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Drittes Kapitel.
Balaclawa und Inkerman.

Die beiden Namen stehen blutig eingezeichnet im Buch der Weltgeschichte! Das erfolglose Bombardement vom 17. Oktober, dem sie nicht einmal den Versuch eines Sturmes folgen lassen konnten, nötigte die Alliierten zu einer regelmäßigen Belagerung der Festung. Einstweilen erwarteten beide Teile die Ankunft neuer Verstärkungen ... Die Alliierten, auf ihre bedeutenden Hilfsmittel und ihre Überlegenheit an Zahl vertrauend, hofften, durch eine regelmäßige Belagerung die Stadt bis zum Einbruch des Winters zu erobern. Die Engländer setzten ihr Feuer aus 68 Geschützen fort, und am 19. waren auch die französischen Batterien soweit hergestellt, um das ihre beginnen zu können. Die Beschießung wurde fortgesetzt, ohne daß der eine oder der andere Teil wesentliche Nachteile davon hatte. Die Russen, die durch das Bombardement täglich etwa 300 Mann verloren, besserten über Nacht regelmäßig ihre Schäden wieder aus, ersetzten die zerstörten Mauern durch zweckmäßige Erdwerke und errichteten neue unter der rastlos tätigen Leitung der Ingenieur-Arbeiten durch Totleben, der nach dem ersten Bombardement zum Obersten ernannt wurde. Die Linie der Befestigungswerke war zur besseren Oberleitung der Verteidigung in vier Abteilungen geteilt, welche zu dieser Zeit der Generalmajor Asnalowitsch, Vizeadmiral Novossilski, Konteradmiral Istomin befehligten. Generalleutnant Kirjakof kommandierte die Reserven; Kommandant der gesamten Truppen, die aus 57 Bataillonen bestanden, war der Generalleutnant Moller, Hafengouverneur der Vizeadmiral Stajukowitsch, Kommandant der 13 See-Equipagen der Vizeadmiral Nachimof.

Die Operationsarmee der Russen war nach der Almaschlacht, wie schon bemerkt, zu schwach, um Entscheidendes gegen die Belagerungsarbeiten der Verbündeten unternehmen zu können. Der Fürst, seitdem nur durch 12 Schwadronen Reiter unter Generalleutnant Rischof und einige Bataillone aus Kertsch und Feodosia verstärkt, mußte die Ankunft des 3. Infanteriekorps abwarten, das in Eilmärschen aus Bessarabien nach der Krim beordert war. Für den Erfolg der Russen war es bedauerlich, daß er seine Ungeduld nicht zügeln konnte, und daß er, als am 12. in der Nähe von Sebastopol die 12. Infanterie-Division Liprandi eingetroffen war, ohne die übrigen Abteilungen des Korps abzuwarten, den Entschluß faßte, die Operationsbasis der Verbündeten anzugreifen, zu dem Zwecke, sie von Balaclawa abzuschneiden.

Das Zentrum der Russen befand sich im Dorfe Tschorgun auf dem rechten Ufer der Tschernaja. Zwei Wege führten von hier nach Balaclawa, der eine rechts durch das stark verschanzte Dorf Kadikoi, im Tal zwischen dem Sapunberg und den Bergen südöstlich von Balaclawa gelegen, und der linke näher den letzten Bergen. Beide liefen quer über die große Woronzoff-Straße, welche sich von Sebastopol nach der Yalta zieht. In dem Tal um Balaclawa und Kadikoi standen die englischen Truppen, durch eine doppelte Reihe von Verschanzungen gedeckt, deren vorderste an der Woronzoff-Straße von den Türken besetzt war. Hinter Kadikoi lag die englische Kavallerie. Jenseits des Sapunberges standen auf den Höhen desselben in gesicherter Stellung als Observations-Korps gegen die an der Reede sich hinwendende, von Sebastopol zunächst nach Inkerman führende Straße, die beiden französischen Divisionen des Generals Bosquet.

Die Leitung des Angriffs am 25. Oktober war dem General Liprandi übertragen. 17 Bataillone, 22 Schwadronen mit 10 Sotnien Kosaken und 52 Geschütze sollten denselben von drei Richtungen unternehmen. Der Fürst ließ außerdem, um die rechte Flanke des Angriffs zu decken, eine Brigade mit 10 Geschützen unter Generalmajor Schabokritski in der Nacht die Tschernaja überschreiten und sich gegen den Sapunberg aufstellen. Die Dispositionen waren, nach dem Urteil aller Militärs vortrefflich, aber das zur Ausführung kommandierte Korps zu schwach, um einen dauernden Erfolg zu sichern. Generalleutnant Rischof führte von der Traktierbrücke (Wirtshausbrücke) her die rechte Kolonne, Generalmajor Semiakin die mittlere direkt auf Kadikoi los, Generalmajor Gribbe die linke gegen Kamari zur Umgehung der feindlichen Stellung. Schon bei Tagesanbruch waren die russischen Kolonnen auf dem Marsch, um 6 Uhr gelangte das mittlere Korps an die ersten Redouten, eröffnete das Feuer und nahm sie im Sturm. Die Türken verließen sie zum Teil in wilder Flucht, und um 7½ Uhr wehte die russische Fahne auf allen vier Schanzen. Die Geschütze wurden vernagelt oder unbrauchbar gemacht, die Vorräte zerstört und die russische Artillerie begann von dieser Position aus die bei Kadikoi und Balaclawa aufgestellten englischen Truppen und das Lager zu beschießen. Die linke russische Kolonne hatte sich gleichfalls glücklich des Dorfes Kamari bemächtigt.

Generalmajor Colin-Campbell eilte mit dem 93. schottischen Regiment zur Unterstützung der Türken herbei, die Kavallerie der Engländer unter Lucan schloß sich ihm an und die flüchtigen Türken sammelten sich unter ihrem Schutz. Um 8 Uhr erschienen Lord Raglan und Canrobert auf dem Schlachtfelde und beorderten eilig von Balaclawa her starke Reserven, um die verlorene Stellung wiederzugewinnen. Die vierte englische Division Cathcart und die erste Garde-Brigade des Herzogs von Cambridge rückte gegen die Woronzoff-Straße vor. Zugleich ließ Bosquet einen Teil der 1. Division und einige Schwadronen reitender afrikanischer Jäger in das Tal vorgehen ... General Liprandi erteilte jetzt dem Generalleutnant Rischof den Befehl zum Kavallerie-Angriff, und die Husaren-Brigade mit den uralskischen Kosaken und zwei reitende Batterien stürzten sich im Galopp auf die Hochländer Campbells und die Dragoner des General Scarlett, die Wagenburg, die die Schotten vor ihrer Stellung aufgefahren, attackierend. Aber festen Fußes – Schulter gegen Schulter, wie das berühmte Kommando der Hochländer sagt, – empfing sie die Infanterie und eine Batterie der Brigade Scarlett begrüßte die kecken Steppenreiter mit Kartätschenladungen. Die russische Kavallerie wurde geworfen, und hinter ihr drein donnerten die schweren Dragoner der Briten, bis an die eroberten Redouten. Hier jedoch wandte sich das Glück – ein vernichtendes Feuer der russischen Batterien brach die Reihen der Dragoner und brachte sie in Unordnung. Mit großem Verlust zogen sie sich zurück ... Lord Raglan sah mit Groll die Niederlage seiner Reiterei unter den Augen der Franzosen und wollte um jeden Preis die englischen Geschütze wiederhaben, die die Russen mit den Redouten erobert hatten. Der stolze Somerset, der Adjutant und Neffe des eisernen Herzogs, der seine Sporen beim jammervollen Siege von Kopenhagen geholt, aber sie dann auf den blutigen Schlachtfeldern von Fuentes d'Onores, Badajoz und Salamanca verdient hatte, der bei Quatrebras gegen Kellermanns schwere Reiterei mit dem tapfern 42. Regiment gekämpft und vor Waterloo den rechten Arm gelassen, – Lord Somerset hatte in dem siebenundzwanzigjährigen Kamaschendienst voll Untätigkeit und militärischer Pedanterie, die die englische Armee zu der schlechtesten Europas hatte werden lassen, – die Rittertaten seiner Jugend nicht vergessen. Seine Adjutanten flogen zu dem Kommandanten der Kavallerie, dem Grafen Lucan, und überbrachten ihm den Befehl, die russische Stellung durch Lord Cardigans leichte Kavallerie-Brigade, die den linken Flügel bildete, attackieren und die zurückgehenden Husaren und Kosaken verfolgen zu lassen.

So unfähig sich beide britische Reiterführer auch im Fortgang des Feldzugs gezeigt haben, so besaßen sie doch Einsicht genug zu erkennen, daß die Ausführung dieses Befehls mit großer Gefahr verbunden war. Selbst wenn die russische Schlachtlinie durchbrach, konnte sie leicht in das Kreuzfeuer der Artillerie zweier Korps geraten ... Der Adjutant des kommandierenden Generals harrte daher, nachdem er dem Grafen den Befehl überbracht, vergeblich einige Minuten auf Antwort, während dieser ängstlich sich mit seinem Stabe beriet. Ungeduldig fragte er endlich: »Wollen Euer Herrlichkeit dem General-Feldzeugmeister eine Antwort senden?« – »Mein Herr –« sagte der Graf, »ich gestehe Ihnen, den Befehl des Lords wohl mißverstanden zu haben. Er kann unmöglich verlangen, daß die Kavallerie die verlorenen Redouten wiedernimmt?« – »Ich habe Eurer Herrlichkeit nur die Befehle zu überbringen. Das Weitere ist Ihre Sache.« – »So haben Sie die Güte,« sagte der Graf hochmütig, »die Order in Gegenwart dieser Herren langsam und deutlich zu wiederholen.«

Der Adjutant tat es ... »Jetzt, mein Herr, melden Sie dem General, daß wir tun werden, was englische Kavallerie tun kann, daß es aber nicht meine Schuld ist, wenn heute abend die britische Krim-Armee keine Kavallerie mehr besitzt. Vorwärts, Mylord Cardigan! Lassen Sie die 4. und 13. leichten Dragoner die Höhe der Redoute links umgehen und den Angriff beginnen, während das 14. Regiment und die Husaren als zweites Treffen vorrücken.«

Die Trompeten bliesen, und die leichten Dragoner, die immer der Bulldogg-Charakter der britischen Soldaten ausgezeichnet hat, trabten mit todesverachtendem Trotze gegen die Batterien. Die Regimenter umgingen die Höhe und attackierten die russischen Husaren und Kosaken, trotz des Kartätschenfeuers zweier russischen Batterien, in beiden Flanken und ohne auf das Heckenfeuer des Odessaschen Jäger-Regiments zu achten. Das 14. Dragoner-Regiment und die beiden Husaren-Regimenter 8 und 11 drangen nach und warfen sich auf eine donische Batterie, deren Bedienung sie in Stücke hieben. Das blutige Handgemenge wogte gleich einem Knäuel zwischen den Hügeln hin und her, und das Feuer der russischen Batterien mußte innehalten, um nicht Feind und Freund zugleich zu vernichten. Der Kommandeur der 2. Brigade der russischen Kavallerie, Generalmajor Ghaletzki, fiel; nur mit Anstrengung behaupteten die Husaren und Kosaken das Gefecht ... Da stürzte sich Oberst Jeropkin mit seinem Ulanen-Regiment, das soeben erst auf dem Schlachtfelde eingetroffen war und hinter den Odessaer Jägern eine verdeckte Aufstellung genommen hatte, auf die rechte Flanke der englischen Kavallerie. Der Stoß war furchtbar und von den glänzendsten Erfolgen begleitet. Die ganze Reiterbrigade wurde vollständig geworfen, geriet in die größte Unordnung und wandte sich zur wilden Flucht, verfolgt von den Ulanen, niedergeschmettert von den Kartätschen der Batterien auf den Hügeln und des Schabokritskischen Korps. An fünfhundert Reiter ließen die Engländer auf dem Kampfplatz ... Die Flucht war so ungestüm und unaufhaltsam, daß sie selbst die schwere Dragoner-Brigade Scarletts, die Lord Raglan seiner leichten Kavallerie zu Hilfe gesandt, mit sich fortriß – die englische Reiterei verschwand vom Schlachtfelde. Vom Sapunberg aus hatte man ihre Vernichtung beobachtet. Der französische Oberkommandant ließ daher – freilich etwas spät – drei Schwadronen seiner afrikanischen Jäger einen Angriff auf die Batterien Schabokritskis am Abhang der Peninujedi-Berge machen; die herbeieilende Infanterie jedoch warf sie zurück.

Um neun Uhr hatten die Verbündeten bereits 20 000 Mann im Tal von Kadikoi vereinigt und verstärkten sich fortwährend. Aber die unglückliche Attacke der englischen Kavallerie hatte einen solchen Eindruck auf die Generale und Truppen gemacht, daß man nicht wagte, nochmals gegen die von den Russen besetzten Höhen vorzugehen. Hätten diese zu Anfang des Treffens mit einer genügenden Macht ihre Vorteile verfolgen können, so ist wohl kein Zweifel, daß es ihnen gelungen wäre, Balaclawa zurückzuerobern: ein Sieg, der die Verbündeten zur Wiedereinschiffung in die Kamiesch-Bai gezwungen hätte.

Die Belagerung der Stadt schritt nur langsam vorwärts, da die Stellung der Russen bei Tschorgun und gegen Balaclawa die Alliierten nötigte, hierhin all ihre Kräfte und all ihre Aufmerksamkeit zu richten. Die Gegner verschanzten sich Aug' in Aug' in ihren festen Stellungen ... Unterdessen waren auf beiden Seiten bedeutende Verstärkungen eingetroffen. In den ersten Tagen des November zählte die französische Armee wieder 49 Bataillone, 8 Schwadronen und 96 Feldgeschütze, die englische 32 Bataillone, 20 Schwadronen und 24 Geschütze, die türkische Division bestand aus 8 Bataillonen, – so daß die gemeinsame Stärke etwa 70 000 Mann betrug: 35 000 Franzosen, 23 000 Engländer und 12 000 Türken ... Die russischen Landtruppen in Sebastopol und der Umgegend bestanden jetzt aus 103 Bataillonen, 58 Schwadronen, 22 Sotnien Kosaken und 282 Geschützen, im ganzen 82 000 Mann, waren also stärker als die Verbündeten, aber geteilt in die Verteidigung der Stadt und das Observationskorps.

Unter diesen Verhältnissen beschloß der Fürst Mentschikoff, jene Offensive zu ergreifen, die eine bleibende und ruhmvolle Stelle in der Geschichte der blutigen menschlichen Kämpfe mit dem Namen der »Schlacht von Inkerman« bewahren wird! – Der strategische und taktische Plan dieser Schlacht ist einer der vorzüglichsten, die je gefaßt wurden, und würde dem Genie Friedrichs des Großen und Napoleons nicht zur Unehre gereicht haben. Was ihn scheitern ließ, waren Dinge, die außer der Zurechnung des Feldherrn lagen.

Die Brücke von Inkerman führt über die Tschernaja nahe ihrem Ausfluß in das Ende der großen Bucht von Sewastopol. Die neue Sappeur- und die alte Poststraße laufen, von der Festung kommend, an ihr zusammen: die erste in der Nähe des Buchtufers hinführend, die andere durch den Kilengrund und dann in engem Defilee durch die Höhen sich windend; wobei auf der Seite nach der Tschernaja hin das Tal so morastig ist, daß die Straße mehr als tausend Schritt über enge Faschinendämme läuft ... Während die Franzosen auf dem südöstlich liegenden Sapunberge mit zwei Divisionen unter Bosquet sich stark verschanzt hatten, war den Engländern die Deckung des Terrains zwischen dem Sapunberge und dem Kilengrund, durch das eben die beiden Straßen von der Tschernaja herführen, überlassen. Sie hatten jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Belagerungsarbeiten gerichtet, ohne an die Deckung der Wege zu denken, und erst Ende Oktober wurden drei Redouten zum Schutz des rechten englischen Flügels und des Lagers hier flüchtig aufgeworfen, von denen die erste, auf der Hohe über der alten Poststraße gelegen, diese vollständig beherrschte, während die beiden anderen weiter rückwärts lagen.

Diese Umstände waren dem Fürsten Mentschikoff wohlbekannt, und er beschloß daher, die Engländer durch die gefährlichen Defileen anzugreifen, und zwar, um die Feinde zu täuschen, von verschiedenen Seiten her. Zunächst sollte eine starke Kolonne von 29 Bataillonen und 38 Geschützen unter Generalleutnant Ssoimonoff aus der Stadt, und zwar von der Bastion II, hervorbrechen und die Höhen des Kilengrundes in Besitz nehmen; eine zweite Kolonne mit 20 Bataillonen und 96 Geschützen unter Generalleutnant Pawloff, dem wir gleich Ssoimonoff bei dem Kampfe um Oltenitza und Giurgiewo begegnet sind, sollte über die Inkerman-Brücke durch die Schluchten und auf der alten Poststraße vordringen und das englische Lager angreifen. Zugleich aber sollte das Korps des Generals der Infanterie, Fürsten Gortschakoff (I.), von Tschorgun südwestlich her einen Scheinangriff mit 20 000 Mann gegen die französische Stellung auf dem Sapunberg unternehmen, und aus der Ostseite der Festung selbst sollten zwei Regimenter der Garnison unter Generalmajor Timofjef einen Ausfall aus der Bastion VI gegen die französischen Belagerungslinien machen. Die Russen führten somit an 60 000 Mann mit 234 Geschützen ins Gefecht, wovon jedoch nur etwas mehr als die Hälfte für den wirklichen Kampfplatz bestimmt war, genügend, die Engländer zu erdrücken, wenn die Zufälle der Schlacht es nicht anders gewendet hätten.

Der Abend des 4. November, Sonnabend, war von höchst widrigem Wetter begleitet. Es regnete ununterbrochen in Strömen, die Wege und Schluchten waren grundlos von Wasser und Schmutz, und ein dichter Nebel lagerte über Tälern und Bergen, kaum im Umkreis von zehn Schritten die Gegenstände erkennen lassend; die ganze Natur hatte ein trübseliges Aussehen, und die Schildwachen suchten unter den Vorsprüngen des Gesteins, an den Stämmen der Berge und den Erdhängen jeden kleinen Schutz gegen die Unbilden des Wetters ... In der englischen Redoute Nr. I, die eine Kompagnie des 95. Regiments von Lacy-Evans Division besetzt hielt, war eine Baracke für die Offiziere aufgeschlagen, die, auf der einen Seite offen, kaum den strömenden Regen abhielt, indes die armen Soldaten dem Unwetter ohne andern Schutz als ihre Mäntel und die drei Feuer, die sie auf der Leeseite der Baracke angezündet hatten und mühsam unterhielten, preisgegeben waren. Es fehlte am nötigsten für die Überwinterung der englischen Armee, und man war notorisch im Besitz von höchstens einem für 10 bis 15 Mann berechneten Zelte auf 100 Köpfe.

In der Baracke lagen drei Offiziere in ihre Mäntel oder englische Reisedecken gehüllt, der eine sogar in einen prächtigen persischen Teppich, der die Zierde eines fashionablen Salons gewesen wäre und jetzt hier in Schmutz und Regen umhergewälzt wurde. Die Offiziere sahen sehr mißmutig aus, und das einzige, woran sie sich trösten konnten, waren die türkischen Zigaretten, denn durch die Vorsorge der englischen Proviant-Kommissäre fehlte es an nichts weniger als an allem! – »He, Mickey!« rief der Kapitän Armstrong, indem er sich halb aus den Armen emporrichtete und nach dem Feuer hinschnüffelte, »es riecht verteufelt gut; ich glaube, du braust Kaffee, Schurke, und läßt deinen Herrn hier ohne Gewissensbisse verschmachten!«

Der Angeredete, ein rothaariger Irländer, dem selbst die Beschwerden des Wetters und Mangels die angeborene Laune nicht zu verderben vermocht hatten, warf beide Arme in die Luft – »O, du grundgütige Mutter aller Schmerzen, was sind Seine Gnaden ungerecht gegen den armen Mick! Hab' ich darum diese gesegnete sechspfündige russische Kanonenkugel ganze zwei Meilen weit unter diesem meinem Arm mitgeschleppt, um nun beschuldigt zu werden, ich tränke den schlechten Kaffee, den der Kommissär geliefert, und ließe meinen Herrn verdursten? Nein, mein süßes Augenlicht, Mick macht Kaffee für seinen Herrn und dessen Freunde und begnügt sich mit einem Tropfen Whiskey.« Diese brillante Soldaten-Figur führt der Verfasser weiter fort in seinem Roman »Nena Sahib« (erschienen im gleichen Verlage: A. Weichert, Berlin NO. 43). -Das schreckliche Ende des muntern Irländers bildet eine der aufregendsten Szenen desselben.

Die Offiziere sprangen, wie von einer Feder geschnellt, in die Höhe, und Kapitän Armstrong vor die Baracke, wo er eben noch zeitig genug ankam, um seinen würdigen Diener eine ziemlich umfangreiche Lederflasche nach einem tüchtigen Zuge absetzen zu sehen. Der Kapitän war mit einem Schritt seiner langen Beine bei ihm und hatte die Flasche dem Verdutzten aus der Hand gerissen, dem die Unvorsichtigkeit, die er begangen, klar wurde. – »Höllenhund, du hast ein Getränk, das besser ist als Wasser, und du sagst mir nichts davon?« – »Ach, Euer Gnaden,« winselte Mickey, »ein so vornehmer Gentleman wird einen armen Kerl, wie ich bin, nicht der kleinen Erfrischung berauben wollen! Bei meines Vaters Seele, die Pater O'Donnaghue, der Schurke, noch immer im Fegefeuer brennen läßt, weil ich ihm keine Messen mehr bezahlen wollte, – ich habe mich nur versprochen, es ist schlechter, türkischer Branntwein, den die vermaledeiten Schurken von Kamelmist brennen sollen! – Mögen sie dafür ewig schmoren, wo das höllische Feuer am schärfsten brennt!«

Der Kapitän hatte jedoch, ohne sich durch diesen wenig empfehlenden Patenbrief abschrecken zu lassen, die Flasche an den Mund gesetzt und einen tüchtigen Schluck getan. »Den Teufel auf deine lügnerische Zunge, Schuft,« sagte er, indem er die Flasche an Leutnant Cavendish, einen etwas gelb aussehenden, schmächtigen Offizier, weitergab – »es ist guter Rum!« – »Gott verdamm meine Augen,« rief der Fähnrich O'Malley, ein Landsmann des armen Mick, der mit trübseligen Blicken den Inhalt seiner Flasche dahinschwinden sah, »der Kerl muß den Lord Oberkommissar zum Freunde haben, oder eine ganz besondere Quelle. Woher hast du den Rum, Mick, mein Jüngelchen?« – »Ich habe ihn gekauft, Euer Gnaden,« jammerte der Bursche, »ehrlich bezahlt, oder ich will in meinem Leben nicht wieder Betty Flanagans runde Waden ansehen, wenn sie den Rasen von Mullingapatna im Zweitritt stampft. Ein Tatar, wie sie die Juden hier zu Lande nennen, hat mir die Flasche für bare zehn Schilling und sechs Pence verkauft.« – »Das ist billig genug, in Anbetracht der Umstände,« sagte der Kapitän, »und du sollst um dein Geld nicht kommen. Hier hast du deine zehn Schillinge, und dafür überläßt du uns die Flasche, von der du bereits deinen redlichen Anteil geschluckt haben wirst. Sollte der Jude oder Tatar sich wieder blicken lassen, so will ich dir wohlmeinend raten, ihn festzuhalten und zu mir zu bringen, damit sein Vorrat nicht in andere Hände fällt. Solche Lieferanten muß man sich zum Freunde halten.« – »Wenn Euer Gnaden nichts dawider haben,« schmunzelte der Ire, »ich habe ihm wohl so einen kleinen Wink gegeben, daß wir seiner bedürfen, aber dem vermaledeiten Juden ist das Wetter zu schlecht gewesen.« – »Er würde auch nicht durch die Posten kommen, und mein Befehl gilt bloß für das Lager. Jetzt mach uns den Kaffee, mit dem Zusatz von Rum wird das schlechte Zeug gut tun, und Leutnant Stuart muß gleich von der Ronde zurückkehren.« – »Schickt das Kommissariat denn noch immer den fatalen grünen Kaffee?« lispelte Leutnant Cavendish. – »Möchten die Halunken darin ersticken,« schimpfte der Kapitän. »Was denken sie in Alt-England, daß wir nichts anderes zu tun hätten, als Kaffee zu brennen!«

In der Tat war der Unwille in der ganzen britischen Armee neben den hundert anderen Ursachen auch darüber allgemein, daß als Proviant der schlechteste grüne Kaffee geliefert wurde ... »O'Malley,« sagte der Kapitän, ehe sie wieder unter ihrem Zelte sich einrichteten, »wecken Sie gefälligst Leutnant Lundgreen und fragen Sie ihn, ob er an unserer Schlemmerei teilnehmen will. Der arme Mensch hält hier seit fünf Tagen aus und wird selten genug etwas Warmes gehabt haben.« – Gleich darauf gesellte sich der Artillerie-Offizier zu ihnen, der die zwei Geschütze, mit denen die Redoute armiert war, kommandierte; und alle harrten des Kaffees, den Mickey jetzt in dem Kessel über dem Feuer hatte. Der Regen begann aufzuhören, aber der dichte, dampfende Nebel aus dem feuchten Boden verstärkte die Finsternis ... »Es wundert mich, Kamerad,« meinte der Kapitän, »daß die vorgeschobene Schanze nur mit Ihren zwei Sechspfündern versehen ist, da sie doch eigentlich die Hauptposition an der Straße bildet. Ohnehin scheint sie mir nicht besonders zweckmäßig eingerichtet.« – »Ein Kind kann das sehen,« brummte der alte Artillerie-Leutnant, »und sie ist auch von Kindern und Narren angelegt ... Was denken Sie, als ich hierher kam, wie die Coldstreams, die auf Wache waren, die Schanze erbaut hatten? Ich will verdammt sein, wenn so ein Muttersöhnchen aus einer Lordsfamilie, dem das Patent gekauft worden, ohne daß er einen rechten Winkel zu nehmen versteht, die Schießscharten nicht mit der breiten Seite nach innen eingeschnitten hatte!«

Die Offiziere lachten. – »Wissen Sie nicht, wie dieser moderne Vauban hieß?« – »Leutnant Elliot, ich glaube, ein Vetter oder Neffe des Herzogs von Norfolk!« – »Das kommt von dem System unserer Militärverwaltung. Wär' die Nation und jeder einzelne nicht an und für sich so brav, die schmachvolle Einrichtung müßte uns längst zur schlechtesten Armee Europas degradiert haben!« – »Wenn ich nicht irre, Kamerad,« sagte der Artillerist zu Leutnant Cavendish, »so sind Sie erst vor kurzem zu unserer Armee gestoßen?« – »Ich diente in Indien.« – »Ost oder West?« – »In Bombay, Herr Kamerad! Doch befand ich mich nur zwei Jahre im Regiment.« – »So konnten Sie das Klima nicht vertragen?« – »O,« sagte der Leutnant, »daran hatte ich mich bereits so ziemlich gewöhnt. Es ist nicht gerade schlecht leben in Indien für uns Engländer.«

»Hören Sie, Cavendish,« sagte der Kapitän, »Sie sind kein übler Bursche, wenn Ihnen auch mitunter noch die Manieren des Hofdienstes etwas ankleben. Wir haben Sie nie gefragt darum, wie es kam, daß Sie Indien verließen und das Patent in unserm Regimente eintauschten, wodurch Stuart um die erste Aussicht auf die Kompagnie gekommen ist. Ich sollte meinen, Sie hätten warten können, bis sich eine Gelegenheit bei der Garde bot. Kommen Sie, wir sind unter uns, erzählen Sie uns die Gründe, wenn es angeht, und ich glaube, Ihr Vertrauen wird gerade Ihre Stellung bei uns nicht verschlechtern.« – Der junge Offizier zögerte einige Augenblicke, dann sagte er: »Wenn Sie es wünschen, bin ich bereit, obschon das Geständnis Ihnen keine besondere Meinung von mir beibringen wird. Ich ... fürchtete mich in Indien!« – »Was, zum Henker! Hoffentlich doch nur vor der Cholera oder den Klapperschlangen? Das ist erlaubt.« – »Nein, Sir – ich fürchtete mich – vor einem Brahminen.« – »Das ist seltsam. Ich habe Sie bei dem Angriff auf Kamiesch tapfer im Feuer stehen sehen und kann daher nicht glauben, daß es Ihnen an Mut fehlt. Es müssen also ungewöhnliche Sachen im Spiel sein?« – »Sie wissen,« erzählte nun Cavendish, »daß der Herzog von Norfolk mein Oheim ist und ich Page am Hofe war. Teils um mich für einige sogenannte schlechte Streiche zu bestrafen, teils damit ich dem Lord, meinem Bruder, und meinen werten Verwandten nicht zu sehr auf der Tasche läge, gab man mir vor zwei Jahren ein Leutnantspatent bei unserer Armee am Ganges – der Teufel hole sein Gedächtnis! ... Sie dienten alle, soviel ich weiß, nie in Ostindien,« fuhr er fort, die Asche von seiner Zigarre klopfend, »es ist ein seltsames Land und namentlich die malabarische Küste, die noch lange nicht so europäisiert ist wie Kalkutta. Ich stand mit meiner Kompagnie in der Nähe von Bombay in einem kleinen Hafenorte, und da ich ein Neuling war, interessierten mich tausend Dinge, an denen meine Kameraden, die länger im Lande waren, gleichgültig vorübergingen. Stellen Sie sich einige Schritte von dem flachen, sandigen Ufer eine frische, grüne Ebene vor, die von Kanälen bewässert wird. Diese, mit eleganten, phantastischen Holzbrücken überbaut und mit unzähligen Booten bedeckt, verlieren sich in die Tiefe der Wälder. Überall an ihrem Ufer liegen alle Arten Wohnungen zerstreut: die buntbemalten, mit kunstreichem Tafelwerk bekleideten Magazine, die schönsten Arbeiten der indischen Industrie vor den Blicken entfaltend; – ungeheure Lagerhäuser, die in weitem Umkreis die Luft mit dem betäubenden, durchdringenden Duft der Gewürze erfüllen; – daneben die elendesten Hütten von Palmblättern, von dem üppigen Pflanzenwuchs beinahe verdeckt. Keine Plätze, keine Straßen, nur eine Menge Fußpfade, die sich durchkreuzen oder in einem Kokoswald verlieren. Rings um den Hafen, wo den ganzen Sommer über eine große Menge arabischer Fahrzeuge liegt, die von Maskat oder Dindad kommen, bewegen sich ungeheure Elefanten, die Ballen herbeischleppend, die verladen werden sollen. Braune, gelbe, schwarze Gesichter, von dem Olivengrün der Bronze bis zur feinsten Hautfarbe der Chinesen, ein wirres Geschnatter von hundert Dialekten und Sprachen; die schlanke Gestalt des Hindu, der tückisch-trotzige Blick des Malayen; die bewegliche Figur des Chinesen neben dem ernsten Araber; der Feuer anbetende Perse neben dem Moslem von den Ufern des Roten Meeres und dem geduldigen Sohne des Lotos – Brahmine und Paria, der reiche Kaufmann zwischen der Schar der Bettler und Gichtbrüchigen, die sich auf den Händen fortschleppen! Armenier von Trapezunt, Juden von Aleppo und Bassora, Perser und Kurden; hundert bunte, schillernde Farben, Gold und Seide, – die Gazellenaugen und schlanken Glieder der Tänzerinnen neben Aussätzigen, deren Haut mit weißen Flecken bedeckt ist, und andern Elenden, die von Krankheiten geplagt werden, für die unsere Sprache keinen Namen hat: das ist Indien! Wir wohnten in einem Palast von Holz, einer alten Residenz des Rajahs, hatten aber bald herzliche Langeweile und sehnten uns nach der Promenade von Bombay zurück, wo allabendlich die schöne Welt Europas und Asiens sich am Klange der britischen Militärmusik ergötzt, denn Bombay ist der Stapelplatz des Orients. So machten wir denn täglich, um die Zeit totzuschlagen, ziemlich weite Ausflüge in die Umgegend, bald allein, bald in Gesellschaften, denn die Jagd gewährte in diesem Teile des Landes wenig Interesse. Auf einem dieser Ritte, den ich mit dem ältesten Leutnant unseres Bataillons machte, kamen wir in die Nähe einer indischen Pagode am Meeresstrande und fanden unter einem großen Feigenbaume mit hängenden Zweigen, von dessen Wipfel ein ganzer Wald faseriger Wurzeln auf die Erde herabhing, die Hütte eines Brahminen. Der Mann hieß Nikalanta, wie ich später erfuhr, und hatte im Dienst seines Götzenbildes seinen Unterhalt gefunden, bis zu seinem Unglück sich Missionare in seiner Nähe festsetzten und die Gläubigen von dem Bilde mit dem Elefantenkopfe fortlockten. Seitdem war er Schreiber bei einem reichen Bankier geworden, der die Europäer haßte. Als wir um den Baum kamen, sahen wir den alten Mann mit seiner Tochter, einem wunderschönen Hindumädchen, vor der Tür sitzen. Unsre starren Blicke verscheuchten das Mädchen ins Innere des Hauses, der Brahmine aber blieb unbeweglich sitzen, mit den Augen in die Luft gaffend, obschon ich ihn mehrmals anrief. – »Der alte Narr,« sagte Staunton, »befindet sich in dem Zustande religiöser Verzückung, eine Kanone vor seinen Ohren würde ihn wecken!« – »Das wäre! ich will ihn schon zum Antworten bringen!« – und ich klatschte mit der Peitsche dicht vor seinem Gesicht, aber er rührte sich nicht. – »Wir haben die Eitelkeit des scheinheiligen Hindu herausgefordert,« meinte mein Begleiter, »er tut, als ob er uns nicht hörte, aber ich kenne dennoch ein Mittel, woran seine Geduld scheitert. Soll ich es anwenden?« – »Versteht sich!« – Er sprang vom Pferde, ergriff die Pantoffeln, die der Brahmine in die Nähe der Tür gestellt, und legte sie mit dem indischen Gruß: »Mögen deine Wege leicht und angenehm sein!« auf seinen Kopf, gerade über der dreifachen roten und blauen Linie, die seine Stirn schmückte. Ein wilder, herzzerreißender Schrei machte mich in diesem Augenblick erbeben: es war das junge Mädchen, das jammernd hinzustürzte, aber es war zu spät, – der leichtsinnige Streich, von dem ich damals noch nicht wußte, was er bedeutete, war geschehen, und Staunton saß bereits wieder zu Pferde. Der Alte rührte sich noch immer nicht, nur sein schwarzes Auge ruhte mit einem furchtbaren Ausdruck auf uns, während auf das Geschrei des Mädchens mehrere Hindus, die in der Nähe beschäftigt waren, herbeieilten und, als sie den Brahminen mit seinem seltsamen Kopfputz erblickten, gleichfalls ein Wehklagen erhoben. Auf ein Zeichen Stauntons gaben wir unsern Pferden die Sporen und waren bald weit entfernt von der seltsamen Szene, deren Erklärung ich vergeblich von meinem Kameraden verlangte. Er schien vielmehr ärgerlich über sich selbst und sagte mir endlich, daß ich ihn zu einer törichten Handlung verleitet hätte, die uns beiden Gefahr bringen könne. – »Aber was sollten die eigenen Pantoffeln denn dem alten Indier für Schaden tun?« warf O'Malley ein. – Dieselbe Frage tat ich am Abend, den wir bei einem reichen Kaufmanne zubrachten, ohne jedoch weiter die Namen zu nennen, und erfuhr, daß durch die Berührung eines unreinen Gegenstandes jeder Brahmine der Rechte seiner geheiligten Kaste verloren geht und zu einer niedern degradiert wird. – »Wer auch den Übermut verübt hat,« sagte mir der erfahrene Mann, »er kann ihm teuer zu stehen kommen. Vielleicht überlebt der Brahmine seine Schande nicht; aber wenn er lebt, wird er leben, um sich furchtbar zu rächen.« –

»Ich gestehe Ihnen, mir wurde bei dieser Erklärung nicht ganz wohl zu Mute; ich begriff jetzt, warum Staunton ärgerlich auf sich und mich war und in der nächsten Zeit unser Quartier möglichst selten nach der Dämmerung verließ. Indes es folgte nichts, und wir vergaßen die Geschichte um so rascher, als wir bald darauf nach Bombay zurückbeordert wurden. Der Winter war uns dort äußerst angenehm verflossen, und wir bereiteten uns beide vor, einen Urlaub, den wir erhalten, zu einer Reise nach Bengalen zu benutzen, um an den großen Tiger- und Elefantenjagden teilzunehmen, als am Tage vor unserer Abreise, an dem wir mit einigen Freunden zusammen speisten, gegen das Ende der Mahlzeit ein Kuli – ein Hindu-Kommissionär – eintrat und ein sauber eingeschlagenes Paket brachte, das an Staunton, der unterdes zum Kapitän vorgerückt war, und mich selbst adressiert sich ergab. – »Von wem?« fragte ich. – »Ich weiß es nicht, Herr,« antwortete der Kuli und verschwand. Staunton öffnete das Paket an einer Seite, und ich sah, wie er beim Anblick des Inhalts erblaßte. Sein Wink bedeutete mich, keine Frage zu tun; als wir aber allein waren, gab er mir das Paket mit den Worten: »Ich wußte es wohl, der törichte Scherz würde seine Folgen haben!« – In dem Paket waren die alten Pantoffeln des Brahminen, die Staunton diesem auf meinem Wunsch auf die Stirn gelegt.

»Wir schifften uns am andern Morgen in einem Boot ein, das uns von Bombay nach dem Festlande bringen sollte, wo wir die vorausgesandten Pferde zur Weiterreise treffen wollten. Gerade als wir das Ufer verlassen wollten, drängte sich einer jener indischen Heiligen zu uns, die in fanatischem Wahnsinn sich selbst oft die gräßlichsten Martern bereiten. Der Sanniassy war ein alter Mann, sein Haar in Unordnung, seine Nägel lang und gekrümmt, wie die Krallen des Greif, der Körper beinahe nackt und ganz mit Asche überschmiert. Auf dem Rücken trug er ein kleines Kupfergefäß, unter dem Arm die Antilopenhaut, auf die er sich zum Beten setzt, und in der Hand den aus drei Zweigen schlangenförmig gewundenen Stock. Als er uns nahe war, blitzten seine Augen von wildem Haß, während er mit einem seltsam ergreifenden Tone uns die Abschiedsworte zurief: »Geht, wohin eure Wünsche euch rufen, und mögen eure Wege leicht und angenehm sein!« – Ich sah, daß er die Münze, die Staunton ihm zuwarf, im Staube liegen ließ, und als das Boot durch die Wellen schob und der Fakir nur noch wie ein dunkler Punkt auf dem weißen Sande des Ufers zu erkennen war, hörte ich die Laskaren den Namen unter sich flüstern: Nikalanta!«

Der Erzählende erfrischte sich durch einen Trunk aus seinem Becher und fuhr dann fort: »Zweimal noch fand ich die unheimliche Erscheinung auf unserm Wege, wenigstens glaubte ich sie zu erkennen, das einemal in einem alten Schwärmer, der auf einem indischen Markt, auf dem wir verweilten, sich mit dem eigenen Fleisch an der Spitze eines Eisenhakens aufgehangen, an dem er von einer wagerecht auf dem Gipfel einer Säule sich drehenden Stange in der Luft schwebte; das anderemal in der Gestalt eines Bettlers, als wir mit Abscheu in einem indischen Dorfe die Folterqualen betrachteten, die die gierigen Steuereinnehmer der armen Bevölkerung bereitet hatten.«

Der Kapitän nahm die Zigarre von den Lippen. »Sagen Sie ehrlich, Cavendish, ist das Geschwätz der Journale wahr?« – »Hören Sie, was wir mit eigenen Augen erblickten. – Das Dorf war zwei Jahre nacheinander hart durch Wolkenbrüche und andere Plagen Indiens, wie ich mir von einem alten Manne erzählen ließ, mitgenommen worden und hatte nur sehr klägliche Reisernten gemacht, so daß die Bevölkerung die Steuern der Regierung seit einem Jahr schuldig war. Gerade am Tage vor unserer Ankunft waren zwei Steuereinnehmer mit einem Kommando Sipahis eingerückt, um die rückständigen Steuern zu erpressen. Und in der Tat – man erpreßte sie. – Wir fanden die Bevölkerung, Männer, Weiber, Kinder und Greise, auf dem Platze der Pagode jammernd und wehklagend. An vielen der Männer, ja selbst an Greisen, war das nichtswürdige Anundal angewendet, eine Folterart, die darin besteht, daß den Unglücklichen der Kopf an die Füße, oder ein Bein an den Kopf gebunden wird, kurz, daß sie in die verrenkteste Stellung gebracht werden, in der sie unter bittern Qualen in der glühenden Sonnenhitze tagelang zubringen müssen. Andere waren an den Ohren, an den Haaren oder am Bart aufgehängt.« – »Unmöglich! Sie übertreiben!« – »Auf meine Ehre! ich schildere, was ich mit eigenen Augen gesehen habe und weiß, daß dies in diesem Augenblick noch ein ganz gewöhnlicher Vorgang ist. Ja, was ich Ihnen bisher gesagt, ist nur Spielwerk gegen die Martern, die im Namen und unterm Schutz – ich will zu ihrer Ehre nicht sagen, mit Kenntnis und Zustimmung – der Regierung des freien Großbritanniens verübt werden. Nicht selten geschieht es, daß man dem armen Opfer eine Schlange oder irgend ein ekelerregendes Insekt in den empfindlichsten Teil des Körpers steckt und den Mann so lange martern läßt, bis er zahlt. Eine andere, häufig angewendete Martermethode besteht darin, daß man den armen Hindus Pfeffer in die Augen, in die Nase oder – in die Schamteile bringt und ihnen die entsetzlichsten Schmerzen verursacht. Die Folterart, die wir neben dem Anundal angewendet sahen, war das abscheuliche Kittie.« – »Bei Sankt Patrik,« sagte Fähnrich O'Malley, »die Leute haben ja ein ganzes Wörterbuch von Kunstausdrücken. Bitte, worin besteht das Kittie?« – »Es ähnelt der früheren Tortur in Europa und besteht aus einer hölzernen Zange, in welcher die Hände, Füße und bei den Frauen auch die Brüste, Ohren und andere empfindliche Körperteile so lange gekneipt werden, bis der Gefolterte das Bewußtsein oder auch den Gebrauch des gemarterten Organs verloren hat. Oder die Henker recken die Finger des Opfers, bis der Schmerz unerträglich wird.« Man lese den Roman »Nena Sahib« von Retcliffe! (erschienen im gleichen Verlage: A. Weichert, Berlin NO. 43). – »Hören Sie auf, Kamerad,« sagte der alte Artillerist mit Ekel, »und erzählen Sie lieber von Ihren eigenen Abenteuern.«

Die Fortsetzung wurde jedoch durch den Anruf der Schildwache am Eingange der Redoute unterbrochen, und dann hörte man die Stimme des von der Ronde zurückkehrenden Leutnants Stuart, die mit fröhlichem Tone nach dem Kapitän rief ... Der Herankommende, ein Schotte von Geburt, war eine hohe, schlanke Gestalt, etwa 30 Jahre alt, mit sonnverbranntem, hübschem Gesicht. – »Der Teufel soll mich holen,« sagte er lachend, indem er sich wie ein nasser Pudel schüttelte, daß von der Feuchtigkeit des Mantels die Flamme hoch aufspritzte, »wenn ich in diesem Augenblick nicht der willkommenste Leutnant im ganzen Lager bin. Aufgeschaut, meine Herren – Lord Raglan sollte mich zum General-Proviantmeister machen, denn kein anderer als Ronald Stuart von Kinrose würde es in dieser verwünschten Nacht fertig gebracht haben, zwischen Schlamm und Regen Proviant für eine Generalstafel aufzufischen!« – »Was, zum Henker, meinst du, Ronald, mein Junge?« fragte der Kapitän, »und was sind das für ein paar Schurken da hinter dir? Hast du Gefangene gemacht?« – »So wahr Pater O'Donnaghue den hübschen Dirnen lieber Beichte hört als alten Weibern,« mischte sich Mickey ungerufen ins Gespräch, »ich glaube, 'r Gnaden, das da ist der kosakische Jude, unser Rumlieferant, von dem ich 'r Gnaden gesagt habe.«

Der Fremde wurde herbeigewinkt. Es war seiner Kleidung und seinem Aussehen nach ein tatarischer Bewohner der Gegend, wie er in einigen stümperhaften englischen Worten erzählte, aus dem Dorfe Kadikoi. Er hatte einen Knaben, seinen Bruder, bei sich, und beide trugen in Körben allerlei Mundvorrat, womit sie nach ihrer Angabe Handel trieben. Das Wetter hatte den Leuten offenbar hart zugesetzt, und Leutnant Stuart erzählte, daß er beim Rückweg im Nebel auf sie in der Nähe der Redoute gestoßen und aus ihrem Kauderwelsch vernommen hätte, daß sie dorthin wollten ... Die Gelegenheit, in diesem Wetter unverhoffte Erfrischungen erhalten zu können, überwog alle Bedenklichkeiten, den Leuten Zutritt ins Lager zu gestatten, und der Kapitän gab ihnen Erlaubnis, einige Flaschen von dem ziemlich guten einheimischen Branntwein unter Mickeys Vermittelung an die Soldaten zu verkaufen, während die Offiziere eine Flasche Rum und ein Hammelviertel von ihnen erhandelten ... Der Irländer erhielt den Auftrag, so gut es die Umstände erlaubten, Fleischschnitten zu braten, und Fähnrich O'Malley bereitete einen warmen Grog.

»Und nun, Kamerad,« sagte der Leutnant Lundgreen, »erzählen Sie uns Ihre Geschichte zu Ende, ehe die Reihe der Nachtrunde Sie trifft.« – »Ich habe bereits erwähnt,« fuhr der Erzähler fort, »daß wir auf dem Wege zu den Elefanten-Tigerjagden waren, die im Innern Bengalens um diese Zeit stattfanden. Eine eigene Scheu hatte mich abgehalten, Staunton von dem Wiedererscheinen des Brahminen zu sagen, teils weil ich die unangenehme Erinnerung nicht wieder zur Sprache bringen wollte und uns Mannes genug wußte gegen alle Angriffe des alten Schwärmers, teils auch weil ich glaubte, ich könnte mich in der Person geirrt haben. Überdies fesselte die Aufregung der wechselnden Szenen und Umgebungen, in die wir jetzt gekommen, alles Interesse ... Wir waren in der Nähe von Haiderabad und mit einer Gesellschaft Offiziere und Gentlemen von Madras zusammengetroffen, mit der wir vereint in die große Dschungelwüste eindrangen. Acht Tage hatten wir an ihren Grenzen schon mit der Elefantenjagd zugebracht, ohne doch das gefürchtete Wild Bengalens, den Königstiger, zu Gesicht zu bekommen. Mehrere Treiben, zu denen die Bauern der nächsten Dorfschaften aufgeboten worden, hatten in dem Distrikt, den wir betreten und der von einem Tiger verheert werden sollte, zu keinem Resultat geführt. Das Lager wurde nicht aufgespürt, und wir bekamen selbst den schlauen Feind nicht einmal zu Gesicht, obschon fast an jedem Morgen neue Räubereien erzählt wurden, die er im Schatten der Nacht verübt hatte. Staunton setzte eine besondere Ehre darein, den Tiger für unser Regiment zu erbeuten.

»Eines Morgens, nachdem ich der Reihenfolge nach eine Nacht vergeblich auf dem Anstand zugebracht und mich an den Tropenwundern entschädigt hatte, kam Staunton hastig zu mir und weckte mich aus dem Schlaf, der mich im Schatten einer riesigen Palme umfangen hielt. – »Die Wette ist unser, Cavendish,« sagte er aufgeregt, »wenn Sie den Mut haben, ein Wagestück mit mir zu unternehmen. Ein junger Indier hat sich erboten, uns für eine gewisse Summe das Lager des Tigers zu verraten, das er zufällig entdeckt. Er schlägt vor, uns in dieser Nacht dahin zu führen, während der Tiger auf Beute umherstreicht, und uns in der Nähe einen Versteck zu zeigen, aus dem wir ihn bei der Rückkehr in der Morgendämmerung erlegen können.« – So verwegen der Versuch auch war, unsere Jagdlust war erregt, dazu unser Stolz, und ich erklärte mich, wiewohl mich eine unheimliche Ahnung beschlich, die ich als ein Gefühl von Furcht unterdrückte, zu dem Abenteuer bereit. Wir trafen während des Tages so heimlich unsere Vorbereitungen, daß keiner von unseren Jagdgefährten, ja nicht einmal unsere Diener das Vorhaben ahnten, und statt beim Aufbruch der Nacht den Lauerposten in der Bambushütte einzunehmen, bestiegen wir unsere Pferde und ritten, mit unsern Doppelbüchsen bewaffnet, nach der Stelle am Rande des Dschungelwaldes, wo uns der Indier erwarten wollte. Der junge Mann, fast halb ein Knabe und mit weichen, schönen Gesichtszügen, die mir im Sternenlicht selbst nicht ganz unbekannt schienen, harrte unser und lief alsbald im Trabe vor unsern Pferden her, so daß wir, je weiter wir in das Dickicht kamen, ihm kaum mit gleicher Schnelligkeit zu folgen vermochten ... Wir ritten sichtlich auf einem breiten Elefantenpfade dahin, den die riesigen Tiere durch Wald und Gestrüpp gebrochen. Es war eine wundervolle Nacht, der Sternenhimmel funkelte über uns wie ein Gewölbe von goldgesprenkeltem, durchsichtigem Glas, Myriaden grün- und goldleuchtender Feuerfliegen bedeckten die Büsche und die Blätter und füllten die Luft. Das Geschrei der Rohrdommel und das Quaken der riesigen Ochsenfrösche schallte aus den Sümpfen, der Duft der Magnolien und der narkotischen Pflanzen, die bei Nacht ihre Kelche öffnen, erfüllte die Luft. Plötzlich erzitterten unsere Pferde und blieben wie angewurzelt stehen. Ein leiser Pfiff scholl von vorn her zu uns, und unser jugendlicher Führer faßte die Zügel der Pferde und drängte sich zwischen sie. Ein gurgelnder, stöhnender Laut übertönte all das seltsame mannigfaltige Geräusch einer indischen Nacht, und dann folgte ein heulendes Schnauben, das den Wald ringsum zu erschüttern schien und vor dem das Gekrächze der Hyäne, der klagende Ton des Schakals, die uns im Walde begleitet, verstummten. Der Knabe, unser Führer, drängte sich an uns und flüsterte: »Der Tiger! es ist der Tiger!« – Im Nu waren unsere Büchsen von der Schulter, und wir schauten nach der Seite, von welcher der Laut gekommen – aber nur einen Moment lang sahen wir zwei grüne, rollende Feuerpunkte etwa 50 Schritt von uns entfernt funkeln, dann schoß es wie ein dunkler Streif über die Lichtung und war verschwunden. – »Wischnu beschützt uns!« flüsterte der Indier, »und hat den großen Würger geblendet, daß er seinen Weg verfolgt. Eilen wir uns, der Pfad ist jetzt sicher!« – Es war mir während des Rittes schon wiederholt vorgekommen, als sähe ich durch die Büsche hin und wieder eine graue Gestalt vor uns Hingleiten, nach deren Gange sich unser Führer richtete. Doch hielt ich die Erscheinung immer wieder für ein Tier, oder einen Schatten, und merkte nicht weiter darauf. Jetzt, nachdem wir dem Tiger glücklich entgangen, sah ich sie wieder mehrmals ganz deutlich, und als wir nach einem halbstündigen Ritt auf einen freien Platz gelangten, stand sie an ein Felsstück gelehnt vor uns. Als wir näher kamen, zeigte es sich, daß es ein Hindu war, tief in sein weißes Lenden- und Schultertuch gegen die Nebel der Nacht eingehüllt ... Wir befanden uns hier auf einem ziemlich hohen und freien Felsplateau, an dessen Fuß wir eine große sumpfige Dschungel sich ausdehnen und in den giftigen Dünsten, die aus dem Boden emporstiegen, verschwinden sahen. Der junge Hindu erklärte uns, daß unsere Pferde hierbleiben müßten, die er in Obacht nehmen werde, und daß wir nur zu Fuß, unter Führung seines Vaters, unfern Weg zu dem Lager des Tigers fortsetzen könnten. Nachdem wir uns einmal so weit gewagt, wäre es Feigheit gewesen, zu zögern, und wir nahmen daher unsere Waffen, empfahlen dem Knaben unsere Pferde, die auf dem hohen und steilen Felsplateau sicher waren vor dem Angriff der Raubtiere, und befahlen dem alten Indier, voran zu gehen.

»Seine gebückte, hagere Gestalt, in das weiße Tuch gehüllt, glitt im Sternenlicht vor uns hin auf einem durch Binsen und Dornen vielfach gewundenen Pfad, der unseren Augen nicht einmal erkennbar war, und der sich schmal mitten durch den Sumpf in hundert Krümmungen wand, so daß wir nur einer nach dem andern ihn passieren konnten und oft genötigt waren, von einer festen Stelle zur andern über den trügerischen Grund zu springen. Ich kann nicht sagen, was Staunton dachte, aber ich bekenne offenherzig, daß es mir schon herzlich leid tat, mich auf das Abenteuer eingelassen zu haben. Wir waren kaum zehn Minuten, die Büchse im linken Arm, durch dies furchtbare Dickicht vorgedrungen, als der Mond aufging und seine Strahlen die Gegend ringsum erhellten. Vor uns aus dem Grau der Nebel stiegen riesige, seltsam geformte Massen empor, bald schlanken Säulen, bald riesigen Kuppeln und Felswänden gleich. Wir riefen unserm Führer, zu halten und uns zu sagen, wo wir uns befänden, doch er sprang, ohne Antwort zu geben, von Stelle zur Stelle immer weiter, und es blieb uns nichts übrig, als ihm zu folgen, bis wir endlich atemlos auf festem Grund und in der Gegend jener phantastischen, riesigen Gebilde anlangten, die wir jetzt als die Ruinen Jahrtausende alter indischer Tempel und Bauwerke erkannten. Wir befanden uns in den sagenhaften, unzugänglichen Ruinen von Bidschagur, die, wie ich wußte, etwa acht Meilen entfernt von dem Dorfe Anagundy liegen mußten.

»Der Hindu, unser Führer, schien in dieser Trümmerwelt, aus der unser Tritt mehr als einmal Schakale und Hyänen aufstörte und riesige Vampire durch die Nachtluft scheuchte, wohlbekannt, denn er führte uns, noch immer wortkarg auf unsere Fragen, ohne zu zaudern, durch diese modernden Tempel und Paläste bis zu dem Eingang einer halbverfallenen, von riesigen Marmorwänden umgebenen Pagode, an deren Säulen und Mauern wir im Mondlicht hundertfach wiederholt die Verwandlung des Götzen Wischnu erkennen konnten. – »Der Tiger hat da drinnen sein Lager,« sagte er leise, als fürchtete er selbst die Schauer der Umgebung, »eine Stunde vor Sonnenaufgang kehrt er von seinem Raube zurück. Ihr werdet am besten tun, Sahibs, zwischen diesen Steintrümmern euch zu verbergen und ihn zu belauern.« – Eine kurze Beratung zwischen uns beiden ließ uns denselben Entschluß fassen. – »Und du, Sudners,« denn zu dieser Kaste glaubten wir, daß der Führer gehöre, »was willst du tun?« fragte Staunton. – »Ich bin ein Ausgestoßener, Sahib, ein Paria,« sagte der Mann; »bei den vier Köpfen dessen, den ich nicht nennen darf, mein Leben gehört euch!« – Wir beschlossen, den Ort näher zu untersuchen, und legten unsere Büchsen und Schießtaschen, die uns am Klettern hinderten, auf die nächsten Quadern, sie unter der Obhut des Hindu lassend, worauf wir aus unserm Jagdvorrat ein Windlicht anzündeten und über die Trümmer stiegen und in das Innere des Tempels eindrangen. Der Schein der Fackel scheuchte einige Fledermäuse auf, sonst jedoch schien das Gewölbe frei von allem Getier, was dafür sprach, daß hier das Lager des Königstigers sein mußte. Wir erhielten im nächsten Augenblick noch die Gewißheit durch eine Menge von Knochen, die, teils glatt und gebleicht, teils noch mit Fleischresten, rings umher zerstreut lagen. In diesem Augenblick hörten wir aus einem Winkel ein Miauen und Winseln, und als wir den Schein unsers Lichtes dahin wandten, sahen wir etwas sich regen und bewegen, wie zwei kleine unbehilfliche Tiere. Drei Schritte brachten uns nahe heran – es war das Lager des Tigers, und darin lagen zwei kaum vier Wochen alte Tigerkatzen!«

»Da waren Sie ja doppelt glücklich bei Ihrer Jagd,« sagte der Fähnrich ... – »Den Teufel auch! Wie ein Blitz fuhr der Gedanke durch unsere Seele, daß wir nicht in dem Lager eines Tigers, sondern einer Tigerin uns befanden und daher wahrscheinlich zwei furchtbare Feinde zu erwarten hatten. Staunton gab zuerst diesem Gefühl Worte. – »Das geht selbst über britische Nerven, Cavendish,« sagte er. »Ich dächte, wir nehmen die jungen Katzen hier als Beweis unseres Abenteuers, erreichen unsere Pferde und attackieren morgen bei Tage mit der ganzen Jagdgesellschaft dies Nest. Ein Tigerpaar für zwei Mann liegt außer unsrer Wette.« ... Damit hatte er eine der Katzen am Hals gepackt und schnitt ihr die Kehle durch. Ich machte es mit der zweiten ebenso, und wir kletterten dann hastig über die Steintrümmer des Ausgangs zurück ... Der Hindu war verschwunden!«

»Im ersten Augenblick, da unsere Gewehre und Taschen auf den Steinen lagen, glaubten wir, er habe seinen Posten bloß zufällig verlassen und befände sich in der Nähe. Wir riefen nach ihm, um ihm die drohende Gefahr und unsern Beschluß mitzuteilen. Unser Ruf weckte das Echo der Ruinen, ohne den Führer herbeizubringen. – »Wo zum Teufel,« sagte Staunton, »muß der Schurke stecken? Er kann unmöglich aus Furcht davongelaufen sein, denn seine Angabe, daß die Tiger erst mit dem Morgengrauen zurückkehren, ist, wie ich aus Erfahrung weiß, richtig. Ich schlage dem Schuft das gelbe Fell zu Mus, daß er uns hier unnütz aufhält.« – Ein wildes Hohnlachen antwortete diesem Ausbruch der Besorgnis und Ungeduld; dann sahen wir auf der Höhe der Tempelrinne eine menschliche Gestalt wie durch Zauberei erscheinen, am Nachthimmel sich abmalend, und wie aus den Wolken klang eine unheimliche, höhnende Stimme mit dem Ruf: »Zwei Sahibs – zwei Tiger! – Möge euer Weg leicht und angenehm sein!«

»Im Augenblick war mir das Geschehene klar – der Führer war Nikalanta, der entweihte Brahmine, wir unwiederbringlich die Opfer seiner Rache. Der Gedanke hatte kaum Zeit gehabt, mir durch das Gehirn zu fahren, als auch schon die Büchse an meiner Wange lag, gegen den Verräter erhoben, und mein Finger den Drücker berührte ... Das Zündhütchen sprühte, ohne daß das Gewehr sich entlud. Ein neues Hohngelächter antwortete meinem Versuch ... Bestürzt schaute Staunton mich an und dann auf die Stelle, von der die Gestalt unsers unversöhnlichen Feindes jetzt verschwunden war. – »Was soll das heißen? was tun Sie, Cavendish?« – Meine fliegenden Worte verkündeten ihm die furchtbare Lösung. Er blieb einige Zeit finster und nachsinnend, dann sagte er: »Ich glaube, Sie haben recht, und auch mich wollte es bedünken, als hätte ich das Gesicht des Knaben schon gesehen, der uns zu dem Gange verlockte. Es war die Tochter des Brahminen, den wir damals an der Hütte fanden. Die Lage, in die uns jener Teufel versetzt, ist wahrhaft furchtbar, und wir werden ihr schwerlich entrinnen. Indessen lassen Sie uns als Männer tun, was wir vermögen, und komme dann, was da wolle. Zuerst bringen Sie Ihr Gewehr in Ordnung, damit es im Augenblick der Not nicht nochmals versagt.« – Ich hatte es bereits ausgenommen, aber zu meinem Entsetzen bemerkte ich jetzt, daß es feucht war, – Nikalanta hatte Wasser, das er in der hölzernen Flasche an seiner Seite trug, in den Lauf gegossen. Unser erster Gedanke war jetzt an das Pulverhorn, das an meiner Jagdtasche hing – es war leer, wir waren, fast waffenlos, den Tigern preisgegeben.

»Sprachlos setzten wir uns auf die Quadern und schauten uns an. Wir wußten nicht, ob unser Feind noch in der Nähe weilte, und welches neue Unheil er brütete, aber unsere Lage schien kaum schrecklicher, gefährlicher werden zu können, denn wir fühlten beide, ohne es auszusprechen, daß an einen Versuch zur Rückkehr durch den Dschungelsumpf ohne Führer und vor allem Tageslicht nicht zu denken war, und daß das Gelingen auch dann noch sehr zweifelhaft blieb. Bis dahin aber waren die Tiger längst zur Stelle. Ohnehin machte allem Zweifel über diesen Weg ein aus der Entfernung schwach herüberdringender, eigentümlicher Schrei ein Ende, dem gleich darauf ein zweiter folgte. Ich hatte nie in meinem Leben den seltsam klagenden, die Nerven erregenden Ton vernommen, doch Staunton, der die Schlachten gegen die Sikhs mitgeschlagen, belehrte mich darüber: »Es sind unsere edlen Pferde, denen der blutdürstige Schurke sein Messer ins Herz stößt, um uns jeden Weg der Flucht abzuschneiden.« – Endlich hatten wir uns so weit gefaßt, daß wir unsere Lage ruhiger besprechen konnten. Es war Mitternacht vorüber, etwa also noch zwei Stunden Zeit, bis die Morgendämmerung begann. Verschiedene Pläne wurden gefaßt und verworfen. Endlich beschlossen wir, uns in dem Tempelgemäuer selbst, das zum Lager der Tiere diente, so gut wie möglich zu verbarrikadieren, da es nur an einer Stelle einen offenen Eingang zeigte. Wir schleppten mit aller Anstrengung Steintrümmer heran, die Öffnung zu verengern, und arbeiteten, daß uns der Schweiß von der Stirn lief. Als wir keine leichten, für unsere Kräfte geeigneten Steine mehr fanden, setzten wir uns hinter die leichte Brustwehr ... »Kamerad,« sagte der Kapitän, »ich bin ein älterer Jäger als Sie und weiß, daß die Tigerpaare nie zusammenjagen. Es ist wahrscheinlich, daß nach ihrer Gewohnheit die Tigerin zuerst und weit früher als der Tiger zurückkehrt. Unser Leib muß hier die Spalte, durch welche die Bestie in unsere Festung eindringen kann, verteidigen. Uns beide auf den Tiger zu stürzen, hieße uns wahrscheinlich beide kampfunfähig machen. Lassen Sie uns also losen darum, wer zuerst der Bestie sich entgegenstellt; der Zufälle und Schickungen sind so mancherlei, und irgend ein glücklicher Umstand könnte wenigstens einen von uns retten, wenn es dem andern gelingt, mit seinem Leben die erste Bestie abzuschlagen.« Nach einigem Bedenken willigte ich ein, indem wir übereinkamen, daß der, den das Los getroffen, den vordersten Posten einnehmen und von seinem Kameraden nur unterstützt werden sollte. Ein Geldstück sollte entscheiden. Staunton wechselte es in beiden Händen – wer die Guinee traf, hatte den ersten Kampf zu bestehen; ich wählte – die Hand war leer, der Kapitän sollte der Tigerin entgegentreten.

»Ich weiß nicht, wie ihm zu Mute war; mir wollte fast Kopf und Herz zerspringen, während er seinen Jagdrock ablegte und sich denselben von mir um den linken Arm wickeln ließ. Indem ich dies tat, fühlte ich einen harten Gegenstand – ich zog ihn heraus – allmächtiger Gott! – es war ein sechsläufiger Revolver, den er in der Tasche bei sich trug und den er in der Aufregung gänzlich vergessen. Schon glaubte ich uns bewaffnet und gerettet, aber der Kapitän benahm mir den Wahn ... »Hätte ich eher daran gedacht,« sagte er, »so wäre es vielleicht möglich gewesen, unsere Büchsen zu reinigen und das Pulver aus den Pistolenläufen zur Ladung zu benutzen. Doch wäre es immer nur ein Vielleicht, und die geringste zurückgebliebene Feuchtigkeit würde den Schuß verloren machen. Überdies ist es jetzt zu spät – mich dünkt, ich sehe bereits die ersten Boten der Dämmerung. Nehmen Sie das Pistol, und wenn Sie kaltes Blut genug besitzen, so warten Sie den Augenblick ab, wenn ich mit der Bestie handgemein bin und setzen es ihr an das Auge.« – Er weigerte sich auf das bestimmteste, das Pistol selbst zu nehmen, indem er erklärte, daß es in meinen Händen ihm nützlicher sein werde. Ich band ihm eben das lange Jagdmesser mit dem Taschentuch an der rechten Hand fest, während die linke in der dicken Umhüllung des Armes frei blieb, als wir plötzlich in einiger Entfernung das Röhricht knistern und brechen und zugleich ein wildes Schnauben hörten. Mit den Worten: »Da ist sie! – nun Gott befohlen, Kamerad! und vor allem kaltes Blut!« riß er sich von mir los und sprang an die Öffnung.

»Er hatte recht, – es war die Tigerin, die mit langen Sätzen, ein Reh im Rachen, von der Dschungel her durch die Trümmer sprang. Die Dämmerung hatte im Osten bereits begonnen, und wir konnten das Tier, eines der größten seiner Art, deutlich sehen. Plötzlich hielt es in seinem raschen Lauf an und schnupperte umher, – es hatte die Witterung seiner toten Jungen empfangen, die wir außerhalb der Pagode an der Stelle, wo wir so unglücklicherweise zuerst unsere Büchsen zurückgelassen, hatten liegen lassen. Im nächsten Augenblick war die Tigerin bei den kleinen Leichen, und ein so wildes Geheul erschütterte die Luft, daß ich fühlte, wie mir das Blut in den Adern gerann. – Jetzt – sie hatte ihre Feinde gewittert und flog mit gewaltigem Satz gegen den Eingang, ihre Pranken rissen wie Spreu die Steine zur Seite und ihr Oberkörper füllte die Öffnung. Zum Glück erlaubte die kletternde Stellung ihr nicht die Anwendung ihrer vollen Kraft, wie ein Sprung diese entwickelt, und ehe sie sich durch die Steine zwängen konnte, sah ich, wie Staunton sich ihr gegenüber warf. Die Szene, die jetzt folgte, ging rascher vor meinen Augen vorüber, als ich es hier zu erzählen vermag. Ich sah, wie mein tapferer Kamerad den linken Arm in den offenen Rachen der Bestie stieß und seine Hand wahrscheinlich ihre Zunge festpackte; ich hörte das Knirschen der Zähne in den brechenden Knochen; ich sah, wie die Tatze des Tieres in seine Brust schlug und zugleich seine rechte Hand zwei-, dreimal zustieß, wie jedesmal ein dicker Blutstrahl sich über das Tuch ergoß – dann war es mir, als ob meine Sinne in dem betäubenden Odem des Tieres sich verwirrten, als hörte ich den Ruf: »Zu Hilfe, Cavendish! zu Hilfe!« ein Knall – ein zweiter – ich fühlte, daß ich geschossen, das Wie? wußte ich nicht – und dann verlor ich das Bewußtsein.«

Der Erzähler machte eine Pause; kein Laut unterbrach die atemlose Aufmerksamkeit, mit welcher die Offiziere der erregenden Beschreibung zugehört hatten ... »Meine Schwäche,« fuhr der junge Mann fort, »wird in Ihren Augen vielleicht verächtlich erscheinen; aber bedenken Sie, daß ich, auf dem Parkettboden von Windsor erzogen, noch nie Gelegenheit gehabt hatte, meine Nerven für solche furchtbaren Szenen zu stählen. Dennoch konnte meine Ohnmacht nur wenige Augenblicke gedauert haben, als ein schmerzliches Stöhnen an meiner Seite und mein leise ausgesprochener Name mich zum Bewußtsein und zu meiner Pflicht zurückrief. Ich war entschlossen, mich auf das Untier zu stürzen, aber – der Kampf war zu Ende; kaum zwei Fuß von mir lag die Tigerin mit durchschnittener Kehle und das eine grüne Auge rollte noch im Verscheiden, während das andere, von den Schüssen zerschmettert, blutig aus der Höhle hing und Wellen schwarzen Blutes aus Hals und Rachen quollen. Ich schaute mich nach Staunton um, er kniete neben mir – entsetzlich anzuschauen. Sein linker Arm war bis in die Schulter zermalmt und hing, ein Gemisch von zerrissenen Sehnen, Fleisch und Kleiderfetzen, herunter, während die Brust eine breite, bis auf den Knochen gehende Wunde zeigte, wie die Pranke des Ungetüms sie zerrissen hatte ... »Es ist vorbei mit mir, Cavendish,« flüsterte er stöhnend, »die Klauen des Tigers hatten die Lebensarterien schon getroffen, als Ihr Schuß sein Gehirn zerriß.« – Ich hob ihn in meinen Armen auf und schleppte ihn einige Schritte weit fort von der blutigen Bestie. Ich sah, jeder Versuch, ihn zu verbinden, selbst wenn ich die Mittel dazu gehabt hätte, wäre vergeblich gewesen. – »Lassen Sie mich ruhig sterben, Cavendish,« sagte er, »und denken Sie an Ihre eigene Rettung. Der Tiger kann jeden Augenblick kommen, aber mir ist ein Mittel eingefallen,« er sprach mit Anstrengung in abgebrochenen Sätzen – »das uns beide gerettet hätte, wenn ich eher daran gedacht. In meiner Tasche ist Feuerzeug. – Sie müssen die Dschungel in Brand stecken – unter diesen Steingewölben sind Sie sicher. Aber eilen Sie – eilen Sie!« – –

»Die Überzeugung fuhr mir durch den Kopf, daß das Mittel vortrefflich sein mußte, dennoch wollte ich den Sterbenden nicht verlassen. – »Fort, fort – eilen Sie!« rief er mit aller Anstrengung, »jede Minute ist unwiederbringlich – Sie finden mich noch lebend!« – »Ich sprang über die Leiche des Tigers und die Steine und eilte zum Rande der Dschungel. Das Morgenrot zeigte bereits seine ersten Tinten, und ein leichter Luftzug wehte über die Fläche. Rasch war einiges dürre Gesträuch zusammengerafft und in Brand gesteckt, ich warf es in das Rohrdickicht und im nächsten Augenblick schon quollen Rauch und Flammen in die Höhe.

Nach kaum fünf Minuten war ich wieder bei dem Verwundeten. Er hatte sich zur Leiche der Tigerin geschleppt und betrachtete sie mit einem gewissen Stolz. – »Lassen Sie mich auf ihr sterben, Cavendish,« sagte er, »es wird nicht viele Männer geben in der britischen Armee, die sich rühmen können, eine Tigerin mit dem Jagdmesser bekämpft zu haben. Hören Sie – wie die Flamme knistert – mein Rat war gut, aber er kam zu spät!« – In der Tat zeigte ein Blick mir, daß das ganze Dickicht bereits in Flammen stand, die, von dem Winde angefacht, mit rasender Schnelligkeit über das dürre Geröhr flogen. Tiere aller Art, wilde Kaninchen, Schlangen, Eidechsen, Schakals und schwarze Eber flüchteten, von dem Feuer aufgejagt, aus ihrem Lager in den Sumpf nach den höher und freier gelegenen Ruinen. Staunton faßte meine Hand; an dem starren, gläsernen Ausdruck, den seine Augen annahmen, konnte ich sehen, daß der Tod ihm nahe war. – »Cavendish,« sagte er, »wenn Sie entrinnen, verlassen Sie Indien sogleich – denn der braune Satan wird Sie verfolgen bis –« Er fuhr plötzlich empor; die Sinne des Sterbenden waren, wie dies häufig der Fall sein soll, merkwürdig geschärft, und er hörte durch das Zischen und Knistern der Flammen ein Geräusch, das mein Ohr noch nicht unterscheiden konnte. – »Gott erbarme sich Ihrer, Kamerad – der Tiger kommt – der Tiger.« – Ich hatte kaum Zeit gehabt emporzuspringen ... da erschütterte ein wütendes entferntes Brüllen die Luft und schien mit Sturmeseile näher und näher zu kommen. Durch das Prasseln der Flammen hörte ich das Brechen des Rohrs und der Gebüsche – und dann« –

» Stop«! klang der Ruf der Schildwache vor der Brustwehr. – »Wer da? – Feldgeschrei? – Parole?« – »Abukir und Waterloo!« sagte eine Stimme. »General Codrington zur Visitation!« Ehe noch die Schildwache ihr »Passiert« hatte entgegnen können, waren die überraschten Offiziere schon emporgesprungen und eilten dem Halse der Verschanzung zu. Außerhalb derselben hielt in der Tat der Brigade-General mit einer kleinen Begleitung. Einige Nachrichten, die ihm am Tage vorher von den Bewegungen der Russen zugekommen waren, hatten ihn besorgt gemacht, und er beritt die britischen Linien, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen. – »Wer kommandiert die Batterie?« – »Leutnant Lundgreen, Exzellenz. Die erste Kompagnie des 95. Regiments, Kapitän Armstrong, zur Deckung.« – »Gut, meine Herren, ich sehe, das Höllenwetter hat keinen Einfluß auf Ihre Wachsamkeit geübt. Doch möchte ich Ihnen raten, Kapitän, obschon ich nicht Ihr kommandierender General bin, einen Offizier mit einem Pikett während der Dunkelheit die Straße zwischen den Höhen bis zur Wasserleitung hin patrouillieren zu lassen. Die Russen stehen, wie wir wissen, in bedeutender Stärke am andern Ufer des Flusses.« – »Zu Befehl, Exzellenz. Leutnant Cavendish, nehmen Sie einen Sergeanten und zehn Mann, verstärken Sie unsern Posten auf der Straße nach der Tschernaja und senden Sie Patrouillen bis an den Talrand.«

Der Leutnant salutierte mit etwas saurer Miene ... – »Zum Henker!« flüsterte O'Malley, »da kommen wir um den Schluß Ihrer Geschichte. Ich hätte gar zu gern erfahren, wie Sie noch davongekommen.« – »Gedulden Sie sich, bis wir uns wiedersehen,« entgegnete Cavendish ebenso. – Er eilte, sich fertig zu machen, denn der General zögerte offenbar, um den Abmarsch der Patrouille zu sehen ... Beide ahnten nicht, daß zwischen dem Jetzt und dem Wiedersehen die Ewigkeit lag.

»Fertig, Kapitän. Gewehr auf! Marsch!« Das Kommando verließ die Schanze. Als Cavendish bei General Codrington vorbeimarschierend salutierte, klang von der Festung her ein fernes melodisches Summen durch die schwere Nebelluft. Der Leutnant blieb stehen – auch die andern Offiziere horchten aufmerksam auf die Klänge, die offenbar von der Festung herkamen. Lord Codrington lachte. – »Kehren Sie sich nicht dran, meine Herren, ich habe es schon vorhin vernommen, als ich meine eigene Brigade visitierte. Die Russen läuten zur Nachtmesse in der Stadt; es ist morgen Sonntag, und sie feiern wahrscheinlich ein Fest ihrer hundert Heiligen. Gute Nacht – oder Guten Morgen und gute Wache, Gentlemen!« – Der General ritt grüßend weiter nach der Richtung der anderen Redoute ... Als er fort war, wurden die Wachen abgelöst, und dann hüllten sich Offiziere und Soldaten in ihre Mäntel und suchten eine wenigst nasse Stelle für die Ruhe einiger Stunden. Auf seine Frage erfuhr Kapitän Armstrong, daß der Tatar und sein Knabe zugleich mit der Patrouille die Verschanzung wieder verlassen hätten, was ganz gegen seine Absicht geschehen, aber nicht mehr zu ändern sei.

Der Tatar hatte übrigens nur eine kurze Strecke weit bis zur alten Poststraße das britische Detachement begleitet, dann verließ er die Soldaten unter dem Vorgeben, nach Kadikoi zurückkehren zu wollen. Die Patrouille war kaum im Dunkel des Hohlwegs verschwunden, als auch er die Straße verließ und an den Hügelketten emporkletterte. – »Jetzt wissen wir, was wir wollen, Mauro,« sagte er, »du kennst die Parole und das Feldgeschrei für den Notfall, wenn du auf die Soldaten stoßen solltest. Also rasch nach der Stadt und General Ssoimonoff entgegen. Ich schlage den Weg durch die Steinbrüche ein und bin in einer Stunde an der Brücke. Die Narren haben uns alle ihre Verteidigungsanstalten sehen lassen, und ich denke, Mungos Probestück auf diesem ihm fremden Boden wird der Empfehlung deines Herrn keine Schande machen.« Der Spion verlor sich in dem dunklen Schatten der Berge, während der Knabe nach der Richtung der Stadt schlich.

Als General Codrington von seiner Inspektion der britischen Linie, die es bis gegen den Sapunberg hin ausgedehnt hatte, zurückkehrte, – der Tag brach bereits an – fielen plötzlich auf dem linken Flügel der Vorpostenlinie vor der Division Brown einige Schüsse, und bald darauf hörte man von der Seite von Inkerman ein heftiges Gewehrfeuer. Codrington ließ seine Brigade unter Waffen treten ... Das Glockengeläut in der Nacht von den Türmen Sebastopols hatte nicht der Sonntags-Frühmesse gegolten, sondern die Einwohner zusammengerufen für den glücklichen Ausgang der Schlacht. Die Truppen standen bereits auf den Sammelpunkten.

Als die Morgenröte sich am Himmel zeigte, während auf den Bergen und in den Tälern dichter Nebel lag und im englischen Lager noch alles ruhig schlief, ohne an die nahe Gefahr zu denken, begannen die russischen Truppen auch von den Höhen des rechten Tschernaja-Ufers herabzusteigen, und von der Stadt her näherte sich die Spitze der Kolonne Ssoimonoffs ... Da schon war es, daß das Geschick der Schlacht durch den Fehler eines ihrer Führer entschieden wurde, der die Folgen selbst nicht durch die heldenmütige Opferung seines Lebens abwenden konnte. Die Disposition für die Kolonne des Generalleutnants Ssoimonoff, der von der Bastion Nr. 2 aus gegen die Engländer vorbrechen sollte, lautete: auf der linken Höhenseite des Kilengrundes vorzugehen und die Engländer anzugreifen. Der Fürst hatte damit die Westseite des Kilengrundes gemeint, bei der Bestimmung von rechts und links den Lauf des Talgrundes nach seinem Ausgang zum Meere annehmend ... General Ssoimonoff tat das Gegenteil – er rechnete in der Richtung, nach welcher er marschierte ... und so überschritt seine Kolonne gleich beim Austritt aus der Stadt die Mündung des Kilengrundes und rückte auf dem Plateau des östlichen Randes vor, statt sich auf dem breiten Terrain des westlichen zu entfalten und hier den linken Flügel der englischen Stellung anzugreifen, nach dem Zentrum hin aufzurollen und so zwischen die englischen Trancheen und das Lager einzudringen, das am Anfang des Kilengrundes lag. Dies war jedoch nicht der einzige überwiegende Nachteil. Durch die Irrung des Ssoimonoffschen Korps schob es sich vor den von der Inkerman-Brücke her vordringenden rechten Flügel der Angriffskolonne des Generalleutnant Pawlow, der von dieser Seite gegen das englische Lager vordringen sollte, während sein linker Flügel auf der alten Poststraße und durch die Schluchten die englischen Redouten und den rechten Flügel der Feinde angriff. Die Russen verloren dadurch ihr numerisches Übergewicht, da sie nicht aufzumarschieren vermochten. Die russischen Regimenter mußten in Kompagniekolonnen zum Angriff gehen, auf welche die englischen Bataillone, in Front in zwei Gliedern aufgestellt, mit ihren vorzüglichen Gewehren schon in weiter Entfernung ein sicheres, vernichtendes Feuer eröffneten.

Der dichte Nebel und die graue Farbe der Militärmäntel der Russen machte es den feindlichen Tirailleurs möglich, unbemerkt dicht heran zu kommen. Das Tarutinskische Jäger-Regiment unter seinem Kommandeur Generalmajor Wolkow rückte auf der alten Poststraße vor, während das Borodinskische Regiment parallel die Schluchten hinabstieg ... Leutnant Cavendish, kaum eine halbe Stunde vorher von einer Rekognoszierung bis an die Tschernaja zurückgekehrt, sah sich plötzlich im Rücken und in den Flanken von russischen Jägern umgeben, und ein Offizier rief ihm auf russisch zu, er solle sich ergeben. Der junge Mann jedoch, dem es durchaus nicht an Mut fehlte, erwiderte mit einem Schuß seines Revolvers, um die nächsten Schildwachen zu alarmieren, und versuchte dann an der Spitze seiner kleinen Truppe sich durchzuschlagen. Ein Bajonettstich in die Brust warf ihn verwundet zu Boden, indes gelang es ihm, aus dem wütenden Kampfe, der jetzt folgte, zu entkommen und, auf dem Boden sich hinschleppend, den Schutz des nächsten Gebüsches zu gewinnen.

Binnen wenig Minuten war jetzt Alarm auf der ganzen Linie. Der Angriff zeigte sich aber so ausgedehnt, das Kanonen- und Kleingewehrfeuer krachte von so verschiedenen Seiten, daß die englischen Generale anfangs vollständig im Zweifel waren, woher der Angriff sie bedrohe. Von der linken Seite her donnerten die Batterien der Stadt und unterstützten die Artillerie Ssoimonoffs, die mit 38 Geschützen sich auf den rechten Kilenhöhen aufgestellt hatte. Die Spitzen des Pawlowschen Korps erstiegen bereits die Höhen der Poststraße; von Südosten verkündeten Kanonenschüsse die Diversion des Fürsten Gortschakoff gegen den Sapunberg ... Zuerst glaubten die Engländer, es gelte aufs neue einen Angriff gegen Balaclawa, und hielten das Vordringen von Inkerman für eine Scheinattacke. Die blutige Wirklichkeit belehrte sie bald eines andern. General Pennefather, der wegen Krankheit Lacy-Evans die Division führte, erschien zuerst auf dem Kampfplatz und sandte die drei Regimenter der Brigade Adams zum Schutz der Redoute Nr. 1, mit der eigenen Brigade links gegen Ssoimonoff Stellung nehmend. Buller und Codrington setzten mit ihren Brigaden die Schlachtlinie fort, und hinter diesem ersten Treffen gelang es den Engländern, ihre weitere Stellung zu bilden ... Noch im Schutz des Nebels drängten das Borodinskische und Tarutinskische Jäger-Regiment von der Kolonne Pawloffs, nachdem sie die Hohlwege erstiegen, die Brigaden Pennefathers zurück und griffen die Redoute Nr. 1 an. Das Tomskische und Koliwanskische Regiment, unterstützt durch das Regiment Katharinenburg, warfen sich, trotz des furchtbaren Flankenfeuers der vier englischen Brigaden Codrington, Buller, Campbell und Gordon, mit dem Bajonett auf die Brigaden Adams und Pennefather. Der Ruhm, den die Engländer sich stets angemaßt, daß keine Truppen der Welt sich mit ihnen im Bajonettkampf messen können, wurde hier vernichtet. Die russischen Bataillone drangen mit unwiderstehlicher Macht vor, obschon die Kräfte auf diesem Teil des Schlachtfeldes ganz gleich waren. Das Gemetzel war entsetzlich, fast jeder Stoß der Bajonette brachte eine tödliche Wunde, aber über die Fallenden und Sterbenden stürmten neue Kämpfer in die Reihen. Das »Hurra« der Russen, wie sie in dem Talgrund in geschlossenen Kolonnen vordrangen, klang wie der Donner einer Lawine, und gleich einer solchen rollten sie die englischen Bataillone auf. Die Artillerie Ssoimonoffs sandte zugleich von der Höhe ihre Kugeln bis in die Zelte des englischen Lagers, ein Bataillon des Tomskischen und zwei Bataillone des Kolowanskischen Regiments stürmten die Redoute Nr. 2, vernagelten 2 Lancaster-Kanonen und drangen bis ins Lager der 2. Division. Zwei Bataillone Katharinenburg, unter ihrem tapfern Oberst Uwaschnow Alexandrow, umgingen sogar das obere Ende des Kilengrundes, gelangten so auf das Terrain, das die Kolonne Ssoimonoff von Anfang hätte okkupieren sollen, stürzten sich hier auf das Lager und vernagelten die Geschütze ... Doch sie blieben ohne Unterstützung; – General-Major Wilboa, der Kommandierende der drei Regimenter, fiel, von einer englischen Kugel getroffen, die Miniébüchsen der Schützen der leichten Division Brown räumten furchtbar unter den Russen auf, und die tapferen Bataillone mußten ihre Vorteile wieder aufgeben und, fast aller Offiziere beraubt, bis an den Hohlweg zurückgehen, der die Steinbrüche an dem Kilengrund bildet.

Hier war es, wo der unerschrockene Ssoimonoff mit seinem Blute den begangenen Fehler sühnte. Der Kommandant seiner Artillerie, Oberst Saghoskin, fiel, – die Artillerie-Bedienung, die Zugpferde wurden von den weithin treffenden Kugeln der Engländer niedergeworfen; erst unterm Schutz der vom General-Major Schabokritski in vorteilhafter Stellung aufgefahrenen Batterien gelang es den russischen Regimentern, sich wieder zu formieren. Sie hatten furchtbar durch den Heldenkampf gelitten und mußten aus der Schlachtlinie zurückgezogen werden. Neue russische Regimenter nahmen hinter den Batterien Stellung, und eine Kanonade begann. – Auf der Höhe hinter diesen Batterien der ersten Linie hielt der Oberbefehlshaber der russischen Angriffskolonnen, und der Tod um ihn her mähte eine reiche Ernte. Offiziere des Generalstabes, Adjutanten und Ordonnanzen wurden ringsum getötet, dem General selbst zwei Pferde unter dem Leibe erschossen ... Während dieses wilden Kampfes an dem oberen Ende des Kilengrundes hatten die beiden Regimenter des Pawloffschen Korps, gegen die Redoute Nr. 1 und die Brigaden Adams und Pennefathers sich wendend, wiederholt die Redoute gestürmt, in der sich Kapitän Armstrong mit den erhaltenen Verstärkungen mit Löwenmut schlug. Dem munteren O'Malley schlug eine Kugel durch den Mund und schloß ihn auf ewig; der treue Mickey schleppte seinen tapfern Herrn schwer verwundet aus dem Kampf; die Russen drangen wiederholt bis an die Mündungen der Kartätschen sprühenden Geschütze Lundgreens vor, und für die Toten, die Bajonett und Kolben der Engländer von den Brustwehren schleuderte, klommen mit jener zähen Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Leiden neue Scharen empor. Schon waren einzelne in das Innere der Batterien gesprungen und kämpften mit den Artilleristen, da – – – –

» Vive l'Empereur!« – – Früh 7 Uhr war Lord Raglan mit seinem Stabe auf dem Schlachtfelde eingetroffen, wo bereits, mit Ausnahme der Brigaden Colin-Campbell und Eyre, die in den Trancheen und bei Balaclawa standen, die ganze englische Macht im Feuer war. Um den Gang des Gefechtes besser zu überwachen, ritt er in die Schlachtlinie vor – an seiner Seite fiel hier der Chef seiner Artillerie, General Strangways, der bei Leipzig als Kommandant einer Raketen-Batterie ruhmvoll begonnen ... Bald nach Beginn des Angriffs schon eilte General Bosquet, der Kommandant des französischen Observations-Korps auf dem Sapunberg, in das britische Lager, gefolgt von 4 Kompagnien Vincenner Jäger, 2 Bataillonen Infanterie und 2 reitenden Batterien, und sandte, ohne sich an die hochmütige Ablehnung seiner Hilfe durch die Briten zu kehren, die mit ihm gekommenen Truppen der Redoute zu Hilfe, sprengte nach seinem Posten auf dem Sapunberg zurück, um sich selbst von der Wichtigkeit des Angriffs zu überzeugen, der dort von Tschorgun her drohte, und erkannte sofort, daß es sich nur um einen Angriff gegen seine Stellung handelte zu dem Zwecke, ihn zu beschäftigen. Aber als Republikaner, der mit seiner ganzen Division keck gegen das Kaisertum gestimmt hatte und als Liebling der Armee, nur auf Fürsprache Canroberts beim orientalischen Kriege wieder eine Division erhalten, seitdem durch sein Organisationsgenie bei der Landung in Gallipoli die Engländer in Staunen gesetzt, die faulen Türken mobil gemacht, an der Alma schon durch den Sturm auf die Höhen am Meer die Schlacht entschieden hatte, – dieser Tapfere haßte als echter Franzose die anmaßenden Verbündeten seines Kaisers, die natürlichen Feinde Frankreichs, und beschloß, sie zu demütigen. Darum kamen seine ersten Bataillone erst im letzten Augenblick den tapfern Verteidigern der Redoute zu Hilfe und befreiten sie, während zugleich General Bentinck mit der Garde-Brigade der geworfenen zweiten Division zu Hilfe eilte und die Russen zurücktrieb.

Es war neun Uhr, und der erste Akt des blutigen Dramas zu Ende ... Doch nur auf kurze Zeit. Aufs neue rollte der Vorhang empor und ließ das Spiel beginnen, in dem der Kanonendonner die Rede, der Tod die Aktion war ... Die drei hintersten Regimenter der Kolonne Pawloff, das Ochotskische Jäger-, das Jakutskische und Selenginskische Infanterie-Regiment, die nach Überschreitung der wieder hergestellten Inkerman-Brücke rechts auf der Sappeurstraße vorgerückt waren, trafen um 8 Uhr auf dem Schlachtfelde ein, zur Zeit als die vorderen Truppen Ssoimonoffs nach dem Fall ihres Führers zum Steinbruchgrund zurückgedrängt wurden ... Neben General Dannenberg hielten zu Pferde zwei junge Offiziere, mit den Abzeichen hohen Ranges unter dem bei ihren Bewegungen sich öffnenden Mantel geschmückt, der eine etwa 23 Jahre alt, mit ernsten, gestreckten Gesichtszügen, die an ein majestätisches Bild erinnerten, in der Uniform des Genies; der zweite, wenig jünger, aber von freundlichen, runderen Zügen und dennoch unverkennbarer Ähnlichkeit, die Abzeichen der reitenden Garde-Artillerie tragend. Die drei Regimenter, das Ochotzkische an der Spitze, marschierten eben zwischen den Hügeln auf und formierten sich in Angriffskolonnen, und der Brigade- und die Regiments-Kommandanten sprengten zu dem Befehlshaber.

»Wir müssen die Redoute unter allen Umständen haben, General Ochterlony,« sagte der Kommandierende, indem er sein Glas vom Auge nahm. »Ich sehe, die Garden halten sie jetzt; lassen Sie Bibikoff links abschwenken und die Höhen stürmen; Ihrer Majestät Coldstreams werden auf den nächsten Almacs Vornehmste Londoner Ball-Lokale. wohl nicht so stark vertreten sein!«

Während der greise Kommandant des Regiments salutierte und davon sprengte, wandte General Dannenberg sich wieder zu dem Kommandeur der ersten Brigade ... »Sie müssen über den Hohlweg der Straße, um die Höhe zu gewinnen, ehe jene Kolonnen dort – wenn ich nicht irre, ist es die vierte Division unter Cathcart – sie besetzen. Kapitän Kowaloff, reiten Sie zu Pawloff und sagen Sie ihm, was ich über die Regimenter bestimmt habe, er soll die Reserven nachrücken lassen und die Batterien so nahe wie möglich zu bringen. Vorwärts, meine Herren, und Gott segne Rußland!«

Mit Ungestüm warfen sich die russischen Jäger auf die Redoute, die jetzt von den Coldstreams – der berühmten englischen Garde – verteidigt wurde, und ein Kampf, fürchterlicher, blutiger denn zuvor, entspann sich. Die Briten, gänzlich von den Ihrigen abgeschnitten und zugleich von der russischen Artillerie auf den gegenüberliegenden Höhen beschossen, schlugen sich mit Heldenmut. Viermal drangen die Ochotsker bis zu den Schießscharten, und viermal wurden sie von Bajonett und Feuer zurückgeworfen. Zweihundert Mann des kaum siebenhundert starken Regiments waren bereits gefallen, da gab es endlich die Hoffnung auf, die Redoute halten zu können, warf sich hinaus und bahnte sich mit dem Bajonett den Rückweg durch die Feinde ... Das Gemetzel war furchtbar, mehr als ein Drittel des Regiments fiel, aber auch der Sieg der Russen wurde teuer erkauft. Ihr tapferer Oberst Bibikoff stürzte tödlich verwundet; beinahe alle Stabs- und Ober-Offiziere des Regiments lagen auf dem Kampfplatz ... Aber von der Redoute wehte die russische Fahne!

Die Brigade Ochterlony warf sich auf die Reste der zweiten englischen Division und trieb sie zurück. Da eilten Cathcart – der Liebling Wellingtons – mit seiner Division und Lord Bentinck mit den anderen zwei Garderegimentern und dem wieder gesammelten Rest der Coldstreams zur Unterstützung und zum Angriff herbei. Während die Grenadiere und die tapferen schottischen Garde-Füsiliere unter den wilden Klängen des Pibroch vom Donald Dhu Vergleiche die Walter Scott-Romane, besonders »Waverley« (Bd. 15/16 in der neuen Gesamtausgabe, erschienen im Verlage A. Weichert, Berlin NO. 43). und dem Ruf: »Schottland für immer!« die Redoute wieder erstürmten und die Ochotskischen Jäger wieder warfen, stürzte sich Cathcart mit dem 29. und 63. Regiment in den Hohlweg, um der russischen Brigade den Rückweg abzuschneiden. Oberst Bjalui mit den Jakutzkischen Jägern stürmte, unbekümmert um die Gefahr im Rücken, gegen die Garden – Lord Bentinck wurde verwundet, zwölf britische Offiziere waren gefallen, die Redoute aufs neue den Garden entrissen, und diese zurückgetrieben. Die Engländer im Hohlweg sahen sich durch die besonnenen Befehle General Ochterlonys vom Selenginskischen Regiment umringt. Das Blutbad war hier entsetzlich, ein Kampf der Verzweiflung von seiten der Briten, die mit dem Bulldoggengrimm fochten, der noch im Tode sich an den Feind klammert; – ein Kampf wütenden Hasses von seiten der Russen, deren Erbitterung während des ganzen Krieges in allen Ständen weit größer gegen die Briten als gegen die Franzosen sich zeigte. Vergeblich war alle Tapferkeit, alle persönliche Aufopferung des tapfern Cathcart, der in ihren Reihen kämpfte. In seine Ohren dröhnte verzweifelnd der Ruf der Soldaten: »Wir haben keine Patronen mehr!« – »Nun, so habt ihr Bajonette!« rief der General. »Also vorwärts für den Ruhm von Alt-England!« Und vorwärts stürzten die Kompagnien, aber sie zerstoben an den russischen Phalanxen und eilten in Unordnung den Höhen zu. Hier jedoch empfing sie das Jakutzkische Regiment mit einem Kugelhagel, Cathcart, durch den Kopf geschossen, fiel – Goldie, Torrens, seine beiden Brigade-Generale, wurden verwundet, dichter Pulverdampf umhüllte das Todesfeld.

Auf allen Punkten begannen die Engländer sich zurückzuziehen; die zweite Redoute war in den Händen der Russen und zum zweiten Male drangen sie in das britische Lager ... Neben Lord Raglan befand sich während des ganzen Gefechts der französische Oberkommandant Canrobert, ohne der Wunde an der Hand zu achten, die er erhielt. Gegen 10 Uhr morgens brachten ihm die Adjutanten die Nachricht, daß die Russen unter Timofjef aus der Bastion Nr. 6 auf der Westseite der Festung einen Ausfall gegen die französischen Approchen gemacht hatten und mit der Brigade Lourmel in Kampf waren. Die drei französischen Divisionen der Westseite waren in Alarm und warfen die Russen zurück, dort hatte man also nichts zu besorgen, und der kleine, bewegliche Oberkommandant der französischen Armee blieb auf seinem Posten, den Augenblick erwartend, in dem sich der englische Stolz beugen mußte ... Und er beugte sich. Lord Raglan, die ganze englische Position verloren sehend, wenn nicht schleunige Hilfe einträfe, verlangte die französische Unterstützung und erlitt die Demütigung, daß er, auf Canroberts Wunsch, seine eigenen Adjutanten zu dem früher abgewiesenen Bosquet schicken und um rasche Hilfe bitten mußte ... Durch den Donner der Geschütze und das Rollen des Gewehrfeuers vernahm man den hellen Klang der langen Zuaven-Hörner, der Trompeten der algerischen Schützen und Jäger von Vincennes. Bosquet, Kaiser Napoleons General, spielte damals die Rolle der Preußen bei Waterloo und kam mit seinen drei Brigaden im Geschwindmarsch vom Sapunberg heran, sie rechts von den Engländern in die Schlachtlinie werfend auf den linken Flügel der Russen. – So wechselt die Geschichte – so wechseln die Freundschaften der einzelnen und der Reiche!

Der dritte und letzte Akt der blutigen Tragödie von Inkerman begann! ... Das eigentümliche Marsch-Exerzitium der Zuaven – der Trab oder vielmehr das springende Laufen in Kompagnie- und Bataillons-Kolonnen – brachte sie mit überraschender Schnelligkeit herbei. Die Brigade Monet folgte den beiden anderen als Reserve ... Einen Augenblick war General Dannenberg unentschlossen, ob er nicht die vier Regimenter, die noch nicht in den Kampf gekommen waren und von denen das Uglitzsche und Butinskische die Artillerie gedeckt hatten, das Wladimirsche und Susdalische als Reserven zurückbehalten worden, dem neuen Stoß entgegenwerfen und um den Sieg ringen sollte; da indes bei einem Mißlingen sein ganzes Korps, das gefährliche Defilée von Inkerman im Rücken, verloren sein mußte, beschloß er den Rückzug. Während die Artillerie den Befehl erhielt, nach der Inkerman-Brücke abzufahren, flogen die Adjutanten zu den bedrohten Regimentern mit dem Befehl zum Rückmarsch.

Der General schaute sich suchend um: es galt, eine persönliche Order auszuführen, nachdem die Pflicht als Feldherr erfüllt worden. Ein junger Offizier vom Generalstabe des Fürsten Mentschikoff, der, wie viele seiner Kameraden, sich dem Stabe des Generals Dannenberg angeschlossen, hielt mit mehreren Kosaken in der Nähe ... »Kapitän Iwan Oczakoff!« – Der Offizier salutierte ... »Sie kennen den Großfürsten Nikolaus persönlich. Er begleitet, wie Sie gesehen haben, das Selenginskische Regiment, das in diesem Augenblick sich in der größten Gefahr befindet. Suchen Sie Seine Kaiserliche Hoheit auf und sagen Sie ihm, ich ließe bitten – nein, als kommandierender General befehlen, Sie auf der Stelle hierher zu begleiten.«

Der junge Fürst beugte sich über den Sattelknopf seines Pferdes und flog davon, indem ein Wink seiner Hand seine Begleiter ungeduldig bei der Suite des Generals zurückhielt. Ihre ängstlichen Blicke sahen ihn in dem Meer von Pulverdampf verschwinden, welcher in der Richtung der genommenen Redouten Berg und Tal bedeckte ... Oberst Sabatinski, der Kommandierende des Selenginskischen Regiments, hatte bereits die Order zum Rückzug erhalten; das Ochotskische Regiment war schon auf demselben begriffen und somit das seine dem vollen Stoß der frischen französischen Truppen preisgegeben. In drei Bataillons-Kolonnen formiert, dicht geschlossen, erwarteten sie die Russen. In diesem Augenblick gelangte Fürst Iwan zum Regiment und erkannte in der mittelsten Kolonne den Großfürsten. Er war an seiner Seite, als die französischen Hörner dicht vor den Fronten im Pulverdampf erklangen und unter dem donnernden Kaiserruf das dritte Zuaven-Regiment auf die Russen stürzte, während rechts und links die afrikanischen Jäger attackierten.

Der erste tolle Anlauf der Franzosen prallte an der Unbeweglichkeit der russischen Massen ab. Die Gloire der Zuaven ist der Einzelkampf. General Saint-Pol, der sie führte, sammelte in kurzer Entfernung das Regiment zur neuen Attacke, während die Russen langsam zurückgingen. Die französischen Plänkler unterhielten ein scharfes Feuer aus ihren kurzen Büchsen ... Der Großfürst weigerte sich, das bedrohte Regiment zu verlassen – erst die bestimmte Erklärung des Obersten Sabatinski nötigte ihn dazu, als ein Schuß sein Pferd traf ... »Du siehst, Fürst,« sagte der junge Kaisersohn, »daß ich nicht fort kann. Ich werde zu Fuß mit den Braven kämpfen!« Fürst Iwan war bereits vom Pferde gesprungen ... »Eure Kaiserliche Hoheit kennen meinen Befehl und werden mein Pferd nehmen!« Nur mit Mühe verstand sich der Großfürst endlich dazu und verließ unter Kugelregen die Kolonne. Er war kaum entfernt, als der zweite Ansturm der Franzosen in die Reihen der Russen brach und sie diesmal zu sprengen drohte. Die ersten Glieder wurden zu Boden geworfen, ein blutiges Handgemenge mit Bajonett und Kolben begann. Von zwei Seiten drangen die Zuaven in die russische Stellung. –

»Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der verrückte Jean ist, der der hübschen Hexe, deiner Schwester, davongelaufen sein muß,« sagte mitten im Gewühl des Angriffs ein bärtiger Zuaven-Sergeant zu seinem Nebenmann, einem kräftigen, mutigen Krieger, der eben wieder sein Gewehr lud. – »Wo, Papa Fabrice? – Der junge Russe im Mantel? – Parbleu! es ist Jean, und wir müssen ihn wiederhaben, den blödsinnigen Burschen!« Damit warfen sich die Zuaven in eine Lücke des Getümmels und schlugen sich nach der Stelle durch, wo sie den jungen Offizier bemerkt hatten. Ein Degenstoß empfing den Bruder der Marketenderin, so daß er ihn nur mit Mühe zu parieren vermochte. – »Der Bursche ist verrückt wie ein Märzhase oder ein wirklicher Überläufer,« schalt der Sergeant und schleuderte den jungen Mann zu Boden, der sich verzweifelt wehrte, indes Bourdon mit zwei russischen Infanteristen vollauf beschäftigt war, die ihn angriffen. – »Der Tölpel ist schlimmer, als ich dachte, und mir lang im Weg gewesen! Zum Teufel mit ihm!« Der Sergeant, erbittert über den Pistolenschuß, den der Offizier schon am Boden, nach ihm abfeuerte und der seine bärtige Wange streifte, hob das Gewehr, um dem Gefangenen einen Kolbenschlag auf den Kopf zu geben, als ein Säbel schützend dazwischen fuhr, der Säbel eines französischen Offiziers ...

» Quartier, Camerade, pour cet enfant!« Zugleich wurde der Zuave von der Seite her angegriffen, und das Gewühl trennte ihn im Augenblick von der Gruppe. Der französische Offizier aber, der die Uniform eines Bataillons-Kommandanten trug, bog sich vom Pferde und riß den jungen Russen in die Höhe. » Vous êtes mon prisonnier, mon Prince, mais sauvez vous-en! – Vite!« Ihr seid mein Gefangner, mein Fürst, aber rettet Euch – geschwind! Der Vikomte, denn dieser war es, der Fürst Iwan erkannt hatte, warf sein Pferd nach einer andern Richtung des Gefechts, durch diese Bewegung die Flucht seines Feindes deckend. Als er sich noch einmal umsah, war der junge Fürst glücklich in den Reihen der Seinen, die, von der Bataillonskolonne unterstützt, sich wieder gesammelt hatten und den Franzosen im langsamen Rückzug die Spitze boten ... Der kurze Zwischenfall des Kampfes war an dem Vikomte wie eine Erscheinung vorübergegangen, und nur die Wunde am linken Arm, die er bei der edlen Sicherung der Retirade seines Feindes durch einen Bajonettstich erhalten, bewies ihm materiell die Wirklichkeit der Begegnung. –

Die Regimenter Pawloffs, durch den fünfstündigen Kampf erschöpft, vermochten der Übermacht, die jetzt durch die Ankunft der Franzosen auf Seite der Alliierten war, obschon die Engländer nicht mehr als 8000 Mann noch zum Gefecht verfügbar hatten, nicht zu widerstehen und räumten das Schlachtfeld. Es galt nur noch, den geordneten Rückzug zu decken, und dies geschah mit heldenmütiger Aufopferung. Während die Artillerie nach der Inkerman-Brücke abfuhr, schlugen sich das Jakutskische und Selenginskische Regiment an den Abhängen der Höhe, und Bosquet mußte wiederholt die Reihen seiner Brigaden aufs neue ordnen.

Nachdem die Artillerie in Sicherheit war, bewerkstelligte die russische Infanterie ihren Rückzug, indem die Regimenter Wladimir und Susdal denselben deckten, den Boden mit ihren Leichen besäend unter den wiederholten Angriffen der Franzosen. Erst das Feuer der am Ausfluß der Tschernaja postierten Dampfschiffe Wladimir und Chersonnes machte der Verfolgung ein Ende. Die Russen zogen sich teils über den Fluß, teils auf der Sappeurstraße nach der Stadt zurück. Um halb drei Uhr nachmittags war die Schlacht zu Ende. Dreitausend russische Leichen deckten die Walstätte, außerdem fast ein Drittel der Verwundeten, deren Zahl an sechstausend betrug. Der Verlust der Verbündeten war nur wenig geringer. Lord Raglan hat, wie die eigenen Zugeständnisse der englischen Korrespondenten beweisen, ganz einfach gelogen, indem er offiziell den Verlust der Briten auf 464 Tote und zirka 2000 Verwundete angibt. Der Verlust der Engländer betrug in der Tat 5000 Mann und die Franzosen verloren 2000 Tote und Verwundete ... Nach den Briefen des französischen Brigade-Chefs Bourbaki befanden sich im englischen Lager nach der Schlacht nur noch 10 000 Kampffähige; die 2. Division war bis auf 300 Mann zusammengeschmolzen, das 95. Regiment der Brigade Pennefather zählte nur 64 Mann. Einunddreißig Offiziere der Garde waren gefallen ... Das Schlachtfeld bot einen gräßlichen Anblick – die Hohlwege und Abhänge waren bedeckt mit Haufen von Toten und Sterbenden. Achtundvierzig Stunden dauerte nach dem geschlossenen Waffenstillstand das Suchen und Fortbringen der Verwundeten.

Dies war das Drama von Inkerman, ein Gemetzel ohne Sieg, ein Kampf ohne Erfolg. Glücklich, die der Ehrentod auf dem Schlachtfelde den furchtbaren Leiden und Schrecken entzogen hatte, die der nahende Winter über beide Armeen häufen sollte! Wer sich über russische Verhältnisse näher unterrichten will, lese den Jules Verne-Roman »Michael Stropoff, der Kurier des Zaren«, erschienen bei A. Weichert, Berlin.


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