenigstens galt es eine Zeitlang, »daß ohne besondre Erlaubniß kein hungarischer Wein durch Oestreich verführt werden dörfe, wenn nicht eben so viel östreichischer Wein zugleich mit verführt würde.« Nun mag es dem östreichischen Adel freylich sehr unangenehm seyn, wenn er seinen Wein wegen der überlegenen Menge und Güte des hungarischen nicht absetzen kann, und seine Ländereyen an Werth verlieren müssen. Ohne Zweifel hat dieser Adel auch den meisten Theil an der grausamen Einschränkung der Weinausfuhr aus Hungarn; allein wenn man die Erblande des kaiserlichen Hauses als einen zusammenhangenden Körper betrachtet, so heißt das, den Kopf einem Finger oder einer Zähe aufopfern. Oestreich kann nie einen Tokayer, St. Görger, Ruster, Oedenbürger, Ofner, Schumlauer oder Ratzersdorfer liefern, die sich von selbst den Fremden empfehlen, da man hingegen durch diese unpolitische Vertheurung des hungarischen Weines den benachbarten Ausländern den sauern Österreicher aufzudringen sucht. Dem weiten hungarischen Reiche entzieht man dadurch einen grossen Theil seiner besten Nahrungssäfte, um einer Provinz, die kaum den 8ten Theil von der Grösse desselben beträgt, nicht den nöthigen Unterhalt, sondern Ueberfluß zu verschaffen; denn sie hat durch die Residenz des Hofes schon überwiegende Vortheile vor den andern Provinzen, und die weinreichen Gegenden von Oestreich wären zu jeder andern Art von Bebauung geschickt. Die rußischen Kommis,Kommis – Kommiß, Großhändler die sich immer zu Preßburg, Ofen, Tokay und an andern Orten aufhalten, werden nie Bestellungen auf östreichische Weine machen, und wir Franzosen sind der östreichischen Regierung unendlichen Dank schuldig, daß sie unsern Weinen durch die schweren Auflagen auf die hungarischen den Abgang in Norden zu erhalten sucht; denn was von den Russen, Polen u. a. m. in Hungarn gekauft wird, ist meistentheils nur für die Höfe und den höhern Adel, da wir hingegen mit ungleich mehr Gewinn den grossen Haufen in Norden bedienen.

Der Verlust des Geldes, welches Hungarn durch eine leichtere Ausfuhr seiner Weine ziehen könnte, ist nicht der größte Schaden, den es durch diese unnatürliche Einschränkung leidet. Das Uebel wird dadurch schrecklich, daß die innere Konsumtion des Weines durch diesen unbegreiflichen Zwang befördert wird. Der Bauer, welcher durch das unmenschliche Lehnrecht vom Adel unterdrückt wird, sucht seine Noth, den Kummer seiner ganzen Familie, seine Verzweiflung im Weine zu ersäufen, den er zum Theil selbst zieht, oder doch in meisten Gegenden um 2, 3 bis 4 Kreuzer, die Maaß haben kann. Der Mangel an Erziehung und die Verwilderung seiner Sitten machen ihn ohnehin schon zu sehr zum Saufen geneigt. Ich sah Gegenden, die mir das lebendigste Bild von berauschten amerikanischen Horden darstellten, und es fehlte hier den hiesigen Wilden nichts, um sie zu vollkommenen Illinois zu machen, als Haarbüschel von erschlagenen Feinden und Hirnschädel zum trinken. Die Trunkenheit schwächt die Seelenkräfte des Bauern eben so sehr als seine Leibeskräfte. Sie macht ihn dumm, träg und schwindsüchtig. Die zu heftige Treibkraft der Natur in den heissen Gegenden dieses Landes macht die Menschen ohnehin bald verblühen. Der unmäßige Gebrauch des starken und an manchen Orten sehr kalchigten Weins hilft vollends ihre Säfte austrocknen, und die meisten Bauern dieser Gegenden sind in dem Alter von 50 Jahren ausgezehrt, und fangen schon in den dreyßigen zu welken an, so kraftvoll und blühend auch die Jünglinge sind. Die Fruchtbarkeit der Ehen wird dadurch vermindert, und die Bevölkerung würde, anstatt sich von selbst nach und nach zu mehren, abnehmen müssen, wenn sie nicht von aussen einigen Zufluß bekäme. – Auch die ungeheuern Auflagen auf den ungarischen Tobak, welcher in die andern Erblande des Hauses Oestreich eingeführt wird, ist dem Anbau dieses Landes entgegen. Die Pachter des Tobakhandels in den Reichserbländern sollten wenigstens angehalten werden, mit einer gewissen Menge fremden Tobacks ebensoviel oder noch mehr hungarschen abzusetzen.

Es ist wohl kein Land in der Welt, das von verschiedenern und mannichfaltigern Menschenarten bewohnt wird, als Hungarn. Die alten Einwohner des Landes, welche eigentlich die Nation ausmachen, theilen sich in Tataren und Slaven. Zu jenen gehören die eigentlichen Hungarn, die Kumaner, Zekler und Jazyger. Ihre Sitten und ihre Bildung verrathen noch merklich genug, daß sie mit den heutigen Kalmücken verwandt und Abkömmlinge der alten Scythen sind. Ihre tiefen Augen, ihre eckigten Gesichtsknochen und ihre gelblichte Farbe unterscheidet sie auffallend von den Slaven, die überhaupt einen stärkern und rundern Knochenbau haben, und weisser und fleischigter sind. Es giebt verschiedene Bezirke, wo sich beyde Menschengattungen ziemlich unvermischt erhalten haben. Die Slaven bestehn aus Kroaten, Böhmen, die ursprünglich ein Nebenast der Kroaten sind, Serbiern, die man Raitzen nennt, Russen, Wenden, Polaken. Die deutschen Kolonisten werden auch als Eingebohrne betrachtet, doch müssen sie sich, wenn sie freye Güter besitzen wollen, den Adel um 2.000 Kremnitzer Dukaten erkaufen, die ohngefähr 22.000 Livres ausmachen. Als Beysässen betrachtet man die Walachen, Bulgarn, Türken, Griechen, Armenier, Juden, und Zigeuner, welche im Lande Ziganer genannt werden, und unter diesen angesessenen Fremden die zahlreichsten sind.

Alle diese Völker, einen Theil der deutschen Kolonisten ausgenommen, sind noch Barbaren. Der grosse Adel, der sich nach dem Hof zu Wien gesittet hat, ist zu gering an Zahl, als daß er eine Ausnahme machen könnte. Die Regierung, die für die Kultur ihrer deutschen Lande so viel thut, hat fast noch gar nichts gethan, um diesen ansehnlichen Theil ihrer Unterthanen aus der Barbarey zu reissen. Im Gegentheil hat sie, ohne es zu wissen, an dem Karakter und den Sitten dieser Wilden viel verdorben.

Als der Hof zu Wien noch nicht soviel unmittelbaren Einfluß auf sie hatte, waren sie kriegerisch, und wie alle Kinder der Natur, denen eine mißverstandne Politik keine falsche Richtung gegeben hat, offenherzig, gastfrey, vertraulich und zuverläßig in ihrem Versprechen. Ich kenne einen alten Officier, der seine Jugend mit Vergnügen unter den Kroaten zugebracht hat, der mich aber versichert, daß sie seit 60 Jahren ganz unerkenntlich geworden, und aus einem beherzten, treuen, muntern und freymüthigen Soldatenvolk in eine tückische, betrügerische und feige Räuberbande ausgeartet seien. Viel lieber, sagte er, hatt' ich mit ihnen zu thun, als sie noch ganz ohne Zucht, und ihren eigenen Gesezen und Gewohnheiten überlassen waren. Es ist wahr, sie plünderten gern bey Freund und Feind, und wenn wir ins Feld zogen, so waren die Würste auf den Bänken der Metzger in einer Stadt so wenig sicher vor ihnen, als die Mädchen und Weiber in den Häusern, wo sie einquartiert wurden; allein das war bloß die Wirkung der Stärke des natürlichen, sinnlichen Appetites, und dabey waren unsere Magazine und unsere Kriegskasse so schlecht bestellt, daß auch die Officiers der reglierten Truppen oft durch die Finger sehn mußten, wenn ihre Leuthe nicht reine Hände hielten. Bey allem dem waren unsere Kroaten brauchbare Kerl. Sie hielten auf den gefährlichsten Vorposten stand, wenn sie auch schon fast von feindlichen Truppen umringt waren. Von Ausreissen wußten sie nichts. Ihr Officier, wenn er ein wenig Liebe und Nachsicht gegen sie äusserte, konnte sie auf den Wink folgsam machen, und in jedem Fall auf ihre Treue und Zuverläßigkeit rechnen. Sie dachten nicht daran, ihre Diebereyen zu verhehlen, und wenn man ihnen ihre Beute ließ, so waren sie in einem Feldzug unermüdet, und konnten auch im Fall der Noth einige Tage lang hungern, ohne stutzig zu werden. Aber jetzt hat sich alles geändert. Durch die sogenannte Zucht hat man dafür gesorgt, daß sie freylich nicht mehr auf offener Strasse rauben; allein sie stehlen heimlich so viel sie können; bestehlen einander selbst; wissen ihre Diebstähle zu verhehlen; machen Kabalen gegen ihre Officiers; desertiren haufenweis, wenn es mit einiger Sicherheit geschehen kann, denn zu einer gefährlichen Desertion sind sie durch den Zwang, den man sie fühlen ließ, zu feig gemacht worden. Sie murren und werden mißmüthig, wenn sie nur 2 Tage en corpsen Korps – alle zusammen im Felde stehn sollen, und können ihre Uniform nicht anlegen, ohne darüber zu fluchen. Sie betrachten ihre Vorgesetzten als ihre Feinde, und hassen sie. Ehedem war es unerhört,unerhört – hier: hat man nie davon gehört daß ein Kroate zu den Türken übergelaufen wäre, aber heut zu Tage mischen sie sich, besonders die Likkaner, zu 20 und 30 unter die Türken, und plündern mit denselben ihr eignes Vaterland. Mit den Slavoniern verhält es sich eben so, und auch die Hungarn sind zum Theil durch Reglemens, die auf ihren Zustand nicht passen, und durch gewisse, mißtrauische Anstalten der Regierung eher verdorben als gebessert worden.

Der Mann spricht aus augenscheinlicher Erfahrung; aber wenn man auch blos dem allgemeinen Gang der Natur nachdenkt, so kann man sich leicht überzeugen, daß ein wildes Volk durch blosse Polizeyverordnungen nicht gebessert werden kann. Es muß erst vorbereitet werden, um den Sinn dieser Verordnungen in etwas fassen und einsehn zu können, daß sie mit seinem Interesse genau verbunden sind. Seine Einbildungskraft muß erst durch Vernunftschlüsse bezähmt, und der Starrsinn, womit es seinen alten Gebräuchen und Sitten anhängt, durch deutliche Begriffe gebrochen werden. Blos durch blinden Gehorsam, wenn das Volk nicht einsehen kann, daß er sein Interesse befördert, macht man es zu tückischen, mürrischen und widerspenstigen Sklaven, die ihre Regenten als ihre Feinde betrachten und sich durch Trägheit, sinnliche Wollust, Betrug, und andre Laster für den Zwang, den sie leiden müssen, schadlos zu halten suchen. Der Wilde, den man ohne die nöthige Vorbereitung in den Zustand eines polizirten Volks versetzt, nimmt alle Laster desselben an, ohne sich das Gute dieses polizirten Volkes eigen machen zu können, und indem er die Laster der Wildheit mit jenen des verfeinerten Menschen vereinigt, wird er der abscheulichste und zugleich der unglücklichste Mensch unter der Sonne.

Die Religion ist der einzige Weg, worauf der Wilde stufenweis aus seiner Wildheit in den verfeinerten Zustand des Menschen geführt werden kann, ohne einen bösen Karakter anzunehmen; und die Regierung, welche diesen natürlichen Weg in der Behandlung ihrer Unterthanen nicht einschlägt, sondern sie durch blosse Machtsprüche bilden will, verliert nicht nur ihre Mühe, sondern arbeitet schnurstracks gegen ihre eigne Absicht und ihr eignes Interesse. Der Sklave glaubt bloß für seinen Herrn zu arbeiten, und thut nicht mehr, als wozu er mit der Peitsche gezwungen wird. Der Unterthan, welcher durch Ueberzeugung geleitet wird, sieht ein, daß sein Bestes mit jenem des Ganzen verknüpft ist; er gehorcht willig, und arbeitet mit Eifer und Muth für den Staat, weil er zugleich für sich zu arbeiten glaubt. Bey dem Wilden vertritt die Religion die Stelle der Ueberzeugung, so wie auch bey dem grossen Haufen in den meisten polizirten Staaten, der fast nie die Verbindung seines Wohls mit jenem des Ganzen deutlich einsehen lernt, und die Religion zur bürgerlichen Tugend und Thätigkeit nöthig hat. In meinem nächsten Brief werd ich dir sagen, wie weit man die Regierung in Hungarn nach diesem natürlichen und einfachen Grundsatz bisher befolgt. Du weißt, man ist öfters gewohnt, gewisse Grundsätze eben deswegen zu übergehen, weil sie zu einfach sind, und uns, so zu sagen zu nahe vor der Nase liegen. Leb wohl.


 << zurück weiter >>