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Viertes Buch

Erstes Kapitel.
Alma und Sebastopol.

I. Die Schlacht an der Alma.

Der Roman hat den allgemeinen Gang der Begebenheiten so lange verlassen, daß wir dem Leser mit einem kurzen Überblick derselben bis zu der Katastrophe führen müssen, die sich jetzt im Süden bereitete ... Wir haben die Resultate der Verhandlungen der europäischen Kabinette über die orientalische Frage am Schluß unseres zweiten Bandes, also bis zum Frühjahre 1854, berichtet ... Auf Grund des zwischen Österreich und Preußen geschlossenen Allianztraktats zum Schutz der deutschen Interessen richtete das Wiener Kabinett nach Petersburg die Forderung auf Räumung der Fürstentümer. Unterm 29. Juni antwortete Graf Nesselrode mit der Erklärung, daß die Feindseligkeiten andererseits nicht fortgesetzt würden; Rußland stimme den Grundsätzen des Protokolls vom 9. April bei und wolle darauf den Frieden unterhandeln: Integrität der Türkei – Räumung der Fürstentümer – Konsolidierung der Rechte der Christen in der Türkei gemeinsam durch die Mächte. Auf diese Note der russischen Regierung erwiderten die Kabinette von London und Paris mit folgenden vier Forderungen: 1) Europäische Garantie für die Rechte der Donau-Fürstentümer; 2) Sicherung der freien Schiffahrt an der Donaumündung; 3) Revision des Vertrages von 1841 im Interesse des europäischen Gleichgewichts und im Sinne einer Beschränkung der russischen Macht auf dem Schwarzen Meere; 4) gemeinsame Forderung der Emanzipation der Christen, aber nur in einer mit den Souveränitätsrechten des Sultans vereinbaren Weise.

Die Forderungen waren offenbar so anmaßend und politisch gefährlich für Rußland, als unwürdig christlicher Staaten! Dennoch machte sie auch Österreich zu den seinen, während Preußen sich auf eine Vorlage in Petersburg und den Versuch beschränkte, sie mit den von Rußland vorgeschlagenen Grundbedingungen in Einklang zu bringen. Unterm 26. August verwarf Graf Nesselrode die übersandten Bedingungen, die offenbar den Zweck der Demütigung und Schwächung Rußlands zum Ziele hatten, höchstens einem durch langen Kampf geschwächten Reiche geboten werden könnten. Zugleich erklärte er, daß aus strategischen Gründen die Truppen hinter den Pruth zurückgezogen seien und Rußland sich fortan auf der Defensive halten werde.

In Asien waren während dieser Zeit die russischen Armeen fortwährend siegreich gegen die Türken gewesen. General Wrangel hatte ein feindliches Korps unter Selim-Pascha bei Bajazid vernichtet und beherrschte den Karawanenweg. Fürst Bebutoff schlug Zarif-Pascha bei Kurukdere aufs Haupt; aber die englischen Intriguen und englisches Gold, welches Schamyl bis unter die Mauern von Tiflis führten, nötigten die Sieger, sich gegen diesen Feind zu wenden ... Im Norden hielt unterdes die englisch-französische Flotte die Ostsee okkupiert, und englische Schiffe begannen jene Plünderung und Zerstörung unbeschützter Küstenstädte, die als eine ewige, aber keineswegs vereinzelte Schande auf der britischen Kriegsgeschichte haften wird. Wir führen als einziges Beispiel der englischen Humanität an, daß die Mannschaft einer Fregatte vierzig Frauen und Mädchen von einer der Alandsinseln auf ihr Schiff brachte, acht Tage lang zur Frönung ihrer Gelüste mit umher schleppte und dann die Unglücklichen fern von ihrer Heimat wieder ans Land setzte ... Aber es waren ja bloß Russen!

Am 16. August bombardierte die vereinigte Flotte das einem solchen Angriffe keineswegs gewachsene Bomarsund, und die französischen Landungstruppen unter General Baraguay d'Hilliers zwangen den Kommandanten, General Bodisco, zur Übergabe. – Die Befestigungen der Alandsinseln, offenbar von der russischen Politik bestimmt, später ein Zwingpontus der Ostsee zu werden, waren noch im Entstehen begriffen, die Station dieser Inseln aber, wie wir bereits bei einer früheren Gelegenheit bemerkten, galt für die Truppen in Petersburg als der nordische Kaukasus, das heißt, als eine Art Exil. Es muß anerkannt werden, daß die Zerstörung Bomarsunds und die spätere Friedensklausel, die die Befestigung der Alandsinseln verbietet, die nordeuropäischen Staaten vor einer großen politischen Gefahr oder wenigstens Bevormundung befreien kann.

Am 20. August war eine österreichische Armee in die Walachei eingerückt, Halim-Pascha schon am 8. August mit einem türkischen Korps in Bukarest angekommen. Omer-Pascha folgte ihm mit 25 000 Mann am 22. August und Fürst Gortschakoff, der nach der Abreise des greisen Fürsten von Warschau wieder allein das Oberkommando führte, räumte zu Ende des Monats vollständig die Moldau. Durch die Besetzung der Walachei nach dem Abzug der Russen verfolgte das Wiener Kabinett unter all diesen politischen Wirrnissen eine ebenso selbständige als schlaue Politik, die bei dem Streite der drei großen Nationen für die eigenen Interessen so viel wie möglich im Trüben fischte. Am 6. September zogen die Österreicher in Bukarest ein. Österreichs Verlangen an den deutschen Bundestag, ihm auch bei einem weitern agressiven Vorgehen den Rücken zu decken und seine Besetzung der Donau-Fürstentümer als eine deutsche Angelegenheit und für Deutschland unternommen zu schützen, scheiterte jedoch an der klaren und redlichen Politik des Königs von Preußen, der sich weigerte, den unterm 20. April geschlossenen Allianztraktat zu einer deutschen Mobilmachung gegen Rußland ausbeuten zu lassen, um von dessen Bedrängnis Zugeständnisse für Österreich zu erzwingen, und der die Fürsten des Deutschen Bundes bewog, allen Drohungen der englischen und französischen Presse gegenüber sich seiner strengen Neutralität anzuschließen.

Preußens Ehrlichkeit rettete Rußland – das ist eine Tatsache, die erst die spätere Geschichte würdigen wird. Den Dank – – – – – – – – – –

*

Goldener Sonnenschein lag über dem Pontus, dessen Wogen sich gleich der Brust eines Riesen hoben, bedrückt von einer ungewohnten Last ... Auf dem Hinterdeck der Fregatte »Niger«, nahe dem Steuer, stand ein bleicher Mann, die Hand auf die Wandtaue gestützt, und schaute auf das Gewühl ringsum, das den Spiegel des Meeres bedeckte, – auf die flache Küste, die sich von hohen Bergplateaux im Osten und Süden her hier in Steingeröll, in das blaue Meer verlief ... Es war der dreizehnte September, der Jahrestag der Schlacht an der Moskwa; – eine Armada, zahlreicher und stolzer als die des spanischen Philipp, bedeckte das Meer; die Küste vor den Augen des Mannes war die Küste von Eupatoria, die Bai von Kalamita, und der Mann mit dem kranken, bleichen Gesicht der englische Baronet Edward Maubridge.

Das Verdeck des »Niger« war dicht gefüllt mit Offizieren und Soldaten des 42. englischen Infanterie-Regiments von der Brigade des Generals Campbell. Das Feldgepäck lag an den Seitenwänden hoch aufgetürmt, zwischen den dichten Gruppen der Soldaten bewegte sich oft nur mühsam das Schiffsvolk und nahm sich wenig in acht, bei Gelegenheit durch einen Tritt oder Stoß seinen Groll an den verachteten Rotjacken oder Landratzen auszulassen, die seine Decke ungangbar machten. Einzelne Weiber, dieser unvermeidliche Ballast englischer Truppen, befanden sich im Vorderschiff ... Um den kranken Baron drängte und wogte es von Offizieren, die mit Kapitän Warburne über die Mittel ihrer Ausschiffung verhandelten und seinen Porter tranken ... Der Adjutant des Generals, der Befehle wegen der Ausschiffung gebracht und dessen Boot auf den blauen Wellen schaukelte, trat zu dem Baronet.

»Ich freue mich, Vetter,« sagte er, »Sie so weit wieder hergestellt zu sehen, daß Sie Zeuge unserer ersten Operationen sein können. Wie ich hörte, wurden Sie durch das Messer eines griechischen Banditen in der Nacht des Lazarett-Brandes in Varna verwundet?« – »So ist es, Kapitän Waller. Zum Glück glitt der Stoß an den Rippen ab, nur das dazu getretene Fieber hat mich sechs Wochen ans Krankenlager gefesselt. Es ist das erste mal, daß ich das Verdeck ohne Hilfe betrete, und wahrlich! der Anblick um mich her muß ein englisches Herz beleben.«

Er war in der Tat großartig. Die schwimmende Stadt bedeckte, in drei Linien formiert, so weit das Auge sah, das Meer. Segel an Segel, die wirbelnden Säulen von Rauch, die Flaggensignale, die tausend kreuzenden Boote gewährten ein ewig wechselndes Bild ... »Haben Sie noch einige Augenblicke Zeit, Vetter, so würden Sie mich durch eine kurze Übersicht unserer Operationen verbinden. Bei dem Treiben im Schiff war in den letzten Tagen zu keinem vernünftigen Wort zu kommen.« – »Oberst Lofter schreibt seine Antwort und das dauert sicher noch eine Viertelstunde, die ich Ihnen sehr gern widme. Ich war zufällig gestern am Bord des »Agamemnon«, des Flaggschiffs Sir Edward Lyons, und hörte da ausführlich die Dispositionen.« – »Vor allem, wie steht's mit der Gesundheit der Truppen?« – »Im Augenblick ziemlich günstig; es war aber die höchste Zeit, daß wir in Bewegung kamen. Bis Ende Juli waren von Portsmouth, Southampton, London, Marseille und Toulon 80 000 Mann nach Varna gebracht, aber die Cholera und die schlechte Verpflegung hatte uns im August auf 65 000 reduziert. Die unglückliche Expedition nach der Dobrudscha hat den Franzosen allein 6000 Mann gekostet.« – »Ich hörte davon. Sie begann am Tage meiner Verwundung.« – »Der Zug nach der Krim war zum August schon beschlossen, nur war man über die Landungsplätze und die Operationen selbst noch nicht einig. Sie wissen, daß am 5. die Einschiffungen begannen, am 9. trafen wir die ausgegangene französische Flotte an den Schlangeninseln, und das Gros ist seitdem vereinigt geblieben: 150 Kriegsschiffe, einschließlich 32 Linienschiffe 15 französische, 10 englische und 7 türkische. und 80 Dampfer, dazu 600 Transportschiffe.« – »Wer hat die letzteren geliefert?« – »Alle Welt, wir haben allein 73 Österreicher darunter.« – »Kennen Sie die Stärke unserer Truppen?« – »Ganz genau. Wir zählen 32 Bataillone, 10 Schwadronen und 24 Geschütze, etwa 26 000 Mann; die Franzosen 38 Bataillone, 4 Sappeur-Kompagnien und 72 Geschütze, dagegen an Kavallerie nur eine halbe Schwadron Spahis, im ganzen 32 000 Mann! doch ist, wie ich höre, gestern schon ein Dampfboot nach Varna zurückgegangen, mit dem Befehl für den Aufbruch der Reserven. Unsere würdigen Schutzbefohlenen, die Türken, sind 7000 Mann stark. Die Armee führt 5000 Pferde, 80 Belagerungsgeschütze, auf 39 Tage Proviant für 65 000 Mann und 1000 Schuß für jedes Geschütz mit. Wenn Sie bedenken, daß jede dieser 14 bis 16 Batterien mit ihrer Schmiede und ihrer Munition 30 oder 31 Wagen zählt, so ergibt dies schon an 450 Wagen mit fast 2000 Pferden Bespannung. Rechnen Sie dazu die Wagen mit Ingenieur-Gerätschaften, die Munitionswagen, die Lazarettwagen, das Gepäck und die Kavalleriepferde, so werden Sie sich einen Begriff dieses ungeheuren Transports machen, wie die Welt noch keinen zweiten gesehen.« – »Ich fürchte nur Unglück und Verwirrung.«

»Seien Sie unbesorgt! die Anstalten sind vortrefflich geordnet und, ich muß es gestehen, unsere jetzigen guten Freunde, die Franzosen, sind Meister in Arrangements. Die Oberbefehlshaber der Flotte, die Admirale Dundas und Hamelin, sorgen nur für die Sicherheit der Ladung. Vor Sebastopol kreuzen seit dem 10. die »Vengeance«, die »Retribution« und die »Fury«. Die Avisoschiffe trafen schon vorgestern auf den Stationen von Kap Baba bis zum Kap Lukull ein, und Lyons, der die Ausschiffung leitet, untersuchte selbst die Küsten. Die erste Linie der Schiffe beherrscht mit ihrem schweren Geschütze das Ufer weithin und führt den größten Teil der Infanterie an Bord. Auf der zweiten befindet sich die Kavallerie, auf der dritten die Artillerie und das Gepäck.« – »Wann wird die Landung beginnen?« – Der Offizier sah nach seiner Uhr ... »Es muß sogleich geschehen, und wenn Sie ein erträgliches Fernrohr haben, werden Sie von hier aus sie vollständig beobachten können. Doch sollen heute nur so viele Truppen ans Land gesetzt werden, um festen Fuß in Eupatoria fassen zu können, das nicht stark besetzt zu sein scheint. Die Hauptlandung beginnt morgen weiter südlich, und man hofft, jede Stunde 6-7000 Mann landen zu können.« – »Wann wird sich Lord Raglan ausschiffen?« – »Morgen. Er hat das genuesische Fort zu seinem Hauptquartier ausersehen, Marschall St.-Arnaud jedoch, der sich an Bord der »Ville de Paris« befindet, wird erst am nächsten Tage folgen. Man sagt, er sei nicht ungefährlich krank. Der Herzog von Cambridge ist bei dem Lord; Prinz Napoleon und General Canrobert sind auf dem »Valery« und »Montebello«. – »Wie weit ist der Ausschiffungspunkt von Sebastopol entfernt?« – »Sieben französische Meilen in gerader Linie, doch wird der Weg von zahlreichen Wasserscheiden durchschnitten.« – »Werden die Russen unserer Landung keinen Widerstand entgegensetzen?« – »An dieser flachen Küste wäre er unmöglich. Die Wahl, die Sir George Brown und Canrobert auf ihrer Rekognoszierung im Juli getroffen, ist vortrefflich. Sehen Sie, Edward, da gehen die Signale vom Flaggenschiff des Admirals in die Höhe und da kommt auch meine Depesche. Werden Sie mit ans Land gehen, Vetter?« – »Ich werde vorläufig bei Kapitän Warburne bleiben.« – »So leben Sie wohl und beeilen Sie sich mit Ihrer Genesung, um unserm Siege beiwohnen zu können.«

Er sprang ins Boot. Aller Augen und aller Interesse am Bord war jetzt von der beginnenden Ausschiffung auf dem linken Flügel in Anspruch genommen, die sich deutlich durch das Fernrohr verfolgen ließ. Die Ausschiffung des bestimmten Korps von 10 000 Mann erfolgte zwischen Kap Baba und der kleinen Stadt Eupatoria. Zwei französische, zwei englische Regimenter und 3000 Türken wurden in der Zeit von zwei Stunden ans Land gebracht. Die Boote und Fähren lagen seitlängs der Schiffe, die ungefähr 1600 Ellen sich vom Ufer befanden, und an deren Bord die Mannschaft in Abteilungen geordnet stand, wie sie mit ungeladenen Gewehren in vollem Marschgepäck die Boote betreten sollte. Sobald ein solches seine Ladung hatte, setzte es sich gegen den Strand in Bewegung bis auf die Entfernung von etwa fünfzig Ellen, wo die Mannschaften ins flache Wasser traten und nach dem Ufer wateten, auf dem sofort die Aufstellung erfolgte. Die Pferde wurden an den Schiffswinden aus dem Raume gehoben, in See gelassen und dort von den Gurten befreit, um nach dem Ufer zu schwimmen oder zu waten, wo man sie auffing ... Das Ganze – das Vorspiel des nächsten Tages – gewährte ein überaus belebtes Schauspiel. Ein französisches Jäger- und ein englisches Rifle-Bataillon waren die ersten am Lande, Zuaven und Türken folgten. Sobald ein Bataillon festen Fuß gefaßt, wurden Tirailleurs vorgeschickt; aber nirgends zeigte sich ein Feind, bis auf einige vereinzelte Kosaken, die sich in angemessener Entfernung hielten. Man glaubte, die russische Besatzung rüste in Eupatoria zum englischen Widerstande, und General Yussuf ging mit 4000 Engländern, Franzosen und Türken vor, um die Stadt zu stürmen, als die Plänkler die überraschende Nachricht brachten, daß sie so gut wie verlassen sei.

Auf diese Meldung hin wurde beschlossen, nur ein zur Besatzung genügendes Korps, das sofort zugleich die Befestigung der Stadt beginnen sollte, hier zurückzulassen und die weitere Ausschiffung südlicher vorzunehmen. Während der Nacht lichteten die Schiffe die Anker und segelten an der Küste vorbei in die Bai von Kalamita. Die »Ville de Paris« legte sich um 7 Uhr morgens dem alten Fort gegenüber und die ganze Flotte in der vorher bestimmten Ordnung um sie her. Um 8 Uhr gab der französische Admiral das Signal zur Ausschiffung, um halb 9 Uhr wehte die erste französische Flagge am Ufer; General Canrobert und der Kontreadmiral Bouet-Villaumet pflanzten auf der Küste die drei Flaggen auf, welche die Ausschiffungspunkte für die drei Divisionen bezeichneten. Eine halbe Stunde darauf war die ganze erste Division gelandet; die Feldartillerie wurde dabei in Barken ausgeschifft. Um Mittag war die ganze französische Armee mit 20 Feldgeschützen am Ufer, am Nachmittag wurden Pferde, Kanonen und Gepäck ans Land gebracht. Sobald die Kolonnen sich formiert hatten, schickten sie Tirailleurs voran und debouchierten das Ufer hinauf ... Die Engländer begannen ihre Ausschiffung um 9¾ Uhr und setzten sie mit Bequemlichkeit fort, so daß am Abend erst die Infanterie gelandet war.

Es war der 14. September, der Jahrestag des Einzugs in Moskau. Wie am Tage vorher, ließ sich kein Feind sehen, um die Landung zu verhindern. Nur ein einzelner Offizier, von einigen Kosaken gefolgt, hielt ruhig und beobachtend am Strande, schien sich ausführliche Notizen zu machen und zog sich erst zurück, als die ersten Truppen landeten. Auch da noch sah man ihn mit großer Kühnheit und Ruhe in der Entfernung etwa eines Minié-Schusses verweilen und seine Beobachtungen fortsetzen. Da man noch keine Kavallerie am Ufer hatte, wurde kein Versuch zu seiner Gefangennahme gemacht. Von den Engländern einer der ersten am Ufer war General Brown, und er begann sofort mit seiner gewöhnlichen Furchtlosigkeit und Gleichgültigkeit gegen Gefahr die Schlucht hinaufzusteigen, die den Bach ins Meer führt, und die in verschiedenen Windungen in das sich nach und nach hebende Land ausläuft ... In seiner Begleitung befand sich allein der Generalquartiermeister Airey, und beide waren so eifrig in ihrem Gespräch, daß sie nicht bemerkten, wie weit hinaus sie die Linie der Vorposten überschritten.

Die Flanke der französischen Vorposten nahm an dem Klippenhügel, auf dessen Höhe die Ruinen des genuesischen Kastells sich befanden, zunächst der englischen Ausschiffung das dritte Zuavenregiment ein. Die Mannschaften hatten ihre Gewehre zusammengestellt, jedoch die Ordre bekommen, beisammen zu bleiben. Plänkler waren durch die Ebene zerstreut und drangen langsam vor ... Auf der halben Höhe des Hügels, der mit Offiziersgruppen jeder Waffengattung besetzt war, stand der Stab des Regiments um Oberst Polkes versammelt, teils über die Ausschiffung und die nächsten Schritte der Armee verhandelnd, teils der Landung der Engländer zuschauend; unter ihnen Leutnant Kolonel Vikomte de Méricourt ... »Haben Sie über die Operationen Näheres gehört, Labrousse?« – Der Kommandant des ersten Bataillons zuckte die Achseln ... »Ihr Freund Sazé wird Besseres wissen. Ich sehe ihn dort den Hügel heraufkommen.« – Der Ordonnanzoffizier des Prinzen benutzte in der Tat einen freien Augenblick, um den Freund aufzusuchen, da nur wenig Pferde erst gelandet waren und er noch keinen Dienst tat.

»Soviel ich gehört,« sagte er auf die nach der Begrüßung wiederholte Frage, »liegen zwei verschiedene Systeme vor. Nach dem ersten System soll die Armee nach der Landung eine Schwenkung nach links machen, nach der Landenge von Perekop marschieren, den Russen eine Schlacht liefern und dann, gegen die anrückenden Hilfskräfte gesichert, die Belagerung von Sebastopol vornehmen. Nach dem zweiten System sollen wir uns rechts wenden, unverzüglich auf Sebastopol losrücken und es durch einen raschen Angriff nehmen, ehe Entsatz und Hilfe herbeizukommen vermögen.« – »Was werden wir tun?« – »Das wird in dem Kriegsrat beschlossen werden, der nach der Landung der Engländer bei dem Marschall stattfindet.« – »Sehen Sie da, meine Herren,« sagte ein großer, hagerer Offizier mit spanischem Gesichtsschnitt, »der Russe hat wahrhaftig den Teufel im Leibe! Ich glaube, er hat es auf den englischen General abgesehen.« – »Wo? was gibt's?« – »Seit einer Stunde schon,« antwortete der Kapitän, »beobachtet der Offizier dort, nebst seinen sieben Kosaken – der einzige Russe, der sich bis jetzt hat blicken lassen – unsere Ausschiffung. Da drüben den Hohlweg hinauf stiegen vor zehn Minuten zwei englische Generäle; die Klippen verhinderten sie, die Nähe des Feindes zu bemerken, und sie können leicht hier vor unseren Augen niedergeschossen werden. Sehen Sie – der Russe hat sie bemerkt und trifft seine Anstalten. Er scheint ein noch sehr junger Offizier, das Gegenstück zu dem Fratzengesicht an seiner Seite, – ich kann seine Mienen deutlich erkennen.« – »Erlauben Sie mir einen Augenblick Ihr Glas, Kapitän de Lara.« – »Mit Vergnügen.«

Der Spanier reichte dem Vikomte das kurze Feldperspektiv; deutlich, mit bloßen Augen, konnten alle der Szene folgen. Man sah, wie der Kosak neben dem Offizier mit der Lanze nach der Schlucht wies, in der man die Federhüte der beiden Generäle von Zeit zu Zeit zwischen dem Gestein sich nähernd erblickte, wie dann die Russen von den Pferden stiegen, die einer hinter die vorspringenden Felsen führte, und wie sie zwischen diesen sich verbargen. Plötzlich preßte die Hand des Vikomte fest den Arm seines Freundes ... »Nehmen Sie das Glas, Sazé – blicken Sie hin – erkennen Sie ihn?« – »Die Cholera soll mich haben, wenn das nicht der Fürst ist. Die Ähnlichkeit ist übrigens merkwürdig – eben kam ich an dem Biwak Ihrer kleinen Marketenderin vorbei und betrachtete mir das blasse Gesicht ihres verrückten Gehilfen.«

Die Gefahr der beiden englischen Oberoffiziere schien übrigens auch von anderen bemerkt worden zu sein als von der Gruppe der Zuaven-Offiziere. Ein Adjutant des Generals d'Autemarre flog den Hügel hinunter, und einige Augenblicke darauf hörte man die Hornsignale des Bataillons der afrikanischen Jäger, das am weitesten voran stand, wie sie die Tirailleurs zum Avancieren kommandierten.

Während die Bewegung ausgeführt wurde, sah man die beiden britischen Generale auf dem Plateau erscheinen, plötzlich Halt machen und dann in vollem Lauf zurückfliehen. Zugleich knallten mehrere Flintenschüsse, und der Rauch kräuselte sich über die Felsstücke her. Mit atemloser Spannung hing jedes Auge an dem Punkte, um die Lösung der kleinen Szene zu erkunden. Dann sah man aus dem Schutz der Steinwände den russischen Offizier mit seinen sieben Kosaken hervorjagen und quer die Ebene auf der Straße nach Sebastopol zu an der Kette der französischen Plänkler hinsprengen, die erfolglos den kecken Reitern mehrere Schüsse nachsandten ... »Wahrhaftig! der Bursche verdient, zu entkommen! Sehen Sie, wie er auf unsere Kugeln höflich salutiert – und da löst sich das Rätsel!« – Aus der Schlucht brachen etwa ein Dutzend britische Infanteristen hervor, die unbeachtet den Generalen nachgegangen und im glücklichen Augenblick zur Stelle gekommen waren, um mit ihrem Feuer die Kosaken zurückzujagen. Einer der letzteren – Olis, der Enkel des alten Häuptlings – wurde leicht ins Bein getroffen, – dies war das erste Blut, das auf dem Boden der Krim in diesem Kriege vergossen wurde. Ströme sollten bald folgen!

Die Franzosen hatten am Nachmittag ihre sämtlichen Pferde und ihre Bagage ans Land gebracht, die Engländer aber gefeiert. Dieser Verzug der Bequemlichkeit rächte sich alsbald, denn schon am Abend änderte sich plötzlich die Witterung, und von Mitternacht bis zum Morgen wüteten Windstöße und heftige Regengüsse. Ein böser Vorgeschmack für die englische Armee, dies Kampieren unter freiem Himmel, ohne Obdach, ohne Zelte. Die an hundert Bequemlichkeiten gewöhnten alten Generale, Lords und jungen Offiziere lagen im Platzregen am Ufer in durchweichten Decken, in Salzwasserpfützen, ohne Feuer, ohne Grog, ohne Aussicht auf warmes Frühstück, auf wohltätigen Kleiderwechsel. Und ringsumher zwanzigtausend pudelnasse Burschen, die sich in ihren Schiffsräumen von der Bescherung nichts hatten träumen lassen. Die Verzögerung rächte sich aber noch bitterer, indem das Wetter am 15. und 16. September fortdauerte und mit der Brandung der Wellen am Ufer die Ausschiffung der Pferde und Artillerie sehr erschwerte. Viel Pferdematerial ging dabei verloren. Das nasse Biwak übte seinen Einfluß auch auf den Gesundheitszustand aus, und einzelne Cholerafälle begannen sich wieder zu zeigen.

Der Kriegsrat am 15. September hatte sich für den direkten Marsch nach Sebastopol, dessen Nordbefestigungen man im Sturm zu erobern hoffte, entschieden. Vier Tage waren jedoch durch die Zögerung der Engländer nötig, um die übrige Artillerie, die Pferde, das Gepäck, die Proviantvorräte an das Ufer zu schaffen und um Vorbereitungen zu dem Marsche zu treffen ... Dann setzte sich das Gros der Armee gegen die Alma in Bewegung, auf deren Höhen, wie die tatarischen Spione die Nachricht brachten, Fürst Mentschikoff seine Stellung genommen hatte ... Die Armee rückte langsam und vorsichtig vor – die Flotten begleiteten sie zur Seite.

Der General-Gouverneur von Taurien, Marineminister Fürst Mentschikoff, gebot in jenem Augenblick in der Krim, außer der Flotte von Sebastopol und geringen Garnisonen in Kertsch, Baktschiserai und Perekop, nur über eine disponible Armee von 42 Bataillonen, 16 Schwadronen Kavallerie, 11 Sotnien Abteilung von hundert Mann. Kosaken, 72 Fuß- und 24 reitenden Geschützen, im ganzen etwa 35 000 Mann. Es wäre ein schwieriges, ja unmögliches Unternehmen gewesen, mit diesen geringen Kräften eine ausgedehnte Küste gegen die Landung einer so übermächtigen Armee und Flotte verteidigen zu wollen, oder gar die Offensive zu ergreifen. Der Fürst beschloß daher, zur Verteidigung Sebastopols, an der ersten Wasserscheide des Weges, am Flüßchen Alma, auf den vorteilhaft gelegenen Höhen eine Defensivstellung zu nehmen, um sich den Rückzug nach Sebastopol und zur Rechten nach den Höhen von Baktschiserai auf diese Weise zu sichern.

Es ist ein unaufgeklärtes Rätsel geblieben, warum man, nach den langen Vorbereitungen der Alliierten für die Krim-Expedition, die sich vom Anfang August nach der Rückkehr des französischen Korps aus der Dobrudscha nochmals bis zum September verzögerte, die Krim nicht stärker besetzt hatte, als mit einer Anzahl, die in keiner Weise dem Feinde die Spitze bieten konnte ... Man muß als Erklärung das Folgende annehmen: In Petersburg herrschte zunächst der Glaube, daß ein Angriff auf Sebastopol, wenn er versucht würde, von der Südseite aus erfolgen würde. Hier kannte man die Stärke der Festung und wußte, daß sie gleich Kronstadt den vereinigten Flotten Trotz bieten könnte. Einen Landangriff erwartete man höchstens in Bessarabien. Außerdem glaubte der Kaiser, die Kommunikationsmittel seien in solchem Zustande, daß bedeutende Truppenmassen schnell und leicht nach der Krim geworfen werden könnten; er glaubte, nachdem er seit drei Jahren nicht in Sebastopol gewesen war, die Landbefestigungen der Stadt, für die gleichfalls ungeheure Summen verwendet worden, so beschaffen, daß sie eine Belagerung aushalten könnten; er glaubte auch die Festung für ein halbes Jahr vollständig verproviantiert.

Dieser Glaube täuschte den Kaiser, – all seine Strenge hatte das Trugsystem der russischen Beamten und Lieferanten nur vorsichtiger gemacht, aber nicht unterdrückt. Hierzu kam, daß die russischen Behörden in den Heerlagern der Feinde zurzeit schlecht bedient waren.

In Konstantinopel war, wie wir früher gemeldet haben, der Hauptagent der russischen Interessen, Baron Oelsner von Montmartet, entdeckt und unschädlich gemacht worden, nachdem der Sieg der Partei des Seraskiers seine Beschützer verdrängt hatte; und in Varna war sein Hauptagent im Heerlager der Verbündeten, Gregor Caraiskakis, durch die Verkettung der Umstände ebenfalls vertrieben worden. Die Nachrichten, die seitdem das russische Gouvernement erhalten, waren schwankend und unsicher, und der trotzige, starre Sinne des General-Gouverneurs von Taurien hatte alle durch Nikolas Grivas ihm überbrachten Warnungen unbeachtet gelassen ... Daher kam es, daß 65 000 Mann ohne Kanonenschuß, ohne Schwertschlag an der Küste der Krim landen konnten, daß 65 000 Mann, von einer mächtigen Flotte flankiert, an den Höhen der Alma jetzt 35 000 Russen gegenüberstanden.

Das einzige, was die Russen bei der Annäherung der Alliierten-Flotte getan, war die Räumung der Gegend zwischen Eupatoria, Baktschiserai und Sebastopol von allen Hilfsmitteln, so daß der Feind nur wenig frischen Proviant vorfand und nur darauf angewiesen war, was ihm muhammedanische Tataren zuschleppten, wie auch empfindlich an Wassermangel litt.

Am 19. September begannen die Verbündeten vorzurücken: die Engländer auf dem linken, die Franzosen auf dem rechten Flügel, die Türken in der Reserve. Die Kavallerie des Lords Cardignan drängte die Vorposten der russischen Stellung zurück, und es entstand ein kurzes Plänklergefecht, worauf die Verbündeten Halt machten und an dem kleinen Flüßchen Bulganak, sieben Werst Eine deutsche Meile. von der Alma entfernt, für die Nacht biwakierten.

An einem Biwakfeuer der englischen Linie saßen gegen 11 Uhr nachts noch mehrere Offiziere der schottischen Garde-Füsiliere und von Coldstream, im Gespräch über die Vorbereitungen zur Schlacht, die Rückkehr ihres Führers von dem großen Kriegsrat erwartend, der in dem Hauptquartier des Marschalls, einem tatarischen Hof, gehalten wurde. Andere lagen, in ihre Mäntel gehüllt, am Boden und schliefen – vielleicht den letzten Schlaf ... Am Biwak entlang, im Nachtnebel, kam eine Reitergruppe ... »Da sind die Schotten, Herr Kamerad,« hörte man eine tiefe Stimme sagen; »der Kapitän muß dabei sein, Mac-Griffin wird Sie führen. Gute Nacht; auf glückliches Wiedersehen morgen auf jenen Höhen dort.« – Die Offiziere waren aufgesprungen, sie hatten die Stimme ihres Befehlshabers, Lords Bentinck, erkannt und salutierten, während er vorüberritt. Drei Offiziere, die sich von der Begleitung des Generals getrennt, kamen näher; zwei Franzosen waren darunter. – »Befindet sich Kapitän Morton von den Füsilieren bei Ihnen, meine Herren?« fragte der Adjutant. – »Ah, Sie sind's, Griffin! Willkommen; da werden wir hoffentlich Neuigkeiten hören.« – »Da liegt der Kapitän schon seit einer Stunde und schläft, wie es scheint, ziemlich unruhig.« – » Goddam! wie kann man so faul sein, wenn ein Dejeuner von Kanonenkugeln und kaltem Stahl uns erwartet. Der Angriff auf die Russen ist beschlossen, ich bringe bereits die Dispositionen für die Garde. Aber wecken Sie den Kapitän, hier sind zwei französische Bekanntschaften von ihm, die ihn zu sprechen wünschen.«

Die beiden Fremden waren zu Fuß und grüßten höflich die Gesellschaft; es waren der Vikomte und der deutsche Arzt. Aber es war nicht nötig, Kapitän Morton zu wecken, denn plötzlich fuhr er, der etwas abseits lag, aus dem Schlafe empor, sprang auf und schlug mit dem Degen in der Scheide, den er im Arm gehabt, heftig in die Luft ... Die Offiziere umher brachen in ein lautes Gelächter aus ... »Sie träumen, Kapitän, wir fechten erst morgen gegen die Russen!« – Der eine schüttelte ihn am Arm; der Schein des Feuers beleuchtete das blasse Gesicht des Briten, der mit wirren, offenbar noch von den Phantasien des Traumes erregten Blicken vor sich hinstarrte ... »Wo ist der Hellblaue hin? Ich ... ich sah ihn deutlich, wie er das Pistol hinter mir hob ...« – »Sie haben geträumt, Kapitän, und sind hier unter lauter ehrlichen Rotjacken, bis auf die beiden Herren da, die Sie zu besuchen kommen. Selbst unsere Feinde tragen grüne Uniformen.«

Der Offizier fuhr mit der Hand über das Gesicht, wie um seiner Sinne wieder vollständig Herr zu werden ... »Es schüttelte mich auf aus dem Schlaf – ich sah ihn so deutlich vor mir, daß es kaum möglich ist, daß ich geträumt. – Ah! Sie, Vikomte, und Sie mein alter Freund! Willkommen im Leben, das Sie für alle Leiden und Gefahren, die Sie bestanden, entschädigen möge.« – »Ich komme,« sagte der Arzt, »da bis jetzt mich immer Amt und Entfernung hinderten, Sie aufzusuchen, um Ihnen am Vorabend eines Tages, der uns leicht für immer trennen kann, meinen Dank zu sagen für die freundliche Teilnahme und Hilfe, die Sie, wie ich erfahren, meinem Schicksal gewidmet haben.«

Der Kapitän reichte ihm beide Hände ... »Ich war gewissermaßen schuld an Ihrer Verurteilung und hätte es mir nie vergeben können, wenn jenes schmähliche Urteil vollzogen worden wäre, von dessen Unrecht ich von Anfang an überzeugt war.« – »Der Prozeß unseres Freundes,« fügte der Colonel hinzu, »ist auf Betreiben des Generals Espinasse revidiert worden, worauf sein völliger Freispruch erfolgte. Sein Hauptankläger weigerte sich, nochmals gegen ihn aufzutreten.« – »Ich danke das eben Ihrer freundlichen Bemühung, Vikomte,« sagte der Arzt, »so gut wie die Bestätigung meiner Anstellung in Ihrem Regiment durch den Marschall.«

Im Kreise der Offiziere wurde zugleich der Name genannt. Der Adjutant erzählte, daß der Oberkommandant alle Vorbereitungen zum Kampfe seinem Generalstabe hatte überlassen müssen. Lord Raglan und General Martimprey hätten in Gegenwart des Marschalls die Gefechtsdispositionen entworfen, wobei derselbe kaum im stande war, durch Zeichen an der Beratung teilzunehmen ... »Im Kriegsrat,« fuhr er fort, »ist beschlossen worden, durch einen gleichzeitigen Frontalangriff beide Flanken des Feindes zu umgehen. Die Franzosen werden gegen den linken Flügel, wir gegen den rechten operieren. Unsere Truppen werden in doppelten, aneinanderstoßenden Kolonnen vorgehen, die Front aus zwei Divisionen wird von Tirailleurs und reitender Artillerie gedeckt. Die zweite Division unter Lacy Evans bildet, wo wir jetzt lagern, unsern rechten Flügel und schließt sich an die Division Napoleons. Sir George Brown nimmt den linken Flügel, Evans stützt sich auf Sir Richard England, Brown auf die Division des Herzogs von Cambridge und Sie werden morgen mit Tagesanbruch in diese Stellung rücken, meine Herren. Cathcart und die Kavallerie unter Generalmajor Graf Lucan bleiben in der Reserve, um Sie gegen die feindlichen Reiter zu decken. Das sind die Dispositionen und nun – gute Nacht, Gentlemen!«

Ferne Schüsse unterbrachen das Gespräch ... »Ich glaube, unsere Vorposten werden handgemein.« – Man vernahm nichts weiter – erst am andern Morgen verbreitete sich die Nachricht, daß der französische Oberstleutnant de la Gondi bei der Rückkehr vom Herzog von Cambridge zum Prinzen im Nebel in die Hände der Kosaken gefallen war. – »Auch wir müssen scheiden,« sagte der Vikomte, »denn einige Stunden Ruhe werden uns nötig sein für die morgende Anstrengung. Leben Sie wohl, Kapitän! hoffentlich besuchen Sie uns morgen Abend auf den erstürmten Höhen.« – Sir Morton hatte sie einige Schritte begleitet ... »Ich danke Ihnen für Ihren Wunsch, Kamerad,« sagte er ruhig und gefaßt, »indes lassen Sie mich Ihnen Lebewohl sagen, beiden, für immer! Ich werde den morgenden Abend nicht sehen.« – »Was machen Sie sich für Gedanken, Kapitän! Niemand weiß den Fall der blutigen Würfel einer Schlacht, aber der Soldat darf sich nicht damit den Mut schmälern, sondern muß kühn auf Glück und Sieg vertrauen.« – »Mein Mut, Vikomte,« sagte der Engländer ruhig, »wird hoffentlich über jeder Probe stehen. Doch, Freund, ich stamme aus dem Hochland, und Sie werden vielleicht gehört haben, daß in einigen unserer alten Familien die Gabe des zweiten Gesichts In der neuen Gesamtausgabe von Walter Scotts Meisterromanen, im Erscheinen begriffen bei A. Weichert (Berlin NO. 43), ist als 8. Band erschienen: »Der Graf mit dem zweiten Gesicht« und als interessante Lektüre zu empfehlen. Vorrätig in allen Buch- und Papierhandlungen, sowie sonstigen Bücherverkaufsstellen (à 50 Pfg. brosch.), auch direkt vom Verlag A. Weichert-Berlin gegen Voreinsendung in Briefmarken postfrei erhältlich. den Mitgliedern eigen ist.« – »Ich habe gehört davon!« – »Vielleicht erinnern Sie sich, Doktor, was ich Ihnen von dem Ende meines Vaters erzählte.«

Der Arzt nickte – er dachte der Vorbedeutung, die er vor kaum einem Jahre dem Italiener Pisani im Peragarten zu Konstantinopel mitteilte ... »Wohl – vor einer Stunde ist auch mir die Kunde meines Todes geworden. Der Blaue wird mich erschießen.« – »Sie haben lebhaft geträumt, Kapitän. Selbst die Farbe kann Sie beruhigen; unsere Gegner tragen bekanntlich die grüne Uniform.« Sir Morton schüttelte mit schmerzlich-ernstem Lächeln das Haupt ... »Ich täusche mich nicht und kann meinem Schicksal nicht entgehen. Das ist Soldatenlos. Leben Sie wohl, Freunde, und gedenken Sie meiner!« Er reichte beiden die Hand und verließ sie eilig. Sie kehrten zu ihrer Division zurück, die am Meeresufer biwakierte.

*

Der anbrechende Morgen zeigte einen heitern, klaren Himmel, sonnig und hell lag er über Berg, Tal und See.

Die verbündeten Truppen verließen um 6 Uhr ihre während der Nacht innegehabte Stellung und begannen den Angriff, während die Engländer mit ihrem gewöhnlichen Phlegma erst im Aufmarsch begriffen waren. Sämtliche Dampfboote hatten sich dem Vorgebirge Lukull genähert und machten sich fertig, das Feuer zu eröffnen.

Die Position, die der Fürst Mentschikoff gewählt, lag auf dem linken Ufer der Alma etwa 12 Werst von der Nordseite Sebastopols entfernt. Die Höhen treten dort hart an den Fluß heran und erheben sich um mehr als 100 Fuß über ihn. Bei dem im Grunde gelegenen tatarischen Dorfe Burlik führte eine hölzerne Brücke über den Fluß, die einzige auf seiner ganzen Länge. Er war zwar an mehreren Stellen mittels Furten von allen Truppengattungen leicht passierbar; das Flußtal wird aber durch Abhänge und Weinberge beengt. Obschon diese Defensivstellung durch die günstig gelegenen Höhen manchen Vorteil gewährte, hatte sie doch auch in taktischer Beziehung ihre Nachteile. Vorerst war sie zu ausgedehnt, um hinreichend von der geringen Anzahl der russischen Truppen besetzt werden zu können, und weiter konnte sich der linke Flügel nicht an das Meer stützen, da er hier unter dem Kreuzfeuer der alliierten Flotte gestanden hätte. Der Fürst hatte daher den linken Flügel zwei Werst vom Meer entfernt aufstellen müssen. Hier standen, in Kompagnie-Kolonnen formiert, die fünf Reserve-Bataillone des Bialystokschen und Tarutinskischen Jäger-Regiments. Die Reserve des Flügels bildete auf einer rückwärts gelegenen Höhe das Moskausche Infanterie-Regiment und das zweite Bataillon des Minskischen. Im Zentrum standen die leichten Batterien 1 und 2 der 16. Artillerie-Brigade links von der Straße von Eupatoria, hinter ihnen das Borodinsche Jäger-Regiment; rechts von der Straße die Batterie Nummer 1 in vorteilhafter Stellung, dahinter das Jäger-Regiment Großfürst Michael Nikolajewitsch und das Wladimirsche Infanterie-Regiment. Den rechten Flügel bildete das Susdalische Infanterie-Regiment mit 3 leichten Batterien, weiter rückwärts das Uglitzsche Jäger-Regiment mit 2 Batterien. Die Hauptreserve stand an der Straße, aus dem Wolinskischen und 3 Bataillonen des Minskischen Regiments mit einer leichten Batterie gebildet. Rechts davon hielt die Husaren-Brigade der 6. leichten Kavallerie-Division mit einer leichten reitenden Batterie. Elf Sotnien Kosaken befanden sich auf dem rechten Almaufer, das 6. Schützenbataillon und das kombinierte halbe See-Bataillon hielten die Weinberge und die Gärten der tatarischen Dörfer Burlik und Alma-Tamak besetzt; die Sappeur-Kompagnien standen an der Brücke.

Der Marschall St.-Arnault war, trotz seiner Krankheit, am Morgen des Schlachttages zu Pferde gestiegen und hielt 13 Stunden im Sattel aus. Von dem rechten Flügel der Verbündeten drang die Division Bosquet auf dem beschwerlichen Uferwege vor. Die Divisionen Canrobert und Prinz Napoleon rückten mit ihrer Artillerie gegen das Dorf Alma-Tamak; ihnen folgten als Reserve die vierte Division unter Forey, die Artillerie-Reserve unter Roujoux und die türkischen Truppen. Eine dichte Plänkerkette aus Zuaven, den Jägern von Vincennes und algerischen Schützen ging der Schlachtlinie voraus ... Erst um 10½ Uhr morgens begannen auch die Engländer das allgemeine Vorrücken. Die Division Evans, von einer mit Schutzbüchsen bewaffneten Schützenlinie gedeckt, marschierte gegen das Dorf Burliuk; ihr zur Linken die leichte Division Brown. Die Division Cathcart und die Kavallerie-Brigade des Lord Cardigan folgten dem linken Flügel als Reserve.

Es war gegen Mittag, als sich an den Höhen am Meere ein lebhaftes Gefecht zu entfalten begann, indem die Franzosen die Position zu stürmen suchten. Zugleich begann die Flotte ihr Feuer, und wider Erwarten der Russen erreichten die Kugeln aus den schweren Geschützen ihre Truppen. Unterm Schutz dieses Feuers überschritt die Brigade d'Autemarre, das 3. Zuaven-Regiment an ihrer Spitze, die Alma nahe ihrer Mündung und warf sich in die Schluchten, die steil von der Höhe abfallen. Das erste Bataillon unter Kommandant Labrousse versuchte, die Höhen zu erklimmen – das Feuer der vier russischen Bataillone warf es zurück.

Oberst de Bonnet ritt an das zweite Bataillon heran: »Leutnant-Kolonel Méricourt, Sie haben da Gelegenheit, das Patent des Kaisers einzuweihen und zu zeigen, was die Herren von der Garde können.« – Der Vikomte salutierte stumm. Dann wandte er sich zu den Reihen seiner Tapferen, die unaufhaltsam im Sturmschritt vorgingen ... »Die freiwilligen Kletterer!« – Zwölf Mann sprangen vor: zwei davon große Katzen im linken Arm, in dem zugleich das leichte Gewehr ruhte; François Bourdon, das Mitglied der Marianne, unter ihnen.

Der Führer zeigte mit der Säbelspitze nach oben; die steile, schroff abfallende Wand schien unerklimmbar. Einige Augenblicke standen die kühnen Wüstenkrieger und starrten die 100 Fuß hohe Felswand an, während die Kugeln der Russen in das Regiment schlugen. Ein bärtiger Korporal wandte sich zu dem jungen Pariser: »Einen Kuß von deiner hübschen Schwester, wenn ich dir den Weg zeige?« – » Sapristi! Sie wird mich auslösen! Zeige deine Kunst.« – Der Korporal streichelte im Kugelregen seine Katze: »Madame, Minette, Sie werden mich nicht um einen Kuß von Mademoiselle Bourdon bringen. En avant, meine Teure!«

Er warf sie gegen die Bergwand; einen Augenblick besah sich die Katze die Wand und versuchte, hinauf zu klettern, dann rannte sie an dem Abhang entlang nach dem Meere zu. Ein heiteres Gelächter der ganzen Reihe, und verschiedene ermunternde Zurufe begrüßten sie. Dann liefen in geübten Sprüngen die zwölf Vorkletterer ihr nach und verschwanden um eine Felswand. Gleich darauf erschien die Gestalt des jungen Parisers am Vorsprung und schwang den Feß ... »Sie haben den Weg!« rief Kapitän Parguez. – »Vorwärts, meine Braven!« kommandierte der Oberst. »Lalanne, nehmen Sie die Spitze. Vorsicht, meine Herren; Ruhe!« – Er war vom Pferde gesprungen, das Bataillon bereits an der Felswand, die nach der See abfiel. Einige tiefe Gerinne, die das Regenwasser seit Jahrhunderten hineingerissen, gingen bis zum Plateau. Das war der Weg, den die Katze genommen. Auf der Hälfte der Höhe sah man bereits die zwölf Zuaven klettern – einen Augenblick nachher war die ganze Felswand mit dem roten Feß, den blauen Jacken der kühnen Männer bedeckt.

Das erste Bataillon hatte sich wieder gesammelt; das dritte versuchte eben den Aufgang, als sein Kommandant fiel ... »Kapitän de Lara, nehmen Sie das Kommando! Vorwärts!« befahl der General d'Autemarre. – Wie die Katzen selbst, kletterte die tolle Schar an der Felswand hinauf, jeden Strauch, jeden Spalt benutzend, oft einer auf den Schultern des andern ... Erst das » Vive l'Empereur!« das von der Meeresseite her donnerte, belehrte die Russen, daß der unersteigbare Wall erstiegen, das Unmögliche möglich geworden war.

Die Brigade Bouat sollte die Zuaven und afrikanischen Jäger d'Autemarres unterstützen, aber sie konnte das Terrain nicht so rasch überwinden und verlor ihre Verbindung. Das 3. Zuaven- und das 50. Linien-Regiment und das Bataillon der afrikanischen Jäger, welche die Höhe gewonnen, befanden sich jetzt abgeschnitten und in schlimmer Gefahr, denn das Moskauische Regiment und zwei leichte Batterien eilten der linken Flanke der russischen Stellung zu Hilfe und die Geschütze nahmen, trotz des heftigen Feuers der Schiffe, Stellung am Rande des Plateaus und eröffneten ihr Feuer gegen die Franzosen, während der Stoß der Infanterie-Kolonnen sie in den Abgrund zu stürzen suchte ... Der Marschall sah die Gefahr der linken Angriffs-Kolonne und sandte die Brigade Lourmel zur Unterstützung nach. Zugleich brachten die Adjutanten dem Prinzen und Canrobert den Befehl, das Dorf Alma-Tamak und die anschließenden Höhen nach dem Meere hin zu nehmen. Die Brigade d'Aurelle rückte zur Unterstützung Canroberts heran, welcher die Anhöhen bereits zu ersteigen begann und die Artillerie-Reserve Roujoux eröffnete ihr Feuer ... Das schaffte den Verwegenen auf dem Plateau Luft, denn das Tarutinskische Regiment und die Reserve-Bataillone der Bialystokschen und Brestschen Infanterie mußten sich gegen den Frontalangriff wenden. Vier starke französische Divisionen, unterstützt von 70 Geschützen, kämpften jetzt gegen den linken russischen Flügel. Dennoch wichen die Tapfern nur Schritt um Schritt. Drei Bataillone des Minskischen Regiments, das Husaren-Regiment Großherzog Sachsen-Weimar und drei Batterien eilten ihr zu Hilfe, doch vergeblich; jeder Fußbreit wurde mit dem Bajonett verteidigt – vergeblich! Die Übermacht drückte die Tapfern zurück, und die Bomben der See-Artillerie fielen, Verderben sprühend, mitten in ihre Haufen. Oberst Prichodyn, der Kommandant des Minskschen, Generalmajor Kurtianoff, der Führer des Moskauschen Regiments, sanken in ihr Blut, und fast sämtliche Bataillons- und Kompagnie-Kommandanten beider Regimenter wurden in diesem wütenden Kampfe verwundet.

Auf der Höhe an der Straße von Eupatoria hielt der Fürst mit seinem Generalstabe, die Schlacht beobachtend. Das finstere, trotzige Gesicht blieb den Engländern zugewandt, die er persönlich haßte und deren Intrigen er all sein Mißlingen in Konstantinopel zuschrieb. Das Dorf Burliuk, von den Russen angezündet, stand in vollen Flammen, und der breite Flammengürtel verhinderte die Briten am geraden Vordringen. Zwei Regimenter der Brigade Adams forcierten eine Furt zur rechten Seite, während Generalmajor Pennefather mit dem 30., 55., 95. und 45. Regiment links das Dorf umging, von dem Feuer der russischen Schützen, des See- und Sappeur-Bataillons empfangen. Das Kartätschenfeuer der englischen Artillerie warf die russischen Schützen aus dem Dorfe und den Weingärten zurück auf das linke Almaufer. Jetzt sandte der Fürst den Befehl zum Abbruch der Brücke. Die Stabskapitäne Ananisch und Janizin führten ihn unter dem heftigen Kugelregen in 32 Minuten aus ... Während so die Division Evans das Zentrum stürmte, warf sich die leichte Division General Browns auf den rechten russischen Flügel. General Codrington suchte eine Redoute zu nehmen und wurde zurückgeworfen. Das 7., 23. und 33. britische Infanterie-Regiment verloren fast die Hälfte ihrer Leute; General Buller mit der zweiten Brigade rückte zur Unterstützung an, aber ohne Erfolg; da sendet Lord Raglan die Division des Herzogs von Cambridge und sie überschreiten den Fluß. Die Garden gewinnen unter dem Kartätschenfeuer von 36 Geschützen die Höhen; vergeblich wirft der General der Infanterie, Fürst Gortschakoff, welcher hier kommandiert, Jäger und Artillerie in das Gefecht, die englischen Jäger besetzen die Weingärten, die Garde formiert sich in Front auf der Höhe und eröffnet ein verheerendes Bataillonsfeuer, und die Brigade Pennefather und die Highlanders (Hochländer) drängen das Zentrum zurück.

Vergeblich auch stürzen sich das Jäger-Regiment des Großfürsten Michael Nikolajewitsch und das Wladimirsche Infanterie-Regiment dreimal mit dem Bajonett auf den Feind; die Engländer bewahren in dieser einzigen Schlacht des orientalischen Feldzuges ihren alten Ruhm, und von den Kugeln ihrer Jäger fallen die russischen Offiziere und Kanoniere an ihren Geschützen. Dem Fürsten Gortschakoff werden zwei Pferde unterm Leibe getötet, sein Mantel ist von Kugeln durchlöchert, der Kommandant der 16. Division, Generalleutnant Kwizinski, beide Brigade-Kommandeure, zwei Regiments-Kommandanten sind gefährlich verwundet, fast sämtliche Bataillons- und Kompagnieführer sind getötet oder kampfunfähig, das Wladimirsche Regiment allein hat 49 Offiziere und 1500 Mann verloren, die Artillerie muß wegen Mangels an Bedienung ihr Feuer einstellen.

Auch der Verlust der Engländer ist groß. Unter der tödlichen Kugelsaat, unter den wütenden Bajonettangriffen der Russen bleibt Kapitän Morton von der hochländischen Garde unberührt, – die Russen weichen; seine Kameraden spotten über sein zweites Gesicht ... Die Übermacht der Alliierten durch die Zahl und die bessere Bewaffnung an Büchsen mußte den Sieg erringen. Fürst Mentschikoff, welcher fürchtete, von Sebastopol abgeschnitten zu werden, befahl General Gortschakoff, das Zentrum und den linken Flügel nach der zwei Werst südlicher gelegenen Position an der Katscha zurückzuführen. Hier stieß auch der linke Flügel dazu, der bis zum Augenblick des allgemeinen Rückzugs, also fast vier Stunden lang, den Stoß der sämtlichen vier französischen Divisionen ausgehalten hatte. Das Jäger-Regiment des Großfürsten Michael und die Trümmer des Wladimirschen Regiments deckten den Rückzug der Artillerie. Obschon fast alle Artilleriepferde erschossen worden, blieben nur zwei Geschütze von der Batterie Nr. 1 der 16. Artillerie-Brigade in den Händen der Feinde. Der tapfere Kommandant der russischen Artillerie, Generalmajor Kischinski, nahm auf den nächsten Höhenrücken mit 24 Geschützen neue Stellung; das Wolinskische Infanterie-Regiment marschierte in Schlachtordnung auf, und die Kosaken und die Husaren warfen sich gegen die englische Kavallerie, die fast noch gar nicht am Kampfe teilgenommen. Ebenso waren die Türken und die Division Cathcart in Reserve geblieben ... Bei jeder neuen Bewegung machten die Alliierten in ihrer Verfolgung Halt, und der Fürst konnte seine Truppen bis an die Katscha zurückziehen. Während der Nacht überschritt die russische Armee den Fluß, bezog Biwaks, ohne vom Feind beunruhigt zu werden, und passierte am Morgen die Brücke von Inkerman. Die Russen hatten 1892 Mann an Toten – darunter 1 General und 46 Offiziere, 2698 Verwundete, darunter 3 Generale und 84 Offiziere, im ganzen mit den Kontusionierten und verwundet auf dem Schlachtfelde Gebliebenen fast 6000 Mann verloren. Der Verlust der Alliierten kann ebenso hoch geschätzt werden, obschon ihn der offizielle Bericht nur auf 4301 Mann angiebt, denn der Moniteur berichtete einige Wochen später, daß sich noch 2060 verwundete Engländer in den Hospitälern befänden, und der Herzog von Cambridge schrieb nach der Schlacht in einem seiner Briefe nach London, daß, wenn die Engländer noch einen solchen Sieg erfechten würden, England keine Armee mehr habe. – – – –

Die Schlacht war zu Ende, auf den Höhen, die die britischen Garden genommen, lagerten, nahe den blutgedüngten Weingärten, die Garden des Brigade-Generals Bentinck ... Es war Abend, die Gefahr vorüber, und Kapitän Morton hatte bereits seiner Kompagnie den Befehl gegeben, die Gewehre zusammenzustellen und das Biwak zu bereiten. Mac Griffin, der Adjutant des Generals, gratulierte eben spottend dem Kapitän, daß dieser so glücklich dem Blutbade entkommen, glücklicher als er selbst, der den Arm in der Binde trug ... Plötzlich fiel ein Pistolenschuß aus einem nahen dürren Ginsterbusch, und Kapitän Morton, gerade durch das Rückgrat getroffen, sank leblos zu Boden ... Soldaten der Kompagnie stürzten erbittert hinzu – sie fanden im Ginsterbusch einen schwer verwundeten russischen Husaren in hellblauer Uniform. Er lag im Sterben und schien mit letzter Kraft das Pistol auf den verhaßten Feind abgefeuert zu haben. Zehn Bajonette durchbohrten seine Brust.

Das zweite Gesicht hatte sich erfüllt!

II. Sebastopol

Fürst Mentschikoff war nach der Schlacht, ohne die Defensiv-Stellungen an der Katscha und dem Beljbek weiter zu beachten, um die Bai von Sebastopol und die nachmals so berühmt gewordene Traktirbrücke von Inkerman hinter die Tschernaja nach der Südseite Sebastopols zurückgegangen, eine möglichst starke Garnison in den nördlichen Festungswerken zurücklassend. Die alliierte Armee hatte, wie bereits erwähnt, wegen der starken Verluste in der Schlacht an der Alma jede Verfolgung aufgegeben. Erst am 22. September brach sie auf, rückte nach dem Beljbekfluß und nahm am Abend dieses Tages eine Stellung auf den Höhen dieses Flusses im Angesicht der Nordforts. –

Unter dem Säulenausgang des Admiralitätsgebäudes wimmelte es von Soldaten, Matrosen und Einwohnern, die begierig auf Nachrichten lauschten, denn es hieß, daß die Stadt von den Bewohnern geräumt werden solle. Boote von den im Hafen und der Bai ankernden Kriegsschiffen legten fortwährend am Kai an und brachten obere Flottenoffiziere; über die Schiffsbrücke vom Fort Nikolas her drängte und wogte es von Kommenden und Gehenden. Ein weiter Halbkreis von Neugierigen füllte den Platz um die Admiralität: Muschiks, Kaufleute, Schiffsvolk, Tataren, – Handwerker und Beamte, Soldaten und Zivilisten, alles bunt durcheinander.

An eine der Säulen gelehnt, stand Fürst Iwan Oczakoff mit mehreren Offizieren der Landarmee und Marine. Unfern von ihm befand sich die Gruppe des alten Kosaken mit seinen sechs Enkeln, die der junge Fürst gleichsam als Freizügler in seinen persönlichen Sold und Dienst genommen und als Ordonnanzen verwandte. Zwei der jungen Männer trugen die Spuren leichter Verwundungen aus der blutigen Schlacht ... »Sehen Sie, Barjatinski,« sagte der junge Kapitän zu einem Offizier in der Marineuniform mit den Abzeichen eines ersten Leutnants, »da kommt einer, der Ihnen die Belohnung für Sinope vorweg genommen hat. Wahrhaftig, ich hätte es ebensogut haben können, wenn mich der Fürst nach Petersburg geschickt hätte.« – »Sie würden schwerlich die Kurierfahrt in fünf Tagen ausgehalten haben, lieber Freund,« sagte lachend der Offizier des »Wladimir«. »Überdies hatten Sie sich ja erst bei Oltenitza die Kapitänsepauletten geholt und müssen anderen auch etwas gönnen. Der Podpolkavnik Ober-Leutnant. Konzaroff ist ein wackerer Offizier.« – »Ist die Anekdote wahr, die man von seiner Beförderung erzählt?« fragte ein junger Fähnrich vom litauischen Jägerregiment. – »Gewiß, Drunewitsch, und weil Sie sich an der Almabrücke so brav geschlagen haben, will ich Ihnen, was ich zuverlässig davon weiß, erzählen.« – »Sie werden mich verbinden, Herr Kapitän.« – »Als die Nachricht von der Schlacht von Sinope in Odessa eintraf, befand sich Konzaroff unter den Ordonnanzoffizieren in der Umgebung des Fürsten. Mentschikoff fragte, in welcher Zeit man den Weg bis Petersburg zurücklegen könne, und alle nannten die gewöhnlichen sechs Tage; nur Konzaroff erbot sich, es in fünf möglich zu machen. Der Fürst vertraute ihm die Depeschen an, und der Kapitän warf sich, wie er ging und stand, nur mit Geld versehen, in eine Brischka und jagte unterwegs zehn Pferde tot. Am fünften Abend war er im Winterpalast, halb erfroren, halb zu Tode geschüttelt, so erschöpft, daß er sich kaum aus dem Schlitten erheben konnte. Er wurde unmittelbar nach der Ankunft dem Kaiser vorgestellt, der ihn mit in sein Kabinett nahm, wo er sich niederließ, um die freudige Botschaft mit Muße durchzulesen. Als er damit fertig war und sich nach dem Boten wandte, fand er, daß dieser auf einen Sessel an der Tür gesunken und eingeschlafen war. Der Kaiser befahl, ihn zu wecken, aber es war durch die gewöhnlichen Mittel bei der ungeheuren Übermüdung des Mannes total unmöglich. Da rief der Kaiser mit dem ihm eigentümlichen raschen Verständnis der menschlichen Natur, dicht zu ihm tretend, plötzlich in barschem Tone aus: »Heda! Ihre Pferde stehen bereit!« und der eifrige Kurier, der sich noch unterwegs glaubte, sprang rasch empor, um dem Gebote der Pflicht zu gehorchen. Der Kaiser fragte ihn nun, welchen Rang er habe. – »Kapitän,« war die Antwort. – »Nun denn,« sagte der Kaiser zu einem Adjutanten, »bringen Sie ein Paar Epauletten!« und setzte, an den Kurier sich wendend, hinzu: »Ich befördere Sie auf der Stelle zum Podpolkavnik; umarmen Sie mich und dann gehen Sie schlafen.« – »Es lebe der Kaiser! Tschorte wos mi! Ich weiß, daß Konzaroff sich bei der ersten Gelegenheit für ihn töten läßt.« – »Das wird, glaub' ich, auch anderen passieren, wenn sie so eigensinnig alle Vorbedeutungen verschmähen.« – Fürst Bajartinski deutete dabei auf eine eben eintretende Gruppe hoher Marineoffiziere, indem er salutierte.

Alle Offiziere grüßten ehrerbietig. Es waren die Vizeadmirale Nachimoff und Korniloff, der tapfere Istomin, der Vizeadmiral Rogula, zweiter Kommandant des Hafens von Sebastopol, und die Kontreadmirale Ssinitzinn und Zebrikoff ... »Schau, Djeduschka,« sagte der junge Kosak Olis, der, auf einen Stock gestützt wegen des verwundeten Beines, neben dem Alten stand, »der dort kommt, das ist der Mann, der die türkischen Schiffe drüben über der See verbrannt hat. Fürst Iwan zeigte mir ihn diesen Morgen, und der andere da neben ihm ist auch dabei gewesen.« – »Ich sehe ihrer drei,« murmelte der alte Kosak, »aber alle drei haben keine Köpfe. Es sind lebendige Leichen ...« – »Dein armes Haupt war heute der bösen Mittagssonne wieder ausgesetzt,« beruhigte der Knabe, »du hast deine bösen Träume davon bekommen, Großväterchen, und siehst Bilder, die nicht vorhanden sind.« Der Alte sah ihn starr an. – »Meinst du, törichtes Kind? Ich sage dir, mein Mund redet die Wahrheit, wenn ich Leichenberge ringsum verkünde, und dieses Wasser zu unseren Füßen gerötet ist von Strömen Blutes. Der Geist zeigt mir nicht das Schicksal meines Fleisches, aber ich sage euch, von denen, die ihr um euch schaut, werden nur wenige diesen Tag wieder erleben, wenn das Jahr gewechselt hat.«

*

Der große Konferenzsaal des Admiralitätsgebäudes war gefüllt mit höheren Offizieren, welche die Tafel in der Mitte umstanden, an der sieben oder acht der oberen Befehlshaber sich in eifriger Beratung befanden. Die Mitte nahm der Oberstkommandierende Fürst Mentschikoff ein. Der Ausdruck dieses Kopfes paßte ganz zu dem starren, stolzen, unbeugsamen Charakter, den er als Staatsmann und Feldherr bewiesen. Das kleine, sarmatisch geschlitzte graue Auge funkelte mit unbezwingbarer Willenskraft unter den buschigen, weißen Brauen so tief aus der Kopfhöhle hervor, daß oft seine Form und Farbe kaum zu erkennen waren. Die hohen Backenknochen zeigten die mongolische Abstammung, der festgezogene Mund mit dem breiten, eckigen Kinn Kraft und unbändigen Stolz. Nur um die Winkel lag zuweilen eine Falte voll sarkastischen, in Augenblicken selbst gutmütigen Humors.

Um den Generalgouverneur von Taurien saßen und standen der General Fürst Gortschakoff I., der Gouverneur der Stadt General Lermontoff, die Kommandeure der Bezirksartillerie und des Ingenieurkorps Generalmajor Pichelstein, der Festungsbaumeister Generalleutnant Pawloffski, die Chefs der 16. und 17. Infanteriedivision, die in der Almaschlacht gefochten, Generalleutnant Kwizinski und Kirjakoff, der Generalmajor Trubnikoff von der 16. Artilleriebrigade und die Kommandanten der Festung und des Hafens, Generalleutnant Kismer, Vizeadmiral Rogula und Vizeadmiral Stanjukowitsch mit vielen anderen.

Die drei Kommandanten des Geschwaders standen am Ende der Tafel. Vor dem Fürsten lagen die Festungspläne und eine Land- und Seekarte von der Gegend ... »Die ersten Hilfstruppen,« sagte er, »können selbst aus Kertsch und Feodosia kaum vor Mitte Oktober hier sein, aus Nikolajef und Odessa dürfen wir sie erst zu Anfang November erwarten. Es gilt daher, solange uns selbst zu helfen. Sie behaupten also, meine Herren, daß die Nordforts stark genug sind, der Belagerung zu widerstehen?« – »Ich bürge dafür, Durchlaucht,« erwiderte der erste Kommandant. – »Wieviel Mann brauchen Sie, um sich zu halten?« – »Zehntausend Mann.« – »Ich werde Ihnen acht Bataillone der Reservebrigade der 15. Division in Sebastopol lassen. Nachimoff, wie hoch rechnen Sie das gesamte Matrosenkorps aller Schiffe in der Bai?« – »Mit den Hafen- und Arsenalarbeitern zwölftausend, Durchlaucht.« – »Gut. Sie werden nötigenfalls für die Südseite und zur Unterstützung der Forts genügen. So behalte ich ungefähr achtzehntausend Mann, um gegen die Belagerungsflanke des Feindes zu operieren.« –

Alle sahen den Fürsten erstaunt an ... »Euer Durchlaucht wollen die Stadt verlassen?« fragte Generalleutnant Kismer. – »Es ist das beste, was wir tun können, General. Ich denke noch diese Nacht über die Brücke von Inkerman zurückzugehen. Ich wäre am besten gleich jenseits der Tschernaja geblieben. Hier wäre die Armee abgeschnitten, in der Stellung zwischen Baktschiserai und dem Beljbeck jedoch kann ich fortwährend die linke Flanke der Belagerer bedrohen.«

Der tapfere Führer der 16. Division, Generalleutnant Kwizinski, der, am Arm und Kopf verwundet, sich in den Kriegsrat hat tragen lassen, nickte zustimmend ... »Wenn der Feind die Forts nimmt, so ist die Flotte verloren,« sagte mit harter Stimme der Vizeadmiral Korniloff. – Der Fürst sah ihn finster und spöttisch an ... »Sie ist es auf jeden Fall. Gegen die viertausend Kanonen des alliierten Geschwaders können unsere Schiffe nicht aufkommen; wir müssen sie anderweitig so gut zu benutzen suchen, wie es geht.« – Die Augen der Offiziere wandten sich auf die drei Admirale. Jeder konnte sehen, während der Fürst sich über die Karten beugte, wie Admiral Nachimoff das Blut in das Gesicht trat, als er die Hand auf den Tisch legte ... »Wie meinen Euer Durchlaucht dies?« – »Sie sollen gleich meinen Plan hören. Wie groß ist die Entfernung zwischen Fort Konstantin und Fort Alexander, Herr Hafenkommandant?« – »240 Faden,« Etwa 1350 Schritt. berichtete der Vizeadmiral Stanjukowitsch. – »Dann werden wir freilich mindestens sieben Schiffe brauchen. Es gilt vor allem, meine Herren, der alliierten Flotte den Eingang in die Bai unmöglich zu machen, und wir müssen dafür ein Opfer bringen. Ich beabsichtige, sieben unserer großen Schiffe noch heute zwischen den Forts versenken zu lassen und so die Bai zu sperren.« –

»Das ist unmöglich, Durchlaucht!« – »Warum, Herr Vizeadmiral?« – »Weil ich Euer Durchlaucht als Admiral und Marineminister bitte,« sagte Nachimoff mit sichtlich unterdrückter Bewegung, »der russischen Marine nicht die Schmach anzutun, daß man von ihr sagen könne, sie fürchte, mit irgend einer Flotte der Welt sich zu messen. Ich habe fünfundsechzig Segel hier versammelt, Durchlaucht, und meine Matrosen brennen vor Begier, mit jenen übermütigen Franzosen und falschen Engländern zu kämpfen. Ich bitte Sie im Namen der Flotte des Schwarzen Meeres, wenn Sebastopol belagert wird, die alliierten Geschwader angreifen und ihnen eine Schlacht liefern zu dürfen.« – »Und was glaubst du damit zu erzielen, Peter Nachimoff?« fragte der Fürst. – »Wir werden auf Leben und Tod kämpfen. Wir werden uns durchschlagen und das Asowsche Meer erreichen. Wenn nicht, so wird die russische Flotte nicht die einzige sein, die in diesem Kampfe vernichtet wird. Frankreich und England werden zugleich den Verlust der ihren beklagen.«

Ein stürmischer Ruf aller Seeoffiziere ging durch den Saal, sie alle hoben die Hände zum Zeichen der Übereinstimmung ... »Du bist ein tapferer Mann, Freund,« sagte der Fürst ruhig, »niemand, am wenigsten der Kaiser, zweifelt daran. Aber mit deinem Opfer würde der Sache unseres Herrn wenig gedient sein. Du und die Deinen, ihr müßt Sebastopol für Rußland bewahren.« – »Ich bin für das Meer erzogen. Auf ihm allein verstehe ich zu fechten.« – »So wirst du es auf dem Lande lernen, Freund. Gehorsam ist das erste Opfer, das wir bringen müssen.« – Der Fürst nahm ein Verzeichnis vom Tisch. – »Hier ist das Verzeichnis der Schiffe, die ich zum Versenken bestimmt habe. Die Kapitäne haben sie sofort zu räumen und nur die Kanonen des oberen Decks und die Pulvervorräte ans Land zu schaffen. Generalmajor Hartung wird die Stelle bezeichnen, an der die Versenkung am besten auszuführen ist.«

Eine tiefe Stille hatte sich über den Saal gelagert; die Marineoffiziere schauten finster und stumm vor sich hin; ihre Kameraden von der Landarmee sahen mit Teilnahme auf die entwaffneten Tapferen ... »Die Batterien der Forts und die versenkten Schiffe werden genügen, uns gegen die Flotte der Feinde zu sichern,« fuhr der Fürst fort. »Für die Nordseite bürgt mir Kismer; die Südseite ist nicht gefährdet: darum wird es am besten sein, die Schiffe sämtlich dahin zu bringen und die Mannschaft am Lande in Korps zu formieren, welche die Verteidigung der Stadt übernehmen und die Nordforts unterstützen. Die Feinde haben unsere stärkste Position vor sich, und sie werden daran scheitern. Wenn man uns vom Süden angegriffen hätte, würde unsere Lage schlimmer sein.« – »Sehr schlimm!« – Diese Worte schienen einem der Anwesenden unwillkürlich entschlüpft, denn alle blickten sich verlegen an, als der Fürst sich im Kreise nach dem Sprecher umschaute. – »Wer von Ihnen machte die Bemerkung, meine Herren?«

Aus dem Kreise der Stabsoffiziere trat ein Ingenieuroffizier mit den Kapitänsepauletten ... »Verzeihen Euer Durchlaucht, die Bemerkung ist mir unwillkürlich entschlüpft.« – »Sie sind der Kapitän Totleben?« – »Zu Befehl, Durchlaucht.« – »Ich will Ihre Einmischung entschuldigen. Doch wie kommen Sie zu der Behauptung?« – »Ich habe heute morgen die Befestigungen der Landseite besichtigt, Durchlaucht, und« – »Nun, heraus!« – »Und jene Überzeugung gewonnen.«

Der Fürst hatte aus seiner Brusttasche ein Notizbuch gezogen und blätterte darin ... »So glauben Sie, daß, wenn die Festung auf der Südseite angegriffen würde, sie sich nicht halten könnte.« – »Unzweifelhaft, Durchlaucht.« – Der Fürst blickte nach dem Generalleutnant Pawloffski, dem Festungsbaumeister. – »Was meinst du dazu, Exzellenz?« – Der alte General war schon längst unruhig hin und her gerückt. – »Der Herr Kapitän übertreibt,« sagte er. »Wir haben sehr starke Werke an der Südseite.« – »Aber sie sind ohne Deckung,« unterbrach der Genieoffizier. »Es gibt verschiedene Punkte der Umgegend, die den Hafen und die Zugänge beherrschen, wenn sie nicht mit vorgeschobenen Werken versehen werden.« – »Zum Glück kommen wir nicht in die Verlegenheit,« sagte der Fürst, »überdies wäre es zu spät, große Werke anzulegen.« – »Ich bitte um Entschuldigung, Durchlaucht,« sagte kühn der Kapitän, »das ist es noch nicht. In fünf Tagen kann eine äußere Linie geschaffen sein.« – »Können Sie Mauern und Bastionen aus der Erde stampfen, Herr?« – »Das nicht, Durchlaucht, aber ich habe die Erde selbst. Der Wall und die Sappe müßten Sebastopol verteidigen, wenn es von Süden her angegriffen würde.«

Der Fürst schaute ihn fest und nachdenklich an und dann nochmals in das Notizbuch, worin er gefunden zu haben schien, was er suchte. – »Fürst Gortschakoff hat Sie mir mit vorzüglicher Empfehlung gesandt, Kapitän,« sagte er, »und Schilder hat auf dem Totenbett von Ihnen gesprochen. Ich habe den Ingenieur vom Platz noch nicht ernannt und will Ihnen die Stelle anvertrauen, wenn Sie leisten, was Sie versprochen. Sie mögen Ihre Pläne General Pawloffski vorlegen. Doch muß ich mich jetzt zu dem Nötigern wenden. General Kwizinski ist mit meinem Plan der Einnahme einer Flankenposition einverstanden, wie ich gesehen. Was sagen Sie dazu, Kirjakoff, und Sie, Welitschko?« – »Ich müßte kein Kavallerist sein, Durchlaucht, wenn ich anderes vorziehen könnte.« – Auch der Kommandant der 17. Division stimmte zu ... »So treffen Sie Ihre Anstalten, meine Herren, denn wir brechen diese Nacht noch auf.« – Der Fürst erhob sich und trat im Vorbeigehen zu den beiden Vizeadmiralen. – »Ich bin ein Seemann wie du, Petrowitsch,« sagte er, »aber der Kaiser hat Sebastopol mir anvertraut, und die Flotte ist nur ein Teil von ihm. Wir dürfen den Engländern keinen Seesieg weder hier noch in Kronstadt gönnen.«

Der Vizeadmiral verbeugte sich kalt. – »Eure Durchlaucht werden mir gestatten, nach Petersburg zu berichten?« – »Wie Sie wollen, Herr Vizeadmiral, bis zur Entscheidung des Kaisers aber werden Sie meine Befehle befolgen.« – Kein Muskel zuckte in dem harten, ehernen Gesicht, als er sich von ihm wandte.

*

In dieser Nacht, der Nacht vom 24. zum 25. September, überschritten die Truppen die Tschernaja auf der Traktierbrücke, schlugen den beschwerlichen Weg nach der Meierei Mekensi ein und gelangten am Morgen des 25. nach einem mühevollen Marsche auf die Straße nach Baktschiserai, wo der Fürst bei dem Dorfe Otarkioi eine solche Stellung einnahm, daß er die Verbindung mit Perekop unterhalten und die Verbündeten im Rücken bedrohen konnte, sobald diese gegen die Nordseite etwas unternahmen. Der Tag war trübe und stürmisch gewesen, erst am Abend klärte sich das Wetter auf. Es war 8 Uhr, als durch das Tor an der Mastbastion Fürst Iwan Oczakoff mit seinen sieben Kosaken die Stadt verließ und auf dem Wege, der nach Balaclawa führt, vorwärts trabte. Während des Tages hatte sich in der Stadt die Nachricht von einem Gefecht verbreitet, das zwischen der Kavallerie der Alliierten und der Nachhut der Kolonne des Fürsten Mentschikoff vorgekommen sein sollte, doch fehlten nähere Nachrichten darüber. Gegen Abend glaubte man vereinzelten Geschützdonner in der Richtung nach Süden gehört zu haben, doch achtete man dessen nicht, da dort unmöglich ein Feind stehen konnte; auch war der Schall bei dem starken und ungünstigen Winde zu undeutlich.

Der Kapitän war von dem Fürsten zurückgelassen worden, um über die Ausführung der befohlenen Maßregeln Rapport zu bringen, und der Kommandant beorderte ihn am Abend nach dem zwei Meilen entfernten Balaclawa zu reiten, um den Obersten Manto, den Kommandanten der kleinen, halbverfallenen und nur von 110 Mann und 4 kleinen Mörsern verteidigten Festungswerke, zu erinnern, auf seiner Hut zu sein, da man im Laufe des Tages mehrere Schiffe der Alliierten hatte nach Süden dirigieren sehen ...

Die Nacht war eingetreten über dem Ritt des Kapitäns, der eine besondere Vorliebe für den alten Kosakenoffizier gefaßt hatte, und sich von ihm Abenteuer seiner Jugend erzählen ließ. Die Reiter begannen eben von dem hohen Plateau herabzusteigen, das sich etwa eine halbe Meile von der Küste nach Sebastopol zu erhebt, und aus einem Hohlweg hervorkommend, hatten sie Ufer und Meer vor sich ... Alsbald faßte der greise Kosak den Zügel des Fürsten und sein Arm deutete auf die felsige Ebene hinunter, von der breite Schluchten sich in das Meer senkten. In einer derselben lag Balaclawa. Ein Kranz von Feuern schien sich rings umher zu ziehen ... »Um der Heiligen willen, Gospodin – keinen Schritt weiter – was bedeuten diese Feuer?« – Der junge Mann starrte erstaunt auf das seltsame Schauspiel, das sich etwa eine Viertelstunde entfernt vor ihm zeigte. Man konnte deutlich mit bloßen Augen bemerken, daß die Feuer von Menschenmassen umlagert waren. Balaclawa selbst, am Eingang der Schlucht liegend, schien in Licht zu schwimmen.

»Und dort!« – der Kosak wies nach dem Meere – auf der Höhe über die Felsen der Ufer hinweg sah man zahlreiche Lichter in schwankender Bewegung. – »Vorwärts – wir müssen uns überzeugen, was dort vorgeht!« – Der Kapitän gab seinem Roß die Sporen – aber eine kräftige Faust fiel ihm in die Zügel, und vor ihm richtete sich, wie aus der Erde gestiegen, eine dunkle Gestalt empor.

»Zurück, Fürst Iwan Oczakoff!« sagte der Fremde mit dumpfer Stimme, »dein Leben gehört dem Vaterlande!« – »Mensch, wer bist du, der du mich kennst?« – Seine Hand griff nach der Pistole. – »Laß stecken, Kind – du wenigstens hast kein Recht auf mich, wenn auch Michael der Tabuntschik aus der Steppe von Borislaw nicht sein Brot mit dir geteilt hätte.« – »Der Roßhirt – so wahr ich lebe! Wie kommst du hierher, Alter – was geht dort vor – was bedeuten die Feuer um Balaclawa?« – »Sie leuchten Gefahr, Knabe! die Engländer und Franzosen lagern dort unten; Balaclawa ist in ihren Händen; ich, ich habe sie dahin geführt durch die Gebirge, und zum zweiten Male ruht der Fluch jedes Russen auf dem Haupte des ewig Verdammten! – Eile nach Sebastopol, Fürst, denn der Feind steht vor seinen Mauern!«


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