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Viertes Kapitel.
Im Tabun.

Die Erdhütte des Tabuntschik bildete ein geräumiges Gemach mit zwei Ausgängen, deren einer auf mehreren Stufen hinauf ins Freie führte, während die zweite Tür nach einem anschließenden Vorratsraum ging. Die Wände, von getrockneten Lehmsteinen aufgemauert, waren mit Wolfs- und Pferdehäuten bekleidet und mit einer Anzahl von bunten Heiligenbildern der schlechtesten Sorte beklebt. In einer Ecke brannte, vor einer mit allerlei Flitterwerk ausstaffierten, grobgeschnitzten und bemalten Holzfigur der Jungfrau mit dem Christuskinde, eine Lampe. Grüne Zweige von Ginster und Wermut waren an den Wänden aufgesteckt, Binsen deckten den Fußboden.

Die Gesellschaft der Reisenden hatte beschlossen, die Nacht in dem Tabun zuzubringen und mit der erwachenden Sonne, wenn die Steppe abgekühlt und jede Gefahr beseitigt war, die Reise fortzusetzen. Der Tabuntschik hatte es übernommen, nach der verlassenen Telege der Polen zu sehen ... Die eben überstandene Gefahr warf noch ihre Schatten über die Geretteten. Das furchtbare Ende des jungen Postillons, der zerschmettert mit den beiden Pferden auf dem Grunde der tiefen Schlucht gefunden worden, hatte ihnen das Schicksal gezeigt, dem sie so leicht ohne Schutz des Höchsten und die Aufmerksamkeit des Mennoniten verfallen gewesen wären ... An dem Herd in dem Winkel des Gemaches brodelte der Teekessel. Die beiden Damen saßen auf einem von den getrockneten Gräsern der Steppe und Tierhäuten gebildeten Lager, unfern von ihnen die Dienerin, während die Männer um einen roh zusammengezimmerten Tisch, auf Bänken sitzend, von den Kriegsereignissen sprachen.

Am Feuer selbst kauerte der greise Tabuntschik, den brodelnden Kessel beachtend, in welchem ein von ihm gekaufter Hammel steckte ... »Der Fürst-Gouverneur,« erzählte der junge Fürst Iwan, »hatte mich in die Steppe beordert, um an Hetman Kassalap die Aufforderung zum Sammeln der irregulären Sotnien zu überbringen. Ich war auf der Rückkehr und hatte in Uroczczerna Leutnant Potemkin getroffen. Wir verweilten auf der Kolonie der Eltern jenes braven Mennoniten, als die Gefahr der Heuschrecken ihre Felder bedrohte. Ich weiß nicht, ob bei dem Versuche, sie durch Feuer zu verjagen, durch Unvorsichtigkeit die Steppe in Brand ging.« – »Verzeih, Bruder,« bemerkte der Mennonit, »das Feuer kam von der Küste her und brannte bereits seit gestern.« – »Gut! Die wackern Landleute hatten ihre Felder durch Aufwerfen von Gräben gesichert. Noch ehe die Gefahr uns nahte, kamen die zwei Kosaken in die Kolonie und erzählten von der Not, worin die treulosen Postillone die polnische Dame gelassen. Die Ritterpflicht erforderte, ihr zu Hilfe zu kommen, und so machten wir uns auf den Weg durch das Feuer. Hesekia führte uns.« – »Wir danken Ihren Bemühungen unsere Rettung,« sagte der Oberst. – »Weniger uns, als den zweckmäßigen Maßregeln Ihrer Kosaken und dieses Roßhirten. Iwan Oczakoff, Väterchen, wird stets bereit sein, dir seinen Dank zu beweisen.«

Der Tabuntschik, der sinnend in das Feuer gestarrt, wandte forschend seine Augen auf ihn: »Du bist ein Oczakoff?« – »So ist es, Väterchen. Mein Vater war der Gouverneur von Kasan. Meine Mutter eine Fürstin Wolkonski. Kennst du meine Familie?« – »Ich habe gehört von ihr, denn die Wolkonskischen Güter liegen zum Teil in Taurien.« – »Schloß Aya, an den von Myrten und Orangen bekleideten Felsenküsten der Yalta, ist mein Erbe. Meine Schwester weilt dort, und ich hoffe, Oberst, daß, wenn Sie die Luft und die Milde des Südens genießen wollen, Sie über meine Besitzungen verfügen werden.« – »Ein echtes russisches Blut,« murmelte der Roßhirt. »Deine Mutter, Fürst, lebt sie noch?« – »Sie starb bei unserer Geburt. Iwanowna und ich sind Zwillingskinder.«

Der Tabuntschik schlug ein Kreuz ... »Die Heiligen seien ihr gnädig. Deine Mutter, Fürst, hatte drei Oheime, Brüder ihrer Mutter.« – Der junge Mann sah ihn mißtrauisch an ... »Wenn du ihre Namen weißt, kennst du auch ihre Schuld und ihr Schicksal. Sie sind tot.« – »Alle drei ... auch der jüngste?« – »Ja!«

Der Tabuntschik versank in Schweigen, dann erhob er sich und ging hinaus; bald darauf folgte ihm der Mennonit ... Der junge Fürst saß, den Arm auf den Tisch gestützt, in Nachdenken ... »Die Erinnerung an deine Familie hat dich betrübt, Fürst Iwan,« sagte der junge Artillerieoffizier. »Was vergangen ist, ist vergangen.« – »Ich dachte der Tränen, die meine sanfte Mutter oft über den Fluch der grausen Tat geweint, die auf ihrer Familie lastet. Sie wissen wahrscheinlich, daß meine Großmutter eine geborene Fürstin Zuboff war.« – »Was kümmert uns die Vergangenheit?« meinte der Oberst. »Zwei Menschenalter liegen dazwischen, und zwei Kaiser haben verziehen. Lassen Sie uns die Damen bitten, jetzt an unserm Mahle teilzunehmen und den Tee zu bereiten.«

Die Damen erhoben sich und nahmen Platz; die Bojarenfrau, die ihre Verwirrung über die Erkennungsszene bereits überwunden hatte und bemüht war, die etwaige Eifersucht des Obersten zu zerstreuen, konnte sich trotzdem nicht enthalten, nach dem Fürsten zu kokettieren ... »Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, Fürst Iwan, woher Sie Madame Bisbesco kennen?« – »Ich hatte die Ehre, ihr in Bukarest vorgestellt zu werden.« – Ein Blick der schönen Bojarenfrau hatte ihm Vorsicht geboten ... Aber Graf Wassilkowitsch hatte den Blick gleichfalls aufgefangen und begriffen, daß irgend ein ihm noch unbekannter Bezug zwischen diesen beiden Personen bestehen mußte. Es lag in seinen Plänen, den Jüngling sich untertan zu machen und zu umstricken.

»Wissen Sie, Fürst, wem ich diesen gebrochenen Arm, eine gebrochene Rippe und diese Narben am Kopfe verdanke?« fragte der Graf. »Ihrem Freunde, dem Vikomte, dem ich auf den Wällen von Silistria begegnete, als der tolle Selwan uns zum Angriff führte.« – Eine dunkle Röte färbte das schöne Antlitz des jungen Mannes. – »Blieb der Vikomte unverletzt?« fragte er hastig. – »Daß ihn der Teufel hole! Ich ließ auf ihn schießen, aber der Bursche schien gefeit gegen unsere Kugeln, und eh' ich ihm selbst zu Leibe konnte, lag ich unten im Graben, von seiner Hand hinuntergestürzt. Soviel wissen wir jetzt, daß wir ihn in den Reihen unserer Feinde uns gegenüber haben. Vielleicht befreit uns die Cholera oder eine Kugel von dem Schleicher und Verräter.«

Eine dunkle Röte lag noch immer auf der Stirn des jungen Mannes. Um seinen Mund zuckte es wie zu einer bittern Antwort; doch bezwang er sich. – »Ich glaube, Sie tun dem Vikomte unrecht, Graf.« – »Den Teufel auch! Ein Offizier und Edelmann darf, auch wenn er der Anbeter einer Dame ist, sich nicht zum Klätscher und Spion herabwürdigen. Er hat Ihre Liebschaft in der Straße Saint-Joseph an die Fürstin, Ihre Schwester, und wer weiß an wen sonst, verraten. A propos! was haben Sie bei der schnellen Abreise mit der kleinen Grisette angefangen? Die Sache schien Ihnen wahrhaft ernst, und die Kleine war hübsch. Sie würde Unterhaltung während des Feldzuges gewährt haben.«

Hätte er in diesem Augenblick das Gesicht des jungen Mannes schärfer beobachten können, als es der dunkle Schein der Lampe am Tabun zuließ, so würde er das Zucken des Mundes, das scharfe Aufhorchen des schönen Gesichts bemerkt haben ... »Ich weiß nicht, was aus ihr geworden,« sagte derselbe schüchtern. – »Ich erkundigte mich aus Interesse für Sie nach Ihrer erzwungenen raschen Abreise nach dem Mädchen.« – »Bitte, Graf, teilen Sie mir alles mit, was Sie wissen ... Wo können sie hin sein? und wer war der Liebhaber?« – »Ja, das wissen die Götter, Fürst! Meine Meinung ist, das Mädchen hat gesehen, daß nach der Szene mit der Polizei die Doppelrolle, die sie gegen Sie gespielt, zu Ihrer Kenntnis kommen würde, und hat Ihren Rivalen vorgezogen – den Eindringling, den man als Teilnehmer an dem Attentate verhaftete.«

Fürst Iwan wandte sich ab. Seine Hände rangen sich krampfhaft ineinander, seine Lippen preßten sich. Unhörbar für den andern tönten die Worte aus seinem Munde: »Wiederum jede Spur verloren!« ... Der Oberst wandte sich aufs neue zu ihm: »Es wird gut sein, Freund, wenn Sie der Fürstin, Ihrer Schwester, nichts von der Anwesenheit des Franzosen in Silistria sagen wollen ... Befindet sich die Fürstin noch immer auf Ihrem Schlosse an der Yalta, und darf ich zu ihrer Herstellung gratulieren?« – »Meine Schwester, Graf, ist allerdings noch dort, zwar wiederhergestellt, aber noch so leidend, daß sie die Einsamkeit vorzieht und nur wenig Besuche erhält. Aber das Schloß ist weitläufig, der Teil, den meine Schwester bewohnt, auf einem abgesonderten Felsen erbaut, und ich wiederhole daher meine Einladung.« – »Aber was soll ich mit Madame Bibesco anfangen? Wir Männer unter uns machen allerdings aus solchen Verhältnissen nichts, doch ich kann sie unmöglich mit ins Schloß zur Fürstin nehmen. Der junge Fürst war leicht errötet ... »Ich habe das bedacht,« sagte er mit einiger Verlegenheit und einem Blick auf die Französin, »allein ich hoffe, es wird sich machen lassen, und ich darf Sie Ihrer schönen Pflegerin nicht berauben. Ich werde meiner Schwester sagen, daß Madame Bibesco als eine Anhängerin unserer Sache aus Bukarest vor den Türken geflüchtet ist und auf meine Einladung nach Schloß Aya kommt.«– »Sie sind sehr galant, Fürst, und ich nehme es dankbar an, verspreche Ihnen auch, so wenig eifersüchtig wie möglich zu sein. Doch wenn wir noch einige Stunden Ruhe genießen wollen, so ist es die höchste Zeit, an unser Lager zu denken. Ich werde die Nacht in meinem Wagen zubringen, und für Sie und den Leutnant ist Raum in jener Kammer. Lassen Sie uns die Diener rufen.«

Während die vornehmen Mitglieder der Gesellschaft in dieser Weise ihre Nachtruhe bereiteten, saß am andern Ende des Tabuntschiks im Schatten einer jener kleinen Mogilen, die gleich Maulwurfshügeln an tausend Stellen aus den Ebenen des südlichen Rußlands auftauchen, der alte Kosakenhäuptling mit seinen sechs Enkeln. Sie hatten eine Grube in den Boden gegraben, diese mit Steinen ausgelegt, Feuer darin gemacht und zwischen die erhitzten Platten dann die vordere Hälfte des Hammels gelegt, die ihnen überlassen worden. Den Kopf auf die Hand gestützt, und aus einer alten silberbeschlagenen Reiterpfeife von Meerschaum rauchend, die er vor vierzig Jahren aus Deutschland mit zurückgebracht, saß der greise Kosak in Gedanken versunken am obern Ende des Kreises, den seine Enkel bildeten. Selbst sein Liebling Olis, der neben ihm kauerte, wagte nicht, ihn zu stören. Nur flüsternd tauschten die Brüder und Vettern ihre Meinung aus.

»Die Heiligen seien ihm gnädig,« murmelte Wassili zu seinem Nachbar, »ich glaube, der böse Geist nimmt wieder Besitz von ihm, der über ihn kommt beim Neumond von seiner schlimmen Wunde her.« – »Schweig still,« gebot Wanka, »du siehst, Djeduschka Großväterchen. will reden.« –

In der Tat erhob der greise Kosak das Haupt, dessen weiße Haare der bleiche Mondschein versilberte, und schaute mit verstörten Blicken auf die Gruppen umher. Die breite Narbe, die zerfetzend quer über das Gesicht lief, verlängerte sich über den rechten Vorderschädel hin. Ihr roter Streif war deutlich sichtbar. Das eine Auge des Greises schien jeden einzelnen der Gruppe zu durchbohren und starrte dann unheimlich hinaus ins Weite ... »Gib acht, Alexei,« flüsterte sein Bruder, »jetzt erzählt er uns eine der seltsamen Geschichten, die ihm in seinem Leben begegnet – von dem Franzosenkrieg oder den Fahrten nach dem kalten Lande am Eispol, wo mitten im Sommer der Hauch des Mundes gefriert. Wenn der Geist über ihn kommt, pflegt er es zu tun.« – Ein kräftiger Rippenstoß des Nebensitzenden brachte den Schwätzer Demetri zum Schweigen. Der Alte hatte den Mund geöffnet – er schien eine eintönige Melodie vor sich hinzusummen. Dann begann er plötzlich zu sprechen. »Ströme von Blut, – Ströme von Blut, heilige Jungfrau von Kasan! Fürbitterin der Söhne aus Ruriks Stamm, barmherzige Mutter Gottes, wende das Unheil ab vom heiligen Rußland! Ich sehe die Ströme des Landes und das weite Tor der Gewässer, die Gott der Herr mit Salz getränkt, rot schimmernd von Feuer und Blut. Heiliges Rußland, erwache und rüste dich gegen die Legion deiner Feinde!« Nach einer kurzen Pause begann der Unkengesang des Greises aufs neue, während die jungen Männer stumm auf jedes seiner Worte horchten ... »Wehe mir, wehe, daß ich zum zweitenmal das Gericht über dich erleben muß, heiliges Rußland! Wohl erinnere ich mich aus den Tagen, da ich ein Mann ward, wie diese Narbe brannte im Mondlicht und ich vor mir sah die Schrecken, die da kommen sollten – die weiten Schlachtfelder und die Schneegefilde, bedeckt mit den starren Leichen, und wie die Flammen hoch emporschlugen aus der Stadt des heiligen Iwan. Und wie ich's gesehen, so kam's! Blut tränkte die russische Erde, und des Franken Roß trank aus dem Weihkessel unserer Kirchen. Aber der Herr wandte sein Angesicht gnädig wieder zu unserm Volk, und die Gebeine der Feinde bleichen auf den Feldern Rußlands.«

Schweigen lag rings umher auf der weiten Steppe, der weiße Mondstrahl sog und lastete auf dem kahlen Schädel des Alten – sie sahen es nicht, wie hinter ihnen an der Mogile, dem alten Heidengrab, langsam ein Schatten emporstieg ... »Was kommen muß, wird kommen,« fuhr der Alte fort, »Blut und Tod, Schrecken und Verderben! Drei von den Söhnen deckt das Grab, aber einer lebt von seinem Samen – und der Todesschrei des gemordeten Vaters gellt in seinen Ohren. Er war ein Kind, als sich die Mörderhand gegen das geheiligte Haupt des Zaren erhob, aber der Fluch will sein Recht und trifft die Schuldlosen wie die Schuldigen. Und also wird sichs erfüllen, bis ein gekröntes Haupt sich selbst zum Opfer gebracht für das blutige Vaterland, das seinen Vater gemordet hat.« – Der Greis ließ sein Haupt sinken und barg es in die Hände. Als er es nach einiger Zeit erhob und im Kreise der stummen Enkel umherschaute, hatte sein Auge, wiewohl noch immer traurig und finster, doch den unheimlichen Ausdruck der Geistesstörung verloren. Er sammelte sich einige Augenblicke und begann dann aufs neue die Rede ... »Ich habe euch eine Geschichte zu erzählen, und ihr selbst sollt das Urteil fällen. Oft, als ihr euch noch auf meinen Knien schaukeltet, habt ihr gefragt, woher es gekommen, daß die Männer der Stämme mich Iwan den Einäugigen oder den Steppenteufel heißen. Jetzt sollt ihrs erfahren. Ich war ein junger Mann, schlank und glatt wie ihr, wenn ich auch mehr schon erfahren, denn als Knabe schon war ich den Fahnen des großen Hetman Suwarow gefolgt in das Land, das sie Italien nennen. Wenn der General erwachte, stellte er sich vor sein Zelt und krähte gleich dem Hahn, seine Krieger zu wecken, aber die Krieger hielten fest zu ihm und vollbrachten manche große Tat unter seiner Führung ... Der General hatte mich dem jungen Zaren gegeben, dem Sohn der großen Katharina, da er noch Großfürst war, und ich kam mit ihm von Schlüsselburg nach dem Winterpalast in der Nacht, da die Kaiserin starb, und wurde einer seiner Leibkosaken. Zar Paul war ein wunderlicher Herr, bald gerecht und gut, bald aufbrausend und jähzornig; aber mir war er ein Wohltäter, und ich war sein getreuer Knecht ... Es war im Michaelspalast, am Abend des 23. März im Jahre Gottes 1801 – vor länger als dreiundfünfzig Jahren. Ich zählte damals zweiundzwanzig Jahre und war ein Liebling des Herrn. Ich hatte an dem Abend die Wache im Vorzimmer seines Schlafgemachs, und der Zar, der seine Feinde unter den Fürsten und Grafen fürchtete, vertraute auf uns gemeine Leute. Der Nordwind pfiff draußen um den Palast, und ich stand mit blankem Säbel auf meinem Posten, als der Zar aus seinem Gemach kam, die Wachskerze in der Hand, und mir ins Gesicht leuchtete. – »Bist du es, Iwan?« sagte der Herr, »wenn du wachst, weiß ich, kann ich ruhig schlafen.« – Er probierte Schloß und Riegel der Korridortür und leuchtete an den verriegelten Fenstern umher, wie es seine Sitte war, denn er glaubte schon lange, daß sie ihm einmal ans Leben wollten. Darauf, an der Schwelle der Tür, wandte er sich nochmals zu mir und sprach: »Iwan, öffne keinem Menschen und unter keiner Bedingung. Das Leben des Zaren beruht auf deiner Treue.« – So nickte er mir zu und ging, ohne sein Zimmer zu schließen. Ich stand mit meinem Säbel an der Tür und hielt als guter Soldat und treuer Russe meine Wache. Es mochte Mitternacht sein, als plötzlich die Krähen, die in den Gipfeln der Lindenbäume im Garten um den Palast nisteten, sich krächzend erhoben und durch die Nacht umher flogen, gleich als wollten sie eine Gefahr verkünden ... Gleich darauf hörte ich Schritte, und man pochte an die äußere Tür, die mit Eisenblech überzogen war und deren Schlüssel ich hatte. Ich fragte, wer da sei, und die mir bekannte Stimme des deutschen Generals antwortete: »General Bennigsen, und Graf Pahlen, der Vertraute des Zaren. Es ist Feuer ausgebrochen im Palast; wir müssen den Kaiser augenblicklich wecken.« Noch zögerte ich, aber ich kannte die Stimme des Generals und das Feuer konnte möglich sein und mein Herr verbrennen durch meine Schuld. Der Teufel verblendete mich. Ich drehte den Schlüssel und zog den Riegel. Die da eintraten, waren der General und der Fürst Valerian Zuboff, der Begleiter des Großfürsten Alexander ... Sie eilten in das Gemach des Kaisers, und ich hörte alsbald den Herrn heftig reden. Plötzlich ertönte seine Stimme laut und kräftig: »Ich unterzeichne nicht; Fluch euch! – ihr seid Verräter!« Da fuhr es mir wie ein Stich durchs Herz, daß ich seine Feinde zu ihm gelassen hatte, und ich faßte den Griff meines Säbels fest, um für ihn zu sterben ... In dem Augenblicke kam der Fürst wieder heraus und eilte durch die Vorzimmertür davon – ich hörte jetzt wieder ruhig sprechen und wartete. Plötzlich rief der Zar: »Niemals! fort mit dir!« und der General stürzte mit blankem Säbel durch das Gemach: der Zar aber stand halb entkleidet auf der Schwelle seines Schlafzimmers und sagte: »Schmach über dich, Iwan, daß du die Verräter zu mir ließest!« – Ich warf mich zu seinen Füßen, denn ich war schuldlos. Da wurde die Tür aufgerissen, und herein stürzten die drei Brüder Zuboff mit dem Deutschen, die Generäle Talizin und Tartarinoff und viele Offiziere und wollten in das Gemach des Zaren dringen, der bei ihrem Anblick zurückgeflohen war. Aber ich warf mich vor die Tür und rief ihnen: »Zurück!« zu und wehrte mit meinen Händen den Frevlern, denn meine Waffe hatte ich am Boden gelassen, als ich vor dem Herrn kniete. Sie wollten mich fortziehen, aber ich klammerte mich fest an sie und rief mit lauter Stimme: »Verrat! Rettet den Zaren!« Ihre Säbel und Degen blitzten, ich sah ihre blutigen Augen und hörte ihre drohenden Worte, und dann traf ein furchtbarer Hieb meinen Schädel quer über Auge und Gesicht, daß das warme Blut hervorspritzte aus hundert Quellen und ich zu Boden stürzte ... Wie im Traum hörte ich ein Getümmel um mich her, dann die Stimme des Zaren – zum letztenmal! einen wilden Fluch – Gott und die Heiligen mögen ihm vergeben! und dann wurde es finster um mich und ich verlor das Bewußtsein ... Die Russen hatten ihren Vater ermordet! Zweimal hintereinander schlug die Mörderfaust an den Thron Ruriks und zweimal lastete der Fluch auf dem heiligen Rußland!«

Der Greis schwieg und murmelte leise ein Gebet, auch die andern taten es. Dann erzählte er weiter: »Seit der Schreckenstat liegt Blut auf Rußland, bis die Söhne, so da lebten, um sich auf den blutigen Thron zu setzen, neben ihm ruhen in der Kaisergruft von Alexander-Newskoi, und kein Blut mehr klebt an der Krone dessen, der sie trägt. Von der Zeit an, da ich die Mörder zu meinem Herrn gelassen und ihr Säbel diesen Schädel spaltete, wohnt ein zweiter Geist in diesem Körper, über den ich nicht Herr werden kann. Ich konnte nicht sterben für den Zaren, den meine Unvorsichtigkeit in die Hände seiner Mörder geliefert. Als ich das Kloster, wohin mich mittlerweile Kameraden gebracht, verlassen hatte, schlug ich die Schlachten des heiligen Rußlands alle, raste auf den wildesten Rossen, und weil mein Gesicht gezeichnet war wie das eines Teufels, so hießen sie mich Iwan den Steppenteufel ... aber keine Schlacht brachte mir den Tod, den ich dem toten Zaren schuldete. Ich sah das erstemal das Gericht heraufziehen über das Land und die Feinde ihre Rosse tummeln auf seinen Fluren. Die Hand Gottes schlug sie, denn die Hand des Herrn verläßt Rußland nicht, selbst in seiner Erniedrigung ... Drei der Söhne des Zaren liegen in der Kaisergruft, und der vierte hält mit mächtiger Hand die Krone auf seinem Haupte. Er war ein Knabe zwar, als die Bluttat geschah, und schuldlos daran; aber er ist von seinem Samen, und zum zweiten Male seh' ich die Wetterwolken dräuen über den Söhnen des Gemordeten.«

Der älteste der Enkel, Boris, unterbrach die kurze Pause ... »Erzähle uns, Großväterchen, was aus den Mördern wurde, die Hand gelegt an den gesalbten Leib des Zaren.« – »Das Gericht des Herrn wandelt sichtbar auf Erden. Der Erbe des Thrones wandte sein Angesicht von ihnen, nachdem die blutigen Hände ihn mit der Krone geschmückt. Die einen starben in der Verbannung, die andern fern an den Grenzen des Reiches unter den Schwertern der Feinde und dem schwarzen Odem der Seuche, alle von den Menschen verachtet, von Gott verflucht.« – »Und der Mann, der dich verwundet, als du den Zaren verteidigtest?« fragte Olis. – »Er ist der einzige, den Gott übrig gelassen hat, auf daß ich sein Gericht an ihm vollziehe. Wie ich für meine Sünden als schlechter Wächter meines Dienstes, ist er von dem Herrn durch den Degen des gemordeten Zaren gezeichnet worden fürs Leben. Und wenn er länger als fünfzig Jahre die Kainsstirn vor der Welt verborgen, – das Gericht sollt' ihn dennoch ereilen, und der heilige Iwan, mein Schutzpatron, hat ihn am Ende meiner Tage in meine Hand geliefert, auf daß Iwan, der Steppenteufel, zu Iwan dem Rächer werde! – Ihr, die ihr jung seid und weder Haß noch Liebe habt für die vergangene Zeit, – ihr sollt sein Urteil sprechen.« – »Den Tod,« sagten Wanka und Alexei. – »Wir wollen jeder mit deinem Feinde kämpfen,« sprach Wassili. – »Er muß ein Greis sein, wie du, Großväterchen,« bemerkte Olis. »Sag' uns seinen Namen, und wo wir ihn finden mögen.« – »Es waren drei Brüder, die das Fürstenhaus der Zuboff gebar,« sprach der Alte. »Zwei der Mörder ihres Zaren ruhen im Grabe, der dritte und jüngste, derselbe, der mich zu Boden schlug, lebt! – es ist – – –«

Ein dunkler Schatten schien zwischen ihnen dahin zu gleiten. Eine breite Hand legte sich auf den Mund des Atamans. Die hohe Gestalt des greisen Roßhirten stand unter ihnen – seine Linke wies nach dem Mond: »Die Stunde ist da – komm!« – Die gebieterische Gebärde des Tabuntschiks hatte alle verstummen gemacht. Schweigend erhob sich der alte Kosak und nahm aus den neben ihm liegenden Halftern des Sattels seine Reiterpistolen, die er in den Gürtel steckte. Dann wandte er sich zu seinen Enkeln und deutete mit dem Finger auf die Mitte des Kreises. – »Bleibt und schweigt!« befahl er kurz.

Der Tabuntschik schritt voran – er war ohne alle Waffen, mit Ausnahme des kleinen Beils in seinem Gürtel; der Ataman folgte ihm ebenso stumm. So überschritten sie den Graben, der den Tabun von der Steppe schied. Und wandten ihre Schritte nach der tiefen Regenschlucht, in der wenige Stunden vorher der arme Jämschtschik mit seinen Pferden den Tod gefunden hatte. Unfern des Grabhügels, auf den der Mond durch den Eingang der Schlucht seine bleichen Strahlen warf, blieb der Tabuntschik stehen und wandte sich, die Arme über die Brust gekreuzt, zu seinem Begleiter ... »Diese Stelle,« sagte er ruhig, »liegt außer den Grenzen, die dir Gastfreundschaft gewährten. Die freie Steppe ist jedermanns Eigentum und der Tag, da du mein Salz gegessen, ist vorüber. Was willst du von mir?« – »Dein Leben, Väterchen, wenn du Fürst Michael Zuboff bist.« – »Was sollte ich es leugnen, da du der einzige warst, der mich seit den dreißig Jahren erkannt hat, daß ich diese Steppe bewohne.« – »Dann mußt du sterben!«

»Ich habe dir bereits gesagt, Mann,« sprach der Tabuntschik finster, »ich kenne dich nicht. Wenig liegt mir am Leben und ich hoffte längst auf die Ruhe des Grabes, die nicht kommen will für den Schuldigen. Aber wer gibt dir das Recht, mich zu richten?« – »Erinnere dich der Nacht des 22. März,« entgegnete der alte Kosak, indem er langsam die Pistolen aus seinem Gürtel zog und ihre Schlösser prüfte ... Der Greis lachte wild und gellend auf ... » Skotina! meinst du, daß ich je dessen vergessen könnte, was wie höllisches Feuer hier brennt?« Er deutete mit dem Finger auf seine Stirn.

»Gedenkst du des jungen Leibkosaken des Zaren, dessen törichte Unvorsichtigkeit den Mördern die Tür öffnete?« – »Ich erkenne dich jetzt.« – »Iwan, der Kosak,« fuhr der Alte fort, »den dein Säbel zu Boden schlug – der ein halbes Jahrhundert lang das Zeichen von deiner Hand an sich durch die Welt getragen – aber Iwan will nicht morden, wie es die Vornehmen tun. Nimm dieses Pistol, Fürst, und laß uns kämpfen als Männer. Die Heiligen werden meine Hand leiten.« – Der Geächtete hatte sich auf einen Stein gesetzt. – »Ich werde meine Hand nicht mehr gegen dich erheben. Töte mich, aber verschweige denen, die da oben schlafen, meinen Namen.« – »Ich habe auf meinem Schmerzenslager einen Eid geleistet bei dem heiligen Andreas, dem Märtyrer,« sprach traurig der alte Kosak, »doch du warst verschwunden damals, als ich dich suchte. Jetzt bin ich ein alter Mann, aber ich muß ihn dennoch halten. Es tut mir leid, Fürst Michael, daß du sterben sollst wie ein Hund in der Steppe, nicht wie ein Mann im Kampf, denn du warst in deiner Jugend ein Tapferer, bis die Blutschuld auf dich kam. So laß uns denn beten, daß sie dir vergeben werden möge, denn der Augenblick der Rache ist gekommen.« – Er spannte den Hahn seines Pistols; – bewegungslos das Haupt auf die Hand gestützt, saß der Tabuntschik, den finsteren Blick zur Erde gerichtet ... »Gott und die Heiligen seien dir gnädig!« Der Alte erhob das Pistol ...

Aber eine dritte Hand legte sich abwehrend auf seinen Arm und eine milde Stimme ertönte: »Die Rache ist mein, spricht der Herr.« – Es war der Mennonit, der gesprochen, dann fuhr er mit sanftem, in die Seele dringendem Tone fort: »Wer bist du, daß du es wagst, die Hand gegen deinen Bruder zu erheben? – Was dieses Mannes Vergehen auch sei, ich kenne es nicht, so wenig wie dein Recht zum Richten; aber wenn Gott vergibt, wieviel eher müssen wir Menschen nicht vergeben, die von seiner Gnade gemacht sind? Lege das Werkzeug des Mordes von dir, alter Mann, denn du selbst wirst bald vor deinem ewigen Richter stehen, und bete zu ihm um Vergebung für den Frevel, den deine Hand begehen wollte.« – Der alte Kosak sah den Prediger unwillig von der Seite an, steckte aber das Pistol in seinen Gürtel. – »Du bist einer von den Frommen, die hier wohnen, wie ich gehört habe,« sagte er, »dem eine ehrliche Kriegswaffe ein Greuel ist und die nicht einmal fechten wollen für Gott und die Heiligen. So bete denn du zu Gott für uns beide, denn was ich mit dem Manne dort abzumachen habe, kann weder deine Hand noch dein Wort zurückhalten. Unser beider Leben ist dem heiligen Rußland verfallen. Wenn du ein Mann bist, Tabuntschik, so folge mir.«

Der Angeredete erhob sich, doch der Mennonit hielt sie zurück ... »Eure Schuld mag schwer sein, Brüder, daß ihr also sprecht,« sagte er; »aber wäre sie tief wie das Meer und hoch wie der Ararat, Gottes Gnade und Vergebung sind höher, so ein Sünder Reue fühlt. Unser Glaube verbietet uns, die eigene Hand zum Kampf gegen Mitmenschen zu bewaffnen. Aber wir achten die Tapfern, die für das Vaterland kämpfen. So ihr euer Leben schuldig zu sein glaubt, so weiht es eurem Vaterlande und opfert es auf dem Wege der Pflicht, denn auch die Hand des Alten und Schwachen vermag Mächtiges, wenn Gottes Schutz und das Recht mit ihr ist.« –

Der Tabuntschik zuckte empor ... »Du hast recht, Mann – das ist, was meiner Seele fehlte. Noch fühl' ich Kraft genug in diesem alten Leibe, um gegen die Feinde Rußlands zu stehen. Laß mich mit dir ziehen, einen Greis, älter als du, Iwan, und beide unser Leben weihen auf dem Opferaltar, der Rußland heißt. An deiner Seite will ich fechten, Mann, und du wirst mich sterben sehen zur blutigen Sühne der Vergangenheit.« – Der alte Kosak schwieg einige Augenblicke, dann führte er den Tabuntschik zur Seite ... »Du kannst nicht fechten neben mir und meinen Söhnen, Fürst Michael,« sagte er fest, »denn deine Hand raucht von Blut, und der Fluch würde bei den Unschuldigen sein. Aber ich weiß, daß ich deinem Worte trauen darf. Willst du schwören auf das heilige Kreuz, daß du sterben wirst für Rußland gegen seine Feinde?« – »Ich schwöre es!« – »So geh' – vergeben kann ich dir nicht, aber die Sühne lege ich in die Hand des Herrn. Auf Wiedersehen vor dem Richterstuhl Gottes.« – Er wandte sich von ihm und verließ mit dem Mennoniten die Schlucht, in der einsam am Grabe des Jämschtschiks der alte Kaisermörder die Nacht verbrachte.

*

Als nach Tagesanbruch die Gesellschaft zur Abfahrt sich anschickte, trat der alte Tabuntschik zu Fürst Iwan Oczakoff ... »Ich habe vernommen,« sagte er, »daß der Gouverneur von Taurien sich gegen die Franzosen und Moslems rüstet und Pferde braucht. Sage ihm, daß Michael, der Tabuntschik, mit dreihundert kräftigen Rossen in Baktschiserai sein wird, ehe der Mond sein letztes Viertel geendet.«


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