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Viertes Kapitel.
Der Ausfall: die Russen.

Die Nachricht von dem Tode des Kaisers hatte zunächst dumpfen Schrecken und Schmerz – dann das Gefühl erbitterter Rache in den Herzen der braven Besatzung von Sebastopol hervorgerufen. Man hatte die erste Kunde von einem Überläufer aus dem Lager der Alliierten erhalten – das elektrische Fluidum über Wien und Varna lief rascher, als die Kuriere über Moskau und Perekop ... Jeder Zusammenstoß mit dem Feinde wurde seitdem noch blutiger, mörderischer denn zuvor. Das Testament des Kaisers, sein letzter Gruß an die Tapfern hatte die Begeisterung, den Fanatismus zum wildesten Hasse gesteigert ... Seit der Übernahme des Kommandos in Sebastopol durch den General-Adjutanten Baron Osten-Sacken war das Verteidigungssystem ein anderes geworden; man war aus der Defensive in die Offensive übergegangen, und in der Tat waren während dreier Monate die Belagerer mehr die Belagerten, als die Garnison der Festung.

Seit der Nacht zum 11. Dezember hatten die Ausfälle der Besatzung mit wechselndem Glück, aber mit stets gleicher Kühnheit ununterbrochen die Feinde in Alarm gehalten und sie gezwungen, zu allen Stunden eine zahlreiche Menge Truppen in den Trancheen zu halten, was die durch Krankheit, Mangel und Witterung erschöpften Armeen noch mehr aufrieb. Doch nicht auf sie allein beschränkte sich die Taktik des Kommandanten. Wir wissen aus dem Munde des Kaisers selbst, wie gut man den gefährdetsten und wichtigsten Punkt auf russischer Seite kannte, den Malakoff-Hügel Weißen Hügel. mit seinem Turm – jetzt zum Andenken an den gefallenen Helden die Korniloffski-Bastion genannt. Daher galt es, hier die Verteidigungswerke auf das möglichste zu stärken.

Totleben war rastlos tätig in der Kombination neuer Pläne und das tapfere Genie-Korps der Festung unermüdlich in ihrer Ausführung. Mit zauberhafter Schnelligkeit wuchsen über Nacht neue Werke empor, und die erstaunten Feinde sahen am Morgen Wälle und Schanzen, wo sie vielleicht schon am nächsten Tage ihre Parallelen zu ziehen gehofft hatten ... Gegen die unterirdischen Arbeiten der Franzosen, namentlich vor der West-Bastion, wurde mit Erfolg ein System von Konterminen geführt. Konter-Approchen und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flügels vorgeschoben. Das Selengiskische Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten Seite der Kilenbucht, also auf seither dem Gegner preisgegebenen Gebiet, die nach ihm benannte Redoute, so überraschend und plötzlich, daß der verdutzte Feind den Bau nicht einmal zu stören suchte. Erst in der folgenden Nacht versuchte General Monet mit 5 Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch nicht armierten Werken zu vertreiben, wurde aber mit furchtbarem Verlust durch das Bajonett und das Feuer der auf der Reede ankernden Dampfschiffe »Wladimir«, »Chersonnes« und »Gromonosz« zurückgetrieben.

In der Nacht zum 1. März wurde, noch weiter vorgeschoben, ein zweites Werk erbaut, die Wolinskische Redoute. Beide durch Trancheen verbunden und Schützengruben vor sich, deckten jetzt den linken Flügel der russischen Stellung die Bastionen I und II bis gegen den Malakoff hin. Auch bei diesem kamen die russischen Ingenieure den Arbeiten der Franzosen zuvor, die infolge des durch den General Niel angeratenen neuen Angriffssystems jetzt den Posten der Engländer auf dem rechten Flügel (also gegen Bastion I, II und III Malakoff) eingenommen hatten, und erbauten in der Nacht zum 11. März auf einem etwa tausend Schritt vor der Korniloffski-Bastion liegenden und dieselbe bestreichenden wichtigen Hügel die Lünette Kamtschatka ... Von diesen drei so kühn vorgeschobenen Werken aus bedrohten die Russen die Belagerungsarbeiten durch fortwährend neue Ausfälle, während der Feind auf diese Werke wiederholte Stürme unternahm, die ganze Ströme von Blut kosteten, aber tapfer zurückgeschlagen wurden, so namentlich der Sturm auf die Lünette am 17. März.

Am 20. März war der neuernannte Ober-Befehlshaber der Krim-Armee, Fürst Gortschakoff, in Sebastopol eingetroffen – er kam, um den Tod eines der Helden von Sebastopol, des jungen Konter-Admirals Istomin, zu betrauern, der am Tage vorher bei dem Bombardement, das die Verbündeten gegen die Schiffer-Vorstadt und die Werke des linken russischen Flügels gerichtet, deren Kommandant er war, in der Kamtschatka-Lünette getötet worden war.

Am 22. März endlich hatten die Franzosen die Schützengruben vor der Lünette erobert; – die Engländer hatten die Aufmerksamkeit für den Bau der neuen russischen Werke benutzt, um ihrerseits vom sogenannten grünen Hügel aus, der Chapman-Batterie zwischen dem Labordonaja- und Savandanakina-Grund, eine dritte Parallele gegen den Redan – die Bastion Nr. 3 – vorzubereiten. Sofort beschloß der Fürst, die Gegner aus diesen Stellungen zu werfen ... Es war am Nachmittage des 22. März; – die Mast-Bastion, von deren Höhe wir der Eröffnung der Kanonade auf die bedrängte Stadt beigewohnt haben, war nebst ihren Aufgängen und bedeckten Wegen gefüllt mit Soldaten, die, in Gruppen umherlagernd, ihre Waffen instand setzten, kochten oder schliefen. Es sind Jäger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotzkischen Jäger-Regiments und des 6. Wolinskischen Reserve-Bataillons außer der Besatzmannschaft der Bastion; das Feuer, das mit den gegenüberliegenden französischen Batterien gewechselt wurde, fand von beiden Seiten nur schwache Erwiderung. Schärfer und rascher donnerte es von dem östlichen Ufer der Südbucht herüber.

Eine ernste, feierliche Stimmung schien in der ganzen zahlreichen Besatzung vorzuherrschen, und das Gespräch der Offiziere belehrte alsbald über die Ursache.

Vor einer der Erdhütten, die am Eingange der Bastion zahlreich zum Schutze gegen die feindlichen Kugeln gegraben waren, saß eine Gruppe von Offizieren, in ihre grauen Mäntel gehüllt, rauchend und sprechend. Das Werk bot jetzt freilich einen sehr verschiedenen Anblick gegen damals, als die Belagerung eröffnet wurde. Der Platz ist schmutzig, von allen Seiten mit Schanzkörben, frischen Erdaufschüttungen, Kellern, Plattformen, Erdhütten umgeben. Große eiserne Geschütze stehen umher, und Kugeln liegen in unregelmäßigen Haufen dabei. In der Mitte, halbversunken in den Kot, liegt ein demontierter Mörser, der noch nicht fortgeschafft werden konnte. Der Infanterie-Soldat, der als Schildwacht an der Batterie auf und ab schreitet, zieht nur mit Mühe die Füße aus dem klebrigen Schlamme hervor – überall sieht man Splitter, nicht gesprungene Bomben, verdorbene Waffen. Die Tranchee, die an dem Innern des Berges hinaufläuft zum Eingange der Bastion, wird von den Leuten fast gar nicht mehr benutzt; sie setzen sich lieber den Gefahren des danebenher laufenden offenen Weges aus, statt bis an die Knie in dem dünnen Schlamm zu waten. Auch die Russen haben entsetzlich gelitten während des Winters durch das Schwert der Feinde und die greulichen Lazarettfieber – aber ihr Mut, ihre Hingebung ist ungebrochen, und selbst das Matrosenweib in ihrer alten Schubeika und den Soldatenstiefeln schreitet keck und unbekümmert um die feindlichen Kugeln, ihrem Manne eine Suppe oder einen wärmenden Trank zu bringen.

Bei Leutnant Birjulew, durch die grüne Marineschärpe kenntlich und durch viele kühne und glücklich geleitete Ausfälle während der letzten Zeit bei den Soldaten sehr beliebt, saßen mehrere Kameraden von verschiedenem Rang und verschiedenen Korps: Kapitän Thonagel vom 4. Sappeur-Bataillon, dessen Brust das Georgen-Kreuz schmückt für die Ingenieurarbeiten in der Mast-Bastion, Oberstleutnant Sazepin, Leutnant Tokarew von den Ochotsker Jägern und der Fähnrich Ssemenski ... »Sie waren in der Stadt bei dem Begräbnis, Sazepin,« sagte der Sappeur-Kapitän, »es kann uns also nicht wundern, Sie heute so auffallend traurig zu sehen. Fühlt doch der geringste Matrose und Soldat gleich uns den Schmerz um den braven Istomin. Ich bitte, erzählen Sie uns von dem Begräbnis des Wackern.« – Der Podpolkawnik hatte, Kopf und Arm auf das Knie gestützt, in tiefes Sinnen verloren gesessen und fuhr jetzt aus diesem empor. »Ich weiß nicht,« sagte er verstimmt, »was in mir vorgeht, aber diese Bestattung mahnt mich unwillkürlich daran, wie bald auch mir die Stunde schlagen mag!« – »Bah – dafür sind wir Soldaten und müssen jeden Augenblick zum Abmarsch bereit sein,« meinte Birjulew, seine Zigarette drehend. Überdies haben Sie vorläufig keinen gefährdeten Posten, da Woschtschenki an Achbauers Stelle getreten und die Trancheen von der Redoute »Schwarz« bis zu uns vollendet sind.«

Der Oberstleutnant strich mit der Hand über das Gesicht und entgegnete: »Sie haben recht, – ich dachte nur einen Augenblick an Frau und Kinder, aber Jurkowskis Beispiel leuchtet uns vor, der jetzt am Malakoff kommandiert und erklärt hat, daß nur das Grab oder schwere Verstümmelung ihn von dort entfernen würden. Als man ihm gestern die Botschaft von seiner Frau aus Simferopol brachte, die das erste Bombardement hochschwanger mit sechs Kindern hier mit uns verlebt, daß sie von der Cholera ergriffen dem Tode nahe sei und ihn bitten lasse, nur auf einen Tag herüber zu kommen, antwortete er: »Nicht auf eine Stunde kann ich meinen Posten verlassen!« – »Echt spartanisch!« brummte der Jägerleutnant. – »Ja, spartanisch – spotten Sie immerhin, Tokarew! Die Taten des klassischen Altertums reichen nimmer an diese Aufopferung, die wir täglich hier von dem Geringsten sehen, während er weiß, daß sein Name spurlos in der Menge verschwinden wird ... Doch Sie wollen von Istomins Begräbnis hören? In der Wladimir-Kathedrale liegt er begraben gleich neben Korniloff, und Nachimoff, der dritte im Bunde unserer Seehelden, beugte sich über die Gruft, und ich sah seine Tränen fallen auf den Sarg. Aber er seufzte nicht nach dem gefallenen Waffenkameraden, sondern nach dem Los, das jenem gestattete, die Entehrung der russischen Seeflagge nicht länger mitanzusehen, die Mentschikoff ihr auferlegt hat. Denn gleich darauf, als General Osten-Sacken ihm vorstellte, daß er ihm in seiner Eigenschaft als Truppenkommandant der Festung verbieten müsse, sich der Gefahr noch länger ebenso tollkühn auszusetzen, wie der Gefallene getan, da sein Leben für Rußland unschätzbar sei, – da antwortete der Admiral ihm trotzig: »Euer Exzellenz würden dasselbe tun, wenn man Ihnen den Säbel aus der Hand nähme und Sie mit einer Fuchtel bewaffnen würde.«

Der Marineleutnant reichte dem Erzähler die Hand ... »Er hat recht – Gott möge uns wenigstens ihn erhalten! Aber dennoch, meine ich, hat die Marine auch hier auf dem Lande ihre Schuldigkeit getan.« – »Das hat sie – und der Ruhm der Verteidigung Sebastopols gehört ihr zur größeren Hälfte. Jetzt schmälert sie uns Soldaten ihn noch bei den Ausfällen, bei denen sie immer voran! – Haben Sie Ihre näheren Instruktionen schon erhalten für heute abend, Herr Kamerad?« Birjulew hatte sich leicht für das Kompliment verneigt. »Noch nicht, Herr Oberstleutnant. Ich kenne nur im allgemeinen den Zweck und weiß allein, daß unsere Division zur Unterstützung der Hauptattacken unter Generalleutnant Chruleff von der Kamtschatka-Lünette und der griechischen Freiwilligen des Fürsten Morusi von der Bastion III dienen soll. Aber ich erwarte sie jeden Augenblick. – »Man muß gestehen, der General en chef hält ein gutes Entree. Ich wünschte nur, daß er so fortfährt.« – »Man hegt eigentlich kein besonderes Vertrauen auf seine Energie,« sagte vorwitzig der Fähnrich. »Er soll überaus vorsichtig und schwer von Entschlüssen sein.« – »Das ist es, was man dem Fürst-Admiral eben nicht zum Vorwurf machen konnte,« fiel der Sappeur ein; »indes ist es eine wichtige Eigenschaft für den Feldherrn; etwas mehr Vorsicht hätte uns vor der Schlappe von Inkerman bewahrt.« – »Ssoimonoffs Versehen trug die Schuld. Der Fürst war einer jener Kolosse von Erz, für die es Zufälle und Möglichkeiten nicht gibt. Es ist merkwürdig, daß diese harte Natur mitunter so viel Laune und Gemütlichkeit bewies. Ist er bereits abgereist?« – »Gestern morgen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein. In Petersburg galt er früher als Witzbold. Barjatinski hat uns manche hübsche Anekdote von ihm erzählt.« – »Richtig! Sein Epigramm auf den Herzog von Leuchtenberg und dessen Georg brachte ihn ja eine Zeit in Ungnade. Aber er war stets ein tapferer Soldat. Die Eroberung von Anapa begründete seinen Ruf.«

»Bei Varna,« fügte der Podpolkawnik bei, »rollte ihm eine matte Kanonenkugel über den Fuß, während er eine Prise Schnupftabak nahm. Aber nicht ein Körnchen ging ihm verloren, während er sagte: »Hätte der Bursche so viel Pulver mehr gehabt, wie ich hier zwischen den Fingern halte, so hätte ich ein Bein weniger.« –

»Ordonnanz-Offizier von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Oberbefehlshaber an Leutnant Birjulew,« meldete der Fähnrich. – »In Diensten, mein Herr!« Der Marineoffizier war aufgesprungen und empfing den Boten in militärischer Haltung. »Sie bringen mir hoffentlich die näheren Instruktionen für den Ausfall.« – »So ist es. Ich bin Stabskapitän von Meyendorf und beauftragt, den Erfolg des Ausfalles hier abzuwarten. Die Herren sind wahrscheinlich Offiziere Ihres Detachements? ich kann daher in ihrer Gegenwart ohne weiteres diese schriftliche Instruktion mit den mündlichen Anweisungen vervollständigen?«

Birjulew stellte die Offiziere vor. »Oberstleutnant Sazepin ist in diesem Augenblick kommandierender Offizier der Bastion, und Kapitän Thonagel Ingenieur vom Platz. Setzen Sie sich zu uns, Herr Stabskapitän, und lassen Sie uns überlegen, wie wir unsere Aufgabe am besten ausführen mögen.« – »Der Hauptausfall,« berichtete der Kapitän, indem er auf einer demolierten Lafette Platz nahm und sich die angebotene Zigarette ansteckte, »geschieht mit dem Dnjeprowskischen Infanterie-Regiment, das erst gestern abend eingetroffen, den Kamtschatkaschen Jägern, 2 Bataillonen des Wolinskischen und 2 Bataillonen des Uglitzschen Regiments nebst der 44. Flotten-Equipage. Generalleutnant Chruleff wird damit von der Kamtschatka-Lünette um 10 Uhr abends die französischen Logements angreifen. – Zugleich rückt Kapitän Budischtschef mit zwei Flotten-Equipagen, einem Bataillon Minsker und den griechischen Freiwilligen gegen den äußern rechten Flügel der britischen Trancheen zwischen dem Dokovaja- und Laboratornaja-Grund ... Welche Truppen gehören zu Ihrer Expedition, Herr Kamerad?« – »Ich habe 475 Jäger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotskischen Regiments und des Wolinskischen Reserve-Bataillons, nebst einem Kommando meiner alten Matrosen vom »Wladimir« und der »Maria.« – »Ich bin noch zu kurze Zeit hier,« sagte höflich der Baron, »um Ihnen zu solchen Gefährten gratulieren zu dürfen, obschon ihr Ruf zu uns gedrungen ist. Welche Offiziere werden Sie begleiten?« – »Leutnant Tokarew kommandiert die Ochotsker, Fähnrich Ssemenski die Reserven; außerdem ist der junge Mann, der Sie hierher gebracht, Unterfähnrich Lasaroff, bei dieser Abteilung.« – »Er scheint,« bemerkte der Kapitän, »ein echt russisches Herz in der Knabenbrust zu tragen. Als ich ihn im Gespräch fragte, wie es ihm hier gehe, sagte er mißlaunig: »Verteufelt schlecht, es ist nicht zum Aushalten.« Ich glaubte, er meine die Bomben und Kugeln, und tröstete ihn, daß nicht alle träfen. Der Bursche aber blickte mich groß an und erwiderte: »Verzeihen Sie, ich meinte den Schmutz, vor dem man gar nicht zur Batterie kann, ohne die Stiefel zu verderben.«

Die Offiziere lachten ... »Er ist erst vor sechs Tagen zu unserm Bataillon gekommen. Das seine erfror im Januar in der Steppe in einem Schneesturm, und ich glaube, er ist der einzige, der durch Zufall entkommen. Er war lange krank, und die Kommandantur, bei der er sich dann meldete, hat ihn einstweilig bei uns eingestellt.« Fähnrich Ssemenski berichtete dies. – »Ich selbst,« fuhr der Marine-Leutnant fort, »führe meine Schiffskameraden und habe genug altgediente Leute dabei, die mich unterstützen. Haben Sie vielleicht schon zufällig den Namen des tollen Koschka gehört?« – »Koschka, der Liebling des seligen Admirals? ei, wer hätte das nicht, der in den letzten drei Jahren am Schwarzen Meer stand! Ist es nicht derselbe Mann, der bei Sinope eine Fregatte in Brand steckte und im Ägäischen Meere den Kampf gegen fünf griechische Seeräuber bestand? Ich möchte ihn wohl sehen!« – »Derselbe, Herr, Sie können seine Bekanntschaft leicht machen. Er liegt dort oben in der Schießscharte auf seiner Kanone und schläft, weil beide gerade Ruhe haben.«

Der Offizier setzte die silberne Seemannspfeife an die Lippen und ließ einen langgezogenen Ton erklingen, worauf man eine Menge kräftiger Männer aufmerksam die Köpfe erheben sah und auch der Schläfer bei dem Wiegenliede der Kanonenschüsse den seinen erhob; der einzige sogar, nur halblaut gesprochene Name brachte ihn sofort auf die Beine, und er kam mit dem langsamen schwankenden Schritt von Seeleuten auf die Gruppe der Offiziere zu, zog seine fettglänzende Haarlocke über die Stirn und machte einen tiefen Kratzfuß ... Es war ein Mensch von riesigem und dennoch große Behendigkeit verratenden Gliederbau, das Gesicht mit den scharf ausgeprägten Zügen der mongolischen Rasse, doch von großer Gutmütigkeit; nur das schmal geschlitzte Auge blitzte Scharfsinn und Keckheit.

»Euer Gnaden haben mich gerufen?« – »Wohl, tapferer Koschka. Ich hörte mit Vergnügen, daß du dich zu der Zahl der Matrosen gemeldet, die uns heute nacht begleiten werden. Du sollst die Vorhut führen, wenn du versprichst, der Order die strengste Folge zu leisten und dich nur dann auf Schlagen einzulassen, wenn ich es befehle?« – Der große Matrose wiegte sich verlegen auf seinen Hüften. – »Ah, Gnaden sticheln wegen der dummen Geschichte in den französischen Tranchierungen, oder wie sie das Ding nennen? Kotschortu! Aber ich möchte, wenn's Euer Gnaden nichts verschlägt, gern erst hören, mit wem wir diese Nacht zu tun haben sollen, ehe ich leichtsinnig solches Versprechen gebe.« – Der Marine-Offizier lachte ... »Ja, Brüderchen! das weiß ich selbst noch nicht so recht; da mußt du diesen Herrn befragen.« – »Ist er von den Unsern?« fragte der Matrose vertraulich. – »Wenn du meinst von der Marine,« entgegnete der Bezeichnete, »so habe ich allerdings nicht die Ehre und werde nicht einmal den Ausfall mitmachen. Aber ich bin Offizier vom Stabe des Fürsten und war mit ihm an der Donau.« – »Ah,« sagte der Matrose mit wenig verhehlter Geringschätzung, »das sind, glaub ich, die Herren, die immer reiten müssen. Nun, – es muß auch solche Käuze geben, und ich möchte wohl einmal auf einem Pferde sitzen, bloß um zu sehen, ob es wahr ist, daß so ein Ding beim Laufen gerade so stößt, wie die Sturzwellen in der See bei Nordost.« – Er zog die Hosen in die Höhe und fuhr sich verlegen durch die Haare. – »Weißt du, Väterchen,« fuhr er halblaut zu seinem Offizier fort, »ich traue dem Neuen noch nicht so ganz; er gehört zu dem Landvolk, doch denke ich so bei mir, unser Vater Nachimoff wird wohl das beste für ihn tun. Aber der Teufel soll meine Mutter kriegen, wenn ich auf deinen Vorschlag nicht lieber gleich die Wahrheit sage. Wenns gegen die Inglischen geht, stell mich lieber hinten hin, denn ich habe einen Zahn auf die Bursche, der noch nicht ausgeglichen ist, und ich möchte da vielleicht vorlauter sein, als erlaubt wird. Gib Bolotnikow meine Stelle – du kannst dich auf ihn verlassen. Gott und die Heiligen wissen es.«

»Was hast du mit den Engländern, Koschka?« – »Das ist doch klar – alle Welt weiß es, sie haben den Kaiser durch den Telo-Grafen, den Hundssohn, vergiftet, weil er nicht türkisch werden und die Faktoria zur zweiten Frau nehmen wollte. Als ob ein rechtgläubiger Mann nicht an einem Weibsen genug hätte, wenn sie auch eine Königin sein täte! Außerdem hat das Lumpenpack mir vor drei Tagen eine so gute Kanone zerschossen, wie nur je eine noch ihren Schnabel durch die Luken gesteckt hat.«

Das Lächeln der Umstehenden prallte an der genügsamen Überzeugung des Meerwolfs ab. Er sah sie alle ziemlich scheel von der Seite an und knurrte einige unverständliche Höflichkeiten in den Bart, denn als Liebling der Admirale nahm er sich manche Freiheit heraus. Dann seinen plumpen Gruß wiederholend, wollte er sich eben entfernen, als sein scharfes Seemannsauge auf die zwischen der Mastbastion und Bastion V vorgeschobene Redoute Schwarz fiel ... »Der Admiral wird sogleich hier sein, Väterchen,« sagte er zu dem Leutnant. »Seine Flagge ist fort, und ich sah sie noch an ihrer Stelle, ehe ich hierher kam.« – Ein Blick überzeugte den Offizier, daß das Privatsignal eingezogen war, das den Truppen den Aufenthaltsort des Abteilungs-Kommandanten jedesmal anzeigte; und bald darauf sah man auch in dem gedeckten Trancheenweg eine kleine Gruppe von Männern eilig herankommen ... Es war der Vize-Admiral Nowossilski, der seit fünf Monaten den Befehl der zweiten Abteilung Von der linken Flanke der Bastion bis zum Labordonaja-Grunde. führte und während der ganzen Zeit den ihm zugeteilten Rayon nicht verlassen, ja kaum ein einzigesmal die Kleider vom Leibe bekommen hatte ... Er bewohnte ein Erdloch, wie die meisten Soldaten der Batterien, und war unermüdlich tätig, bis er drei Monate später und nachdem er wochenlang nur einzelne Stunden geschlafen hatte, gänzlich zusammenbrach und für tot nach Sebastopol gebracht werden mußte, wo er wieder zu sich kam und zu seiner Herstellung nach Odessa geschickt wurde.

Hinter dem Befehlshaber bemerkte man auf einer Trage einen Schwerverwundeten, wie die Offiziere bald erfuhren, den Major Woschtschenski, den Kommandanten der Redoute, der in Gegenwart des Vizeadmirals schwer blessiert worden war. »Es ist mir lieb, Sazepin, dich gleich zu treffen,« sagte jener. »Du mußt auf der Stelle hinüber und den Befehl übernehmen. Kapitän Lawroff ist zwar ein ausgezeichneter Offizier und glücklicher als seine Vorgänger, die in den Trancheen immer nur wenige Tage aushalten konnten; aber er hat damit vollauf zu tun und bereits zwei große Kontusionen am Kopfe, die ihn fast blind machen. Er ist zu jung noch, um vorsichtig zu sein. Eile dich also, daß du hinüberkommst. Ist ein Arzt auf der Bastion?«

Nur zwei Chirurgen waren augenblicklich zur Stelle in dem zum vorläufigen Verband-Lokal eingerichteten Kasematten-Raume. Ihnen wurde der Verwundete übergeben, da er sich, wieder zu sich gekommen, beharrlich weigerte, sich nach der Stadt schaffen zu lassen. Der Admiral schickte einen Boten nach dem nächsten Lazarett ab, um einen erfahrenen Arzt herbeizuholen, während Oberstleutnant Sazepin mit ernster Miene von seinen Gesellschaftern Abschied nahm, ihnen einen glücklichen Ausgang ihres Unternehmens wünschte und sich dann auf den Weg machte. Baron Meyendorf hatte sich dem Vize-Admiral vorgestellt und in seiner Gegenwart dem kommandierenden Führer der Expedition die speziellen Instruktionen wiederholt. Es galt, die Stellung der Engländer auf dem grünen Hügel zwischen dem Labordonaja- und Savandanakina-Grunde zu alarmieren und zu beschäftigen, um hierdurch den Angriff des Kapitäns Budischtscheff von links zu unterstützen. Zugleich sollten die vorgeschobenen Schützengruben genommen und gegen den Feind gekehrt werden. Die Offiziere besprachen noch dies Unternehmen, als ein lauter Jubelruf der Matrosen und Soldaten sie störte. Der Admiral sah sich zornig um, aber seine Miene wurde sogleich wieder freundlich, als er zwei Frauen auf sich zukommen sah, umringt von einer Anzahl der tapferen Verteidiger, die mit fast kindischer Freude und einer Verehrung wie für Heilige die beiden begrüßten. Es waren zwei sehr verschiedene Erscheinungen: eine alte, dürftig gekleidete kleine Frau, aber überaus beweglich und rührig, das faltige Gesicht mit dem immer geschwätzigen Munde voll Heiterkeit aus der weißen Haube hervorlachend; – die andere eine edle, jugendliche Gestalt mit ernstem, vom dunklen Schleier umhüllten, von Luft und Anstrengung geröteten Gesicht, dessen interessantes Profil auf den ersten Blick fesselte. Ein junger Kosak trug hinter ihr einen großen Handkorb mit Handleinen, Scharpie und verschiedenen Linderungs- und Stärkungsmitteln gefüllt. Ganz Sebastopol kannte bereits die beiden Frauen: Prasskowja Iwanowna Grasoff, die kleine Alte, die zu Anfang des Jahres plötzlich ihrer Familie in Petersburg entwichen war und in Sebastopol erschien, um die letzten Tage ihres Lebens den Verteidigern zu widmen, und Iwanowna Fürstin Oczakoff, ein Engel des Lichts für die Leidenden und Verzweifelnden. Sie gehörten nicht einmal zu dem Orden jener barmherzigen Schwestern von der Gemeinschaft zur Kreuzes-Erhöhung, die seit dem 1. Dezember unter der Anleitung des Anatomen und Operateurs Pirogoff in den Lazaretten und auf den Kampfstätten selbst die furchtloseste Menschenliebe entwickelten. Sie betraten eben die Bastion. Iwanowna Oczakoff war mit ihrem Bruder, der, wie es hieß, seine Stelle im Stabe des Fürsten-Admirals aufgegeben, um sich als Freiwilliger den Verteidigern Sebastopols anzuschließen, zu Ende Dezember in der belagerten Stadt eingetroffen, begleitet von einer schwarzen Dienerin und dem alten Jessaul nebst seinen zwei ihm gebliebenen Enkeln. Auf der Südseite, in der Nähe des Denkmals Kasarskis, das so merkwürdig verschont blieb in all den furchtbaren Bombardements, hatten sie ein Haus bezogen, das der Familie gehörte und wo im Herbst der Fürst den wahnwitzigen Tabuntschik pflegen ließ. Hier teilten sie alle Schrecken und alles Elend der furchtbaren Belagerung unter hundert Handlungen des Heldenmuts und der Nächstenliebe, lebten sonst aber in vollständiger Abgeschlossenheit. Fürst Iwan hatte verschiedenen Ausfällen beigewohnt und in den Batterien Dienste getan, während seine liebliche Schwester täglich, wenn ihr Bruder nicht im Dienst war, die Hospitäler besuchte und die Verwundeten pflegte. Doch sah man auffallenderweise die Geschwister nie zusammen, und eines hütete immer das Haus, wenn das andere es verließ. Auch die schwarze Dienerin hatte seit mehreren Wochen die Schwelle desselben nicht überschritten. Das Wesen der Fürstin, wenn sie unter den Leidenden erschien, war stets ernst und still; einen großen Teil ihrer menschenfreundlichen Tätigkeit widmete sie nicht bloß den kranken Landsleuten, sondern mit gleicher Sorgfalt den verwundeten und gefangenen Feinden, deren Sprache sie verstand.

Immer heiter, immer munter bei der zärtlichsten Teilnahme war dagegen die kleine Alte, die von ihren geringen Mitteln in den Apotheken Eau de Cologne, Hoffmannstropfen und andere Linderungsmittel kaufte und von der Fürstin, mit der sie bald an den Krankenbetten Bekanntschaft gemacht hatte, reich unterstützt wurde. Meistenteils war sie in den Verteidigungswerken selbst tätig, brachte, wo jemand in der Nähe getroffen wurde, die erste Hilfe und legte den ersten Verband an. Dann pflegte sie zu sagen: »Sei lustig!« oder wenn sie einen Leichtverwundeten verbunden hatte: »Sei nicht feige, geh' wieder auf deinen Posten!« Die Matrosen schwärmten für sie ... Jetzt trippelte sie auf den General zu. – »Gott grüße dich, mein Täubchen, mein Landsmann! Ein Soldat, der uns begegnete in der Stadt, erzählte uns, daß ihr einen Schwerverwundeten hier habt und er einen Regimentsdoktor holen solle. Da dachte ich und diese junge Dame hier, es würde besser sein, wenn wir euch sogleich ein wenig Hilfe brächten. Ich hätte dich ohnehin heute abend noch besucht, Admirälchen, mein Liebling, da ich gehört habe, daß wieder etwas im Werke ist.« – »Sei uns willkommen, Mutter Praskowja Iwanowna,« sagte der Admiral, »und Sie, durchlauchtige Dame, genehmigen Sie unsere Verehrung, denn ich müßte mich sehr in der Ähnlichkeit irren, wenn ich nicht die edle Schwester unsers tapfern Kameraden Iwan Oczakoff vor mir sähe.«

Die junge Dame machte eine bejahende Verneigung, indes aller Augen bewundernd an ihr hingen ... »Verzeihen Sie einem alten Seemann,« fuhr der Admiral fort, »der seit Monaten diesen Posten nicht verließ und Sie also nur durch den Ruf Ihrer Mildtätigkeit für uns arme Soldaten kennt. Ihr wackerer Bruder hat auf dieser Bastion bereits gezeigt, wie würdig er solcher Schwester ist.« – »Das Lob Iwans aus dem Munde solcher Helden muß selbst die Schwester ehren,« sagte die Fürstin graziös. »Doch ist es Euer Exzellenz gefällig, uns zu dem Verwundeten geleiten zu lassen, um zu sehen, ob wir seine Schmerzen erleichtern können?« – »Ja, Batuschka,« fiel die kleine Alte ein, »tue das, wir haben allerlei mitgebracht, was Deine Beinabschneider nicht haben. Und ihr, meine Jungen, Täubchen, Kinderchen, wir bleiben heute abend bei euch und werden abwarten, wie ihr eure Sache macht und ob ihr heil zurückkommt. Auf der Redan-Bastion und dem Korniloff haben heute die guten Schwestern vom Kreuz den Dienst übernommen.«

Ein freudiger Zuruf antwortete der Alten, und sie schüttelte sich mit den Matrosen und Soldaten die Hände, putzte an ihnen herum und gab ihnen hundert gute Lehren. – »Ich fürchte,« sagte der Admiral, »selbst Pirogoffs Hilfe wird bei unserm Kranken wenig vermögen. Beide Füße sind ihm von einer Vollkugel zerschmettert. Doch mag ihm schon Ihre segenbringende Nähe ein Trost sein und ich will Sie sogleich zu ihm geleiten lassen.« – Aus dem Kreise der Offiziere sprang der junge Unterfähnrich Lasaroff, dessen Augen voll Bewunderung an der schönen Samariterin gehangen hatten, mit der Frage: »Darf ich?« und der Admiral nickte lächelnd dem jungen Führer Einwilligung, dessen Schnelligkeit der Galanterie seiner alten Gefährten zuvorgekommen war. – – – – – – – –

Es war 10 Uhr, der Himmel hatte sich mit Wolken bezogen, und Dunkelheit verhieß dem Angriff ihren Schutz. Bei der Batterie des Leutnants Perekomski hatte sich das Detachement versammelt: 475 Mann und 80 nur mit Spaten und Hauen bewaffnete Arbeiter. Leutnant Burjulew hatte jetzt den Leuten den Zweck des Unternehmens und seine Anordnungen bekannt gemacht, und sie harrten in geschlossenen Abteilungen des Kommandos zum Vorgehen ...

Jetzt keuchte von der Bastion ein Unteroffizier her, ein zweiter Mann mit ihm. – »Der Admiral lassen Euer Gnaden sagen, daß der Augenblick gekommen. Das Signal ist auf der Bastion zu sehen,« meldete der erstere dem Kommandanten. – »Dann, Kinder, fertig! Ich habe euch nur zu empfehlen, unter keiner Bedingung die Frontlinie zu brechen, sondern Schulter an Schulter zu marschieren, und werde genau acht geben auf jede Übertretung des Befehls. Mützen ab!« – Die Waffen rasselten leise – die ganze Schar bekreuzigte sich in tiefer Andacht. Währenddessen hatte der Begleiter des Boten umhergefragt nach dem Unterfähnrich Lasaroff und den Jüngling endlich aufgefunden. – »Um der Heiligen willen, Bogislaw, wo kommst du her? Ist meinem Großvater ein Unglück geschehen?« – »Das größte, was ihn treffen konnte, Junker: Eure Flucht!« sagte der treue Jäger. »Der alte Graf war außer sich und wollte Euch nach; aber in Baktschiserai weigerte man ihm die Erlaubnis, nach Sebastopol zu gehen, und zwang ihn umzukehren.« – »Gott sei Dank, daß er gesund ist und die Gefahren in der Festung nicht teilen darf. Ich konnte nicht anders, Bogislaw!« – »Ich glaub' Euch, Junker, und begreife das. Ich meine, der Herr gibt Euch im stillen selbst recht. Ich habe einen Brief an Euch von ihm.«

Das Kommando: »Vorwärts mit Gott! Marsch!« unterbrach das Gespräch – die Kolonne begann mit raschem, möglichst leisem Schritt sich in Bewegung zu setzen ... »Geh' zurück, Bogislaw – Du wirst mir ihn später geben – erwarte mich im Schutze der Bastion!« – »Niemals! ich habe dem Grafen geschworen, da mich, den niederen Diener, kein Verbot zu kommen hinderte, keinen Augenblick mehr von Eurer Seite zu weichen, sobald ich Euch aufgefunden.« – »Ruhe im Glied! Still da hinten, Leute!« zischte das Kommando Birjulews; der Fähnrich konnte dem treuen Manne nur die Hand drücken und ihn neben sich in die Reihe ziehen, denn der Marsch ging jetzt mit großer Hast vorwärts.

Aber alle Vorsicht der Führer half zu nichts – das scharfe Auge der Zuavenposten hatte bald die dunkle Kolonne entdeckt, als sie über eine kahle Fläche zog, und aus der nächsten Schützengrube fiel ein Schuß ... »Links, Bursche, links und nicht gefeuert! Wir sind bald über ihre Flanke hinaus und im Schutz des Berges.« – Eine Signal-Rakete schoß aus der französischen Tranchee empor; man hörte Alarm schlagen, und alsbald knatterte auf der ganzen Linie ein lebhaftes Bataillefeuer, wie das Knattern und Zischen feuchten Holzes im Kamin.

Bald hatte das Detachement den sogenannten »Zuckerhut« passiert in der Richtung der Georgiewstraße und konnte von den französischen Logements, durch den Berg geschützt, nicht mehr gesehen werden. Aber die auf der ganzen feindlichen Kette wiederholten Appell-Signale und Rufe der Schildwachen und Hornisten bewiesen zur Genüge, daß man sowohl in den französischen wie in den englischen Linien auf einen Angriff bereit sei. Vom Labordonaja-Grund herüber krachten Gewehrsalven, dazwischen donnerte das Geschütz der englischen und französischen Batterien und bewies, wie heftig der Kampf dort bereits wütete. Rakete auf Rakete stieg empor, als Signal, Unterstützung herbeizurufen ... Die Franzosen schienen durch den Berg den Trupp ganz aus dem Auge verloren zu haben oder sich selbst zu sammeln, denn alles war eine Zeitlang auf dieser Seite stumm, und es herrschte jene Ruhe, bei der dem braven Soldaten viel schwüler und ängstlicher zu Mute wird als bei dem Blitzen und Knallen des Musketenfeuers. Endlich hatte man die englischen Logements erreicht, das heißt, die Russen standen am Fuß des grünen Hügels, auf dessen Aufgängen die Trancheen die dahinter liegende Chapman-Batterie deckten.

Die Russen begannen stillschweigend die Anhöhe hinauf zu steigen, aber sie hatten kaum 50 Schritt gemacht, als das » Who's there?« Wer da? der Schildwache ihnen entgegenscholl. – » Français!« rief Birjulew; »vorwärts, Kinder, und fällt das Bajonett! Hurra!« – Fünf bis sechs englische Schützen sprangen hinter einer Hecke hervor und schlugen ihre Gewehre auf die Stürmenden an; diese aber kamen ihnen zuvor, und eine allgemeine Salve streckte den ganzen Posten zu Boden. Gleich im ersten Anlauf waren die Russen bis mitten in den Logements und machten alles nieder, was nicht in die zunächst liegende Tranchee flüchten konnte. Die Engländer ließen 18 Tote in den Gruben. Sofort befahl Leutnant Birjulew, die Arbeiten zur Wendung der Gruben gegen die Feinde zu beginnen. Es gelang nach eifriger Arbeit, glücklich die Brüstung abzugraben; aber es schien unmöglich, sich länger zu halten, denn aus der nächsten Tranchee pfiffen und sausten die Kugeln unablässig auf sie ein, und die Batterie begann mit Kartätschen von der Höhe des Berges herab zu fegen. Auf der ganzen Linie bis zum Kilengrund hin schien zugleich jetzt das mörderische Gefecht entbrannt. Der tapfere Führer bemerkte, daß es möglich! sei, den ersten Laufgraben zu nehmen, um sich von dem lästigen Feuer zu befreien, und kommandierte rasch zum Angriff. Mit lautem Hurrah stürzten die Jäger und Matrosen gegen die Tranchee; aller verzweifelte Widerstand half nicht, zwei Minuten darauf drangen sie bereits in die zweite Linie ein. Ein entsetzliches Handgemenge erfolgte, das Bajonnet wütete unter den dichtgedrängten Massen, dann räumten die Briten – es war das 20. Regiment – den Platz.

Aber es war außer der Möglichkeit für die Russen, sich hier festzusetzen, denn eine Flankenbatterie von zwei Kanonen bestrich der Länge nach die ganze Tranchee, und gleich auf den ersten Schuß stürzten zehn Mann, darunter der Fähnrich Ssemenski. Es galt, den Rückzug anzutreten. Während die Verwundeten zu den von der Bastion beorderten Tragen zurückgebracht wurden, arbeiteten die Schanzgräber mit verdoppelter Kraft an der Hauptaufgabe, der Umwendung der Logements. Aber die Engländer waren den Zurückweichenden auf dem Fuße in die Laufgräben wieder gefolgt und erneuerten von dort den Kugelregen, der die Erdarbeiten hinderte.

Birjulew befahl eine zweite Attacke; abermals nahmen die Russen die erste und zweite Tranchee, die Flankenbatterie feuerte glücklich zu hoch, und die Leute bekamen den Pfiff weg, sich im rechten Augenblick glücklich vor den Kugeln zu decken. Man begann sich festzusetzen in der Tranchee und mehrere aufgestellte Mörser zu vernageln, als ein Arbeiter von den Logements herbeigelaufen kam und mit leiser Stimme dem Kommandierenden meldete, daß auf der rechten Seite von den französischen Laufgräben her eine Abteilung die Höhen herunter komme, um ihnen in den Rücken zu fallen. – »Wieviel sind ihrer?« – »Kann's nicht sagen, Euer Gnaden, vielleicht hundert oder hundertfünfzig Mann.« – Birjulew befahl den Leuten Stille, indem er sie aus der Tranchee zurückzog. Er hoffte, die französische Unterstützung abzuschneiden und gefangen zu nehmen, aber der Plan mißglückte, von den feindlichen Posten bemerkt; denn als die Russen den Berg hinab stürmten, bliesen deren Soldaten den Ihren Rappell, und sie hatten Zeit, sich zurückzuziehen.

Die Arbeit an den Logements wurde nun noch mehr beeilt, aber die Arbeiter waren aufs neue wieder dem Feuer der Laufgräben ausgesetzt, und man sah sich gezwungen, einen dritten Angriff zu machen. Die Feinde wichen wiederum, aber etwa fünfzehn Scharfschützen, die noch auf dem Erdwall standen, schlugen zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf den kühnen Führer der Russen an, der nicht einmal die drohende Gefahr bemerkte. Er war im nächsten Moment verloren, als der Matrose Schewtschenko, der dicht bei ihm war, sich flüchtig bekreuzte und vor seinen Offizier warf. Die Schüsse krachten – und die tapfere Brust empfing nicht eine Todeskugel, sondern die ganze Zahl derselben. Erst jetzt, indem er das dumpfe Anprallen der Schüsse und den Gegenstoß des stürzenden Körpers fühlte, bemerkte der Offizier die heldenmütige Aufopferung seines Getreuen und warf sich, im ersten Schmerz alles um sich her vergessend, neben dem Blutenden auf die Knie. »Schewtschenko, Freund! Du bist getroffen? Wie ist dir, Brüderchen? So sprich doch ein Wort, nur ein einziges Wort!« – Aber der Tapfere konnte nicht mehr antworten: er lag da, stumm und bleich, nur der Mund zuckte leise, und um die Lippen spielte jenes seltsam-freundliche Lächeln, das man statt der Verzerrungen des Schmerzes so oft auf den Gesichtern der durch die Kugel Getöteten findet.

Der Leutnant verweilte immer noch bei der Leiche, als der Hochbootsmann Blotnikow zu ihm trat und ihn am Arme faßte. »Es ist keine Zeit zu verlieren, Eure Gnaden,« rief er, »unsere Burschen dringen eben in die dritte Tranchee ein; daß das Ding nur nicht etwa schlimm abläuft!« – Die Worte führten den Offizier rasch zu seiner Pflicht, und er eilte seinen Leuten nach. – »Zurück, Kinder, zurück!« – Sie hatten sich bereits der dritten Tranchee bemächtigt, arbeiteten wie die Rasenden mit dem Bajonett, und der ganze Laufgraben war gefüllt mit Toten. Es gelang ihm, seine Leute in guter Ordnung zurückzuführen, als ein hochgewachsener britischer Stabsoffizier auf den letzten Grabenwall sprang, in jeder Hand ein Pistol, und die Seinen zur Verfolgung anfeuerte. Doch diese schienen genug des Blutbades zu haben und rührten sich nicht von der Stelle. Da feuerte der Brite beide Pistolen auf den ihm zunächst stehenden Hochbootsmann ab. Mit der linken Hand hatte er gefehlt, und die Kugel flog dicht an Koschkas Kopf vorbei; die rechte Waffe aber hatte fast unmittelbar Blotnikows Schläfe berührt, und mit zerschmettertem Kopfe sank der Tapfere zur Erde. Wie die Rasenden stürzten die Russen sich aufs neue auf den Feind und jagten ihn zurück.

Während des Angriffs waren die Arbeiten an den Gruben beendigt. Die Laufgräben lagen voll Leichen, und der Auftrag konnte als vollendet angesehen werden, da auch von der linken Seite her der Kanonendonner schwächer geworden war und Leutnant Birjulew überdies Nachricht erhielt, daß Verstärkungen in die französischen Linien zu rücken schienen. Die Hörner befahlen den Rückzug, und man begann in geschlossenen Gliedern den Berg hinabzugehen, nachdem die neu eingerichteten Logements mit Schützen besetzt worden. Da brachte ein Unteroffizier an Leutnant Tokarew, den einzigen außer dem Kommandierenden übrigen Offizier, die Meldung, daß einer der Ihrigen in der letzten Tranchee zurückgeblieben zu sein scheine. – »Es schimpft und flucht darinnen auf gut russisch, und die Leute glauben, ihres Kameraden Koschka Stimme zu erkennen!« – »Koschka? Das muß der Kommandant wissen!« – »Befehlen Euer Gnaden vielleicht, daß wir ihn frei machen?« – »Natürlich! Formiert euch! Links um! Marsch!« und im sechsten Anlauf ging es zurück nach der feindlichen Tranchee.

Darin tobte und wetterte es allerdings mit all den beliebten Flüchen und Verwünschungen, an denen die russische Sprache so abscheulich reich ist ... und es war Zeit, daß die Hilfe kam. Mit dem Fuß auf der Brust des zu Boden geworfenen englischen Obersten, der die unglücklichen Schüsse auf Bolotnikow abgefeuert: stand der Matrose Koschka, das Gesicht dunkelrot vor Anstrengung und Erbitterung, und seine mächtige Faust schwang eine beilartige Enterpike, seine Lieblingswaffe, im Kreis um sich, während sein riesiger Körper bereits aus mehreren Wunden blutete ... » Jop foce mat! wenn ich euch nicht alle massakriere, ihr englischen Schurken, ihr Hundssöhne und Lumpenpack, mitsamt euren Lords und Tele-Grafen, den schäbigen Meuchelmördern!« tobte der ehrliche Seemann, indem jeder seiner Streiche einen Gegner zu Boden schlug. »Den Kerl hier unter mir wollt ihr? Den Teufel in eure Seele bekommt ihr! Seid ihr nicht Memmen, daß ihr auf den Knaben dort schlagt und den toten Mann, statt auf einen Burschen wie mich!«

In der Tat wandte sich ein großer Teil der Wut des Angriffs der Briten nicht gegen den riesigen Matrosen, dessen gewichtige Axthiebe ihre Gewehre wie Halme zersplitterten und dem sie, da ihre Munition verschossen, nur durch die Überzahl und den Anfall von allen Seiten Gefahr brachten, sondern gegen die einzige kecke Hilfe, die das waghalsige Unternehmen des Seemanns, seinen Kameraden Bolotnikow zu rächen, geteilt hatte. Drei bis vier Schritt von ihm lag am Boden der Tranchee der Unterfähnrich Lasaroff, den zerbrochenen Degen fest in der Knabenhand, von Blut bedeckt, das zum Glück jedoch nur zum geringsten Teil aus unbedeutenden Wunden das seine war; denn über ihm lag, mit seinem eigenen Körper ihn schirmend und von zwanzig Bajonettstichen durchbohrt, von Kolbenschlägen zerschmettert, der treue Bogislaw, der schon die erste Stunde seines Hüteramtes mit dem Herzblut zahlte. Mit den letzten zuckenden Bewegungen des fliehenden Lebens noch suchte er den seinem Gebieter geleisteten Eid zu halten und den Jüngling zu schützen ... Da – als auch die riesige Kraft Koschkas zu erlahmen begann, sein schäumender Mund nur noch unverständliche heisere Töne murmelte und der Kolbenschlag eines Schotten ihn schon auf die Knie geschmettert hatte – donnerte das »Urra« der Russen als Jubelruf der Rettung in ihre Ohren, und rechts und links stoben die Engländer auseinander in eiliger Flucht nach der zweiten Tranchee.

»Der heilige Andreas, Sankt Basilius und wie sie alle heißen, lohne euch den Liebesdienst, Leutnant Birjulew,« keuchte der befreite Matrose, indem er seinen Gefangenen, den Kommandanten des 33. Infanterie-Regiments, am Kragen aufhob und wie einen Sack über die Schultern warf; »ich habe den Inglischen, der mir Bolotnikow erschoß. Aber ich bitt' euch, nach dem Knirps da zu sehen, der mir so wacker beigestanden, und nach dem Manne, der mit ihm war. Ich möchte selbst kein totes Stück des tapfern Burschen in den Händen der Feinde lassen.« – Man hob den blutigen, verstümmelten Körper des Jägers auf, legte ihn über zwei Gewehre und richtete den jungen Offizier empor, der mehr betäubt als verletzt war und, rasch zu sich kommend, die blutüberströmte Hand seines Retters in der seinen, neben der improvisierten Trage herlief. Denn Leutnant Birjulew befahl, nachdem der Zweck des Ausfalles erreicht worden, den eiligsten Rückzug, um das so glücklich bisher ausgeführte Unternehmen nicht im letzten Augenblicke noch zu gefährden. Während die russischen Schützen in den Logements die Verfolger in Respekt hielten, gelangte die kleine Kolonne glücklich an den Fuß des Berges, wo sie ihre Verwundeten an die mit den Tragen harrende Reserve abgab und im Schutze der Nacht und der Geschütze des in der Spitze der Südbucht ankernden »Jehudil« den gefährlichen Savandanakina-Grund passierte und die Mast-Bastion erreichte.

Außer dem Obersten hatten die Russen einen englischen Ingenieur-Kapitän und zwölf Soldaten zu Gefangenen gemacht. Der Ausfall hatte übrigens auch auf den anderen Punkten, wiewohl mit großen Verlusten, einen günstigen Erfolg für die Russen gehabt. Die Truppen Chruleffs schlugen sich gegen die Divisionen Mayran und Brunet und nahmen und verloren dreimal das Terrain zwischen den russischen Redouten und den französischen Trancheen, bis es endlich in ihren Händen blieb und bis die am Abend vorher von den Franzosen eroberten Logements wieder von ihnen besetzt wurden. Auch die griechischen Freiwilligen verrichteten tapfere Taten gegen den rechten Flügel der britischen Trancheen und warfen das 77. und 97. Regiment ... Dieser glückliche Ausgang führte eine in der Kriegsgeschichte kaum gehörte kühne Offensive der Belagerten gegen die Belagerer herbei, indem die ersteren mit einer verbundenen Linie neuer Konter-Approchen bis auf 600 Schritt gegen die feindlichen Parallelen vorgingen. – – – – – – – – – – – –

Als die tapfere Schar Birjulews, der für diese Nacht zum Kapitän-Leutnant und Flügel-Adjutanten ernannt wurde, zu ihrer Bastion zurückgekommen, fand sie schon am Eingange derselben neben dem Admiral die beiden Frauen mit der Pflege der vorausgesandten Verwundeten beschäftigt. Michael, der Unterfähnrich, hatte seinen Retter keinen Augenblick verlassen; als man den blutigen Körper aber aus der Sänfte hob, war längst auch der letzte Funke von Leben entflohen. Praskowja Iwanowna machte darauf aufmerksam, daß die verstümmelten Finger des Mannes das blutüberströmte, von Bajonettstichen zerrissene Fragment eines Briefes im Todeskampf aus der innern Tasche seines Rockes gezogen zu haben schienen und festgeklammert hielten, gleich als sei die Bestellung des Blattes die letzte Aufgabe seines Lebens. Als man es aus der erstarrten Hand gelöst, entzifferte man die Adresse des jungen Fähnrichs, der halb bewußtlos über der Leiche seines Freundes jammerte. Der Matrose Koschka aber legte die schwere Hand auf seine Schulter, während die kleine behende Alte seine eigenen Wunden verbinden half, und sagte: »Zum Henker, Bursche! ein braver Kerl, wie du, muß nicht weinen! Sie sollen mich an den Flaggenknopf vom großen Mast schnüren und zwei Mittelwachen lang in der Julisonne am Sankt Georgen-Kap braten lassen, wenn Koschka dir je vergißt, daß du mit dem Toten dort der einzige bei ihm bliebst in den britischen Tranchierungen!« – Eine Trauerkunde trübte die Freude des tapferen Marine-Leutnants über das gelungene Unternehmen; sein Gesellschafter am Nachmittag, der Podpolkawnik Sazepin, war im Laufe des Abends auf dem eben erst übernommenen Posten in den Trancheen der Redoute Schwarz getötet worden; seine Ahnung war also schnell in Erfüllung gegangen. – –

Als Michael Lasaroff am andern Morgen während des zwischen den Gegnern zur Beerdigung der Toten geschlossenen Waffenstillstands Muße fand, den zerrissenen, halb vernichteten Brief zu lesen, konnte er nur folgende geheimnisvolle, blutverwischte Worte noch entziffern:

»Mein geliebtes ....

»... wollte es wohl machen mit Dir, meiner ... letzten Freude auf der Welt, ... Wohl fühle ich, daß ... Dich nicht vermögen werden, ... zu mir ... aufzugeben, was du für Dei... Pflicht hältst, was ... freier Menschen unwürdig ... einiger Weg, Dich zu retten; dieser Krieg muß aufs schleunigste enden; ... Haupt möge fallen, um das Deine zu schützen. Möge der Himmel ... von Dir wenden, bis ... gelungen, Sebastopol zu retten und Dich mit ihm selbst ... Andenkens Deiner Mutter willen schone bis dahin Dein ... kann nicht zu Dir ... Ereignisse in Petersburg verhindern ... Bogislaw, den Getreuen und Muti... bereits auf dem Wege nach Paris ... Gedenke ...«


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