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Sechstes Kapitel.
Cholera morbus!

Während bereits von Paris her die Krim-Expedition im geheimen beschlossen war und Marschall St.-Arnaud seine Vorbereitungen in Varna traf, ergab sich, teils um die Aufmerksamkeit der Russen von diesen Vorbereitungen abzulenken, teils um dem weitern Umsichgreifen der Krankheiten zu steuern, die Notwendigkeit, die Truppen in weiteren Distanzen zu dislozieren oder auf Expeditionen auszusenden. Die ungeheure Anhäufung von Menschen auf einem Punkte, die unerträgliche Hitze und die Ausdünstungen der Unreinlichkeiten aller Art, die trotz der strengsten Verbote nach orientalischer Gewohnheit die Straßen und den Hafen Varnas füllten, hatten – wie wir bereits gesehen – die Cholera herbeigebracht. Der Marschall sandte daher einen großen Teil der Flotte unter Canrobert und Sir George Brown mit geheimen Instruktionen an die Küsten der Krim ab ... Diese Instruktionen gingen, wie die griechischen Spione richtig ahnten, nicht auf eine Landung und einen Angriff Sebastopols aus, sondern auf eine möglichst genaue Rekognoszierung der Küsten und ihres Fahrwassers ... Eine solche war um so notwendiger, als die Russen das schlaue Manöver gebraucht hatten, Seekarten über die Ufer des Schwarzen Meeres zu verbreiten, die absichtlich falsch und darauf berechnet waren, jeden Feind zu täuschen.

Zugleich mit der Expedition zur See war eine Landexpedition gegen die russischen Truppen beschlossen worden, die die Dobrudscha noch besetzt hielten. Diese Expedition erfüllte, wie bereits erwähnt, den doppelten Zweck, das durch die Untätigkeit bei der Belagerung von Silistria erschütterte Vertrauen der Türken auf ihre Alliierten wieder zu kräftigen und die Truppen zu trennen ... Oberst Desaint, der die Dobrudscha durchstreifte, hatte die Nachricht überbracht, daß zwischen Matschin, Tultscha und Babadagh noch 10 000 Mann russische Infanterie mit 2 Husaren-Regimentern sich befänden. 1200 Kosaken standen als Vorhut in der Nähe von Küstendsche. General Yussuf, der berühmte afrikanische Parteigänger, hatte mit Oberst Beatson eben die Organisation der Baschi-Bozuks unter dem Namen der »orientalischen Spahis« vollendet. Der Marschall vertraute ihm das Geheimnis der Krim-Expedition, und wie nötig es sei, die Russen durch eine Diversion in anderer Richtung zu fesseln. Er erhielt demgemäß die Order, mit seinen 3000 umgeschaffenen Reitern und zwei Bataillonen Zuaven, unter Bourbaki in die Dobrudscha vorzudringen und die Russen zu beunruhigen. Zu seiner Unterstützung wurden staffelweise drei Divisionen aufgestellt, deren erste unter General Espinasse, dem Kommandant en chef der leichten Avantgarde, folgen sollte, während die Divisionen des Generals Bosquet und des Prinzen Napoleon als zweite und dritte Linie aufgestellt blieben.

Am 4. August sollten die Truppen wieder eintreffen, um sich am 5. zur Krim-Expedition einzuschiffen. Man hatte nur eines in diesem Plane vergessen: die Cholera ... Das Ziel des Marsches für die Division Espinasse war Küstendsche, wo der General sein Lager aufschlagen sollte, um von hier aus die fliegende Kolonne Yussufs zu unterstützen ... Es ist ein trauriges Land, die Dobrudscha, und eine Armee, die es durchzieht, hat mit unsäglichen Mühseligkeiten zu kämpfen, die sich steigern, je näher man dem Donau-Delta kommt. In der nächsten Umgebung Varnas, bis auf etwa sechs Meilen, durchwandert man waldiges Terrain, bald darauf aber sieht man keinen Baum, keine Schlucht mehr, nur von Entfernung zu Entfernung Senkungen des Erdreichs, in denen sich das Sumpfwasser sammelt. Das Auge schweift über die Flächen, ohne einem Gegenstände zu begegnen, der das geringste Interesse fesseln kann; nicht ein Bach frischen Wassers bewässert jenes trostlose Gelände. Am dritten Tage schlug die Division ihr Biwak in Kavarnak auf. Von da an bestand das, was man Dörfer nannte, aus elenden Hütten von trocknen Steinen, aus denen sich die bulgarischen Familien bei der Ankunft der Franzosen geflüchtet hatten.

Am 25. Juli kam die Kolonne in Mangalia an, – es lag in Trümmern. Schon am andern Nachmittag verließ sie wieder den Ort und wanderte durch trostlose Heiden, auf die die Sonne ihre glühenden Strahlen sandte. Man nahte dem Trajanswall, über den hinaus bereits Yussuf mit seiner mobilen Kolonne schwärmte, und schlug das letzte Biwak vor Küstendsche, zwischen zwei Höhenzügen, auf. Der Boden hob sich hier wellenförmig, die Öde war hin und wieder belebt, aber es waren nur Trupps wilder Pferde, die sie durcheilten, Schwärme wilder Gänse, die aus den Sümpfen mit lautem Geschrei aufflogen, oder schrill und gell aufkreischende Adler, die in den Lüften ihre Kreise zogen und so wenig an eine Störung gewöhnt waren, daß sie die Soldaten dicht an sich herankommen und mit den Gewehren nach sich schlagen ließen, ehe sie sich erhoben. Wenn die Nacht kam, dann umkreiste der wilde Hund oder Schakal mit seinem klagenden Geheul das Lager ... In dieser Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus, das einen sinnbetäubenden Eindruck auf die ermüdeten Soldaten machte. In wenigen Augenblicken war das ganze Lager durch hundert Gießbäche unter Wasser gesetzt. So kam man naß und erschöpft unter dem Strahl der glühenden Sonne am andern Morgen in Küstendsche an, aber man fand einen Trümmerhaufen, dessen Ruinen zum Teil noch rauchten, so daß General Espinasse eine Stunde davon sein Lager aufschlagen mußte.

Es war am Abend des 28. August, als eine ziemlich starke Abteilung der orientalischen Spahis und zwei Kompagnien des ersten Zuaven-Regiments unter Leutnant-Colonel, oder, wie er unter den Organisierten genannt wurde, Colonel Vikomte de Méricourt, durch die öde, wellenförmige, zum Teil schon hier in Sumpf auslaufende Steppe vordrang. Die Tirailleurs hatten dem Kommandanten gemeldet, daß in der Entfernung von einer Viertelstunde ein tatarisches oder bulgarisches Dorf zu liegen scheine, und der Vikomte, abseits des Yussufschen Korps detachiert, hatte die Stelle zum Biwak bestimmt.

Bei der Ankunft fanden sich in der Tat mehrere halb zerstörte, von Lehm und Binsen errichtete Erdhütten, die sonst den Aufenthalt jener wenigen und höchst genügsamen Menschen bilden, die die Gegend bewohnen. Die Hütten derselben waren leer, nur in einer davon fand man – was seit vielen Meilen nicht geschehen war – drei der geängstigten Bewohner in ärmlicher Tracht ... Es war ein Mädchen von hoher, schlanker Figur, schönen Zügen und braunem Teint, das ruhig und zurückhaltend an dem ärmlichen Lager eines Kranken saß, der, in Schaffelle gehüllt, auf getrockneten Binsen lag. Ein noch ziemlich junger Mensch mit verschmitztem Aussehen kam den Offizieren kriechend entgegen und erzählte, daß die letzten Russen, ein vereinzeltes Kommando Kosaken, vor vier Tagen hier gewesen und dann nach Isler zu abgezogen seien, daß das ganze russische Korps, das noch die Dobrudscha besetzt hielt, auf dem Rückzug begriffen sei.

Zugleich kam die Meldung, daß die Soldaten in der Nähe das notwendigste Bedürfnis des Krieges auf dem Marsche, Wasser, in einem jener Brunnen gefunden hätten, die, mehr aus Zisternen bestehend, äußerst spärlich über das traurige Land verstreut sind und jetzt noch größtenteils von den Russen verschüttet worden waren.

Die erhaltenen Nachrichten bestimmten vollends den Obersten, an dieser Stelle das nächtliche Biwak aufzuschlagen. Sofort begannen, während die türkischen Reiter sich träge neben ihren Pferden lagerten und ihr hartes Brot verzehrten, die Zuaven, jene fliegenden Gezelte aufzuschlagen, die ihre Erfindung sind, indem sie ihre Lagersäcke auftrennten, je zwei und zwei zusammenbanden und durch Stäbe stützten, so daß Windschirme entstanden, in deren Schutze sie dann ihre Feuer anzündeten. Während die Fouriere die Verteilung der geringen Lebensmittel vornahmen, machte ein Teil der Mannschaften aus dem trockenen Dünger der Steppentiere und Binsen Feuer an, um an der Flamme den Kaffee zu kochen, der im Notfall die so beliebte Abendsuppe ersetzen muß, indem man Zwieback in den Kaffee reibt und so eine Art von Pastete macht. Ein Zuave brachte eine kleine Landschildkröte herbei, und sofort begab sich die halbe Kompagnie auf die Schildkrötenjagd ... Bald waren auch die Kochvorrichtungen im Gange ...

Der Oberst hatte seine Lagerstätte in der Nähe der Hütte aufgeschlagen, in der er die Familie gefunden ... » Pardioux!« schwor Kapitän Brice de Bille, dessen gaskognischen Ursprung das Wort verriet, »die Fiebersümpfe am Auri-Gebirge enthalten wahrhaftig besseres Zeug als diese stinkende Flüssigkeit. Prüfen Sie selbst, Colonel, unsere Leute müssen krank werden, wenn sie das Zeug genießen.« – »Was wollen wir machen?« lachte Leutnant Lesorier, »können Sie wie Moses eine andere Quelle in der Wüste schaffen? Unsere Wasserschläuche sind bis auf den letzten Tropfen geleert.«

Der Vikomte hob den ihm dargebotenen Becher und prüfte mit Auge und Nase das Getränk. Es roch so abscheulich, daß er es ohne weitere Probe auf den Boden goß. Sein Auge fiel dabei zufällig auf den jungen zerlumpten Zigeuner, der am Eingang der Hütte kauerte und die Gruppe der Offiziere neugierig beobachtete, nachdem er sich zu verschiedenen Dienstleistungen eifrig hinzugedrängt hatte. Er winkte ihn heran ... »Dein Bruder ist wahrscheinlich vom Genuß des schlechten Wassers dieser Gegend erkrankt?« – »Ich bin dein Sklave,« sagte der Zigeuner demütig. »Wir trinken von keinem Brunnen in diesem Lande; unsere Nahrung ist der Tau des Himmels, den wir auffangen.« – »Also sind die Quellen dieses Bodens gefährlich?« – »Es gibt gute und schlechte, wie sie Gott gemacht hat. Unser Gesetz befiehlt uns, das Wasser des Himmels aufzufangen.« – »Du kennst diese Gegend?« – »So ziemlich. Wir sind zwar auf der Flucht vor den Moskows hierher gekommen, aber ich habe sie in diesen Tagen viel durchstreift.« – »Du sollst uns morgen früh zum Führer dienen und gut dafür bezahlt werden.« – »Das Kind Aldobarans wird dem Befehl des tapferen Franken gehorchen. Welchen Weg befiehlst du, daß ich euch morgen führe?« – »Wir werden den Russen nach Isler zu folgen. Wie weit entfernt ist die See?« – »Kara Irman ist eine Tagereise von hier.«

»Der General,« wandte sich der Colonel zu den Offizieren, »wird auf der Hälfte des Weges zu uns stoßen.« – »Wissen Sie, Vikomte, wie weit Yussuf Befehl hat vorzudringen?« fragte der Major, der die beiden Kompagnien kommandierte. – »Ich weiß nur, daß die Kolonne am 5. in Varna zurück sein soll.« – »Sie glauben also an eine Einschiffung?« – »Alle Zeichen deuten darauf hin, doch ist Zweck und Zeit Geheimnis der Oberbefehlshaber.« – » Cap de Bious! was kann es anders sein als Sebastopol? Wir werden Sebastopol nehmen und gegen Moskau marschieren.« – »Der Weg möchte etwas weit sein, Kapitän,« sagte lächelnd der Colonel.

Der letzte Teil des Gespräches war zwar französisch geführt worden; dennoch horchte der Zigeuner eifrig darauf, gleich als könne er es verstehen ... Die Offiziere hatten ihre Zuflucht zu den Feldflaschen genommen, und das unvermischte Getränk – Rum, schlechter Kognak oder Wermut-Liqueur – machte fleißig die Runde. Es war bereits finster geworden, und die Soldaten begannen sich zu lagern ... » Peste!« rief der Gaskogner, »es ist doch eine verfluchte Gegend, und mir ist immer, wenn ich mich umschaue, als müßte ich hier meine Gebeine lassen. Wenn die Herren Russen uns nur wenigstens noch einige Motion verschaffen wollten! He, Bursche!« er wandte sich zu dem jungen Zigeuner, »laß die junge Hexe, deine Schwester, uns wahrsagen, oder uns etwas vorsingen und tanzen, ihr Zigeuner versteht ja allerlei Teufelskünste.«

Die Offiziere fielen im Chor ein mit jener Ungeniertheit, die im französischen Dienst außer unterm Gewehr zwischen den Offizieren aller Grade, ja selbst zwischen diesen und den Mannschaften herrscht und die sich in ihrem Vergnügen wenig um die Gegenwart der Oberen kümmern ... Der Zigeuner war in der Erdhütte verschwunden und kam gleich darauf mit dem Mädchen an der Hand wieder zum Vorschein. Der rote Glanz des Feuers beleuchtete die in phantastische Lumpen gehüllte Gestalt; aus dem Kopftuche, das ihr schwarzes Haar umhüllte, schauten die dunklen Augen kalt und finster auf die Gesellschaft. Ihre Hand hielt die kleine, der Balaleika ähnliche Zither der Bulgaren. Der Colonel wandte sich freundlich zu dem Mädchen ... »Willst du uns eines deiner Nationallieder vorsingen, so soll ein Geschenk dir die Mühe lohnen.« Der Zigeuner sprang dazwischen. – »Sarscha versteht die Lingua Franca nicht, blanker General. Sie spricht nur Türkisch und Bulgarisch.« – »Dann, meine Herren,« sagte lächelnd der Vikomte, »werden wir auf das Vergnügen eines nationalen Konzerts als Nachtisch wohl verzichten müssen, denn mit unserm Türkisch ist es noch schlecht bestellt.« – »Nicht doch, Colonel. Wir rufen Franconville von Ihren Spahis, der kann uns dolmetschen. Er spricht Türkisch wie Wasser.« – Nach wenigen Augenblicken schon kam der Gerufene herbei, einer jener französischen Abenteurer, die sich seit vielen Jahren im Orient aufhielten und jetzt vielfach als Dolmetscher von den Truppen verwendet wurden. Er war Unterleutnant bei den neu organisierten orientalischen Spahis und erklärte sich bereit, jeden Vers der Sängerin auf französisch zu wiederholen. – »Laß deine Schwester beginnen. Dieser Herr wird uns jeden Vers übersetzen.« – Das Mädchen sah mit seinem seltsamen Blick auf die Gruppe, die neugierig und schweigsam lauschte. Dann griff sie in die Saiten, daß die Dissonanzen widerlich hinaus schallten in den Kreis, der sich immer zahlreicher um sie bildete, und begann mit einer eintönigen, dennoch weithin dringenden Stimme einen jener furchtbaren Gesänge, in die der apathische bulgarische Charakter all jene jahrhundertealten Klagen wider den Halbmond in der Geißel der Gegenwart zusammendrängt.

Je weiter er kam, desto stiller wurde es im Kreise, desto unheimlicher lagerte sich das Grauen rings umher. Der Gascogner sprang auf ... »Cap de Bious! – Halte ein mit diesem Unkensang, der einem das Mark in den Adern zu Eis verwandelt. Es ist Zeit genug für den Soldaten, an die Krankheit zu denken, wenn sie uns beim Schopf hat.« – Ein einzelner, langgedehnter Schrei vom Ende des Biwaks her schien ihm zu antworten ... »Der Doktor! wo ist der Doktor?«

Ein Zuave kam mit der Nachricht gelaufen, daß zwei Kameraden plötzlich bei ihrem Nachtmahl erkrankt seien ... Die beiden Chirurgen, die sich bei der Truppe und in dem Kreise der Offiziere befanden, erhoben sich ziemlich langsam und gleichgültig, bis ein ernster Blick des Colonels sie zur Eile mahnte ... Die Zigeunerin war nach dem unheimlichen Liede wieder verschwunden; niemand dachte mehr an die Possen, die man zur Unterhaltung mit ihr vorgehabt. Ein leichter Nebel, wie diese Sumpfgegenden stets bei Nacht aushauchen, hatte die weite Fläche eingenommen und gab den Gestalten und Gegenständen etwas Verschleiertes, Gespensterhaftes. Plötzlich hörte der Vikomte in seinem Rücken eine Stimme sich anmelden: » Monsieur le Colonel!« Als er sich mit seinem Begleiter umdrehte, sah er den einen der beiden Chirurgen vor sich, und das blasse erschrockene Gesicht des jungen Mannes schien ihm nichts Gutes zu verkünden ... »Was gibt es, Fremont?« fragte der Major. »Was fehlt den Leuten?« – »Ich rapportiere,« sagte der Wundarzt mit leiser Stimme, »daß die beiden Leute von der Cholera ergriffen sind. Drei andere zeigen gleichfalls Symptome.« – » Morbleu!« rief der Major, »das fehlt uns in dieser Wüste noch! Sie werden ein gewöhnliches Übel gleich für eine Seuche halten.« – »Weder mein Kollege noch ich können uns darin irren, Herr Major,« sagte der Chirurg. »Wir haben in den Lazaretten von Varna Dienste geleistet und verstehen, wenn wir auch keine promovierten Ärzte sind, doch genug von der Krankheit, um zu wissen, daß die vorliegenden Fälle von der rapidesten Art sind.«

Der Vikomte nahm den Major am Arm ... »Schweigen Sie, Herr, über die Meldung, die Sie uns gemacht, und den Charakter der Krankheit, auch wenn sich noch weitere Fälle zeigen sollten. Gehen Sie zurück und lassen Sie die Kranken absondern, ich werde gleich zur Stelle sein.« – Während der Chirurg zu dem Lager zurückkehrte, führte der Vikomte den Major eine Strecke seitwärts. – »Der Zug nach der Dobrudscha,« sagte er, »ist hauptsächlich unternommen, um die Truppen der Krankheit wegen abzusondern, die in Varna furchtbarer wütet, als die Bulletins zugestehen. Ich habe bestimmte Orders für den Fall, daß die Krankheit weiter ausbricht. Wir werden vier Stunden den Mannschaften Ruhe gönnen und uns dann auf den Weg machen. Gebe Gott, daß die Seuche sich nicht weiter verbreitet, denn – – –«

Er schwieg ... Der alte benarbte Major, der fünfzehn Jahre in Afrika gefochten, sah ihn starr an ... »Denn – – was denn?« – »Es ist unmenschlich, – aber die Befehle sind peremtorisch, – ich soll die an der Cholera Erkrankten auf dem Wege sich selbst überlassen.« – »Fluch dem, der diesen Befehl gegeben!« rief der alte Soldat entrüstet. »Möge er selbst nicht auf dem Felde der Ehre, sondern auf dem schlechten Krankenlager enden wie ein Hund. Geben Sie Ihre Befehle, Leutnant Colonel; Major Estolles wird zu gehorchen wissen, wenn er auch den Befehl für eine Schande der französischen Armee hält.« – Der Vikomte faßte seine Hand ... »Sie wissen, wie ich selbst darüber denke und wie sich mein eigenes Herz empört. Lassen Sie uns vereint alles mögliche tun, um dem Übel zu begegnen.«

Sie begaben sich sofort zu dem Biwak, wo statt des Schlafes bereits große Unruhe herrschte. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln hatte sich die Nachricht von dem Ausbruch der Cholera bereits verbreitet, und die unerschrockenen, leichtherzigen Krieger, die ohne Bedenken den Feuerschlünden einer Batterie entgegen gingen, steckten die Köpfe zusammen und zitterten bei dem Gedanken an den Tod durch die Seuche ... Die Befürchtungen waren leider nicht unbegründet. Von den dreihundert Zuaven waren, als die Offiziere an die Stelle kamen, die sofort durch Wachen isoliert wurde, bereits vierzehn Mann von der Krankheit ergriffen, vier davon rangen in Todeskämpfen und starben während ihrer Anwesenheit ... Der ältere der beiden Chirurgen erklärte, daß das Wasser des Brunnens den rapiden Ausbruch herbeigeführt haben müsse ... Der Colonel ließ Schildwachen an den Brunnen stellen und befahl, ihn bei dem nächsten Tageslicht zu untersuchen.

Außer den abseits liegenden und um die drohende Gefahr unbekümmerten Moslems schlossen nur wenige in dieser Nacht die Augen, und als die Morgendämmerung anbrach, waren bereits vierunddreißig Erkrankungen unter den Zuaven, drei unter den Spahis, gemeldet. Der Vikomte befahl den Aufbruch und die Aufnahme der Kranken in die nachfolgenden Arabas. Während er nach der Hütte der Zigeuner schickte, um den Führer holen zu lassen, entstand ein wütendes Geschrei in der Gegend des Brunnens. Mit aschbleichem Gesicht trat der alte Major zu ihm; bei dem Tapferen, der vor keiner Gefahr gebebt, malte sich Abscheu und Entsetzen in allen Zügen ... »Die Höllenbrut!« sagte er, »Meine Leute haben soeben auf dem Grunde dieser Zisterne, deren Wasser wir getrunken, drei Leichname russischer Soldaten gefunden. Der Schurke von Zigeuner mußte darum wissen, die ganze Familie soll baumeln!«

Aber die Ordonnanz brachte die Nachricht, daß die Hütte leer sei. Selbst der Kranke war verschwunden. Eine Nachfrage bei den Wachposten ergab, daß schon zu Anfang der Nacht der Zigeuner und seine Schwester mehrmals hin und her gegangen seien, was die Wachen, da der ausdrückliche Befehl des Colonels lautete, die Familie nicht zu belästigen, nicht beachtet hatten ... Der Eindruck, den der schauerliche, Ekel erregende Fund machte, war kaum zu bewältigen. Schon während der kurzen Anstalten des Aufbruchs mehrte sich die Zahl der Kranken. Als die Kolonne sich über die öde Fläche beim ersten Sonnenstrahl bewegte, blieben mehrere Soldaten auf dem Wege zurück – alle Ermahnungen der Offiziere halfen nichts, – die Krankheit machte bei einzelnen so rasche Fortschritte, daß schon nach kurzer Zeit das Delirium eintrat.

Man war noch keine zwei Lieues marschiert, als der Major der Zuaven den Colonel rufen ließ, der sich bald bei dem Vortrab der Spahis, bald bei dem Nachzug der Kranken-Eskorte aufhielt, überall anordnend, antreibend ... »Freund,« sagte er ihm, »meine Stunde ist gekommen, der Ekel wird mich töten. Ich fühle die Krankheit in meinen Eingeweiden; es bleibt keine Rettung für Sie und die Kolonne, als daß Sie streng den Befehl des Generals befolgen. Lassen Sie mich mit den andern zurück und suchen Sie das Korps Yussufs zu erreichen, wo wenigstens Feldapotheken zur Hand sind. Dieser Feldzug wird viele französische Leben kosten.«

Der tapfere Veteran war vom Pferde gestiegen und saß an einem Steppenhügel; schon zeigten sich die Vorboten der Krankheit, doch wollten ihn seine wackeren Krieger unter keinen Umständen verlassen, der Vikomte am wenigsten. Es mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden; Méricourt ließ die Vorhut der Spahis Halt machen ... »Fünfzig Mann des ersten Tabors sitzen ab und schicken ihre Pferde für die Kranken zurück, die sie zu Fuß eskortieren. In gleicher Weise wird mit den Kranken der Reiterei verfahren.« Der Leutnant übersetzte die Order; ein rebellisches Geheul der befehligten Abteilung folgte ... »Fluch über die Dschaurs! Wir wollen ihre Mütter verdammt sehen, ehe wir den ungläubigen Hunden unsere Pferde geben! Mögen sie umkommen, es ist ihr Schicksal!«

Das Rebellenblut der alten Baschi-Bozuks drohte in vollen Flammen auszubrechen, doch der Colonel verstand es zu behandeln ... »On-Baschi Jussuf?« – Der riesige Mohr, Nursähdis Bruder, ritt vor. Er verstand genug von der Lingua franca, um die Befehle des Kommandierenden zu begreifen, und war ein Liebling desselben, der sich, wie einst seine gemordete Gebieterin Mariam, auf seinen blinden Gehorsam verlassen konnte. – »Laß den Burschen dort absitzen und sein Pferd zurückführen! – Bei der geringsten Weigerung weißt du, was du zu tun hast!« – »Pek äji, Bey!« – Der Mohr wandte sich zu dem nächsten Reiter: »Inshallah! ist es dir gefällig, vom Pferde zu steigen, mein Bruder?« – »Olmas!« freilich! wohl!

Der Halunke starrte gemütlich hinaus in die Luft, als sei der militärische Gehorsam ihm, trotz der zahlreichen Prügel bei der Organisation, ein unbekanntes Ding geblieben ... Ohne ein Wort zu sagen, schlug der Mohr ihn mit dem Knauf seiner Pistole so gewaltig auf den kahlen Schädel, daß er aus dem Sattel zu Boden stürzte. Dann wandte er sich mit der gleich höflichen Frage an den zweiten, der, so schnell es sein Phlegma erlaubte, dem Befehle gehorchte. Die Leutnants machten es auf der andern Flanke ebenso, und in fünf Minuten waren die Sättel geräumt und die Pferde zum Transport der Kranken bereit. Sowie die Sache einmal durchgesetzt war, hörte man keinen Laut des Widerspruches mehr, und die Bozuks leisteten willig den Kranken alle Hilfe. Trotz des Beistandes jedoch kam der Zug nur langsam vorwärts und eine immer anwachsende Zahl von Leichen bezeichnete seinen schaurigen Weg, je höher die Sonne stieg, je heißer ihre Strahlen über die Fläche brannten.

Aber Seuche und Öde sollten nicht ihre einzigen Feindinnen bleiben!

*

Die Angabe des Zigeuners, daß Krankheit des Bruders die Familie in dem Tatarendorf der Dobrudscha zurückgehalten, war insofern Wahrheit, als eines der Mitglieder der kleinen Gesellschaft allerdings am Fieber litt, doch war die Krankheit bereits den Heilmitteln der Kinder der Steppe gewichen und hätte sie nicht an der Flucht gehindert. Das Zurückbleiben geschah vielmehr absichtlich, denn der junge Zigeuner war Mungo, der russische Spion, mit Sarscha, seiner Schwester und deren Liebhaber, Aleko Pelin, dem Bojarensohn, und streifte im Auftrage der russischen Befehlshaber durch die südlichen Steppen der Dobrudscha, um nach der Kunde, die der Knabe Mauro von dem Aufbruch der Expedition gebracht, den Weg der französischen Truppen zu belauern.

Als Sarscha ihr unglückverkündendes Lied gesungen, schritt sie einsam und finster in den Abendnebeln davon, ohne in die Hütte zurückzukehren. Sie verachtete das Gewerbe des Bruders, ja sie achtete wohl selbst nur wenig der leidenschaftlichen Liebe des jungen Bojaren, dennoch trieb sie die Vereinsamung, die auf ihrem Stamm lag, aus den Kreisen des Volkes und zu dem Manne hin, der ein Herz für sie zeigte. Überdies lastete in der Heimat das Gerücht auf ihr, daß die Familie den Russen den Weg durch die Sümpfe von Oltenitza verraten hätte; und wenn auch Zinka, ihre Mutter, vor jeder Gefahr durch den Ruf des bösen Auges gesichert war und in ihrer einsamen Sumpfhütte unbelästigt blieb, so warfen die walachischen Bauern doch schlimme Blicke auf Sohn und Tochter. Deshalb hatte Mungo nach seiner Rückkehr von Krajowa Sarscha mit ihrem Liebhaber beredet, ihm auf das rechte Ufer der Donau ins Russenlager zu folgen.

Der junge Zigeuner stand durch die Schlauheit und Kühnheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegt und die durch Kapitän Meyendorf gebührend gerühmt worden, bei den russischen Oberoffizieren in dem Rufe eines ihrer besten und zuverlässigsten Spione, und es fehlte ihm daher nicht an reichen Belohnungen, deren Ertrag er in der einsamen Hütte seiner Mutter verbarg. Umsichtig, keinen Laut verlierend, beobachtete er unter der Maske der kriechenden Angst und Demut jetzt den Kreis der französischen Offiziere und die Aufregung, die bei der plötzlichen Kunde von dem Ausbruch der Seuche sich bald durch das ganze Biwak verbreitete. Der günstige Augenblick der Flucht schien ihm gekommen, und indem er in die Hütte zurückkehrte, hieß er den Bojarensohn sich der Krankenvermummung entledigen und in ein altes Gewand und Tuch Sarschas hüllen. Dann öffneten sie in der Rückwand der Hütte ein mit getrocknetem Schilf verstopftes Loch und krochen, vom Nebel und von der herrschenden Unruhe begünstigt, ins Freie, außerhalb der Postenkette. Hier fanden sie Sarscha, und nun eilten alle drei über die öde Fläche einer etwa eine Meile entfernten Stelle zu, wo zwischen zwei Hügeln die halbverfallene steinerne Umfassung eines zisternenartigen Brunnens sich erhob, der gutes Wasser enthielt, dessen Dasein aber der Spion sorgfältig den Franzosen verschwiegen hatte.

In der Vertiefung des Bodens ruhten hier fünf jener Steppenpferde, auf denen der Kosak die Ebenen der Dobrudscha, wie die des Dnjepr und Don durchschweift. Auf der Mauer des Brunnens saß eine dunkle Figur; die lange, schlank am Nachthimmel sich abzeichnende Lanze zeigte den Kosaken; ein zweiter lag schlafend am Boden ... » Stoi! – Wer da?« – »Gutfreund, Brüderchen,« lachte der Zigeuner. »Wecke rasch den Leutnant. Wir bringen Nachricht. Die Franzosen sind in der Falle.« – Der Ruhende sprang empor; es war der junge Kosakenoffizier, der die Meldung des unglücklichen, aber tapfern Selwan in der Nacht des großen Ausfalls vor Silistria zu den Schanzen an der Donau hatte bringen sollen ... »Gott und die Heiligen mögen deinen Weg segnen, Bursche! Was bringst du für Nachricht? Du hast mich lange warten lassen!« – Mungo berichtete, während Sarscha und ihr Liebhaber sich an dem Wasser des Brunnens erfrischten. – » Ktschortu!« fluchte der Kosak, »es wird unmöglich sein, sie diese Nacht zu überfallen, denn der General ist zurückgegangen und steht über zwanzig Werste von hier entfernt. Gleichviel, er muß die Nachricht erhalten, und wenn du die Richtung ihres Marsches gut verstanden, sind wir ihnen zur rechten Zeit auf den Fersen. Zu Pferde, Freunde! Zu Pferde!« – Wenige Minuten darauf jagte die kleine Schar nach Norden zu durch die einsame Steppe.

*

Es war um die Mittagszeit, als die Franzosen und Spahis auf ihrem traurigen Rückzug an einer Hügelkette angelangt waren, die sich nach dem Trajanswalle hinzog. Hier ließ Leutnant-Colonel die Kolonne rasten, denn selbst die Gesunden vermochten in der brennenden Hitze nicht mehr vorwärts zu kommen. Die Krankheit wütete furchtbar in den Reihen, das heitere Gelächter, der übermütige Gesang der Zuaven waren verstummt – von den beiden Kompagnien fehlten bereits sechsundsiebzig Leute, darunter der tapfere Major, der, eine Meile von dem Halt entfernt, sein aus zehn blutigen Schlachten gerettetes Leben ausgehaucht hatte. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, ja Mutlosigkeit hatte sich der französischen Soldaten bemächtigt, während die Moslems jetzt die Zähigkeit ihres Charakters bekundeten und sich gleichgültig in alles Ungemach und alle Leiden des Zuges fügten.

Der Vikomte hatte verschiedene kleine Trupps zur Beerdigung der Choleratoten, zur Rekognoszierung der Gegend und zu Nachforschungen nach Wasser ausgesandt und sich eben finster und erschöpft auf den Boden gesetzt, um einige Augenblicke auszuruhen unter dem hellen, klaren Himmel und dem glühenden, versengenden Strahle der Julisonne, als plötzlich der On-Baschi Jussuf mit zwei Begleitern mit verhängtem Zügel über die wellenförmige Ebene dahersprengte. Zugleich vernahm das scharfe Ohr des Offiziers den entfernten Knall von Pistolenschüssen, und von mehreren Punkten her sah man die einzelnen Patrouillen zurückgejagt kommen ... Noch ehe Jussuf die Schildwachen der kleinen Lagerstätte erreicht hatte, war der Kommandant auf den Füßen und ließ Allarm schlagen. Der Ruf: »Die Russen! die Russen!« ging mit Gedankenschnelle durch die Gruppen, und gleich als hätte das Wort, das ihnen einen neuen Feind verkündete, den Bann des Grauens und der verzweifelten Apathie von aller Gliedern gelöst, kam Bewegung in die Menge, und die Reihen ordneten sich rasch auf das Wort der Offiziere ... Die Ankunft des Mohren, der vor dem Colonel sein Pferd parierte, brachte die Bestätigung: »Die Kosaken, Bey! sie sind zahllos wie die Heuschrecken!«

Der Vikomte hatte kaum Zeit, seine Anordnungen zu treffen, die mit raschem Überblick der Gefahr dahin gingen, die Seite des Hügelrückens zu halten. Während die Kranken sich selbst überlassen blieben, warfen die Offiziere die Zuaven vor als Postenkette rings um die Stellung. Ihnen schlossen sich die abgesessenen Spahis an, die ihre Pferde zum Transport der Wagen und Kranken gestellt hatten; im Kreise dieser Kette ordneten sich die Reiterhaufen der Spahis.

Zum erstenmal sahen die Franzosen in diesem Kriege ihre alten Gegner von 1812 und 1813 wieder: die Söhne der Steppe, wie ihre Feinde in Algerien die Söhne der Wüste waren. Es bedurfte kaum des Zurufs, der Ermunterung der Offiziere, um die Leute, die sich auf die Knie in dem hohen, dürren Grase geworfen, auf einen tapfern Empfang des Feindes vorzubereiten. Aber noch während die Spahis in der Formierung ihrer Reihen begriffen waren, sah man über den Kamm der gegenüberliegenden Hügel die kleinen, hurtigen, beweglichen grauen Gestalten auf unansehnlichen, aber lebendigen Pferden jagen, mit den schlanken, spitzen Lanzen in der Faust, jener gefürchteten Waffe, die einst die Franzosen von Moskau bis Paris gejagt hatte. Das »Kuli! Kuli!« der halbwilden Steppenkrieger schallte durch die klare, dünne Luft, Unheil drohend, herüber, und im nächsten Augenblick erschien die dunkle Phalanx eines Kosaken-Regiments auf den Hügeln ... Kaum fünf Minuten hielt der Feind an, um sich zu sammeln und die Front zu bilden. Man sah die Offiziere hin und her sprengen, auf die sichtbaren Schwadronen der orientalischen Spahis deutend, und dann diesen Wald von Lanzen sich senken und an den Hals der kleinen Pferde pressen. Ein gellender, langgezogener Schrei erfüllte die Luft; dann kam, gleich einer Schwalbe im Stoß, die ganze dunkle Reihe im Galopp dahergejagt.

Der todbringende Empfang belehrte jedoch die russischen Offiziere bald, daß sie hier auf andere Gegner gestoßen, als auf ihre gewohnten Erbfeinde, die Moslems ... Der Chok des Kosaken-Regiments ging im vollen Galopp bis auf ungefähr hundert Schritt vor den ruhigen Kolonnen der Spahis. Da plötzlich entwickelte sich auf den Wirbel der Trommel ein Feuer auf der ganzen Verteidigungslinie, kaum 30 Schritt von den Anstürmenden, das mit sicheren Schüssen Pferde und Reiter zu Boden warf. Im Nu sprangen nun die Zuaven empor und bildeten eine Phalanx von Bajonetten, an denen die wenigen zurückprallten, die das tödliche Feuer noch so weit hatte vordringen lassen ... Die Reihen des anstürmenden Regiments lösten sich rechts und links in wilder Flucht ... » Vive l'Empereur!« – » En avant, mes braves!« – Der Säbel des Colonels winkte. Im Karriere brachen die halbzivilisierten türkischen Reitermassen vorwärts und jagten die Kosaken weit hinüber über das Tal. Erst der langgedehnte Ton der Hörner rief die Bozuks zurück. Das Auge des tapfern und umsichtigen Führers umfaßte das Schlachtfeld. Da links debouchierten dichte Massen von Feinden über die Hügelreihe herauf: ein zweites Regiment Kosaken und eine Kolonne Infanterie, auf den Pferden der Steppenreiter mit zur Stelle befördert, kam über die Anhöhen.

Die Signale hatten die französisch-türkische Reiterei zurückgeführt. Die Zuaven sammelten sich in Gliedern zur kühnen Verteidigung des Platzes, auf dem sie vielleicht dennoch bald ihr Leben der schrecklichen Seuche zum Opfer bringen sollten. Der Colonel war überall und ermunterte die Seinen; und das tat not, denn jeder Blick rückwärts lehrte, daß die ekle, widrige Krankheit unaufhaltsam ihre Opfer forderte ... Von den beiden Chirurgen war der eine der Seuche inzwischen erlegen, und der lebensfrohe gaskognische Kapitän brach, die Faust mit dem eben noch geschwungenen Säbel auf den Magen gepreßt, gleichfalls zusammen ... Einen traurigen, verzweifelten Blick warf der Kommandant hinauf zu dem lichten, klaren Mittagshimmel, der so viel Elend überwölbte, und die bittere Empfindung, daß die Krankheit die tapfere Schar fast widerstandslos in die Hand des Feindes liefere, begann ihn zu übermannen ... Der Feind ließ auch nicht auf sich warten. In aufgelösten Reihen plänkelte die Hälfte der Kosaken und die Infanterie rings gegen den Lagerplatz der Franzosen, während das neuangekommene Regiment in geschlossenen Sotnien den günstigen Augenblick abzuwarten schien, um sich auf die Bedrängten zu werfen. Der Colonel ließ im Rücken, wo das fliegende Lager sich an die hinteren Hügel lehnte, so gut es in der kurzen Zeit ging, einen Graben aufwerfen und hinter ihm durch den Wagentroß eine Verschanzung bilden, die wenigstens von dieser Seite gegen einen Chok der Reiterei einigermaßen sicherte. Hierauf kommandierte er die Hälfte seiner Spahis gegen die Plänkler, während er die geschmolzenen Glieder der Zuaven gegen einen Massenangriff zurückbehielt. Über die von hohem Steppengras bedeckte Ebene, die zwischen den zwei niedern Hügelzügen sich dehnte, entspann sich jetzt ein lebendiges Reitergefecht mit insofern ziemlich gleichen Chancen, als beide Teile an diesen Einzelkampf gewöhnt waren. Nur hüteten die Kosaken sich, nachdem die Kugeln der Zuaven mehrere Sättel geräumt hatten, der Stellung dieser Gegner zu nahe zu kommen.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, als der militärische Blick des Colonels bemerkte, daß ein neuer Impuls unter die Russen zu kommen schien. Reiter sprengten auf dem Hügelrücken hin und her, die Signale riefen die Plänkler zum Sammeln, und bald kam wie ein Sturmwind das zweite Kosaken-Regiment in vollem Galopp daher, während zwei Sotnien des andern rechts und links angriffen. Der Stoß war rasch und blutig, aber das regelmäßige Feuer, die kecke, sichere Haltung der Franzosen schlug noch einmal den Ansturm ab, während an den beiden Flanken der Stellung ein wildes Handgemenge entstand. Hierhin warfen die russischen Offiziere ihre Infanterie, und der Vikomte sah, daß in wenigen Momenten der Kampf sich zu seinem Nachteil entscheiden mußte ... In diesem Augenblicke vernahm er den unerwarteten Knall eines Feldgeschützes und das Pfeifen einer Kugel über ihren Köpfen hinweg. Ein zweiter und dritter Schuß folgten rasch dem ersten, bevor er noch Zeit hatte, sich aus dem Kampfgewühl loszumachen und von einer freien Stelle sich umzuschauen ... Die Kugeln waren gegen die vier Sotnien der Russen gerichtet, die als Reserve vor den jenseitigen Anhöhen aufgestellt waren.

Hilfe in der Not – das konnten nur französische Feldgeschütze sein! Die Avantgarde des Generals Yussuf mußte in der Nähe sein – die Russen wußten davon und hatten einen letzten Coup versucht! – »Haltet euch! Haltet euch, meine Braven! Französische Hilfe rückt an!« – Aber es war zu spät – in demselben Augenblick durchbrach die russische Infanterie die gedehnte schwache Verteidigungslinie, die Kosaken folgten, und einige Minuten lang war das ganze, so tapfer verteidigte Gelände eine wirre Masse von Kämpfenden, so dicht gedrängt, daß nur der Stoß des Säbelgriffs gegen den Feind gebraucht werden konnte. Pferde stürzten und traten ihre Herren unter die Hufe, über Kranke und Sterbende ging das Gewühl schonungslos hinweg, Reiter und Infanteristen kämpften neben- und miteinander, oft nicht den Freund vom Feind unterscheidend, Weh- und Wutgeschrei, der donnernde Siegesruf der Russen, das herausfordernde Kampfgeschrei der Franzosen, der Jammer der Sterbenden und Zertretenen, dazwischen die zum Rückzug rufenden russischen Signale. – –

Mit Mühe gelang es endlich den russischen Offizieren, ihre Mannschaften aus dem Gewirr zu lösen und zurückzuführen. Aber der Rückzug löste sich bald in wilde Flucht, denn in Masse schwärmten jetzt die Spahis des französischen Generals heran, und von den näher gekommenen Geschützen hagelten Kartätschen und Granaten über den Steppengrund. Erst auf den jenseitigen Höhen, wo die vier Sotnien die Reserve bildeten, sammelten sich die Regimenter und traten, von der türkischen Reiterei umschwärmt, einen langsamen Rückzug an. Auf der Stätte kurzen, aber blutigen Kampfes lagen die Leichen, Verwundeten und Kranken wüst durcheinander, Menschen und Pferde, verstümmelt, zertreten: Zuaven, Spahis und Russen. Wer verschont geblieben von dem blutigen Gemetzel, selbst die Verwundeten und Kranken, schleppte sich jubelnd den Rettern entgegen, die jetzt in geschlossenen Kolonnen, den General mit seinem Stabe voran, über die Hügel daherkamen ... Der Säbelhieb eines Kosaken hatte den Kolonel über die Stirn getroffen. Der starke Arm des On-Baschi Jussuf hieb einen zweiten vom Pferde, dessen Lanze den Vikomte im Rücken bedrohte. Vom On-Baschi Jussuf und einigen Offizieren begleitet, sprengte der Vikomte jetzt dem berühmten Namensvetter seines Lebensretters entgegen ... » Ah ciel, Monsieur le Colonel! Sie bluten, die Russen haben Ihnen scharf zugesetzt; wir kamen, von dem Schießen geleitet, zur rechten Zeit!«

Der Vikomte rapportierte. Der weltberühmte kühne Abenteurer, der frühere Gouverneur von Constantine und französische Brigade-General, der einst der Kabburha, der Tochter des Bey von Tunis, Zunge, Hand und Augen des verräterischen Mohren sandte, der ihre Schäferstunde belauscht hatte, war, obgleich über die erste Blüte des Mannesalters hinaus, doch noch immer ein Mann von kühner, stolzer Haltung, klein und zierlich von Wuchs, aber ein vollendeter Reiter. Sein scharf und ausdrucksvoll geschnittenes Gesicht verdüsterte sich merklich, als er von dem Ausbruch der Cholera in dem Detachement vernahm ... »Das ändert meinen Vorsatz,« sagte er, »und läßt diese Spitzbuben da drüben ungeschoren entkommen, deren Gros bei Babadagh ich mit einem Nachtmarsch überfallen wollte. Ich kann es nicht mißbilligen, Leutnant-Colonel, daß Sie Ihre kranken Leute nicht im Stich gelassen, und schere mich selbst den Henker wenig um die unmenschliche Order des Marschalls. Mit unserm Vordringen aber ist's vorbei und wir müssen unsere nächsten Lazarette oder wenigstens bewohnte Gegenden wieder zu erreichen suchen. Sie folgen uns, Vikomte, mit dem Rest Ihrer Leute; ich werde Ihnen sogleich Ärzte senden. Die Kranken und Verwundeten müssen auf die Bagagewagen verteilt werden.« Ehe eine Stunde verging, waren die Gräber zur Beerdigung der Gefallenen gegraben und das Korps auf dem Rückmarsch. Aber schon um 8 Uhr abends hatte man bereits 150 Tote und 350 Sterbende: es handelte sich nicht mehr darum, einen Feind zu verfolgen, der stets vor den Blicken am unermeßlichen Horizont der Steppe verschwand, sondern einer Geisel Gottes zu entrinnen; und nur die Energie des tapfern Afrikaners trieb die Truppen auf dem Wege nach der Küste vorwärts, wo man hoffen konnte, Schiffe zu finden und durch die frische Seeluft die Krankheit gemildert zu sehen.

Die Kolonne des Generals Espinasse war bis Kergeluk vorgedrungen, und der Todesengel hatte sie mit gleicher Wut getroffen. Das brave Infanterie-Regiment, das die Kranken aus dem brennenden Lazarett in Varna getragen, hatte den Giftstoff der Ansteckung in seinen Adern mit in die Wüste gebracht, und die Anstrengungen des Steppenmarsches ließen ihn bald zur vollen Wut ausbrechen. Tote und Sterbende lagen haufenweise unter den Zelten; Leichen deckten wie nach der Schlacht den Boden; man grub Gräber, um die gestorbenen Gefährten zu bestatten, aber bei dem Aufwerfen der Schollen entquollen pestilenzialische Dünste dem Boden; und so mancher, der dem Kameraden ein Grab grub, legte die Schaufel nieder, ehe das Werk vollendet war, und warf sich schweigend an den Rand der halboffenen Gruft, um nicht mehr aufzustehen. Am Tage nach dieser verhängnisvollen Nacht zum 30. Juli vereinigten sich die Kolonnen der beiden Generale und man konnte deutlich genug sehen, wie die Furcht vor einem ruhmlosen Ende auch die Häupter der Unerschrockensten zu Boden drückte. Da gegenseitige Hilfe nicht denkbar war, galt es, jede größere Anhäufung von Menschen zu vermeiden. Die Yussufsche Kolonne ging ohne Aufenthalt an den Kampfgefährten vorüber und bewegte sich gegen Mangalia, indem sie auf ihrem Wege als verhängnisvolle Etappen zahlreiche Gräber zurückließ, die den Pfad zeigten, den sie gewandert war. Bei diesem Marsch erhielt der Vikomte die erste Nachricht von der Rettung des deutschen Arztes. Doktor Welland war wieder in voller Tätigkeit und lohnte mit energischer Aufopferung das edelherzige Einschreiten des Generals. So schrecklich die Verhältnisse waren, unter denen man sich wiederfand, so herzlich war die Begrüßung im Leben von beiden Seiten, und mit Vergnügen hörte der Vikomte, daß, wenn der schwarze Tod sie verschonte, sie bei seinem Regiment sich wiederfinden sollten.

Die Division Espinasse erreichte mittlerweile ihr ehemaliges Biwak bei Pallas, wo sie ein Bataillon mit den Tornistern der Infanterie, eine Sektion der Ambulanzen und ihr anderes Gepäck zurückgelassen hatte. Da es unmöglich wurde, alle Kranken noch weiter zu schaffen, und die Führer darüber einig waren, der grausamen Anweisung des Marschalls, alles was auf dem Marsche stürzte, zu erschießen und zu verscharren, so lange wie möglich keine Folge zu geben, ließ man hier bei der Ambulanz einen Teil der Kranken zurück und zwei Bataillone zu ihrem Schutze. Die Seuche wuchs an Heftigkeit, und jede Minute vermehrte sich die Zahl der Sterbenden. Am 31. Juli war die Division vereinigt und entledigte sich ihrer Kranken nach Küstendsche, wo der »Pluto« sie aufnahm ... Warten war hier gleichbedeutend mit Sterben. Der General bestimmte daher, daß den andern Morgen um halb 5 Uhr der weitere Rückmarsch nach Varna angetreten werden sollte – aber noch denselben Abend um 10 Uhr traf unerwartet General Canrobert von seiner Argonautenfahrt vor Küstendsche auf dem »Cazique« ein. Von allen Seiten erklangen beim Anblick des geliebten Führers in diesem durch die schrecklichste aller Krankheiten dezimierten Lager die lebhaftesten Zurufe; aller Arme streckten sich ihm entgegen; die Sterbenden erhoben sich, um ihrem geliebten General entgegenzugehen ... Welches Schauspiel aber entrollte sich seinen Blicken! Auf allen Seiten lagen unter dem Schutze der Zeltdächer die Fieberkranken ausgestreckt. Überall mähte der Tod mit unbarmherziger Sichel in den Reihen der erschöpften Krieger. Ohne ein Wort zu sagen, reichte der Marschall seiner Umgebung die Hände, und dicke Tränen rollten ihm über die Wangen. Dann durchschritt er die Zeltgassen, tröstete die Leidenden, belebte den Mut der Gesunden und beugte sich mitleidsvoll über diejenigen, die eine Beute des Todes zu werden drohten.

Am 1. August verließ man Pallas, und am 2. war die Zahl der Erkrankungen so groß, daß die Sänften und Arabas nicht mehr genügten, die von der Seuche ergriffenen Leute fortzuschaffen; man mußte zu den Pferden der Offiziere und Generale seine Zuflucht nehmen. Zu allem Überflusse begannen unbegreiflicherweise die Lebensmittel zu fehlen. Canrobert gab einem von Küstendsche mit Cholerakranken abgehenden Schiffe die Weisung mit, von Varna Lebensmittel als Rückfahrt nach Mangalia zu bringen. Zugleich wurde in der Nacht der Kapitän Marcel zu Yussuf geschickt, der um einen Tagesmarsch voraus war, mit der dringenden Aufforderung, den General mit Transport- und Lebensmitteln zu versehen. Glücklicherweise hatte eben ein Schiff in Mangalia Lebensmittel ausgeladen; Offiziere und Soldaten halfen 600 Pferde beladen und machten zu Fuß, die Pferde am Zügel, 6 Meilen, um ihren leidenden Brüdern Hilfe zu bringen. – General Espinasse, von der Cholera ergriffen und von seinem Geretteten treulich gepflegt, blieb bei seinem Regiment zurück, um die nicht transportierbaren Kranken zu bewachen. Der Rest setzte sich in Marsch und stieß endlich auf die 600 Packpferde Yussufs. Die braven Baschi-Bozuks gingen nun mit den leeren Pferden noch weiter zurück, um Espinasses Regiment abzuholen. Da aber die meisten Kranken kein Pferd mehr besteigen konnten, requirierte Canrobert Arabas, um sie zu befördern. Endlich kamen, als man das am Meere gelegene Mangalia erreicht hatte, Schiffe in Sicht, die 2000 Cholerakranke nach Varna schafften.

Das war das schaurige Ende der ersten französischen Expedition gegen die Russen!


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