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Zweites Kapitel.
Der Sturm.

Der Kriegsrat, den der Fürst von Warschau mit den Führern des Belagerungskorps – es waren sechsundfünfzig Generale vor der Festung versammelt – an diesem Nachmittag im Dorfe Kanara, dem Hauptquartier des Fürsten Gortschakoff, gehalten, war vorüber, und der Fürst machte sich eben bereit, nach Kalarasch zurückzukehren, wie er alle Abende tat ... Vor der Tür der durch flüchtige Anbauten von Holz und Zelttuch vergrößerten Bauernbaracke standen die Generale, Adjutanten und höheren Offiziere in eifrigem Gespräch über die eben beratenen Gegenstände, die einzelnen Ansichten und Vorschläge nochmals erörternd, da eine Entscheidung noch nicht erfolgt war. Die beiden Fürsten und Führer der Armee dagegen waren noch in dem Gemach, wo die Beratung stattgefunden und an dessen Eingang von außen zwei Unteroffiziere Wache hielten.

Der greise Feldmarschall saß in der strammen Haltung, die er trotz seiner siebenzig Jahre noch immer beobachtete, in einem Feldstuhl, und seine hohe, wenn auch magere dünne Figur machte noch immer eine imposante Wirkung. Ihm gegenüber stand der ihm jetzt untergebene bisherige Oberbefehlshaber der Donau-Armee, Fürst Gortschakoff, die Hand auf die Tafel gestützt, das von der tiefgesenkten Stirn etwas zusammengedrückte Auge nachdenklich auf den Feldherrn gerichtet ... »Sie sind zwanzig Jahre jünger als ich, Fürst,« sagte der greise Krieger, »und haben noch eine Zukunft vor sich. Gott allein weiß, welchen Ruhm Sie in diesem Kriege noch erwerben mögen. Mein Ruf, mein Besitz ist die Vergangenheit, und ich möchte sie nicht gern aufs ungewisse Spiel setzen in diesem Feldzuge, in dem wir an Händen und Füßen gefesselt sind. Die Franzosen und Engländer stehen bereits vor uns und haben das Meer; sie verstärken sich mit jedem Tage und bilden schon eine nicht zu verachtende Zahl. In unserm Rücken lauert unser alter Freund Österreich mit seiner perfiden Politik; selbst die Proklamation an die Bulgaren hat uns getäuscht und ich habe eine bittere Erfahrung mehr gemacht! Die griechischen Aufstände können uns nichts mehr nützen – meine Ansicht, die ich noch heute unserm Herrn, dem Kaiser, melden werde, ist, daß wir Eile haben müssen, uns mit Ehren aus diesen unglücklichen Fürstentümern zurückzuziehen.« – »Die Straße nach Schumla ist frei – der Muschir nicht im stande, uns aufzuhalten.« – »Ich weiß es, Fürst – aber – der Fehler dieses Krieges von seinem Beginn! Wir haben nicht die Macht zur Disposition, die nötig wäre. Sie selbst wissen am besten, wieviel Russen den Pruth überschritten haben.« – »Hundertundsechszigtausend Mann!« – »Wir sind unter uns, Fürst – wir machen keine Berichte für die europäischen Zeitungen. Wie hoch rechnest du unsere Verluste in diesen neun Monaten?« – Der Fürst beugte traurig das Haupt ... »Fünfundsechszigtausend, Durchlaucht! Kalafat hat uns allein an fünfzehntausend gekostet: die Krankheiten haben furchtbar gewütet.« – »Heiliger Andreas! mehr als der dritte Mann! – Wenn wir das Lüderssche Korps – und Lüders liegt noch immer krank in Kalarasch – und Chruleff hier zurücklassen, behielten wir noch nicht vierzigtausend Mann, um den Balkan zu forcieren. Es geht nicht.« – »Ich habe oft genug um Verstärkungen und Zufuhr gebeten, indes ...« – »Der Kaiser täuscht sich über den Zustand der südlichen Provinzen, die Kommunikationsmittel sind erbärmlich.« – »General Kleinmichel hat seit Jahren Millionen darauf verwandt.«

Der greise Fürst sprang heftig empor, alle diplomatische Ruhe schien ihn mit einem Schlage verlassen zu haben ... »General Kleinmichel ist ein – – und der Teufel hole die Millionen, die in seinen Büchern stehen. Ich weiß, was ich von seinem System in Polen zu leiden habe, und bin wahrlich nicht der Mann, der so geduldig zusieht. Was, Fürst, willst auch du hier den Hofmann spielen, unter vier Augen und diesem fluchwürdigen System des Truges noch den Mantel halten?« – Er ging hastig auf und ab in dem kleinen Gemach. – »Es geht nicht – ich sehe es deutlich und klar, die Mißstände sind zu groß und zu tief mit dem ganzen System und dem Volk verschmolzen, als daß selbst ein Riesenwille, wie der des Kaisers, sie in einem Menschenleben ausrotten könnte. Ich fürchte, ich fürchte, die Schuld der einzelnen könnte sich einmal schwer an dem Ganzen rächen. – Doch wir müssen wenigstens zu Ende kommen mit diesem Nest, das sie eine Festung nennen. Was meinst du zu Schilders Vorschlag?« – »Wir haben bereits viermal gestürmt,« sagte ausweichend der Fürst, »und an zweitausend Mann geopfert.« – »Ich weiß, ich weiß, Sie sind Artillerist, Durchlaucht, und trauen zuviel auf die Macht der Kanonen.«

Ein flüchtiges Lächeln des Stolzes zuckte über das Gesicht des berühmten Artillerie-Generals – er hoffte, noch einmal Gelegenheit zur Bekundung der vollen Gewalt seiner Waffe zu erhalten. – »Laß dir sagen, Kamerad,« sprach der alte Fürst und legte vertraulich die Hand auf die Achsel seines jüngeren Gefährten, »es bereitet sich eine Revolte in dem Befestigungssystem vor, und du wenigstens wirst es noch erleben, daß der Stein ganz dem Spaten und der Erde weicht. Ich habe da eine vortreffliche Arbeit eines deiner jüngeren Offiziere gelesen – Totleben heißt er, und ich empfehle dir den Mann. Rußland, Fürst, hat schon eine Menge seiner Siege dem ruhigen Wirken der Hacke und des Spatens zu danken!« – »Die beiden Forts der Ostseite können sich nicht länger halten, die Batterien haben sie zusammengeschossen.« – »Ich habe mich bereits überzeugt – senden Sie morgen früh dem General Schilder zehntausend Mann Verstärkung und lassen Sie um Mittag, wenn das Geschütz seine Wirkung getan, stürmen. Wir müssen sie haben, aber sie werden uns wenig nützen. Die Stärke des Feindes liegt in der neuen Zitadelle, die sie nach dem Sultan nennen. Haben wir die Außenwerke, dann mag Schilder seinen Minenkrieg beginnen. Jetzt aber leben Sie wohl, Durchlaucht. Ich habe noch meine Berichte zu machen und will morgen zeitig wieder bei Ihnen sein.«

Der Fürst geleitete ehrerbietig den greisen Feldherrn bis zum Wagen, die Adjutanten und Offiziere der Suite warfen sich auf die Pferde, und der Zug rasselte davon, der zweiten Pontonbrücke zu, die man eben weiter unterhalb der ersten über den Strom vollendet hatte ... Während des Gesprächs der Führer hatte vor dem Quartier die Unterhaltung in den Gruppen fortgedauert, die von Offizieren jeder Charge und Waffe gebildet waren ... Eine solche stand in der Nähe einer alten, halb verwitterten Kastanie und schien mehrere Personen von Bedeutung in sich zu schließen; denn um zwei durch ihre Uniform als kommandierende Generale ausgezeichnete Männer hatte sich ein großer Kreis von Offizieren versammelt. Der ältere von beiden, ein Mann von 68 bis 70 Jahren, nahm wenig teil an dem Gespräch und ließ – an den Baum gelehnt – die Blicke über den Kreis hinausschweifen, in die roten Abendwolken, die unter den Horizont sinkende Sonne hinter den Werken von Silistria gleich blutigen Streifen über den Himmel schoß. Es war eine hohe Greisengestalt, hager wie der Fürst von Warschau, aber keineswegs von dessen stattlichem Aussehen. Die reiche goldbeladene Genieuniform hing unordentlich und aller militärischen Akuratesse entbehrend um die dürren Glieder und über der ganzen Figur lag etwas Träumerisches, Unheimliches, gleich als gehöre sie nicht dieser Welt an. Namentlich war es der Kopf und das Auge, was diesen unheimlichen, aber nicht würdelosen Eindruck machte: eine jener Adlerbildungen des haarlosen, nur an der Seite mit spärlichen weißen Locken versehenen Schädels, wie wir sie zuweilen so scharf ausgeprägt finden; – überaus tief in den Höhlen liegende Augen, mit buschigen weißen Brauen darüber, so tief, daß es nur wie ein Feuerstrahl daraus hervorfunkelte und die Farbe der Pupille ganz unsichtbar blieb; unter der großen schnabelartig gebogenen Nase ein dichter, grauer Schnurrbart: – das war der General-Adjutant, Ingenieur-General Schilder, einer der berühmtesten und sowohl durch seine militärischen Talente als durch seine Seltsamkeiten bekanntesten Soldaten Rußlands, der nun zum zweiten Male vor der türkischen Festung lag. General Chruleff an seiner Seite unterhielt sich eben mit dem Generalleutnant Selwan, dessen Division den linken Flügel der Aufstellung gegen Silistria bildete und die Trancheen gegen das Fort Abdul-Medjid führte. Der Stabschef des General-Leutnants, Oberst Graf Orloff, der Sohn des berühmten Freundes des Kaisers, stand dabei, mit einem jungen Geniekapitän sprechend.

»Erinnern Sie sich unseres Wirtes, Kapitän, an dem Abend in Bukarest, als wir vom Ball zu dem blutigen Tanz von Oltenitza geholt wurden?« fragte einer der Offiziere den Adjutanten. – »Des preußischen General-Konsuls von Meusebach?« – »Richtig, Baron – er besuchte uns heute morgen während des Bombardements in den Schanzen und erkundigte sich auch nach Ihnen.« – »Was hat ihn hierhergeführt?« – »Ei, die Neugier – er war bereits bei dem Schlagen der ersten Brücke gegenwärtig, als der kleine Kotzebue fiel – und wollte sich von unsern Fortschritten überzeugen. Wir konnten ihm leider den gehofften Sturm nicht aufführen, denn es fehlten die Orders, aber er hat eine recht hübsche Kanonade mit angesehen. Kennen Sie seinen Pudel Karo?« – »Ich habe nicht die Ehre,« sagte lächelnd der Adjutant, »doch habe ich von den Bären des Herrn von Meusebach gehört.« – »Ei, liebster Meyendorf, wahrhaftig, da verlieren Sie viel. Es ist ein ausgezeichnetes Vieh und apportiert wunderbar. Glauben Sie wohl, daß der Preuße – der wirklich ein Soldat zu sein verdient, denn er spazierte ganz ruhig im Feuer umher und ließ die Zigarre nicht ausgehen, – die Paßkugeln durch seinen Hund apportieren ließ? Das Tier wußte die Bomben und Granaten dagegen ganz vortrefflich zu unterscheiden und hielt sich stets aus ihrem Bereich. Karamsin, der an der Aluta steht, lehrte ihn das Kunststück in Bukarest.« – »Herr von Karamsin,« sagte eine dumpfe Stimme neben ihnen, »wird keine Hunde mehr das Apportieren lehren.« – »Wie können Sie das behaupten, General?« warf der Graf ein. – »Oberst Karamsin,« sagte der alte Ingenieur-General – denn dieser war es, der die eigentümliche Prophezeihung in den Kreis geworfen, – »hat von den Türkenhunden heute genug bekommen. – Israel ist ausgezogen den Philistern entgegen in den Streit. Die Philister aber hatten sich gelagert zu Aphek und rüsteten sich gegen Israel. Und der Streit teilte sich weit; und Israel ward von den Philistern geschlagen und sie schlugen in der Ordnung im Felde bei viertausend Mann.« – »Ei was, Kamerad,« sagte halblachend der Generalleutnant Selwan, »verderben Sie uns mit solchen düsteren Gedanken nicht die Laune! Der Kaiser Alexander, allen Respekt vor ihm, wird diesmal hoffentlich falsch berichtet sein.« – Der alte General wandte sich zu ihm und sah ihn starr an ... »Und es kam ein Gericht über die Spötter und sie wurden zu schanden in ihrer Weisheit. – Geh' heim, Mann, und bereite dich vor, denn du wirst eher vor dem stehen, der Himmel und Erde gemacht, als einer von diesen allen – jenen dort ausgenommen.«

Der magere Finger des Generals zeigte vor sich hin, und mit einem unwillkürlichen Schauder wichen alle zur Seite, bis nur ein entfernterer Offizier – der Oberstleutnant eines Jäger-Bataillons – ihm gegenüberstand, der gar nicht wußte, wovon die Rede war, und deshalb näher hinzutrat ... »Herr Kamerad,« sagte der Generalleutnant mit einem gewissen Unwillen, »für wen von uns auch die Stunde kommen mag, sie wird uns als Männer und Soldaten finden, auch wenn wir nicht an Kartenschlagen und Wahrsagen glauben.« Er verließ den Kreis.

Eine tiefe, unheimliche Stille hatte sich über denselben verbreitet – jeder kannte die Seltsamkeiten des alten Generals und seine Visionen, die ihm namentlich in der Dämmerung und in den einsamen Stunden der Nacht das Erscheinen des verstorbenen Kaisers Alexander vormalten, obschon selten jemand darüber zu spotten wagte. –

Der Abend hatte seine stillen, melancholischen Tinten rings umher auf die Flur gesenkt – nur von den Donauschanzen her donnerte in langen Pausen ein Schuß. In dem sinkenden Lichte stand die hohe, schmale Gestalt des Generals, und sein geisterhaftes Auge starrte dem Fortgegangenen nach. Ringsum im Kreise herrschte ein auffallendes Schweigen, das um so schauerlicher abstach gegen die lachende, lärmende Unterhaltung der entfernten Gruppen ... »Der Tor! Da geht er hin in seinem stolzen Mut,« sprach die hohle Stimme des Greises, »und schon ist er nichts als Staub und Asche. Als ob mein toter Freund und Herr sich irren könnte – sein Auge schaut das Unglück, das heraufzieht über das heilige Rußland. So wahr mir der Dreizehnte Gefahr und Tod bringt, so wahr wird jener Übermütige im Staube liegen von der Hand des Herrn, noch ehe die Sonne wieder die Gipfel der Berge vergoldet.« – »Kommen Sie, Freund,« sagte zutraulich und teilnehmend General Chruleff, »wir wollen aufbrechen, unser Weg bis Girlitza ist nicht der kürzeste.« – »Die Pferde, Herr General?« – Der alte Krieger, noch immer mit seiner Vision kämpfend, legte die welke Hand auf den Arm des jungen Obersten, der die Frage getan. – »Schau dich um, Graf Orloff, damit du die schöne Welt siehst und jene Wolken, auf denen der Gott Israels thront. Schau um dich das Land, das er gemacht hat, und die Himmel, die seiner Hände Werk! Wo ist dein Auge, Graf – die Höhle ist leer – deine Hand ist voll Blut – wehe über Jerusalem!« – Die hohe, greise Gestalt schauerte unwillkürlich zusammen – auch der junge Graf – – da wirbelten die Trommeln, und die Wache trat ins Gewehr, die beiden Oberstkommandierenden erschienen im Eingang des zeltartigen Quartiers ... »Guten Abend, Gortschakoff! Guten Abend, meine Herren, und gute Wache!«

Dahin rasselte die Equipage – nach allen Seiten zerstreuten sich die Mitglieder des Kriegsrats mit ihren Suiten. – – – – – – – – – – – –

Halb Elf! Der Generalleutnant Selwan hielt eben, von dem Chef seines Stabes begleitet, eine Nachtrunde durch die Trancheen und die Postenkette entlang, als ihm ein zerlumpter türkischer Knabe zugeführt wurde, – Mauro, der junge griechische Spion ... »Oberst Daragan,« meldete der begleitende Unteroffizier, »zeigt an, daß der Bursche an dem äußersten Posten nach dem kommandierenden General gefragt hat und eine eilige Nachricht überbringt.« – »Wer bist du?« – Der General wandte sich zu dem Knaben. – Mauro schüttelte mit dem Kopf, er verstand kein Russisch ... »Spricht einer von euch Türkisch oder Griechisch oder die Lingua franca – die Zeit ist kostbar!«

Graf Orloff redete ihn auf italienisch an, das der Junge leidlich verstand ... »Bist du der General?« – »Dieser Herr hier.« – »Dann laß uns im geheimen reden, ich habe einen Brief für ihn.« – Die Offiziere und Soldaten traten zurück – im Schatten der Brustwehr hatte einer der Sappeure rasch eine Laterne angezündet und an die Lafette gehängt ... »Den Brief, den Brief, Bursche!« – Der Junge brachte ihn sorgfältig aus dem Schuh zum Vorschein ... »Man hat mich so lange an den Vorposten aufgehalten, Herr – die Zeit muß bald da sein, um elf Uhr greifen die Türken an.«

Der Graf ließ die Uhr repetieren, während der Generalleutnant den Brief durchflog ... »Drei Viertel auf elf! Schorte wos mi! auf welcher Linie soll der Angriff erfolgen?« – Der General sprang empor ... »Lassen Sie, ich weiß genug! wir können heute einen tüchtigen Schlag tun, Orloff, und vielleicht das ganze Nest nehmen! – Ein Kosakenoffizier!« Ein Kosak sprang vor. – »Dein Pferd?« – »Kaum hundert Schritt von hier, Väterchen!« – »Karriere zu den Schanzen des Generals Schilder an der Donau – die Türken werden um elf Uhr einen starken Ausfall vom Babadagh-Tor machen. Eine Rakete von der Zitadelle das Signal. Pascholl und schone das Pferd nicht. – Pepotoff!« Ein zweiter Offizier stand bereit ... »Du hast gehört –: fort mit gleicher Meldung nach Girlitza zu Schilder und Chruleff.« – »Wohl, Exzellenz!« – Der Galopp des Kosaken klang bereits über die Ebene. – »Orloff!«« – »Exzellenz!« – »Welche Truppen haben wir auf den Umkreis einer Viertelstunde zur Disposition?« – »Nur das dritte Bataillon des poltawskischen Regiments, das dritte des alexopolskischen und das erste der samoszkischen Jäger.« – »Es genügt. – Michalowitsch!« ... »Zu Befehl.« – »Zu Oberst Daragan in die vorderste Linie – er soll das Bataillon zum Sturm sammeln.« Der Offizier schwang sich über die Brustwehr und sprang querfeldein. – »Du, Komajeff, zu Boussaye – das Bataillon muß in fünfzehn Minuten an der letzten Tranchee sein. Fort! – Leutnant von Möller gleiche Order dem Generalmajor Golowaschewski!«

»Aber der Brief, Exzellenz, der Brief – er muß zum Fürsten!« – »Du hast recht, Graf. Hier,« – er warf dem Knaben seine Börse zu, – »sieh, wo du bleibst, laß ihn zurück über unsere Posten, wenn er will. Fürst Braginski – schnell zu Pferde und nach Kanara zum Oberstkommandierenden diesen Brief und sage ihm: wenn der Ausfall sich bewahrheitet, was wir in zehn Minuten wissen werden, so werde ich einen Sturm versuchen auf die südöstliche Front, die dann sicher nur schwach besetzt ist –« »Exzellenz wollen bedenken ...« – »Ich weiß, was du sagen willst, Orloff, aber die Gelegenheit ist zu gut, um zu zaudern. Ein Armeekorps oder eine Kugel – beides ist zu gewinnen. Sorge, daß Popoff mit den andern vier Bataillonen in Reserve nachrückt und nicht zu spät kommt. Ich gehe voran nach dem Platz – zehn Minuten nach dem Aufsteigen des Signals beginne ich den Sturm.«

Der General eilte davon. Nach allen Seiten flogen die Boten und Ordonnanzen.

*

Gleich dem dämonischen Reiter, der in den Sagen der Völker durch Nacht und Sturm braust, flog die graue Gestalt des jungen Kosaken-Offiziers auf dem kleinen wilden Pferde mit der langen Mähne und den feurigen Augen über die Ebene, jedes Hindernis im rasenden Anlauf überspringend, über Stein und Sumpf, Graben und Buschwerk – nur ein Kosakenpferd konnte solchen Lauf unternehmen, nur ein Reiter der Steppe ihn ausführen! – Immer in gerader Linie fort auf die Trancheen zu, die sich in zweiter Linie bereits zwischen der Stadt und den Weinbergen weit ins Land über die Straße nach Rassowa und bis zu dem Punkt erstreckten, wo der Oberst Graf Oppermann, der die Arbeiten in den Trancheen leitete, den Bau der Redoute begonnen, von der man das Fort Abdul-Medjid im Rücken beschießen wollte ... Plötzlich tat das Pferd des Ordonnanzoffiziers einen furchtbaren Sturz: es war in eine der im hohen Grase angebrachten Schützengruben mit den Vorderbeinen gestürzt und hatte beide morsch gebrochen. Der Offizier flog aus dem Sattel über den Kopf des Pferdes hinweg, raffte sich aber, nur wenige Augenblicke betäubt, wieder empor; das hier mannshohe Gras versperrte ihm die Rundsicht, der bedeckte Himmel gestattete ihm nicht einmal, sich nach den Sternen zu orientieren ... Da knisterte und zischte es links in der Ferne vor ihm in die Höhe – hoch in dem dunklen Nachthimmel stieg von der Zitadelle der majestätische Strahlenschweif einer Rakete und streute auf dem Zenith seine glänzenden Leuchtkugeln in das Dunkel ringsum – auf Augenblicke Tageshelle verbreitend.

»Heiliger Iwan, schütze sie!« Der Lichtstrom hatte ihm die Lage des Forts gezeigt, wie ein gejagter Hirsch brach er sich Bahn zur Rechten durch das Gestrüpp und Gras ... Kaum zweihundert Schritt weit – » Stai! die Parole!«

Viktoria – er war an der Tranchee! »Konstantin und die Flotte! – Alarm, Alarm! Zu den Waffen – – die Türken machen einen Ausfall!« –

Ein Musketenschuß, dann eine Salve links in der Entfernung eines halben Wersts krachte bereits die Antwort, in der nächsten Minute brach der Allahruf der Moslems durch die Luft, und eine Kavallerie-Attacke donnerte quer über das Feld ... »Freigestanden! – Fertig! – Feuer! – Drauf mit dem Bajonett!« – Die Säbel und Handjars der Irregulären blitzten zwischen dem kleinen Posten.

*

In dunklen Massen, unter wütendem Allahruf, brachen die Kolonnen des Nizam auf die vordern Linien der Trancheen und die errichteten Batterien, im ersten ungeahnten Anlauf die Postenkette über den Haufen werfend und unaufhaltsam bis zur ersten Linie vordringend. Erst hier, an den Abhängen der Weinberge und unterm Schutz der russischen Batterien am Donau-Ufer, gelang es dem Obersten Graf Oppermann, die Seinen zum Stehen zu bringen und die Truppen zu sammeln ... Die Verwirrung und der nächtliche Lärm waren furchtbar, das Schlagen der Trommeln, die Alarmsignale der Hörner auf allen Seiten, der Ruf der Offiziere, das Knattern der Flinten- und Pistolenschüsse – das wilde Geschrei der Türken, dem nur das grimmige Zähneknirschen des Feindes, die lautlose, aber desto verzweifeltere Gegenwehr antwortete, das alles war sinnverwirrend, betäubend, der Hölle entstiegen! ... In der ersten Viertelstunde war der Kampf ein Knäuel gegenseitigen Ringens und Würgens, Faust gegen Faust, Mann an Mann – ja Zahn gegen Zahn, denn der Fallende faßte rasend mit seiner letzten natürlichen Waffe oft nach dem Gegner, und am Boden würgten sich die Feinde unter den Füßen der Kämpfenden. Siegesjubelnd gellte das Allah der Türken, und immer weiter und weiter drängten die Massen vor, während im Rücken bereits die Geschütze der erstürmten Schanzen vernagelt, die Laufgräben von hundert rüstigen Händen verschüttet wurden und die Hyänen der Schlachtfelder, die regellosen Marodeurs und die privilegierten, trotz aller Befehle des Muschirs von den Paschas geschützten und geduldeten Kopfabschneider der Tabors oder Kompagnien ihr greuliches Geschäft an den Leichen und Verwundeten der Russen begannen. Dazu strömte Zug auf Zug aus dem geöffneten Tor, zur Unterstützung von dem vorsichtigen Mussa-Pascha beordert, und stürzte sich in den Kampf.

Kiriki-Pascha mit den berittenen Bozuks hatte sich zur Rechten geworfen, um die Verbindung mit dem Zentrum zu durchbrechen, und dem ungestümen Angriff war es im ersten Augenblick gelungen. Kavallerie kämpfte hier mit russischer Infanterie und den Artilleristen, die wütend mit den Ladestöcken und Hebebäumen sich verteidigten und sich einzeln an den Kanonen erschlagen ließen, ehe sie von dem anvertrauten Gute wichen. Mitten in den Reihen der Bozuks befand sich der englische Gardekapitän, das wilde Gemetzel betrachtend und nur hin und wieder den am Faustgelenk befestigten Säbel zur Abwehr schwingend. Den Jägern, die diesen Teil der Trancheen hielten, war es jetzt gelungen, an einer eben erst angelegten Batterie unter dem Kommando eines jungen Artillerieoffiziers, des Leutnants Potemkin, Posto zu fassen und zwei Geschütze gegen den Feind zu richten. Während sich an der Kehle der Batterie die orloffskischen Jäger wütend gegen die Reiter schlugen, krachte der Kartätschenhagel in den dichten Haufen der Feinde, Reiter und Pferde zerreißend und zu Boden schmetternd.

Rat – tat – rat – tat – tat! Der kurze Schlag des Sturmmarsches schien den Höllenlärm des Kampfes zu durchbrechen und mit dem grollenden Donner des Himmels zu wetteifern, den die immer höher heraufziehenden Gewitterwolken, schon mit Sonnenuntergang drohend, jetzt mit dem Leuchten der Blitze durch die Nacht warfen. Gleich einer Strahlengarbe fuhr es von den Donauschanzen jetzt hinauf in die dunklen Wolkenschichten, eine Garbe großer Raketen, die Gegend ringsum auf eine Minute weithin mit Tageshelle überglänzend. In dem hellen Schein sah man das Anrücken der Kolonnen, das zweite Jäger-Bataillon vom Regiment »Fürst von Warschau« unter Anführung seines tapferen Obersten Kloot von Jürgenburg eilte seinen bedrängten Kameraden zu Hilfe, ihm zur Seite im Sturmmarsch dicht schon an den wilden türkischen Reitern Generalmajor Juseroff mit dem zweiten Bataillon des Jeletzkischen Regiments ... Das »Hurra!« der Russen übertönte den Donner, von Kanara her gellte das »Kuli!« des Tamanskischen Kosaken-Regiments, das der Oberfeldherr zu Hilfe sandte – von den Weinbergen herab drängten in dunklen Massen mit den im Blitzstrahl blitzenden Bajonetten die Infanteriekolonnen General Chruleffs. Drein mischte sich mit dem wütenden Allahruf, mit dem Donner des Himmels – der zuckende Blitz – das blendende Licht der Raketen und Leuchtfeuer – zeigte den grimmigen Gegnern das Weiße im Auge, glänzte auf dem blinkenden Stahl, spiegelte blutrot im strömenden Blut. Dazu schien der Himmel seine Schleusen zu öffnen, ein Wirbelwind erhob sich und, von ihm gepeitscht, stürzte ein dichter Gewitterregen herab.

Alle Schrecken der Hölle schienen vereint auf diesem blutigen Flecke von des Allmächtigen lieblicher Erde! Rat – tat – rat – tat – tat! Neue Regimenter der Russen kamen im Sturmschritt – durch die engen Wege der auslaufenden Donausümpfe von Girlitza schmetterten die Trompeten der Prinz-Friedrich-Karl-Husaren heran zum Angriff ... Hussein-Aga gab das Zeichen zum Rückzug; über die Kämpfenden hinweg zischten bereits die Paßkugeln des Kapitäns Grach in die russische Stellung, und die Müftirieh-Batterie donnerte mit schweren Kanonen. Kirikis Reiterei hatte längst den Rückzug begonnen. Schritt um Schritt schlug man sich jetzt mit dem drängenden Feinde; Muschlis-Pascha am Kommando – Kiriki durch den Leib geschossen, vom Arm des englischen Kapitäns unterstützt, während seine Bozuks sich Bahn hieben, nahte man schon den Forts! ... »Hier ist der Hekim-Baschi – Allah sei gepriesen und sein Prophet!« – » Goddam! Das ist ein Glück, daß Sie hier sind, Doktor! Ich fürchte, der Pascha ist schwer verwundet!« Er hob mit Hilfe einiger Männer den Verletzten vom Pferde, das selbst von einem Bajonettstich blutete ... »Es ist in diesem Getümmel wenig zu machen,« sagte Welland, den der Eifer seines Berufs aus dem Schutz der Forts und den Truppen hinterhergetrieben hatte. »Wir wollen ihn forttragen; faßt an, Bursche! Wie steht die Schlacht, Kapitän?« – »Nennen Sie's ein Schlachten, ein Gemetzel. Hell and damnation! Selbst in Indien hab' ich ein solches Blutbad nicht gesehen, und dazu Finsternis und Regen statt des versprochenen Mondscheins. Wir müssen eilen, uns zurückzuziehen, Doktor, die Russen gewinnen das Feld.«

Schon war es zu spät. Das Hurra und Kuli der Kosaken brauste heran wie ein Bergstrom und trennte sie von den Ihren und drängte sie fort – wen kümmerte jetzt der verwundete Pascha unter den Hufen der Pferde und den Füßen der Menschen, wo jeder genug an sich zu denken hatte? Kapitän Morton, wieder zu Pferde, an dessen Mähne sich der Arzt hielt, focht für das Leben wie jeder der Reiter. Hin und her drängte der Stoß der Massen ... »Herauf, Doktor, hinter mir auf die Kruppe, oder Sie werden erdrückt!«

Welland schwang sich mit Turnergeschicklichkeit empor – in dem Augenblick warfen Blitze und Raketen ein neues Licht, und er sah die zum Stoß gehobene Lanze eines Kosaken und dicht neben sich einen feindlichen Offizier ... »Heiliger Gott! Doktor Welland – Sie hier?« – Der Säbel des russischen Offiziers schlug die Lanze des Steppenreiters in die Höhe. – »Kapitän Meyendorf!« – »Fort, fort mit Ihnen – Gott schütze Sie – da hinaus!«

Der englische Kapitän, mit zwei Gegnern beschäftigt, hatte sich kaum umgesehen, doch die französisch gesprochenen Worte gehört und benutzte den Rat, das Pferd zur Seite werfend – der Choc herbeieilender türkischer Infanterie machte Luft, nach einigen Augenblicken hatte sich die türkische Kavallerie herausgehauen, und während sie selbst nun gegen den Feind ansetzte, von Beiram-Pascha geführt, flüchteten die Doppelreiter in den Schutz des Forts und gewannen den Eingang, indes die Kartätschen über ihre Köpfe hinweg in die anstürmenden Kolonnen der Russen hagelten. Der Rückzug war blutig, fürchterlich, so blutig und verderblich wie der Überfall selbst, und nur die Nacht und das wohlgezielte Feuer des Kapitäns Grach wahrte die tapferen Truppen vor der Rache der Gegner. Kaum wußten die Führer auf den Bastionen am Babadaghtor, daß im selben Augenblick eine zweite Schlacht auf der Südseite der Stadt geschlagen wurde. Unter dem Toben des Kampfes vermochte keiner den entfernten Kanonendonner zu unterscheiden. Dennoch wütete dort der Kampf fast ebenso blutig. Wir haben bereits gesehen, daß der auf der linken Flanke kommandierende Generalleutnant Selwan – der Kommandeur der 8. Infanterie-Division – ohne die Befehle des Oberkommandierenden zu erwarten, beschlossen hatte, den Ausfall zu benutzen, um das gegenüberliegende und die Südseite deckende Fort Arab-Tabia zu stürmen, indem er der Ansicht war, daß die Türken in diesem Augenblick dort nur eine schwache Besatzung zurückgelassen haben würden.

*

Im Dunkel der den Mond verbergenden aufsteigenden Gewitterwolken reihten sich die Bataillone an dem äußern Rande der Laufgräben mit möglichster Stille: drei Kompagnien des dritten Bataillons des poltowskischen Infanterie-Regiments, das dritte Bataillon des samoszkischen Jäger-Regiments, begleitet von einer Sappeur-Kompagnie und der Mannschaft einer Feldbatterie. Es war wenige Minuten vor 11 Uhr, als noch eine Anzahl in der Nähe biwakierender oder zufällig benachrichtigter Offiziere herbeikam und sich dem General zur Disposition stellte, darunter der Oberst Kostanda von der reitenden Artillerie der Leibgarde. Aller Augen hafteten auf den dunklen Massen des Abdul-Medjid-Forts, von dem, wie sie wußten, das Signal kommen mußte. Links zeichneten sich am Horizont die schwarzen Linien des Arab Tabia aus – kein Geräusch – kein Laut von drüben her, Nacht und Schweigen bis auf das melancholisch herübertönende La illah Allah il Allah! einer Schildwache als Gruß an die Ronde, und als Zeichen ihrer Wachsamkeit. Auch diesseits alles Schweigen, nur leises Flüstern in den Reihen, die Offiziere auf den Degen gestützt, die Soldaten das Gewehr im Arm – die Sappeure vorn mit Faschinen, Äxten und Leitern.

Plötzlich – mit dem Minutenzeiger auf elf schoß der feurige Strahl der Rakete vom Fort in die Höhe. Also Wahrheit – die Botschaft des jungen Spions hatte nicht gelogen, und manches Herz, das noch immer gezweifelt, wappnete sich fester bei der Gewißheit der nun bevorstehenden blutigen Stunde, jedes Ohr lauschte – Totenstille ringsum – Der Oberst Kostanda hatte sich auf den Boden geworfen, um besser zu hören – zehn Minuten darauf ließ sich undeutlich in der weiten Entfernung der Schall einer Gewehrsalve vernehmen ... »Sie sind aneinander, Exzellenz – Gott lasse die Unseren bereit sein!« – »Pascholl! Bei Todesstrafe kein Schuß ohne Befehl!«

Schweigend – ein gespenstisches Ungeheuer, Tod und Verderben in seinen Ringen – drängten die Reihen vorwärts. – Um den Horizont zuckte das Wetterleuchten und mit den dunklen Menschenwolken zusammen zogen die Wolken des Himmels gigantisch gegeneinander zur Feuerschlacht der Elemente ... Jetzt waren die Tirailleurs bis auf zweihundert Schritt an die äußere Zirkumvallation heran, die hinter einem – bei der höheren Lage des Forts nach dem Bergplateau zu – trotz des hohen Wasserstandes der Donau kaum drei Fuß tief mit Wasser gefüllten Graben lag. Keine Ahnung noch schien die Moslems vor der drohenden Gefahr zu warnen. – Der grelle Schein des Blitzes enthüllte jetzt plötzlich die Bataillone der Russen ... »Mashallah, die Moskows! Zu den Waffen! zu den Waffen!« – »Sturmschritt! – Vorwärts!« Die russischen Trommeln schlugen den kurzen Appell, und ehe die Bataillone herankamen, waren die Glacis vor dem Graben durch die Bajonette der Tirailleurs von den türkischen Wachen geräumt, und die Kolonnen, die Sappeurs voran, an der Brücke und dem Graben, und ihr Hurra donnerte herausfordernd durch die Lüfte. Die Faschinen flogen in das Wasser, die Leute sprangen und stürzten die Böschungen hinunter und begannen mit der den russischen Soldaten eigenen Halsstarrigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Tod die steilen Wände des Walles emporzuklimmen. Das Heckenfeuer der Jäger bestrich kräftig die Wälle, und der Zuruf, die Todesverachtung der Offiziere ermunterte die Leute zu riesenhaften Anstrengungen.

Aber der Angriff scheiterte an der Wachsamkeit der Artillerie und dem Umstande, daß Mussa-Pascha es für rätlich gehalten hatte, gleich in einer Ahnung des Kommenden und in der Absicht, während des Ausfalls die Kräfte des linken russischen Flügels durch eine Eröffnung des Feuers zu beschäftigen, die, seine Südseite und die Straße nach Schumla deckenden Forts, Arab-Tabia und Yania, mit einer starken Besatzung zu versehen, und daß sich – eben jener Demonstration wegen – die fremden Offiziere, die nicht am Ausfall teilgenommen, in den Forts befanden. Der Pascha, nachdem er das Zeichen zum Ausfall gegeben, war mit seiner Umgebung noch in der Nähe der Batterien, welche die neue Zitadelle, Abdul-Medjid, mit Silistria verbanden, als der Angriff des Generalleutnants Selwan begann. Umsichtig und entschlossen warf er alle disponiblen Kräfte dahin, während die Zitadelle ein Flankenfeuer gegen den russischen Angriff eröffnete. In diesem Augenblick war es, als das Gewitter mit Sturm und Regen in seiner vollen Heftigkeit ausbrach. Ein Flammengürtel schien plötzlich rings um den Wall der Arab-Tabia sich zu öffnen und sprühte seinen Kartätschenhagel gegen die Stürmenden. Der Donner des Geschützes rollte mit dem des Himmels, mit der Flut der Wolken goß sich der eiserne Strom über die Feinde. Der französische Colonel – Kapitän Depuis – auch der Baronet Maubridge, der sich der Begleitung des Paschas angeschlossen, – befanden sich unter den türkischen Offizieren auf dem Fort und warfen sich in den Kampf. Die Tabors (Abteilungen) der in der Stadt gebildeten Freischaren, die unberittenen ägyptischen Baschi-Bozuks hielten standhaft die Wälle. Dennoch gelang es dem samoszkischen Jäger-Bataillon wirklich, auf dem großen Wall Fuß zu fassen, und es entspann sich hier ein wütender Kampf. Mann gegen Mann – die Jäger ihre Hirschfänger auf die Büchsen gesteckt, die Bozuks und Freiwilligen mit Säbel, Pistol und Handjar oder den Flintenkolben. In der Nähe dieses Getümmels kämpfte am Wall auch der englische Baronet mit einem Diener gegen das Andrängen der Stürmenden. Der Diener des Briten, den er erst in Schumla angenommen, eine wilde, breitschultrige, verwogene Gestalt in Arnautentracht, lud und schoß kaltblütig seine Pistolen auf die heraufklimmenden Russen ab. In seiner Nachbarschaft, durch den Kampf dahin gedrängt, focht Jussuf, der schwarze Kurier, schon vor einer Stunde abgelöst von seinem Posten.

In diesem Augenblick gelang es dem Obersten Grafen Orloff, auch hier mit einer Abteilung der alexopolskischen Infanteristen den Wall zu erklimmen, und er griff mit dem Säbel in der Hand die Verteidiger an. Ein Pistolenschuß des vorhin erwähnten Dieners fuhr ihm von der Seite quer über das Gesicht und ein grobes Schrotkorn durchbohrte sein Auge, dennoch kämpfte der Tapfere weiter. Aber auch der Arnaut hatte keine Zeit mehr, das lange Pistol am Riemen über den Rücken zu werfen und sich der blanken Waffe zu bedienen, denn zwei Infanteristen stürzten über ihn her und der Kolbenschlag des einen warf ihn blutend zu Boden und schon sprang der zweite gegen ihn und hob das Bajonett zum Todesstoß ... »Hundssohn! Geh' zu deinem falschen Propheten!« – Ein kräftiger Yataganhieb traf Waffe und Arm des Russen, daß beide machtlos niederfielen; ein zweiter spaltete ihm das Gesicht bis tief in den Hals hinein, und über dem zu Boden Gestreckten stand der Mohr, den Kameraden gegen den andern Feind kräftig verteidigend und schützend, wenige Hiebe und Stöße, und, obschon aus einer leichten Wunde blutend, die das streifende Bajonett ihm in die Seite gerissen, hatte doch seine größere Gewandtheit auch diesen Gegner gefällt.

Der Kampf hatte nur wenige Augenblicke gedauert, Jussuf hob den Gefallenen empor ... » Diavolo! – Das ging hart her – Dank, Kamerad!« Das Auge des Mohren fiel bei dem Klange dieser Stimme aufmerksam auf das Gesicht des Geretteten, und die Feuer des Himmels, wie die Blitze aus Menschenhänden, die fortwährend das Dunkel erhellten, ließen ihn, trotz der Blutbefleckung, das Gesicht des andern klar und deutlich erkennen. Es schien wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder der großen, kräftigen Gestalt zu zucken, und die Muskeln krampften sich zusammen, wie zum gewaltigen Sprunge, seine Augen blitzten wie die des Tigers, der sich auf seine Beute werfen will. Aber nur einen Moment lang – dann schien ein gewaltiger Entschluß jede Fiber zu beherrschen, ein Entschluß, der sich in den leise zwischen den Zähnen zischenden Worten kundgab: »Von meiner Hand – allein; erst soll er mich kennen!« und den vom gewaltigen Kolbenstoß noch Halbbetäubten – der nichts von dem grimmigen Triumphe des ihm ganz fremden Helfers gemerkt – umfassend, zog er ihn schützend aus dem gefährlichen Gewühl.

Die kaum errungenen Vorteile der Russen waren gegen den Andrang der von Mussa-Pascha herbeigerufenen Verstärkungen nicht zu halten; von einem Handjarstoß durchbohrt, stürzte der tapfere Führer der samoszkischen Jäger, Oberstleutnant Gladysch, – kaum vermochten seine Krieger den Sterbenden den siegreichen Verteidigern zu entreißen; in den Graben zurückgestürzt, mit Kartätschen überschüttet, war der Kampf der Russen nur ein Kampf der Ehre und der Verzweiflung, und ihr allzukühner Führer, der selbst bis an den Graben vorgedrungen, konnte sich der Überzeugung des Mißglückens nicht länger verschließen. – »Popoff läßt uns im Stich,« sagte er zu dem neben ihm stehenden Generalmajor Wesselinski, »geben Sie den Befehl zum Rückzug. Ich selbst bin verloren, ich – – –« Er ließ den Säbel fallen, hob die Arme in die Höhe und drehte sich um sich selbst, ehe er schwer zu Boden stürzte – eine Kartätschenkugel hatte ihm den Leib aufgerissen und das Kriegsgericht erspart ... »Um Gottes willen, Exzellenz – ermannen Sie sich – ich höre den Sturmmarsch unserer Reserven – Popoff rückt an ...« – »Zu spät – der Rückzug – – Gott sei mir gnädig!« – Ehe sie den Körper aufgehoben, war der tapfere Offizier bereits eine Leiche, und die unheimliche Prophezeihung des Generals Schilder erfüllt, wie in betreff der andern ...

Kühn und frisch rollte der Trommelwirbel des Sturmmarsches durch Wetter und Kampf, unter welchem Generalmajor Popoff mit vier Bataillonen als Reserve von der rechten Seite her herbeistürmte und sich todesmutig gegen das Fort warf. Aber die Besatzung desselben war jetzt dermaßen verstärkt, daß sie den heldenmütigsten Anstrengungen trotzen konnte. Der Generalmajor Fürst Urusoff, mit dem ersten Bataillon des alexopolskischen Jäger-Regiments, stürzte sich in den Graben und eilte den Kameraden zum Beistand – der Führer selbst einer der ersten, die den Wall erstiegen ... »Oberst Wassilkowitsch, vor mit deinem Bataillon! Wir müssen die Kanonen zum Schweigen bringen.« – Das graugrüne Auge des Offiziers funkelte, indem er den Degen hob, als Zeichen zum Angriff. Der galante alte Roué aus dem Salon der Fürstin Lieven zu Paris, die kriechende, im Verborgenen ihr Gift in die jungen Herzen ergießende Schlange, – der reiche, an jede Üppigkeit des Lebens gewöhnte Graf war verschwunden und dem grimmig-tapfern Offizier gewichen, der seine Bataillone, wetteifernd mit dem jungen Fürsten, zum Sturm führte. Die ersten Reihen füllten, von den Nachdrängenden achtlos gegen das billige Menschenleben in die Tiefe gestürzt, den Graben, – über den Damm von Leibern erklommen die Stürmenden den Wall, breite Lücken rissen die Kartätschen in ihre Reihen, aber neu und neu füllten sich die blutigen Breschen und das siegreiche Hurra der Russen donnerte auf der Höhe der Embrasüren.

Aber die Augenblicke des Sieges konnten nur kurz sein – von rechts und links schmetterten die wohlbedienten Geschütze der Besatzung das Verderben in die russischen Glieder, und in der Front drangen mit jubelndem Triumph die Moslems auf die Haufen, die die Brustwehr erklommen, ein französischer Offizier kühn und ermunternd voran ... Die fast minutenlange Tageshelle zeigte klar und deutlich die kriegerische Gestalt, das edle, feurige Antlitz des Vikomte de Méricourt. – »Feuer auf sie! Feuer auf den Offizier! Hundert Rubel dem, der ihn trifft!« – Die Gewehrsalve krachte, – aber unverletzt und glorreich stand unter den pfeifenden Kugeln der brave Zuavenoffizier und stürmte auf die Gegner ... »Ha – Graf Wassilkowitsch! Heran zu mir!« Die Säbelklingen kreuzten sich, – Schritt vor Schritt wichen die Russen, bis an den Rand der Embrasüren, jeden Zoll breit des gewonnenen Bodens nur mit ihren Leichen, mit ihrem Blute den grimmigen Gegnern zurückverkaufend. Drüben vom Glacis her ließen die Hörner in dringender Weise den Befehl zum Rückzug ertönen – auf den andern Stellen hatten die Russen bereits den Wall geräumt und klommen in wilder Flucht aus dem Graben empor, von den Kartätschen der Artillerie haufenweise zu Boden geschmettert! ... »Ergeben Sie sich, Graf Wassilkowitsch, – Sie sind verloren!« – »Der Hölle eher, als dem Todfeind!«

Ein mit aller Kraft des erbittertsten Hasses geführter Säbelhieb galt dem Haupte des Vikomte, aber die geschickte Hand desselben parierte ihn, daß die Klinge des Russen am Griff zersprang, dann war der kühne, in den Kämpfen Algeriens mit allen Künsten der Wehr vertraute Zuavenführer an ihm und hatte ihn an Hals und Lenden gepackt und im nächsten Augenblick über die Brustwehr hinunter in den Graben gestürzt. Wem es nicht gelang, eilig zu fliehen, der fiel ohne Barmherzigkeit auf dem Fleck, auf dem er gekämpft; – die Flucht der Russen war allgemein, blutig, verderblich, – der voreilig und ohne die nötige Unterstützung unternommene Sturm glänzend abgeschlagen. Nicht das Armeekorps, sondern den Tod hatte er dem trotzigen Führer gebracht.

Der Verlust der Russen in dieser Episode des blutigen Kampfes war überaus schwer; sie selbst gaben ihn auf 250 Tote, und 39 verwundete Offiziere, und 548 Soldaten an – in Wahrheit betrug er weit über tausend Mann. Unter den Verwundeten befanden sich – außer dem schwer am Auge und in der Schulter getroffenen Obersten Grafen Orloff – der Kommandeur der Reserven selbst, Generalmajor Popoff und Oberst Konstanda. Tot am Wall von Arab-Tabia lagen – wie der greise Geisterschauer es ihnen verkündet – Generalleutnant Selwan und der Führer der tapferen Jäger, Oberstleutnant Gladysch. Doch auch der Verlust der Türken war bedeutend.


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