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Fünftes Kapitel.
Der Malachoff

Wir sind am Schluß unsers Buches – noch einmal rollt der Vorhang auf, dir flüchtig die blutigsten Bilder zu zeigen; – dann, Leser, scheiden wir! –

*

Der Sturm am 6. Juni hatte nicht bloß die Lünette Kamtschatka – den Mamelon – sondern auch die beiden anderen vorgeschobenen Werke, die Selenginski- und Vohlinski-Redoute, nach einem heftigen Kampf und Blutbad in die Hände der Franzosen gebracht. Die beiden Redouten wurden gesprengt, der Mamelon unter dem Namen Brancion-Redoute zu einer Batterie gegen den Malachoff umgewandelt. Bosquets Lorbeern ärgerten jedoch General Pelissier, darum entfernte er ihn von dem beabsichtigten großen Sturme und übertrug ihm den Oberbefehl der Tschernaja-Linie.

Der 18. Juni – der Tag von Waterloo – wurde gewählt. Die Divisionen Mayran, Brunet und d'Autemarre mit der Garde sollten den Malachoff, die Engländer den Redan angreifen, nachdem am Morgen des 17. Juni auf der ganzen Belagerungslinie ein heftiges Bombardement eröffnet worden, das 20 000 Kugeln und 10 000 Bomben auf die Festung warf.

Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet und trotz ihres heldenmütigen Ansturms wurden die Franzosen, die zweimal bis an das Werk drangen und sich in der Vorstadt festsetzten, mit furchtbarem Verlust geworfen, da sie ohne Unterstützung durch die Engländer blieben, deren Angriff vollkommen verunglückte. General Mayran fiel, Brunet wurde durch die Brust geschossen, fast sämtliche Regiments-Kommandeure wurden verwundet, die Franzosen verloren als kampfunfähig gegen 6000 Mann, die Engländer an 2000; auch der russische Verlust betrug 5000. Mit dem verunglückten Sturm trat gewissermaßen eine Pause in dem wilden Kampfe ein; nur die Belagerungsarbeiten wurden fortgesetzt, der Kreis der Trancheen enger geschlossen; der Minenkrieg begann gegenseitig nach allen Richtungen hin zu spielen, auf russischer Seite von dem Stabs-Kapitän Melnikoff geleitet, der in Totlebens Stelle trat, als dieser zu Anfang Juli am Fuße verwundet wurde und gegen August noch nicht geheilt, auf Befehl des Fürsten Gortschakoff nach Symferopol gebracht wurde.

Am 11. Juli, abends acht Uhr, fiel der dritte des Heldenkleeblattes der russischen Admirale: Nachimoff, als er von der Brustwehr des Malachoff die Feinde rekognoszierte. Wie an Lord Raglans Begräbnis, der am 28. Juni an der Cholera gestorben, die Russen ihre sämtlichen Geschütze schweigen ließen, so ehrten die Franzosen mit gleich stummer Huldigung das Andenken des tapfern Gegners. Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck und stimmte sie zu verzweifeltem Mut ... Die Zahl der tapfern Seeleute in der Festung war gewaltig geschmolzen, obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des Asowschen Meeres eingerückt waren. Von den 36 Marine-Offizieren, die bei Beginn der Belagerung die Batterien kommandierten, war noch einer kampffähig. Aber fester Todesmut beseelte Offiziere und Soldaten. Am 8. Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien, Innozenz, auf dem Katharinen-Platz die versammelten Truppen und reichte ihnen das Abendmahl. Im Laufe des Juli trafen die 7. und 15. Infanterie-Division in Sebastopol ein, Anfang August die 2. und 3. Division des berühmten Grenadier-Korps, so daß die russische Armee der Krim, trotz aller Verluste, zu Anfang September wieder 160 000 Mann zählte. 35 000 Arbeiter waren allnächtlich mit der Ausbesserung der Schäden beschäftigt, welche die Kanonade des Tages an den Wällen verübt, oder errichteten neue Verteidigungswerke. Fortwährend suchten die Belagerten durch kleinere und größere Ausfälle die Arbeiten des Feindes aufzuhalten, die bedeutendsten erfolgten in der Nacht zum 25. Juli, 2. und 15. August.

Auch die Verluste der Alliierten waren entsetzlich. Bis zum Juni hatten die Franzosen bereits 80 000 Mann durch Krankheit und Wunden vor Sebastopol eingebüßt, die englische Armee war zweimal fast vollständig erneut worden. Von den anfangs Mai eingetroffenen 15 000 Sardiniern waren nur noch 800 kampffähig, 2000 schon bis zum 1. August an der Cholera gestorben; 6-800 Kranke wurden im Verlauf des August täglich auf Schiffen in die Spitäler am Bosporus transportiert. Durch das Feuer der Russen, die durchschnittlich in 24 Stunden 4000 Schüsse taten und 600 Bomben warfen, war der Verlust in den Laufgräben, je mehr sie sich den Werken näherten, desto entsetzlicher.

Die Stimmung, die sich ziemlich offenkundig in der Armee kund gab, ließ nicht frei von Besorgnissen; Offiziere und Soldaten sahen sich nutzlos dezimiert und als Beute von Krankheiten und Anstrengungen; man verlangte mit dem Mut der Verzweiflung nach einem neuen Sturm, um zu sterben oder zu siegen, denn allen graute vor einer nochmaligen Überwinterung. Als auch der Napoleonstag, der 15. August, ohne den gehofften Sturm vorübergegangen war, kamen mehrmals Fälle offener Renitenz vor, wenn die Regimenter zum Laufgrabendienste beordert wurden. Dazu zeigten sich wieder häufig unter allerlei Verkleidungen Emissäre der revolutionären Propaganda im Lager und begannen ihre Wühlereien. General Pelissier verkannte die Gefahr nicht und ergriff verschiedene Maßregeln dagegen, z. B. die Ausweisung der französischen Korrespondenten, selbst der offiziellen Journale; aber die weit ungenierteren englischen blieben zurück! In Kamiesch wurde eine förmliche Militär-Zensur-Kommission eingesetzt, die alle abgehenden Briefe kontrollierte und jede Klage unterdrückte. Hierauf folgte am 4. August die Entfernung Canroberts, dem, so oft er sich zeigte, von den Soldaten Ovationen gebracht wurden.

Am Morgen des 16. August erfolgte ein neuer Ausfall der Russen – bekannt unter dem Namen der Tschernaja-Schlacht, oder Schlacht an der Traktier-Brücke. Die Russen stiegen unter den ungünstigsten Verhältnissen aus ihrer gedeckten Stellung in das Tschernaja-Tal nieder, überschritten den Fluß und gewannen, zuerst die Türken und die verschanzten Sardinier angreifend, dreimal die Höhen am Flusse, wurden aber dreimal von Bajonett und Kartätschen zurückgeworfen, und der Tod mähte in ihren Reihen. Nutzlos, vergeblich opferten die tapfern Grenadiere immer und immer wieder ihr Leben, bis General Kotzebue, die Unmöglichkeit des Gelingens, das Zwecklose des Blutbades erkennend, vom Pferde sprang und auf dem Sattel die Order zum Rückzug an die engagierten Divisions-Chefs schrieb. Eine Granate schlug neben ihm nieder und platzte, während sich die Umgebung eilig zurückzog, ihn mit einer Wolke von Staub und Splittern deckend.

Weit über 3000 Russen, 1100 Franzosen, an 900 Türken und 200 Sardinier deckten den Kampfplatz, das Flußbett war gefüllt mit Leichen. Die Sardinier verloren den General Montevecchio, auch von den französischen Führern waren viele verwundet, darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven, Polkes.

Am 17. August ließ General Pelissier das Feuer aufs neue verstärken; während der zweiten Hälfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition ausgeladen und nach den Batterien gebracht. Fortwährend trafen neue Verstärkungen ein, am 24. August General Mac Mahon, der erprobte Afrikaner, als Ersatz für Canrobert ... Die Zeit eilte – und der dem General Pelissier im geheimen gesetzte Termin nahte heran; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph, und der hitzige, durch die nicht erfüllte Hoffnung auf den Marschallsstab am 15. August erbitterte General sandte die berüchtigte Antwort: »Sire, wenn Sie glauben, es besser machen zu können, so kommen Sie selbst!« In den ersten Tagen des September war man mit der Sappe so weit vorgedrungen, daß die Spitze der französischen Trancheen nur noch 30 Meter von den Werken des Malachoff entfernt war; schon mehrere Tage konnten sich die Gegner sprechen hören. Der allgemeine Sturm wurde beschlossen.

Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade, bestimmt, die Bastionen – schon längst kaum mehr als Schutthaufen – vollends zusammen zu schmettern. Sechshundert französische und zweihundert englische Feuerschlünde größten Kalibers eröffneten ein Feuer, das die Erde ringsum erbeben ließ und selbst im Abstande von einer Viertelmeile nur in den Pausen gestattete, sich anders als durch Zeichen verständlich zu machen ... Die Festung antwortete in gleicher Weise, obschon an vielen Stellen die Trancheen der Gegner so weit vorgedrungen waren, daß sie unter dem Niveau der Geschütze lagen. Die Zerstörung im Innern war furchtbar. Die Erde innerhalb der Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflügt, daß nicht ein Sandkörnchen an seinem Orte geblieben; sie war mit Flintenkugeln, Kartätschen, Granatensplittern, Kanonenkugeln und Bomben vollständig bedeckt. Ende August waren nur wenige Gebäude bewohnbar, die Lazarette und alle Bureaus nach Fort Paul und Fort Nikolaus verlegt. Während der 336 Tage der Belagerung wurden über 1600 000 Schüsse aus 800 Feuerschlünden, also durchschnittlich täglich 4434 Schüsse auf die Stadt abgegeben, und es ist eine entsetzliche Tatsache, daß in den letzten neun Tagen dem Bombardement und den Krankheiten täglich viertausend Mann in der Festung zum Opfer fielen!

Der alte polnische Oberst hatte das Feldlager nicht wieder verlassen, obschon er nach jener traurigen Täuschung jede weitere Hoffnung und Bemühung aufgegeben hatte, das Schicksal seines Enkels lenken zu können. Die Teilnahme, die Méricourt diesem bewiesen, hatte ihn häufig in seine Gesellschaft gezogen, bis der Kolonel ihm eine freigewordene Baracke auf dem Sapunberge anbot. Er bezog sie zusammen mit dem von Konstantinopel zurückgekehrten Baronet. Die beiden trüben und wortkargen Gefährten paßten gut zu einander ...

Es war am Mittag des 7. September, als der alte Propagandist allein in der Hütte saß, auf einer umgestülpten Tonne schreibend und von Zeit zu Zeit mit traurigen Gedankenbildern auf den Donner hörend, der, Luft und Erde erschütternd, von den Wällen und Batterien heraufrollte. Den Eingang verdunkelte eine Gestalt, und aufblickend, gewahrte er einen der Armenier, die als Handelsleute das Lager durchstreiften. Unwillig, gestört zu werden, winkte der Oberst ihm, fortzugehen, der Fremde legte jedoch zu seinem Erstaunen den Packen von sich und setzte sich ihm gegenüber auf eine Kiste, nachdem er sich vorsichtig umgesehen ... »Der Lärm, den die Kanonen dieser Soldateska machen,« sagte der Eindringling in italienischer Sprache, »sichert uns wenigstens gegen das Horchen. Ist meine Verkleidung wirklich so trefflich, daß ich erst dieses Zeichens bedarf?« – Er bog den Mittelfinger der linken Hand ein und streckte sie gegen den Polen. – »Abbé Cavelli?« rief dieser mit Staunen. – »Still, lieber Graf – keine Namen! Sie könnten mich ebenso gut Bankier Thomas, Lord So-und-So und wer weiß wie nennen; gegenwärtig bin ich Handelsmann Basil Aristarchi, wohlbekannt auf dem Bazar von Konstantinopel, und es genügt, daß Sie über meine Person im klaren sind. Wir sind doch sicher hier?« – »Ich erwarte keinen Besuch, Signor. Doch muß ich Sie auf eines aufmerksam machen – ich habe seit dem 28. April aufgehört, Mitglied des Bundes zu sein und ...« – »Der höchsten Gewalt Ihren Rücktritt zugleich mit der Warnung mitgeteilt, die der Kaiser Napoleon so gütig war, uns zukommen zu lassen. Ich weiß das alles und noch mehr, aber Sie werden sich erinnern, lieber Graf, daß, wenn man nach unseren Statuten auch berechtigt ist, die Funktion als tätiges Mitglied des Rates der Sieben niederzulegen – man doch nicht aufhört, ein Wissender und Gehorchender zu bleiben; der Eid des Eintritts gilt fürs ganze Leben, und ich hoffe, daß Graf Lubomirski ihn nicht brechen wird, wie ihn andere in diesem Lager gebrochen haben.« – Der Greis blickte ihn erstaunt an ... »Sie kannten meine Stellung, Signor? Ich glaubte Sie bloß Mitglied des fünften Grades?« – »Ei, man schreitet vorwärts, Oberst, und wer weiß, was aus dieser unscheinbaren Hülle des Armeniers noch hervorgeht,« spottete der Italiener ... »Doch unsere Augenblicke sind gezählt. Ihre Dienste, Signor Conte, hatten Sie zu einem hervorragenden Mitglied des Rates der Sieben gemacht, daß man Ihre Tätigkeit und Ihre Erfahrung schwer vermißt. Ich komme mit dem Auftrag, Sie um den Wiedereintritt in den Bund zu bitten.« – »Mein Entschluß steht fest,« sagte der andere. »Ich habe das Recht, wie Sie selbst zugestehen, alle Tätigkeit aufzugeben und ein Wissender zu bleiben, da der Grad, den ich eingenommen, nicht mehr gestattet, mich ganz aus der Gemeinschaft des Bundes zu entlassen. Ich bin ein Greis – meine Kraft ist durch manches, was Sie nicht interessiert, gebrochen; ich kann nicht mehr nützen und – gerade heraus – ich will es auch nicht. Die Erinnerungen meiner Jugend sind mächtig in mir erwacht – ich mag nicht weiter kämpfen, weder gegen das Haus Bonaparte noch gegen das Haus Romanow!«

Der Italiener lächelte verächtlich. – »Ich kann nicht glauben, daß das Alter die Nerven wirklich so verwelkt, um Geist und Kraft zu lähmen. Das Beispiel der Diplomatie zeigt, daß dem nicht so ist. Talleyrand hatte – Nesselrode und Metternich haben trotz ihres hohen Alters ihren Geist bewahrt.« – »Signor Abbé,« sagte der Pole, »Sie sind im Verhältnis zu mir jung, und vor Ihnen liegt noch die Welt; – ich weiß nicht, welche Stellung Sie haben, denn Sie sind ein Geheimnis auch für mich – aber ich will Ihnen eine Erfahrung sagen, einen Rat geben. Die schärfsten Pläne des menschlichen Hirns brechen oft an der Schwäche der menschlichen Herzen. Nicht das Alter allein ändert die Menschen, jeder trägt seine Stelle im Innern, nennen Sie sie Grundsätze, Laster oder Gefühl, wo er Egoist bleibt. Darum müssen Sie mit den Menschen, welche die Mittel zur Ausführung der festen Pläne sind, wechseln, wie Gott mit den Geschlechtern der Menschen wechselt. Daß sie diesen Egoismus, diesen Punkt, in welchem die Willfährigkeit aufhört, nicht achteten, sondern unterdrückten, das war der Fehler der größten Verschwörer aller Jahrhunderte, der Jesuiten.« – Der Abbé schaute ihn nachdenklich an ... »Der Rat hat sein Wahres! Wir haben in letzter Zeit Erfahrungen gemacht, die dafür sprechen. Die Agenten zum Beispiel, die im März 1853 von der damaligen Versammlung ausgesandt wurden, sind fast sämtlich ihrer besonderen Interessen und Ansichten wegen aus unsern Reihen desertiert. Der Bankier Riepera wurde ein Verräter aus Furcht und Habsucht; die spanische Tänzerin machten Eitelkeit und Blut ungehorsam und zur Maitresse eines Russen; Ihnen, Signor Conte, galt das Leben eines Knaben mehr als die Zukunft der Propaganda; den deutschen Arzt hat ein allzu zartes Gewissen gerührt, und von den beiden Arbeitern hat den einen seine Ungeschicklichkeit auf das Schafott gebracht, den andern sein törichter Begriff von Familienehre zum enthusiastischen Soldaten umgewandelt.«

Der Graf schwieg ... »Ich komme soeben von einem andern unserer Freunde,« fuhr der Abbé spöttisch fort, »ich habe General Pisanis Beichte gehört: ein Geschäft, das ich natürlich besser verrichten konnte als jeder andere. Ihn hat der Ehrgeiz und der Reichtum, wenn auch nicht abtrünnig gemacht, doch zur Bevorzugung seiner selbstischen Pläne getrieben – jetzt muß er beides verlassen, den neuen Rang und den Reichtum seiner Frau. Wenigstens ist er Teufel genug, die letztere mit sich zu nehmen! – Sie haben recht, Signor Conte, man muß die Werkzeuge nur so lange benutzen, als ihre eigenen Interessen nicht mit den unseren kollidieren!« – »Signor,« sagte der alte Mann entschlossen, »das sind Gespräche, die uns nicht zum Ziele führen. In welcher Absicht haben Sie mich aufgesucht?« – Der Abbé sah ihn scharf an ... »Ich erwähnte bereits, Signor Conte, daß ich den Auftrag hätte, Sie zu uns zurückzuführen.« – »Und ich erklärte Ihnen, daß ich mich von jedem tätigen Anteil zurückgezogen habe.« – »Ist dieser Entschluß unwiderruflich?« – »Er ist es.« – »Auch dann, wenn ich den Auftrag habe, Ihnen dies zu bieten?« – Er übergab ihm eines der mehrerwähnten Kreuze – es zeigte neun Silberstifte. Der Pole zuckte zusammen und sah ihn erstaunt an – »Sie – mit welchem Recht – das Zeichen der höchsten Gewalt?« – »Ich muß das Recht wohl haben, da ich Ihnen den Eintritt anbiete. Die Leiter der Unsichtbaren wünschen Sie in ihrer Mitte zu wissen – um Ihres Vaterlandes willen, und da sich mächtige Dinge vorbereiten.«

Der Pole schüttelte das greise Haupt ... »Mir scheint, Signor, der Bund täte besser, günstigere Zeiten abzuwarten – der Kampf mit den Dynastien ist nicht zu seinen Gunsten ausgefallen. Der Kaiser Napoleon ...« – »Hat morgen zu regieren aufgehört. Was Pianori verfehlt, wird Bellamare treffen. Wenn jener Mann heute, morgen oder übermorgen das Theater besucht, wird ein neuer Versuch auf sein verfluchtes Leben gemacht werden, sein Glück wird ihn nicht immer schützen!« – »Meuchelmord – immer und immer wieder – und glauben Sie dadurch die verlorene Schlacht zu gewinnen? Er wird unsere Sache vollends verderben.« – »Die Revolution, Signor Conte, wird nie mehr in Europa unterliegen, so lange sie nur den Mut hat zu kämpfen, und so lange England seine Mission begreift, uns zu schützen! Meinten Sie wirklich, die Drohung dieses Emporkömmlings könne uns einschüchtern? Er ist es, der uns fürchtet; denn wir sind ihm den Prozeß gegen die 150 Mitglieder der Marianne, die im März verhaftet und am 31. Juli verurteilt wurden, und Dheniers Köpfung in Lille Wegen des Versuchs, den Eisenbahn-Train des Kaisers in die Luft zu sprengen. schuldig! Aber selbst wenn sein Stern ihn nochmals beschützen sollte, sind die Chancen in ganz Europa derart, daß sie unsere erneute Tätigkeit fordern.« – »Verzeihen Sie, Signor,« sagte gemessen der Graf, »ich bin ein wenig aus der Kenntnis gekommen.« – »Es ist nötig, daß Sie von unseren Aussichten unterrichtet sind. Daß zwei wichtige Mitglieder des Bundes gestorben sind, wissen Sie wahrscheinlich: der Triumvir Mamiani in Athen und General Pepe am 14. August in Turin. Der Nachfolger des Korsen hat zwar seine sogenannte National-Anleihe von 360 Millionen erhalten, aber die Sache ist zu einem Börsen-Geschäft gemacht worden, und von den dreimalhundertundzehntausend Narren, die das Zehnfache der Millionen zeichneten, sind zwei Drittel unzufrieden geworden, weil man ihr Geld nicht nahm. Am 27. August sind bereits bedeutende Unruhen in Angers ausgebrochen. Auf die Armee kann sich der Usurpator für seine Pläne nicht stützen; ebensowenig wird er die Revolution in Spanien damit niederhalten, wenn die 25 000 Mann Spanier, die sich O'Donnell durch den geheimen Traktat vom 7. August für eine Anleihe von 500 Millionen Franks zu stellen verpflichtet, die Halbinsel verlassen haben. Mißglückt der Sturm auf Sebastopol, wie wahrscheinlich ist, so steht es schlimm mit dem napoleonischen Regiment. Das Offizierkorps des 14. Regiments hat bei dem Abschiedsfest in Rom am 5. August bereits offen seine Empörung gezeigt, und man hat nicht gewagt, es nach dem Orient zu schicken. Napoleon – wenn sein Glück ihn vor Bellamares Pistole rettet – wird dann gezwungen werden, den Krieg hier auszuheben und ihn an den Pruth, in die russisch-polnischen Provinzen zu verlegen. Dafür haben auch Omer-Pascha und Ilinski in Konstantinopel agitiert, und mit der Überschreitung des Pruth bricht die Erhebung in ganz Polen aus; Mieroslawski und Mak werden sie in dem preußischen Großherzogtume verbreiten, – die Leitung der russisch-polnischen Sache soll Ihre Aufgabe sein.«

»Signor,« sagte der Oberst, »meine Berichte aus Polen sollten Sie bereits über diesen Irrtum enttäuscht haben. Die Polen hassen Rußland weniger, als Sie denken. Von all den Polen, die in der Armee von Sebastopol stehen, sind bis jetzt nur vier ins Lager der Alliierten desertiert, während die Zahl der Deserteure aus den Reihen der Sardinier und der Fremden-Legion bedeutend ist. Wenn Sie keine andere Stütze Ihrer Pläne haben als eine Revolution in Polen, so steht es schlecht mit Ihrer Armee.« – »England wirbt für uns im Norden und im Süden. Die Fremdenlegion in Shorncliffe wird, wenn unsere Fahne weht, ihr folgen. Jeder Legionär ist ein Soldat mehr für uns, und das Geld, das vom Parlament bewilligt wird, ist nichts anderes als ein Beitrag zur Revolution. In der Schweiz sind neue Werbungen im Gange; die Bildung einer italienischen Legion ist beschlossen, General Percy zur Organisation bereits am 17. August in Turin eingetroffen; von Schweden her hat Doktor Rosenschild eine Freischar gegen Rußland angeboten. Zwischen Sardinien und Frankreich herrscht bereits Spannung, der Papst hat seine Allokution geschleudert, die famose Rede Palmerstons am 10. August über Italien hat den Brand von den Alpen bis zum Kap Passaro Südlichste Spitze Siziliens. geschürt, Rom ist in Gärung, unser geheimes Bündnis mit den Muratisten und Mieroslawskis Broschüre gegen die Bourbonen über ganz Neapel verbreitet; und bei dem ersten Anstoß, dem ersten Ruf zur allgemeinen Erhebung wird mit dem Norden auch der Süden in Flammen stehen.«

Der Italiener, von der Leidenschaftlichkeit seiner Natur fortgerissen über die gewöhnliche Vorsicht, schwieg jetzt erschrocken und sah sich scheu um; das halb spöttische, halb traurige Lächeln des Greises beruhigte ihn; nur in der Nähe, in der sich beide befanden, war es möglich, seine Worte zu verstehen ... »Das alles, Signor,« sagte ruhig und bestimmt der Graf, »läßt uns zwar über Ihre Person keinen Zweifel mehr, aber es überzeugt mich, daß ein anderer Grund existiert, weshalb Sie mich aufgesucht und meinen Rücktritt wünschen.« – Ein leichter roter Fleck zeigte sich auf der magern Wange des Revolutionärs – er erkannte, daß die edlere Natur seines Gegners ihn zur Offenheit zwang ... »Wohl, Signor,« sagte er, »Sie haben recht. Wie auch Ihr Entschluß auf mein aufrichtig gemeintes Anerbieten lauten mag, Sie sind mir die gleiche Offenheit schuldig, mit der ich Ihnen unsere Pläne enthüllte. Sie sind im Besitz eines Geheimnisses, das den Leitern der Unsichtbaren nötig ist. Es fehlt ein Glied in unsern Konjekturen; es existiert etwas, das uns irre macht in unsern Kombinationen, und das uns bis jetzt verschwiegen blieb. Es ist etwas in Paris beraten, beschlossen worden, das wir nicht kennen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß Sie im Besitze dieses Geheimnisses sind; Ihre Unterredung mit dem Kaiser – Ihre plötzliche Sinnesänderung, Ihr Verweilen hier im Lager, das ihre Mitteilungen über Ihren Enkel nicht mehr genügend erklärt ...« – »Und was führt Sie überhaupt zu der Annahme, daß ein solches Geheimnis existiert?« – »Der Mangel jeder Vorbereitung Frankreichs auf den Fall, daß Sebastopol fällt! – Die ausgestreuten Gerüchte einer zweiten Überwinterung, eines neuen Heerlagers bei Konstantinopel können nicht bemänteln, daß man gar keine Anstalten dazu getroffen hat ... General Pelissier verzögert es selbst, für einen notwendigen Fall die Wiedereinschiffung der Armee durch eine stärkere Befestigung von Kamiesch zu sichern, während die Engländer dies aus allen Kräften mit Balaclawa getan haben. Entweder Napoleon muß des Falles von Sebastopol sehr sicher sein, oder ...« – »Daß er es ist, zeigt sein Brief vom 20. August an die Armee.«

»Was er über die Lage der russischen Streitkräfte und der Festung durch die beiden Spione in Berlin und den Verrat der Briefe aus der Umgebung des Königs von Preußen erfährt, wissen wir auch – aber das genügt nicht, um die Chancen des Kriegsglücks mit Bestimmtheit zu berechnen.« – »Oder ...« – »Oder es existiert ein geheimer Pakt. Kurz, Sie müssen um das Geheimnis wissen!« – »Ich kenne es!« – »So werden Sie sich erinnern, Graf, daß jede Wissenschaft der Unsichtbaren den Oberhäuptern gehört.« – »Signor,« sagte der Veteran entschlossen, »die Tage, die ich noch zu leben habe, sind gezählt, und ich fürchte deshalb die Dolche der Unsichtbaren nicht. Mein Entschluß ist gefaßt. Die Gewalt, die Sie mir bieten, soll der Preis des Geheimnisses sein, das Sie wünschen. Ich kann ihn nicht annehmen, ich habe Ihnen meine Gründe gesagt. Aber Sie sollen es haben für einen andern Preis ... den einzigen, gegen den ich es verkaufe.« – »Lassen Sie hören.« – »Ich schulde dem Kaiser Napoleon ein Leben – das meine, und eine Güte – meinen Enkel. Geben Sie mir die Erlaubnis, ohne Sie oder den Täter zu kompromittieren, vor dem Mordversuch zu warnen, und versprechen Sie mir, nicht weiter durch Meuchelmörder gegen ihn zu kämpfen, und das Geheimnis ist das Ihrige.« – Der Italiener dachte nach ... »Schwerlich kann ihn Ihre Warnung noch zu rechter Zeit erreichen – und sie muß ohnehin zu unbestimmt sein, dergleichen werden ihm und seinem Herrn Pietri täglich zugehen.« – »Der Erfolg steht in Gottes Hand!« – »Wohlan, ich will es wagen und verpflichte mich mit meinem Ehrenwort, aber merken Sie wohl – nur auf zwei Jahre!«

Der Greis öffnete seinen Rock und zog unter dem Hemd ein flaches blechernes Kästchen hervor, das an einer Schnur um seinen Hals hing. Er öffnete es und nahm einen im offenen Kuvert steckenden Brief heraus, den er entfaltete und vor den Abbé legte, ohne ihn aus den Händen zu geben ... Der Brief enthielt nur die Worte: »Ich wiederhole den bestimmten Befehl, den Rückzug der russischen Armee von der Südseite Sebastopols in keiner Weise zu gefährden. Napoleon.«

Der Abbé ließ das Blatt los ... »Also ein Traktat zwischen Rußland und Frankreich noch vor Entscheidung des Krieges? Man hat sich geeinigt, und die Fortsetzung der Belagerung ist ein bloßes Spiel?« – »So scheint es ... ich habe nur versprochen, sobald es not tut, von dieser Order Gebrauch zu machen.«

Der Italiener schwieg einige Augenblicke ... »Die Gewißheit schon,« sagte er dann, »ist wichtig – sie ändert alle unsere Pläne im Norden. Leben Sie wohl, mein Herr, ich werde Wort halten, nach zwei Jahren werden wir andere haben, wie wir jetzt Bellamare haben. Leben Sie wohl – Ihres Schweigens wenigstens sind wir sicher.« In der Tür stieß er auf den Vikomte, der eben vom Pferde stieg ... Der Pole empfing seinen jüngern Freund mit sichtlicher Freude. Der Vikomte nahm seine Hand und führte ihn in die Baracke ... »Wo ist Sir Edward?« – »Er verließ mich diesen Morgen, ohne bis jetzt zurückgekehrt zu sein. Ist der Beschluß des Kriegsrats ein Geheimnis?« – »Nicht für Sie,« berichtete der Colonel. »Für morgen mittag 11 Uhr ist der Sturm auf der ganzen Linie bestimmt, mein Regiment wird die Reserve gegen den Malachoff bilden.« – »Das Blutbad wird entsetzlich sein.« – »Wir sind darauf gefaßt. Jetzt muß ich meine Vorbereitungen treffen; die strengste Vorsicht ist befohlen, damit es uns gelingt, die Russen zu überraschen. Man ist in den letzten Tagen wieder feindlichen Spionen auf die Spur gekommen, und es ist Befehl gegeben, alle verdächtigen Personen sofort zu verhaften und, wenn sie sich nicht ausweisen können, zu erschießen ... Wir treffen uns wohl in der Kantine Ninis, Herr Graf?« – »Ich muß sogleich nach Kamiesch,« sagte dieser, »und werde Sie daher erst am Abend wiedersehen. Sie rücken doch vor morgen nicht aus?« – »Nein! Wir nehmen morgen noch die letzten Orders in Empfang!« – »Auf Wiedersehen also, Colonel!«

*

Es war am Abend; um die Kantine der jungen Marketenderin hatten sich zahlreiche Gruppen gesammelt, denn es war soeben darin ein kurzes Kriegsgericht über einen ertappten Spion gehalten worden. Der Unglückliche hatte sich unter der Maske eines armenischen Händlers mit seinem Knaben in dem sardinischen Lager umhergetrieben und war in den französischen Linien auf dem Sapun der Zuaven ertappt und von einem Soldaten als der Zigeuner wiedererkannt worden, der im vergangenen Sommer in der Dobrudscha den Brunnen vergiftet hatte. Überdies fanden sich wichtige Papiere bei ihm, die bewiesen, daß er das Spionshandwerk schon lange im Lager mit großem Erfolg betrieben hatte, und daß er augenblicklich im Besitz aller Nachrichten über den für morgen festgesetzten Sturm war. Die Erbitterung der Soldaten, als sie von der Vergiftung des Brunnens durch die Leichen hörten, war so groß, daß die Wache, die mit dem armen Sünder jetzt aus der Kantine trat, um ihn zur Exekution zu führen, Mühe hatte, ihn vor einem noch furchtbareren Schicksal zu bewahren ... Es war Mungo, der Zigeuner, den die Schwester diesmal nicht zu retten in der Nähe war ... Mungo, der endlich seinem Schicksal verfallen war. Neben ihm, in der Mitte der Wachen, ging der Knabe Mauro, sein Gefährte bei den meisten seiner kecken Spionagen, und in dem finsteren Gesicht, den zusammengebissenen Zähnen und den feindlichen Blicken, mit denen er die Drohungen und Verwünschungen der Soldaten vergalt, lag der ganze Trotz und Haß, mit denen seine Jugend gegen die Unterdrücker seiner Kindheit erfüllt worden. Das Kriegsgericht hatte in Anbetracht seines Alters entschieden, daß er der Hinrichtung seines Gefährten beiwohnen, dann gepeitscht und ins Bagno von Konstantinopel abgeliefert werden sollte.

Die Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet hatten, verließen die Kantine. Der Adjutant des General Wimpffen reichte dem Vikomte die Hand ... »Berichten, Herr Oberst,« sagte er, »werden wir auf alle Fälle an General Bosquet, vielleicht den Generalissimus, müssen. Doch wird dazu die Abschrift der betreffenden Stelle genügen. Wir haben kein Recht, indiskreter als nötig mit dem Brief einer Dame zu sein, besonders unter so traurigen Umständen. Behalten Sie also einstweilen den Brief und befragen Sie Ihren Freund, den Medizinmajor, sobald er aus dem Lazarett von Kamiesch zurückkehrt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß er jede genügende Aufklärung wird leisten können.« – »Ich verbürge mich mit meiner Ehre für die seine.« – »Gewiß, gewiß! das Ganze ist offenbar eine Privatangelegenheit, und wir durften sie nur um seiner selbst willen in Gegenwart der Offiziere nicht fallen lassen. Auf morgen denn, vor dem Malachoff, der Ihr Patent einweihen wird!« Er ritt davon, während der Kolonel zur Kantine zurückkehrte, um die Meldung der vollzogenen Exekution abzuwarten.

Während der Sergeantmajor Fabrice die Papiere des Gerichts auf dem Feldtisch zusammennahm, ergriff der Vikomte den verhängnisvollen Brief, den man mit verschiedenen verräterischen Notizen bei dem Spion gefunden hatte. Er war an den russischen Generalstabs-Kapitän von Meyendorf in der belagerten Festung gerichtet und lautete:

»Mein Freund!

Im Angesicht des Todes – ich selbst eine dem Tode Geweihte – richte ich die letzten Worte an Sie auf dieser Welt. Der Mann, der mir Ihren Namen nannte, den Sie sandten, nach mir zu forschen, wird Ihnen diese Zeilen überbringen.

Unsere Liebe, unser Glück wurde das Opfer eines Teufels. Von seinem Schmerzenslager, auf das die Wunde ihn warf, die Ihre rächende Hand in der Tschernaja-Schlacht ihm geschlagen, höre ich bis hierher den Verworfenen seine Flüche gegen Sie und mich brüllen. Man will es mir nicht sagen, aber ich glaube, daß sein Haß mich absichtlich mit dem Pesthauch seiner Krankheit vergiftet hat, während ich meine Pflicht an seinem Lager tat. Das fühle ich, daß meine aufgezehrten Kräfte mich nur wenige Stunden noch von der Ruhe trennen, die mein zerrissenes, gebrochenes Herz begehrt.

Denn erst seit Tagen weiß ich durch die Geständnisse seines Fiebertobens und den Freund, den Gott an meine Seite stellte, am Krankenbett, wie am schrecklichen Traualtar, ohne helfen zu können! – daß mein Opfer nutzlos, daß ich auch damit hintergangen war! – Doktor Welland, der Sie rettete in Widdin und Ihre Flucht bewerkstelligte, der in Silistria mit Ihnen in Verbindung stand und den ich als Regimentsarzt der Zuaven vor Sebastopol wiederfand, hat mir alles klar gemacht und mir auch gesagt, daß er Ihnen Botschaft gesandt, wie nahe wir uns seien. Aber das Leben entflieht, und die Sterbenden haben Eile, darum sende ich meine letzten Grüße nicht durch ihn. Der Allmächtige gebe, daß Ihre Pflicht Sie morgen auf der Nordseite zurückhält und fern von den Gefahren, mit denen um 11 Uhr ein allgemeiner, sorgfältig verheimlichter Sturm den Malachoff und alle Ihre Bastionen bedrohen wird. Wahren Sie Ihr Leben, um dem Gedächtnis derjenigen eine lange, lange Erinnerung weihen zu können, die selbst als die Gattin eines andern – des Vampirs, der mein Herzblut gesucht – nie aufgehört hat, Sie zu lieben und die Ihre Liebe hinüber nimmt in die ewige Zeit, wo keine Trennung ist! Meine Hand ermattet – das letzte Lebewohl, Alexander! – bis zum Wiederfinden dort oben!

Helene.«

Er las den Brief wieder und wieder und dachte betrübt an die Herzen, die rauh das Schicksal trennt und voneinander reißt! Er dachte traurig der eigenen, in den Geschicken der Völker versinkenden Liebe! – –

*

Erst gegen Mitternacht kehrte Doktor Welland von Kamiesch und den anstrengenden Vorbereitungen für den morgen bevorstehenden Kampf zurück; mit ihm der Baronet und der polnische Oberst. – Während der Vikomte dem Arzte den Brief zum Lesen einhändigte und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzte, erschien der Sergeantmajor Fabrice Tonton mit einer dringlichen Meldung. Er zeigte an, daß Zuave Lebrigaud, ein toller Taugenichts vom Bataillon der Polkesschen Zephyre, der sich aber durch manch kühne Tat immer über Wasser gehalten hatte, vor einer halben Stunde im trunkenen Zustand ins Lager gekommen sei und prahlerische Reden führe, die auf ein gefährliches und wichtiges Vorgehen schließen ließen. Die Ausdrücke, die der Feldwebel berichtete, machten die Aufmerksamkeit des Vikomte rege, und er befahl, mit Übergehung der bereits der Ruhe vor dem blutigen Kampf pflegenden Bataillonsoffiziere, den Kerl ihm vorzuführen. Der Lüderjahn erschien alsbald, von Bourdon und Bernaudin geführt, mit der unverschämten und unbesorgten Miene, die all sein Tun begleitete, und der erste Anblick schon bewies, daß er stark getrunken hatte.

»Ah, mein Kommandant – nein, mein Colonel, ich grüße Sie!« sagte der Bursche, indem er halb taumelnd salutierte. »Was steht zu Befehl, mein General? Ihr Befehl ist vollzogen und das Geld redlich verdient!« – »Wo kommst du in diesem Zustande her? Du bist total betrunken.« – »Ah, mein General –« der Lüderjahn hielt offenbar den Vikomte für einen andern, – »es ist eine verfluchte Fahrt auf dem Grunde des Meeres, und man hat wohl das Recht, sich da einen Spitz zu trinken. Der Wein von Konstantinopel ist verflucht gut! Fichtre – die Burschen paßten mir arg auf, ehe ich sie überlisten konnte! Dreimal mußte ich tauchen, ehe ich das höllische Tau fand! Dieu me punisse! Gott strafe mich! Wenn ich nicht meine Jugend am Strande von Marseille zugebracht – es wäre unmöglich gewesen. Aber, Peste! General, Sie kennen Ihre Leute und erinnern sich der kleinen Fähigkeiten Ihrer Zephyre!« – »Was hast du getan – was sollen die Reden?« – »Ei, General,« lachte vertraulich der Halunke, »stellen Sie sich doch nicht so – das Tau des hundsföttischen Telo-Grafen ist durchschnitten, mindestens hundert Klafter vom Ufer weit, und die Narren werden zu tun haben, die Enden wieder zu kriegen. Ich fand zum Glück einen Nachen, aber spät, General – sie paßten auf den Dienst und ich durfte doch erst im Dunkeln ans Werk!« – »Schurke! Du hast den Telegraphendraht zerstört?« – »Den Teufel, ja, General! stellen Sie sich doch nicht so, als ob Sie's mir nicht befohlen hätten! Sie wußten recht gut, daß ich mit jedem Seewolf um die Wette tauche! Geben Sie mir die zehn Napoleons, General – die andern sind – hui! Weiß der Henker, wo das Geld bleibt!«

Der Oberst wechselte mit den Freunden erschrocken erstaunte Blicke, dann winkte er dem Sergeanten und Korporal zurückzutreten, und, den Trunkenen beim Arm fassend, sagte er mit unterdrückter Stimme zornig: »Du zerschnittst das Tau auf den Befehl des Generals Pelissier?« – »Versteht sich, General! Sie befahlen es ja selbst heute mittag, als wir allein waren,« – er schaute den Offizier mit gläsernen, verstörten Blicken an, dann schien ihm die Wahrheit emporzudämmern – » Peste!« stammelte er – »ich glaube, ich bin ein Dummkopf gewesen – Sie sind nicht der Kommandant der Zephyre; nein! richtig, Sie sind mein Colonel! – Verdammt!« Er begann sich hinter den Ohren zu kratzen und auf die Lippen zu beißen; der Schreck fing an, ihn nüchtern zu machen. – »Nehmen Sie diesen Kerl und übergeben Sie ihn dem Profoß,« befahl der Kolonel dem Sergeant-Major. »Daß kein Mann mit ihm zu sprechen sich unterstehe! Wagt er selbst noch einen Laut von sich zu geben, so stecken Sie ihm einen Knebel in den Mund. Sie drei beobachten strenges Schweigen über alles, was Sie gehört.«

Er winkte, und der Zuave wurde abgeführt ... Als sie allein waren, wandte der Oberst sich zu dem Arzt und dem Grafen. »Was halten Sie von den Geständnissen des Burschen?« – »Es sähe General Pelissier ähnlich,« sagte der Arzt. »Man erzählt noch ganz andere Willkür von ihm, und er wünscht wahrscheinlich für den morgigen Sturm und seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen. Aber, mein Gott! was fehlt Ihnen, Graf? – was bewegt Sie so tief?«

Der alte Mann, indem er sich mit den Zeichen der größten Aufregung in den Stuhl warf und die Hände faltete, stieß den Brief der Gräfin, den der Arzt auf den Tisch gelegt, herunter, daß er im Luftzuge der geöffneten Tür einige Schritte davonflog ... Im Winkel saß der irre Iwan, ohne daß man auf seine Anwesenheit geachtet hatte. Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen, dessen Inhalt der Arzt laut gelesen, – sein bleiches, abgemagertes Antlitz zeigte die Züge der äußersten Spannung; in seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten der immer mehr und mehr sich losringenden Seele, wie ein Entschluß, ein Wille des zurückkehrenden Verstandes. Leise, mit den Schritten einer Katze, schlich er im Schatten dem Gegenstande seines Verlangens zu – noch eine Bewegung – er streckte die Hand danach – »Elf Uhr! der Zug geht ab! Ich komme noch zu rechter Zeit!«

»Es liegt ein Fluch auf allem, was ich tue!« sagte der Greis. »Diese unglückselige Tat wird die traurigsten Folgen haben. Der Kaiser ...« – »Was ist mit ihm? reden Sie!« – »Wenn die Depesche, die ich nach Paris absandte, nicht schon abgegangen, bevor der schmähliche Streich verübt ward, ist der Kaiser verloren, und Pelissier trägt die Schuld. Doch – die Leben der Fürsten liegen in der Hand Gottes, sie mag ihn schützen, wenn sie will – meine Schuld ist abgetragen – hier aber, hier soll der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere Ströme von Blut vergießen, als der Wille des Gebieters gefordert! ... Gott sei Dank! ich kann den General zwingen, dem Entsetzlichen Einhalt zu tun, und unter den Geretteten wird der Allmächtige mir das Leben meines Enkels bewahren!«

»Sie sind außer sich, Graf – General Pelissier muß seine Pflicht tun gegen den Feind, und diese fordert dessen Vernichtung.« – »Törichte Männer,« sagte hohnlachend der Pole, »wißt ihr nicht, daß all dies Blut, diese Leben nur einem leeren Spiele geopfert werden? daß der Friede zwischen den Herrschern längst geschlossen und ihr nicht für Frankreich kämpft gegen Rußland, sondern für die Torheit, eure Fahne auf zerschossene Wälle zu pflanzen, deren Besitz dem Feinde bereits wieder gesichert ist?« – »Entsetzlich – diese Ströme von Blut, die täglich vergossen werden ...« – »Sie haben keinen Zweck, als das kaltherzige Spiel der Diplomatie! Spiel – grausames, herzloses Spiel ist alles im Leben, – der Republikaner spielt mit den Köpfen seiner Brüder für törichte, unausführbare Ideen, und der Autokrat türmt Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stolzen Salve willen vom Invalidendom her! Soldaten meint ihr zu sein, Krieger für Recht und Ruhm? – Gladiatoren seid ihr, die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust, und die, wenn Nero gesättigt, noch vom Ehrgeiz seines Centurionen zur Schlachtbank gepeitscht werden!«

Er sank erschöpft zurück in die Arme der erschütterten Offiziere; draußen aber vor dem Eingang der Kantine schollen die Tritte eines Pferdes, der Ruf der Schildwache und die Antwort: »Ordonnanz aus dem Hauptquartier! Depesche für den Oberst des dritten Zuaven-Regiments.« – Der Vikomte nahm sie selbst dem Boten ab, bescheinigte den Empfang und öffnete sie in Gegenwart der Freunde. Sie war von dem Generalstabschef Martimprey gezeichnet und lautete: »Kolonel Méricourt hat sich mit dem Medizin-Major Welland morgen früh 7 Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die Führung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ältesten Major zu übertragen.« – »Das kommt meiner Absicht zuvor,« sagte fest der Kolonel, »und gewiß! ich werde nach dem, was wir gehört, zur Stelle sein.« – »Und ich werde Sie begleiten,« sprach der Graf, »ich werde morgen sein Schatten bleiben.« – »Aber der Befehl, der uns bescheidet, hat offenbar Bezug auf die Verhaftung des Spions,« fügte Welland hinzu. – »Nahmen Sie den Brief zurück, Kolonel? ich legte ihn hierher.« – »Nein!« – Der Brief war verschwunden. Jean – der Irre, der Schützling Ninis, mit ihm. Sie schlief sanft und ermüdet auf ihrem Lager.

*

Der Morgen graut unter dem Zischen und Krachen der Bomben; der Feind hat in den letzten 24 Stunden an 70 000 Vollkugeln und 16 000 Bomben und Granaten in die Stadt geworfen. Zwischen den demolierten Weingärten, die sich von der Meierei Burnasi am Zusammenstoße des Laboradonaja- und Savandanakina-Grundes nach der Spitze der Südbucht hinziehen, zwischen dem großen Redan und der Mast-Bastion, kriecht von Graben zu Graben, von Trümmern zu Trümmern ein armseliges Wesen, ein junger, in den großen Mantel gehüllter russischer Soldat. Er ist waffenlos, seine fast nackten Füße bluten, an scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen. Noch hat die Kanonade nicht begonnen, deren Antwort aus den Batterien Perekomski, Stahl und Kostanarof mit einem Hagel von Kartätschen und Vollkugeln sonst den Boden fegt und jede Annäherung unmöglich macht. Nur einzelne Bomben, von der Chapman-Batterie auf dem weißen Berg geworfen, schlagen in den Felsenboden ein oder klatschen weiter hin das Wasser der Bucht. Der junge Mann wendet kaum den Kopf nach ihnen. Einen Augenblick hält er unter den Trümmern einer Feldschanze an, die von Kugeln zusammengerissen worden, und hebt den Kopf, um sich zu orientieren. Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hindern ihn; der leise Anschlag der Wellen, den sein geschärftes Ohr in einzelnen Pausen des Bombardements vor sich zur Rechten hört, ist der einzige Halt, den er wahrnimmt ... »Ich bin vom Wege abgekommen,« murmelt der arme Bursche vor sich hin – »das ist nicht die Richtung, die ich dem Fähnrich bezeichnete! Doch Gott und die Heiligen haben bis hierher geholfen und werden mich schützen. – Elf Uhr, ich komme vorher!« – Es ist Jean, der Irre, der in dem sorgsam bewahrten Mantel des Fähnrichs Lasaroff dessen Flucht mit dem kostbaren Briefe, den er gestohlen, nachahmt! Der arme Bursche hat einen weiten Umweg gemacht, um den französischen Posten und Batterien zu entgehen; die Erinnerung der Kinderjahre, während deren er einige Zeit in der Festung zugebracht, ist in ihm aufgetaucht und hat ihn mit merkwürdigem Instinkt die verborgensten Richtungen geführt ...

Eine auffallende Veränderung ist überhaupt mit ihm vorgegangen; das Bewußtsein, der Verstand kehrt immer klarer zurück, nur einzelne wüste Sprünge macht der Wahnsinn noch, der ihn so lange befangen; die deutliche, zusammenhängende Erinnerung fehlt ihm zwar noch: Tage, Monate, Jahre scheinen ausgestrichen aus seinem Gedächtnis, und nur einzelne Momente daraus stehen deutlich vor seiner Seele, während aus dem Zustand seines Irrsinns ganze zusammenhängende Wahrnehmungen, Beobachtungen und Entschlüsse sich bereits in ihm entwickelten ... Er weiß, daß er Russe ist, daß sein Vaterland in Gefahr, Sebastopol von den Feinden bedroht ist! Er hat erfahren, daß der Malachoff die Vormauer der Festung, daß er am nächsten Morgen um 11 Uhr angegriffen werden soll und alles davon abhängt, daß die Garnison zum Kampfe bereit sei. Er weiß, daß dies alles der Brief enthält, den er auf der Brust verborgen trägt, und daß seine Bestellung, verbunden mit der mündlichen Botschaft, die Festung retten mag! Das ist der einzige Gedanke, das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft!

So schleicht er vorwärts – von Stein zu Stein, von Wall zu Wall, bald kriechend, bald zusammenkauernd, bis plötzlich ein russischer Anruf, die Frage nach dem Feldgeschrei ihn emporschreckt. Ehe er sich noch besinnen, ehe er eine Antwort stammeln kann, blitzen Musketen vor seinen Augen, knallen Schüsse, ein heftiger zuckender Schmerz am Kopf wie ein Peitschenschlag, warmes Blut, sein eigenes, strömt über sein Gesicht, und er fällt besinnungslos nieder ... Ihm wird wohler und wohler, er fühlt gleichsam, wie das Fieber von ihm weicht, das bisher sein Gehirn verzehrt. Ihm ist, als höre er um sich her Stimmen, er fühlt sich aufgehoben und fortgetragen. Einen Augenblick lichtern Bewußtseins läßt ihn russische Soldaten, Offiziere und Matrosen um sich, wie durch Nebel erkennen, einen Wundarzt, der neben ihm kniet und ihn verbindet; er versteht in einer kurzen Pause des Geschützdonners der Batterie Worte, die flüchtig gewechselt werden ... »Es hat nicht viel auf sich, Exzellenz,« sagte der Wundarzt. »Drei bis vier Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurückgeben. Der dicke Bund um den Zuaven-Fez hat die Kraft des streifenden Schusses gebrochen, und die leichte Blutung tut ihm eher gut, als daß sie schadet.« – »Der Fürst muß erst dieser Tage in Gefangenschaft geraten sein und hat sich offenbar selbst ranzioniert. Aber wir haben keine Zeit, die Sache zu untersuchen, und hier kann er nicht bleiben. Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner hochherzigen Schwester schuldig, die, seit das Mütterchen Praskowja Iwanowna auf dem Malachoff Kurgan von der Bombe zerrissen wurde, der Engel der Barmherzigkeit für unsere Brüder auf der andern Seite ist. Nehmen Sie vier Mann und lassen Sie den Verwundeten mit einer Trage zum Paulsfort bringen – dort in der Nähe des Lazaretts wohnen die Geschwister, seit ihr Haus von den Kugeln zerstört.«

Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl – wiederum schwand das Bewußtsein des Verwundeten, der sich aufs neue emporgehoben und in dem Kugelregen fortgetragen fühlt, der auf die Bastionen und die Trümmer der Stadt herunterprasselt ... Die Hand des Allmächtigen schützt die Träger, schützt die Bahre!

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Stunden verrinnen in dem furchtbaren Toben der Geschütze; stürzende Mauern, berstende, wankende Dächer, das Stöhnen der Verwundeten, das letzte Ächzen der Sterbenden! Kommandorufe, die sich kaum verständlich machen können, das Rollen der Trommeln – die Hölle scheint alle Schleusen ihrer Schrecken geöffnet zu haben ... Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattierten Gemach des Fort Paul, das mit einer anstoßenden Kammer die allgemeine Verehrung, die Iwanowna Oczakoff genießt, ihr und den Ihrigen eingeräumt hat, liegt der Verwundete, den General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hat. Vor ihm kniet Nursädih, die schwarze Sklavin, beschäftigt, sein Gesicht mit stärkenden Essenzen zu reiben, während ihre Linke das Kind an die Brust preßt. Unfern davon – bleich, ängstlich die Wiederkehr des Bewußtseins beobachtend, steht Annuschka – die Witwe de Sazés mit dem zweiten Kinde, das Gottes Schickung am Hochzeitstage an ihr Herz gelegt ... Sie zittert heftig – sie allein mit der treuen Nursädih weiß um das Geheimnis, sie hat den Verwundeten erkannt!

Dumpf nur hallt der Kanonendonner in diesem geschlossenen Raume. Plötzlich schlägt der Kranke die Augen auf, seine Blicke sind klar, lebendig. Er richtet sich empor – er schaut um sich, zuerst erstaunt, bestürzt, allmählich bewußter; er erkennt die Frauengestalt am Fuße des Lagers: »Annuschka, treue Annuschka, du bei mir – sprich, wo bin ich, wo ist Iwanowna, meine Schwester?« – »Fürst Iwan! Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt, die dich uns zurückgegeben. Du bist in Sebastopol, Gospodin, du warst bei den Feinden deines Volkes und dein Geist von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt.« – »Sebastopol! – mein Gott, ja – ich erinnere mich –« er springt vom Lager empor – »der Brief – elf Uhr – die Flucht – das weiß ich! Alles andere ist wirr und dunkel noch in meinem Gedächtnis! Aber der Brief – wieviel Uhr ist es, Annuschka?« – »Zehn Uhr, Batuschka!« – »Zehn Uhr!« Der Ruf gellt schneidend durch das Gemach. »Fort, um Gottes willen fort! oder alles ist verloren!« Ein hastiger Blick umher zeigte ihm einige Uniform- und Waffenstücke an den Wänden: er reißt sie herunter und ist im Nu damit bekleidet. Annuschka ringt die Hände und sucht ihn vergebens festzuhalten; alle Kraft und Besinnung ist ihm wiedergekehrt; das vergossene Blut hat wohltätig auf ihn gewirkt ... »Um des Erlösers willen, Fürst Iwan, ich lasse dich nicht! Die Fürstin ...« – »Wo ist sie? Wo ist Wassili, dein Bruder?« – »Heiliger Basilius! Du weißt nicht, daß er für dich starb?« – »Nichts, Weib! ich weiß nichts, als daß jeder Augenblick Zögerung Sebastopol stürzt.« Er sucht hastig nach dem Brief und zieht ihn von seiner Brust hervor. »Wo ist der Oberkommandant? weißt du, wo der Generalstab sich befindet?« – »Auf der Sievernaja, Fürst Iwan, ist General Osten-Sacken – wo willst du hin, Herr? Iwanowna ...« – »Das Vaterland vor der Schwester! Wenn du eine Russin bist, wenn der zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter von Boris nicht auf dir ruhen soll, fliege, eile, suche den Kapitän Meyendorf dort auf, gib ihm diesen Brief, dem General selbst, wenn du jenen nicht findest! Schrei es durch die Gassen, jedem Offizier, dem du begegnest, entgegen: Die Franzosen stürmen um Mittag die Stadt, dreißigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malachoff!« – »Allmächtiger Gott, und die Fürstin ist auf der Bastion ... auf deinem Posten, Fürst Iwan!« – »Auf meinem Posten? – Wahnwitzige! Ja, wohl ist der meine dort, Sebastopol zu retten! Fort mit dir!«

Er warf ihr den Brief zu und stürzte hinaus – Annuschka ihm nach. Draußen am Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri, die letzten der sechs Brüder, die zum Schutz der Frauen von der Fürstin zurückgelassen, während der Jessaul sie begleitet hatte, und die erstaunt der wohlbekannten Gestalt nachschauten, die sie fern auf den Wällen wähnten ... »Ihm nach,« befahl mit Wort und Gebärden die Frau, »weicht nicht von seiner Seite und schützt sein Leben mit dem euren!«

An den prächtigen, jetzt mit Trümmern und Verwundeten bedeckten Kais und Docks der Schifferbucht entlang floh der junge Mann den wohlbekannten Weg nach den äußern Verteidigungswerken zu, gefolgt von den beiden Kosaken, allen, die er begegnet, Offizieren und Soldaten zuschreiend, der Malachoff Kurgan sei in Gefahr. Man staunt einen Augenblick ihn an, ein Stabsoffizier springt vor, Graf Wassilkowitsch, jetzt Generalmajor, der seit acht Tagen mit Verstärkungen eingerückt ist und eben vom Malachoff kommt – » Ktschortu, Kapitän Oczakoff, wie kommen Sie hierher? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan verlassen? Geben Sie Ihren Degen ab, Herr! Sie sind Arrestant!« – Der junge Kapitän faßt seinen Arm. »Meinen Posten? Ich war auf dem Malachoff? ich? ich bin soeben aus dem feindlichen Lager entflohen, die Gefahr der Festung zu verkünden!« – »Sind Sie wahnsinnig, Herr?« tobt boshaft der Oberoffizier – »ich verließ Sie vor zehn Minuten auf dem Posten, den ich Ihnen zugeteilt, wie Sie mir einst den Posten auf Schloß Ayu anwiesen. Antwort, Herr Kapitän, wie kommen Sie hierher?«

Da kracht es und schwirrt und tobt und prasselt es durch die Luft, – eine einzige Salve aus neunhundert Feuerschlünden! Drei steinschleudernde Fugassen entladen sich aus den kaum 30 Meter von dem Malachoff noch entfernten Approchen und zermalmen die Brustwehren und Merlons in dem ausspringenden Winkel der Bastion. Ein donnerndes » Vive l'Empereur!« jubelt durch den Geschützdonner, und ein heftiges Kleingewehrfeuer, von links und vorwärts zeigt den begonnenen Kampf ... Durch die Vorstadt herauf kommt General Chruleff mit wenigen Adjutanten gesprengt und wirft sich vom Pferde. Meldungen jagen von allen Seiten herbei, Befehle fliegen davon. »Generalmajor Wassilkowitsch, nimm die Jäger Fürst-Warschau und das Brjanskische Regiment und hinauf mit ihnen zur Korniloffski-Bastion! Fürst Iwan Oczakoff, bringe Sabaschinski an der fünften Abteilung den Befehl, der Turm-Bastion zu Hilfe zu eilen. Fort mit dir!« Der junge Mann, erschrocken, willenlos vor dem plötzlichen Ausbruche der Gefahr, eilt, dem Befehle Folge zu leisten, davon.

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Vor der bestimmten Stunde schon hat sich der Kolonel Méricourt mit dem Medizin-Major Welland und dem polnischen Obersten im Hauptquartier eingefunden. Eine Wache von zwei Mann geleitet hinter ihnen den Zuaven Lebrigaud mit auf den Rücken gebundenen Händen und verlegenem, trübseligem Gesicht ... Die drei Männer sind ernst und gedankenvoll. Dem unangenehmen Verlust des Briefes ist am Morgen ein anderes seltsames Ereignis gefolgt – der irre Jean ist aus der Kantine Ninis verschwunden, der Bursche, der sich sonst nicht ohne Begleitung fünfzig Schritt über die Barackenreihen des Regiments gewagt, ist nirgends zu finden und Nini untröstlich, denn die Pflicht ruft sie in die Reihen ihres Bataillons und sie will heute durchaus nicht zurückbleiben – eine unbestimmte Ahnung treibt sie.

Doktor Welland beschäftigte dies Verschwinden offenbar mehr als der neue verdrießliche Verdacht, der auf ihm lastet. Er hat, so viel in der Eile sich tun ließ, die eifrigsten Nachfragen angestellt, ohne indes auf eine Spur zu stoßen, außer daß unter den wenigen Sachen des Armen der russische Mantel fehlte, den er nach seinem eigenen Geständnis von dem jungen Fähnrich zurückbehalten. Zehnmal treibt es ihn an, die seltsame Entdeckung, die ihm Fürst Iwan bei seiner Flucht zugeflüstert, den Inhalt des von Jussuf heimlich überbrachten Briefes, der ihm mit den dringendsten Worten ängstliche Sorge und Aufmerksamkeit für den Irren ans Herz legt, dem Colonel mitzuteilen. Zwar ahnt er nur die Hälfte des Geheimnisses; er weiß aus den Worten des Fürsten nur, daß Jean ihm nahe stehe durch Bande des Blutes – er weiß zu wenig von den Geschwistern, um eine bestimmte Mutmaßung zu fassen, und seine vorsichtige Nachforschung bei Nini und ihrem Bruder ist an dem Schweigen der beiden gescheitert. Aber sein feierlich gegebenes Ehrenwort an den Fürsten bindet ihn und läßt ihn schweigen ...

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Die Verbündeten harrten in drei Angriffs-Kolonnen des Zeichens zum allgemeinen Sturm; alle Dispositionen waren aufs sorgfältigste getroffen und größtenteils den Russen gänzlich verborgen geblieben, indem schon seit dem frühen Morgen ein heftiger Nordwind wehte und große Staubwolken emportrieb, die die Bewegungen der Franzosen gegen den Malachoff verhüllten ...

Um 8 Uhr morgens hatten die sämtlichen Truppen ihre Aufstellung in den Trancheen genommen, in denen zum leichtern Vorgehen breite Durchgänge eingehauen waren. Zwei Feldgeschütz-Batterien standen in der Lancaster-Batterie bereit, im Galopp heranzustürmen, und vier andere Batterien als Reserve in der Viktoria-Redoute. Jede Kolonne hatte 60 Sappeure bei sich, je ein halbes Bataillon führte Werkzeuge und Bohlen für das Passieren des Grabens, und die Kolonne begleiteten 50 Kanoniere, um nach den Ergebnissen des Kampfes die eroberten feindlichen Geschütze zu vernageln oder gegen die Russen selbst zu kehren, die ruhig und achtlos in ihren Traversen lagen ...

Auf den Säbel gestützt, in Gedanken trotz des furchtbaren Augenblicks verloren, steht der Vikomte. Die leise Berührung einer eiskalten Hand, die sich auf die seine legt, weckt ihn. Aufblickend sieht er neben sich Nini, die Marketenderin. Ihre Augen sind gerötet von Tränen; ihr bleiches Gesicht drückt Angst und Kummer aus ... »Haben auch Sie noch immer keine Spur von ihm gefunden, mein Herr? Verzeihen Sie meine dreiste Frage, die Angst zerreißt mein Herz!« Sie flüstert es leise, denn jedes Geräusch ist streng verboten. – »Sie meinen Jean? Nein, Mademoiselle. Der Bursche wird sich wohl wiederfinden. Doch was tun Sie hier, Nini? Sie gehören zum Nachtrab und nicht in die vordersten Reihen.« – Das Mädchen preßt die Hände auf das Herz, und ihr banger, seelenvoller Blick schaut bittend zu ihm empor ... »O, lassen Sie mich hier, Monsieur le Colonel,« flüstert sie – »wissen Sie denn nicht, daß er ein Russe ist?« – »Ein Russe?« – »Ich wußte es zuerst auch nicht, aber später wurde mirs klar. Vor zwei Jahren war er mein Freund und Beschützer in Paris – aber am Abend des 5. Juli traf uns alle ein furchtbares Unglück, und seitdem ist er irrsinnig.«

Der Vikomte starrte sie mit Entsetzen an – der 5. Juli – in seiner Seele stieg ein Bild empor – ein Gedanke, selbst halb wahnwitzig und dennoch – all die sich verkettenden Umstände – er öffnete die Lippen zur weitern Frage – Da krachte und donnerte es über ihren Häuptern, als wollte der Himmel zerreißen in seinen urewigen Grundfesten. Die sämtlichen Geschütze hatten noch eine Ladung abgegeben. Der Augenblick war gekommen. Die Generale, ihren Hut über dem Haupte schwingend, erschienen auf der Brüstung, auf dem äußersten Epaulement der Trancheen zeigte sich das Kommando-Fähnlein Bosquets, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, ein tausendstimmiges Hurra erschütterte die Luft – und vorwärts ging es zum Sturme.

Mac-Mahon mit der Brigade Espinasse, das erste Zuaven-Regiment voran, links ihm folgend das 7. Linien-Regiment, warf sich auf den Vorsprung des Malachoff und auf die linke Fassade der Bastion, dort wo dieselbe mit der Kurtine zusammenhing. Der Raum zwischen den Laufgräben und dem Ravelin der Bastion betrug etwa 50 bis 70 Schritt im Sturmlauf, im Nu ist er überstiegen, der halbverschüttete Graben überschritten, ohne auf die Hilfe der Sappeurs zu warten, die Abdachung der Wälle erklommen ... Die Russen sind bestürzt – überwältigt, die Brustwehr ist nur mit den Mannschaften der Artillerie besetzt, die an ihren Stücken niedergestoßen werden. Das ganze Innere des Malachoff, bis auf den Kurgan – die Trümmer des alten Turmes – ist mit hohen Traversen durchzogen, hinter denen die Soldaten Schutz gegen das Bombardement gesucht haben. Vereinzelt stürzen die Kompagnien des Regiments Praga daraus hervor – es ist ein Zusammenstoß Mann gegen Mann; die russischen Offiziere, den Degen in der Hand, stürzen sich auf das Parapet, mit Wort und Gebärde ihre Soldaten zum Widerstand ermunternd. Einer nach dem andern sinken sie unter den Kugeln, die aus nächster Nähe auf sie gerichtet werden – aber Schar auf Schar dringt in das Innere der Bastion ein, und das Regiment Praga wird geworfen ... Die 5. Division unter de la Motterouge hat ein schwierigeres Terrain, als die Stürmer des Malachoff, doch steht sie bald in geschlossenen Massen in der Front der Kurtine und nimmt im Anlauf die Batterie von 6 Geschützen de la Poterne, die den Malachoff flankiert. Während die Kanoniere die Geschütze vernageln, dringt die Infanterie gegen die zweite Verteidigungslinie vor. Das Kartätschenfeuer der Russen schmettert die Spitzen der Kolonnen und ganze Reihen nieder, aber nichts hemmt ihren Lauf. Sie ersteigen die Brüstungen, die Kanoniere werden an ihren Stücken erschlagen und die zweite Linie ist erobert. Das 11. Regiment dringt bis an die Tore der Vorstadt ... Die Division Dulac hat im ersten Anlauf den kleinen Redan genommen, trotz des furchtbaren Kartätschen- und Musketenfeuers, das Regiment Olonetz zurückgeworfen, einen Teil der Geschütze vernagelt und bereits die zweite Verteidigungslinie und den Uschokowaja-Grund erreicht, der kurz zur Reede führt. Aber hier wirft sich den Eingedrungenen Major Jaroschewitz mit einem Bataillon des Regiments Bzelofersk entgegen und drängt sie mit dem Bajonett bis über die Brustwehr zurück.

Das Glück der Schlacht wendet sich, die Russen sind nur überrascht, nicht überwunden. Die Zurückgedrängten sammeln sich unterm Schutze der in den Ravelins des Uschokowaja- und Apollo-Grundes gelagerten Reserven. Zwanzig bespannte Feldgeschütze fliegen herbei und eröffnen ihr Feuer, die Batterien des Nordufers werfen Bomben in die Kolonnen, die drei Dampfer Wladimir, Chersonnes und Odessa lagern sich in der Kilenbucht und schleudern einen Tod und Verderben sprühenden Kartätschenhagel auf den Feind. Die französischen Brigaden wanken, sie wenden sich – vergebens suchen sie sich am schnell verrammelten Eingang des Redan zu halten, – dann in den Gräben, – erst an der ersten Linie der Kurtine machen ihre Verfolger Halt. Hier formieren sich die Franzosen aufs neue; abermals wirbeln die Trommeln zum Sturm, und der Kampf um den Redan beginnt zum zweitenmal. General Saint-Pol fällt, General Bisson ist schwer verwundet, wiederum wanken die Angreifer, als die Reserve-Brigade Marolles herbeieilt und zwei Grenadier-Bataillone der Garde unter Pontèves vom General Bosquet zur Hilfe gesandt werden, den gleich darauf ein Bombensplitter auf seinem gefährlichen Posten an der rechten Seite trifft und betäubt zu Boden wirft. Für einen Augenblick sind nochmals die Parapets und Batterien des Redans in den Händen der Franzosen. Aber die Russen wissen sehr wohl, daß der Verlust des Redan die Möglichkeit eines Rückzuges über die Schiffsbrücke in Frage stellt. General-Major Sabaschinski mit drei Regimentern der 8. Infanterie-Division wirft den Feind zurück, dreimal wiederholt sich der Angriff, dreimal müssen die Franzosen unter dem furchtbarsten Feuer weichen. Die Generale Marolles und Pontèves, der tapfere Führer der Garden, dem Pelissier den blutigsten Posten versprochen, opfern ihr Leben, sämtliche Führer der Kompagnien der Linie sind gefallen – es bleibt nichts übrig, als der rascheste Rückzug nach dem Graben der Kurtine.

Das Schlüsselburger Jäger-Regiment, das, von General Chruleff geführt, dem Redan zu Hilfe eilt, findet die Arbeit bereits getan und wendet sich gegen die Franzosen, auch dort den schnell errungenen Sieg zu behaupten; vergebens rasseln, von Bosquets letztem Befehl herbeigerufen, die an der Viktoria-Batterie aufgestellten Feldgeschütze über ein Terrain heran, welches das Feuer der Russen vollkommen beherrscht, protzen im heftigen Kugelregen ab, der binnen wenig Minuten zwei Dritteile der Offiziere und Mannschaften niederwirft, und beginnen ein Feuer, das endlich die Kriegsdampfer nötigt, sich zurückzuziehen; – die Schlacht ist auf dieser Flanke verloren und die Division de la Motterouge vermag, nachdem auch der Führer der Garde-Reserven, General Mellinet, verwundet ist, sich nur kurze Zeit noch in der ersten Enceinte der Kurtine zu halten. General Dulac hat das Kommando in Stelle Bosquets übernommen. Auch auf der linken Stadtseite sind die Franzosen nicht glücklich. Der Hauptsturm auf die Zentral-Bastion (V) mißglückt, trotz der Aufopferung der Offiziere und Soldaten; ein Angriff der Mast-Bastion wird unmöglich; jeden Augenblick demaskieren die Russen neue Batterien; Flatterminen zerreißen den Boden unter den Stürmenden; die Generale Breton und Rivet fallen, General Trochu wird schwer verwundet, die Fremdenlegion fast vernichtet und de Salles muß den Befehl zum Rückzug in das Innere der vorgeschobenen Waffenplätze geben. Der russische Ober-Kommandant, General Osten-Sacken, überzeugt sich selbst von dem Sieg der Seinen auf dieser Seite und eilt dann hinüber zu der Stelle, wo sich das Schicksal des Tages entscheiden muß: und das ist der Malachoff!

Die Zuaven und die algierischen Jäger haben bei dem Angriff auf die Batterie Gervais das Jäger-Regiment Großfürst Michael zurückgedrängt. Die Franzosen haben sich auf dem verschütteten Graben festgesetzt und schießen durch die Embrasüren, aber das Konstranasche Jäger-Regiment eilt der Batterie zu Hilfe, die Kanonen der linken Seite des großen Redan vertreiben die Angreifer von der Batterie Gervais; ein Befehl Mac-Mahons ruft sie zur Unterstützung der Franzosen im Malachoff ... Da diese sich hier festgesetzt haben, geben um halb ein Uhr drei Raketen aus der Viktoria-Batterie den Engländern das Zeichen zum Angriff auf den großen Redan. Sie haben eine breite Fläche aus ihren Trancheen zu überschreiten, und das Kartätschenfeuer der Russen dezimiert ihre aufgelösten Reihen. Die Anstalten der Engländer sind so schlecht getroffen, daß sie kaum 1500 Mann zum Sturm entwickeln, während ihre Reserven untätig in den Laufgräben bleiben. Nur wenige übersteigen die Brustwehr und versuchen, die Faschinen auf den Backen der Embrasüren anzuzünden; das Wladimirsche Regiment, anfangs zurückgedrängt, aber bald unterstützt durch Kompagnien der Regimenter Kamtschatka und Jakutsk, wirft die Briten mit dem Bajonett zurück, und das Feld mit ihren Leichen besäend, fliehen diese nach den Trancheen.

Die Schlacht ruht auf dem linken Flügel der Franzosen und auf der Stellung der Engländer; nur um den Schlüssel von Sebastopol, um den Malachoff, wird mit gesteigerter Wut gekämpft ... Jetzt stürmen die Russen wieder heran; Graf Wassilkowitsch, der heimtückische, boshafte Mann, schlägt sich wie ein Held im Innern der Bastion in der Nähe des alten Turmes, auf welchem die Schützen postiert sind und ein gefährliches Feuer unterhalten. General-Leutnant Chruleff selbst stellt sich an die Spitze des Regiments Ladoga und stürmt gegen die Kehle der Korniloff-Bastion; er wird verwundet, General-Major Lisenko übernimmt das Kommando und fällt, schwer getroffen, im Eingang der Redoute – ebenso General-Major Juseroff an der Spitze der andringenden Regimenter – viermal stürmen die Kolonnen der Russen, das Bollwerk Sebastopols wieder zu erobern – vergebens! – immer neue, dichte Massen der Franzosen stürzen sich in die eroberte Bastion, die Brigade Vinoy, – das dritte Zuaven-Regiment, der Rest der Reserven – Mac-Mahon selbst übersteigen den Wall; man kämpft mit dem Bajonett, mit den Zähnen, mit der Faust; der Fuß gleitet auf Strömen von Blut und Bergen von Leichen!

In den bereits erwähnten Trümmern des ehemaligen Kurgan des Malachoff nahe dem Ausgange, die durch das krenelierte Erdwerk und die soliden Blendungen eine kleine Festung im Innern der Bastion bilden, kämpft mit Glück ein junger russischer Offizier mit etwa 60 Mann, darunter zwei Greise, der eine in der Tracht der Kosaken, der andere von riesiger Gestalt in dem Rock der Druschinen. Auf diesen Punkt stützen sich die letzten Kämpfe der Russen, in seiner Nähe verteidigt Generalmajor Wassilkowitsch noch immer die Batterie nach der Seite des Redan. Das mörderische Feuer aus den Schießscharten dieser kleinen Bollwerke erregt die Aufmerksamkeit des Generals Mac-Mahon und er befiehlt dem Obersten des dritten Zuaven-Regiments, sie und die Batterie zu ihrer Seite zu nehmen. Auf die letztere stürzt sich die Masse – ein Säbelhieb des Kolonel verwundet den alten Feind, der ihm gegenübertritt; Graf Wassilkowitsch, von den Seinen geführt, wird mit dem Reste der Russen bis an die Kehle der Bastion gedrängt.

Er erhebt sein Tuch – er winkt hinüber nach dem Kurgan, auf dessen Brustwehr der Greis in der Druschinentracht mit einem Kanonenwischer die stürmenden Zuaven niederschlägt ... Der Alte sieht das Zeichen – er springt zurück – durch die breit von einer Kanonenkugel zerrissene Blendung sieht man ihn mit der Rechten eine Lunte schwingen, mit der Linken eine Steinplatte zur Seite werfen ... Da stürzt sich eine jugendliche Gestalt, blutend bereits aus zwei Wunden, zwischen ihn und die Öffnung und sucht ihn zurückzudrängen – gleich einem Kinde schleudert sie der fanatische Alte zurück – er hat das Zeichen gesehen, das ihm der Graf gegeben, und will sein Versprechen erfüllen; er beugt sich vor, er hebt die Lunte – da – im letzten Augenblick reißt der junge Offizier das Pistol aus dem Gürtel, und sein Schuß streckt den Alten zu Boden. Sein eigenes Blut hat Michael, den Tabuntschik, getötet und den Mord des Kaisers gerächt. Der Hand Iwan Oczakoffs entfällt das Pistol, sein Auge trifft den Vikomte auf der überstiegenen Brustwehr, den seine Tat am eigenen Volke gerettet, und er verliert das Bewußtsein, während die Zuaven die letzten Verteidiger des Kurgan hinaustreiben zu Wassilkowitschs flüchtiger Schar ...

Die Sappeure stürzen sich in die Öffnung, deren bedeckenden Quader der Tabuntschik gehoben, und entdecken einen Luntengang in die Tiefe, – ihre Schaufeln und Äxte reißen quer vor dem Kurgan die Erde auf und finden noch zwei elektrische Drähte: – das untere Gewölbe des Kurgan ist mit 40 000 Kilogramm Pulver gefüllt, und die Lunte des Roßhirten hätte glorreich die Schreckenstat seiner Jugend gesühnt, wenn die Liebe nicht triumphiert hätte ... Hinter der Kehle der Bastion entspinnt sich ein neuer Kampf zwischen den verfolgenden Franzosen und den Russen, deren Verstärkungen zu einem letzten Versuch herandringen. Dem von zwei Soldaten zurückgeführten Generalmajor Wassilkowitsch begegnet eine eben herbeieilende Kompagnie des Schlüsselburger Jäger-Regiments – Spielwerk der Hölle: – an ihrer Spitze Iwan Oczakoff, dessen Tat im Malachoff er eben verflucht. Der Verwundete stürzt auf ihn zu: »Verräter, wo kommst du her? ich sah dich blutend sinken im Malachoff nach deiner schändlichen Tat!« – »Im Malachoff, mich? ich focht am Redan!«

»Lügner, dich selbst oder dein Ebenbild – –« Der junge Offizier faßt ihn an – wie ein Blitz zuckt es durch seinen Geist; die Worte, die Annuschka gesprochen, die Erinnerung an die Schwester, die er im Gedränge der Gefahr ganz vergessen – die Erinnerung an sein Ebenbild im Lager am Sapun, dessen Worte ihn zuerst geweckt aus der geistigen Nacht – eine Schlußreihe von Gedanken in einem Augenblick – »Allmächtiger Gott – Iwanowna an meiner Stelle!« – Der Graf starrt ihn einen Augenblick an, auch ihm wird mit Blitzesschnelle die Überzeugung: »Verflucht sei die Metze, die, um ihren Buhlen zu retten, Rußlands Sieg geopfert hat!« – Blutiger Schaum stürzt aus seinem Mund, während Iwan Oczakoff ihn von sich stößt und davonstürmt.

*

Auf seinem Arme hatte der alte Kosaken-Häuptling den jungen Offizier des Kurgan aus den Leichenhaufen getragen und lehnt ihn in einem Winkel der Bastion an die Wand, beschützt von Méricourt und dem Sergeantmajor Fabrice. An der Seite des Bewußtlosen kniet Nini, die Marketenderin, seinen Kopf auf ihrem Schoß – sie reißt, schreiend vor Angst und Schmerz um den geliebten Flüchtling, die Uniform ihm auf – eine volle, üppige, blutüberströmte Frauenbrust quillt ihr entgegen, enthüllt sich allen Blicken! – »Barmherziger Gott – Iwan – Iwanowna!« tönt auch hier der Schrei des Kolonels – – da rast es herbei! die Menschenwoge der Franzosen, geworfen auf dem äußern Abhang der Bastion, und die tapfern Feinde dringen ihr nach durch die Kehle des Werks noch einmal in das Innere des Malachoff! Ein Schlachten, ein Würgen ringsum! An der Spitze seiner Jäger stürmt Iwan Oczakoff auf die weichenden Zuaven, – das Auge der Marketenderin trifft auf die bekannte Gestalt, das bleiche Gesicht; sie fährt empor: – »Das ist der Rechte! Jean! Jean, zu mir!« Da knallen die Büchsen der russischen Jäger – da schlagen die Kugeln ein in nächster Nähe in die Haufen der Franzosen – ein einziger, herzzerreißender Schrei, und auf die Stelle, wo Iwanownas Haupt in ihrem Schoß gelegen, stürzt mit zerrissener Brust tot die treue Marketenderin. Über den jugendlich schönen Leib hinweg wogt und stürmt der Kampf; der alte Jessaul hat den Augenblick benutzt, den Körper Iwanownas über seine Schultern geschwungen und ist mit ihm in den Reihen der Seinen.

Da kracht es und hebt es sich, als wollte die Erde sich gegen den Himmel bäumen, als wären ihre Grundfesten gelöst; der Himmel selbst erzittert, dichte Rauch- und Staubwolken wälzen eine Nacht in den hellen Tag, Trümmer, zuckende Glieder fliegen umher – beide Heere stehen entsetzt und glauben dennoch den Malachoff in die Luft geflogen und tausende in seinen Werken und Reduits begraben.

Allmählich sinken die Staubwolken, der Malachof steht, hoch von seinem Wall flattert noch keck die Trikolore, – nur die Batterie de la Poterne an der Flanke der Kurtine und der Bastion ist gesprengt, das Pulvermagazin durch die brennenden Faschinen entzündet worden ... Einen Augenblick noch stehen erschüttert die Gegner – aber schon haben sich die Franzosen gesammelt ... Neue Massen der Bezwinger des Malachof stürmen heran – die Russen werden geworfen und retirieren in dunklen Haufen aus der Kehle der Bastion, die rasch mit Faschinen geschlossen wird – auch der letzte Versuch ist gescheitert – der Malachof verloren! Doch nur ein Trümmerhaufen soll in die Hände der Feinde fallen, wie vor 43 Jahren nur die Brandstätte von Moskau den Kohorten des ersten Napoleon überlassen ward ... Von 5 Uhr ab ist der Kampf nur noch durch die Artillerie unterhalten worden. Bei Eintritt der Dämmerung bemerkt man die dunklen Kolonnen der Russen über die Schiffbrücke von der Nikolaus-Bastion nach der Sievernaja in unterbrochener Reihe ziehen. Im Innern des Malachof sind, bereits durch Menschenhände herbeigeschafft, acht Coehorn-Mörser zur Beschießung bereit; aber nur wenige Schüsse fallen, als ein Adjutant des Generalissimus herbeistürmt und den Befehl überbringt, das Feuer einzustellen und den Rückzug der Russen nicht weiter zu hindern. Graf Lubomirski hat sein Versprechen gehalten und Pelissier, ihn verwünschend, alle Verfolgung aufgegeben. Doch die ersten Schüsse auf die Brücke haben noch einige Opfer gekostet. Vergebens hat Annuschka, die junge Witwe, nach der Sievernaja zu gelangen versucht, den ihr vertrauten Brief zu bestellen. Truppen, zu den Wällen eilend, füllen die Brücke – sie eilt zurück zum Fort Paul – aber kaum hat sie es erreicht, so verbreitet sich die Nachricht, daß die Franzosen den Malachoff genommen haben und in die Stadt dringen. In Todesangst, während Nursädih sich zu folgen weigert, ergreift sie das ihr anvertraute Kind und stürzt auf die Straßen, die zur Brücke der Südbucht und der westlichen Stadt führen, als ein Name mitten in dem drängenden Haufen der Soldaten und Bewohner ihr Ohr erreicht: »Meyendorf – Kapitän Meyendorf!« Sie faßt die Hand des Offiziers – sie fragt ihn – er ist der Gesuchte und sie übergibt ihm den Brief, indem sie um seinen Schutz bittet. Aber die Massen trennen sie wenige Augenblicke darauf, und vor dem Hagel der Kugeln flüchtet Annuschka unter den Vorsprung eines Hauses, wo ein abgesprengter Stein ihre Stirn trifft und sie bewußtlos und blutend niederwirft ... Kapitän Meyendorf hat noch keinen Augenblick gefunden, den ihm so dringend übergebenen Brief zu lesen; erst als die ersten Kolonnen über die Brücke zur Sievernaja ziehen, benutzt er einen günstigen Augenblick, ihn zu öffnen. Noch hat er die ersten Zeilen kaum überflogen, als ihn ein Splitter einer der vom Malachoff geworfenen Bomben am Kopfe trifft. Er fällt dicht zur Seite des Oberkommandierenden – sein letzter Laut ist ihr Name – dieselbe Stunde hat sie vereinigt im Himmelreich!

*

Es ist Nacht. Der Riesenbrand des Nikolaus-Forts zeigt, daß die Pontonbrücke bereits abgebrochen worden – von Zeit zu Zeit noch fliegt ein Pulvermagazin in die Luft – die Zahl der gesprengten beträgt fünfunddreißig ... Zehntausend Leichen – darunter 4 russische und 5 französische Generale – decken das Schlachtfeld. Jede der beiden Parteien zählt überdies eine gleiche Anzahl Verwundeter oder Vermißter. Von der französischen Garde, die ins Gefecht gekommen, ist die Hälfte getötet und verwundet. An einzelnen Stellen, vor dem Redan, an der Kehle des Malachoff, liegen die Leichen zu Hügeln getürmt ... Während die Artillerie und das Genie arbeitet, Batterien zu errichten und die Befestigungen herzustellen, tragen die Soldaten die Leichen in Haufen zusammen, und die Chirurgen verrichten bei Fackelschein ihre blutige Arbeit.

Ein Mann – erschöpft – hat diese verlassen und tritt zu einer Gruppe an den Ruinen des Kurgan. Ein Zuaven-Burnus deckt einen am Boden liegenden Körper – es ist Ninis Leiche, deren kalte Hand winselnd Minette, die kleine Katze des Sergeant-Majors, leckt. Der Alte selbst sitzt kummervoll neben der Marketenderin – sein Arm ist zerschmettert und erst flüchtig verbunden, aber er will die Tote nicht verlassen, bis die Kameraden am Morgen sie holen ... Neben ihm, an die Trümmer des Kurgan gelehnt, steht Bourdon, der Sergeant, unverletzt im dichtesten Kampfgewühl, die Augen finster, tränenleer auf den Körper zu seinen Füßen gerichtet ... Kolonel Méricourt spricht mit Jussuf, dem Mohren; – er ist mehrfach, aber leicht verwundet und nach dem Zurückführen des Regiments, dessen Kommando er dem einzigen unverletzten Kapitän übertragen, in den Malachoff zurückgekehrt.

Welland, der trotz seiner schimpflichen Entlassung seine Pflicht als Arzt erfüllt hat, reicht dem Freunde die Hand. Er hat bereits den größten Teil der Ereignisse des Tages erfahren. Der Kolonel bittet ihn, einem jungen Russen seine Hilfe angedeihen zu lassen, den Jussuf, durch die Nennung seines Namens aufmerksam gemacht, an der Kehle des Werkes aus den Leichenhaufen hervorgezogen. Es ist Olis, der Kosak Iwans, oder vielmehr Iwanownas, der an der Seite des jungen Fürsten – der letzte der sechs Brüder – gefallen. Der Arzt erkennt bald, daß menschliche Hilfe hier vergeblich sei, und sucht nur den Tod des Armen nach Kräften zu erleichtern. Man hat ihn neben Nini gebettet ... Dann erklärt Jussuf, der Mohr, seinem Herrn den Entschluß, in die brennende Stadt hinabzusteigen, wo – wie ihm der Sterbende beschrieben – die Schwester und die Fürstin gewohnt haben. Eine drängende Ahnung der Seele treibt den Vikomte zur Begleitung an – auch der Arzt erbietet sich dazu, nachdem er sich einige Augenblicke erholt hat. Russische Soldatenmäntel, um sie im Innern der Stadt unkenntlich zu machen, sind leicht herbeigebracht von den zahllosen Leichen. Als die Gesellschaft das Werk verläßt und Méricourt die ausgestellten Posten mit dem Paßwort versehen hat, gesellt sich stumm, aber entschlossen, Sergeant Bourdon zu ihr.

Es ist ein furchtbarer Gang. In der Nähe der Schlachtfelder Leichen auf jedem Schritt: zwischen Trümmern und verstreuten Kugeln, demontierten Geschützen und Munitionskarren schreitet man vorwärts in ein Chaos der Zerstörung. Aber je weiter man vordringt – die russische Armee scheint verschwunden, nur die dunklen Gestalten einzelner Marodeurs schleichen umher, schmerzliches Stöhnen eines Verwundeten und Zurückgelassenen dringt hier und da an ihr Ohr. Brennende Magazine beleuchten von Zeit zu Zeit ihren schaurigen Weg – der Donnerschlag einer aufgesprengten Batterie auf der Westseite zeigt ihnen, daß der Feind wenigstens noch tätig ist in der aufgegebenen Stadt.

So – im Schutz der Dunkelheit oder der grellen Feuersbrunst, der allgemeinen Verwirrung und Zerstörung, die nicht nach Freund und Feind fragen läßt, und in der verbergenden Verhüllung ihrer Mäntel – gelangten die kühnen Männer, in den Abhängen an der Schifferbucht sich haltend, in die Nähe des Paul-Forts. Der Umstand, daß es noch nicht gesprengt oder angezündet, beweist, daß man es noch nicht gänzlich aufgegeben, daß noch menschliche Wesen darin sind. Jussuf schleicht sich voran, die Gefährten in einem Versteck zurücklassend; bald kehrt er wieder, er ist auf keine Gefahr gestoßen, nur auf entsetzliches Leid – und winkt, ihm zu folgen ... Sie gelangen glücklich in den ersten Hof und durch diesen in eine Höhle der Verwesung und des Jammers, in die Lazarette ... Stube auf Stube durchsuchen sie; aber alle sind leer, oder die Bewohner stumm auf ewig ... und endlich – endlich deutet der Arzt auf ein Licht, das aus dem Gitterfenster einer Mauer leuchtet – man findet die Tür und öffnet sie – ein leiser monotoner Gesang, eine jener Totenklagen summt ihnen entgegen, die melancholisch fallende Melodie der Steppenvölker des Ostens; – sie treten ein: auf einem Feldbett ruht eine halbverhüllte Gestalt, zu ihren Füßen schläft ein kleines Mulattenkind, eine schwarze Frauengestalt kniet daneben, und am Kopfende murmelt Iwan der Jessaul, Iwan der Steppenteufel, seine Totengebete. Der Schein einer Lampe fällt auf das Gesicht der Gestalt auf dem Lager – hellbraune Locken umgeben das bleiche Oval – die festgeschlossene Lippe, das volle Kinn – den schönen Schwung des Gesichtes – den entblößten Frauenbusen – es ist Iwanowna, und der Kolonel stürzt an ihre Seite und bedeckt die kalte Hand mit Küssen.

Noch eine andere Szene hat sich im gleichen Augenblick ereignet; – von dem Bruder, der sie emporhebt, gleitet der tränenschwere Blick des armen Mohrenmädchens auf den deutschen Arzt. Da stammelt sie seinen Namen, reißt sich los von dem Bruder und streckt dem Arzte das schlafende Kind entgegen. Er zaudert, sieht sie mit verwunderten Blicken an, bis sie, mit der linken Hand das Kind an ihre Brust gepreßt, ihn mit der andern Hand in den Strahl der Lampe zieht und diese Hand ihm entgegenhält – auf dem vierten Finger der schwarzen Hand glänzt ihm der Granatreif, das Geschenk seiner Schwester, entgegen, den er der Unbekannten gegeben, die in der süßen Nacht von Madara sein Lager geteilt hat ... Die Wahrheit überkommt ihn mit überzeugender Gewalt, und er drückt Weib und Kind an die Mannesbrust.

Die Totenklage des Jessaul ist verstummt; flammenden Auges, Angst, Entzücken in allen Zügen, reißt der Kolonel den Freund aus den Armen der schwarzen Sklavin zum Lager Iwanownas – und legt seine Hand auf den Marmorbusen, den soeben seine Lippen berührt. Der erfahrene Arzt fühlt sofort den leisen Schlag des Herzens, das noch pulsierende Leben. Sein Wink entfernt die Anwesenden, mit Ausnahme Nursädihs, und seine geschickte Hand beginnt sofort die Untersuchung der Wunden, die nur unvollständig verbunden sind. Nursädih erzählt ihm, daß der alte Jessaul die Fürstin bis in das Fort gebracht, Iwan, ihr Bruder, in rasender Leidenschaft all ihre unendliche Aufopferung vergessend, mit einem Fluch sie dem Tode überlassen, weil sein Ebenbild Schmach auf seinen Namen gehäuft und der Rettung des Feindes ihres Volkes die Rettung Sebastopols geopfert habe, – und daß sie, erschüttert, mit gebrochenem Herzen, wieder in tiefe Ohnmacht gefallen, die die Unkundigen für den erlösenden Tod gehalten.

Nach kaum zehn Minuten kann der Arzt dem Freunde die Versicherung bringen, daß keine der Wunden des hochherzigen Mädchens tödlich sei, daß nur der starke Blutverlust ihren gefährlichen Zustand veranlaßt habe. Eine rasche Beratung der Männer folgt: die Möglichkeit der Rettung Iwanownas liegt in ihrer Entfernung aus dem Fort, und man beschließt, sie zu versuchen. Eine Tragbahre ist rasch aus dem Lazarett herbeigeschafft und von liebenden Händen geordnet. Der Jessaul, dem der Kolonel durch Nursädih volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, zusichert, will die nicht verlassen, die er so lange bewacht. Er und der Mohr nehmen die Trage, an deren Seite der Arzt und der Kolonel, sorgsam über die Bewußtlose wachend, gehen, während Nursädih voran den nächsten Ausweg in die Stadt zeigt, ohne das Lazarett nochmals zu berühren, und der Zuaven-Sergeant den Rückzug deckt. Die Hand des allmächtigen Gottes ist über ihnen in den Gefahren der brennenden Stadt, der explodierenden Minen, und als die erste Morgendämmerung über den Höhen von Inkerman dämmert, sind sie bereits im Schutze der französischen Posten.

François Bourdon, der tapfere Zuave, ist nicht allein, auf seinem Arm trägt der Tapfere ein junges Kind, dessen Wimmern ihn auf dem Wege durch die Straßen unter die Halle eines halbzerstörten Hauses gelockt, und das der leicht zum Mitleid bewegte Soldat aus den Armen einer blutbedeckten erstarrten Frau genommen. Er bringt das Kind dem Regiment als Ersatz für die jetzt tote Schwester!

*

Es ist wiederum Mittag – auf dem Malachoff-Hügel sitzen drei Männer, ernst und düster auf die zerstörte Stadt, auf die blaue Reede schauend, von der die mächtige Kriegsflotte des Pontus, der Stolz Rußlands, verschwunden ist, verbrannt, versenkt in die Tiefen des Meeres, das sie so lange beherrschte. Noch dampfen und rauchen die Ruinen der Stadt, noch donnert in langen Zwischenpausen eine einzelne Explosion, und von den Nordforts herüber dröhnt von Zeit zu Zeit ein warnender Schuß ... Einzelne Haufen plündernder Soldaten sind bereits in die Vorstadt hinabgestiegen, aber noch wagen wenige, weiter vorzudringen, obgleich man die Stadt jetzt vom Feinde verlassen weiß ... Tausende sind beschäftigt, weite Gräber zu graben, in denen die erbitterten Gegner friedlich nebeneinander schlafen sollen, bis ein anderer Trompetenstoß sie weckt – zum ewigen Weltgericht. Man muß eilen mit den Leichen, denn die Sonne des Südens brennt verwesend, und giftige Fliegenschwärme umsummen bereits die Toten.

Am Fuße des Malachoff-Hügels, zu Füßen der drei Männer, graben Zuaven ein einzelnes Grab – an dessen Seite harmlos ein zweijähriger Knabe spielt. Es ist Ninis Grab, und die Hand des Bruders bettet sie in den Schoß der Erde. Wie Kinder schluchzen die bärtigen, wilden Gesellen, die gleichmütig, als Los der Schlachten, tausend Kameraden an ihrer Seite fallen sahen. – Die Augen der drei Männer am Hügel schweifen über die Gräber und über die Trümmer – suchend und suchend – vielleicht, bis der Tod sie selbst nimmt. Der eine hat auch den Liebling vor wenig Stunden in die Erde gebettet – er schaut jetzt nach dem letzten seiner Enkel, welches der weiten Gräber ihn vielleicht birgt – denn allein ist Fürst Iwan aus dem Kampfe zurückgekehrt. – Der alte Pole an seiner Seite sucht den einzigen, den Knaben seines Herzens, und sein greises Auge sieht hinüber nach den Felswällen der Sievernaja, als könne es sie durchdringen und erkunden, ob sie den Geretteten bergen? – Der dritte – der stolze Baronet, schaut mit gefalteten Händen, mit unstetem, verzweifelndem Blick auf die riesigen Trümmer- und Todesstätten und ahnt nicht, wie nahe ihm das Ersehnte, wenn die strafende Hand Gottes den Schleier von seinem Auge nehmen wollte.

Drei Männer – Männer im Sturme des Lebens! – die ihr Teuerstes verloren, und zu ihren Füßen die Gräber und die Trümmer Sebastopols!

Suchet! – Suchet! – Suchet! – Diesem Heldenkapitel aus der russischen Kriegsgeschichte dürfen wir als schickliches Seitenstück anreihen den berühmten Jules Verne-Roman »Michael Strogoff, der Kurier des Zaren« (Verlag A. Weichert, Berlin NO. 43).


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