Johann Kaspar Riesbeck
Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
Johann Kaspar Riesbeck

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Sieben und zwanzigster Brief.

Wien –

Noch vor ohngefähr sechzehn Jahren war hier der Harlekin die Seele von allem, was Schauspiel hieß. Man fand nichts schön, als was Harlekin that und sprach. Die Kritik von NorddeutschlandKritik von Norddeutschland – Gottsched wandte sich gegen die Figur des Harlekins (Hans Wurst), der in allen Theaterstücken seine Possen trieb. Dieser wurde 1737 erstmalig von der Neuberschen Theatertruppe (die Neuberin, † 1760) weggelassen pfiff ihn von der hiesigen Bühne; aber der grosse Haufen hier beseufzt noch seinen Abtritt. Er hat auf einen Befehl des Hofes vom Publikum feyerlich seinen Abschied genommen.

Nun entwarf man den Plan zu dem Nationaltheater, der nach und nach, aber endlich doch glücklich ausgeführt ward. So wie dieses Theater jetzt wirklich ist, gibt es der französischen Komödie zu Paris nichts oder doch wenig nach. Ich sah hier den Hausvater von DiderotDiderot – Denis Diderot, franz. Schriftsteller, Aufklärer und Enzyklopädist, † 1784 aufführen und zweifle ob er zu Paris je durchaus so gut besetzt war. Die Gesellschaft ist ausgesucht, aber sie hat die nämlichen Gebrechen, welche die französische Komödie hat, und die jede Schauspieler Gesellschaft haben muß, wenn sie unter keiner strengen Subordination steht.

Ich besprach mich vor einigen Tagen mit einem der angesehensten hiesigen Schauspieler über die Direktion des Theaters. «Wir formiren unter uns ein Parlament, sagte er, und der Intendant des Hofes hat nicht mehr Gewalt über uns als der König von England über die Kammer der GemeinenKammer der Gemeinen – das britische Unterhaus.« Tant pis,Tant pis – umso schlimmer dacht ich; denn wenn eine republikanische Verfassung irgend schädlich ist, so ist sie es gewiß unter einer Schauspielergesellschaft, wovon ein Theil immer die Könige und Fürsten wirklich seyn will, die er auf dem Theater spielt, und den andern für die Bedienten und Sklaven hält, die er auf der Bühne vorstellt.

Ich muß dich mit den vornehmsten dieser WhigsWighs – eine Fraktion des englischen Parlaments persönlich bekannt machen; denn es ist wirklich der Mühe wert. Sie verdienen die Achtung, worinn sie hier stehn, und die ihnen den Zugang zu den ersten Gesellschaften des Hofes öfnet.

Der ältere Stephanie,Stephanie – über keine der genannten Personen sind Informationen mit vertretbarem Aufwand zu beschaffen. Das gilt auch für das mehrfach genannte Theaterstück »Fayel«. – »Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze.« Regisseur, ist ein vortreflicher Mann ausser der Bühne. Er besitzt eine mannichfaltige Lektüre und ein gutes Herz. Er hat in der Gesellschaft das Anständige und Runde eines Weltmanns und ziemlich viel Witz. Es ist Schade, daß sein Bau für das Theater nicht der beste ist. Seine Füsse sind nicht die schönsten, und der Unterleib hat überhaupt nicht das beste Verhältnis zur obern Hälfte des Körpers. Er sucht diese Naturfehler oft durch künstliche Stellungen und Wendungen zu verbergen; aber auch nur ein mittelmäßiges Auge sieht gleich beim ersten Anblick, daß ihn seine Figur genirt. Unter allen hiesigen Schauspielern, Herrn Brockmann ausgenommen, deklamirt er am richtigsten; aber nicht am schönsten, denn seine Stimme fällt manchmal ins Hohle. Seine Sprache ist äusserst rein, welches er seiner theatralischen Bildung in Sachsen zu danken hat. Seine Gesichtszüge sind stark, nehmen sich aber doch auf der Bühne nicht sehr aus, weil er blond ist, und durchs Mahlen dem scheinbaren Spiel derselben nicht genug nachzuhelfen sucht. Zu zärtlichen Vätern, welches seine Meisterrollen sind, ist er ganz gemacht. Ich hab den Hausvater noch nicht besser spielen gesehn, als von ihm. Weil er aber zu gut ist, die kleinen Fehler seiner Figur kennt und mit unbändigen Leuthen zu thun hat, so muß er sich öfters gefallen lassen, Rollen zu spielen, wozu er gar nicht gemacht ist. Man sucht ihm alle schwere Personagen, wobey doch keine Ehre zu verdienen ist, oder alle die sogenannten undankbaren Rollen aufzuhängen. Ich sah ihn junge lebhafte Prinzen machen, wobey er freylich nichts gewann. Unterdessen sieht man überall, daß er Kopf hat, und er leistet allzeit, was mit seinem Körper zu leisten möglich ist. Er hat verschiedene Stücke aus dem Französischen und Englischen übersezt, und wenn ich nicht irre, auch einige kleine Originalstücke geliefert.

Sein jüngerer Bruder ist gerade das Gegentheil von ihm: ein rauher, starrköpfiger, troziger Mann, mit einem Medusengesicht, und nach dem ersten Anblik mehr zu einem Grenadierkorporal, als zu einem Schauspieler gemacht. Er spielt Flegel, Murrköpfe, Tyrannen, Scharfrichter u. dgl. m. welche ihm alle natürlich sind, und die ihm niemand nachmachen kann. Als Dichter ist er viel schätzbarer, als Akteur. Aller Kritiken, die ihn verfolgen, ungeachtet, werden seine Stücke doch auf allen deutschen Bühnen und auch auf jenen aufgeführt, wo man am stärksten über ihn schreyt. Sie haben viel Populäres, oft sehr treffende Karakterzüge, und nicht selten eine sehr feine Verwikelung. Es ist Schade, daß er nicht ganz ausgebildet ist. Er ist seiner Sprache nicht Meister genug, und sieht sich oft gezwungen, Intriguen mit Haaren in seinen Plan zu ziehn, weil er zu fruchtbar seyn will; wie man denn schon seine Stücke dutzendweis verkauft. Wenn er sich mehr Zeit liesse, zu feilen und zu schleifen, ich glaube, er könnte unter die besten jetztlebenden Theaterdichter gesetzt werden. Seine Liebe für den König, welches die Geschichte von Karl II. von England ist, sein Deserteur aus Kindesliebe, seine Bekanntschaft im Bad, seine Wölfe in der Heerde und sein Unterschied bey Dienstbewerbungen verrathen gewiß Genie, wenn sie auch gleich nicht bis zur klaßischen Schönheit ausgearbeitet sind. Uebrigens kümmert er sich weder um die Kritiker seiner Gedichte noch seines Theaterspiels. Er flucht und schimpft ihnen unter die Nase, und wenn Noth an Mann gehn sollte, so hat er auch zwo Fäuste, um sie schweigen zu machen.

Herr Brokmann ist erst seit einigen Jahren hier. Man hat lange Zeit um ihn gebuhlt. Er genoß in Hamburg eines Ruhms, den Le Kain bey uns und Garrik in England genos. Er wollte nicht hieher, weil er die Kabalen dieser Theaterrepublik scheute, und dann seine Frau seit langer Zeit schon hier war, mit welcher er nicht im besten Vernehmen zu stehn scheint. Endlich ließ er sich durch die vortheilhaften Bedingungen, die man ihm machte, doch hieher locken. Er ist einer von den Schauspielern, die eben nicht beym ersten Anblik auffallen, aber immermehr einnehmen, je länger man sie sieht. Man muß sich erst an seine etwas zu fleischigte Figur und seine etwas heisere Stimme gewöhnen, ehe man sein Verdienst ganz schätzen kann. Aber wer diese kleine Gebrechen einmahl gewohnt ist, der muß über seinen Ausdruck entzükt werden. Ihm entgeht keine Nuance einer Leidenschaft oder sonst irgend einer Situation. Die unbeschreibliche Leichtigkeit seines Spiels verstekt das erstaunliche Studium, welches er auf alle seine Bewegungen und auf jedes einzel[n]e Wort wendet, das er spricht. Er studiert unabläßig vor dem Spiegel, und alles an ihm verräth Verstand, Fleiß und Uebung. Seine Meisterrolle ist Hamlet, den er aber hier nicht spielen kann, weil die republikanische Verfassung der Gesellschaft nicht erlaubt, daß man einem andern eine Rolle nimmt, die er schon gespielt hat, und im Besitz dieser Rolle ist ein gewisser Lange, von dem ich dir bald Nachricht geben werde. Aber Brokmann ist wie Garrick im stand, alle Rollen, vom Sultan an bis auf den Sklaven, gut zu spielen. Einen grössern Beweis von Weltkenntniß giebt es nicht.

Nun ist die Reihe an einem Mann, der gewiß einzig in seiner Art ist. Es ist Herr Bergopzoomer, einer der größten Charlatans und doch zugleich einer der besten Künstler seiner Art, die ich je gesehen. Er hatte ehedem zu Prag eine Theaterschule, und kam auf den seltsamen Einfall, alle Bewegungen der Hände und Füsse mit Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen. Nun rief er seinen Zöglingen unter dem Spiel zu: A, B, K, R, Y, und mit jedem Buchstabe mußten sie die gehörige Bewegung verbinden. Er soll auch der Verfasser eines sehr traurigen Trauerspiels seyn, worin er die Hauptrolle gespielt, und erst alle andre Personen seines grausamen Stückes und sich dann zu guter Letzte selbst umgebracht hat. Mordthaten sind seine Stärke. Ich sah ihn den tollen Richard von Englandtoller Richard von England – »Richard III.« von Shakespeare machen, und ich muß gestehen, in der Henkersarbeit thut es ihm keiner nach. Er ist stark und doch leicht von Bau, hat eine vortrefliche Stimme, ein lebhaftes Aug und auffallende Gesichtszüge, und weiß von allem dem guten Gebrauch zu machen. Im Studium übertrift er vielleicht noch Herrn Brokmann. Er bemahlt sein ganzes Gesicht mit allen seinen Farben, so wie es der Karakter und auch allenfalls die Geschichte des Personnage erfodert, welches er spielen muß. Er sezt sich falsche Haare in die Frisur, die er sich in der Wuth ausrauft und Handvollweise auf den Boden wirft. Seine Wunden müssen wirklich bluten, und er soll ehedem in heftigen Leidenschaften sogar öffentlich auf dem Theater in der Wut Blut ausgespieen haben. Als Richard sah ich ihn sich in der Wuth auf den Boden werfen, grimsen und mit den Zähnen knirschen, daß ich wirklich schauerte. Alles das hat den Ausdruck der Wahrheit, daß er auch einen Kenner seine Charlatanerieen und Grimassen vergessen macht. Sein Fayel übertrifft alles, was von der Art gespielt werden kann. Er weiß, welche Gewalt ein Deklamateur mit den Gradationen der Stimme haben kann. In der Emilia Galotti macht er als Kamillo Rota, ohne Bewegung der Arme, oder Faltung des Gesichts, blos mit 5 bis 6 Worten das ganze Parterre schauern. Überhaupt ist ihm durch seine erstaunliche Uebung alles so leicht und rund geworden, daß man auch oft die grösten Schwierigkeiten, die er überwindet, nicht achtet. Du must eben nicht glauben, daß der Mann nichts als Romanhelden, als blutdürstige Tyrannen und Mörder spielen könnte. Nein; er spielt auch die etwas lebhaftern Rollen des bürgerlichen Lebens vortreflich. Der Restleß in dem englischen Stück: Alle irren sich, ist ein Meisterstück von ihm. Du weist, daß dieß eine der schwersten Rollen ist, die gespielt werden können. Nur Schade, daß er lieber mordet und stirbt als mehrere solche Rollen spielt. Uebrigens ist er ein guter Gesellschafter, und was etwas seltenes in der Schauspielerwelt ist, ein Mann von ziemlich ansehnlichem Vermögen.

Unter allen Schauspielern hat keiner unter den Grossen des Hofes so viele Gönner und Freunde als Herr Miller. Der Mann versteht sich auf alles. Er errichtet Lotterien für die Bälle, d[b]ei deren Fonds sich sogar die Kaiserin selbst intereßirt, hält eine Bude von Galanterieen,Galanterieen – Galanteriewaren: Mode-, Putz- und Schmuckwaren hat eine artige Frau und eine schöne Tochter, welche bey den Großen öfters das Klavier spielt, und weiß von allem Nutzen zu ziehen. Er soll so viel Kredit haben, daß in seinem Handel und Wandel gegen 50.000 Gulden fremdes Geld zirkuliren sollen; ich glaube aber, die Summe ist ein wenig übertrieben. Er lebt von den grossen Herren als ein grosser Herr. Seine Wohnung ist auf dem besten und theuersten Plaz der Stadt, und besteht aus einer Suite von Zimmern, die kostbar und mit viel Geschmak tapezirt sind. Er hat in einer Vorstadt einen artigen Garten gemiethet, worinn er im Sommer für alle Welt freye Tafel giebt. Alle schönen Geister aus Deutschland addreßiren sich an ihn, und er biethet jedem seine Wohnung an. Die Bekanntschaften, die er sich dadurch unter dem hiesigen Adel und den hiesigen Gelehrten macht, vergüten ihm wieder diese Gastfreyheit. Er hat auch einige Theaterstücke fabricirt, die aber nicht so gut sein sollen, als seine Galanteriewaaren. Er ist der insinuantesteinsinuant – hier: einschmeichelnd Mann von der Welt, und sucht allen Leuthen zu helfen, so wie er auch sucht, daß ihm von allen Leuthen geholfen wird. Als Schauspieler hat er eine unverzeihliche Eitelkeit. Seine Rollen sind komische Bedienten, Pedanten und Schwätzer; weil er aber ausser dem Theater eine so ansehnliche Figur macht, so gefallen ihm diese niedern Personnagen auf der Bühne nicht. Er spielt gerne ChevaliersChevalier – franz. Adelstitel und Hofmänner, und darinn ist er unglücklich, denn seine affektirte Sprache, seine Gesichtsbildung und der Bau seines Körpers weisen ihm platterdings den Stall und die AntichambreAntichambre – Vorzimmer zu seinem Fach an. Da er im Theaterparlament den Sprecher macht, so ist es ihm leicht, Rollen zu bekommen, die seiner Eitelkeit mehr schmeicheln als seiner Kunst Ehre machen. Er ist ein neuer Beweis, daß ein Schauspieler eben nicht zu den Rollen, die er im bürgerlichen Leben spielt, am geschiktesten ist, denn zu dem Chevalier, den er in der Welt macht, taugt er auf der Bühne gar nicht.

Herr Lange, den ich schon oben genennt habe, ist ein schöner Mann, und hat eine sehr gute Stimme. Sein Fehler ist, daß er ein Mahler ist. Seine Stellungen auf dem Theater sind vollkommene Akademien.Akademie – hier: literarische oder musikalische Veranstaltung Grade wie man in den Zeichenschulen die Leute, welche den Studierenden zum Muster dienen, in gewisse steife Attituden sezt, worin sie nichts empfinden, ebenso kalt und steif fallen auch alle Bewegungen des Herrn Lange aus. Er will alles gar zu musterhaft gut machen, und es ist ihm oft nicht natürlich. Seinen Hamlet könnte er ohne Bedenken Herrn Brockmann abtretten, ohne etwas dabey zu verlieren. Er hat eine Unart an sich, die wenig Kopf verräth. Wenn er eine Stelle deklamiren soll, die ihm Beyfall verspricht, so sucht er so nah als möglich an das Parterre zu kommen und tritt oft bis an den Rand der Vorderbühne vor. Zu bürgerlichen Rollen ist er gar nicht gemacht, denn er scheint überhaupt zu wenig Kenntnisse zu besitzen. Seine Rollen sind Romanhelden, worunter sich Coucy im Fayel vorzüglich ausnimmt. Seine schöne Stimme weiß er nicht zu gebrauchen. Bey GradationenGradation – Steigerung fällt er ins Singende. Er schlägt sich zu oft mit geballter Faust auf die Brust. Wenn es in der Absicht geschieht, seine Sünden zu bekennen, so hat man nichts dagegen einzuwenden. Er hat große Gönner und eine liebenswürdige Frau, die sehr gut singt. Durch die Protektion seiner Gönner setzt er sich oft in Besitz von Rollen, worauf er keine Ansprüche machen sollte; aber alles hängt hier von der Protektion ab. Übrigens gehört er auch unter die seltenen Komödianten, die Vermögen besitzen.

Nun ist von den Akteurs vom ersten Rang keiner mehr übrig als Herr Steigentesch, den ich lieber bey mir im Zimmer als auf dem Theater sehe. Er ist ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen, spricht verschiedene lebende Sprachen, und hat Witz. Seine kleine Figur und eine gewisse Affektation schadet seinem Theaterspiel, worin er aber doch viel Verstand und Weltkenntniß äussert. Er macht Stutzer und Chevaliers, die aber hier, so wie die jungen bürgerlichen Liebhaber überhaupt, schlecht besetzt sind. – Von den übrigen, worunter Herr Weidmann zu Stutzerkarrikaturen, und Herr Jacquet zu Sesselträgern und Nachtwächtern vorzüglich zu gebrauchen sind, will ich dir nichts sagen, denn die Liste würde zu groß.

Unter dem Frauenzimmer sticht Madame Sakko auffallend hervor. Ehedem hieß sie Mademoisell Richard, und war der großen Welt vom Rhein an bis an die Elbe mehr durch die Reitze ihrer Person, als ihres Theaterspiels bekannt. Sie scheint die unbeschreiblichen Talente, welche ihr die Natur gegeben, im Genuß der Liebe eine Zeit lang vernachlässigt zu haben; aber nach und nach entwickelten sie sich von selbst, und bey zunehmendem Alter suchte sie durch angestrengtes Studium alles zu ersetzen, was sie allenfalls vernachläßigt hat. Sie hat ein sehr fühlbares Herz, ein griechisches Profil, phantastische oder, wenn ich so sagen darf, romantische Gesichtszüge, ein Auge voll schmachtenden Feuers, den schönsten Wuchs und eine Silberstimme. Man muß die Gabrielle im Fayel von ihr sehen, wenn man schmelzen will. Zum erstenmal in meinem Leben kamen mir in einem Schauspielhaus Thränen in die Augen, als ich sie diese Rolle spielen sah. Aber Romanheldinnen sind nicht ihr einziges Fach. Sie macht Miladies, Marquisinnen und Devoten mit gleicher Wirkung. Sie kennt die Welt durchaus, und hier stehen ihr auch alle Gesellschaften, bis ins Kabinet der Kaiserin offen. Sie ist so sehr von ihrem Körper Meisterin, daß sie einer meiner Freunde mit einem Klavier oder irgendeinem Instrument verglich, welches Diskant und Baß zugleich spielt. Sie weiß ungemein viele harmonische Bewegungen und Veränderungen der Augen, des Mundes, der Stimme, der Arme und des übrigen Körpers so richtig und so zusammen einfliessend mit einander zu verbinden, welche doch oft so sehr zusammen abstechen und einander erheben, daß ihr Körper wohl mit nichts besser verglichen werden kann als mit einem musikalischen Instrument von dieser Art. Ich kenne keine 3 Schauspielerinnen, die sich mit ihr vergleichen liessen. Sie ist würdig, die Abgöttin des Publikums zu seyn, welche sie wirklich ist. Aber es währte lange, bis das Publikum ihre Verdienste erkannte. Sie hat das mit Herrn Brockmann gemein, daß ihr Spiel nicht wie das von Herrn Bergopzoomer oder Herrn Lange beym ersten Anblick auffällt. Alle grosse Schönheiten haben das eigen. Man wird erst entzückt, wenn man ihre Theile beschaut und vergleicht.

Neben ihr tretten Mademoiselle Teutscher und Mademoiselle Nannette Jacquet auf. Sie wären gute Schauspielerinnen, wenn keine Sakko da wäre. Von dem übrigen Frauenzimmer weiß ich dir keine mehr zu nennen, als Madame Huber, die eigensinnige, zänkische und stolze Weiber auf der Bühne und ausser derselben vortreflich macht. In ihrem Hause gilt sie für ein Dutzend dieser Art von Geschöpfen.

Die ganze Gesellschaft steht im Sold des Hofes, und jedes Glied behält sein Appointement,Appointement – Besoldung so lang' es lebt, und wenn es auch unbrauchbar wird. Die höchste Gage, welche der Hof zahlt, ist von 1.200 Gulden; daneben bekommen die vom ersten Rang über 600 Gulden und Holz und Kleidergeld, und der Hof vertheilt großmüthig den Ueberrest der Einnahme jährlich unter sie aus. Die ganze Einnahme betrug voriges Jahr gegen 120.000 Gulden, und die Unkosten beliefen sich auf etliche und 80.000. Der Ueberschuß wird nach dem Verhältniß der Appointements vertheilt. Wenn sie Kinder haben, so sucht man ihnen so bald als möglich ein kleines Appointement auszusetzen. Ueberhaupt behandelt man sie sehr großmüthig. Den Gemahl der Madame Sakko, einen Tänzer von Profession, den man zu nichts gebrauchen konnte, machte man bloß in Rücksicht auf seine Frau zum Garderobinspekteur, mit einem Gehalt von 500 Gulden, so daß das liebe Ehepaar zusammen auf ohngefähr 2.300 Gulden oder etwas über 6.000 Livres unseres Geldes zu stehen kommt. Die von der zweyten Klasse ziehen 800 bis 1.000 Gulden Gage, und die von der letzten 4 bis 600. Herr Jacquet mit seinen zwei Töchtern kommt jährlich auf ohngefähr 4.000 Gulden oder beynahe auf 12.000 Livres zu stehen.

Die Kabalen und Intriquen,Intrique – Intrige welche in dieser Republik herrschen, sind über alle Beschreibung. Jede Rolle setzt Händel ab. Die Grossen des Hofes mischen sich ins Spiel, und das Publikum leidet darunter. Wenn diese Gesellschaft unter einer klugen und strengen Direktion stünde, so wäre sie ohne Vergleich eine von den 3 ersten in Europa. Auch die Dichter leiden darunter. Wenn das Theaterparlement Sitzung hat, so werden die eingeschickten neuen Stücke öffentlich vorgelesen, und sodann die Stimmen gesammelt. Die Mehrheit giebt den Ausschlag. Nun wurden schon öfters Stücke verworfen, weil einige der Erstern keine glänzende Rolle darinn zu spielen hatten, oder weil man eine schöne Rolle nicht einem Nebenbuhler überlassen wollte, oder weil einige der Mitglieder nicht bey guter Laune waren, eine neue schwere Rolle einzustudieren, oder weil, welches der gewöhnliche Fall ist, die wenigsten den Werth des Stückes einsahen. Der Mangel an guten neuen Stücken, worüber sie erbärmlich klagen, zwingt sie seit einiger Zeit gegen die Dichter gefälliger zu seyn. Der Verfasser eines Stückes bekömmt nebst einem Prämium, die Einnahme von der dritten Vorstellung seines Produktes, und hat die Freyheit, das Manuscript noch einem Buchhändler zu verkaufen. Dieser ansehnlichen Vortheile ungeachtet, ist man hier mit den neuen Stücken so sehr auf die Neige gekommen, daß man dem Theater eine kleine deutsche Oper beyfügen mußte. Die Glieder dieser Opergesellschaft stehen bey den alten Gliedern der Komödie in der tiefsten Verachtung, und es kömmt fast täglich zu den lächerlichsten Auftritten von Verfolgung, Kabalen, Eifersucht und Schelmerey. Uebrigens sorgt die Kaiserin dafür, daß die Sitten der Schauspielerinnen öffentlich besser sind als jener zu Paris.

Im Ganzen hat das hiesige Publikum einen so verdorbenen Geschmack als das zu München. Alles schreyt hier Panem et Circenses,Panem & Circenses – lat. »Brot und Zirkusspiele«, damit hielten sich die Römischen Kaiser in Gunst bei der Bevölkerung und der grosse Haufe scheint wirklich gar keinen andern Wunsch zu kennen, und keine andre Empfindung zu haben, als daß sein Bauch gefüllt und ihm immerfort eine Art Schauspiel zum Desert vorgesetzt werde; allein sein Geschmack wird dadurch nicht gebessert, noch weniger sein Gefühl dadurch verfeinert. Viele seufzen laut nach der güldnen Zeit des Harlekins, und um die andern nicht ungehalten zu machen, muß Freund Harlekin noch öfters mit einer Staatsperücke oder gar in der Rüstung eines Helden auftretten, und das mit einem weinerlichen Ton bewirken, was er ehedem mit Lachen that; denn ich kann die sogenannten erhabenen Stellen der Tragödie, wo einer stundenlang unsinnig ist, ohne von den mitspielenden Personen, die bey Verstand sind, an Ketten gelegt zu werden; wo einer stundenlang mit dem Tode ringt, ohne daran zu denken, sein Testament zu machen, und nichts bessers mehr zu thun weiß, als den Zuschauern zwanzigmal in abgebrochenen Seufzern zu sagen, daß er sterbe, welches sie doch nicht eher glauben, als bis er sein Haupt zur Erde legt; wo einer in einer grossen Verlegenheit ist, womit er sich oder einen andern umbringen soll, und an dem ersten besten, der ihm begegnet, einen Freund findet, welcher die Taschen voll Dolche und Giftpulver hat; und ihn reichlich damit versieht; alle diese grossen Scenen, sag' ich, kann ich für nichts anders als weinerliche Harlekinaden erklären. Das Publikum beklatscht sie, ohne zu wissen warum, wie es ehedem auch die sinnlosesten Grimassen des Hanswurstes beklatscht hat. Es ist fast unbegreiflich, wie sich die Leute durch blosses Nichts bis zur Entzückung hinreissen lassen. Vor einigen Tagen kam es zu einer von den Stellen, die das Parterre vorzüglich fand. Der Schauspieler, welcher sie zu deklamiren hatte, Herr Lange, wußte voraus, wie es jeder wissen kann, daß er Beyfall bekäme, wenn er auch gar nicht verstanden würde. Er trat also an den Rand des Theaters, riß die Arme aus einander, fieng an auf seiner Brust zu trommeln, und ehe er noch einen zusammenhangenden Satz gesprochen hatte, erhob sich das betäubendste Klatschen, welches bis zum Ende der Stelle anhielt. Es war platterdings ohnmöglich, daß jemand nur ein Wort von allem dem verstanden hätte, was der beklatschte Schauspieler gesagt hat. Ich habe mich innigst überzeugt, daß das hiesige Publikum ausser den Grimassen nichts schön finden kann. Bei den Vorstellungen der beßten Stücke, wenn sie nichts Lärmendes und kein sonderliches Gepränge haben, ist das Parterre leer, und bey den elendesten Farcen, worinn geschossen, gehangen, gespießt, geheult und gerast wird, allezeit gedrängt voll. Die beßten Stellen, wo der Dichter die feinste Menschenkenntniß, Witz und Genie zeigt, und der Schauspieler sein Talent nicht durch Grimaßiren, sondern durch den sanften Ausdruck der Wahrheit und durch Ueberwindung grosser Schwierigkeiten an den Tag legt, bleiben unbemerkt. Dabey versteht das hiesige Publikum seine Sprache gar nicht. Kein Eingebohrner achtet hier auf die Reinheit, Ründung und Lebhaftigkeit des Dialogs, und ich habe Stellen beklatschen gehört, die man sicher zu Paris ausgepfiffen hätte, wenn sie so schlecht französisch gewesen wären, als sie hier deutsch waren.

Ausser dem Nationaltheater treiben jetzt in den Vorstädten noch 6 bis 7 besondre Schauspielergesellschaften ihre eigne Wirthschaft. Sie sind von der Art, wie ich einige in Schwaben herumziehen sah, deren Glieder wechselweis bald auf dem Theater, bald im Spital und bald bey der Trommel,Trommel – als Soldat und meistens verlaufene Studenten, Schneider und Perükenmachergesellen sind. Sie spielen im Halbdunkel, und scheuen eine starke Beleuchtung, um den ehrlichen Leuten kein Aergernis zu geben, die bey mehrerm Licht alle Schürze der Mädchen über die Hände der neben ihnen sitzenden Mannsleuten gebreitet sehen würden. Die, welche ihre Bühnen tief hinter den Hintergebäuden und in Gärten aufzuschlagen wissen, wo man nach Beendigung des Schauspieles in der Nacht mit einer Freundin leicht einen Abtritt von der offenen Strasse nehmen kann, haben den meisten Zuspruch. Sie wissen so wohl, daß man nicht wegen ihres Spieles zu ihnen kömmt, daß oft die halbe Gesellschaft während der Komödie ins Wirthshaus läuft und einer 3 bis 4 Rollen zugleich spielen muß.


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