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Drittes Kapitel.
Dai Bosche! (Gott geb's!)

Mit dem Wechsel des Oberkommandos der französischen Armee war, wie schon bemerkt, auch eine andere Stellung der Truppen eingetreten, und die Franzosen richteten ihre Hauptstärke jetzt gegen die linke Flanke der Festung, die Schiffervorstadt und die dieselbe verteidigenden älteren und neueren Werke. Hier stand das Korps Bosquet mit den Divisionen Canrobert, Camou, Mayran, Dulac und Brunet, noch immer die Verschanzungen auf dem Sapunberg, als den Haupthalt seiner Stellung, bewahrend. Auf dem rechten Flügel, an der Tschernaja lehnend, befand sich jetzt die sardinische Division Durando mit einem englischen Husaren- und Ulanen-Regiment. Den Zwischenraum nahmen drei türkische Divisionen Omer-Paschas ein. Am Abhange des Sapunberges, wo derselbe sich gegen den Dokowaga- und Kilengrund senkt, stand das Lager des ersten und dritten Zuaven-Regiments. Mitten zwischen den Zelten und Baracken, mit den seltsamsten Ausstaffierungen, erhob sich auf einem freien Vorsprung eine große und mit besonderer Sorgfalt erbaute Kantine, die offenbar mehrere geräumige Abteilungen hatte, und um die schon während des Vormittags ein überaus reger Verkehr geherrscht hatte. Es war die Marketenderbude des ersten Bataillons des dritten Zuaven-Regiments, die Kantine Nini Bourdons, durch die Unterstützung des Vikomte auf das stattlichste hergerichtet und der Hauptsammelplatz der ganzen umlagernden Truppen. Ein Halbkreis von roh gezimmerten Tischen und Bänken umgab den Eingang der Kantine und das weislich daneben gebaute Theater, das Auditorium der höheren Stände, während für die unteren Grade des sehr gemischten Publikums eine Reihe von Erdgräben vor dem Theater gezogen waren, in denen die Zuschauer nach Lust und Belieben in hundert verschiedenen Stellungen auf den Querdämmen saßen und lagerten, gleichwie im Parkett eines Theatersaales, und nicht selten waren selbst kommandierende Generäle die Gäste der hübschen Nini.

Eine bunte Menge füllte jetzt jeden Platz innerhalb und außerhalb der Baracken, vorherrschend freilich die Zuaven mit dem kecken, selbstbewußten Aplomb, der unvergleichlichen Negligence ihrer Haltung, den Feß auf einem Ohr, die Hände in den Taschen, teils umherschlendernd, teils in Gruppen trinkend, spielend, fluchend, prahlend, kochend oder auf hunderterlei Weise beschäftigt. Dazwischen alle Uniformen der französischen Armee und Flotte, die algerischen Scharfschützen, die Mariniers, die kecken, kleinen, prahlerischen Voltigeurs, die Husaren und Dragoner von d'Allonvilles Division, welche zwischen dem Sapunberg und Balaclawa lagerte, einzelne schwere Kürassiere, Matrosen, Schiffs-Offiziere und Artilleristen: daneben neugierig und demütig, von den Franzosen verlacht und bewirtet, einige Türken oder in ihre Burnusse und Kopftücher trotz der Hitze gehüllte Araber – bekannte Erscheinungen für diese tapfern, in der Sonne Afrikas gebräunten Truppen. Auch englische Matrosen fanden den Weg hierher, und um den Stamm eines verkrüppelten Feigenbaumes versammelt stand eine Gruppe von Offizieren, die dort angeheftete englische Ankündigung eines großen Wett- und Jagdrennens studierend. Eine große Zahl von Gesindel, wie sie jedes Lager mit sich bringt, Handelsleute, Tataren, Hausierer aller Art: – das alles lagerte und bewegte sich in bunten Gruppen umher.

Durch den offenen Eingang zur großen, gleichfalls mit Tischen besetzten, vorderen Abteilung der Kantine sah man die »Büffettmamsell« in ihrem kleinen, mit vieler Zierlichkeit arrangierten Bureau; aber die schlanke, junonische Gestalt, das Cendré des Haares, das mattgefärbte schöne Gesicht mit dem Auge voll Genußsucht und Eitelkeit gehörte nicht der Herrin der Kantine selbst, der zierlichen gewandten Nini, sondern der ehemaligen Lorette Celeste, der jetzigen Bojarenfrau und Maitresse des Russen Wassilkowitsch! Das Schicksal hatte eigentümlich mit den beiden Freundinnen gespielt, seit wir ihnen an jenem verhängnisvollen Märzabend in der Rue de St.-Joseph begegnet sind ... Nini war in den zwei Jahren eine andere geworden; ihre noch immer zierliche Gestalt schien doch kräftiger und bedeutender, das kindlich frohe Wesen hatte sich mit einer festeren Haltung gepaart, das Leben mit seinen Sorgen hatte offenbar ihre Erziehung geleitet und, ohne der Naivität ihres Charakters zu schaden, doch eine größere Sicherheit im Handeln und Auftreten herbeigeführt. Beweglich, gleich einem hüpfenden Vögelchen, war sie bald hier, bald dort, die zahlreichen Gäste bedienen helfend, oder bald mit dem, bald jenem plaudernd und ein Scherzwort oder eine flüchtige Erzählung wechselnd – bald wieder in der Küche, wo eine ältere Marketenderin, deren sich mehrere des Regiments dem jungen Mädchen willig angeschlossen und untergeordnet hatten, die Aufsicht führte. Die kokette Marketendertracht in den Farben des Regiments, blau, rot und grün, stand Nini allerliebst, wie sie so zierlich zwischen den Tischen umhereilte und dabei noch Zeit behielt, ihre liebevolle Aufmerksamkeit zwei Personen besonders zu widmen, zwischen denen sich ihr Herz zu teilen schien.

Der eine war ein kräftiger, kühn ausschauender Korporal von etwa fünfundzwanzig Jahren, das männlich-freie, hübsche Gesicht vom langen, dunklen Bart umschattet, auf der Brust die Medaille, der mit mehreren Kameraden an einem Tisch außerhalb der Kantine saß und häufig, wenn er sich unbemerkt glaubte, einen finstern, halb spöttischen Blick nach dem improvisierten Kontor und seiner schönen Inhaberin warf, die von einem Schwarm jüngerer und älterer Offiziere umgeben war, mit denen sie sich nachlässig unterhielt. Es war François Bourdon, der Bruder der kleinen Marketenderin ... Die zweite Person, der die besondere Fürsorge Ninis gehörte, war der bleiche, geistesschwache Bursche, dessen merkwürdige Ähnlichkeit mit dem jungen russischen Fürsten schon so vielen Personen aufgefallen war. Still und teilnahmlos schlich er zwischen den Gästen umher, von denen die meisten mit ihm bekannt schienen, und verrichtete ebenso alles, wie ihm geheißen ward. Sein leerer Blick belebte sich nicht einmal, wenn Nini ihm einige freundliche Worte sagte oder die hohle Wange klopfte: eine Liebkosung, die mehr als einer mit neidischem Auge sah und für die mancher Tapfere willig zum Sturm auf eine russische Redoute marschiert wäre. Nur einmal, als Nini am Büffett stehen blieb, mit Celeste einige Worte wechselnd, und der tote Blick des Burschen von François auf die Gruppe der beiden Frauen hinüberschweifte, überzog ein flüchtiger Blitz von Gedanken das hagere junge Gesicht; er rieb sich die Stirn mit der Hand und starrte, wie emsig eine Erinnerung suchend, ins Leere. Wenige Augenblicke darauf schien jedoch die erregte Gedankenfolge wieder unterbrochen, und er verrichtete teilnahmlos nach wie vor die Geschäfte der Bedienung, wobei er manchmal auf einige Zeit in einem der hintern Räume der Kantine verschwand.

Die Gruppe an dem Tisch, an dem François saß, bestand aus dem Sergeant-Major, der mit dem jungen Kameraden an der Alma und bei Inkerman die Wagnisse ausgeführt hatte, den Ärmel seiner Jacke mit Galons bedeckt und Mamsell Minette, die erste Kletterin des Bataillons, neben sich, – aus einigen anderen Soldaten der Kompagnie, zwei Voltigeurs vom 20. Regiment und einem algerischen Scharfschützen ... »Paßt auf, Kinderchen,« sagte der Sergeant-Major, »es gibt morgen einen Tanz, wenn auch die Generale noch geheim tun und die Köpfe zusammenstecken. Man hat nicht umsonst seit drei Tagen Kugeln gefahren und die armen Kerle, die Türken, wie Maultiere in den Magazinen arbeiten lassen. Da, Bursche,« fuhr er fort, indem er einem langsam vorüberschreitenden Araber das Glas hinreichte, »trink' einmal, es ist echter Wermut, von deinen eigenen Bergen gepflückt, die doch nichts weiter hervorbringen als das bittere Kraut, und das Gewürm, die Kabylen.« – Der Angeredete war ein junger, schöner Araber, offenbar einer der Führer, und wer ihm näher ins stolze finstere Auge geschaut, hätte in ihm unmöglich Abdallah Ben Zarugah, den Emir der tapferen Reiter der Hedjas, verkannt. Er hüllte sich, mit verächtlicher Gebärde den Trank zurückweisend, in seine weiten, weißen Gewänder und schritt weiter, dem Eingänge der Kantine zu ... » Peste! Verschmäht der Schuft von einem Koranfresser mit einem Feldwebel der dritten Zuaven zu trinken? Ich will –« er griff nach seiner Katze, um das Tierchen verächtlich auf den Mohammedaner zu schleudern, doch François hielt ihn am Arm fest. – »Ruhe, Papa Fabrice! es ist der Aga, der den Griechen-Offizier im vorigen Monat verwundet und gefangen, und der alle Tage kommt, um nach ihm zu schauen. Laß ihn gehen! Du weißt, daß der Kommandant jede Beleidigung ahnden würde.« – »Hol ihn – – Wegen eines Spitzbuben von Beduinen mag ich nicht im Loch stecken, wenn vielleicht ein Gefecht vor der Tür steht. Komm her, Minette! sei ruhig, mein Tierchen! und beiße dich nicht mit dem gelben Burschen da; die Messieurs Beefsteak werden dir Revanche geben und heute seine Kameraden hetzen.«

Minette, die Katze, war nämlich mit dem berühmten Hunde des 20. Linien-Regiments, der stets vor der Tête hermarschierte und den die Voltigeurs auf das Apportieren von Kugeln, ja selbst von Bombenzündern abgerichtet hatten, in argen Streit geraten, und rasch, mit der leichtsinnigen Teilnahme des französischen Charakters für alle Intermezzos, bildete sich ein Kreis um die beiden Gegner. Ein Fußtritt des Voltigeurs jedoch, der den Hund mitgebracht hatte, stellte den Frieden wieder her. – »Gottes Blut!« wetterte der Gaskogner; »will sich das Vieh miteinander zanken, während die Russen dazu vom lieben Herrgott ganz expreß erschaffen sind! – Nichts da – hierher, Großcanon – kusch!« und er steckte ihn zwischen seine Beine, während der Zuave seine Katze vor sich hinlegte und mit ihr spielte. – »Wem mag es gelten?« sprach der Scharfschütze, kokett seine gelbe Weste ordnend und den Dampf aus der Zigarre in blauen Ringeln vor sich hinblasend. – » Sacristi! wem anders, als dieser verfluchten Lünette! Sie liegt unserm Dick im Kopfe und wurmt ihn schon lange. Es wird Blut kosten. Wann soll der Spektakel losgehen?« – »Die Kanoniere sprechen von diesem Nachmittag.« – » Ah, Mordioux! deshalb gibt man uns die Theater-Vorstellung zum Kaffee nach Tisch? Apropos! wißt ihr, daß der Ober-General heute hinübergeritten ist zu den Engländern?« – »Bah! er wird sehen wollen, wie weit sie mit den Laufgräben am Redan sind.« – Der Voltigeur schüttelte schlau den Kopf. – »Das kümmert unsern Pelissier wenig; er wünscht die ganze Sippschaft zum Teufel. Aber Vitrolles, sein alter Ordonnanz-Zephyr, hat mir gesagt, daß das Barometer auf Sturm steht. Der Bursche kennt seine Mienen.« – »Dann Gnade Gott den Engländern, er bratet sie bei lebendigem Leibe, wie die Araber-Familien in der Höhle von Djebel Debbag.« – »Brrr!« machte der zweite Voltigeur; »die Geschichte ist zu abscheulich, als daß sie wahr sein könnte.«

Der alte Zuaven-Sergeant sah ihn grimmig an. – »Halt's Maul, Rekrut, nicht räsoniert! was verstehst du davon? Ich sage dir, ich, der Sergeant-Major Fabrice Tonton, es ist wahr, wie ich dieses Glas hier trinke. Ich war dabei, und ein abscheulicher Gestank wars, als die siebenhundert Männer, Weiber und Kinder so in dem Rauch erstickten von dem Holz, das man vor der Höhle aufgehäuft.« – »Wie? Du halfst bei der schändlichen Tat?« fragte unwillig der junge Bourdon.

»Wir Zuaven nicht, François,« sagte ernst der Sergeant; »wir sind zwar wilde Teufel und fragen leider wenig genug nach Gott und den Heiligen, aber gegen Weiber und Kinder und unbewaffnete Männer möchten wir doch nicht die Hand erheben. Es war bei der Gelegenheit, als er dem Kommandanten Vergier, der damals Unter-Leutnant war, befahl, seine Soldaten Holz herbeitragen zu lassen, und dieser statt der Antwort seinen Säbel abgab und sich zum Arrest meldete. Der General war außer sich und schimpfte wie eine Dame der Halle von Feiglingen und Memmen mit Weiberherzen, die nicht verdienten, Krieger zu heißen, da – –« »Nun, Fabrice, weiter?« – »Da sah ich mit diesen meinen Augen den Leutnant auf ihn zuspringen, ihn an den Schultern fassen und schütteln, wie man einen Schulbuben schüttelt, indem er ihm zuschrie, er möge erst Höflichkeit lernen, wenn er französischen Offizieren befehlen wolle.« – »Der Unglückliche! – und der General?« – »Bah! er machte sich los und sagte: »Ist das ein Vieh, – aber ich brauche solche Kerle!« – zum Leutnant aber sprach er: »Monsieur, ich nehme Sie in meinen Stab; wir wollen sehen, ob Sie andere auch so schütteln werden.« – Der Leutnant kommandiert seit zwei Jahren sein Bataillon bei den zweiten Zuaven, und die Teufel, die Zephyrs, erhielten den Befehl, die Höhle auszuräuchern, und befolgten ihn. Wir aber standen dabei, das Gewehr im Arm und – zum Henker mit der garstigen Erinnerung!« – Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und pfiff den Zuaven-Marsch vor sich hin.

»Madame Celeste,« warf einer der Kameraden hin, »scheint heute verteufelt unruhig; ihre Augen rollen wie zwei feurige Kohlen; sie scheint zu suchen, was sie nicht findet ... He, Jean,« rief er dem in die Nähe kommenden Schwachsinnigen zu, »bring mir ein frisches Glas, Bursche ... Absinth, echtes Schweizer Gewächs!« – Der junge Mensch nahm gehorsam das Glas, indem er ihn mit den leeren, irren Blicken anstarrte. – »Elf Uhr – der Zug« – »Weiß schon, Bursche, kenne das Lied! Mach, bring mir den Absinth und frag in der Küche nach, ob sie den Truthahn bald gebraten haben, den ich heute morgen eingeliefert.«

Korporal Bourdon war trotz aller Mühe, die er sich gab, ruhig zu sein, das Blut auf die Stirn gestiegen, und finster sah er nach der leichtsinnigen Jugendgeliebten hin.

*

Aus den hinteren Räumen der Kantine kamen langsam im Gespräch drei Männer, denen ein kaum über dem Knabenalter stehender Jüngling, in ein russisches Capot gehüllt, den linken Arm in einer Binde, die Stirn gleichfalls umwunden, folgte: der Leutnant-Colonel Méricourt, der deutsche Arzt, jetzt Medizin-Major der dritten Zuaven – und Sir Edward Maubridge ... »Es tut mir leid, Monsieur de Lasaroff, daß ich Sie in das Gefangenen-Depot abliefern muß,« sagte der Vikomte; »aber da Ihre Wunden so gut wie geheilt sind, muß ich meiner Pflicht Genüge leisten, wenn Sie Ihr Ehrenwort verweigern.« – »Mein Herr,« sagte der Jüngling schüchtern, »ich glaube nicht, daß Sie mich deshalb tadeln werden.« – »Nicht im geringsten, – das ist Ihre Sache. Aber da der Doktor sich heute dafür ausgesprochen hat, daß Ihr Schicksalsgenosse, der griechische Offizier, mit erster Gelegenheit nach Konstantinopel zur bessern Pflege gebracht werden soll, muß ich den Posten einziehen, der Sie beide bewacht, und Sie ins Hauptlager einliefern, damit man über Sie verfügt.«

Der Jüngling verbeugte sich schweigend und setzte sich im trüben Nachdenken an einen der Tische in der Nähe des Verschlages nieder ... Die drei Männer blieben unfern des Büfetts, an dem jetzt Celeste beschäftigt war, nach Ninis Diktat eine Anzahl Speisekarten auszufertigen, in ernstem Gespräch stehen. Die Strapazen des Winters und des Feldlagers zeigten sich in den gebräunten, festen Gesichtern des Colonels und des Arztes, während die Gestalt des Baronets noch hagerer und gebeugter erschien, als da wir ihm zuletzt begegnet, in den Schreckensszenen von Schloß Ayu. Er war in die Farbe der Trauer gekleidet, der Flor an seinem Hut galt dem gemordeten Bruder, die eingefallenen Wangen zeigten die hektische Röte, das gefährliche Kennzeichen innerlich schleichender Krankheit. Dennoch lag in seinem Auge, in seiner Haltung eine gewisse Kraft und Entschlossenheit, ein Daransetzen des ganzen Denkens und Lebens an einen bestimmten Zweck ... »So sind Sie der Ansicht, daß Herr Caraiskakis die Überfahrt aushalten kann?« fragte er, zu dem Arzt gewendet. – »Ja, Sir. Lassen Sie mich den unglücklichen Zustand meines Freundes noch einmal rekapitulieren und Ihnen meine Ratschläge geben, denn leicht dürfte dazu in den nächsten Tagen nicht Zeit sein.« – »Ich bitte Sie darum.« – »Als Sie nach unserer merkwürdigen Rettung aus dem Felsenschloß der Yalta, die zwei teure und gute Menschen, gegen die ich mir leider schweren Undank vorzuwerfen habe, ins Verderben stürzte, – zu mir kamen, Sir Edward, gebeugt von dem Tode Ihres wackeren Bruders; – als Sie offen und männlich das begangene Unrecht bekannten und meine Vergebung verlangten, daß Sie mich einem schmachvollen Tode überliefern gewollt: – da reichte ich Ihnen aufrichtig die Hand und versprach Ihnen meinen geringen Beistand; denn wir trugen eine gemeinsame Erinnerung an Wesen im Herzen, die Tod und Schicksal von uns gerissen.« – »Aber Ihre Erinnerungen, Sir,« unterbrach ihn finster der Baronet, »waren rein, – an den meinigen klebt die Schuld, und das Grab gibt seine Toten nicht wieder!« – »Diona ruhe in Frieden! Ihr seliger Geist möge den bittern Haß zwischen Ihnen und Ihrem Bruder sühnen helfen. – Ich begriff, daß Ihr Leben und Denken – zuerst vielleicht aus Eigensinn und Laune, später von der Stimme des Gewissens gefestigt – einzig an der Erlangung Ihres Kindes hing, das Gregor Caraiskakis Ihnen verweigert, ja, von dem Sie nicht mehr als seine Existenz wissen, nicht einmal das Geschlecht. Ich begriff das Gefühl, denn ich empfand, daß ich selbst mein Leben opfern könnte für ein Kind, welches das meine wäre. Ich versprach Ihnen, wie gesagt, meinen Beistand, da Sie nicht von den Mauern Sebastopols weichen wollten, hinter denen Sie Ihren Gegner und vielleicht auch das Pfand seiner Rache glaubten.« – »Der Erfolg hat es bewiesen.«

»Sie haben recht – Gott selbst hat durch eine seiner wunderbaren Fügungen die Lösung des Rätsels in Ihre Hand gelegt und es dennoch aufs neue verwickelt. Der Handjar des jungen Arabers, der jetzt da drinnen bei seinem Opfer sitzt und dessen Beziehungen zu Gregor Caraiskakis mir selbst fremd sind, hatte den Kopf meines unglücklichen Freundes gespalten bei dem nächtlichen Angriff der griechischen Freischar und der Russen auf die britischen und türkischen Batterien am Mamelon. Es war nicht Zufall, sondern des Allmächtigen Fügung, die Sie am Morgen auf die Kampfstätte führte und den Schwerverwundeten erkennen und aus den Händen der unwissenden Türken retten ließ.« – »Sie Doktor, waren der erste Gedanke, der mir einfiel; ich wußte, daß Sie sein Freund waren.« – »Ich danke Ihnen für das Vertrauen gegen mich. Sein Fanatismus, der ihn zum Verrat selbst an der Freundschaft führte, hat uns getrennt, aber ich wäre ein schlechter Mann, hätte sein Unglück nicht jede Erinnerung an seine Verschuldung getilgt und nur das Andenken an unsere frühere Gemeinschaft zurückgelassen. Ich danke es dem Herrn Vikomte hier aus dem Grunde des Herzens und unsrer braven kleinen Bourdon, daß sie mich in den Stand setzten, den Verwundeten nicht seinem Schicksal in einem entfernten Lazarett überlassen zu müssen, sondern hier unter meiner persönlichen Aufsicht und unter steter Pflege behandeln zu können.« – »Aber seine Krankheit – wir sind noch immer so weit vom Ziel wie je.«

»Es ist wahr, die Folgen der Verwundung sind eigentümlich gewesen. Der dicke griechische Feß scheint zwar den Säbelhieb des Arabers aufgehalten und seine tötende Kraft gebrochen zu haben, und die Wunde selbst ist vollkommen geheilt. Dagegen ist hier die in der Chirurgie hin und wieder, doch selten vorkommende Erscheinung einer peripherischen Paralyse, einer Asphyxie aller äußern Nerventätigkeit, eingetreten. Der Kranke vermag weder zu sprechen, noch sich zu bewegen. Es läßt sich dies nur durch die Verletzung oder Betäubung gewisser Nervenkomplexe erklären, wie beim Schlagfluß. Wir wissen und sehen alle, daß das volle Bewußtsein und Gefühl ihm längst zurückgekehrt ist, der Ausdruck seines Auges zeigt dies, ebenso ist sein Gehör scharf und unverletzt, der Verstand, das Denken, ist bei ihm in voller Tätigkeit – und ich bin überzeugt, daß die aufopfernde Sorgfalt, die Sie ihm gezeigt, selbst eine Umstimmung seiner Gefühle gegen Sie bereits hervorgebracht hat. Nur daß er gegenwärtig außer stande ist, sie auszudrücken.« – »Wenn ich mich recht erinnere, findet sich ein ähnlicher Fall in dem bekannten Roman »Monte Christo« von Dumas,« Erschienen in vorzüglicher Verdeutschung im gleichen Verlage A. Weichert-Berlin als Band 9 der Kollektion »Weltromane« und käuflich in allen Buchhandlungen. sagte der Vikomte, der bisher schweigend der Erörterung zugehört hatte. – »Ganz richtig, nur mit dem Unterschiede, daß dort ein Schlagfluß zum Grunde gelegt wird und wir hier nicht ein Gebilde der Phantasie, sondern wirklich einen jener merkwürdigen Fälle aus dem Nervenleben vor uns haben, wie sie eben nur die Chirurgie zeigt.«

»Aber Sie sprachen selbst die Hoffnung auf eine rasche, volle Umwandlung, auf eine völlige Genesung aus.« – »Und ich hege sie noch. Es gibt, meiner Ansicht nach, zwei Wege, die dazu führen. Der erste ist ungestörte Ruhe, eine Absonderung von den aufreizenden Ereignissen des Tages, welche die Nerventätigkeit wieder stärken und zu den alten Funktionen wieder zurückführen wird; der zweite ist eine analeptische, mächtige Aufregung der Seele, einer verborgenen Leidenschaft, die mit einem Schlage die ganze Lebenskraft wiederherzustellen vermag. Das letzte ist ein Mittel, das keine Kunst, nur der Zufall herbeizuführen imstande – wir können uns daher nur an das erste halten, und deshalb habe ich Ihnen geraten, Ihren – Schwager jetzt, wo seine spezifische Heilung vollendet, mit erster Gelegenheit von hier fort und nach einem ruhigeren Aufenthalt zu schaffen.« –

»Ich habe bereits meinem Agenten in Konstantinopel Auftrag gegeben, uns alle Bequemlichkeiten zu sichern, und werde das nächste Dampfschiff benutzen.« – »Dann bürge ich für die Heilung; – nur an dem Wann? scheitert die Bestimmung der Wissenschaft. Gott helfe dazu und lege Frieden und Versöhnung in Ihrer beiden Herzen!«

Der Vikomte war bei der letzten Wendung des Gesprächs an das Büfett getreten, wo er Nini und Celeste freundlich begrüßte ... »Wir hoffen auf eine gute Mahlzeit, meine Kleine, der Doktor und dieser Herr speisen mit mir.« – Nini salutierte militärisch. »Aufzuwarten, mein Kommandant! Sie wissen, das Beste, was die Kantine vermag, steht zu Ihrem Befehl. Wo wünschen Sie gedeckt zu bekommen?« – »Ei, mein Schelm, bei den andern Offizieren – wo sich Platz findet; wir haben hier keine Aristokratie. Sie haben Ihre schönen Hände mit der Tinte geschwärzt, Madame.« – Celeste rieb kokett die zierlichen Finger. »Mein Unstern ist an dieser fatalen Situation schuld, Herr Vikomte, und dennoch mußte ich das Anerbieten der kleinen Nini, die ich in Paris zufällig kennen gelernt, mit Dank annehmen, da Ihre Lagergesetze so unartig gegen Damen sind. Haben Sie noch keine Gewißheit über Herrn von Sazé?« – »Noch immer keine!« – »Fatal! – aber es ist abscheulich, daß er mich solchen Verlegenheiten aussetzen konnte. Ich wollte, ich wäre in Paris, statt in diesem abscheulichen Wirrwarr!« Sie warf dem Vikomte durch die schmachtend halbgeschlossenen Augenlider einen verführerischen Blick zu, doch die Verlockung prallte an dem gestählten Herzen und dem Unwillen über die selbstsüchtige Gleichgültigkeit gegen das Schicksal seines Freundes ab. »Sie verstehen, sich zu entschädigen, Madame! – Sorgen Sie für den armen Knaben, den Russen, Nini,« sagte er, kurz abbrechend, zu der jungen Wirtin der Kantine; »Ihre Pflegebefohlenen sollen Ihnen nicht lange mehr lästig fallen.« – »Wie, mein Kommandant, sind Sie unzufrieden mit mir?« – »Gewiß nicht, hübsche Nini – aber der griechische Offizier soll nach Konstantinopel gebracht und der junge Russe muß endlich ans Gefangenen-Depot als gesund abgeliefert werden.«

Tränen standen in ihrem bittenden und mitleidigen Auge, das bei den Worten auf der Gestalt ihres blödsinnigen Vetters ruhte. »O, mein Herr – es ist ein halbes Kind – die armen Leute haben es dort gewiß schlimm, es muß so schrecklich sein in einem Gefängnis!« – »Die Pflicht gebietet, mein Kind, und ich setze mich ernster Verantwortung aus,« sagte freundlich, aber bestimmt, der Vikomte, »wenn ich noch länger gegen Ihren hübschen Protegé solche Nachsicht übe. Sie wissen, daß er von Tonton und Ihrem Bruder zum Gefangenen gemacht wurde, nach Vorschrift angemeldet ist, und nur Ihre Bitten und das Wohlwollen, das ich für den Knaben selbst fühle, haben mich bewogen, ihn aus Veranlassung seiner leichten Wunde als krank und in Privatpflege anzugeben. Aber der gestrige Tagesbefehl verordnet aufs strengste die Ablieferung aller Gefangenen ins Haupt-Depot und der Kranken in die Lazarette, und Doktor Welland hat nicht länger zögern können, ihn als gesund zu melden.« – » Fi donc! der abscheuliche Doktor!«

Der Offizier lächelte ... »Ich kann jetzt in Wahrheit nichts mehr tun, da der Bursche selbst die Abgabe seines Ehrenwortes verweigerte. Bringen Sie Ihre Bitte bei Oberst Polkes an – vielleicht übernimmt er die Verantwortung.« – »Brrr! Nein, mein Kommandant,« lachte, sich schüttelnd, das Mädchen – »lieber einer Batterie entgegen! Monsieur le Colonel ist ein wilder Bär, und ich weiß sehr wohl, daß nur Ihrem Schutz das arme Kind die Erlaubnis zu danken hatte.« – »Also, Mademoiselle, die Dienstgeschäfte zwischen uns sind erledigt, und nun zu Tische!« – »Sie sollen sogleich bedient werden, mein Kommandant, denn Sie sind eine Perle aller Stabsoffiziere.« Ein koketter, galanter Knicks, und die hübsche Marketenderin sprang davon – – –

Die Mittagsstunde war herangekommen, und die Soldaten lagerten vor ihren Zelten um die Feldkessel oder waren noch mit der Zubereitung der Menagen beschäftigt. In den Küchengräben loderten lustig ganze Reihen kleiner Feuer, vor den Kantinen und Marketender-Baracken dinierten die Gruppen der Offiziere mit den seltsamsten Tafelarrangements, auf Faßböden, rohen Tischen oder dem Rasen. Überall Heiterkeit, Gelächter, bunte Unterhaltung – keine Spur des grausigen Kampfes, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein dumpfer Donnerschlag hinüber- und herübergedröhnt wäre und ein paar weiße leichte Rauchwolken sich in die lichte, von der Hitze vibrierende Luft emporgekräuselt hätten, die Lage der Trancheebatterien anzeigend. Seit einer Stunde war aber auch, wie seit einiger Zeit regelmäßig mittags von 12-3 Uhr, dieses eherne Frag- und Antwortspiel verstummt.

Quer über die Südbucht sah man eine Anzahl russischer Linienschiffe in zwei Reihen ankern und ihre furchtbaren Breitseiten dem Einschnitt des Kirchhofs zwischen Redan (Bastion III) und dem Malakoff (Kornilewski-Bastion) über die weißen Häuserreihen der Vorstadt zukehren. Das Ganze bot allerdings ein interessantes militärisches Bild, doch nur das Auge eines Genie-Offiziers hätte zu erkennen vermocht, daß einer jener wütenden Kämpfe in wenigen Stunden bevorstand, deren Donner Himmel und Erde erschütterten, die mit Blut und Leichen den Felsenboden der Krim düngten. Einzelne Truppen-Kolonnen, die sich im Schutz der Bergrücken und Schluchten zu sammeln begannen, ein stärkerer Zug der Munitionskarren und Lasttiere nach den Batterien bildeten allein diese Anzeichen für den Kundigen ... Unter einer Korkeiche, deren mageres Schattendach noch durch ausgespannte Leinentücher verstärkt war, saß, um einen niedern, schmalen Tisch von Fichtenbrettern, eine Anzahl französischer Offiziere, meist dem hier lagernden dritten Zuaven-Regiment gehörig, dazwischen die Uniformen verschiedener anderer Korps, auch ein paar zufällige Gäste, darunter zwei Offiziere der sardinischen Bersaglieri ... Die Unterhaltung flog bald heiter, bald ernst über hundert verschiedene Gegenstände und kreuzte sich in Scherzen und Mitteilungen, bis dazwischen die Erzählung eines oder des andern die Aufmerksamkeit für kurze Zeit fesselte. Der seltenste Gegenstand, der berührt wurde, war auffallenderweise das bevorstehende Bombardement. – »Sie trafen gestern in Kamiesch ein?« – »Die Veloce warf vorgestern abend Anker. Wir brachten die Nachrichten, die das Bülletin gestern veröffentlicht hat.« – »Man hört schöne Geschichten von Kertsch, Herr Kamerad von der See! Wenn nur die Hälfte wahr ist, muß es verteufelt locker dort zugegangen sein.« – Der Marineoffizier sah sich vorsichtig um. »Sind Engländer hier am Tisch?« – »Daß ich nicht wüßte! Nein! – wir sind zufällig noch unter uns!« – »Dann, meine Herren, muß ich Ihnen sagen, daß unsere werten Verbündeten, die Engländer und Türken, sich auf das abscheulichste benommen und Dinge in einer unverteidigten Stadt begangen haben, die uns der Schmähung von ganz Europa aussetzen werden.« – » Mordioux! um das zu sagen – warum braucht man da die Anwesenheit der Beefsteaks zu fürchten!« rief ein Offizier. – »Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihre Zeit zu bestimmen, Kapitän Parquez,« sagte der Marine-Leutnant höflich, »so hoffe ich Sie zu überzeugen, daß es der Mannschaft der Veloce in keiner Weise an Mut fehlt.« – »Unsinn! Davon kann keine Rede sein! Kapitän Parquez hat nicht daran gedacht, an dem Rufe der Männer von der Veloce zu zweifeln. Außerdem – Sie sind mein Gast.«

Der gascognische Kapitän murmelte einige Worte ... »Kommandant de Narbonne Lara hat vollkommen meine Meinung ausgedrückt.« – Der See-Offizier verbeugte sich freundlich. – »Auch tat ich die Frage nur, weil ich nicht Unbeteiligte verletzen wollte. Die Art und Weise aber, wie unter den Augen des Admirals Brown und Vize-Admirals Lyon von den englischen Soldaten und Matrosen verfahren wurde, war empörend.« – »Man hörte doch von einem Befehl des britischen Generals Brown,« bemerkte ein Offizier der Chasseurs d'Afrique, »daß jeder Mann, der nach dem Dunkelwerden in der Stadt betroffen würde, gepeitscht werden solle?«

Allgemeines Gelächter. »Der Befehl existiert,« bestätigte ein Leutnant der Veloce, »aber er galt nur in Jenikale und paßt übrigens für englische Soldaten und Matrosen. Unter uns – eine große Verteidigung der Küste und des Zugangs zum Asowschen Meer fand nicht statt; die wenigen Batterien wurden von der Flotte zum Schweigen gebracht und Kertsch ohne Widerstand übergeben.« – »Die Russen sollen über Hals und Kopf sich auf allen Punkten zurückgezogen haben.« – »Das ist ihr System. Die Geschütze wurden unbrauchbar gemacht, die Magazine geleert oder gesprengt. Die ganze Küste glich in der Nacht, nachdem wir bei Ambalaki gelandet, einer Reihe lodernder Vulkane. Dennoch fand die verbündete Armee noch kolossale Vorräte, nicht allein in den Schiffsarsenalen, sondern namentlich an Getreide in den Magazinen.«

»Ei, so liefern uns hoffentlich die Kommissäre bald ein besseres Brot als das hier auf meinem Messer.« – »Täuschen Sie sich nicht, Leutnant Brande,« lachte der Schiffsoffizier. »Bei meinem Abgang hatte die Flotte bereits 248 Schiffe mit Getreide vernichtet, und in Kertsch allein wurden über 2 Millionen Kilogramm verbrannt.« – »Aber doch bloß Vorräte der Regierung?« – »Ich glaube nicht – man hat keinen Unterschied zwischen dem Privateigentum der Kaufleute und den Vorräten der Regierung gemacht. Selbst das große Magazin des österreichischen Konsuls, das geschickt unter der Form einer Villa versteckt war, wurde angezündet. General d'Autemarre schlug zwar vor, die Getreidemassen nach Konstantinopel und unsern Lagern zu schaffen, aber unsern Verbündeten ging es lediglich darum, den Russen möglichst viel materiellen Schaden zuzufügen.

»Sie wollten uns die Zerstörung von Kertsch erzählen, Kamerad,« sagte du Moulin, der Kommandant des zweiten Bataillons. – »Wir rückten am Freitag, den 25. ein, marschierten aber sofort nach Jenikale weiter, indem nur eine kleine Abteilung der Franzosen, dagegen ein Regiment Engländer und der größte Teil der Türken unter Reschid-Pascha zurückblieb. Außerdem war eine Zahl britischer Seesoldaten gelandet und mit dem Auftrag, die Regierungs- und eine Privatfabrik zur Verfertigung von Miniékugeln und Patronen zu zerstören. Viele der wohlhabenderen Bewohner und die Beamten hatten mit der russischen – wie ich hörte, wenig über 200 Mann starken – Besatzung die Stadt verlassen. Die Zurückgebliebenen aber kamen den Truppen an den Toren nach ihrem Landesgebrauch mit Brot und Salz entgegen, und es wurde ihnen Schutz des Lebens und Eigentums zugesagt. – Wie gesagt, unsere Truppen rückten noch an dem Vormittage weiter; kaum aber hatten sie die Stadt verlassen, so begannen die abscheulichsten Szenen der Plünderung. Die Türen der verschlossenen Häuser wurden erbrochen – was nicht fortgeschleppt werden konnte, mutwillig zertrümmert. Mord und Notzucht wüteten in allen Straßen, die Horden der Zigeuner und Tataren machten bald mit den Soldaten und Matrosen gemeinschaftliche Sache und führten sie von Haus zu Haus der russischen Kaufleute und Handwerker, ihnen dort neue Opfer der Habsucht und der Wollust zeigend. Die Bevölkerung unterlag, völlig wehrlos, der viehischen Brutalität, und es wurden Taten verübt, deren sich Karaïben schämen könnten!« – »Und geschah nichts, dem zu steuern?« – »Kapitän Fontain schickte täglich Patrouillen aus, so lange wir auf der Reede ankerten – aber was halfen die wenigen, die nicht einmal das Recht hatten, gegen die Engländer einzuschreiten? Ich selbst schoß einen türkischen Marodeur nieder, der betrunken die Straße daher taumelte, auf seinem blutigen Säbel einen Säugling gespießt. In fast allen Häusern waren Fenster und Türen zertrümmert, die Möbel zerschlagen, die Betten und Matratzen aufgeschlitzt aus bloßer Zerstörungswut. Die Plünderung dauerte noch fort, als wir am 3. zurücksegelten.« – »Ich hörte, daß das berühmte Museum von Kertsch mit den Altertümern klassischer Vorzeit zerstört worden?« fragte Kapitän Stahl. – »Bis auf den letzten Scherben! Man begreift nicht, wie die Wut weniger Menschen in so kurzer Zeit eine solche Verheerung anrichten konnte! Ich fand den Fußboden des Museums fußhoch mit zerbrochenem Glas, Bruchstücken von Statuen, Vasen, Urnen, dem kostbaren Staub alter Erinnerungen, den sie einschlossen, und halbverkohlten Stücken Holz und Knochen bedeckt. Was sich zerbrechen oder verbrennen ließ, davon war kein Stückchen vom Feuer oder Hammer verschont geblieben. Schränke und Regale waren von den Mauern gerissen, das Glas in Atome zerschmettert, die Statuen in Stücke zerklopft; ebenso barbarisch hat man an dem Grabmal des Mithridates gehaust.« – »Und Sie konnten nichts dagegen tun?« – »Als ich hinkam, war das Werk bereits vollendet. Wenige Schildwachen vor alle diese Gebäude gestellt, hätten sie vor der jämmerlichen Zerstörung gerettet.« – »Das ist das Los des Krieges,« murrte Kapitän Mongin. »Wozu uns um das alte Gerümpel ärgern? wir haben wichtigere Dinge in der Nähe. Sie haben also gleichfalls noch keine Order beim Zweiten, Blanchet?« – » Parbleu – nein! – ich glaube, man wird die Garden beschäftigen und uns in den Laufgräben lassen.«

Der alte Kapitän lächelte hämisch ... »Unsere Jungen sollen ihnen einen empfindlichen Streich gespielt haben,« flüsterte er; »es ist gut, daß Polkes seit heute morgen fort ist.« – Sein Nachbar nickte lächelnd ... »Geht heute jemand zu den Briten? Wann beginnt das Rennen?« – »Méricourt wollte hinüber. Ich wette, die Narren jagen den Hund mitten zwischen die Batterien hinein. Man sollte ihnen die Spielereien verbieten.« – »Lassen Sie ihnen immerhin das Vergnügen, Kommandant,« bemerkte lachend der Chasseur-Offizier; »ihre Prahlerei, besser zu reiten als wir, hat ihnen höchstens bei Balaclawa Vorteil gebracht, als die russischen Ulanen sie jagten.« – »Haben Sie Mistreß Duberley reiten sehen?« fragte ein Leutnant. – »Ei, die Méricourt gestern besuchte und zu heute einlud? Der Teufel soll mich holen, eine hübsche Frau, aber doch nicht so interessant und noch lange keine so kühne Reiterin wie die schöne Sardinierin. Wie heißt sie doch, Herr Kamerad?« – »Sie meinen die Gräfin Pisani,« sagte höflich der Bersaglieri; »sie ist eine Ungarin, und ich sah nie eine schönere, festere Hand ein Pferd regieren.« – »Dabei sieht sie sehr blaß und leidend aus. Es ist Torheit, eine Dame den Strapazen dieses Feldzuges auszusetzen.« – »Der General, ihr Gemahl, soll sehr eifersüchtiger Natur sein,« berichtete der Sarde. »Er soll im vorigen Jahre während des Donau-Feldzuges geheiratet haben und ein famoses Vermögen mit ihr.«

»Jedenfalls ist Ihr Oberst besser daran, wenn sie unfreiwillig gefolgt ist,« sagte lachend Leutnant Rouet, »als unser armer Delorny vom Genie, der nach Depuis' Tode hierher kam. Sie haben doch von der pikanten Geschichte mit seiner Heirat gehört?« – »Nein! – Was ist's? – Erzählen Sie.« – »Ei, der Charivari und mehrere andere Journale teilten schon vor einem halben Jahre den Prozeß mit.« – »Pah – wer findet in den Laufgräben den Charivari oder die Gazette des Tribunaux? – Die Engländer sind in dieser Beziehung besser bedient.« – »Ja – in dieser einzigen. Kannte jemand von Ihnen Madame d'Alembert?« – »Bedenken Sie, Rouet, daß wir aus Afrika kommen!« – »Nun ... man ist doch auf Urlaub in Paris? Überdies war Herr d'Alembert ehemals ein wackerer Offizier und Madame die Tochter des Generals Valpré aus der Kaiserzeit. D'Alembert war gelähmt und brachte seine letzten Lebenstage im Spital zu Val de Grace zu, Madame aber wohnte bei der Gattin eines unserer Generale und lernte dort Delorny kennen. Die Dame war 40 Jahre, als ihr Gatte im März des vorigen Jahres starb, und verliebte sich in den jungen Kapitän, der sich die Sache anfangs gefallen ließ, ohne jedoch von Heirat zu sprechen.« – » Caramba! Da hatte er recht!« – »Aber Madame d'Alembert sah die Sache nicht von dieser Seite an. Sie nahm im vorigen Sommer Opium – zweimal sogar – und wollte sterben! Der Arzt erklärte wenigstens, sie werde die Nacht nicht überleben, und Delorny fühlte ein menschliches Rühren in seinem Gewissen und ließ sich mit ihr – wie man sagt – in extremis trauen.« – »Und dann wurde die Dame plötzlich gesund? Cap de Bioux – ich wittere den Braten.« – »Richtig – nur nicht ganz so rasch. Delorny soll sich dann haben bewegen lassen, die Trauung in der Kirche St.-Thomas zu wiederholen, doch heimlich ohne Zeugen und ohne Ausweis der Kirchenbücher. Madame behauptet zwar, sie sei vollzogen trotz ihrer vierzig Jahre – Delorny weigert sich jedoch, ungeachtet der gerichtlichen Klage, irgend einen Schritt zur Legitimation zu tun, hielt sich von ihr entfernt und verschwand endlich. Erst vor vier Wochen erfuhr die zärtliche Gattin, daß er sich zur Orient-Armee hatte versetzen lassen, und machte sich auf, ihm zu folgen. Vorgestern traf sie in Begleitung des Feld-Almoseniers Tenelli und des Obersten Brancion, von Konstantinopel hier ein und überraschte gestern den ungetreuen Flüchtling, der sich nichts weniger träumen ließ als diesen Besuch.« – »Ich kann mir diese Szene denken!« – »Vielleicht doch nicht, wie sie in Wirklichkeit war. Delorny wurde grob, so daß Brancion ihn fordern wollte, die zärtliche Frau aber brachte sich mit einem Dolche, den sie im Kleide verborgen trug, zwei Stiche in der Nähe des Herzens bei.« – »Hol' der Teufel die Tollheit der Weiber!« – »Namentlich der alten, Kapitän! Man hat ihr zwar glücklich die Waffe entrissen, ehe sie sich wirklich töten konnte, was für Delorny wohl das beste gewesen wäre, aber die Geschichte hat das ganze Hauptquartier in Alarm gebracht, und General Pelissier wütet noch ärger gegen allen Frauenbesuch als bisher.«

»Er scheint demnach kein so galanter Verehrer des schönen Geschlechts wie sein Vater,« sagte lachend der deutsche Medizin-Major, der eben mit Méricourt und dem Engländer zum Tisch getreten war und Platz nahm. – »Ah, sieh da, Doktor! Setzen Sie sich hierher! Was wissen Sie denn vom Vater des Generals? Ich denke, die Familie ist ziemlich unbekannt.« – »Der Zufall machte mich mit Umständen vertraut,« erzählte der Arzt, »die vielleicht dem General selbst ganz fremd sind, und er ahnt wahrscheinlich gar nicht einmal die Existenz einer Schwester.« – »In Frankreich?« – »Nein – in meiner Heimat; einige von Ihnen wissen wohl, daß ich aus Berlin bin.« – »Und dort lebt eine Schwester des Generals?« – »Nicht in Berlin selbst – aber doch in der Nähe. Es ist eine sehr achtbare Dame, die Gattin eines angesehenen Kaufmanns, namens Martens in Mittenwalde, einem kleinen Städtchen unfern der preußischen Hauptstadt. Ihre Mutter war eine Mademoiselle Dutertre in Berlin und hatte ein Verhältnis mit dem Kapitän François Pelissier vom 18. Voltigeur-Regiment, der als Adjutant Oudinots 1808 in Berlin sich aufhielt. Die Familie besitzt noch ein Porträt dieses Kapitäns Pelissier, des Vaters der Madame Martens, in der Uniform seines Regiments, und einen Brief an seine Geliebte, in dem er seine Freude über die Geburt der Tochter ausspricht. Später hat jedoch weder Mutter noch Kind je von ihm gehört.« – »So würde dies eine ältere Schwester des Marschalls sein, denn so viel ich weiß, ist er erst 44 Jahre.« – »Er gehört zur jüngern Schule der Afrikaner,« bemerkte der Vikomte. »Pelissier, Bosquet, Changarnier, Lamoricière, Mac-Mahon – sie sind alle aus Bugeauds Schule hervorgegangen. Er wurde frühzeitig nach Algier gesandt, weil er in Paris ein ziemlich wildes Leben führte und Schulden machte.« – »Bah! wer täte das nicht? Man liebt, man trinkt, man spielt! wozu wäre das Leben da?« – »Wissen Sie denn, daß Letour, der berüchtigtste Grec von Paris, sich in Kamiesch eingefunden hat?« – »Der Doktor?« – »Ja, ich sah ihn gestern ... die Lagerpolizei wird ihm hoffentlich beizeiten den Weg weisen.« – »Warum nennt man ihn Doktor?« fragte Welland; »ist er Arzt?« – »Das nicht; er gab der Fakultät bloß eine kleine Lektion; er ist nämlich äußerst schlau der Polizei gegenüber. Er wußte, daß Herr Duport, eine der medizinischen Celebritäten von Paris, sehr reich und gleichzeitig ein leidenschaftlicher Spieler war, aber es gelang ihm weder, den Doktor in ein Spielhaus zu locken, noch in den von Duport besuchten Salons Zutritt zu verschaffen. Er mietete deshalb ein komfortables Logis, legte sich zu Bett und ließ Duport rufen. Der kommt, fühlt den Puls, verordnet einen Trank und verspricht, abends wiederzukommen. Dies erwartet man. In der Tat, als er eintrat, fand er im Zimmer des Kranken einen Tisch, an dem mehrere Herren, wie sie sagten, um ihren Freund zu zerstreuen, spielten. Der Tisch war mit Gold bedeckt. »Es geht mir viel besser, Doktor,« sagte der vorgebliche Kranke und fügte nach einigen Worten über seinen Zustand bei: »Sie haben eine glückliche Physiognomie; möchten Sie wohl die Güte haben, einige Partien für mich zu machen?« – »Gern,« erwiderte der Arzt. Letour gab ihm 10 Louisdors, und der Doktor fing an zu spielen. Er war sehr glücklich, gewann 100 Louisdors, zählte sie dem Kranken hin und meinte, daß er öfter Lust gehabt hätte, halbpart mit ihm zu machen. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« meinte der Gauner. »Wenn Sie morgen einige Augenblicke Zeit haben, so kommen Sie. Ich werde diese Herren einladen, und wir machen eine Partie.« Doktor Duport stellte sich pünktlich ein und associerte sich mit seinem Kranken, der sich ziemlich wohl befand. Zuerst ließ man ihn einige Louis gewinnen, aber bald drehte sich die Chance, und an drei Abenden verlor der Doktor nicht weniger als 25 000 Franken. Zu spät sah er ein, daß er betrogen sei; denn als er das vierte mal wieder kam, um Revanche zu nehmen, war das Nest ausgeflogen.«

»Was kommt dort für eine Kavalkade?« fragte ein Offizier, der zufällig aufgestanden. – »Wo? – dort? – ich glaube, es ist Feverrier – der Bursche muß es eilig haben.« – »Nein! ich meinte da nach der andern Seite – die Staubwolke?«

Der Brigade-Adjutant war herangesprengt ... »Meine Herren, der Oberst läßt Sie wissen, daß der General en chef sogleich mit dem ganzen Stabe hier sein wird. Die Leute sollen aber in ihrer Beschäftigung bleiben – wie ich sehe, also bei der Mahlzeit. Sie wissen, der General liebt es nicht, sich zu genieren, und ist heute ohnehin nicht besonderer Laune.« – »Wieso? was gibt es? Erzählen Sie, Feverrier!« Die Offiziere umdrängten ihn. – »Ei, unter uns, es hat einen verteufelten Sturm gegeben. Der Ober-General war bei Lord Raglan in Kamara und, wie mir General Wimpfen vertraut, ist es zu einer Szene gekommen wegen der Befestigung, die die Engländer bei Kertsch und Pavlowskaja verstärken wollen.« – »Doch wohl, um sich dort festzusetzen? Ein neues Korfu oder Gibraltar am Asowschen Meer?« – »So scheint es! Doch reichen Sie mir einen Becher Wein – meine Kehle ist so trocken wie die Sahara. – General Pelissier,« fuhr er fort, nachdem er getrunken, »hat dem Lord erklärt, er werde d'Autemarre den Auftrag senden, sich mit Gewalt jeder Fortifikation an der Küste zu widersetzen, die einen andern Zweck habe als die Expedition zu sichern. – Wahrhaftig – da sind sie schon, der Teufel traue dem Dicken!«

Der Kreis der Offiziere zog sich zurück, während die Anhöhe herauf der zahlreiche Stab des französischen Ober-Feldherrn, begleitet von mehreren Divisions- und Brigade-Generalen, Ismaël Pascha und dem General La Marmora, kam ... Zwei Araber, in weißen, wehenden Gewändern, ritten dem General Pelissier voran, der auf einem kräftigen Grauschimmel saß. Er war ein starker, fast fetter Mann, was ihm das anhaltende Reiten sehr erschwerte, mit fast weißem, kurz abgeschnittenem Haar. Die Gestalt war nicht groß, das Gesicht von einem gutmütigen Ausdruck, von dem ganz verschieden, den man nach seinen Antezedenzien in Afrika erwarten sollte. Nur um die Nasenwurzel verkündeten einige Falten den harten, festen und eigensinnigen Charakter. Der General trug eine mit Orden geschmückte Uniform und darüber, trotz der Hitze, einen weißen Mantel, ähnlich denen der arabischen Häuptlinge. Er unterhielt sich lebhaft mit dem General La Marmora, dessen Bruder, General Alessandro La Marmora, bereits an der Cholera erkrankt war, und seinem Liebling Rivet, der in der Nacht zum 14. April und 2. November die Logements vor der Redoute Schwarz genommen hatte.

»Guten Tag, meine Herren,« sagte Pelissier. »Wir müssen Sie hier kurze Zeit stören, weil man von Ihrer Höhe eine Aussicht hat, die ich brauche ... Das Glas, Selim!« – Der arabische Leibdiener überreichte dem Feldherrn das Perspektiv ... »Kommen Sie her, Bosquet,« fuhr der Kommandant fort, »wir werden uns hier leichter verständigen. Wenn Sie Bergé mit seiner Brigade die Parallele bis zu den Steinbrüchen, auf der Flanke der Engländer, besetzen lassen, kann Wimpfen im Dokowaja-Grund sich aufstellen, von Brunet unterstützt. Hoffentlich aber wird es der Reserven nicht bedürfen. Am besten ists, Sie lassen den Mamelon von drei Seiten her angreifen; so teilt sich das Feuer. Wenn Oberst Shirley mit den Briten seine Schuldigkeit tut, wird er den Kirchhof zu dieser Zeit besetzt haben und die Kanonen des Malakoff zur Genüge beschäftigen.«

General Bosquet verbeugte sich schweigend, – er und Pelissier waren keine besonderen Freunde und häufige Rivalen ... »Ich glaube, Camou wird hier ein leichteres Spiel haben als Mayran und Dulac vor den Redouten,« fuhr der General fort. »Dennoch wird die Wegnahme des Mamelon für uns von großer Bedeutung sein. Der Teufel soll das Nest holen, dessen Bau man gar nicht so weit hätte gedeihen lassen sollen!« – »Ich danke Euer Exzellenz für die Ehre, die Sie uns mit dem Befehl erzeigt haben,« sagte General Camou. – »Eigentlich wären freilich die Garden an der Reihe gewesen,« meinte der Feldherr, »und Pontèves wird mirs gewaltig übel nehmen. Indes ist er der jüngste von uns und hat Zeit.«

Unter lebhaften Zurufen galoppierte er mit der ganzen Suite davon, war aber noch nicht in der Schlucht verschwunden, als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager jener Männer begann, die Narren und Kinder in ihrem Müßiggang, Löwen und Helden im Gefecht sind! Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampfe lief wie ein Blitz durch die Zeltreihen der ganzen Brigade und schien, trotz der brennenden Mittagshitze, alles zu elektrisieren. Selbst die Offiziere waren von dem allgemeinen Taumel angesteckt. Überall waren Kreise und Gruppen in lebhafter Demonstration, und die Ruhe wurde erst einigermaßen wiederhergestellt, als die Musiker, in einem Erdloch postiert, den Zuavenmarsch begannen.

Während dieser Szenen hatten mehrere andere Auftritte gespielt, die für die einzelnen Personen unserer Erzählung nicht minder wichtig und fesselnd waren ... Michael Lasaroff, der gefangene Unterfähnrich, war bei dem Erscheinen der Kavalkade des Ober-Kommandanten – neugierig, wie es die Jugend ist – an ein offenes Fenster der Kantine getreten, die Feldherren zu sehen, während Nini, mit der Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt, neben ihm stand und ihm die Namen der Generale nannte. Plötzlich fuhr der Jüngling zurück – sein Blick war auf eine ihm wohlbekannte Gestalt gefallen, einen alten Mann in Zivilkleidung, die aber den früheren Krieger nicht zu verbergen vermocht hätte, auch wenn das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht, von denen die eine sich am Schädel verlief, darüber im Zweifel gelassen hätten ... Der Greis ritt in der Suite des Generals en chef. Sein Auge musterte traurig und ernst die bunten Kriegergruppen. Eine kurze Wendung weiter – und es hätte gefunden, was es so sehnsüchtig suchte ... Der junge Unterfähnrich war lebhaft bewegt – Blässe und fliegende Röte wechselten auf dem von dem Wundlager noch angegriffenen Gesicht. Dann schien er seinen Entschluß gefaßt zu haben und zog sich hastig, wie vor einer Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschützerin Nini, in die ihm angewiesene Abteilung der Kantine zurück.

*

Die kurze Unterredung, die der zum Arrest befohlene Grenadier-Offizier mit Madame Celeste gepflogen, hatte doch genügt, dem Schicksal der Eitlen und Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben. Die Anwesenheit von Frauen im Lager ohne bestimmten, militärischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von beiden Oberfeldherren untersagt, das Verbot wurde aber vielfach und unter allerlei Vorwänden umgangen. In dieser Weise war auch Madame Bibesco von ihrem Entführer, dem Kapitän de Sazé, während des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden und hatte dort die Leiden und die Not der Armee weniger empfunden. Erst als ihr Beschützer und zeitweiliger Geliebter gefallen oder wenigstens verschwunden war und sie dadurch in allerlei Verlegenheit geriet, hatte sie den Vikomte de Méricourt, als den ihr bekannten Freund desselben, aufgesucht und dabei Nini Bourdon in ihrer neuen Lage wiedergetroffen. So peinlich und unangenehm in vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit ihrer früheren Freundin und deren Gefährten sein mochte, hatte die Klugheit ihr doch geboten, das gutherzige Anerbieten derselben, eine Stelle als Büfettmamsell in der Kantine, anzunehmen. Seit einer Woche bekleidete sie dieselbe und fand dabei reichlich Zerstreuung und Gelegenheit, mit den Offizieren zu kokettieren und ihre Netze auszuwerfen. Dennoch blieb ihr vornehmlich, wegen ihres späteren Zusammentreffens mit der Fürstin Oczakoff, das Verhältnis zu Nini Bourdon und deren Umgebung höchst unbehaglich, und sie ergriff daher die erste, sichere Gelegenheit, sich ihm zu entziehen.

Während der Unterhaltung, die sie mit dem Grafen Bretanne führte, und während der draußen vorgehenden lebhaften Szenen war daher auch der Eintritt eines englischen Offiziers wenig beachtet worden, der unfern des Einganges Platz nahm und Kaffee bestellte. Er trug die Interimsuniform eines englischen Linien-Regiments mit allen Nebenerfordernissen der feinsten Toilette. Ein rötlicher Schnurr- und Backenbart rahmte sein offenbar noch sehr jugendliches Gesicht, und eine blaue Brille bedeckte die Augen. Dennoch schien dies Gesicht einen eigentümlichen Eindruck hervorzubringen, denn Nini, bei der der britische Offizier im Vorübergehen Kaffee bestellt hatte, betrachtete ihn mit halberstaunter Miene und ging, ihn neugierig anschauend, zweimal an ihm vorüber ... Der schwachsinnige Jean brachte, da alle Bedienung sich außerhalb der Kantine befand, das Getränk und setzte es in seinem träumerischen Wesen achtlos vor dem fremden Offizier nieder.

Nicht so spurlos ging die einfache Begegnung bei diesem vorüber. Der Anblick des armen blödsinnigen Burschen durchzuckte ihn gleich einem elektrischen Schlage; er machte unwillkürlich eine Bewegung, aufzuspringen; die Arme erhoben sich – doch ebenso schnell schien er seiner Bewegung Meister zu werden und jenes Zeichen der Aufregung zu unterdrücken, außer daß seine Blicke von diesem Moment an unverändert allen Bewegungen des Schwachsinnigen folgten, der das empfangene Geld zum Büfett trug und den Rest dem Offizier zurückbrachte. Dieser berührte hastig dabei die Hand des armen Burschen – es schien, als ob er sie drückte. Wer in diesem Augenblick ihn näher betrachtet hätte, würde bemerkt haben, daß zwei große schwere Tropfen unter den blauen Gläsern der Brille langsam hervor und über seine Wangen flossen.

General Pelissier hatte bereits den Platz verlassen, und verschiedene Gruppen der Offiziere und Soldaten hatten, während der Lärm und Jubel draußen tobte, sich um das Büfett oder in der Kantine selbst versammelt, ohne daß sich auf den Engländer besondere Aufmerksamkeit gelenkt hätte: britische Uniformen gehörten nicht zu den Seltenheiten im Lager; zudem hielt sich der Offizier abseits und verbarg, den Kopf in die Hand gestützt, einen Teil seines Gesichts. Zwei Männer nur hatten ihm, ohne daß er dies bemerkte, eine schärfere Beobachtung gewidmet: Korporal Bourdon und sein grämlicher Sergeant-Major, Papa Fabrice ... »Seht Euch doch bloß mal diesen Engländer an, von dem uns Nini gesprochen, und sagt mir, ob er nicht dem Jean ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern – ich will mal bloß eine frische Flasche holen.« – » Peste!« murmelte der Sergeant-Major, als der Korporal wieder zurück war – von dem Platz, den sie gewählt, konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten – »es ist wirklich wunderbar, wie ähnlich er dem blödsinnigen Jungen schaut. – Erinnerst du dich noch des Russen, der bei Inkerman mit seiner Pistolenkugel mir die Wange schlitzte? – Es ist, als ob der Teufel das verhenkerte Gesicht in alle Nationen der Welt hineingehext hätte!« – » Morbleu – du hast recht, Papa Fabrice, mich daran zu erinnern! ob der Bursche am Ende gar ein falscher Engländer ist? ... Ich will mich doch gleich überzeugen!« – Er erhob sich, nachdem er die Flasche geleert hatte, und schlenderte bei dem Tisch des Briten vorüber, wo er wie zufällig stehen blieb. – »Wollen Sie nicht heute abend unser Theater mit Ihrer Gegenwart beehren, mein Offizier?« fragte er auf englisch. »Es wird ein prächtiges Stück aufgeführt, die Prinzeß Mulaschpulaschkin tritt auf – und ich werde für einen guten Platz sorgen.«

Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen, antwortete aber sogleich: »Später, mein Tapferer! Im Augenblick bedarf ich einer kleinen Erholung, denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher.« – »Ach, Sie kommen gewiß, das Bombardement mitanzuschauen. Man wird es prächtig von hier sehen, das französische und britische in einem Überblick.« – »Und wann soll es beginnen, mein Freund?« fragte der Engländer aufmerksam geworden, mit einiger Unruhe – »Ah, General Pelissier ist von noblem Charakter. Er wird uns nicht in unserm Vergnügen stören. Unsere Landsleute am weißen Berge müssen ja auch zuvor ihre Steeple-chase abhalten, wie sie ihre Hundejagd nennen. Ich denke so gegen fünf Uhr, Sir. Aber das wird gar nichts sein gegen unsern Sturm morgen. Sie wissen doch, daß das dritte Zuaven-Regiment die enfants perdus bilden wird?« – »In der Tat – ich wußte es nicht!« – »O, dann müssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hier bleiben und den Spaß ansehen, wenn der Dienst Sie nicht bindet. Auf Wiedersehen, mein Offizier – ich höre meine Kameraden mich rufen, aber ich komme, es Ihnen zu sagen, wenn der zweite Akt beginnt!«

Er entfernte sich nach dem Ausgang der Kantine, wo Fabrice sich mit der Marketenderin Nini unterhielt, während daneben das Publikum eben einem Couplet der Fürstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall klatschte ... »Wir haben uns getäuscht, Papa Fabrice, der Herr ist ein veritabler Engländer, der aus reinem Zufall dem armen Jean so ähnlich sieht.«

Eben trat der Vikomte, der Arzt und der Baronet zu der Gruppe. –

*

Der schwachsinnige Bursche, der von den Tischen der Kantine Gerät fortgeräumt hatte, schlich wieder zurück nach dem hintern, für die beiden Kranken und Gefangenen bestimmten Raum, wo er den größten Teil seiner Zeit zubrachte. Er war kaum durch die Tür verschwunden, so erhob sich der britische Offizier, nachdem er einen raschen Blick in der Kantine umher geworfen und sich unbemerkt gesehen hatte, und folgte dem Blödsinnigen. Er legte die Hand auf den Drücker der Tür und horchte einen Augenblick – im nächsten schloß sie sich hinter ihm.

*

In dem halb von Segeltuch, halb von Holzwerk gebildeten Seitenbau der Kantine lag auf einem Feldbett, den Kopf in eine Binde gehüllt und von einem hohen Kissen gestützt, regungslos die abgezehrte Gestalt von Gregor Caraiskakis. An seinem Bett saß stumm, die dunklen Augen fast bewegungslos auf sein Gesicht geheftet, Abdallah ben Zarugah, der Emir aus der Hedjas, und am untern Ende der stumpfsinnige Schützling Ninis. Auf der andern Seite des Gemaches stand Michael Lasaroff, seinem kranken Leidensgefährten von dem Besuch des Generals Pelissier und was er von dem Bombardement und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke erlauscht, erzählend.

Weder die Anwesenheit Jeans, der sich mit sichtlicher Vorliebe an den jungen Unterfähnrich angeschlossen und aufmerksam den russischen Liedern lauschte, die dieser manchmal zum Zeitvertreib sang – noch die des Arabers schien den Erzähler zu stören. An beide war man gewöhnt, denn der Emir erschien, wie bereits in dem Gespräch der Zuaven erwähnt worden, fast täglich in der Kantine, um nach seinem Gefangenen zu sehen, dessen Genesung er sehnsüchtig zu erwarten schien, obschon die stolze Würde seines Volkes ihm Ruhe und Geduld gab. So pflegte er, wenn der Dienst ihn nicht abhielt, ein paar Stunden neben dem Kranken zuzubringen, die Augen auf sein Gesicht geheftet ... Auch dieser selbst schien sich an den Besuch gewöhnt zu haben, dessen Ursache gleichwohl jedermann ein Rätsel war. Doktor Welland hatte an diesem Nachmittage dem Krieger der Wüste mitgeteilt, daß der kranke Grieche nach Konstantinopel, behufs seiner bessern Heilung, geschafft werden solle, und der Araber saß seitdem in ernstem Nachsinnen über die gewöhnliche Zeit seines Besuchs hinaus ...

Zwei Augenpaare waren aufmerksam auf die erzählenden Lippen des jungen Russen geheftet, gleich als wollten sie jedes Wort verschlingen. Wir wissen, daß die einzige Lebenstätigkeit in dem fast völliger Apathie unterlegenen Körper des griechischen Kapitäns in den Augen lag, durch die sich das volle Seelenbewußtsein aussprach. Diese Augen drückten jetzt deutlich die Teilnahme des vielgeprüften Mannes, des treuen Bundesgenossen der Russen, an der Gefahr aus, die der Festung drohte, und den Schmerz, hilflos hier liegen zu müssen ... Im seltsamen Gegensatze hierzu schien die innere, geistige Tätigkeit des zweiten Zuhörers gleich Null, während er körperlich im vollen Besitz aller Lebenstätigkeit war. Nur der Klang der russischen Worte, in denen der Fähnrich erzählte, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen und sein Ohr wohltätig zu berühren ... »Und wir müssen hier gefangen sein,« schloß Michael Lasaroff seine Rede; »wir können ihnen keine Nachricht geben von der drohenden Gefahr. Die Lünette ist das Vorwerk unseres Bollwerks, – das erkennen und wissen diese Fremden gut genug und daß, wenn der Malachoff fällt, Sebastopol verloren ist! O, möchte immer an seinen Wällen ihr Stolz und ihr Übermut sich brechen!« – Eine klare, feste Stimme gab die Antwort auf den Wunsch des tapfern Knaben! – » Dai Bosche!«

Erstaunt schaute der Fähnrich nach dem Eingange. Dort stand der britische Offizier, die Hand zum Himmel gehoben. Die Linke hatte die Mütze und die entstellende blaue Brille entfernt – seine Augen waren fest und innig auf den Irren geheftet, während er nochmals die Worte wiederholte: » Dai Bosche!« – War es der Klang dieser Stimme – waren es die zwei Worte selbst, mit denen der Russe häufig auf ein Gebet oder einen Segensspruch antwortet – sie wirkten wie ein elektrischer Strom auf die Seele des Irren, wie eine plötzliche Erinnerung aus der Kindheit und Jugend, wie ein Strahl von Licht auf die Nerven seines Denkvermögens. Er war emporgesprungen, hatte die Hände an die Schläfe gepreßt, während die großen braunen Augen weit geöffnet auf der fremden Erscheinung hafteten, die mit magischer Gewalt ihn anzuziehen schien. Dann Schritt vor Schritt, sie unverrückt anstarrend, schwankte er auf sie zu.

Ebenso fest hielt der britische Offizier seine Augen auf ihn geheftet, aus denen Trauer und Zärtlichkeit sprachen. Langsam senkte sich sein Arm, und seine Hand streckte sich nach dem armen Schützling Ninis aus – seine Lippen öffneten sich wie zu einem Wort, einem Ruf, den wogende, kämpfende Gefühle in seiner Brust noch erstickten ... Aber noch ehe er die Lippen überschritten, hatte sich die Szene verändert ... Mit Staunen hatten die stummen Zuschauer das seltsame Naturspiel betrachtet, das die beiden einander so fremden Wesen boten. Wie so dicht aufeinander zugetreten, war die Ähnlichkeit zwischen ihnen deutlich, ja wahrhaft erschreckend. Das blasse, krankhafte Antlitz des Irren trug unverkennbar die Züge des schönen, kräftigen Gesichts des schönen jungen Offiziers – Augen, Nase und Mund boten dieselben Formen. Die merkwürdige Ähnlichkeit, dies Spiegelbild schien ebenso auffallend auf den Irren zu wirken und den Eindruck der Stimme und der Worte des Fremden fortzusetzen. Er kämpfte und rang offenbar in seinem Geiste, gleich als wolle er eine schwere Last von sich schütteln. Seine Hände wühlten krampfhaft in dem lockigen Haare, und in dem Spiegel der Augen schien Erinnerung zu dämmern.

Der Gang der Ereignisse verhinderte die Katastrophe. Der Auftritt hatte noch andere Zeugen gehabt, auf die der Anblick des nicht mehr durch die Brille entstellten Gesichts des Offiziers seine Wirkung geübt hatte ... Die Hand Michael Lasaroffs zeigte nach der Tür; seine Miene schien verwirrt nach der Bedeutung der seltsamen Szene zu fragen ... Eine andere faßte zugleich des Briten Arm ... »Keine Bewegung, Fürst – um des Himmels willen schauen Sie nicht zurück, oder Sie sind verloren,« flüsterte eine Stimme an seinem Ohr. »Geschwind die Brille vor die Augen!«

Neben dem englischen Offizier stand der Vikomte de Méricourt, gefolgt von dem Arzt und dem Baronet, und durch die geöffnete Tür schauten der Sergeant-Major und das Geschwisterpaar Bourdon ... »Willkommen, Leutnant Talbot!« fuhr der Vikomte mit Geistesgegenwart laut fort; freut mich, Sie hier zu treffen – die Ähnlichkeit des armen Burschen da mit Ihnen hat gewiß auch Ihr Interesse erregt!« Er war zwischen den Offizier und die Tür getreten, sein Auge traf zugleich bittend und verständigend den Arzt, und dieser trat zu Nini und ihrem Bruder, ihnen erzählend, daß der Fremde ein ihnen längstbekannter Offizier sei ... Fabrice und der Korporal zogen sich sogleich respektvoll zurück ... Der Leutnant-Kolonel atmete tief auf, als er die nächste Gefahr so glücklich beseitigt sah ... »Welche törichte Verwegenheit führte Sie hierher, Fürst?! General Pelissier läßt ohne Ansehen jeden als Spion erschießen, der in Ihrer Lage betroffen wird. Sprechen Sie – was kann ich – was können wir alle tun, Sie zu retten? denn wir alle danken Ihrer edlen Schwester Leben und Freiheit.«

Fürst Iwan Oczakoff, denn dieser war allerdings der verkleidete Russe, nahm, ohne ein Wort zu entgegnen, ein versiegeltes Briefpaket aus der Brusttasche und reichte es dem Vikomte ... »Für mich?« – Der Fürst nickte bejahend ... Méricourt riß die Emballage auf; ein Dokument, mit dem Siegel des Gouverneurs von Sebastopol bescheinigt, und ein an ihn adressierter Brief waren darin ... »Von de Sazé – demnach ist er gefangen in Sebastopol?« – Das Auge des Fürsten wies traurig nach dem Briefe, den der Vikomte rasch überflog. »Der Unglückliche – so hat er geendet?« – Der Fürst entfaltete eines der Papiere – es war der amtlich beglaubigte Totenschein ... »O, mein Gott – in seiner Blüte, als ihm das Glück lächelte!« Der Kolonel preßte traurig die Hand an seine Stirn. »Sein Vermächtnis, sein Wille soll mir heilig und all meine Tätigkeit dem Recht seiner Gattin geweiht sein. Aber er starb in Ihrem Hause, Fürst, gepflegt in seiner letzten Stunde von Ihrer hochherzigen Schwester, die ich mit Entsetzen jetzt in tausend Gefahren jener Stadt sehe! Das muß uns ein neuer Sporn sein, Sie zu retten – welcher Grund Sie auch immer zu diesem verwegenen Schritt bewogen hat! Kommen Sie her, Doktor – Sir Edward, ich beschwöre Sie, helfen Sie uns ein Mittel ersinnen, diesen Unbesonnenen einem schmählichen Tode zu entziehn und glücklich über die Linien hinaus zu bringen.« – »Von welcher Seite gelangten Sie in das Lager, Fürst?« fragte der Arzt.

Iwan Oczakoff deutete ruhig nach Osten. Es war offenbar, daß er nicht Rede stehen wollte ... »Es ist unmöglich, ihn dort wieder hinauszuschaffen,« erklärte der Kolonel. »Die Wachen sind, seit der Sturm beschlossen, verstärkt; niemand darf unter irgend einem Vorwande die Linien verlassen; ich selbst kenne das Paßwort noch nicht.« – »So müssen wir versuchen, ihn auf der Seite der Engländer entfliehen zu lassen – die Aufsicht ist dort fahrlässig.« – »Denken Sie an das Rennen,« mischte der Baronet zum erstenmal sich ein. »Die Gelegenheit ist unbedingt günstig – die Tollköpfe setzen oft bis in die russischen Linien hinein, und wenn der junge Mann Mut, Geistesgegenwart und ein gutes Pferd hat – ist seine Rettung leicht. Ich selbst will ihn so weit als möglich begleiten. Meine Nähe wird ihn vor jedem Verdacht sicher stellen.« – »Der Gedanke ist vortrefflich,« sagte überlegend der Arzt, »und muß aufs schnellste ausgeführt werden, denn« – er sah nach der Uhr – »es fehlt nur noch eine halbe Stunde zur Rennzeit ... aber wo nehmen wir ein Pferd her?« – »Das meine ist gesattelt,« fiel hastig der Vikomte ein; »erinnern Sie sich, daß ich Sir Edward begleiten wollte!«

Der besonnene Arzt schüttelte den Kopf ... »Das geht nicht,« sagte er, »Ihr Pferd trägt das französische Sattelzeug und ist überdies ein schwerer Normanne, der hinter den flüchtigen Rennpferden der englischen Offiziere zurückbleiben würde. Wir müssen ein Pferd haben, das ihm die Chancen des Entkommens sichert. Außerdem bestehe ich darauf, Vikomte, daß Sie als Offizier ganz aus dem Spiel der Hilfeleistung bleiben.« Eine leichte Hand berührte leise seinen Arm – es war Abdallah, der Araber, der, obgleich er nur einige Worte Französisch verstand, doch mit der scharfen Beobachtung seines Volkes der Unterredung gefolgt war ... »Mein Freund, der die Heilkräfte der Kräuter und Metalle so gut kennt,« fragte er sanft in türkischer Sprache, »braucht ein Roß?« – »So ist es, Emir! ein Pferd, schnell wie das deine!« – »So nimm Eidunih, meine geliebte Stute, den Schatz der Zarugah! Ich gebe sie dir unter einer Bedingung.« – »Welche? sprich!« – »Laß mich diesen Mann begleiten, wenn sie ihn, wie ich hörte, nach Stambul bringen wollen.« – »Was hast du mit ihm, edler Emir? Er ist dein Gefangener, aber bedenke, er ist ein Unglücklicher, den Gott getroffen.« – »Der Mann hat Abdallah ben Zarugah nie ein Leid zugefügt – er kennt ihn nicht! Aber Abdallah muß das Erwachen seiner Lippen belauschen, um ihn zu fragen, wo der ist, dessen Züge er trägt und dessen Bruder er sein muß! Ich habe gesonnen und gesonnen, bis der Prophet Licht in meine Seele gesandt und mir zugeflüstert hat, daß der Moskow, den ich fing an den Ufern der Katscha und den die blutige Rose von Skadar von mir forderte, der griechische Verräter ist, den sie liebte. Er, der das gleiche Gesicht trägt, soll mir Kunde geben, wohin Fatinitza, die Rächerin, verschwunden ist, ob sie meiner Hilfe bedarf oder ob sie treulos geworden am Glauben ihrer Väter um eines Feigen willen.« – »Ich wiederhole dir, ich verstehe dich nicht – doch ich nehme dein Anerbieten an, und du sollst diesen Kranken begleiten, wenn du das Heer verlassen darfst und mir schwörst, diesem Manne kein Leides zu tun.«

Der junge Emir legte die Hand auf sein Haupt. – »Ich gelobe es dir, weiser Hekim-Baschi ... Abdallah ist ein freier Mann und kann gehen und kommen, wann und wie er es für gut findet ... Wohin soll ich die Stute dir führen?« – »Bringe sie hinter das Lager dort rechts und harre unser an den beiden Cypressen. Sei rasch, Emir Abdallah! ich bitte dich, – und wenn es angeht, entstelle das Äußere deiner Stute, damit man sie nicht erkenne.« – Der Araber nahm seine Gewänder zusammen, warf noch einen Blick auf seinen Gefangenen und verließ das Gemach. Doktor Welland teilte eilig den Freunden das Anerbieten mit, und sie beide kannten genugsam die edlen Eigenschaften des Pferdes, um zu wissen, daß es die Flucht des Russen sichern würde. – »Sie, Vikomte, müssen hier bleiben,« fuhr der Arzt fort, »und die scharfen Augen derer abwenden, denen bereits die unheilvolle Ähnlichkeit aufgefallen ist. Der Baronet und ich werden unsern jungen Freund oder Feind begleiten, und Gott und seiner Geistesgegenwart muß das Weitere überlassen bleiben.« – »Einen Augenblick noch,« sagte der Colonel. »Ich kann es mit Ehre und Gewissen vereinbaren, Fürst, Sie von einem schmählichen und unedlen Tode zu retten; aber ich darf nicht ganz meine Pflicht als Soldat und Franzose vergessen. Was auch der Grund war, der Sie hierher geführt – dieser Brief oder ein unbesonnener Diensteifer – Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, nichts von den militärischen Vorbereitungen zu verraten, welche die Festung bedrohen, und von denen Sie vielleicht Kenntnis genommen haben. Sie werden als Soldat und Edelmann meine Forderung würdigen.«

Iwan Oczakoff legte beteuernd die Hand auf die Brust; es war seltsam, daß er selbst in diesem Augenblick zu sprechen vermied. Aber sein Auge traf zugleich mit bedeutungsvollem Ausdruck auf das des jungen Unterfähnrichs ... »So bin ich zufrieden. Gott schütze Sie und sagen Sie der Fürstin, Ihrer Schwester, daß es eine kleine Zahlung auf unsere große Schuld an sie sei.«

Fürst Iwan lächelte, indem er zwei Finger in die Höhe hob, als wolle er andeuten, daß der Franzose ihn zweimal gerettet. Dann machte er sich bereit, dem Arzt und dem Baronet zu folgen. Aber es schien ihm, trotz der Gefahr, in der er schwebte, nicht leicht zu werden; er war auffallend bewegt, und seine Augen ruhten mit ängstlichem, zärtlichem Ausdruck auf dem Irren, der sich scheu in einen Winkel zurückgezogen hatte, das Gesicht mit den Händen bedeckt hielt und gleichfalls lebhaft erregt und von einem Kampf in seinem Innern gequält schien.

Der Arzt betrachtete erstaunt und nachdenklich diese kurze Szene ... »Eilen wir!« sagte der Baronet, an dessen Melancholie dies Zwischenspiel bedeutungslos vorübergegangen war ... Iwan Oczakoff faßte sich mit einer raschen Anstrengung, indem sein Auge dabei den fragenden Blicken des Arztes begegnete. Mit raschem, elastischem Schritt trat er auf den Irren zu, schlug mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz über ihn und küßte ihn nach russischer Sitte auf die Stirn. Dann wandte er sich schnell ab und verließ mit seinen beiden Begleitern das Gefangenen- und Krankengemach.

In der Kantine geleitete sie der Arzt durch einen hintern Ausgang ins Freie, während das brüllende Gelächter des Publikums über die tollen Späße der Fürstin Mulaschpulaschkin dicht neben ihnen erscholl. Indes Sir Edward sein Pferd von einer nahen Baracke holte, geleitete der Arzt seinen jungen Schützling rasch weiter. Er gedachte des ähnlichen Auftritts in Widdin, und wie seltsam das Schicksal spielte, daß es ihn hier zum zweitenmal als Retter des Feindes auftreten ließ. Er konnte sich nicht enthalten, den Fürsten zu fragen, ob er den Stabskapitän Meyendorf kenne und ob dieser sich in Sebastopol befinde ... Fürst Iwan nickte bejahend ... »Dann,« sagte der Arzt, »bitte ich Sie, ihm den Namen eines Freundes, den meinen – Doktor Welland – zu nennen und ihm zu sagen, daß Graf Pisani mit seiner edlen Gemahlin sich in der sardinischen Armee auf den Höhen der Tschernaja befindet.«

Sie waren nur wenige Schritte noch von der Cypressengruppe entfernt, in deren Schatten Emir Abdallah bereits die Stute Eidunih – das Roß des Windes – bereit hielt, als der Russe stehen blieb und plötzlich sein Schweigen brach ... »Doktor Welland,« sagte er feierlich und aufgeregt, »ich weiß von einer, deren Leben und Denken Ihnen gehört, daß Sie das Herz eines Ehrenmannes haben. Wollen Sie dem Dienst, den Sie mir in diesem Augenblick erweisen, noch einen wichtigeren, heiligeren hinzufügen, der mich Ihnen ewig verpflichten wird?« – »Sprechen Sie, Fürst!« – »Geloben Sie mir zuerst auf Ihre Ehre, was ich Ihnen vertraue, in Ihrer Brust zu bewahren, bis meine Lippe oder der Tod es löst?« – »Auf meine Ehre!« – »So beschwöre ich Sie, all Ihre Kunst und Ihr menschenfreundliches Herz dem armen Irren zuzuwenden, den ich in jenem Gezelt verlassen mußte; ich binde ihn auf Ihre Seele, denn – –« der junge Fürst trat dicht an ihn heran und flüsterte ein paar Worte, infolge deren der Arzt erschrocken und staunend zurücktrat. Im nächsten Augenblick schon war Iwan Oczakoff bei dem Araber und im Sattel. Zugleich galoppierte Sir Edward herbei. Einen flüchtigen Gruß noch – ein Druck des Fingers, zum Schweigen mahnend, auf die Lippen ... dann flogen beide Reiter dahin nach dem Labordonaja-Grund und der englischen Stellung.

*

Die britischen Offiziere hatten zu ihrer Unterhaltung eine eigentümliche Art des Wettrennens erfunden, die Jagd auf die wilden Hunde, die sich in der Nähe der Lager und der Schlachtfelder mit ihren fliegenden Genossen, den Geiern, sehr zahlreich aufhielten. Die Tiere bildeten die Mitte zwischen Wolf und Schakal und zeigten sich gewöhnlich ziemlich furchtlos und schlau, indem sie – gleich als wüßten sie, wo sie Schutz vor ihren Verfolgern finden könnten, – wenn es irgend anging, den Weg nach den russischen Festungswerken nahmen. Die Hetze wurde sowohl dadurch, als durch das wechselnde, unbekannte Terrain ein sehr gefährliches Spiel, bei dem Unglücksfälle nicht selten waren. Die schon mehrere Tage vorher infolge einer Wette für diesen Nachmittag angekündigte Jagd hatte eine bedeutende Anzahl von Offizieren und Gentlemen aus dem Administrations-Personal auf dem Plateau des weißen Berges, diesseits der Trancheen und Batterien, zwischen den Zugängen des Labordonaja- und Savandanakina-Grundes versammelt. Man hatte sich genötigt gesehen, trotz der Hitze die Jagd auf eine frühe Nachmittagsstunde anzusetzen, da das angekündigte Bombardement sie später unmöglich machte und der Wortlaut der Wette das Niederhetzen einer bestimmten Anzahl von Hunden in bestimmten Tagen, deren Datum am Abend ablief, erforderte.

Der Kreis der militärischen Sportsmen und Jäger war jetzt ziemlich gut beritten, denn viele Offiziere hatten im Laufe des Frühjahrs von England sich treffliche Pferde nachkommen lassen, zum Teil auch unter den türkischen gute Einkäufe gemacht. Es befanden sich jedoch nur wenige französische Kavallerie-Offiziere in der Gesellschaft, da im ganzen bei diesen Wettrennen die Franzosen sich als weit schlechtere Reiter bewiesen hatten und ihren Verbündeten nicht gern diesen Triumph über sich einräumten.

Als der Baronet und sein Schützling auf dem Platz des Rendezvous ankamen, fanden sie die ganze Reitergruppe bereits in langsamer Bewegung, den Gegenstand der Verfolgung aufzusuchen. Dies war ein sehr günstiger Umstand, der jede Aufmerksamkeit von ihnen ablenkte, und sie schlossen sich unbemerkt der Kavalkade an ... Die Jäger trugen, am rechten Handgelenk herabhängend, eine schwere Hetzpeitsche von Riemen aus Büffelleder, in deren drei Spitzen Büchsenkugeln eingeflochten waren, und es galt, mit dem Schlag der Peitsche das Tier, sobald es erreicht worden, zu Boden zu strecken ... Unter den vordersten Reitern des Zuges konnte man eine Dame bemerken, die, fest im Sattel, mit großer Sicherheit ihr schönes braunes Roß leitete und mit ihren Nachbarn sprach ... »Das einfältige Bombardement,« bemerkte sie eben, »wird uns am Ende ganz die Jagd verderben. Die Munitionskarren, die unaufhörlich in Bewegung sind, und die Herren vom Genie haben alle Tiere verscheucht, und ich wette, wir bekommen kein einziges zu sehen.« – »Dann würde der Preis unentschieden bleiben,« sagte galant der Infanterie-Kapitän an ihrer Seite, »und Mistreß Duberley, trotz Ihrer schönen Aussichten, ihn verlieren.« – »Dasselbe geschieht, wenn ein anderer, als wir drei, heute das Wild niederschlägt,« entgegnete die Amazone ... »Wieviel trafen Sie doch in diesen Tagen, Kapitän Cavendish?« – »Drei Stück, Mylady!« – »Und ich und Herr O'Malley hier, ohne daß er den Hals gebrochen, ebensoviele, während die anderen nur zwei zählen. Was haben Sie da in der Hand, Sir?« – »O – nichts, Mylady, nur eine Dose von indischer Elfenbeinschnitzerei. Ich hatte sie in meine linke Gilettasche gesteckt und bemerkte, daß sie mich dort geniert. Sie ist mit getrocknetem Ingwer gefüllt – darf ich Ihnen anbieten?« – »Nein, Sir! – Ich danke. Aber bitte, zeigen Sie mir die Dose selbst, die Arbeit scheint ausgezeichnet.«

Kapitän Cavendish überreichte sie ihr. – »Ich kaufte sie im Augenblick, als ich an Bord gehen wollte, um nach Europa zurückzukehren, von einer indischen Händlerin, die mich mit seltener Aufdringlichkeit plagte. Ich hatte die Dose ganz vergessen, da ich mein Gepäck nicht wieder nachgesehen, seit ich an der Wunde von Inkerman ins Lazarett von Balaclawa kam. Ich fand sie heute zufällig beim Kramen und nahm sie zu mir.« – »Die durchbrochene Elfenbeinarbeit ist ausgezeichnet; ich habe sie selten so schön gesehen,« meinte die Dame, die Dose zurückreichend. – »Waren Sie mit dem Fähnrich O'Malley verwandt, Sir?« fragte der Offizier den Dragoner, »der bei unserm Regiment stand und bei Inkerman fiel?« »Er war ein Vetter, von der Linie der O'Malley von Timberary, Kapitän. Warum?« – »Es kam mir in den Sinn, weil in den letzten Stunden, die ich mit ihm verlebte, zufällig auch die Rede von meinen Erinnerungen aus Indien war.«

»Ich will nicht hoffen, daß Sie mir ein ähnliches Schicksal daraus vindizieren,« lachte der Dragoner-Leutnant. »Holla ho! – da haben sie etwas entdeckt – vorwärts, Mylady, sonst kommen wir zu spät!« – Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte, von der Dame und dem Kapitän begleitet, dem Orte zu, wo mehrere Reiter plötzlich Halt gemacht hatten ... »Wahrhaftig – da ist der Bursche,« rief der Kapitän – »sehen Sie dorthin, Mylady, an dem Oleandergebüsch, am Abhang.«

Dort kauerte allerdings ein großer, gelbbrauner Hund, den spitzen Kopf weit vorgestreckt, die Ohren zurückgelegt, gleich als wisse er recht gut die Annäherung der Feinde und wolle doch voll Selbstvertrauen nicht eher von dem Pferdeknochen weichen, den er zwischen den Vorderpfoten hielt, als bis es die höchste Not erfordere. Die Reiter, die rasch näher kamen, während der Hund sie anbellte, breiteten sich nach rechts und links aus, um ihm den Weg abzuschneiden. Plötzlich schien das Tier seine Sicherheit zu verlieren; es sprang empor, zog den Schwanz ein und fing an, davonzulaufen, während die ganze Gesellschaft ein wildes Tally-ho ertönen ließ und im Galopp über das felsige Terrain die gefährliche Jagd begann ... Der Hund nahm seinen Weg nach dem Labordonaja-Grund und überschritt die Woronzoffstraße, sich dann links wendend, nachdem die Jäger sich vergeblich bemüht hatten, ihm in dieser Richtung zuvorzukommen. – »Jetzt ist es Zeit,« flüsterte der Baronet dem jungen Russen zu. »Vorwärts und Gott schütze Sie!« – Iwan Oczakoff kniff, wie ihn der Araber bedeutet, in das linke Ohr der Stute, und sofort stürzte das edle Pferd in gestrecktem Laufe voran ... Die Jagd ging über einen gefährlichen, von Felsspalten und Steinmassen vielfach durchbrochenen Boden. Cavendish, die Lady und der junge Irländer waren allen andern voran; aber in wenig Augenblicken schon sahen sie den unbekannten Offizier ihnen zur Seite und gleich darauf ihnen voran schießen.

» Goddam! der Bursche ist vortrefflich beritten – echt arabisches Blut. Nun, Mylady, lassen Sie Bob seine Künste zeigen!« – Die Dame trieb ihren Vollblutrenner mit Peitsche und Sporen an, der Kapitän war dicht hinter ihr – O'Malley mehrere Längen zurück mit seinem Halbblütigen. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich; denn der unbekannte Rival war bereits weit voraus und dem Tiere dicht auf den Fersen, das, von den Soldaten einer nahegelegenen Feldschanze gescheucht, jetzt geradezu seine Richtung zwischen den englischen Trancheenlinien hindurch den Grund entlang nach dem Ende der Südbucht und der Batterie Stahl nahm.

Plötzlich erschütterte eine dröhnende Salve die Luft, weiße Rauchwirbel kräuselten empor, Schuß auf Schuß aus schwerem Geschütz donnerte die Reihen der Batterien entlang bis zur Canrobert-Schanze auf dem äußersten rechten Flügel, und aus den Festungswerken der Bastionen der linken Stadtseite flammte und krachte die Erwiderung; – das Bombardement hatte mit voller Wut begonnen ... Kapitän Cavendish parierte sein Pferd ... »Zurück, Mylady, um des Himmels willen, oder wir kommen in die Schußlinien. Zurück!«

Die Dame hielt unerschrocken den schnaubenden Renner an ... »Sehen Sie dorthin – den Mann vor uns – der Unbesonnene! – sie winken ihm aus den Batterien – er achtet nicht darauf.« – »Das Pferd muß mit ihm durchgegangen sein – er scheint nicht Herr mehr darüber! – Schade um den kecken Burschen – er ist rettungslos verloren, wenn er nicht etwa ein Überläufer ist. Aber fort von hier, Mylady, die Stelle ist für Sie zu gefährlich!« – Eine Vollkugel aus dem Redan rikochettierte unfern von ihnen. Beide wandten die Pferde und sprengten davon. – Fürst Iwan war im Pulverdampf der Batterien an der Biegung der Woronzoffstraße verschwunden.

Allmählich sammelte sich die Reiterschar auf der Höhe des weißen Hügels von der so gefährlich unterbrochenen Jagd und besprach den Ausgang, von dem günstigen Standpunkt außerhalb der Schußlinie der Kanonade zuschauend. Der allen unbekannte Reiter und sein Schicksal bildete natürlich einen Hauptgegenstand des Gesprächs und der Vermutungen ... »Er muß von Balaclawa heraufgekommen sein,« behauptete Leutnant O'Malley; »vielleicht einer der neuen Burschen, die von Konstantinopel gekommen. Aber schade ist es um das Pferd, der Blitz ist langsam gegen solch Blut. Ich möchte mein Patent dagegen wetten, so neu es auch ist, daß es ein reiner Araber war von der Mohanna-Rasse.« – »Wenn ich recht gesehen,« sagte Mistreß Duberley, »kamen Sie ja mit dem Herrn zugleich, Sir Edward?« – »Ich traf ihn auf dem Wege zum Abritt, kannte ihn jedoch nicht.« – »Jedenfalls war unser Rennen ein tolles,« meinte lächelnd der Infanteriekapitän, »vielleicht in doppelter Beziehung. Aber der tolle Ritt hat mich doch etwas angegriffen – ich fühle noch zuweilen die Nachwehen des Lazaretts. He, Mickey, nimm mein Pferd und halte reinen Mund gegen Kapitän Stuart, sonst brummt er drei Tage lang mit mir.« – »O Jemine, Kapitän,« sagte der Irländer, der diesmal den Reitknecht spielte, »warum hören Sie auch nicht auf guten Rat und bleiben hübsch im Lager, wenn das Regiment einmal Ruhe hat? Das kommt alles davon, daß Sie Pferde halten, Kapitän, was beim 95. doch nur der Oberst tut. Wollen Sie eine Stärkung? Akushala – 's ist echter Whisky in der Flasche!«

Kapitän Cavendish hatte sich neben der Reitergruppe, die sich durch zahlreiche unberittene Zuschauer vermehrt hatte, auf ein Felsstück gesetzt ... »Ich danke, ich bin noch zu erhitzt. Ich will zuerst von diesem Ingwer genießen, den ich noch nicht probiert habe.« Er holte die Dose aus der Tasche, öffnete sie und nahm einige Stücke heraus, die er in den Mund steckte, während der Soldat mit den Pferden lüstern neben ihm stehen blieb ... Plötzlich sprang der unglückliche Offizier empor, schlug die Arme wild um sich und stürzte mit einem entsetzlichen Schrei zu Boden ... Alles sammelte sich sogleich um ihn her, zuerst in der Meinung, er sei von einer Kugel getroffen; die Zuckungen des Unglücklichen, der Schaum, der ihm vor die Lippen trat, und das rollende, blutunterlaufene Auge zeigten jedoch bald, daß es sich hier um einen innern Krankheitsfall handle; und ein Arzt, der sich unter den Zuschauern befand und sogleich zu Hilfe eilte, erklärte die Symptome für die einer schrecklichen und tödlichen Vergiftung.

Der ehrliche Mickey, zum Tode erschrocken, vermochte anfangs kaum Rede zu stehen, und erst nach vielem Hin- und Herfragen kam er zu der Auskunft, daß der furchtbare Anfall sogleich nach dem Genuß des Ingwers aus der Dose erfolgt war, die der Kapitän noch in der krampfhaft geballten Hand hielt. Der Doktor entfernte sie mit Gewalt, öffnete sie und schüttete den Inhalt heraus, den er sorgfältig prüfte, ohne jedoch ein Anzeichen des Giftes zu entdecken. Mistreß Duberley wiederholte eben, was ihr der Kapitän von dem Kaufe der Dose erzählt, als sie bemerkte, daß auf dem Boden derselben ein Pergament- oder Papyrusstreifen zurückgeblieben war. Man zog ihn heraus: er enthielt in englischer und indischer Sprache den hindostanischen Gruß: »Geh, wohin deine Wünsche dich rufen, und mögen deine Wege leicht und angenehm sein!«

Ein Offizier hatte die Worte halblaut verlesen, aber der Kranke sie, trotz des Kanonendonners, mittels der Schärfung der Sinne verstanden. – »Nikalanta!« stöhnte er, »es war seine Tochter – ihr Gift brennt wie Feuer an meinem Herzen – Hilfe! zu Hilfe!« ... Sie lag nicht in Menschenkräften, in menschlichem Wissen! Der Arzt mochte dies erkennen, denn er erhob sich mit einer Gebärde des Bedauerns und sagte zu einem Stabsoffizier in der Nähe: »Diese Früchte sind wahrscheinlich mit einem indischen Narkotikon zufällig oder absichtlich getränkt, dessen Analyse uns unbekannt und gegen das kein Mittel existiert. Vielleicht Upas von dem berüchtigten Baum! Die Fälle solcher Vergiftungen sollen in Indien nicht selten vorkommen, wenn sie auch weniger akute Wirkung zu zeigen pflegen.« – »Der Teufel hole das Land!« murmelte der Offizier, »Cholera, Brillenschlangen, Thugs und Tiger wären Unannehmlichkeiten genug, als daß man noch Giftmischereien dazu brauchte! England wird es nicht eher mit Sicherheit genießen können, als bis die eingeborene fanatische Brut ganz und gar vertilgt ist!« – »Sir, das sind 150 Millionen Menschen!« – »Und wären es 1500 Millionen, wenn sie sich nicht dem Segen unserer Kultur fügen wollen! Wie war es mit Irland noch vor 50 Jahren? Irland ist jetzt ruhig, seit man den Repeal übers Meer deportiert hat!«

*

Als am Abend Mickey dem Kapitän Stuart den Tod des Führers der zweiten Kompagnie meldete, bemerkte der Offizier: »Es tut mir leid! Cavendish war ein besserer Kamerad, als wir anfangs dachten, und erst seit einigen Wochen aus dem Lazarett. Schade, daß er noch immer vergessen hatte, uns die hübsche Geschichte mit den Tigern zu Ende zu erzählen!«

Man war sehr gleichgültig geworden gegen das Leben im Lager von Sebastopol!

*

Nicht der Frieden der Nacht, der prächtigen, funkelnden, üppigen Juninacht, ruht über Meer und Land, über Stadt und Berg. Der Donner der Mörser weckt die Echos, an dem lichten Sternenhimmel ziehen die Bomben ihre lichteren, feurigen Bogen; aus den dunklen Erdschanzen und von den Wällen der bedrängten Stadt blitzt und flammt es von Minute zu Minute, und der Hagel von Eisen, die Würfel des Todes rasseln über das Feld und furchen in der vergänglichen Nacht die Ruhestätten der langen, ewigen – die Gräber!

Durch das verderbenschwangere Feld schleicht still und spähend ein Knabe; – der sausende Tod, der auf den Granaten einherfegt, auf den feurigen Bomben durch die Luft saust, kümmert ihn nicht! Seine einzige Sorge ist, vor den lauernden Posten, vor dem Schutz der belebten Schanzen, Batterien und Laufgräben weit auszubiegen in die Fläche, wo die Vernichtung mit jedem Schritte droht. – Ein blaues Licht zischt in die Höhe – dort liegt die Bastion, die dunklen Wälle des Redan erheben sich kaum 200 Schritt von ihm! –

Die gebückte, schleichende Gestalt ist einen Augenblick sichtbar und in den Kontre-Approchen bemerkt worden ... » Stai – Wer da?« – »Gutfreund – Gott schütze Rußland!«

Michael Lasaroff ist bei den Seinen! – – – – –

*

Mit dem Anbruch des Tages hat die Kanonade wieder begonnen, die eiserne Ablösung des eisernen Bombardements der Nacht! – In der Kantine saß, 24 Stunden später, als unsere vorige Szene begann, an einem Tisch mit dem ältesten Kapitän seines Bataillons der Vikomte, während einige Papiere vor ihnen lagen und die Marketenderin mit ihrer Freundin, Korporal Bourdon und der irre Jean dabei standen.

»Wir wollen zunächst die Sache mit Madame Bibesco zu Ende bringen,« sagte der Kommandant. »Sie haben gehört, Madame, daß mein verstorbener Freund mich beauftragt hat, Ihnen seine sämtliche im Lager zurückgebliebene Barschaft auszuhändigen, die der Oberst seines Regiments in Verwahrung genommen hatte. Hier ist das Verzeichnis – die Summe besteht in 70 500 Franken, davon 50 000 in Wechseln auf das Haus Jacq. Alléon u. Komp. in Konstantinopel auf Sicht zu zahlen, und 20 500 Franken in Napoleondors. Hier sind die Papiere und das Geld. Wollen Sie die Güte haben, mir über die Summe in Gegenwart dieser Herren zu quittieren.« – »Darf ich fragen, ob der Marquis in Beziehung auf mich nicht irgend eine weitere Bestimmung getroffen?« fragte die Abenteurerin, indem sie zur Bewahrung des Scheins das Taschentuch an die Augen führte. – »Nein, Madame. Die Worte des Briefes lauten bloß: er hoffe, die Summe würde hinreichen, um seinen Namen aus Ihrem Gedächtnis zu tilgen.« – »Abscheulich! ich kann also ohne Bedingung über dies Geld verfügen?« – »Ja, Madame.«

Die Augen der ehemaligen Lorette funkelten – alle Vergnügungen und Freuden von Paris tauchten in lockenden Farben vor ihrem Geist auf. Doch schien zugleich ein Gedanke, ein Zweifel sie zu bedrücken und unschlüssig zu machen. Sie schob mehrmals einige der Geldrollen hin und her, und ihr Auge flog verstohlen zu Nini hinüber. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als ihr Blick dabei den ihr zunächst stehenden irren Burschen traf. Noch nie war ihr die Ähnlichkeit desselben mit dem Fürsten Oczakoff so aufgefallen, und ihr Innerstes erbebte, als der Arme ihr mit einem bisher nicht gekannten Lächeln des dämmernden Verständnisses zunickte und flüsterte: »Ich weiß es wohl, zehntausend!« – Eine dunkle Röte überzog die Stirn der jungen Frau, sie nahm hastig fünf der Rollen zusammen und schob sie auf Nini zu ... »Das ist dein Anteil an meinem Reichtum,« sagte sie fast ängstlich. »Nimm – es ist das Deine!«

Die Marketenderin schaute sie erstaunt an ... »Was – ich soll dir dein unverhofftes Glück schmälern? Was fällt dir ein, Celeste? Die kleinen Dienste, die ich dir geleistet habe, sind reichlich durch deine Gefälligkeit aufgewogen, und ich werde doch von einer Freundin nicht Bezahlung annehmen!« – »Ich bitte dich, sei nicht töricht, Kind,« bat die Bojarin, »dieses Geld ist das Deine, du hast volles Recht darauf, glaube mir, und ich bitte dich um meinetwillen, um jenes armen – Kranken willen, es anzunehmen. Ich würde keine ruhige Stunde mehr haben, wenn du es ausschlägst.« – Der Eifer, die Dringlichkeit, mit der sie bat, war auffallend, und die kleine, leicht bewegte Grisette machte bereits Miene, den Großmut ihrer Freundin zu preisen und anzunehmen, als ihr Bruder rauh dazwischen trat ... »Verzeihen Sie, Madame,« sagte er streng und fest, »aber Nini bedarf Ihres Goldes nicht. Wenn sie einen Bruder behalten will, wird sie keinen Sou von jenem Gelde berühren, für das einst das Herz und die Liebe eines ehrlichen Mannes verraten wurde.«

Die Lorette wandte sich beleidigt von dem Jugendgeliebten und raffte das Gold wieder zusammen. – »Wie es Ihnen beliebt, Herr Bourdon. Ich hielt es für meine Pflicht, Ihrer Schwester die Summe anzubieten,« – sie warf einen hastigen Blick auf den Schwachsinnigen, schien jedoch durch das Resultat beruhigt; – »wenn sie die Annahme weigert, ist es nicht meine Schuld. Was meine Liebe und meine Person betrifft, so halte ich sie noch heute für zu gut, um sie an den ersten besten Arbeiter oder Soldaten wegzuwerfen.« – François wollte heftig antworten, wurde aber von der Schwester zurückgehalten, während Celeste, im Besitz ihres Schatzes, eine hochmütige und trotzige Verbeugung der Gesellschaft machte und in der hintern Abteilung der Kantine verschwand.

Man hatte es kaum bemerkt, daß während der kleinen Szene ein Fremder eingetreten und in der Nähe Platz genommen hatte: derselbe benarbte Alte, dessen Anwesenheit in Pelissiers Generalstabe am Tage vorher den russischen Fähnrich erschreckt hatte ... »Jetzt zu Ihnen, denn Sie haben mich in eine sehr unangenehme Lage versetzt, Mademoiselle,« fuhr der Leutnant-Colonel zu der Marketenderin fort. »Nach allem, was ich bis jetzt ermittelt habe, sind Sie und dieser Schuft hier,« – er wies auf einen Zuaven – »es gewesen, die dem jungen Russen zur Flucht geholfen. Was veranlaßte Sie, meine Nachsicht auf diese Weise zu mißbrauchen?« – »Bedenken Sie, mein Kommandant,« schluchzte Nini, »er war so jung, und Sie wollten ihn in ein Gefängnis schicken.« – »Es war meine Pflicht, die ich zu lange versäumt hatte ... Korporal Bourdon, ich frage Sie auf Ihr Ehrenwort als französischer Soldat, wußten Sie um den Anschlag Ihrer Schwester?« – »Nein, Kommandant!« – »Das freut mich, ich hätte Ihnen ungern die Gelegenheit entzogen, sich heute am Mamelon Beförderung zu holen. Nehmen Sie dem Burschen da« – er wies auf den andern Zuaven – »den Säbel ab und führen Sie ihn zum Profoß. Kapitän Mongin wird ihm Arrest geben.« – Der Kapitän nickte ... »Wir kennen uns, mein Vögelchen, und ich will dir die großmütigen Galanterien vertreiben!« – Der lüderliche Zuave hatte bis jetzt mit großer Gleichgültigkeit der gegen ihn erhobenen Anklage zugehört; als er aber nun vernahm, daß er in Arrest geschickt werden sollte, während ein Kampf bevorstand, geriet er außer sich, warf seinen Feß auf den Boden und trampelte wie ein Narr darauf umher. – »Zum Henker mit allen Weibsleuten,« schrie er, »sie sind zu meinem Unglück auf der Welt und machen mit einem Nasenzwinkern einen Narren aus mir! Kapitän Mongin – mein Kommandant – Sie werden doch um einer solchen Lumperei willen mich nicht um den Sturm bringen? Fichtre! Ich will meine eigene Zunge verschlucken, wenn ich den Schimpf überlebe.« – »Das hättest du eher bedenken sollen, bevor du dich von einem Mädchen verleiten ließest, gegen deine Pflicht zu handeln!« – » Maudit, mein Kommandant! Aber wozu wären die Frauenzimmer sonst auf der Welt? Es passiert vernünftigeren Leuten als ich bin! Hier Mademoiselle betörte mich, indem sie mir freiwillig einen Kuß versprach. Mordio! – so dacht' ich – was kommt es auf einen Russen mehr oder weniger an? Du holst dafür heute zehn andere von ihren Schanzen, und so führt' ich ihn im Dunkel bis an die letzte Tranchee, nachdem ihm Jean hier seinen eigenen Rock gegeben. Unmöglich, mein Kommandant, konnte ich mich doch von einem verrückten Burschen in der Galanterie übertreffen lassen!«

Der arme Schützling Ninis nickte ihm vergnügt lächelnd zu. Er schien offenbar seinen Anteil an der Sache zu verstehen und sich darüber zu freuen. – »Er ist fort,« sagte er, »der andere auch; ich weiß, sie gaben ihm das Pferd! Jeans Seele ging mit ihnen – aber er wird sie wiederholen – dai Bosche!« ... Niemand achtete viel auf die Worte des Irren, doch fiel die Erinnerung an die in seiner Gegenwart verabredete Flucht des jungen russischen Fürsten schwer auf des Vikomtes Seele, und er befand sich in großer Verlegenheit, da er sich sagen mußte, er habe ja Ähnliches getan.

Der rasche Eintritt des Medizin-Majors unterbrach die peinliche Situation. Doktor Welland war offenbar sehr aufgeregt, seine Miene unruhig und nachdenklich. Hinter ihm folgte Jussuf, der Mohr, der sogleich auf ihn zusprang und mit dem höchsten Ausdruck der Freude seine Füße umfaßte und küßte ... »Jussuf? – um des Himmels willen, wo kommst du her?« – »Inshallah – es ist ein Jubel in meinen Augen, daß ich dich wiedersehe. Was kann ich sagen? – ich war verwundet und gefangen bei den Moskows – ein Engel hat den armen Mohren gerettet und ihm die Freiheit gegeben, daß er zu seinem Aga zurückkehren möge.« – »Ich habe mich einige Augenblicke von meinem Posten entfernt,« sagte der Arzt, »um Ihnen die seltsame Nachricht zu bringen. Vor einer Stunde brachte eine Ordonnanz des kommandierenden Offiziers der Vorposten an der Tschernaja den Mohren zu mir, den wir für tot im Schloß Ayu zurückgelassen und der seitdem bei den Russen gefangen war. Er behauptet, sich selbst ranzioniert zu haben, und hat sich bei den Wachen auf mich und Sie berufen. Ich bestätigte seine Aussage und übernahm seine weitere Meldung. – Er bringt das Pferd des Arabers zurück und den Dank des Fürsten, der glücklich Sebastopol erreicht hat,« fügte er flüsternd hinzu. – Das Ehrenwort, das er dem Fliehenden gegeben, ließ ihn verschweigen, wie der Mohr zugleich der Überbringer eines geheimen Schreibens an ihn gewesen, das seine Blicke jetzt nachdenklich und forschend auf dem irren Schützling der Marketenderin festhielt.

Der Vikomte war hocherfreut durch die Rückkehr des On-Baschi seiner früheren Bozuks, den er bei seiner Rückkehr zu dem 3. Zuaven-Regiment zu seinem Diener gemacht hatte. Er reichte ihm die Hand und überwies ihn an den Bruder Ninis, um ihn zu equipieren und alles Nötige ihm zu schaffen ... »Sie finden mich und Kapitän Mongin bei einer unangenehmen Untersuchung. Das törichte Mitleid von Mademoiselle dort hat Ihren wiederhergestellten Patienten, der heute, der allgemeinen Order gemäß, an das Gefangenen-Depot in Kamiesch zurückgeliefert werden sollte, entkommen lassen. Seine Genesung war bereits durch Oberst Polkes gemeldet, und wir werden nun beide wahrscheinlich viele Verdrießlichkeiten für unsere Nachsicht und Überschreitung der allgemeinen Regel haben. Zum Glück hat die Flucht auf Ihren Freund keinen Einfluß, der von den Türken zum Gefangenen gemacht worden.« – »Die Sache ist kaum so bedeutend, als Sie dieselbe ansehen, Kommandant. Das Gelingen oder Mißlingen des bevorstehenden Sturmes wird ganz andere Dienstsünden bedecken, und es ist wohl unnötig, daß Sie irgend jemand deshalb zur Strafe ziehen. Wenn Ihre Zuaven den Mamelon nehmen, wird kein Oberst oder General der ganzen Armee nach einem entkommenen russischen Knaben fragen, wie der kleine Lasaroff war!« – »Lasaroff? Michael Lasaroff?« rief der Fremde, der aufmerksam dem Gespräch zugehört hatte. »Verzeihen Sie, mein Herr, Sie nennen einen Namen, der mich angeht. Der russische Gefangene, der diese Nacht entflohen, ist es der Fähnrich Michael Lasaroff?« – »Derselbe, mein Herr!« – Der alte Mann schlug die Hände vor das Gesicht ... »Alles umsonst – alles verloren! – auch hier zu spät! – So geschehe denn der Wille des Herrn über uns! – was sind menschliche Berechnung, sterbliche Mühen gegen seine Bestimmung!« – Traurig und gebrochen taumelte die hohe Greisengestalt auf den Sessel zurück, zwei schwere Tränen quollen aus den grauen Wimpern und flossen langsam über die gefurchten Wangen, – die eherne Kraft, die so lange ihn aufrecht gehalten im Kampfe für seine Pläne, Meinungen und Zwecke, – sie war vernichtet vor der Überzeugung, daß in der Bestimmung über Völker wie über Menschen der Wille des Ewigen keinen Eingriff sterblicher Hände duldet.

Verwundert, aber mit achtungsvollem Schweigen schauten die fremden Krieger auf den alten Mann, bis dieser sich ermannte und seine feste, ernste Haltung wiedergewann ... »Verzeihen Sie einem Manne die Schwäche,« sagte er mit Würde, »der selten in einem langen und bewegten Leben ihr unterlegen. Ich bin Graf Lubomirski, einst Kapitän unter Napoleon dem Ersten – und der Knabe, der diese Nacht nach Sebastopol zurück entflohen, ist mein Enkel, der einzige Sprosse meines Blutes. Ihr Kaiser – es ist gleichgültig, wie ich die Gefangennahme erfuhr – gab ihn in meine Hände. Hier ist der Befehl, ihn angesichts desselben mir auszuliefern ... Doch vergeblich forschte ich seit zwei Wochen im Hauptquartier, in allen Gefangenen-Depots, ich fand den Namen zwar in den Listen angeführt ... seine Person jedoch war verschwunden.« – »Vielleicht eine Nachlässigkeit der Schreiber,« sagte der Vikomte. »Der junge Mann wurde als verwundet gemeldet und nicht abgeliefert, da seine Jugend uns dauerte und der Aufenthalt in den Lazaretten durch den Typhus Gefahr bringt.« – »Ich begreife es und danke Ihnen dafür. Erst heute morgen vernahm ich infolge des erlassenen Generalbefehls aus dem Hauptquartier zufällig, daß bei Ihrem Korps sich einige Gefangene befänden, und eilte hierher. Es war zu spät!« – Er schwieg einige Augenblicke, dann überreichte er dem Vikomte die kurze offene Order von der Hand des Kaisers ... »Nehmen Sie, Herr Kamerad,« sagte er traurig, »sie ist jetzt nutzlos für mich und wird Sie jeder Verantwortlichkeit für Ihre Güte überheben. Wenn Sie einem alten Krieger, einem Gefährten der französischen Adler eine weitere Freundlichkeit erweisen wollen, so strafen Sie nicht die Flucht des Knaben an denen, die mit ihrer Hilfe ihm eine Liebe zu erweisen dachten. Ich nehme das Leben meines Enkels mit diesem Papier als empfangen aus Ihrer Hand und lege es in die Gottes!«

Die Trommeln wirbelten, – die Hörner der Zuaven riefen draußen das Regiment zum Sammeln, – die Brigade- und Divisions-Adjutanten flogen mit dem Befehl zum Abmarsch an den Lagerreihen entlang! – einen kurzen, teilnehmenden Händedruck nur tauschte der Vikomte mit dem einsamen Greis und dem zu seiner Ambulanz eilenden Freunde; dann eilte er an die Spitzen der Seinen ... Unter dem Jubel der Zuaven bildeten sich die Reihen zum Abmarsch.

Sieben Uhr abends! – Auf der Höhe, auf der am Tage vorher der unglückliche Zufall das Jagdrennen so traurig beendet hatte, standen zahlreiche Gesellschaften von Offizieren, die Fernrohre und Gläser an den Augen, alle Blicke nach dem Mamelon – der Lünette Kamtschatka – gerichtet, deren Wälle ein ununterbrochenes Feuer spieen, während vom Malachoff her und aus den zwei Reihen russischer Linienschiffe, die quer über die Südbucht sich gelegt hatten, der eiserne Hagel durch Flammen und Pulverdampf daher fegte ... Aus dem Dokowaja- und Kilengrund herauf, aus den Trancheen in der Front entwickelten sich jetzt die französischen Kolonnen, lösten ihre Reihen und kletterten den steilen Aufgang zum Mamelon empor ... Man sieht die einzelnen Krieger wie Punkte und Schatten höher und höher klimmen, – jetzt die ersten an der Böschung, – Pulverdampf umhüllt sie, Feuerströme fahren dazwischen, doch nur einzelne reißt das tötende Eisen aus den zerstreuten Reihen, – plötzlich zeichnen sich zwei dunkle Schattengestalten auf dem Kamm der Brustwehr gegen den Abendhimmel ab, – eine Fahne weht als Sammelpunkt, ein dunkler Menschenknoten ballt sich darum her – und hinein in den Mamelon dringen in hellen Haufen die kühnen dritten Zuaven.

Da wirbeln die Trommeln durch den Pulverdampf, die russischen Reserven rücken in das Werk, das die französischen und englischen Batterien zu bestreichen aufgehört haben; die Bajonette klirren aneinander, das Klein-Gewehrfeuer knattert, und die Franzosen werden über die Brustwehr zurückgeworfen. Aber am Abhang sammeln sich die Haufen, kaum haben ein paar Kanonen aus den Schießscharten aufs neue ihre Blitze gegen sie gespien, so stürmen sie die Böschung wieder hinan, ihnen voran die hochgewachsene Gestalt eines Offiziers, winkend mit Säbel und Hand. Wieder tauchen die dunklen Schatten auf gegen die Abenddämmerung auf der Höhe der Brustwehr, – in dichten Massen wogt und drängt der Kampf ins Innere, dann speit die Kehle des Werks dunkle Massen Flüchtender aus, die unter dem Feuer des Malachoff Schutz suchen, von der Höhe der Lünette flattert die Trikolore – und ein tausendstimmiges » Vive l'Empereur!« überdonnert das Gekrach der Geschütze.

Der Mamelon – die Vormauer des Malachoff – ist genommen.


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