Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünftes Buch.
Des Kampfes Beginn.

Erstes Kapitel.
Der Tatar.

Die spanische Tänzerin war wieder in Berlin und hatte zur Captatio benevolentiae ihrer Hüftenexperimente eine Gastvorstellung zum besten der schlesischen Überschwemmten ankündigen lassen. Das schöne und interessante Weib hing an Berlin wegen der ersten Triumphe, die sie hier gefeiert, und kehrte daher von allen Kunstreisen immer wieder zum komfortablen Hotel Unter den Linden zurück, wenn sie sich auch manchmal mit dem galanten und aufmerksamen Wirt überwarf. Diesmal hatte ein Brief mit dem bekannten geheimnisvollen Zeichen sie nach Berlin beschieden, und einstweilen, da die Vorbereitungen zu der neuen Posse des beliebten Humoristen Kalisch: »Die Bummler von Berlin«, ihr Auftreten verzögerten, langweilte sich, weiterer Nachrichten harrend, die Donna, und spielte darum die Amazone, indem sie im Hermelin die Peitsche schwang und mit dem eleganten Brougham durch die Straßen der Residenz kutschierte ... Bis auf jenen plötzlichen Ruf hatte sie nichts wieder von ihren geheimen Beschützern gehört und gedachte kaum noch des kleinen Dienstes, den sie ihnen durch Empfehlung zweier unbedeutenden Diener vor längerer Zeit erwiesen, als sie zufällig in einem Journal den Namen des Fremden zu Gesicht bekam, der ihr damals seinen Besuch gemacht hatte. Er figurierte jetzt als »Fremder Kondottiere«, und der rote Felsen von Helgoland gab das Echo mancher Verwünschung zurück, welche betrogene Erwartung und getäuschte Hoffnung dort seinen Lockungen zu spät erschallen ließen.

Dennoch hatte die Erfüllung jenes Auftrags, so gering die Masche auch schien, in dem Netze ereignisschwerer Verwicklungen, das sich über Europa spann, unberechenbare Folgen gehabt. Wenige nur ahnten und wußten, daß die preußische Residenz der Knotenpunkt einer geheimen Spionage geworden war, die ihre Nachrichten nach Paris, London und Turin, in die Heerlager der Despotie, des konstitutionellen Liberalismus und der republikanischen Propaganda verkaufte. Merkwürdigerweise war es gerade das ehrliche Preußen, dessen erhabener Fürst in den politischen Wirren ein edles Bild der Festigkeit und Gerechtigkeit gegenüber den verschiedensten Verlockungen gab, wo politische Intrigue im stillen mächtige Hebel in Bewegung setzte und den schmutzigsten Verrat verächtlicher Hausdiebe benutzte. Neben diesem Getriebe der Habsucht ging, wie gesagt, auch manches Spiel verdeckten Ehrgeizes und politischer Gegnerschaft seinen unterminierenden Gang und bedurfte in der Tat einer späteren öffentlichen Beschämung und eines blutigen Todes, um jener selbstischen Intrigenwirtschaft vor dem reinen Throne Preußens Halt zu gebieten und ein Ende zu machen, die zur Demoralisierung der Staaten führt, und die dem »Bürgerkönig« Frankreichs sein Exil bereitet hat.

Seit vierundzwanzig Stunden jedoch beschäftigte der lebhafte Geist der Spanierin sich angelegentlichst mit der Ankunft mehrerer interessanten Fremden, die das gleiche Hotel gewählt hatten. Drei darunter, die sie flüchtig bei der Ankunft am Tage vorher gesehen, schienen ihr nicht unbekannt, und das Fremdenbuch, das der gefällige Hotelier ihr präsentierte, gab ihr wenigstens über das erste Paar Auskunft. Sie erinnerte sich, den Herrn und die Dame einmal in Gesellschaft in Wien, vor Jahresfrist gesehen zu haben: den sardinischen Obersten, Grafen Pisani, der, wie die Nachricht auswies, mit seiner Gattin von London kam. Der dritte, dessen Gesicht ihr nur sehr flüchtig bekannt schien, war ein kleiner magerer Mann mit fuchsartigem Gesicht und bereits vor zwei Tagen von Wien eingetroffen. Der Fremdenzettel nannte ihn Bankier Thomas. – Mehr aber als diese Persönlichkeiten, deren sie sich nur unbestimmt erinnerte, interessierte sie eine vierte, welche die schöne Donna noch nicht zu Gesicht bekommen, obschon das ganze Hotel voll von ihren Sonderbarkeiten und dem Rufe ihres unermeßlichen Reichtums schien. Es war ein noch junger russischer Bojar, den einige übermütige Streiche schon im Sommer aus Petersburg verwiesen hatten, und der, da London und Paris verboten waren, in den deutschen Bädern und Residenzen umherzog und Geld mit vollen Händen verschwendete.

Es war gegen Mittag des Tages, als die Spanierin, das Ponygespann mit gewandter Hand lenkend, auf der Rückkehr von der Spazierfahrt vor der Tür des Hauses wieder vorfuhr und bemerkte, daß sich ein ungewöhnlicher Auftritt eben zugetragen haben mußte. Mehrere der Gäste standen lachend auf der Treppe oder vor den Zimmern, zwei Konstabler im Flur, und von dem Korridor des ersten Stockes hörte man eine laute Stimme allerlei Verwünschungen auf deutsch, französisch und russisch hervorsprudeln. Während einer der nahestehenden Herren der Tänzerin die Hand reichte, an der sie leicht aus dem Wagen sprang und die Stufen hinaufeilte, kam ein hübsches Mädchen in einfacher, aber netter Kleidung ihr entgegen, freudestrahlenden Gesichts, wenn auch auf den jugendlichen Wangen noch Spuren von Tränen zu sehen waren. Ihre Hand hielt eine kleine Brieftasche sorgfältig wie einen Schatz und wollte damit hastig aus der Tür eilen, als einer der Konstabler sie rauh am Arme faßte ... »Halt, Mamsell, Sie gehen mit uns!« – »Lassen Sie die Dirne zum Henker laufen,« sagte unwillig eine Stimme hinter dem Mädchen, »und kommen Sie fort. Der Russe ist ein Narr mit seinem Gelde, und wenn unsere Berliner Loretten davon hören, stürmen sie Ihr Hotel.« – Der Wirt, zu dem der Beamte, der ziemlich verdrießlich aussah, die letzten Worte sagte, lächelte etwas spöttisch, schwieg jedoch mit dem Takte des klugen Mannes, der es mit der Polizei nicht gern verdirbt, und führte die Spanierin die Treppe hinauf; von der Höhe aber übernahm die schon früher gehörte scheltende Stimme die Antwort ... »Wenn ich mich von der Polizei belästigen lassen wollte, Skotina!« schalt dieselbe, »dann konnte ich in Rußland bleiben. Zum Henker mit solcher Quälerei! ich mag von Ihrem Berlin nichts mehr wissen; Herr Wirt, schicken Sie mir meine Rechnung! ich reise in einer Stunde.« – Der Hausherr ließ erschrocken die Tänzerin stehen und sprang zu dem reichen Gaste ... »Eure Durchlaucht werden doch mich die Ungeschicklichkeit der Polizei nicht entgelten lassen? Der gnädige Herr haben in Berlin noch so viel in Augenschein zu nehmen – und sehen Sie da, eben kommt da eine seiner interessantesten Erscheinungen, die spanische Donna, von der ich Ihnen schon gesprochen.«

Der Bojar wandte sich zur Seite und kniff das Lorgnon ins Auge. Die Tänzerin stand vor ihm und betrachtete den schönen Mann mit feurigem, festem Blicke. Im Moment verschwand das brüske, übermütige Wesen des Russen. Er machte eine höfliche Verbeugung, indem er zurücktrat, die Spanierin vorüberlassend. Seine Hand hielt den Wirt, der ihr folgen wollte, einen Augenblick zurück. – »Diniert die Donna an Ihrer Table d'hôte?« – »Zuweilen, Durchlaucht, ich glaube, daß sie es heute tun wird.« – »So benachrichtigen Sie mich davon und belegen Sie ein Kuvert neben ihrem Platz. Man braucht mir nicht in meinem Zimmer zu servieren.« –

An der Tür ihres Salons empfing die Tänzerin bereits den aufmerksamen Wirt. – »War das der Russe, Monsieur?« – »Gewiß, Sennora, und Sie haben bereits eine Eroberung an ihm gemacht. Der Fürst fragte, ob Sie die Table d'hôte beehren würden?« – »Ah – bah! wir wollen sehen! Was war das für eine Szene, als ich kam? bitte, erzählen Sie!« – Der Hotelier lachte ... »Das Abenteuer ist wirklich pikant und wird Aufsehen machen. Der junge Fürst besuchte gestern den letzten Sommernachtsball bei Kroll und scheint da mit einer kleinen Grisette soupiert zu haben, denn er kam spät nach Hause. Vor einer halben Stunde, während er noch schläft, erscheint ein Polizei-Agent, erkundigt sich nach dem Russen und verlangt gemeldet zu werden. Ich muß nachgeben und der Fürst erscheint sehr verdrießlich im Schlafrock. Die Szene war Goldes wert! Ich will versuchen, sie Ihnen dramatisch wiederzugeben!« – » Allons, Monsieur, ich warte!« – Und der Hotelier erzählte weiter: »Nun bittet der Agent höflich um Entschuldigung wegen der Störung und fragt, ob Seine Durchlaucht gestern den Ball bei Kroll besucht? – »Ja, mein Herr. Darf man das etwa in Berlin nicht?« – »O, doch – nur erlauben Sie mir die Frage, ob Sie nicht dort bestohlen worden sind!« – Der Fürst sieht ihn groß an, dann seine Pretiosen nach, die auf dem Tisch liegen, und sagt: »Ich denke, nein. Jedenfalls vermisse ich nichts!« – »Ich fürchte doch!« – Der Agent legt eine russische Banknote von hundert Rubeln auf den Tisch. – »Was soll das?« – »Entschuldigen Durchlaucht eine Indiskretion – soupierten Sie mit einer kleinen Grisette?« – »Jawohl, mein Herr, aber ich begreife wahrhaftig nicht –« – Der Agent öffnet die Tür und führt die junge Schöne herein, der Sennora im Hausflur begegnet sein müssen ... »Ist's diese?« fragt er triumphierend. – » Ktschortu! – allerdings – warum weinen Sie, Kind?« – »Die Dirne hat Sie bestohlen, Durchlaucht. Man verhaftete sie heute morgen, als sie bei einem Bankier diese Banknote von hundert Rubeln wechseln wollte. Das Frauenzimmer log, sie hätte dieselbe von einem unbekannten Kavalier geschenkt bekommen und beschrieb die Person; aber wir kennen das! Unserer Aufmerksamkeit gelang es, zu ermitteln, daß der Fremde Euer Durchlaucht waren, und ich habe die Ehre, das gestohlene Gut zurückzustellen und nur ein kleines Protokoll zur Anerkennung der Person aufzunehmen.« – Das Mädchen weint und schluchzt und beteuert, daß sie keine Diebin sei; der Fürst aber wird ganz rot im Gesicht vor Ärger und schaut die Polizei an, als wolle er sie mit einem Bissen verschlingen. – »Zum Teufel mit Ihrer Dienstfertigkeit! Geht Sie das was an, wenn ich diesem Mädchen etwas schenke?« – »Nein – aber – wenigstens liegt ein Irrtum vor – man gibt einer Grisette doch nicht hundert Rubel –« – »So? – nun –« der Fürst öffnet ein Portefeuille, holt noch fünf gleiche Scheine heraus und gibt sie dem Mädchen: »Da haben Sie etwas für den Schreck, Kleine, und Sie Herr, stören Sie die Leute wegen solcher Lumpereien nicht in ihrem Morgenschlaf.« – Sie hätten das Gesicht sehen müssen, Sennora, es war zum Malen!«

Beide lachten ... »Der Russe ist also sehr reich?« – »Sein italienischer Kammerdiener erzählt, daß er eine Million jährliche Einkünfte hat.« – » Demonio! – Nun, Sennor, ich habe mich besonnen – ich werde heut in Ihrer Gesellschaft dinieren.«

*

In dem Salon des zweiten Stockwerks fand zur selben Zeit eine andere interessante Unterredung statt zwischen zwei uns bekannten Personen, der achtlos im Nebenzimmer die Gräfin Pisani beiwohnte ... Noch kannte Helene Laszlo den Betrug nicht, dessen Opfer sie geworden. Aus den Zeitungsblättern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren, daß Kapitän Meyendorf im Stabe des Fürsten Gortschakoff der Belagerung von Silistria beigewohnt hatte. Sie erfüllte die Pflicht der Gattin stumm und still, in ihr Schicksal und ihr erhabenes Opfer ergeben, aber ihr Leben war freudlos, und bleicher wurde täglich die Wange, trüber das sonst so trotzige Auge und an dem Herzen nagte der giftige Wurm. Denn wenigstens wußte sie jetzt, wie bitter sie sich in dem Manne getäuscht, dem sie in jener unglücklichen Stunde angetraut worden; sie hatte seinen Charakter voll Habgier und Ehrgeiz sich entlarven und sich jener geschickten Maske liberaler Prinzipien und der Begeisterung und Tätigkeit für die Revolution entkleiden sehen. Nur der Egoismus waltete in ihm und leitete seine Schritte und seine trügerischen Handlungen. Schon der erste, den er nach der Heirat getan, war seine Verständigung und Aussöhnung mit der österreichischen Regierung, die ihm somit den Besitz des bedeutenden Grundvermögens seiner jungen Gattin sicherte. Es ging das Gerücht, daß er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen verwandt worden sei, deren Charakter stark das Gegenteil seiner früheren Tendenzen zeigte. –

Die Gräfin saß in dem durch die Tür geschlossenen Nebenzimmer, mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, am Fenster, während der Graf, in der Bergère lehnend, eine Zigarette rauchte, bald mit hochmütigem, bald scharf beobachtendem Blick seinen Gast betrachtete. Dies war die als Bankier Thomas aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete Person. Der sorgfältig arrangierte Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze, schlaue Physiognomie führte auf das Bild des kleinen, hagern Abbé zurück, dem wir im Salon der Frau von Czezani in Wien begegneten.

Der Abbé oder Pseudo-Bankier saß in einem Fauteuil, halb hinter der breiten Lehne verborgen; das Manöver, sein Gesicht möglichst im Schatten zu halten, hatte ihm aber wenig genutzt, denn der Graf war ein zu erfahrener Kämpe, um auch nicht seinerseits diese Vorsicht zu beobachten. So saßen die beiden Intriganten einander gegenüber, gleich zwei gewandten sich ihrer Kraft bewußten Gegner, jeder bemüht, die Blöße des andern zu entdecken. – »Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl, Graf,« sagte der Abbé, »daß ich Sie gerade jetzt in Berlin treffen mußte. Man erwartete, wie ich höre, in Turin Ihre Rückkehr von London erst im nächsten Monat.« Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen, denn der Graf nahm die Zigarre aus dem Munde und warf einen raschen Blick nach ihm ... »Bitte – wer erwartet mich?« – »Ei – Graf Cavour und die Brüder La Marmora!«

Der Schlag war direkt, und eine leichte Röte überzog das Gesicht des Getroffenen, der unter einem erkünstelten Lächeln seinen Ärger zu verbergen suchte. – »Unsere Oberen, lieber Freund,« sagte er endlich, »sind zwar immer sehr gut unterrichtet, aber seit sie gezwungen wurden, Paris zu verlassen und in den Kanton Tessin überzusiedeln, scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand verloren zu haben.« – » Unsere Oberen?« – Der Abbé blickte ihn schlau von der Seite an. – »Wir dürfen also hoffen, in dem künftigen General noch immer ein eifriges Mitglied des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen?« – Diesmal wurde der Graf dunkelrot, dennoch überging er die Pointe der Antwort und sagte möglichst unbefangen: »Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln, wenn ich auch in letzter Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe, tätig zu sein? Sie wissen so gut wie ich, wenn Sie mich auch wenigstens vorläufig nicht daran erinnern wollen, daß uns außer unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich verbinden –« – »Auch seitdem – zum Beispiel: Parma und der 26. März!« – »Still ... um Gottes willen! Was ich sagen will, ist, daß ich unverändert der Ihre bin, so weit es meine anderweiten Verhältnisse nur gestatten.« – »Die sich durch die Heirat mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy allerdings bedeutend verändert haben. Wir sind gewiß nicht unbillig, lieber Graf, und ehren nicht bloß das Recht der Flitterwochen, sondern selbst des Flitterjahres, tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur, daß unsere ehemaligen Mitglieder, wenn sie uns nicht mehr brauchen, unsere Pläne wenigstens nicht durchkreuzen.« – »Wie meinen Sie das?« ... Der Abbé schien die Frage zu überhören, wenigstens antwortete er nicht direkt. – » A propos, Graf, wie hoch beläuft sich doch die aktive sardinische Armee? Als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen?«

Diesmal schaute der Oberst jenen von der Seite an ... »Fünfundvierzigtausend Mann, Abbé. Seit wann beschäftigen Sie sich mit militärischer Statistik? – Doch«, fuhr er, rasch zu einem andern Gegenstand übergehend, fort, »da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde, weiß ich wenig von dem Stande der Verbindung und bitte Sie um einige Mitteilungen.« – »Sehr gern, Herr Graf, umsomehr, als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in Anspruch genommen hätte. Sie werden sich erinnern, daß am 26. März die Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genötigt waren, wenigstens vorläufig Paris zu verlassen.« – »Es war zu der Zeit, wo wir uns zuletzt in Wien trafen.« – »Richtig, Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurück und machten Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung.«

Der Graf rückte unbehaglich auf seinem Sessel ... »Können Sie mir das verdenken? Das ganze Vermögen meiner Frau liegt im Kaiserstaate. Ich habe in Sardinien nichts als meinen Sold.« – »O, sicher nicht, und Sie haben gesehen, wie wir es vermieden, Sie mit unsern Angelegenheiten zu behelligen. Die höchste Gewalt war damals zweifelhaft, wohin man den Rat verlegen sollte, ob nach London oder Piemont; zuletzt entschloß man sich für Tessin. Man wünschte Sardinien und Frankreich möglichst nahe zu sein. Der Tod des Bourbons in Parma hat in Ober-Italien einen tiefen Eindruck gemacht.« – »Ich weiß es. Wir unter uns können uns offen gestehen, daß wir seither eine große Niederlage erlitten haben. Die jetzigen europäischen Verwickelungen sind von uns ausgegangen, indem wir bei dem allgemeinen Sturm oder der allgemeinen Erschöpfung hofften, einen durchgreifenden Schlag führen zu können. Diese Hoffnung scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunächst hält sich Deutschland fern von dem Kampf durch die zähe Politik dieses verhaßten Preußens, das wir auf Rußlands Seite zu sehen hofften. England weigert sich demnach, Polen, Ungarn und Italien zu revolutionieren, und begnügt sich mit der Bildung einiger elenden Fremdenlegionen, die für uns eine gute Hilfe gewesen wären, aber ein unzureichendes Mittel sind. Der Kaiser Napoleon endlich, unser Zögling und jetzt unser bitterster Gegner, hat die Maske abgeworfen, er hat die Leitung der europäischen Angelegenheiten uns aus der Hand gerissen und in der seinen konzentriert. Er weiß, daß er um die Herrschaft in Europa allein mit uns zu kämpfen hat und – er hält die Revolution bereits unter seiner Faust, wie die Maßregeln in Paris und die politischen Prozesse durch ganz Frankreich jetzt zeigen.« – »Bis einer jener »Zufälle« eintritt, welche so oft die Geschichte geändert haben.«

Der Graf sah seinen Gefährten bedeutsam bei diesen Worten an ... »Wir wollen darauf hoffen. Unsere Stütze gegen die erschöpften und dezimierten Soldaten der kriegführenden Mächte wird dann die von dem jetzigen Krieg unberührte und gekräftigte sardinische Armee sein, das wissen Sie.« – Sein Blick fixierte dabei den Grafen, der eine gewisse Verlegenheit nicht zu bemeistern vermochte. – »Selbst unsere geniale Finanzspekulation hat dieser Usurpator an sich gerissen. Sie wissen, daß Baron Riepéra zum Verräter geworden?« – »Ich hörte den Argwohn bei seinem Bankerott; man hat lange nichts von ihm vernommen?« – »Er hält sich gut verborgen mit Hilfe seiner Million, die ihm damals der Coup in Wien eingetragen, aber wir erkennen in vielem seine Hand, und es ist kein Zweifel, daß er uns an Napoleon verraten hat. Die Gründung des Crédit mobilier ist sein Projekt, die Pereiras sind seine Verwandten. Nach der Million und einmalhunderttausend Franks, die wir bei seinem gut gespielten Fallissement verloren, sind uns wiederholt harte Schläge beigebracht worden, die beweisen, daß eine mit unsern Geldgeschäften ganz vertraute Hand dabei geholfen hat.«

»Aber was kann den Baron zu dem Verrat bewogen haben?« – »So viel ich weiß, eine Lektion, die er vor dem Rat des Bundes erhielt und – ich glaube, jener Vorgang im Landhaus der Frau von Czezani. Er war eine Memme, der dergleichen Schrecken einjagt. Doch genug von ihm! wir werden ihn ja zu finden wissen trotz seines neuen Beschützers. Mein Aufenthalt hier in Berlin ist nicht ohne Bezug auf seinen Verrat. Wir wollen versuchen, unsern damaligen Verlust wiederzugewinnen.« – Der Oberst horchte auf ... »Sie gewannen bei unserm Wiener Geschäft mit der Nachricht von der Kriegserklärung der Türkei auf Ihren Privatanteil zwanzigtausend Gulden. Ich glaube, Ihnen das Doppelte dieser Summe versprechen zu können, wenn Sie mich unterstützen wollen.« – »Wie das?« – »Ich befinde mich seit drei Tagen hier, seit die Nachricht von der Almaschlacht bekannt ist, um den Augenblick für einen Coup abzupassen, der durch uns von Wien aus dort, hier und in Paris an den Börsen vorbereitet wird. Indes – ich fühle mich hier geniert; irgend ein Mißtrauen hat mir einen der verschmitztesten österreichischen Polizeiagenten nachgeschickt, und ich sehe mich von dem Menschen auf allen Tritten und Wegen beobachtet. Er logiert in dem Hotel gegenüber und belauert mich. Im entscheidenden Augenblick – und dieser ist heute – könnte er mir einen unangenehmen Streich spielen, und aus dieser Verlegenheit zieht mich Ihre Ankunft. Sie sind durch Ihre Heirat ein Verwandter des österreichischen Gesandten geworden und es wird Ihnen ein leichtes sein, eines der jüngeren Mitglieder der Gesandtschaft zu einem Besuch auf der Börse zu bewegen, unter dem Vorwande, das Treiben daselbst kennen zu lernen.« – »Ich begreife aber noch nicht, was Sie eigentlich bezwecken?« – »Überlassen Sie mir die Überraschung; – die Presse ist in eine Falle gegangen, über die man jahrelang lachen wird. Noch eines – haben Sie Kredite auf Berlin?« – »Auf Mendelssohn und Kompagnie tausend Dukaten.« – »Das wird für Sie genügen, außerdem garantiert leicht die österreichische Gesandtschaft Ihr Vermögen ... Wissen Sie, daß wir im Hotel noch einer bekannten, gewissermaßen zu uns gehörenden Persönlichkeit begegnen?« – »Sie meinen die spanische Tänzerin, welche an jenem Abend im Salon zu Hietzing zugegen war?« – »Ja. Sie ist hierher bestellt. Sobald unsere finanzielle Aufgabe in Ordnung, werde ich sie nach Petersburg dirigieren. Wir haben zwar über Berlin Nachrichten von dort, doch scheint unser Spion hier nicht ehrliches Spiel mit uns zu treiben und das Wichtigere für Paris und London aufzusparen. Man will einen Versuch mit der verführerischen Schönheit unserer Donna bei gewissen Personen machen. – Doch still – da kommt die Gräfin!«

Die Gräfin trat in das Zimmer ... »Der Kellner des Hotels meldet Herrn von Treumund – ich weiß nicht, ob Sie den Mann haben rufen lassen?« – Der Abbé fiel ein: »Ganz recht, lieber Graf – ich habe mir erlaubt, ihn hierher zu bestellen. Bitte, lassen Sie ihn eintreten.« – Die Gräfin winkte nach der Tür zurück, dann wandte sie sich nochmals zu ihrem Gemahl: »Ich beabsichtige, bei meiner Cousine einen Besuch abzustatten – werden Sie mich begleiten?« – »Ich habe Geschäfte, die mich daran hindern, und werde später dem Herrn Gesandten meine Aufwartung machen.« – Die Dame entfernte sich. – »Wer ist der Herr?« fragte der Graf. – »Er ist oder wird einer der gewandtesten Kurtiers Berlins. Als Korrespondent mehrerer französischen und deutschen Journale ist er nicht ohne Einfluß, durch seine Tätigkeit in allen Kreisen bekannt, durch das schlaue Geschäft seiner Adoption von einem alten Bummler adeligen Namens für die gute Gesellschaft möglich gemacht – zwar augenblicklich von Schulden und Wechseln gedrückt, aber für unsere Absicht vorzüglich geeignet, und ich zweifle keinen Augenblick, daß er sich bald glänzend in die Höhe bringen wird, um so mehr als er eben mit einem der ersten deutschen Spekulanten zur Benutzung der Presse in Verbindung getreten ist. Kennen Sie das Börsentreiben?« – »Ich habe noch nie einen Fuß dahin gesetzt.« – »So ist er gerade der Mann, um Sie in die Geheimnisse dieser Kulissen einzuweihen. Ich bitte, lassen Sie ihn kommen.«

Er nahm einige Papiere aus der Tasche, während der Kammerdiener des Grafen durch die Haupttür einen Fremden in den Salon einführte: einen jungen, hübschen Mann mit blondem Haar und Bart, bemüht, aristokratische Manieren zu zeigen, dem jedoch seine große Beweglichkeit schädlich war. Die Augen waren klein, blinzelnd und gutmütig ... Der Abbé – oder vielmehr Bankier Thomas stellte den Fremden vor und nötigte ihn zum Sitzen ... »Graf Pisani,« sagte er, »ist vollkommen eingeweiht in das Geschäft und wird uns bei unserer heutigen Operation unterstützen. Die Zeit drängt, und so bitte ich sogleich um Ihren Bericht. Welchen Eindruck haben die gestrigen Abendnachrichten von Wien gemacht?« – »Das telegraphische Korrespondenzbureau hat sie noch am Abend verbreitet. Die heutigen Morgenblätter und die Abendzeitungen durch Extrablätter melden zwar nur unbestimmt: »Westmächte im Besitz eines Forts von Sebastopol; Russen 15 000 Mann verloren; Fürst Mentschikoff sechs Stunden Bedenkzeit erhalten.« Heute morgen ist aber bereits von Paris eine telegraphische Bestätigung eingetroffen, und man erwartet heute bei Beginn der Börse die ausführliche Nachricht.« – »Und die Kurse?« – »Sie gingen in der gestrigen Abendversammlung der kaufmännischen Ressource rapid in die Höhe und werden offenbar heute um drei bis vier Prozent steigen.« – »Sie haben russische und Schatzobligationen in verschiedenen kleinen Posten angeboten?« – »Ich habe nach Ihrer Bestimmung verfahren, aber niemand will sie, selbst zu 72 nicht.«

Der Abbé rieb sich vergnügt die Hände. – »Es war vorauszusehen. Lassen Sie uns überblicken, wie unsere Geschäfte stehen.« – Der Berliner Kurtier öffnete das Portefeuille, das er in der Hand hielt, und nahm eine Note heraus ... »Rekapitulieren wir! Auf Grund der Kreditive von Eskeles und Sina kaufte ich an der Sonntagsbörse bei unsern drei ersten Bankhäusern 115 000 Gulden Metalliques zu 72¾.« – »Richtig, sie standen gestern bereits 75¼ und werden heute noch mehr in die Höhe gehen.« – »Hoffentlich! Indes macht das schon jetzt einen Gewinn von 2775 Gulden. Ferner 300 000 Gulden Nordbahn zu 173.« – »In diesem Augenblick 179½.« – »Oberschlesische 180 000 Thaler zu 92½, 120 000 Gulden neueste Anleihe zu 96¼ und 200 000 Thaler Cosel-Oderberger zu 163¼. Sie stehen bereits 205.« – »Der Schlag ist bedeutend. Die Käufe betragen nach meiner Berechnung also 1 060 000 Thaler. – »Und der Gewinn in diesem Augenblick über 90 000.«

»Nun merken Sie wohl auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage. Die Kurse werden heute und morgen noch schnell steigen, und die Nachfrage wird sehr bedeutend sein. Glauben Sie, daß Sie heute sämtliche Papiere, über die wir disponieren, zum heutigen Kurs für den fünfzehnten verkaufen können?« – »Unbezweifelt – wenn wir so töricht sein wollten.« – »Überlassen Sie das mir; ich habe meine Gründe dazu, und Sie sollen an Ihrer Kurtage nicht zu kurz kommen. Doch es wird gut sein, wenn Sie mit dem Verkauf mehrere Agenten beauftragen, denn so bedeutende Summen aus einer Hand würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und leicht die Hausse stören. Ich werde auf der Börse zugegen sein, um nötigenfalls Ihnen meine Bestimmungen geben zu können. Im übrigen aber wird es zweckmäßig sein, wenn Sie viel mit dem Grafen hier und seinem Begleiter verkehren, sobald sie an der Börse erscheinen und geschickt das Gerücht verbreiten, daß von ihnen bedeutende Aufkäufe gemacht würden.«

Der Agent verbeugte sich schlau lächelnd ... »Ich verstehe und werde nicht verfehlen, dies zu tun. Doch erlauben Sie mir, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, da es mir scheint, daß Sie neue telegraphische Nachrichten erhalten haben. Man argwöhnt an der Börse seit einiger Zeit, daß viele der eingehenden Depeschen auf irgend eine noch unerklärte Weise verraten werden. Einer unserer Börsenmatadore scheint die Kurse und Aufträge von außerhalb förmlich zu riechen und überflügelt alle mit seinen Kombinationen – oder seinen Nachrichten. Es wäre fatal, wenn er uns in die Quere käme.« – Herr Thomas lächelte ... – »Beruhigen Sie sich auch hierüber, auch der Herr wird kaufen.« – Der Kurtier empfahl sich. – – – – – –

Es war mittags gegen ein Uhr, als Graf Pisani Arm in Arm mit einem Attaché der österreichischen Gesandtschaft auf dem Vorplatze der Börse erschien und langsam durch die versammelten Gruppen wandelte, dem Treiben des Verkehrs zuschauend. Die handgreiflichen Differenzausgleichungen einiger Mitglieder hatten damals noch nicht die Eintrittskarten eingeführt, und jeder Fremde betrat ungeniert das Sanktuarium des Zahlenschwindels. Der Attaché war mehreren der großen Bankiers bekannt, die ihn begrüßten und ansprachen, und wunderbar schnell verbreitete sich die Nachricht auf der Börse, daß ein Mitglied der Gesandtschaft mit einem vornehmen Fremden anwesend sei. Offenbar hatte dabei der Agent Treumund die Hand im Spiele, der alsbald beim Erscheinen der beiden Herren sich dem Grafen anschloß und den Cicerone machte. Dies Verfahren konnte nicht verfehlen, Aufmerksamkeit zu erregen, um so mehr, als bekannt wurde, daß die Aufträge, welche der Agent machte, über große Summen lauteten und die Börse ohnehin in höchster Erregung war. Soeben waren die telegraphischen Depeschen der Korrespondenzbureaus von Wien und Paris über die dortigen Kurse eingegangen, und der Agent des Hauses Oppenheim verlas sie nach der getroffenen Einrichtung von einem erhöhten Platz aus mit lauter Stimme. Die Boten des Staatstelegraphenbureaus durchbrachen mit Privatdepeschen die Menge. Das Geschäft schien in vollem Gange, und die vereideten Makler wurden bestürmt mit Anmeldungen.

Der Graf mit dem Gesandtschaftskavalier, der zu unerfahren und zu sehr Edelmann war, um rasch zu begreifen, daß er hier zur Folie diente – hatte endlich am Eingang des Hauses einen Platz gefunden. Von hier konnten beide das Treiben innen und außen beobachten. Der Agent stand bei ihnen. Die Szene umher war wirklich charakteristisch und für einen Unbeteiligten an Stoff und Betrachtungen überreich. Ein Wirrnis von Geschwätz und Geschrei – oft dem eigentümlichen Idiom einer polnischen Judensynagoge gleichend – lag auf dieser sich drängenden, stoßenden, sammelnden und hin und her eilenden, oder fest auf gewissen Stellen ausharrenden Menge, in der die gebogene und kulpige Nase als Typus in hundert Variationen des Alters vorherrschend war. Die gewöhnliche Höflichkeit und Rücksicht großer Gesellschaften schien aus dieser verbannt und jeder im Schreien, Stoßen und Drängen nur auf seine eigenen Zwecke Bedacht zu nehmen. Ein Notizbuch in der einen, den Bleistift in der andern Hand, mauschelnd, rufend, fragend, horchend, beteuernd und wegwerfend, die gespannteste Aufmerksamkeit in der lauschenden Miene oder mit verächtlichem Achselzucken, schmeichelnd und schleichend, kriechend und hochmütig – überall die Ohren, überall die Augen – hier ein Wort wechselnd, dort ein Opfer in den Winkel drängend, lügend und belogen, täuschend und getäuscht, jede Spannung, jede Heuchelei auf den Gesichtern, bedächtig und hastig, schnöde und freundlich, lärmend und schweigend, so wogte das Chaos der Geldintelligenz, das sich den Reichtum und die Intelligenz des Landes nennt!

»Die Zahl Ihrer großen Kaufleute und Bankiers, die an der Börse Geschäfte machen, scheint sehr bedeutend,« bemerkte der Sardinier. – »Der Schein täuscht, – von der ganzen Zahl, welche die Börse füllt, verdient kaum der vierte Teil hier zu sein. Vielleicht die Hälfte ist nicht einmal der Kaufmannschaft inkorporiert und besteht aus den sogenannten Wilden ... Wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich Ihnen die Einrichtung und das Treiben unserer Börse in kurzen Worten schildern.« – »Ich bitte darum.« – »Man kann die Börsenleute etwa in vier Kategorien einteilen. Zuerst die großen Bankiers, jene Säulen des großen Geldmarktes, die traditionelles Vermögen und Geschäfte, die eine Vergangenheit haben und einen europäischen Ruf, wie z. B. Magnus, Jüterbock, Krause, Mendelssohn, Anhalt und Wagner, Robert Warschauer usw. Diese Koryphäen des Geldmarktes machen fast nie eigene Spekulationen, sie beteiligen sich an Anleihen oder sind die Kommissionäre derselben; ihre Repräsentanten erscheinen hier nur um der Gewohnheit des Hauses willen und führen nur die Geschäfte ihrer Auftraggeber aus. Sehen Sie da die stabilen Posten auf den Bänken und an dem Gitter? Das sind unsere Geldfürsten oder ihre Vertreter. Das wohlbehäbige, runde Gesicht dort stöhnt über die Unmasse der Geschäfte, und seine Arbeit besteht am Tage darin, sich zwei Stunden lang Herr-Von nennen zu lassen und die andere Zeit zu flanieren! – Sehen Sie da das Paar prächtige Waden in den enganliegenden Beinkleidern am Gitter dort im Winkel nach dem Dome zu? Diese muskulöse Kraft ohne besondere geistige Kapazität ist der Börsenrepräsentant einer unserer nobelsten Firmen, so wie jener jüdische Aristokrat mit den in beliebter Wastelart bis an die Achselhöhlen zurückgeschlagenen Rockplatten die Frucht eines unserer berühmtesten jüdischen Häuser. Einstweilen läßt er sich von Minna schröpfen, und der achtbare Papa dort in der Banknische an den Säulen neben ihm schlägt mit stiller Behaglichkeit die Beine übereinander, neigt den Kopf zur Seite und harrt der Kursnotierungen, wie Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem. So einfach der Mann aussieht, sein Vermögen wird auf zwei Millionen taxiert, denn hier, Herr Graf, hat alles seine Taxe.«

»Sie erzählen pikant!« – »Journalistenmanier! Kommen wir zu der zweiten Kategorie, den kleinen Bankiers und großen Spekulanten. Diese sind die Hauptfaiseurs der Börse, sie machen die Kurse und treiben einen Umsatz in Ziffern, der ins Kolossale geht. Man kann die Summen, die jetzt an der Berliner Börse umgeschlagen werden, auf durchschnittlich drittehalb Millionen täglich rechnen. Ein Teil dieser Männer macht noch Bankiergeschäfte, ein anderer Teil bloße Spekulationen. Sehen Sie den großen hagern Herrn dort mit der halben Glatze und dem verlebten Gesicht? In jeder dieser Falten sitzt eine verzehrende Leidenschaft. Der Mann hat in Sachsen schon fünfmal auf nichts gestanden, und seine Spekulationen haben ihn immer wieder auf den Gipfel des Reichtums gehoben. Er kommandiert in diesem Augenblicke wieder ein paarmal hunderttausend Taler, ist unser größter Baissespekulant, und seine polnische Maitresse holt ihn alle Tage in glänzender Equipage von seinem Tummelplatze ab, bis ...« – »Es liegt etwas Unheimliches in seinen Manieren; jetzt schießt er wie ein Stoßvogel durch die Menge.« – »Das ist so seine Manier. Er hat sein Opfer. Dort steht sein Gegenmann: ich meine jenes durchsichtige, blasse Gesicht mit der eigentümlichen Farbe der Wasserleichen, denen man einen Zoll tief durchs blutlose Fleisch zu sehen wähnt.« – »Das Gesicht ist interessant, das Auge scharf und voll Verstand, der Ausdruck ruhig.« – »Und dennoch ist sein Besitzer voll von rastloser Beweglichkeit. Es duldet ihn kaum einen Augenblick schweigend auf demselben Platze. Es ist unser bedeutendster und glücklichster Spekulant und ausgezeichnet durch ein so enormes Gedächtnis, daß er zu seinen Geschäften, obschon er ihrer täglich 50 bis 60 schließt, nie ein Notizbuch braucht. Man fängt übrigens an, auf der Börse ihn mit einem gewissen Argwohn zu betrachten, denn er scheint fast allwissend in betreff aller ankommenden Nachrichten, so glücklich sind seine Kombinationen. Ich habe schon vorhin gegen meinen Freund meine Besorgnisse geäußert.« – »Der Herr scheint fortwährend umlagert von einem Schwarm, alles drängt sich um ihn.« – »Die Ursache werd' ich Ihnen gleich in einer weiteren Kategorie erklären. Erwähnen will ich nur noch, daß die fünfzehn oder zwanzig Mitglieder der eben genannten Personen jährlich durch Spekulationen sechs- bis achtmalhunderttausend Taler verdienen.« – »Die also das Publikum zahlt,« bemerkte der Attaché. – »Ganz recht. Und noch ärgere Blutegel sind die beiden letzten Kategorien. Die dritte besteht aus den privilegierten Jobbern, der eigentlichen kleinen Mauschelei, die die beiden höheren schon abgeschliffen haben. Hier findet man die kleinen Geschäfte und den jüdisch näselnden Jargon, den ausgehungerten Jobber neben dem behäbigen gemachten Geldmann, wie jenes Exemplar dort zeigt, das die orientalische Abstammung durch einen wohlgehegten Schnurrbart zu kachieren sucht. Das Studium dieses Genres ist interessant. Blicken Sie einmal dorthin auf den alten grauen Kerl, der so schmutzig aussieht, als käm' er aus einem Trödelladen vom Mühlendamm, und dann wieder die stattliche Figur dort, der man die höhere Intelligenz ansieht und wie sie ihre Umgebung dominiert. Der Herr dort ist der Hauptautor der berühmten Inserate der Vossischen, und man hört sie täglich bei den Geschäftchen sans gêne beraten.« – »Aber zu welchem Zweck, wenn man doch weiß, woher sie stammen?« – »Fürs Publikum, lieber Herr! denn es gibt nichts Dümmeres, als das Publikum im allgemeinen. Es ist eine Hammelherde, die geleitet werden muß, das sauer oder glücklich erworbene Geld rasch wieder los zu werden. Die Klasse der Makler und kleinen Bankiers macht nur geringe eigene Spekulationen, indem sie in die Nähe der großen Tonangeber sich drängt, ein Wort aufschnappt und sich mit einigen Tausenden an der Spekulation beteiligt. Freilich bekommen sie dabei oft die ärgsten Ohrfeigen; denn es ist eine alte Regel, daß über kurz oder lang die kleinen Spekulanten der Börse von den großen aufgefressen werden. Die Großen verstehen ihr Handwerk. So wird es dem »Börsenkönig« nicht einfallen, wenn er verkaufen will, dies auf der Börse zu tun. Im Gegenteil! dort kauft er einzelne Posten des Papiers und streut den Leuten damit Sand in die Augen, während in allen Ecken seine lange vor Beginn der Börse instruierten Agenten die wahren Geschäfte für ihn machen. Im übrigen zahlt ihre Existenz das Publikum durch die Kurtage und die Kunst des Schneidens. Bitte, wenden Sie das Auge dort auf jenen Mann! Der Schacher ist ihm in jedem Zuge ausgeprägt und der Mensch ein originelles Exemplar der Jobberei. Er hat immer eine Partie Uhren, Brochen, Brillanten und dergleichen zur Hand, die er förmlich als Prämie für ein Geschäft ausbietet, und ihr Wert,« setzte der Kurtier hinzu, »ist mit einem kleinen Profitchen den Prozenten gleich, um die er die Papiere höher oder niedriger schachert. Doch lassen Sie uns zu Ende kommen mit der allgemeinen Charakteristik. Die vierte Kategorie besteht aus einem Troß, der neben den beiden andern herläuft und den Vermittler und Pfuschmakler spielt: die sogenannte »Kulisse«, alte, bankerotte Gauner und junge, unverschämte Bengels von fortgejagten oder fortgelaufenen Kommis, eine Rotte von Tagedieben, zu faul, um wirklich zu arbeiten, aber schlau genug, um sich hier überall aufzudrängen und täglich ein paar kleine Geschäftchen zu erluchsen, die ihnen durchschnittlich vier, fünf Taler, häufig auch noch Besseres abwerfen, jedenfalls weit mehr als der ehrliche Kommis bei angestrengter Arbeit verdient. Wenn sie am Ultimo nicht zahlen können, bleiben sie eine ganze Zeit fort oder lassen sich hinauswerfen. Die Sorte ist wie die Schmeißfliegen, zu jeder List und jeder Gaunerei bereit; es laufen ihrer über hundert umher, und das Publikum muß sie täglich mit fast tausend Talern ernähren, um die ihm die Papiere verteuert werden. Zum Glück ist wenigstens unsere Börse noch ziemlich rein von dem Besuch der Privaten; das Publikum, das bereits in allen Ständen massenhaft spekuliert, liegt noch in den Händen der kleinen und großen Bankiers, und nur wenige kommen selbst. Da ist ein Exemplar. Sehen Sie da an dem Baume links den langen, schwarzgekleideten Herrn, der mit meinem Kollegen spricht?« – »Den mit der Brille?« – »Ja.« – »Er ist ein Hauslehrer bei dem *** Gesandten. Bei der türkischen Kriegserklärung, die er von seinem Prinzipal erfahren, wagte er sich auf das Glatteis der Börse und gab mir einen Auftrag. Er gewann, indem er sein ganzes Erbteil, 400 Taler, wagte, damit das Doppelte und spekuliert seitdem fortwährend, bis – – Da drüben am Gitter des Museums neben Piefke mit seinen weißen Mäusen und Inseparables, die nur zusammen leben und die er einzeln verkauft – steht ein Bild von dem gewöhnlichen Ende solcher Privatspekulanten.« – »Der Mensch in dem desolaten Aufzug, der so unverwandt hierherschaut?« – »Vor zwei Monaten noch hatte er Kredit für Tausende, obschon er längst ruiniert war. Der Mann besaß zwei Häuser in der Friedrichstraße und ein gutes Geschäft. Als der Aktienschwindel bei uns begann, wollte er mit Gewalt seinen Wohlstand zu Reichtum machen und ließ sich, obschon er nicht das geringste davon verstand, mit einem Spiritusspekulanten ein. Später, um sich herauszureißen und die erlittenen Schlappen zu decken, machte er in rheinischen Aktien und verlor in Zeit eines Vierteljahres 75 000 Taler. Er ist jetzt ein Bettler, aber so auf das Börsenspiel versessen, daß er täglich wenigstens hierher kommt, um von ferne zuzusehen. Seine Familie hat jetzt kaum das trockene Brot.«

»Solche Beispiele werden durch die entgegengesetzten ausgewogen, denn es fehlt gewiß auch nicht an Leuten, die rasch reich geworden.« – »Im Gegenteil, sie schießen wie Pilze aus der Erde und niemand weiß oft, woher die Mittel zu der Verschwendung kommen, die sie so plötzlich entwickeln. Der Herr im grünen Reitfrack, der sich dort rechts nach Kalau drängt, – entschuldigen Sie, Sie verstehen den Kunstausdruck nicht, jener Fleck heißt bei uns Kalau, und die große Gesellschaft der beschriebenen dritten Kategorie, die sich dort zu postieren pflegt, heißt man Kalauer – also jener Herr hatte, wie unsere meisten Kleiderjuden, bereits zweimal Bankerott gemacht, sich aber damit, im Gegensatze zu diesen, völlig ruiniert, so daß er, um den Gerichtsvollziehern zu entgehen, nirgends eine bleibende Wohnung hielt. Seit vier Wochen fährt er in einem eleganten Tilbury, nimmt im Opernhause nur Fremdenloge, trägt täglich vier Paar strohgelbe Handschuhe und führt Signora Caspari in den Pariser Keller. Bis zu einer Tänzerin hat er es freilich noch nicht gebracht, so gern er auch den Baron spielen möchte.« – »Welche Papiere haben ihn denn so plötzlich reich gemacht?« – »Reich – Börsenpapiere? Beides weniger. Er ist Kommissionär geworden und makelt in Rittergütern; auf die Börse kommt er nur so nebenbei.« – »In Rittergütern? – ich denke, der preußische Adel konserviert sein Grundeigentum?« – »Die Güterkommissionäre sind jetzt ein kulantes Geschäft und vermehren sich täglich. Die Zeitungen wimmeln von ihren Anzeigen, in denen sie herrschaftliche Güter jeder Art und Größe zum Verkauf anbieten, und wenn auch drei Viertel dieser Annoncen notorisch erlogen sind, so verstehen sie doch bei dem bleibenden Viertel die beiden Partien so gründlich zu schröpfen, daß der Wucher, der mit dieser Erscheinung eng zusammenhängt, daneben eine Tugend ist. Nun, Herr Levi,« – er sprang rasch zu einem Vorübergehenden – »wollen Sie noch eine kleine Post Nordbahn?« – Der kleine, dicke Mann rieb sich innerlich lachend die Hände ... »Was soll ich tun damit, Herr von Treumund? Einstweilen wollen wir abwarten die Bestätigung von die Nachrichten von die Tartaren und von die Schiffskapitäne vons Schwarze Meer. Sie wissen, Freund, ich bin vorsichtig.« – »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte zurückkehrend der Kurtier zu dem Grafen. »Der Mann ist der Geldfaiseur höchst einflußreicher, ja hoher Personen, die rechte Hand von Leuten, die am Staatsruder sitzen, und in vielen Beziehungen ein höchst scharfsinniger Patron. Eine Hand wäscht die andere, und Geldgeschäfte und Lieferungen haben ihn zum reichen Mann gemacht. Gewiß sinnt er dafür schon, welchen Patriotismus er an Königs Geburtstag ans Lampenlicht stellen, oder welche neue finanzielle Denkschrift er für einen seiner Mäcene vom Stapel lassen wird. Der Mann wirft Hunderte fort für eine seiner rastlosen Launen und schlägt dafür einen jungen Handwerksmann halb tot, weil dieser sich nicht ein Viertel seiner Rechnung kürzen lassen will. Aber ich muß ihm nach und ihn zu einem, wenn auch noch so kleinen Geschäft bewegen. Hier auf der Börse achtet man auf alles.« – Er schoß davon ...

Aus dem Menschenstrom, der aus dem Börsensaal nach dem Vorplatz und zurück wogte, drängte sich ein kleiner, noch ziemlich junger Mann mit gebogener orientalischer Physiognomie und etwas Kreuzfeuer in den Augen, voll zuckersüßer Aufdringlichkeit zu dem österreichischen Kavalier. – »Ganz gehorsamster Diener, Herr Baron, freut mich, die Ehre zu haben, Sie wiederzusehen. Sagen Sie mir, Sie müssen's wissen, Sie sind ein Diplomat, ist es wahr, daß gedonnert haben die Kanonchens am Invalidendom? Wie käme der Tatar dazu, zu bringen eine falsche Nachricht an Omer-Pascha? er muß es wissen, wenn auch versiegelt geblieben ist die Depesche: 22 000 Russen gefangen! der Kaiser Napoleon ist, bei Gott, ein großer Mann! Was sagt der Herr Gesandte dazu?« – Der junge Diplomat betrachtete mit einem gewissen vornehmen Mißbehagen den kleinen Hebräer ... »Ich habe nicht das Vergnügen ...« – »Herr Baron, Se werden mir kennen, – ich habe die Ehre gehabt auf dem großen Ball von Herrn Magnus; unsere Firma ist unter den Linden – was meinen Se, könnte man wagen einen Schlag? Ich werde Se beteiligen mit zehn Prozent.« – Der Attaché verbeugte sich ablehnend ... »Bemühen Sie sich nicht, ich spiele nicht an der Börse.« – »Schade ... auf ein Wort, Herr Meyer! Was denken Sie? Die österreichische Gesandtschaft ist hier auf der Börse, sie hat mir eben eine wichtige Mitteilung gemacht; lassen Sie uns kaufen, 83-1/2, das Geschäft ist gut.«

Das Gedränge entführte ihn. In seinem Schutz war der Abbé zu dem Sardinier getreten. – »Sehen Sie dort die beiden Männer, die eben mit unserem Kurtier sprechen?« – »Der eine sieht hierher?« – »Richtig, es ist der Wiener Polizeiagent, der andere ein hiesiger Beamter.« – »Der Mensch hat eine vertrackte Physiognomie, so schmutzig und tückisch. Unser würdiger Bandit Santa Lucia, der, wer weiß wo, ein Ende genommen haben muß, war ein Apollo gegen dieses Galgengesicht. Wie heißt das Subjekt?« – »Heller. Er ist ein verdorbener Advokat von wenig ehrenvollem und moralischem Ruf, machte schon vor 48 den Polizeispion in Pest und lieferte manchen Patrioten nach dem Spielberg. Bei der Revolution spielte er plötzlich den Republikaner, half das Zeughaus stürmen, wenigstens rühmte er sich dessen, drängte sich bei allen Demonstrationen vor und verteidigte die Hochverräter und Majestätsbeleidiger. Später, nachdem das Handwerk der Demokratie nicht mehr ging, wußte er sich wieder in den Polizeidienst zu bringen und nimmt zur Schande des Kaiserstaats und zum Ärger aller ehrlichen Leute eine hohe Stellung darin ein, ja, man hat sich soweit vergessen oder mit ihm eingelassen, daß man ihm sogar Orden des Landes aufgehängt hat.«

»Und wie benimmt er sich jetzt gegen die Demokratie?« – »Er verfolgt sie als Renegat auf das bitterste, obschon ich überzeugt bin, er würde gern Kartell mit uns machen, wenn wir dazu geneigt wären. Im übrigen erlaubt er sich jede Willkür und Dinge, die jeden andern vor die Schranken des Kriminalgerichts bringen müßten. Man hat ihn entweder zu tief in die Karten schauen lassen oder braucht ihn notwendig. Wir können dabei nur gewinnen, denn sobald das monarchische System erst zu dem Grundsatz kommt, die sogenannte Treue und die Ehrenhaftigkeit und Moralität des Standes einer Nützlichkeit der Person zu opfern, untergräbt es selbst das vielgepredigte Rechtsbewußtsein im Volk, entkleidet seine Ämter und Auszeichnungen des Nimbus, und das Gewissen des Volkes fällt uns in die Hände. – Vorläufig aber müssen wir uns der Macht des Augenblicks fügen, und ich bitte Sie daher, daß Sie mich in unauffälliger Weise mit Ihrem Begleiter bekannt machen und ins Gespräch bringen. Das wird vorläufig jenen irritieren und uns vor Belästigungen oder Nachfragen sichern.«

Der Gesandtschafts-Kavalier hatte sich eben wieder nach dem kleinen Intermezzo zu seinem Begleiter gewendet, der ihm rasch den Gefährten als seinen Bankier und Geschäftsführer vorstellte und beide in ein Gespräch verwickelte. – » Mon Dieu! Diese Leute scheinen mir alle den Kopf verloren zu haben über die gestrigen und heutigen höchst unzuverlässigen Nachrichten,« sagte der junge Diplomat. »Wer wird einer türkischen Depesche glauben und noch dazu einem bloßen Gerücht! Aber überall, wo man sich hinkehrt, hört man von nichts, als von diesen merkwürdigen Tataren und der Schiffernachricht.« – »Ich bitte Sie, Baron,« flüsterte der Graf, »stören Sie die Leute nicht in ihrem Glauben. Die erste Regel in der Diplomatie ist, keine eigene Meinung zu haben. Wir sind hier, um uns an diesem Treiben zu amüsieren und zu belehren, und da kommt auch unser gefälliger Cicerone zurück.«

Ein Blick verständigte den Abbé mit dem Kurtier, daß die Geschäfte im vollen Gange. Der Attaché wollte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, sich über preußische Verhältnisse zu unterrichten. – »Ich habe gehört, daß Ihrem Hypothekenwesen jetzt in gefährdender Weise die Kapitalien entzogen und der Spekulation zugewendet werden,« sagte er. »Auf meinen Gängen durch die Straßen bemerkte ich, daß sich die Zahl Ihrer Bankiers bedeutend vermehrt!« – Der Kurtier verzog den Mund. – »Wer ist heute nicht Bankier? Nicht jedermann ist so bescheiden, wie die hübsche kleine Frau eines dicken Freundes von mir, die, vor kurzem bei ihren Verwandten in Schlesien zum Besuch, in einem Kaffeeklatsch als eine Frau Baron Langsam aus Berlin vorgestellt wurde und zum Entsetzen der Familie berichtete: »Mit Erlaubnis, wir machen vorderhand bloß kleinen Wucher!« –

Der Baron lachte. – »Was die Zahl dieser sogenannten Bankiers anbetrifft,« fuhr der Kurtier fort, »so vermehrt sie sich allerdings wie die Fliegen und geht unter dieser Firma frei aus vor der Staatsanwaltschaft. Denn alle Geschäfte dieser kleinen Meute des Geldmarkts gehörten eigentlich vor das Forum der Justiz.« – »Wieso?« – »Leicht erklärt! Jeder angehende Handelsagent, der ein bißchen Witz und Kredit hat und die Anfertigung einer eleganten Firma nebst einer Pränumerando-Miete in einer noblen Verkehrsstraße bezahlen kann, etabliert sich jetzt als Bankier, sucht Bekanntschaften und offeriert seine Dienste zu Geldgeschäften. Bei der Art, wie sie die Geschäfte dem Publikum gegenüber ausbeuten, müßten diese Leute sämtlich reich werden, wenn sie nicht wieder auf eigene Hand spekulierten. Ich will Ihnen einmal vorrechnen, wie das Publikum von den Bankiers in die Schere genommen wird: ein Besitzer, der kaufen oder verkaufen will, gibt z. B. einem Bankier den Auftrag, 6000 Taler Berlin-Hamburger Aktien zu verkaufen. Der Bankier rechnet dafür an erlaubten Vorteilen zunächst halbe Kurtage für den Makler, während er wahrscheinlich das Geschäft selbst gemacht hat, das heißt ½ per Mille, also hier 3 Taler, Provision für die Besorgung ? Prozent, also hier 10 Taler. Sie werden mir zugeben, daß 13 Taler für ein ganz kleines, müheloses Geschäft schon ein recht hübscher Verdienst wären. Aber man ist weit entfernt davon, sich damit zu begnügen! Es gilt, den Kommittenten nach dem Kunstausdruck zu »schneiden«, und das geschieht in folgender Weise: Der Agent schlägt die Papiere an der Börse für 109½ los und berechnet seinem Auftraggeber 109, höchstens 109¼ dafür, vielleicht auch gar nur, wenns ihm bei den Notierungen glückt, 108½. Das ist demnach ein kleiner Profit von 12, 30 oder 60 Taler bei dem einzigen unbedeutenden Geschäft ohne das geringste Risiko, und im Grunde doch nichts anderes als Betrug.«

»Aber kann derselbe nicht nachgewiesen werden?« – »Das ist fast unmöglich. Sie werden bereits gemerkt haben, daß zu gewissen Personen fortwährend die Leute sich herandrängen und ihnen eifrig zusprechen. Es sind dies die vereidigten Makler, welche die Kurse zu notieren haben, oder die Börsen-Berichterstatter der Zeitungen. Diesen Personen, wenn sie nicht selbst beteiligt sind, was bei der Presse sehr häufig der Fall ist, weiß man auf alle mögliche Weise die Notierungen nach dem eigenen Vorteil aufzudrängen. Man sagt ihnen, hier hab' ich eben zu dem und dem Kurs gekauft, oder verkauft, und auf ein viertel oder ein halb Prozent ist die Sache oft gar nicht zu unterscheiden. Deshalb auch finden Sie erstens in den öffentlichen Notierungen die bezahlten Kurse oft in verschiedenen Steigerungen notiert, und in fünf oder sechs Kurszetteln, die hier an der Börse herauskommen und zum Teil auf diese Spekulation gegründet sind, die Kurse sehr häufig ganz verschieden angegeben. Der Bankier hält nun die sämtlichen Kurszettel, vielleicht von jedem ein Dutzend im Abonnement, sucht sich für das bezeichnete Geschäft gerade den Kurszettel heraus, der ihm zum »Schneiden« am vorteilhaftesten paßt, legt ihn bei der Berechnung seinem Kommittenten bei, und dieser schwört noch darauf, wie solide der Mann ihn behandelt, während er schändlich übers Ohr gehauen ist. Das, meine Herren, nennt man »Börsen-Usance«, und diese Usance herrscht nicht etwa bloß bei den Jobbers und Kalauern!«

»Die gesamte Presse könnte hier viel dagegen tun.« – »Die Presse, Herr Baron, wird im Gegenteil auf das schändlichste gemißbraucht und verbreitet die Täuschung im ganzen Lande. Die Redakteure der großen politischen Zeitungen verstehen fast durchgängig nichts von den Börsengeschäften und müssen diesen Teil ihres Blattes den engagierten Berichterstattern überlassen. Nun ist es leicht zu begreifen, wie die auftauchenden großen Geld-Institute bedacht sind, die Notierungen ihrer Papiere zu treiben. Wir haben Skandalfälle gehabt nicht bloß in Wien, sondern auch hier, daß die Börsen-Berichterstatter der politischen Zeitungen mit 20, 30, 50 000 Taler Aktien beteiligt werden, bloß um ihr Interesse dafür zu gewinnen. Das Manöver ist ganz gewöhnlich; die geheimen Aktien der Institute in Braunschweig, Darmstadt, Dessau usw. könnten Wunderdinge davon erzählen. In den meisten Fällen bleibt die Sache natürlich diskret, nur zuweilen bei widerwärtigen Zänkereien platzt die Bombe, es kommt ein förmlicher Handel mit den Notierungen und Poussierungen zum Vorschein; aber – dann wechselt man die Berichterstatter und – die Sache bleibt beim alten! Zum Teil auch – wie jener kleine Orientale, der so eifrig umherschiebt – spekulieren die Herren auf eigene Hand. Mundus vult decipi – es kommt alles nur auf das Air an, mit dem es geschieht!«

»Aber den großen Bankiers kann diese Pfuschbörse doch unmöglich recht sein?« – »Es ist nichts dagegen zu machen; das einzige, was sie tun können, ist, manchmal einem oder dem anderen einen Genickschlag beizubringen, der ihm eben so rasch zum Bettelstabe hilft, wie er reich geworden. Bemerken Sie den großen Mann da? – er ererbte ein Vermögen von 200 000 Talern und eines der brillantesten Geschäfte; das Vermögen ist durch die Spekulation in Spiritus und Getreide binnen zwei Jahren verloren gegangen. Sehen Sie dort die orientalische Physiognomie? – der Besitzer kam reich von Breslau hierher, spekulierte vortrefflich und verzehnfachte sein Vermögen. Seit drei Monaten schlägt ihm jede Spekulation an der Börse fehl: es ist, als ob er mit Blindheit geschlagen wäre. Ich gebe nicht hundert Taler mehr zu gunsten seiner Bilanz, und fährt er noch vierzehn Tage so fort, so ist die Pleite unausbleiblich. – »Aber warum stürzt der Mann sich in sein Unglück?« – »Ein jeder ist der Schmied seines Schicksals und seines Goldes. Es ist das Börsenfieber, das ihn ergriffen, und das so gut existiert, wie das Fieber am Roulette. Er wird daran verbluten, denn er ist ein ehrlicher Jude, dem der ehrliche Name über das Leben geht, und statt Bankerott zu machen, wie hundert andere es tun würden, wird er es mit dem Leben zahlen. Der Fall ist noch kürzlich mit einem reichen Bankier vorgekommen, der des Wuchers angeklagt war. Glauben Sie mir, meine Herren, das Spiel an der Börse ist verführerischer und zeigt ärgere Leidenschaften, ruft krasseren Jammer hervor als der verpönte grüne Tisch in Homburg oder Baden-Baden. Nicht alle wissen und wollen aus dem Bankbruch ihrer Habe oder ihres Rufs hervorgehen, wie jener Herr dort mit der ruhigen, gemessenen Physiognomie, der vor einiger Zeit auf der Leipziger Messe den englischen Fabriken, die ihm Hunderttausende anvertraut, seine Zahlungseinstellung anzeigte, aus gesicherter Ferne 20 Prozent bot und, nachdem dieses Arrangement geschlossen war, sich jetzt Palast über Palast baut. Da, da – laufen zwei Spekulanten, die, der eine zweimal, der andere dreimal Bankerott gemacht haben, und die jedesmal reicher aus den Arrangements hervorgingen als sie gewesen waren. Für jenen dort schossen vor vier Wochen, als er pleite war, seine guten Freunde an der Börse 1000 Taler zusammen, und heute hat er bereits wieder 20 000 erspekuliert. Und hier – sehen Sie den Wicht im blauen Frack mit goldenen Knöpfen? – der Mensch hat mehr als einmal wegen Diebstahls in Spandau gesessen und in seinem Vorzimmer antichambrieren jetzt Barone und Grafen.«

»Ich habe gehört,« bemerkte der Attaché, »daß sich der norddeutsche Adel mehr mit Geldspekulationen beschäftigt als der unsre.« – »Warten Sie, bis Sie die gehörige Anzahl Spiritusbrennereien haben, und es wird ebenso sein. Der Spiritus und das Korn ist jetzt ein Spekulationsartikel, so gut wie die Eisenbahnaktien. Darum hat man die Börsen zusammengeworfen. Dort am Fenster steht ein Stettiner Jude, der jährlich hier an der Berliner Börse in Zahlen gerade noch einmal soviel Getreide in Zeitkäufen verhandelt, als ganz Europa produziert. Er hat zu gewissen Zeiten tausend Wispel fortwährend unterwegs von einem Börsenort zum andern, bloß um die Lieferungen fingieren zu können. Noch vor einigen Tagen machte er einen kolossalen Schlag, indem er über Nacht sämtliches Bahnhofsfuhrwerk mietete, so daß die Verkäufer nicht imstande waren, die herbeigeholten Vorräte, wie es Börsen-Usance ist, von den Bahnhöfen in die Stadt zu schaffen, und deshalb Tausende als Differenz zahlen mußten. Kaufmann und Produzent spekulieren jetzt mit dem täglichen Brot des Unbemittelten. Jener Mann, der hier vorbeigeht, hatte an einem der letzten Lieferungstage alles Korn aufgekauft und war so bescheiden, den Preis von bloß hundert Prozent für vierundzwanzig Stunden zu verlangen. Die Differenz wurde diesmal mit den Fäusten ausgeglichen, und die Zahlungsart scheint jetzt Börsengebrauch zu werden.«

Graf Pisani, der nur wenig auf die Redseligkeit seines Kommissionärs gehört, sondern sich leise mit dem Abbé unterhalten hatte, wandte sich zu ihm. – »Die beiden Herren, mit denen Sie vorhin sprachen, sind Polizeibeamte? Was tun sie hier?« – »Der hiesige Beamte, der bei dem andern dasselbe Geschäft, wie ich bei Ihnen, das des Cicerone, versieht, scheint die Geschäfte eines unserer Hauptfaiseurs zu beobachten, den ich Ihnen bereits bezeichnete. Der Fremde scheint Sie, Herr Thomas, zu kennen: er erkundigte sich besonders nach Ihnen und dem Grafen, und ob Herr Thomas mit dem Attaché bekannt sei?« – »Und Sie bejahten?« – »Versteht sich; es standen gerade einige unserer Fixer in der Nähe und hörten jedes Wort. Die Vormundschaft eines unserer Privattheater ist in jener Ecke stark vertreten. Des Abends erscheinen die Herren als Protektoren der Kunst, obschon sie zum Teil nicht in besonderem Geruch stehen, des Vormittags gehören sie zur Kategorie Nummer zwei an der Börse. Der ältliche Herr dort, der auch dazu zählt, ist mir einer der Liebsten der ganzen Börse, solid und nobel; dem kleinen Orientalen an seiner Seite ist neulich ein Gastwirt mit 20 000 Talern durchgegangen, und es schwebt ein interessanter Prozeß über die Sache. – Doch in fünf Minuten ertönt die Schlußglocke, und ich muß die Notierungen von meinen Geschäftsfreunden sammeln. Da wird die telegraphische Depesche eben verlesen, die seit einer Stunde kein Geheimnis mehr ist. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, hören Sie zu.«

Der bereits erwähnte, mit der Veröffentlichung der Börsennachrichten beauftragte Makler stand, von der Menge umdrängt, auf einer Erhöhung und verlas eben jene Depesche, mit der sich damals ganz Europa blamierte: »Paris, vom 3. morgens. Der heutige Moniteur bringt eine aus Wien datierte Depesche des dortigen französischen Gesandten Baron Bourqueney, mit der Meldung, daß am 30. vorigen Monats in Bukarest ein Tatar mit Depeschen für Omer-Pascha eingetroffen, die wegen dessen Abwesenheit nicht geöffnet worden sind. Nach dem mündlichen Berichte des Tataren ist Sebastopol eingenommen, 22 000 Russen sind gefangen, 18 000 getötet, das Fort Constantin ist in die Luft gesprengt und sechs russische Linienschiffe sind untergegangen.« – Die geheimen Faiseurs, deren Intrige und Mittel wir angedeutet, machten damit die glänzendste Spekulation. Nachdem die Kurse durch ihre wohlberechneten Manöver bedeutend im Steigen waren, verkauften sie enorme Summen zu diesen hohen Sätzen für die nächste Abrechnung, gewiß, daß schon in den nächsten Tagen das Ausbleiben der Bestätigung und die entgegengesetzten Nachrichten die Kurse wieder herabdrücken würden. Die Profite, die damit an den Börsen von Wien, Berlin und Paris in demselben Augenblick gemacht wurden, betrugen über eine Million.

Der Abbé war den darauffolgenden Tag mit den Bilanzen beschäftigt. Als er am zweiten der spanischen Tänzerin seinen Besuch machte und ihr eine Reise und ein Gastspiel in Warschau und Petersburg vorschlug, fand er jedoch unerwartete Ausflüchte, ja zuletzt völlige Weigerung, und zwei Tage nachher war die Spanierin verschwunden, – wie es hieß, in Begleitung des Fürsten Jaboloff. Erst im Frühjahr kam sie unter dem Schutz ihres neuen Mäcens in den böhmischen Bädern wieder zum Vorschein. Man sagt – so unwahrscheinlich es bei einer Tänzerin lautet – daß sie den Fürsten wirklich geliebt habe; zum wenigsten sprach dafür, daß die eigensinnige Donna in alle Launen ihres Geliebten sich mit sklavischer Hingebung fügte. Wie es auch sei, Liebe oder Weiberlaune hatte das Band gesprengt, das sie bisher den geheimen Plänen dienstbar gemacht hatte.


 << zurück weiter >>