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Zweites Kapitel.
In des Meeres Tiefen.

Sebastopol liegt, wie bereits bemerkt, vierzehn Stunden südlich von Eupatoria, an einem vorspringenden, durch eine tief einlaufende, nach rechts und links sich in Arme verzweigende Meeresbucht gespaltenen Vorgebirge. Die Bucht ist auf der Nord- und Ostseite von ziemlich hohen Bergen gebildet und umgeben, auf der Südseite erhebt das Ufer sich am Eingang gleichfalls schroff und hoch, weiterhin aber bildet es mehr einen Kessel, von Schluchten durchschnitten, der sich nach und nach zu einem amphitheatralischen Plateau erhebt. In das östliche Ende der Bai ergießt sich der aus Südosten kommende, in seiner ganzen Länge durch ein Bergtal laufende Tschernajafluß. Nahe dem Ausflusse desselben liegen die Ruinen von Inkerman und der nördliche und östliche Leuchtturm. Zwei Brücken führen über den Fluß unterhalb der Bai, die Straße nach Baktschiserai und Symferopol, den beiden Hauptorten der Krim inmitten der Gebirge, bildend. – Diese Straße durchkreuzen, nach der See im Norden Sebastopols mündend, die Flüsse Alma, Katscha und Bjelbeck. Von der Nordseite läuft gleichfalls eine Straße nach Baktschiserai, der alten Hauptstadt der Tataren-Khane. Das nördliche Ufer Sebastopols geht in einer gegen die Bai einspringenden Landspitze aus, auf der das starke Fort Konstantin seine Granitwälle in die See senkt, den Eingang der Bai deckend. Hierauf folgen nach dem Innern zu auf den vorspringenden Punkten das Fort Katharina und die Batterien von Sukaja. Auf der Höhe der Bergwand nach dem Bjelbeck zu deckt die große Zitadelle oder das nördliche Fort die genannten Seeforts und die Straße nach Eupatoria. Auf der Südseite bildet die äußerste Bucht nach der Seeseite zu die Quarantäne-Bucht, von dem Innern her durch die großen und kleinen Quarantäne-Batterien beherrscht. Es folgt, dem Fort Konstantin auf der Nordseite entsprechend, das Fort Alexander: eine Batterie, dann der Handelshafen und auf dessen östlicher Seite das bedeutende Fort St. Nikolas. Zwischen diesem und dem folgenden Fort St. Paul buchtet tief in das ansteigende Bergland hinein der Kriegshafen, sich wieder abzweigend östlich in das Bassin zur Ausbesserung der Schiffe, die sogenannte Schiffsbucht am Arsenal, westlich in den großen Militärhafen, der fast bis zu den äußersten Befestigungen der Stadt ins Land hineinläuft. Über das Fort Paul und die Ringmauern hinaus erstreckt sich die Karabelnaja oder Schiffervorstadt. An der östlichen Seite des Militärhafens liegen die neue Admiralität, Kasernen, das Arsenal, prächtige Docks und das große Hospital, an der westlichen die alte Admiralität und die Promenade mit dem Denkmal Kazrkys.

In dem über die Quarantäne-Bucht hinaus sich scharf in das Meer hinein ziehenden und dann nach der Südspitze der Krim zu wieder einbiegenden Lande liegen, außerhalb der Verteidigungslinie von Sebastopol, zunächst die Schützenbucht (Streletzka-Bucht), die Kamiesch- und Kasmatsch-Bai. Die äußerste Spitze des Landes nach Westen bildet das Kap Chersonnes. Gerade unterhalb des Kriegshafens im Süden dieses, die Halbinsel Sebastopol bildenden Vorsprungs der Krim liegt die ziemlich enge, aber vollkommen geschützte Bucht von Balaclawa. Eine Straße geht von dort nach Süd-Sebastopol, eine andere über die Tschernaja nach der Nordseite und rechts in das Innere nach Baktschiserai. – –

Am Bjelbeck-Ufer, im Angesicht der Zitadelle und des Nordforts, lagerte die alliierte Armee, die Franzosen den rechten Flügel an der See bildend, die englische Kavallerie bis zum Ende der Bucht ihre Pikets vorschiebend. Die Türken bildeten die Reserven und hielten die Straße nach Eupatoria besetzt ... Es war um Mittag, als man von den Höhen des Ufers einen kleinen Dampfer von Westen her die See durchschneiden und mit dem französischen Admiralschiff Signale austauschen sah, worauf das Dampfschiff seinen Weg gegen das Ufer so weit wie möglich fortsetzte, ein Boot in See ließ und nach dem Ausfluß des Bjelbeck sandte. Der landende Marine-Offizier fragte nach dem Marschall und eilte, zurechtgewiesen, nach dem Zelt desselben, das in einiger Entfernung unter einer Gruppe von Korkbäumen aufgeschlagen war. Die überbrachten Depeschen schienen Wichtiges zu enthalten, denn trotz des seit der Almaschlacht bedeutend verschlimmerten Zustandes des Marschalls, eilten bald darauf Adjutanten nach verschiedenen Seiten davon, die Führer der Armee zum Kriegsrat zu berufen. In einem jener Täler, die sich schluchtenartig zur Bai von Sebastopol auf der Nordseite hinziehen, weit über die russischen Befestigungswerke hinaus, lagerte ein englisches Dragoner-Regiment: die Vedetten und Posten auf den Höhen, einzelne Patrouillen ab- und zureitend, im Grunde die Pferde zusammengekoppelt, an den süßen Gräsern und Kräutern, dem Laub der wilden Feigenbäume und Rankengewächse nagend – die Soldaten in Gruppen umherlagernd, Kaffee kochend, ihre Waffen putzend, oder mit jener stoischen Ruhe des echten Briten um einen lustigen Kameraden versammelt, den das grüne Irland geboren, und der der Gesellschaft ein heiteres Lied oder eine wunderbare Geschichte zum besten gab. Im Vorübergehen lauschte selbst mancher der Offiziere der lustigen Geschichte Pads, ehe er zu seinem Kreise zurückkehrte.

Das Biwak- und Feldleben hatte, nach den kurzen Unannehmlichkeiten der Tage und Nächte der Landung, noch nicht jene rauhen Seiten gezeigt, die später die Armee im vollen Maße kosten sollte. Man hatte, allerdings mit schweren Verlusten, einen großen Sieg erfochten, man hoffte auf weitere leichte Triumphe, und lagerte in einem der schönsten Klimas der Welt, unter Sonnenschein und Pflanzenduft, und das Auge, an die grauen Tinten des Nordens gewöhnt, schweifte über das Grün der Weinberge, der Feigen- und Olivenwälder, der schlanken Cypressen und breiten Platanen, auf die blaue, glänzende Fläche des Meeres. In einiger Entfernung unter ihnen lag die Russenstadt Sebastopol mit den Forts und Bastionen, welche die klare, durchsichtige Luft deutlich erkennen ließ, – die sichere Beute der nächsten Tage, der Triumph vor ganz Europa, der neue Zeuge für die unersättliche Habgier des stolzen Inselreiches! ... Auch für jenes Hauptbedürfnis aller Armeen der Welt und der britischen insbesondere, den Proviant, war noch leidlich gesorgt, und die Offiziere entbehrten selbst eines gewissen Komforts nicht, da sie Flaschenkasten und Menagen von den Schiffen mitgebracht, ihre Garderobe noch nicht verdorben war und der rauhe Wintersturm noch nicht die ermatteten Glieder erstarrte ... Die Menagen hatten ihren Dienst erfüllt, die Beefsteaks und Hammelkoteletten waren verzehrt und die Flasche machte in dem lagernden Kreise die Runde, während die Zigarre und die leicht gefertigte spanische oder orientalische Zigarette ihre Rauchwirbel in die Luft schickte.

»Der arme Wellesley,« sagte der Kapitän Tysdale, während er den silbernen Feldbecher mit Klaret füllte. »Er hat Sebastopol nicht einmal zu sehen bekommen.« – »Der Major starb am Tage nach der Schlacht, wie ich gehört?« – »Ja, an der verdammten Cholera, und Brigade-General Tylden auch. Bisher haben die Franzosen allein fünf Generale daran verloren und ihr Marschall selbst wird schwerlich davonkommen.« – »Es bringt Avancement in die Armee, die Stellen werden billig werden,« bemerkte ein junger Fähnrich. – »Bah, O'Malley, spekulieren Sie nicht vergeblich. Ihr Onkel in Tipperay hat noch an dem Wechsel zu bezahlen für Ihre Ausrüstung, und die irischen Kartoffeln geraten dies Jahr schlecht.« – »Was wissen Sie von den Verhältnissen meiner Familie, Leutnant Halkett,« rief der Ire hitzig, »wollen Sie mich beleidigen?« – »Dummheiten, O'Malley,« sagte der Doktor, ein behäbiger, rotnasiger Walliser. »Wissen Sie nicht, daß an der Regimentstafel, wenn das Tischtuch fortgenommen ist, keine Rede übel genommen werden darf? Nun wir haben nicht einmal ein Tischtuch gehabt, also senken Sie Ihren Kamm, mein Streithähnchen, Sie werden noch Gelegenheit genug haben, ihn bei den Kosaken anzubringen. Überdies hat Halkett recht, Ihr nächstes Geld, wenn wirklich welches aus Irland kommt, was Sie nun schon ein Jahr lang uns vorerzählen, verwenden Sie auf den Ankauf eines Gauls, denn der Ihre hat den Spat und ist eine Schande für das Regiment.«

Der lustige Kreis lachte ... »Ich nehme das nächste Beutepferd!« prahlte der Fähnrich. Der Doktor zwinkerte lustig mit dem rechten Auge ... »Vielleicht eines von den beiden Vollbluts, die unsere Pikets gestern eingefangen und die mit ihren würdigen Besitzern da drüben der Entscheidung des Earls harren? Sie müßten sich prächtig machen, zwei solche Kracken mit struppigen Mähnen und Rattenschwänzen unter den Normannen des vierten Dragoner-Regiments Ihrer Majestät!« Der graubärtige Major blickte nach den beiden Pferden ... »Gott verdamm' Eure Augen, Fähnrich O'Malley, ich glaube, das eine hält mit Euren langen Beinen jedes Wettrennen aus. Die Ohren sind kurz und Augen und Nüstern verraten Feuer.« – »Pah, Major – es sieht abscheulich aus! Da Sie aber meinen, so will ich es nehmen.«

Der junge Mann erhob sich, um hinzuschlendern, der alte Offizier aber schüttelte lachend den Kopf ... »Das Ansehen haben Sie umsonst. Doch mit Nehmen ist es nichts, Sie müßten denn das Pferd dem Eigentümer abkaufen.« – »Zum Henker, es ist ja Kriegsbeute.« – »Die beiden Leute sind von unsern Patrouillen ergriffen und ins Lager gebracht worden, weil wir Nachrichten über das Land brauchen, aber keineswegs als Feinde. Der Tagesbefehl des Lord-Generals bestimmt auf das strengste, daß alle Eingeborenen, mit denen wir verkehren, möglichst gut behandelt werden sollen.«

Die Offiziere näherten sich den beiden Gefangenen, die neben ihren Pferden am Fuße einer Platane saßen, in ernstes Gespräch vertieft. Die Pferde gehörten zu der Zucht der kleinen, langhaarigen Steppentiere, doch hätte ein Kenner der Donischen Rasse das eine leicht an den sehnigen und schlanken Beinen und kurzen Fesseln, den aufgeworfenen Nüstern und den feurigen roten Augen für ein treffliches Tier erkannt, wie unschön auch sein Aussehen sein mochte. Die Herren dieser Pferde waren ein großer, kräftiger Greis von finsterm und stolzem Aussehen, größtenteils in Roßleder gekleidet, die Mütze von Wolfsfell auf dem kahlen Haupt, die schwere Peitsche am Gürtel, sowie ein junger Mann von antiker Schönheit, welche der einfache, kaftanartige Rock noch mehr hervorhob: Michael, der Roßhirt aus den Steppen des Dniepr, und Nikolas Grivas, der junge Palikare, der in der Nacht des Lazarettbrandes aus Varna entflohen war, um die Nachricht von den Beschlüssen des Kriegsrats der Alliierten nach Sebastopol zu bringen.

Auch sein Bruder Gregor Caraiskakis hatte sich nach der Entdeckung des griechischen Komplotts flüchten müssen, war der Armee des Fürsten Gortschakoff gefolgt und befand sich mit diesem zurzeit in Odessa. Dorthin hatte er den jüngeren Bruder beschieden, um mit ihm und mehreren anderen der griechischen Flüchtlinge den Plan zur Gründung einer griechischen Freischar zu beraten.

Mit den Vorbereitungen dazu beauftragt und mit neuen Warnungen der durch fortdauernde Verbindungen in Varna wohl unterrichteten Griechen an den Fürsten Mentschikoff, kehrte Nikolas Grivas nach der Krim zurück, als er auf dem Wege über die Landenge von Perekop auf den alten Tabuntschik traf, der einen Transport von dreihundert Pferden, den Reichtum seiner Zucht, dem Oberbefehlshaber von Taurien zuführen wollte. Nikolas Grivas schloß sich dem Zuge an, und die Nachrichten, die er vom Kriegsschauplatze brachte, die Erzählung seiner griechischen Kämpfe hatten ihm das Vertrauen des finstern Greises erworben ... Schon auf dem Wege nach Symferopol gelangte die Kunde von dem Erscheinen der alliierten Flotte in der Bai von Kalamita zu ihnen, und während der Tabuntschik seine Rosse mit den Knechten weitersandte, wandte er sich selbst mit dem jungen Griechen nach der Küste, um Näheres von der Landung der Feinde zu erspähen. Mit Staunen bemerkte Nikolas Grivas an seinem alten Begleiter einen hohen Bildungsgrad und eine große Kenntnis in militärischen Dingen, die auf seine Frage der sonst über seine Vergangenheit sehr wortkarge Greis dahin erklärte, daß er den Franzosenkrieg mitgemacht habe. – Von fliehenden Tataren hatten sie die Nachricht der Schlacht an der Alma und von dem Rückzug der Russen nach Sebastopol gehört. Auf dem Wege dahin war es, daß sie von einer vorgeschobenen Reiterpatrouille der Engländer überrascht und festgenommen wurden, da der Befehl des Oberkommandierenden dahin ging, einige Bewohner des Landes ins Lager zu bringen, um von ihnen Nachricht über die Bewegungen der Feinde und die Festung zu erhalten.

Während die britischen Offiziere sich, wie oben erzählt, unterhielten, lag der greise Tabuntschik, auf den Arm gestützt, unter der Platane und betrachtete mit finsterm Blick bald die Feinde seines Landes, bald die weithin sich dehnende Aussicht auf die Bai und die bedrohte Stadt ... »Die Heiligen mögen ihre Augen verblenden,« sagte er endlich in spöttischem Tone in griechischer Sprache zu seinem jungen Begleiter, »daß sie sich an diesen ehernen Zitadellen der Nordseite ihre Schädel einrennen und die Schwächen der Festung im Süden nicht merken. Dennoch wollte ich mein altes Leben drum geben, wenn man diese hochmütigen Engländer und französischen Windbeutel dahinlocken könnte. Der Marsch durch die Defileen von Inkerman und das Tschernaja-Tal brächte sie bei richtiger Benutzung des Augenblicks in einen Sack, aus dem keiner Mutter Sohn lebendig wieder herauskommen sollte, und Mentschikoff ist der Mann dazu.« – »Kennt Ihr diese Gegend so genau?« – Der Alte fuhr sich mit der Hand über die Stirn ... »Ich habe in meiner Jugend einige Zeit hier zugebracht und auch in den letzten Jahren mehrfach die Krim bei meinem Pferdehandel durchstreift. Blicke dorthin, Grieche! links an dem Leuchtturm vorüber jenen dunklen Punkt – siehst du ihn?« – »Es scheint mir ein Turm.« – »Es sind die Ruinen von Inkerman. Dort teilt sich der Weg, der nach Osten führt nach Baktschiserai; zwei andere überschreiten die Tschernaja und führen nach dem Süden auf Balaclawa zu, der eine unter den Augen und den Kanonen der Festung vorüber, der andere hinter jenem Felsenzug verborgen – zwischen Bergen und Schluchten, ein richtiges Thermopylä, worin die Hunderttausende eines Darius verderben müßten, da der Rückzug leicht gesperrt werden kann. Ich wollte, ich hätte zwanzigtausend Mann Russen unter meinem Kommando und diese fünfzigtausend Engländer und Franzosen in jenen Schluchten!«

»Was meint Ihr, daß aus uns werden wird – werden sie uns als Kriegsgefangene auf die Schiffe bringen?« – »Der Teufel in ihre Seele! Hätte man uns nicht überrascht, als wir an der Quelle saßen und unsere Sättel verlassen hatten, ein Regiment ihrer Kavallerie hätte mich wenigstens nicht einholen sollen.« – Er streichelte freundlich die Nüstern des zottigen Pferdes an seiner Seite, das den Kopf zu ihm niederbeugte und ihm die Hand leckte. – »Hätte ich Buruk unter mir gehabt und ihm mein »Pascholl, Liebling« zugerufen, so hätte ich tagelang jeder Verfolgung spotten können; denn Buruk ist an jede Anstrengung der Steppe gewöhnt und hätte die neunzig Werst von Eupatoria bis Sebastopol in sechs Stunden zurückgelegt. Doch beruhige dich, Sohn! ich glaube, man wird uns freigeben, sowie die Operationen gegen die Werke begonnen haben. Die Toren ahnen nicht, daß ich Englisch verstehe und die strengen Befehle mit angehört habe, gegen die Bewohner des Landes mit möglichster Schonung zu verfahren.« – »Aber ich bin Grieche, und man wird Verdacht schöpfen.« – »Nicht, wenn du vorsichtig bist. Du bist mein Enkelsohn – der Enkel eines einfachen Tabuntschik, wie wir verabredet; alles andere überlasse mir. Da kommen die verräterischen Briten auf uns zu – russische List soll ihnen die Spitze bieten.«

Während die Offiziere zu den Gefangenen traten, um ihre Pferde näher zu betrachten und ein Gespräch anzuknüpfen, sah man einen Adjutanten rasch über die Bergfläche nach dem Biwak der Dragoner zu galoppieren ... »Du hast da ein recht boshaftes Pferd, Alterchen,« sagte der Major auf französisch, »doch scheint es kräftig und rasch zu sein. Ist es deine eigene Zucht?« – »Es ist ein Kind der Steppe, Gospodin,« antwortete der Tabuntschik; »seine Eigenschaften sind so so – bald gut, bald schlecht – man muß mit unsern Pferden umzugehen verstehen.« – »Du bist ein Roßhändler, wie du angegeben?« – »So ist es!« – »Dann wird es dir lieb sein, zu hören, daß dieser Herr hier dein Pferd dir abkaufen will.« – »Du scherzest, Gospodin; ein solches Pferd würde sich für einen Offizier nicht passen.« – »Was verlangt der Kerl für den Gaul?« fragte der junge Mann, der kein Französisch verstand, ungeduldig. – »Ich habe bereits gesagt, Herr,« beugte der Tabuntschik vor, »daß meine Knechte mit einem Transport Pferde auf dem Wege sind, zum Handel mit der Armee. Es sind bessere Pferde dabei, als dies hier, das nur gut ist für einen alten Tabuntschik, und das ich nicht verkaufen möchte, weil ich an seinen Gang gewöhnt bin.«

Dem Handel, dem der Roßhirt sich, trotz alles Widerspruchs, schwerlich auf die Dauer hätte entziehen können, wurde durch das Herbeispringen des Adjutanten ein Ende gemacht ... »Wo ist Major Ewelin?« – »Hier, Herr!« – »Oberst Kennedy läßt Sie bitten, die beiden Gefangenen, die Französisch sprechen, auf das schleunigste zu ihm ins Hauptquartier zu schicken. Ich werde sie begleiten.« – »Hier sind die beiden. – Besteigt eure Pferde, Männer, und folgt diesem Herrn. Hoffentlich werdet ihr keinen Fluchtversuch machen, denn ringsum stehen unsere Leute, und ihr würdet auf der Stelle niedergeknallt werden. – Ist etwas Neues los, Sir?« wandte er sich auf englisch wieder zu dem Offizier, während der Tabuntschik und sein Begleiter ihre Pferde zäumten und bestiegen.

Der Adjutant beugte sich zu dem Major nieder ... »Es sollen wichtige Mitteilungen von Paris eingetroffen sein. Man munkelt von einer Bewegung der Armee nach der andern Seite der Festung.« – So leise er gesprochen, so hatte das scharfe Ohr des Tabuntschik die Nachricht doch vernommen, und es zog wie Wetterleuchten über das alte verwitterte Gesicht. Er saß im Sattel ... »Wir sind fertig, Gospodin!« – »Vorwärts denn!« befahl der Adjutant. – »Leben Sie wohl, meine Herren.«

Sie trabten davon. Der Tabuntschik unterhielt sich unterwegs mit dem jungen Griechen in seiner Sprache. – »Ich habe eben gehört,« sagte er, »daß diese Engländer von einem Angriff auf der Südseite sprachen. Mögen die Heiligen geben, daß wir ihnen entwischen, um dem Fürsten diese wichtige Nachricht bringen zu können.« – So kamen sie zum Gezelt des Marschalls St.-Arnaud, worin der Kriegsrat versammelt war. Der Adjutant ließ seine Begleiter am Eingang, wo eine große Anzahl von Offizieren und Ordonnanzen versammelt war, unter dem Schutz der Wachen, um seine Meldung zu machen. Der scharfe Blick des Greises bemerkte mehrere gleich ihnen gefangene Eingeborene des Landes, die von Wachen herbeigebracht worden, offenbar, um befragt und verhört zu werden. Er winkte mit einer bezeichnenden Gebärde seinem jungen Gefährten. Sie hatten noch nicht lange gewartet, als Lord Cardigan, der Oberbefehlshaber der englischen Kavallerie, in Begleitung des Obersten Kennedy aus dem Zelte trat und der letztere sich suchend umschaute.

»Ah, da sind unsere Leute, Mylord,« sagte er, als sein Blick auf den Tabuntschik fiel. »Hierher, Alter, mit deinem Sohn, und folge uns!« – »Lassen Sie den jungen Mann zurückbleiben, Sir,« sprach der Lord. »Es wird gut sein, wenn man jeden einzeln befragt.« – Auf einen Wink des Generals mußte Grivas bei den Pferden zurückbleiben, während der Roßhirt den Offizieren in das Innere des Zeltes folgte ...

Die erste Abteilung ward von mehreren Adjutanten und Stabsoffizieren eingenommen, die auf Feldtischen Depeschen schrieben, während von Zeit zu Zeit der Chef des Generalstabes, Brigadegenaral de Martimprey, aus dem Innern kam, Befehle erteilend ... Lord Cardigan schlug den dicken Teppichvorhang zurück, der den Eingang in die mittlere große Abteilung des Zeltes bildete, und trat hinein, von dem alten Tabuntschik gefolgt, der auf seinen Wink am Eingange stehen blieb ... Rasch, gleich einem Blitz, überflog sein Auge die Versammlung ... Am andern Ende des Raumes lag auf einem mit Kissen bedeckten Feldbett, in einen Soldatenmantel gehüllt, der Marschall Saint-Arnaud, der Oberkommandierende des Landheeres. Die Seuche hatte tiefe Spuren auf das bleifarbene Antlitz des Generals gegraben, in tiefen, dunklen Ringen lagen die matten Augen, und mit Mühe hatte er den Kopf auf einen Arm gestützt, während der Generalstabsarzt Dr. Bernielle seine Linke in den Händen hielt und von Zeit zu Zeit dem Kranken einige Tropfen einer stärkenden Medizin reichte, oder ihn ermahnte, sich nicht anzustrengen. Vor dem Bett des Marschalls stand ein großer Tisch, auf dem eine Karte der Krim und ein ziemlich unvollständiger Plan der Festung Sebastopol lag. Zur Linken des Tisches saßen der Prinz Napoleon und die Generale Canrobert, Bosquet und Forey, während auf der andern Seite Lord Raglan, der Oberkommandant der britischen Armee, kenntlich an dem fehlenden Arm, mit dem Herzog von Cambridge und den englischen Generalen Brown, Lacy-Evans, England und Cathcart, nebst den Admiralen Dundas und Lyons, Platz genommen.

»Mein Urteil,« sprach eben Lord Raglan, »kann hier nicht entscheiden. Sie müssen wissen, Herr Marschall, wie weit Sie den Nachrichten, die der Kaiser Ihnen sendet, trauen können. Wir stehen hier vor den Forts, und ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, daß ein rascher Angriff von der Land- und Seeseite die Sache zur Entscheidung führen würde.« – »Die Nordforts sind stark, Mylord,« sagte der französische Oberkommandant mit matter Stimme, »wir würden unsere Truppen vergeblich opfern, wenn wir nicht erst durch schweres Belagerungsgeschütz Bresche gelegt hätten. Unser Spion in Berlin scheint vortrefflich unterrichtet; wir haben es in der Zahl der Truppen gesehen, die uns an der Alma gegenüber standen.« – Der Herzog von Cambridge nahm ein Papier vom Tisch. »Die Depesche ist so verteufelt kurz, daß sie nur wenig Anhalt bietet ... Der Angriff ist auf die Südseite zu verlegen – zuverlässige Nachrichten über Berlin melden, daß dort die Schwäche der Festung ist. Napoleon. – Voilà tout!«

In diesem Augenblicke beugte sich Lord Cardigan über den Tisch und sagte einige Worte. Aller Augen wandten sich nach dem Eingang des Zeltes, wo der Greis ruhig und scheinbar teilnahmlos stand. Der dicke Prinz Napoleon klemmte das Lorgnon ins Auge ... »Ist das Ihr Gefangener, der Französisch spricht, Mylord Cardigan?« – »Er ist es, Kaiserliche Hoheit, und ein so vorzügliches Französisch, wie Sie nur in den Salons von Paris es hören können.« – »Ah, diese Russen sprechen alle sehr gut die Sprache der zivilisierten Welt. Aber der Kerl dort sieht mir keineswegs aus, als gehörte er zu den bevorzugten Ständen.« – »Treten Sie näher, Mann,« sagte der General Bosquet rauh. »Wir haben keine Zeit zu Betrachtungen. Wollen die Herren ihn verhören, deren Gefangener er ist?«

Lord Raglan antwortete höflich ablehnend mit einer Handbewegung, und der französische General wandte sich sogleich wieder zu dem Roßhirten, der unbefangen durch den Kreis der glänzenden Offiziere bis zu dem Tische getreten war ... »Wie heißt Ihr, Freund, und was seid Ihr?« – »Michael der Tabuntschik, General; wenn Sie den russischen Ausdruck nicht verstehen, ein Roßzüchter und Roßhändler.« – »Seid Ihr hier zu Hause? Es ist seltsam, daß Ihr bei Eurem niederen Stande so fertig Französisch sprecht.« – »Ich bin Franzose, wie Sie, General!« – » Diantre – und hier in Rußland? Ihr müßt ein alter Mann sein, Freund.« – »Achtzig Jahre, Herr. Ich war Sergeant bei Monsons Kürassieren, wurde 1812 gefangen genommen und lebte seitdem in den Steppen oder Gebirgen dieses Landes, zuerst als Sklave, nach dem Tode meines Herrn auf eigene Hand.« – »So seid Ihr bekannt mit der Umgebung von Sebastopol?« – »Ich würde jeden Weg mit verbundenen Augen finden. Ich kenne jeden Stein des Gebirges.« – »Das wäre vortrefflich,« meinte der Prinz. »Wenn Sie Franzose sind, mein Herr, werden Sie wissen, was Sie Ihrem Vaterlande und Ihren Landsleuten schuldig sind und sich nicht weigern, uns einen wichtigen Dienst zu erzeigen.« – »Ich bin ein alter Mann, Herr, und habe länger als vierzig Jahre in diesem Lande gelebt,« meinte der Greis, »aber ich freue mich doch am Rande des Grabes unter Franzosen zu stehen und werde gern tun, was ich kann. Was wünschen Sie von mir?« – »Wir verlangen die Beantwortung einiger Fragen,« sagte General Bosquet. »Zunächst: können Sie beurteilen, welcher Punkt im Süden von Sebastopol sich für unsere Schiffe zu einer Landung eignen würde?« – »Ei, General, ich bin nicht Seemann, nur einfacher Soldat, aber da kann wenig die Frage sein. Da wäre zuerst die Kamiesch-Bai.« – »Sie liegt zu nahe für unsere Zwecke an der Festung!« – »Nun, Parbleu! dann ist Balaclawa der rechte Ort, und ein verteufelt guter Platz ist er, gegen die Stürme gedeckt, freilich ein bißchen eng ...« – »Ist der Ort stark verteidigt?« unterbrach der General ungeduldig die anscheinende Geschwätzigkeit des Alten, »sind die Festungswerke stark?« – »Ei, was denken Sie, General?« lachte der Greis, »da kennen Sie unsere Russen schlecht. Als ich das letztemal dort war, sah ich vier eiserne kleine Kanonen. Mit einer Kompagnie Ihrer Grenadiere jage ich die ganze Besatzung zum Teufel.«

Die Generale beugten sich über die Karte, um die Lage des bezeichneten Orts zu prüfen, und Lord Raglan wechselte leise einige Worte mit dem Marschall. Dann wandte er sich selbst zu dem Roßhirten ... »Wie weit ist Balaclawa von Sebastopol entfernt?« – »Dreizehn Werst oder drei Meilen, wenn Sie das lieber wollen, Herr.« – »Wie ist das Terrain beschaffen?« – »An der Küste Felsen und Schluchten, Herr, dann hebt es sich zum Plateau und senkt sich, von Höhlungen durchschnitten, nach Sebastopol hin.« – »Ist es möglich, um das Ende der Bai von Sebastopol mit einer Armee bis Balaclawa vorzudringen, ohne mit der Festung in Berührung zu kommen?«

Es herrschte lautlose Spannung auf diese Frage. Ein Blitz von Hohn und Freude zuckte in den Augwinkeln des Alten, doch nur einen Gedanken lang. Dann lachte er heiter und sagte: »Ei, General, wir Hirten im Gebirge kennen die Wege. Ihr könnt, wenn Ihr die Leuchttürme umgeht und die Gebirge zwischen Mekensyr und den Ruinen von Inkerman durchschneidet, an der Tschernaja-Brücke die Talschlucht gewinnen und vor Balaclawa stehen, ohne daß eine Katze in der Festung Euren Marsch bemerkt.«

Wiederum wurden leise einige Worte zwischen den beiden Ober-Kommandierenden gewechselt, dann befahl Lord Raglan, den Tabuntschik für einen Augenblick abtreten zu lassen, aber sorgfältig zu bewachen, damit er mit niemand ein Wort wechsele. Die Beratung der Generale war aber nur kurz, und der Tabuntschik wurde bald wieder herein geholt ... »Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz Napoleon,« sagte General Bosquet, »hat Sie bereits an Ihre französische Abstammung und die Pflichten derselben erinnert. Was Sie tun, tun Sie dem Erben des großen Kaisers. Es liegt uns daran, die Armee nach der Südseite der Festung zu führen, womöglich nach Balaclawa. Wollen Sie uns als Führer dienen, Mann, so soll Ihnen eine reiche Belohnung zu Teil werden. Im andern Falle müssen Sie in strenger Haft bleiben, denn Sie haben zuviel gehört, um Sie gehen lassen zu können.« – Der Tabuntschik schüttelte den Kopf ... »Ihre Drohung kann mich nicht schrecken, Herr, so wenig wie Ihre Versprechen mich reizen. Ich bin ein alter Mann, Herr, und hänge nicht am Leben. Aber ich habe nicht vergessen, daß Frankreich mein Vaterland ist, und bin bereit, Ihnen auf Gefahr meines Kopfes den Weg durch die Gebirge nach Balaclawa zu zeigen, wenn Sie mir gestatten wollen, zugleich meine Interessen zu besorgen, damit ich nicht zu Schaden komme.« – »Wie meint Ihr das, Freund?« fragte der Herzog von Cambridge. – »Ich bin ein Pferdehändler, wie Sie wissen,« sagte der Alte, »und komme aus der Steppe jenseits Perekop mit 300 mutigen Tieren, die um eine Tagereise hinter mir zurück sind. Wenn ich Ihnen den Weg zeige, fallen die Tiere in die Hände der Russen, und ich möchte dann nicht wagen, bei diesen mein Eigentum zu fordern.«

»Wir werden sie Ihnen abkaufen oder den Wert vergüten.« – »Ich bin ein Kaufmann, General, und lebe vom ehrlichen Handel. Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen diene, so lassen Sie mich meinem Eigentum entgegenziehen und meinen Leuten Anweisung geben, die Pferde in Ihr Lager zu bringen.« – »Das geht unter keinen Umständen,« sagte Bosquet rauh; »der Mann darf mit niemand mehr verkehren.« – Der alte Roßhirt lächelte spöttisch ... »Dann, General, erlauben Sie mir, daß ich mir wenigstens den Markt bei meinen neuen Landsleuten, den Russen, nicht verderbe.«

Es entstand eine kurze Pause. Der Greis hatte das Ansehen eines so entschiedenen Charakters, daß ein jeder begriff, Drohungen wären hier vergeblich ... »Fragen Sie den Mann,« stöhnte der Marschall, »wie er die Sache ausführen will.« – Der Tabuntschik trat einen Schritt näher zum Tisch ... »Ihr Mißtrauen sollte mich kränken,« sagte er ruhig und ernst, »doch ich will Ihnen selbst ein Mittel vorschlagen, unsere Interessen zu vereinigen. Draußen steht mein Enkelsohn, der mit mir gefangen wurde. Er versteht unsere Sprache, weiß aber natürlich nichts von dem Dienst, den ich Ihnen leisten soll. Lassen Sie ihn hereinkommen, geben Sie ihm ein sicheres Geleit durch Ihre Posten nach Eupatoria hin bis zum Weg nach Symferopol, und ich werde ihm hier in Ihrer Gegenwart seinen Auftrag erteilen. Sie selbst mögen hören, ob ich ihm mit einem Worte das Geheimnis verrate. Überdies bleibe ich in Ihren Händen, und Sie mögen mein Leben nehmen, wenn ich Sie täusche.« – Nach einer kurzen Beratung willigte man in den Vorschlag und ließ den Griechen hereinführen ... »Kennst du diesen Mann?« – »Er ist mein Großvater, Herr.« – »Wohl, sagen Sie ihm Ihren Auftrag.«

Der Tabuntschik wandte sich zu dem jungen Mann und sah ihm fest und ruhig ins Gesicht. Zu seinem Staunen bemerkte Nikolas, daß der Greis langsam, und ohne aufzufallen, das Erkennungszeichen der Hetärie machte, und begriff im Augenblick, daß die Unterredung eine doppelte Bedeutung haben werde und seine höchste Aufmerksamkeit fordere ... »Du weißt ungefähr, wo du unsere Pferde treffen wirst, Sohn?« – »Ja, Großvater.« – »Wohl. Du sollst ihnen entgegengehen, indes ich bei diesen Herren zurückbleibe. Sie haben die Pferde gekauft, und du sollst sie zu ihnen führen. Du mußt dich eilen, damit die Knechte sie nicht nach Baktschiserai bringen, denn dort wären sie für uns verloren. Morgen früh, wenn du deine Sache gut machst, können die Rosse bei uns sein.« – »Welchen Weg muß ich nehmen, Großvater?« – »Geh über die Katscha zurück und wende dich rechts in die Berge. Erinnere dich der Stelle, die ich dir heute morgen bezeichnete. Dort warte, sie müssen da vorüberkommen und rasten, wie wir ausgemacht haben.« – »Aber du, Großvater, wo bleibst du?« Es lag aufrichtige Besorgnis in dem Auge des jungen Mannes ... »Um mich kümmere dich nicht, Kind! Ich werde diese Herren nicht verlassen, und wir treffen, so die Heiligen wollen, morgen wieder zusammen. – Ich bin fertig mit meinem Auftrag. Sind Sie zufrieden damit, so geben Sie dem Knaben sein Geleit.«

Der französische General, der dem Marschall zunächst saß, unterzeichnete einen Paß durch die Vorposten ... »Lassen Sie den Burschen durch einen Offizier bis über die Posten jenseits der Katscha begleiten und ihn sogleich sich auf den Weg machen, General Vinoy.« – Der Genannte trennte sich von der Gruppe und winkte dem verkappten Griechen zu folgen ... »Noch eins,« sagte mit unbefangenem Ton der Tabuntschik. »Nimm den Buruk, Kind! er hat einen guten Gang durch die Gebirgswege.« – Grivas machte das Zeichen des russischen Grußes. Einen Moment lang streifte ein Blick des Verständnisses das feste, klare Auge des Greises, dann folgte er dem General aus dem Zelte.

Der kranke Marschall erhob sich mühsam und mit Unterstützung des Arztes in sitzende Stellung ... »So ist es denn beschlossen, wir gehen nach der Südseite, und ich schlage Ihnen vor, um Mitternacht aufzubrechen,« sagte er mit Anstrengung seiner Stimme. »Es wird nötig sein, daß ein Teil der Armee hier zurückbleibt, um die Russen über unsere Bewegung zu täuschen und sich hier mit allem Gepäck einzuschiffen. Ich werde den Zug mit Ihnen machen, meine Herren – aber ich fühle bei aller Anstrengung, daß ich nicht imstande sein werde, den Pflichten des Kommandos zu entsprechen, und bin gezwungen, es – einstweilen niederzulegen. Ich schlage Ihnen –« Der General an seiner Seite, der vorher den Paß unterzeichnet hatte, legte leise die Hand auf seinen Arm ... »Erlauben Sie, Herr Marschall, daß ich Sie unterbreche,« sagte er aufstehend. »Seine Majestät der Kaiser Napoleon hat in weisem Vorbedacht eines so unglücklichen Falles, der uns Ihrer Führung beraubt, die Gnade gehabt, mich unverdienterweise mit dem Oberbefehl der Armee zu beauftragen.« – »Sie haben also eine geheime Order, General Canrobert?« fragte der Kranke heftig. – »Einen Kaiserlichen Handbefehl,« entgegnete der General, indem er ein Papier aus seinem Portefeuille nahm und auf den Tisch legte. »Hier ist er.« –

Der Marschall griff krampfhaft danach und sah das Dokument einige Augenblicke an, dann schweifte sein Blick zu dem Prinzen hin, während seine schlaffen Mienen eine gewaltige Anstrengung, sich zu beherrschen, ausdrückten ... » Parbleu!« flüsterte er mit halberstickter Stimme. »Ihr Vetter, Monseigneur, ist ein vorsichtiger Herr!« Er sank in die Kissen zurück. – »Mein Gott!« rief der Herzog von Cambridge, »der Herr Marschall ist ohnmächtig!« – Während sich der Arzt mit dem Kranken beschäftigte, wandte sich General Canrobert mit höflicher Verbeugung zu dem britischen Oberbefehlshaber: »Wenn es Ihnen gefällig ist, Mylord, treffen wir sogleich die Bestimmungen und Anstalten für den Aufbruch der Armee.«

Der junge Grieche hatte vollkommen die Worte seines greisen Gefährten begriffen und den Grund, aus welchem er ihm sein eigenes Pferd zuwies. Er mußte dasselbe sogleich bei seinem Ausritt aus dem Zelte besteigen und unter Begleitung eines Offiziers der Spahis seinen Weg antreten. Obschon er mit dem Lande selbst wenig bekannt war, hoffte er doch bald, wenn er erst aus dem Bereich der Postenkette der alliierten Armee war, auf einen russischen Posten oder wenigstens auf Eingeborene zu stoßen, die imstande wären, ihm den Weg zu zeigen. Auf die vom Tabuntschik ihm gerühmten Eigenschaften des Steppenpferdes vertrauend, berechnete er, daß selbst von jenseits der Katscha ein scharfer Ritt ihn um Mitternacht nach Sebastopol bringen konnte. Wohl dachte er daran, sich schon früher seines in echt französischer Manier schwatzenden und ihn ziemlich verächtlich behandelnden Begleiters zu entledigen, und es hätte ihm auch keineswegs an Mut zum Versuch der Tat gefehlt, doch lehrte ihn ein Blick auf die kriegerische gewandte Gestalt und Haltung des afrikanischen Kavalleristen, daß er keinen geringen Gegner zu bekämpfen haben würde, und er überlegte, daß ein Mißglücken des Versuchs, ja selbst ein unberechenbarer Zufall beim Siege einen der zahlreich umher zerstreuten und auf der Straße nach Eupatoria hin- und herpassierenden Trupps feindlicher Krieger herbeiführen und die Ausführung seiner wichtigen Mission verhindern könnte.

Der Abend dunkelte bereits, als sie die Katscha überschritten hatten. Hier erklärte der Grieche seinem Begleiter, daß er sich zur Erreichung seines Zweckes rechts auf die Straße nach Aramkoi wenden müsse, und da der Offizier nur Order hatte, ihn über den Fluß hinauszubringen, auch an dem schweigsamen Mann wenig Gefallen fand, übergab er ihn einer türkischen Patrouille, die ihn bis über die äußersten Linien der Vedetten nach Osten bringen sollte, und wandte sein Pferd zur Rückkehr ... Nikolas Grivas, indem er neben seinem neuen Begleiter herritt, bemerkte, daß er hier im Bereich der türkischen Reserven war, die zum Teil noch an der Alma lagerten. An zwei Stellen mußte er den Passagierschein des Generals vorzeigen, und obschon die türkischen Offiziere, die ihn anhielten, kein Wort davon lesen konnten, hielt der französische Adler auf dem Papier sie doch in Respekt, und man sandte den Reiter von Posten zu Posten weiter.

Es war ein großes Bergplateau, auf dem, nach der Aussage des ihn begleitenden On-Baschis, der letzte Reiterposten der Türken stand, und mit ungeduldig klopfendem Herzen sah Nikolas Grivas ihn jetzt vor sich ... Es war einer jener milden Septemberabende, die in diesen Himmelsbreiten etwas unbeschreiblich Köstliches haben. Von dem hohen Plateau aus überflog der Blick den im Sternengefunkel, jener so eigentümlich prächtigen Erscheinung der südlichen Länder, ruhenden unendlichen Meeresspiegel, an dessen fernem Horizont noch einzelne jener rot-violetten und bläulichen Farbentöne auftauchten, die den Sonnenuntergang begleitet hatten: Farben, wie wir sie im Norden niemals auf Himmel und Erde schauen. Im Westen erhoben die Bergketten, in deren Mitte die alte Tatarenhauptstadt liegt, ihre dunklen Wände, – der Duft des Thymians und Lavendels, der den Boden bedeckte, aus dem hier und da ein wilder Feigenbaum oder die Korkeiche mit ihren breiten Ästen erhob, flog mit dem frischen Seewind über die Ebene; in weiter Entfernung voneinander leuchteten, gleich riesenhaften Glühkäfern, die Feuer der Posten und Wachen bis zur Alma hin ... An einem solchen Feuer am Eingang einer von Olivenbäumen bewachsenen Schlucht lagerte der äußerste Posten der Moslems, und an den wilden, phantastischen Gestalten, ihrer Kleidung und Bewaffnung erkannte der Grieche, daß die Krieger zu jenen türkischen Freischaren gehörten, deren Wiedersehen in seiner Erinnerung mit einem dämonischen und dennoch so schönen Bilde sich verknüpfte ... Wilde Blicke starrten ihn an, und manche nervige Faust faßte beim Anblick der verhaßten russischen Tracht nach dem Pistolenkolben oder dem Handjar im Leibbunde; doch des On-Baschis Nachricht, daß der große Pascha der Franken den Fremden unter seinen Schutz genommen und dieser in seinem Auftrage reise, zähmte die rachsüchtigen Begierden, und die Bozuks warfen sich wieder am Feuer nieder ... Der junge Mann hatte eben dem On-Baschi, der ihn hierher geleitet, das verlangte Trinkgeld gegeben und wandte sein Pferd, um durch die Schlucht zu galoppieren, denn er fürchtete mit Recht, daß ihm von den umherlagernden Halunken, die mit lüsternen Augen seinen Geldbeutel angesehen, im Dunkel eine Kugel nachgesandt werden könnte, als von dorther selbst Hufschlag erscholl und eine Reitergruppe sich der Stelle, auf der er noch hielt, rasch näherte.

Ein großer Molosserhund, den vergoldeten Samtreif um den Hals, sprang der Gruppe voraus, die aus einer türkischen Frau und etwa zwanzig arabischen und albanesischen Kriegern bestand. Neben der Türkin ritt, in lange weiße Gewänder gehüllt, auf prächtigem weißem Pferd ein arabischer Scheik, wie der hohe Reiterbusch auf seinem Turban zeigte ... Plötzlich hielt der Molosserhund in seinen Sprüngen an, hob die Nase in die Luft und stieß ein lautes Gebell aus, indem er mit weiten Sätzen auf den Griechen zustürzte, an dem Pferde emporsprang, dem Reiter die Füße leckte und sich wie toll gebärdete ... Der Ruf: »Scheitan! hierher!« scholl aus der Gruppe, ohne daß der Hund darauf hörte.

Bleich wie der Tod, saß der Grieche im Sattel; er hatte den Hund erkannt; er hatte die trotzige Stimme vernommen, die so oft schmeichelnd und demütig in unsäglicher Liebe seinen Namen genannt ... Fatinitza war dort – Fatinitza, die Rächerin – la Vengeresse! ... Er sah, wie sie mit dem Emir Abdallah näher und näher kam, erstaunt über das Gebaren des Hundes, – er hörte, wie sie die Männer der Wache nach ihm fragte, – er fühlte, wie sich die Augen des Mädchens auf ihn richteten, – seine Sinne wirbelten, seine Besonnenheit, fast sein Bewußtsein verließ ihn, er beugte den Kopf bis auf die Mähne seines Pferdes und preßte ihm die Sporen tief in die Seiten, daß es in weitem Satz davonsprang und wie rasend durch die Reitergruppe hindurch die Schlucht hinunter schoß.

Einen wilden Schrei hörte er hinter sich und den Ruf des Weibes: »Ihm nach, Abdallah, bei deinem Ring! Lebendig! lebendig bringe ihn!« Dann donnerten die Hufe der wilden Schar hinter ihm drein, dann hörte er das gellende Kampfgeschrei der Söhne der Wüste, die Befehle, die die Reiter rechts und links von der Schlucht zur Seite jagten, um ihm den Weg abzuschneiden. Als er wieder das Freie gewonnen, schien das ganze weite Plateau hinter ihm und um ihn lebendig geworden zu sein. Hundert dunkle Schatten stürmten gleich Gespenstern über die Fläche daher – das wilde Geschrei der Verfolger heulte wie der Jubelruf von tausend Dämonen um ihn ... Er gedachte der Wichtigkeit, die sein Leben, seine Freiheit in diesem Augenblick für eine große Nation, für die Hoffnung und Errettung seines eigenen Volkes hatte; – er schauderte bei dem Gedanken, in die Hände der Eumenide zu fallen, die sich an seine Fersen geheftet; er betete zu Gott und den Heiligen, daß sie seinem Pferde die Flügel des Windes verleihen, die Augen seiner Verfolger mit Nacht bedecken möchten; und in dem allen, in dem tobenden Aufruf seiner Seele, von Furcht, Hoffen, Verzweiflung fielen ihm die Worte des greisen Tabuntschik ein, und er beugte sich zu dem Ohr des Pferdes und flüsterte: »Pascholl, Liebling!« ... und das Roß der Steppe griff in weiten Sprüngen aus, und über Fels und Stein flog mit ihm wie der Sturmwind der wilde Hengst, seine Verfolger weit hinter sich lassend.

Aber einer war da, – den das Roß der Steppe nicht zu besiegen vermochte: Abdallah mit der weißen Stute Eidunih aus dem Geschlecht der Nedjhi – mit Eidunih, die an Schnelle mit dem Flügelroß des Propheten zu wetteifern vermochte; und als der Grieche das Haupt wandte und das weiße arabische Pferd hinter sich drein kommen sah, da wußte er, daß er verloren war; hatte er es doch selbst erprobt bei der Flucht nach der Kula von Protopapas! ... Er faßte das Pistol, das er in der Brusttasche unter dem Kaftan trug, spannte den Hahn, um seine Freiheit so teuer wie möglich zu verkaufen. Aber der Emir, sein Verfolger, schien nicht gewillt, den Vorteil zu benutzen, vielmehr bog er zur Seite ab, und dann erst ließ er seinem Renner die Zügel schießen, der ihn in wenig Augenblicken weit über den Verfolgten hinausbrachte. Dadurch zwang er ihn, von der geraden Richtung abzuweichen und sich zur Seite zu wenden; dies Manöver wiederholte der Sohn der Wüste einige Male, und ehe der Grieche es sich versah, war er ganz von seinem Wege entfernt und in einen weiten Kreis seiner Verfolger zurückgedrängt ... Vergebens kämpfte das mutige Steppenpferd um den Sieg; von allen Seiten tauchten die Gegner empor und sprengten gegen den jungen Mann. Noch einen Versuch machte er, das Gebirge zu gewinnen, indem er durch den Ring hindurchzubrechen versuchte und sein Pistol auf den Araber abschoß, der sich ihm entgegenwarf – im nächsten Augenblick aber sah er einen weißen Burnus, ein weißes Roß an sich vorüberschießen, eine Lanze wirbelte, von kräftiger Hand geschwungen, durch die Luft und traf ihn mit solcher Gewalt, daß er bewußtlos vom Pferde stürzte.

Als Nikolas Grivas wieder zu sich kam, empfand er durch die Art seiner Lage und der Bewegung, daß er, über ein Pferd geworfen, von diesem fortgetragen wurde. Seine Hände und Füße waren gebunden, sein Kopf mit einem Tuch bedeckt, so daß er nicht sehen und selbst nur mit Mühe atmen konnte. Dennoch fühlte er an dem schärfern Hauch des Seewindes, daß der Zug, der sich stumm und rasch vorwärts bewegte, seine Richtung nach dem Gestade des Meeres nahm. Die Verzweiflung des jungen Mannes war grenzenlos ... Das vermehrte Geräusch von Pferden, und der Ton von Stimmen, die sich unterredeten, benachrichtigte ihn, daß der Trupp sich einer großen Schar angeschlossen hatte. So ging es noch eine kurze Strecke weiter, dann machte der Zug plötzlich Halt, und er wurde hart, gleich einer leblosen Masse, auf den Felsboden geworfen ... Einige Augenblicke noch dauerte das Geräusch fort, dann entfernten sich die Reiter; doch fühlte er, daß der Hund in seiner Nähe geblieben war. Vergeblich waren all seine Anstrengungen, die Hände frei zu machen und die Hülle von seinem Gesicht zu entfernen; die Bande waren fest, und nach mehreren Versuchen ergab er sich in sein Schicksal.

Zwei Stimmen in seiner Nähe unterredeten sich. Er erkannte die klaren, scharfen Töne des Weibes, dessen Vertrauen er getäuscht, in dessen Händen er sich jetzt befand, und die tiefe, wohllautende Gutturalsprache des jungen arabischen Scheikhs ... »Was willst du mit dem verachteten Dschaur tun, Tochter des Propheten?« hörte er den jungen Krieger sagen. »Bei der schwarzen Kaaba von Mekka! laß mich einen Stoß mit dieser Klinge nach dem Herzen des Moskows tun und er hat, was ihm gebührt. Der Aga des großen Frankenmuschirs hat uns den Befehl gebracht, vorwärts zu gehen, und wir müssen ihm gehorchen!« – »Geh! Ich halte dich nicht!« ... Die Worte des Arabers hatten dem Griechen gezeigt, daß die Wölfin von Skadar das Geheimnis seiner Person bewahrt, und frische Lebenshoffnung schwellte aufs neue seine Brust ... »Ich kann dich hier nicht zurücklassen am Strande des tückischen Meeres, blutige Blume von Skadar,« sagte der Emir. »Deine Männer harren auf deinen Befehl, daß du sie gegen die Ungläubigen führst – Gehorsam ist die Zierde der Krieger, und die Fahne des Propheten ist entfaltet. Laß uns den Mann töten und weiter ziehen.« – »Kennst du diesen Ring, Emir Abdallah Ben Zarujah?« – »Mashallah! Bei dem Bart meines Vaters, dessen Gebeine in der Wüste von Yemen ruhen, – wie sollte ich ihn nicht kennen? Er ist ein Talisman meines Stammes, und ich gab ihn dir für Eidunih, mein Lieblingspferd, unter dem Feigenbaume von Dervenozista. Jedes Glied des Stammes der Zarujah wird gleich dem Blinden dem Willen dessen gehorchen, der diesen Ring ihm zeigt.« – »Wohl, Emir Abdallah – so gehorche du selbst und löse mit diesem Gehorsam den Ring aus, den meine Hand dir hier zurückgibt.«

Der Araber, den Überlieferungen seines Volkes getreu, beugte sein Haupt, indem er den Talisman aus den Händen des Mädchens nahm ... »Was befiehlst du, daß ich tue?« – »Dieser Mann ist dein Gefangener, deine Lanze warf ihn vom Pferde. Gib mir ihn und das Recht über sein Leben.« – »Der schmutzige Moskow ist ein schlechtes Geschenk – nimm ihn und tu mit ihm, wie dir gefällt. Bei dem Sarge des Propheten, der zwischen Himmel und Erde schwebt, – was kann der fremde Mann dich kümmern?« – »Emir Abdallah,« sagte das Mädchen mit tiefem Ton – »das Geschäft mit diesem Manne ist mein. Du hast mir Gutes erwiesen, als Asche auf meinem Haupte und der Fluch meines Vaters über mir war. Du hast dein Antlitz mir freundlich zugekehrt, als wir uns wiederfanden auf den Schiffen, die uns von Varna an dies Gestade führten, und Fatinitza, Selims Tochter, ist deine Schuldnerin. Jetzt, bei der Mutter, die dich gebar, höre meine Bitte: besteige dein Roß Eidunih und führe deine Schar und die meine, wohin uns geboten ist. Das Geschäft, das ich mit diesem Gefangenen habe, duldet keine Zeugen.«

Der Emir bestieg schweigend sein Pferd ... »Du wirst uns folgen, schwarze Rose des Epirus?« – »Ich folge dir!« – »Dieser Sklave könnte dir gefährlich werden, wenn du allein bist. Laß einige deiner Krieger bei dir bleiben!« – Das Weib lächelte verächtlich ... »Bin ich Fatinitza oder nicht? Überdies ist Scheitan bei mir – doch hegst du Besorgnis, so lasse fünf meiner Albanesen dort unten auf mich harren, daß sie den Knall meines Pistols hören können, ohne daß ihr Auge mich zu bespähen vermag. Emir Abdallah, geh – und der Prophet begleite dich.«

Der Araber schwenkte die Hand zum Zeichen seines Gehorsams und seines Grußes; dann wandte er sein Pferd und galoppierte davon ... Jetzt wußte Nikolas, daß er mit Fatinitza allein war. – Nach einer Pause von einigen Minuten wurde das Tuch von seinem Haupte entfernt. Er erhob sich auf die Knie und schaute um sich ... Es mochte nahe an Mitternacht sein nach dem Stande der Sterne, die bleiche schmale Sichel des Mondes erhob sich eben über die Gebirge im Osten und warf ihr gespenstisches Licht über die Felsen und über das in weißem Schaum zu seinen Füßen brandende Meer. Er befand sich auf hohem Felsenufer am Ausfluß der Katscha – kaum drei Schritt von ihm entfernt fiel die Klippe fast senkrecht zum Meer hinab ... Er wandte sein Auge nach der andern Seite, – dort stand die schlanke Gestalt des Weibes, das ihn einst so heiß geliebt; der Nachtwind spielte mit ihren weiten, dunklen Gewändern, und der bleiche Mondstrahl lag auf ihrem noch bleichern Gesicht, von dem sie den Yaschmak aus schwarzen Schleiern abgerissen. So stand sie, die Arme gekreuzt, das dunkle dämonische Auge auf ihn gerichtet, und zu ihren Füßen kauerte Scheitan, der riesige Molosserhund ... »Fatinitza!«

Der Name entfloh seiner keuchenden Brust, – ein Klang der alten Liebe, – die Angst – das Grauen mischten sich in diesen Ruf ... Die Türkin neigte verächtlich den Kopf ... »Du irrst, Nikolas Grivas – nicht Fatinitza, die Wölfin von Skadar, steht vor dir – sie starb im Turme von Protopapas – die Rächerin ist es, wie jene Franken sie nennen, die vor dir steht.« – »Fatinitza, höre mich an ...« – »Zweimal, Nikolas Grivas, habe ich dich gewarnt, in den Kreis meiner Augen zu treten. Das erstemal in jener Kula an den Leichen deiner Gefährten, – das zweitemal in Varna, als du verkleidet standest unter tausenden der meinen. Jetzt kommst du zum drittenmal in den Bereich meines Atems – du mußt sterben!« – »Höre mich, Fatinitza,« sagte mit milder Stimme der junge Mann, »ich bin nicht feig, ich fürchte den Tod nicht, und er soll mir willkommen sein von deiner Hand, die ich schwer gekränkt, die um mich gelitten, obschon – so wahr ein Gott über uns ist in dieser Stunde – ich nach Glauben und Pflicht nicht anders handeln konnte. Ich will sterben, aber ich flehe dich zuvor um eines – bei der Wonne, die ich einst an deinem Herzen getrunken – bei den Tagen voll Glück, die ich an deiner Seite verlebt – bei deiner Liebe zu mir, deren Gedächtnis keine Schmach und Rache verlöscht in dem klopfenden Herzen – um eines flehe ich dich – –«

Das Weib sah ihn starr an ... »Was willst du von mir?« – »Meine Ehre ist verpfändet, mein Name gebrandmarkt, wenn ich nicht diese Nacht Sebastopol erreiche. Noch ist es Zeit – noch kann verdoppelte Eile das Versäumte ersetzen – Weib – Teufel – Dämon – Ewiggeliebte – sende mich nach Sebastopol, und ich schwöre dir bei meinem Seelenheil, ich stelle mich morgen freiwillig als dein Opfer.«

Er rutschte auf den Knien zu ihr, er lag vor ihr – verzweifelnd, flehend – von dem Hauch ihres Mundes Gewährung heischend – der kräftige Mann ein verächtliches Rohr in der Hand eines Weibes, der Staub unter ihrer Sohle ... »Denkst du an den Turm von Skadar, Nikolas Grivas, und wie Fatinitzas Liebe dich aus deinem Kerker geholt?« – Er beugte das Haupt: »Ich gedenke dessen, o Fatinitza!« – »Als die Kugeln sausten und die Schwerter blitzten vor der Kula des Papowitsch Gradjani – gedenkst du der Stunde, als die Wölfin von Skadar, die Tochter des Propheten, den Feind ihres Volkes und ihres Glaubens aus den Armen Azraels gerettet, des Todesengels und geführt zu der Insel im See?« – »Barmherzigkeit, Weib – mit Flammenschrift ist es eingegraben in diesem Herzen!« – »Kennt Grivas, der Grieche, den Kiosk am See von Skadar, wo Fatinitza seine Wunden geheilt? Die dunklen Wellen des Sees, auf denen der Verräter einst geflohen und die, das Geheimnis zu wahren jetzt über den Leichen der drei Sklaven fluten, die den Kranken bedient im Kiosk!?«

Nur das Stöhnen des Mannes antwortete ihr ... »Wie der Pelikan mit seinem Herzblut das Junge nährt,« fuhr die Türkin eintönig fort, »also nährte Fatinitza an ihrem Herzen die Schlange, deren Gift sie verderben sollte. Tausend Eide schwor er ihr, während sie mit Gefahr ihres Lebens den greisen Vater hinterging und seinen Bitten trotzte; – und als die Stunde der Prüfung gekommen, da warf er sie fort wie ein geknicktes Rohr und floh zu seinen Freunden und lud den Fluch und den Tod des Vaters auf ihr verbrecherisches Haupt.« – »Dein Bild, Fatinitza, hat mich aus dem Lande meiner Väter über Land und Meer gejagt!« – »Sie liebte ihn – und er stieß den Dolch des Undanks und der Schande zweimal in ihre Brust! Sie liebte ihn und gab ihr Leben für ihn, und er erschlug ihr den Vater und warf ihren Leib, der sein eigen geworden, den Lüsten seiner Krieger vor! – Fluch – Fluch – dreifacher Fluch über dich, Nikolas Grivas! die Stunde ist da ... es ist Zeit, unsere Abrechnung zu schließen!«

Stumm – lautlos – lag er vor ihr im Staube ... »Du mußt nach Sebastopol, Nikolas Grivas?« fragte plötzlich die Türkin. – »Laß mich dort hin, oder töte mich zur Stelle! Meine Ehre ist verpfändet.« – Sie blickte kalt und ruhig auf ihn herunter, und ein leichter Hohn zuckte um ihren Mund ... »Ich will deine Bande durchschneiden, wandere durch die Gebirge zu der Stadt deiner Freunde – auf dein Haupt komme die Gefahr!« – Sie bückte sich und hatte, ehe er es noch bemerken konnte, die Fessel an seinen Füßen durchschnitten ... »Geh – du bist frei!«

Er versuchte, aufzustehen, aber taumelte; die Stricke hatten seine Füße so fest zusammengeschnürt, daß sie ohne Empfindung waren. Auch fühlte er, daß der Schlag des Lanzenschafts, der ihn zu Boden gestreckt, seinen Kopf noch immer betäubte ... »Allmächtiger Gott – ich kann nicht! Wie vermöchte ich Sebastopol zu erreichen ohne Pferd – ohne Mittel durch die Scharen der deinen zu dringen!« – Wiederum stand sie vor ihm mit ineinander geschlagenen Armen und schaute mit Hohn auf ihn ... »Nikolas Grivas – die Geschändete, Verfluchte will dich bis vor den Ort bringen, wohin du verlangst, wenn du ihr folgen willst – sie will dich zur Stelle führen, noch ehe der erste Morgenstrahl über jene Gebirge dämmert. Willst du ihr folgen?« – »Fatinitza – Retterin in der Not – du gibst mir doppelt das Leben zurück!« – »So harre meiner hier, indes ich die Vorbereitungen treffe. Zu dem Ziel, das wir zusammen erreichen wollen, liegt dort der Weg!«

Ihre Hand deutete nach dem Meer – dann glitt sie gewandt und leicht den Abhang hinunter und war im Augenblick verschwunden ... Der junge Mann hatte begriffen. Konnte er an der Küste hin in einem Boot den Eingang der Bai von Sebastopol oder eines der Forts erreichen, und das konnte in zwei, höchstens drei Stunden geschehen – so war keine Zeit verloren, sein Auftrag erfüllt und die Armee der Feinde in den Schluchten der Tschernaja verloren ... Es verging eine Viertelstunde, die dem jungen Mann zur Ewigkeit wurde. Er versuchte auf dem Felsplateau hin und her zu gehen, doch wenn er sich dem Abhang näherte, an dem Fatinitza verschwunden war, fand er Scheitan, den Molosserhund, ihm den Weg versperrend ... Endlich erschien die Türkin wieder und winkte ihm schweigend, zu folgen. Sie führte ihn hinunter zum Strande, der einsam und verlassen war und wo in einer Buchtung des Flusses ein Ruderboot schaukelte. Der kleine Mast war eingesetzt, leicht flatterte das Segel voran im Nachtwind.« – »Steig ein, Nikolas Grivas,« sagte das Mädchen, »unsere Zeit ist gemessen.« – Er hielt ihr die noch gefesselten Hände entgegen. – »Willst du die Bande nicht lösen, Fatinitza? – ich verstehe mich aufs Rudern.«

Sie neigte verneinend das Haupt ... »Du bist der Feind meines Volkes, und ich ein Weib und allein. Am See von Skadar hat mein Ruder mich oft zu dir getragen, als du verwundet lagst im Kiosk unter den Myrtengebüschen – diese Hand ist stark genug, uns auch jetzt durch die Brandung zu führen.« Auf ihren Wink nahm er im Vorderteil des Bootes Platz, während sie die Ruder ergriff. Scheitan, der Hund, hockte am Segelbaum, zwischen ihm und ihr, mit klugem Auge den Gefangenen bewachend und zuweilen seine Füße leckend, dann aber wieder, wenn er eine Bewegung machte, sich zu nähern, das scharfe weiße Gebiß gegen ihn fletschend. Mit kräftiger Hand nahm die Türkin das Ruder, – so stießen sie hinaus in die schäumende Brandung.

Mit den rückprallenden Wellen schoß das Boot über den weißen Rand dahin und befand sich in wenigen Minuten in verhältnismäßig ruhigem Wasser. Eine frische Brise wehte jetzt gegen Morgen von Nord-Osten her, und die Türkin legte die Ruder nieder, spannte das Segel und setzte sich an das Steuer. So saßen sie an beiden Schiffsenden einander gegenüber, während das Boot wie ein gespornter Renner durch die Wogen dahin flog, hinein in Nacht und Meer.

»Du entfernst dich zu weit vom Lande, Fatinitza,« sagte der Grieche, »wir werden sicherer sein im Schutz des Ufers, als auf der freien See.« – Das Weib lachte. Aber dies Lachen klang heiser und wild ... »Ich habe versprochen, dich nach Sebastopol zu führen; den Weg überlaß mir. Am Ufer kreuzen die Kähne, welche die Franken zu ihren Schiffen führen. Die Mündung des Bjelbeck, wo unsere Krieger lagern, ist belebt von den feuerschnaubenden Booten der Isauris.«

Der Grund schien genügend. In der Tat sah man in den Schatten des Ufers den Feuerschein mehrerer kleinen Dampfschiffe, die dort kreuzten und zwischen der Flotte und dem Lande hin und her glitten. Dennoch konnte der Grieche sich einer unbestimmten Angst nicht entschlagen, als das Boot immer weiter auf die Höhe des Meeres trieb. Mit Geschick wich die Türkin den dunklen Schiffskolossen aus, die, an den von ferne leuchtenden Gaffellaternen kenntlich, weithin das Meer bedeckten. Endlich löste sie das Tau, welches das Segel hielt, hob den Baum aus seiner Fuge und warf ihn über die Seite des Bootes. – »Um der Heiligen willen, was tust du?« – Er war aufgesprungen und haschte mit den gefesselten Händen nach der dahin treibenden Leinwand. – »Bleib auf deinem Platz, Nikolas Grivas,« sagte ruhig das Mädchen, »das Segel würde uns verraten, wenn wir an jenen Schiffen vorüber kommen. Die Ruder werden genügen.« – »Aber es ist Zeit, Fatinitza, daß wir wenden. Wir sind auf der Höhe der See, und der Eingang der Bucht ist fast eine Stunde ostwärts von uns entfernt. Wenn wir nicht eilen, so bricht der Tag herauf und wir wären verloren.«

Ein Plätschern – der Fall beider Ruder ins Wasser, – antwortete ihm ... »Wir sind es, Nikolas Grivas – wir sind auf der Höhe von Sebastopol – ich habe gehalten, was ich dir versprach. Jetzt, Nikolas Grivas, der du über den See von Skadar schwammst, um Fatinitza zu entfliehen – versuche deine Kraft, um dein Ziel zu erreichen.« – »Wahnsinnige – selbst wenn diese Arme nicht gefesselt wären, vermöchte ich nicht den dritten Teil dieser Entfernung zurückzulegen.« – »Es ist eine Sage in deinem Volke, von der du mir selbst erzählt hast im Kiosk am See und in den goldnen Gemächern des Harems meines Vaters, daß ein Grieche zu der Geliebten schwamm über die Gewässer, die dieses Meer mit dem deiner Heimat verbinden. Abydos nennt man die Stelle, wenn mein Gedächtnis deine Worte behalten. Es wäre schon wiederholt am Platze gewesen, auf Lord Byrons herrliche Gesänge, deren Schauplatz in jenen Ländern spielt, wie z. B. auf seine Dichtung »Die Braut von Abydos« – »Der Corsar« – »Lara« – »Der Giaur«, hinzuweisen. – Lord Byrons Werke sind, von der Kritik aufs günstigste aufgenommen, in einer neuen Gesamtausgabe, besorgt von Walter Heichen, im Verlage von A. Weichert-Berlin (NO. 43) erschienen. Was deine Väter um der Liebe zu einem Weibe willen vermochten, wird ein Grieche doch tun, um die Verratene zu verlassen!«

Ein finsterer Hohn lag in den Worten; er achtete nicht auf ihn – aufrecht stehend im Boot, verfolgten seine Augen die auf den Wogen davonschaukelnden Ruder, die er in der, östlich über den Felswänden von Sebastopol aufsteigenden Dämmerung noch zu erkennen vermochte ... »Fatinitza – rasch, rasch – löse den Strick von meinen Händen, daß ich den Rudern nachschwimmen und sie zurückholen kann.« – Er streckte ihr die Hände entgegen, während sein Auge nicht die Ruderstangen verließ, an deren Wiedergewinn ihre Rettung hing. Noch hatte seine Seele nicht die furchtbare Absicht des Mädchens begriffen ... »Tor – denke an dein Leben – nicht an jene gebrechlichen Ruder; dort ist Sebastopol, Nikolas Grivas – und hier werden wir sterben!«

Er starrte sie an, wild, verworren – wäre ihm der Tod gekommen im Schlachtgewühl von ihrer Hand – hätte sie ihn erschlagen, als er gefangen vor ihr lag – er hätte ihr Recht begriffen und wäre mutig gestorben. Jetzt aber, hier, so nahe dem Ziel, in dem Glauben gerettet, frei zu sein, bäumten alle Pulse des Lebens in ihm gegen das Gespenst des Sterbens sich auf, das in den Worten der Wölfin vor ihm emporstieg ... »Du bist der letzte von den Söhnen des Isauri,« fuhr das Weib fort, »die den Leib der Tochter Selims geschaut und berührt! – Jene Frechen, denen dein Verrat mich vorwarf gleich der Beute den wilden Tieren des Waldes, sind gestorben von dieser Hand, wie ich es geschworen in jener Stunde ... Dich hat Fatinitza geliebt! Darum bist du der letzte, und darum magst du sterben in Frieden mit deinem Gott!«

Ihre Hände zogen die beiden Pistolen aus dem Gürtel und spannten die Hähne ... »Tigerin – du willst mich kaltblütig morden?« Er sprang auf sie zu, doch im Nu richtete die riesige Dogge sich vor ihm auf und legte drohend die Pfoten auf seine Schultern. Fatinitza aber lächelte verächtlich ... »Nicht meine Hand soll den Tod dir geben, Hellene! der Gott unserer Väter richte über uns beide.« – Und die Läufe der Pistolen auf den Boden des Bootes richtend, wo die Fugen der Hölzer sich zusammenbinden, berührten ihre Finger die Drücker, und die Kugeln schlugen dicht nebeneinander ein Loch, durch das im Augenblick das Wasser hereinquoll ... »Halte ihn, Scheitan!« – Sie warf die Pistolen über Bord und erweiterte mit drei kräftigen Stößen ihres Handjars die Öffnung – und dann fiel die letzte Waffe ins Meer ... »Fatinitza, halt ein – du bereitest deinen eigenen Tod!« – Auf der bleichen Stirn des Türkenmädchens, um die, frei von den Schleiern, der Morgenwind die dunkeln Flechten trieb, lag die Majestät der Opferung. – »Der Mann, der in meinen Armen geruht im warmen Leben, wird darin liegen auch in jener Tiefe. Der Tod sühnt deinen Verrat und Fatinitza wird sterben mit dir!«

Er fiel auf die Knie, er preßte die gefesselten Hände vor die Augen, während Liebe, Reue, Verzweiflung, Schrecken seine Seele bestürmten, – dann wieder sprang er empor und schaute wild umher auf das Weib im Spiegel des Bootes, das jetzt ein Spiel der Wellen dahintrieb, auf die Wasserwüste umher – auf Himmel und Land; – seine Hände wanden sich verzweifelnd gegen die Bande, die sie fesselten, und seine Blicke begegneten voll Angst und Wut den traurigen Augen des Mädchens ... Über die Felsenhöhen von Sebastopol, das etwa eine halbe Meile entfernt lag, zog dämmernd der Morgen – und jener liebliche Stern – der Begleiter der Nacht, die Poesie aller Völker – wer ahnet wohl seine Deutung? wer weiß es, welche seligen Geister von ihm niederschauen? – begann zu erbleichen in jenem Licht, dessen Nahen er verkündet.

Heilige Ruhe lag über Wolken und See, und im Dunkel ruhte noch das Land, das bald erbeben sollte Nacht und Tag im Flammenschein von tausend Geschützen. Deutlich in der hereinbrechenden Dämmerung waren der Eingang der Bai und die riesigen Felsenforts zu seinen Seiten zu erkennen. Nach Norden und Westen zu hoben sich aus den Nebeln, die leise über das Meer hinballten, dunkle Kolosse, die Schiffe der Alliierten ... Im Abstande von kaum dreihundert Faden erblickte der verzweifelnde Mann eines derselben, das nächste von allen. Er hob die Arme winkend empor, sein Ruf um Hilfe, um Beistand scholl mit aller Anstrengung der Lungen über die See, bis seine Stimme heiser ward, bis er erschöpft auf die Bank des Bootes zurückfiel ... Das Wasser, das langsam und still in das Boot eindrang, stand bereits über den Knöcheln seiner Füße.

Das Mädchen lächelte traurig bei den wahnsinnigen Anstrengungen des Mannes. Sie wußte, daß der Wind jetzt hinein in die Bucht stand und kein menschlicher Ruf jene Schiffe erreichen konnte, daß mit jedem Augenblick, dem Strom des Meeres zur Bai folgend, der Todeskahn sich weiter von jenen Schiffen entfernte und sinken mußte, ehe die schnellste Rettung sie zu ereilen vermochte ... »Soll Fatinitza, die Wölfin von Skadar, einen Feigling geliebt haben? Willst du sie beschimpfen noch in ihrer letzten Stunde, da Azraël seinen schwarzen Fittich niedersenkt auf ihr Haupt?« – Er blickte starr auf sie ... In seinen Zügen kämpften gewaltig mit der menschlichen Schwäche und Furcht der Männerstolz, die Scham vor dem schwachen Weibe, vor seiner Mörderin, die mit ihm sterben wollte ... O, das Leben – das Leben – das nur einmal verloren geht! – verloren? – oder sollte es eine Wiederkehr geben – einen Kreislauf der Leben – ein Wiederkommen zur schönen Erde – ohne Wissen – in anderer Gestalt? – Wäre jene dunkle Erinnerung von gleichen Szenen, Bildern und Gestalten, die oft wie ein Blitz vergeht, das Zeichen einer Seelenwanderung?

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Wer löst die mächtigen Rätsel? Gott allein!

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Höher und höher schwoll die Flut im Kahn – ängstlich, keuchend sprang der Hund auf den Bänken des Bootes hin und her, – tiefer und tiefer sanken die Planken, die allein noch waren zwischen ihnen und der Ewigkeit ... »Laß uns beten, Geliebter – du zu deinem Gott, wie ich zu Allah und dem Propheten. Mein Haß ist dahin, wie meine Schande; der Gott der Christen und der Moslems wird für die Gereinigten nur ein Paradies haben!« – Und über die Berge zuckte ein lichter Strahl der noch verborgenen Sonne, die Meereshöhe vergoldend, und vom Fort Konstantin donnerte der Reveilleschuß über Land und See ... Der Kahn begann zu schwanken und sich zu drehen – laut heulte der Hund. –

»Dschel! – Dschel!« Komm! komm! und sie erhob sich.

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Bis über die Knie reichte die Flut, in der sie jetzt stand und über die Bänke hin mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuschritt ... »Dschel! – Dschel!« Das war jenes Wort, das erste, das er von ihren Lippen gehört – das Sirenenwort, das im Turme von Skadar ihm entgegenscholl, sinnverwirrend, von dem weichen Lager von Wolfsfellen, hinter dem Teppich des stillen Gemachs – – – »Dschel!« Und rascher und rascher drehte sich das Boot im Wirbel, und die See gurgelte herauf durch das Leck! ... Sie hatte ihn erreicht ... »Dschel!«

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Am Bord des Niger, der am Abend das 42. Regiment eingeschifft und jetzt, auf den Dampfer wartend, der ihn nach Süden bugsieren solle, auf der Höhe des Meeres vor Sebastopol lag, hatten Master Malcolm, der zweite Leutnant und der Midshipman Maubridge die letzte Nachtwache. Der Leutnant schritt auf dem Gangweg auf und ab, zuweilen einen Blick nach dem Tauwerk oder unwillig nach den Soldatengruppen werfend, die überall, in festem Schlaf umherlagernd, ihm den Weg versperrten. Die Morgendämmerung kam über die Berghöhen jenseits der Festung und fiel lichter und lichter auf die Fläche des Meeres. Der Leutnant blickte nach der Wanduhr, die ihm zeigte, daß in wenigen Minuten seine Wache zu Ende war, und sah sich nach dem Midshipman um, der dem Mann im Vorderkastell den Befehl bringen sollte, aufzupassen auf die Glocken.

Master Maubridge war jedoch nirgends zu schauen, und ärgerlich stieg der Leutnant zum Hinterdeck hinauf und ging nach dem Steuer. Neben dem Steuermannsmaat vom Dienst saß der alte Deckmeister Adams, der bereits seine Koje verlassen hatte und heraufgekommen war. Der Alte erhob sich sogleich, da er nur Offizier des Vorderkastells war und kein Recht an dem Platz auf dem Hinterdeck hatte ... »Guten Morgen, Sir,« sagte der Deckmeister. »Ich glaube, wir werden bei Sonnenaufgang eine Brise von Osten haben, und das hat mich heraufgetrieben noch vor den Glocken, damit alles in Ordnung sei. Je eher wir die Landkrebse wieder los werden, desto besser für die Ordnung auf dem alten Niger.« – »Haben Sie den Midshipman der Wache gesehen?« – »Master Maubridge, Sir?« – »Jawohl – Ihren Zögling. Gott verdamm seine Augen! Er macht Ihnen wenig Ehre.« – »Es ist ein junges Blut, Sir; aber vor einer Viertelstunde noch traf ich ihn an der großen Luke, wie er die Schildwacht den kleinen Gosset wecken hieß, der nach ihm die Wache hat.« – »Master Gosset wird sich hoffentlich bedanken, eher seine Hängematte zu verlassen, als das Glockenzeichen gegeben ist, denn wenn die jungen Halunken zusammen sind, treiben sie nichts wie Unheil. Goddam! ich glaube, da gibt es schon welches!«

Ein Lärmen auf dem Vorderkastell hatte sich erhoben, und man hörte eine laute Stimme eine Reihe von gälischen Flüchen, untermischt mit den wildesten Drohungen hervorsprudeln ... »So wahr meiner Mutter Sohn Angus-Mac-Mahor ist! ich schneide dem jungen Hunde die Kehle ab. Halte ihn fest, Evan Dhu! den jungen Schänder, bis dieser Brut mein hochländisches Messer die Ohren vom Schädel geschnitten hat.«

Ein fürchterliches Gebrüll des kleinen Gosset und der Hilferuf Frank Maubridges ließ den alten Deckmeister rasch die Treppe hinunterspringen und über die Beine und Tornister der Soldaten stolpernd nach dem Vorderschiff eilen. Der Leutnant folgte ihm, und die Szene, die sie hier erblickten, war, so lächerlich auch der Anblick war, nicht ohne Gefahr ... Ein riesiger Hochländer hatte den kleinen Gosset an der Kehle und hob und schüttelte ihn wie ein Rohr, im vollen Ernst bemüht, dem jungen Taugenichts mit seinem langen Messer die Ohren abzuschneiden, wogegen dieser natürlich mit Händen und Füßen sich wehrte, von Zeit zu Zeit, wenn die Eisenfaust des Soldaten ihm dazu Luft ließ, ein Zetergeschrei ausstoßend. Frank wehrte sich verzweifelt in den Händen eines zweiten Soldaten; ein Blick genügte dem Leutnant, die Ursache des Streites zu entdecken, denn beide Burschen hatten noch große Schiffspinsel in der Hand, und Master Frank sogar noch den Blechtopf mit Farbe, dessen sie sich bedient; die Physiognomien der beiden erbitterten Hochländer und mehrerer anderen, die sich, von dem Lärmen aufgeweckt, rings erhoben, aber sahen wahrhaft scheußlich aus, indem die Midshipmen ihren festen Schlaf benutzt hatten, die Gesichter ihnen mit den Querstreifen der Farben ihrer Plaids, Rot und Schwarz, zu bemalen.

Ein Faustschlag des alten Deckmeisters warf den Hochländer zurück, der Frank in seinen Händen hatte, und befreite den jungen Mann, der wie ein gejagter Hund durch die Gruppe schoß, auf den nächsten Hühnerkasten und von dort in das Takelwerk sprang und mit der Behendigkeit eines Affen an der Tauwand zum Mastkorb des Vordermastes emporrannte; denn mehrere der erbitterten Soldaten hatten ihre langen Dirks gezogen, als sie einer den andern so schändlich verunstaltet sahen, und Evan-Dhu, ein Mann von den Inseln, den Adam zu Boden geschlagen, machte sich bereit, dem Deckmeister ernstlich zu Leibe zu gehen.

Eine größere Mühe hatte der Leutnant gehabt, den Knaben Gosset aus der Faust seines erbitterten Gegners zu befreien, was ihm nur mit Hilfe einiger herbeikommenden Matrosen der Wache gelang, die den halb erwürgten Midshipman nach der Konstablerkammer schleppten. Dort brachten ihn einige Rippenstöße des eben zur Wache antretenden dritten Leutnants und ein ihm ins Gesicht gegossenes Waschbecken voll Wasser wieder auf die Beine ... Die hochländischen Soldaten, die sich anfangs der Rettung der beiden Verbrecher mit Gewalt hatten widersetzen wollen, wurden durch den Sergeantmajor ihrer Kompagnie und durch das Versprechen, daß die Midshipmen streng bestraft werden sollten, zur Ruhe gebracht. Sie legten sich jedoch nicht wieder zum Schlafe, sondern setzten sich, da sie noch kein Wasser zur Reinigung ihrer liebenswürdigen Physiognomien erhalten konnten und die schadenfrohen Matrosen ihnen die Eimer verweigerten, in ihre Plaids gehüllt, im Kreis zusammen, und die verdächtigen Blicke, die sie nach dem Mastkorb warfen, weissagten Master Frank, der nach überstandener Gefahr sie, die Hände in den Taschen, über die Brüstung seiner sicheren Stellung von oben herunter angrinste, nichts Gutes ... Leutnant Malcolm, der selbst ein Schotte war, ärgerte sich natürlich gewaltig über den nichtsnutzigen Streich der beiden Bursche, hatte aber den jungen Maubridge doch zu gern, um ihn einer Gefahr auszusetzen, und als die zwei Schläge auf die Schiffsglocke die Ablösung der ersten Morgenwache verkündet hatten und die Förmlichkeiten der Übergabe des Schiffes an den dritten Leutnant erfüllt waren, der mit Gosset heraufkam, riet er, den letzteren auf dem Hinterdeck zu behalten, und befahl Frank, sich über die Verbindungstaue nach dem Mastkorb des Hauptmastes zu begeben ... »Sobald Master Hunter auf Deck kommt, Erskine,« sagte er zu seinem Nachfolger, »zeigen Sie ihm die Sache an! Ich lasse ihn bitten, den jungen Halunken da oben den ganzen Tag im Mastkorbe zu lassen, damit ihm die Sonne die Haut so rot bratet, wie er sie den ehrlichen Kerlen dort gemacht hat, und diesen kleinen Tagedieb dazu. Schade, daß die beiden Burschen wie Gentlemen behandelt werden sollen, während ein Tauende ihnen das dienlichste sein würde. Gute Wache, Erskine!« – »Ich danke Ihnen, Master Macdonald, für die wohlwollende Absicht,« sagte Frank, der von dem unteren Korb des Hauptmastes die Worte gehört hatte, mit echter Midshipmen-Frechheit, »jedenfalls habe ich schon deshalb auf die Behandlung eines Gentlemans Anspruch, weil ich als solcher meine Wirtshausrechnungen selbst bezahle.« – Der zweite Leutnant rannte wütend die Luke hinunter, während Erskine lachte, denn es war bekannt, daß Malcolm, der der Sohn eines Werftaufsehers in Glasgow war, bei solchen Gelegenheiten sehr gern die besser gefüllten Börsen seiner Kameraden benutzte ... »Sie werden sich noch in ernste Ungelegenheiten bringen, Master Frank,« sagte Erskine, indem er die Treppe zum Hinterkastell emporstieg, »und alle Vorliebe des Kapitäns wird sie diesmal vor strenger Strafe nicht schützen können. Benutzen Sie die Zeit da oben, einen Ausguck zu halten.«

»Halt, Sir,« rief der junge Mann, »das hab' ich schon getan, seit ich hier oben bin. Ich bitte Sie, Erskine, lassen Sie mir durch Gosset das Nachtglas reichen. Ich sehe dort in der Entfernung einer halben Meile einen dunklen Gegenstand auf der See – zwischen uns und dem Ufer – aber das Licht ist noch nicht scharf genug, es zu erkennen, und James hier sagt mir, daß er schon seit einer halben Stunde das Ding beobachtet hat.«

Auf einen Wink des Leutnants brachte Gosset seinem Freunde das Nachtglas hinauf ... »Was ist es, Maubridge? Wahrscheinlich ein Rekognoszierboot vom Furious, das einen Kanonenschuß von uns liegt. »Es ist ein Boot, Sir, – aber keines der unseren. – Warten Sie – jetzt hab' ich den Burschen, und der Tag kommt. – So wahr der Baronet, mein Bruder, mir die schönste Odaliske in ganz Konstantinopel gestohlen hat – das Ding ist seltsam – zwei Personen sitzen in dem Boot, das ohne Ruder und Segel auf den Wellen treibt – in der Mitte ein großer Hund – die eine scheint russische Kleidung zu tragen – die andere ein Weib, ihre langen Zöpfe fliegen im Winde –« – »Zum Henker! was bedeutet das alles?« – »Ich weiß es nicht, – aber das Boot kentert und scheint leck – jetzt erhebt sich das Weib, breitet die Arme aus – Goddam! da kommt der erste Sonnenstrahl über die Gebirge und blendet mich –« »Es werden Unglückliche sein, die von einem Schiffe abgetrieben und in Not sind,« sagte der wackere Erskine. »Herunter, Frank, und in die Jolle, ihnen zu Hilfe! Master Adams – vier Matrosen von der Wache – rasch!«

Über die Felsen und die Bai von Sebastopol schossen glänzend die ersten Strahlen der Königin des Lichtes empor, weithin Land und Meer vergoldend – in ihrem Glanze ließ Frank Maubridge, der leichtherzige, kecke Midshipman des Niger, seine Blicke über den Spiegel des Meeres irren, das Boot suchend. – – Er suchte vergebens! – die Entfernung war zu groß ... weithin störte nichts – nichts den wogenden Spiegel der goldglitzernden Wellen ... »Zu spät – das Boot ist versunken – keine Spur mehr zu sehen!« – – – – – – –

Da ruhen sie, der Sohn des geknechteten Hellas, von den Armen des Türkenmädchens umschlungen – und, in ihre Gewänder verbissen, der treue Molosserhund; – da ruhen sie auf dem Felsengrunde des Pontus: – Nikolas Grivas, der Bruder des Caraiskakis, und Fatinitza, die Wölfin von Skadar! und der erste Sonnenstrahl über die Felsen von Taurien war ihr Grabbegleiter ... Da ruhen sie – die Donner von tausend Geschützen sangen elf Monden über ihrem Grab das Totenlied, wie nie in der Weltgeschichte ein zweites erklungen ist; und die Trümmer von Sebastopol sind ein riesiges Monument, das dieselben Vandalenhände zusammengehäuft, die unfern ihres Grabes die Reste von Iphigeniens Tempel zerstörten! ... Da ruhen sie – der Delphin zieht seine Kreise über der ewig bewegten Gruft, das Handelsschiff durchfurcht die Wellen, der Sturm türmt sie zu empörten Gebirgen, und Morgen um Morgen küßt der erste Sonnenstrahl über die Höhen des Tschadirdagh her ihren riesigen Sarg! ... Da ruhen sie – wiedervereint in des Meeres Tiefen, und die brennende Schmach der Palanka von Protopapas ist im Pontus erloschen!

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Also geschah's, daß die Armee der Alliierten durch die Schluchten der Tschernaja am 25. September ungehindert die Südseite von Sebastopol erreichte und Balaclawa nahm.


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