Friedrich von Raumer
Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 3
Friedrich von Raumer

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Eilftes Hauptstück.

{1234} Um dieselbe Zeit als König Heinrich Gesandte abschickte, mit den Lombarden ein Bündniß gegen seinen Vater abzuschließen, sah sich der Papst nochmals von den widerspenstigen Römern aufs äußerste bedrängt.

Sie hatten die Feste Montalto besetzt, päpstlichen Unterthanen den Eid der Treue abgezwungenRayn. zu 1235, §. 1–6.  1234, den 24sten August, war Gregor in Spoleto.  Gudenus II, 69., Bündnisse zum Nachtheile Gregors mit andern Städten geschlossen, Kirchengüter in Beschlag genommen, den Kardinal Rainer förmlich bekriegt, den Lateran geplündert und den feierlichen Beschluß gefaßt: daß mit dem Papste kein Friede geschlossen und er nicht eher wieder in Rom aufgenommen werden sollte, als bis er allen Schaden und alle Auslagen ersetzt und ihre Forderungen bewilligt hätte. – Hierüber schrieb Gregor im Oktober und November 1234Schreiben vom 24sten Oktober, 25sten November und fünften December 1234.  Reg. Greg. J. VIII, Urk. 273, 330, 333, 394.  Erfurt. chron. S. Petrin., schwer klagend, nach Deutschland, Frankreich, Spanien, ja in alle Lande der Christenheit, bewies, wie im Fall einer Unterjochung der römischen Kirche, keine mehr ihrer Freiheit sicher sey, und 728 bat, daß jeder Fürst oder Prälat vor dem März 1235 Geld oder Mannschaft zur Unterstützung der Kirche, des Reichs und des heiligen Landes nach Italien senden möge. Diese Schreiben, welche die Einigkeit mit dem Kaiser wiederholt beweisen, hatten aber, der schon erwähnten Hindernisse wegen, geringen Erfolg, und in seiner eigenen Thätigkeit mußte der Papst die nähere und sichere Hülfe suchen. Er entband alle Gezwungene von dem Eide, welchen sie den Römern geleistet hatten, hob den Bund zwischen Perugia, Ankona, Urbino, Pesaro und andern Städten des Kirchenstaates auf, verbot die Anlegung neuer Burgen, und setzte dagegen die vorhandenen, besonders Radikofani in den besten Stand. Entscheidender war es aber: daß das Volk in Rom des Krieges und Bannes überdrüssig und die päpstliche Partei dadurch so mächtig wurde, daß man erst vom Frieden sprach, dann Bedingungen anhörte, und endlich dieselben annahm. Sie lauteten dahin: »alle Beschlüsse gegen den Papst und die Kirche verlieren ihre Kraft. Kein Geistlicher wird vor weltliche Gerichte gestellt, oder zu öffentlichen Lasten angezogen, kein Pilger auf ähnliche Weise beunruhigt. Die Römer halten treuen Frieden mit dem Kaiser und allen Anhängern der Kirche.« Dieser FriedeRich. S. Germ. 1036.  Baldassini XIV. ward im Mai des Jahres 1235, also wenige Wochen vor der Gefangennehmung König Heinrichs, zwischen dem Papste und dem Senator Malabranka geschlossen. Furcht oder Hoffnung, welche sich auf die republikanischen Eigenschaften der Römer und die Untreue deutscher Fürsten gegründet hatten, fielen somit unerwartet schnell dahin, und Papst, Kaiser und Lombarden traten itzt, ohne verwickelnde Nebenbeziehungen, wieder allein in den Vordergrund.

Obgleich der Winter des Jahrs 1234 bis 1235 so hart war, daß Wagen über den zugefrornen Po fuhrenGriffò. Bonon. hist. misc.  Erfurt. chron. S. Petr.  Ghirard. I, 157.  Clementini I, 4, 451., 729 {1235} Weinstöcke und Bäume zu Grunde gingen, Thiere und Menschen umkamen, eine schreckliche Hungersnoth und böse Seuche ausbrach; obgleich durch den Bund mit König Heinrich offenbar dem Kaiser der Krieg erklärt und die Gefahr des Untergangs, wie die Aussicht auf Glück gesteigert war: – dennoch hielten die Lombarden unter sich keinen Frieden! Verona und Mantua, Bologna und Modena, Ravenna und Cesena, Forli und Faenza, Cremona und Brescia, Florenz und Siena u. a. m. waren in offener Fehde begriffen. In Piacenza verfolgten und bannten sich wechselseitig Adel und Volk, in Venedig und Ravenna haderten Geistliche und Laien, und in Mantua ward sogar der Bischof von angeblichen Ketzern erschlagenReg. Greg. Jahr VII, Urk. 81, 102, 115.  Rayn. zu 1235, §. 15–16.  Tonduzzi 269.. Dem Kaiser konnte diese wechselseitige Schwächung aus untergeordnetem Standpunkte willkommen seyn; aus höherem mußte sie die Überzeugung von der Nothwendigkeit seiner regelnden Einwirkung verstärken. Während er aber, gemäßigt und eine Aussöhnung hoffend, die lombardischen Gesandten, welche sich in Deutschland bei seinem Sohne befanden, ohne Strafe entließ; suchten die Mailänder Elephanten, Kameele, Dromedare u. s. w. zu fangenGalv. Flamma c. 267., welche er nach Cremona schickte; ja sie beschlossen zuletzt mit ihren Freunden, alle kaiserlich gesinnten Städte anzugreifen. Weil des Papstes vieljährige Bemühungen für den Frieden hiedurch vereitelt wurden, sandte er, um die Zeit seiner Wiederaufnahme in Rom, den Patriarchen von Antiochien nach der Lombardei, damit er nachdrücklich für die Versöhnung wirkeSavioli zu 1234 u. 1235.; und bald nachher, am 28sten Julius 1235, forderte er den Kaiser, ja alle Fürsten und Prälaten Deutschlands auf, um der Christenheit und der Errettung des heiligen Landes willen, allen Kriegsgedanken zu entsagen. Friedrich antwortete: »er wolle sich, nach Rath der Fürsten, den päpstlichen Aussprüchen in der 730 {1235} lombardischen Angelegenheit unterwerfenNach einem andern Schreiben Friedrichs bei Martene, coll. ampliss. II, 1244, scheint es als habe dieser sich zufrieden erklärt, wenn der Papst den Frieden mit den Lombarden bis Weihnachten auf die alten Bedingungen zu Stande bringe. Doch ist auch schon davon die Rede, daß er auf zweien Wegen über Basel und Augsburg nach Italien hinabziehen werde.; doch müsse erstens, die in den frühern Vergleichsvorschlägen auf 20,000 Mark festgesetzte Entschädigungssumme um 10,000 Mark erhöht werden, weil der ungebührliche Bund der Lombarden mit König Heinrich und ihr neuerhobener Krieg, Ausgaben und Verlust außerordentlich vermehrt hätten. Zweitens, müßten sich die Lombarden bis Weihnachten 1235 über die Friedensvorschläge bestimmt erklären und nicht, wie bisher, durch Winkelzüge die Beendigung dieser Angelegenheit Jahre lang verzögern. Drittens, verlange er, daß der Papst die Lombarden banne, im Fall sie seinem Ausspruche nicht genügten: denn es gebühre sich, daß die Kirche das Reich eben so unterstütze, wie dieses jener bei dem Streite mit Rom treulich zu Hülfe gekommen sey.« Diese Ansichten und Vorschläge sollte der an den Papst abgeschickte Peter von Vinea noch näher entwickeln, und erklären: daß, wenn sie nicht angenommen würden, Friedrich seiner Ehre und seinem Rechte gemäß, Gewalt wider die Empörer gebrauchen wolle. Der Papst fühlte sehr wohl, wie schwierig seine Stellung zwischen den hartnäckigen Lombarden und dem nach Deutschlands Beruhigung mächtigern Kaiser sey; doch verlor er den Muth nicht, sondern schrieb jenen am 26sten SeptemberSavioli III, 2, Urk. 606, 607.  Math. Par. 293.: »sie sollten unfehlbar zum ersten December Abgeordnete nach Rom schicken, welche bevollmächtigt wären die Verträge nach seiner Weisung abzuschließen; sie würden sich im Falle des Ungehorsams selbst all das Unglück beizumessen haben, das daraus entstehen dürfte.« Den Kaiser hingegen machte Gregor aufmerksam: daß man schwerlich bis zu Weihnachten ein so verwickeltes Geschäft beendigen 731 {1235} könne und jene von ihm ausgesprochene Kriegsdrohung insofern die Grundlage aller ältern Verhandlungen aufhebe, als der Kirche bereits eine unbedingte schiedsrichterliche Macht zugetheilt sey. Wenn sich die Lombarden fernerhin diesem Spruche unterwürfen, der Kaiser hingegen Fehde beginnen und hiedurch die nicht minder für ihn, als für den Papst vortheilhaften Vorbereitungen zum Kreuzzuge vereiteln sollte; so würde Gregor ohne Ansehen der Person vorschreiten müssen, damit es nicht den Schein gewinne, als ob er die Lombarden betrüge und die Kreuzfahrer vernachlässige. Sobald jene päpstlichen Schreiben in der Lombardei ankamen, erneuten die Städte im November 1235 ihren Bund: Mailand nämlich, Lodi, Novara, Alessandria, Como, Treviso, Padua, Bologna, Brescia, Faenza und FerraraBullae Pontif. ap. Hahn. 19.  Murat. antiq. Ital. IV, 333.. Sie beschlossen, es solle ein Bundesschatz gebildet und zum Theil in Genua, zum Theil in Venedig niedergelegt werden; sie trafen Vorbereitungen für den Fall eines Krieges, und wählten Bevollmächtigte zur Unterhandlung über den Frieden. Als diese jedoch, vorsätzlich oder zufällig, am ersten December nicht in Rom eintrafen, kehrten die Abgeordneten Friedrichs, laut dessen ausdrücklicher Weisung, nach Deutschland zurück. Dem Papste war diese Unterbrechung sehr mißfällig, doch schrieb er am 21sten März 1236 dem Kaiser: »die Lombarden hätten sich entschuldigt und wären zum Abschlusse bereit; weshalb auch er eiligst Abgeordnete senden und den Spruch um so mehr erwarten möchte, da schon viele das Kreuz genommen hätten und ihm vor allen obliege, den Frieden in der Christenheit zu erhalten und gegen die Ungläubigen zu kämpfen.« Gleichzeitig ersuchte Gregor die angesehensten deutschen Prälaten, daß sie den Kaiser für die friedliche Ansicht stimmen möchten; und nicht minder forderte er die Lombarden, durch seinen Abgeordneten, den Bischof Marcellin von Askoli, nochmals dringend auf: sie sollten unter einander endlich 732 {1236} einmal Friede halten und alles zur Aussöhnung mit dem Kaiser vorbereitenSavioli Urk. 612, 613, 614..

Sobald dieser hörte, daß die Lombarden wiederum die Frist überschritten und eine neue Zögerung von vier Monaten veranlaßt hatten, zürnte er sehr und zweifelte um so mehr an der Unparteilichkeit Gregors, als dieser die Schuld der Lombarden keineswegs streng rügte und durch bestimmte Hinweisung auf einen zweiten Kreuzzug die gerechte Furcht erregte, er wolle den Kaiser hiemit von neuem ängstigen und entkräften. Diese Waffe suchte Friedrich gegen den Papst selbst zu kehren, indem er ihm schriebMath. Paris 296.: »Italien ist mein Erbe, das weiß die ganze Welt! Nach fremdem Gute trachten und das eigene aufgeben, wäre ehrgeizig und thöricht zugleich; besonders da mich die Italiener, und vor allen die Mailänder, mit ungebührlichen Beleidigungen reizen und mir nirgends die schuldige Ehrfurcht erzeigen. Allerdings bin ich, obgleich nur ein unwürdiger Diener Christi, doch bereit, als Christ überall die Feinde des Kreuzes zu bekämpfen. Weil aber die Ketzereien in den italienischen Städten nicht bloß keimen, sondern schon zu einem Walde von Unkraut heranwachsen und jede gute Saat ersticken; so wäre ein Krieg gegen die Saracenen, mit Beiseitsetzung dieser nähern und größern Übel, sehr verkehrt. Auch soll man keine Wunde, worin das Eisen noch steckt, mit oberflächlichen Salben und Pflastern überdecken: denn hieraus entsteht keine Heilung, sondern eine desto ärgere Narbe. Ferner bin ich außer Stande, ohne Heer und Schätze so viele und so tapfere Feinde Christi zu bekämpfen: Italien aber besitzt, wie jeder weiß, Menschen, Waffen, Pferde und Reichthümer in Überfluß; und dies alles habe ich, wenn Ungebühr mich nicht daran hindert, für die Errettung des heiligen Landes zu verwenden beschlossen.«

Um dieselbe Zeit schrieb Friedrich nach ItalienRayn. §. 4–12.  Rich. S. Germ. 1036.  Petr. Vinc. III, 1.: er 733 {1236} werde im Sommer daselbst mit den Fürsten ankommen, den Frieden und die Rechte des Kaisers ordnen, jedem ohne Ansehn der Personen, Gerechtigkeit widerfahren lassen, und dann, nach dem Rathe und mit der Macht der Deutschen und Italiener, für das Morgenland wirken. Zu allen diesen Zwecken berufe er hiemit auf den 25sten Julius 1236 einen großen Reichstag nach Parma, biete allen reuigen Städten die Hand der Gnade, werde aber gegen hartnäckige Empörer, den Schlüssen jener erlauchten, unverwerflichen Versammlung gemäß, weltliche Mittel anwenden.

Gregor IX, welcher sah, daß die Gefahr und die Entscheidung immer mehr nahe, schickte im Junius den Kardinalbischof Jakob von Präneste, als Friedensvermittler an den Kaiser und forderte gleichzeitig die Erzbischöfe von Mailand und Ravenna, so wie alle andere Bischöfe dringend auf, den Ausbruch des Krieges auf jede Weise zu hintertreiben. Kardinal Jakob hatte sich aber schon früher (es sey nun aus Unbesonnenheit, oder vermöge geheimer Aufträge, oder weil er glaubte, auch der Papst könne nicht lange mehr jene mittlere Stellung behaupten) parteiisch gezeigt, indem er den Frieden in Piacenza dadurch wieder herstellte, daß er den Markgrafen Ubertus Palavicini, nebst den Anhängern des Kaisers verbannen, und die Stadt in den lombardischen Bund treten ließPlacent. chr. msc.  Savioli z. d. Jahre.  Pet. Vin. I, 21..

Hierüber beschwerte sich der Kaiser aufs lebhafteste bei dem Papste, und der König von England ermahnte diesen im Junius 1236Rymer foed. I, 1, 118.  Cod. Vind. Phil. No. 305, fol. 126.: er möge die Rechte des Reichs um so mehr gegen die Lombarden vertreten, weil jeder Angriff der kaiserlichen Hoheit mittelbar auch die Kirche treffe. Erst am 23sten Oktober antwortete Gregor dem Kaiser: »der Kardinal sey ein durchaus trefflicher Mann, welcher in Piacenza nur den Frieden habe herstellen wollen. Sollte er 734 {1236} jedoch hiebei erweislich dem Kaiser zu nahe getreten seyn, so werde der Papst gern dem Rechte gemäß verfahren. Zuletzt, (das dürfe man nie vergessen) habe ja Reich und Kirche gleiche Zwecke: Herstellung des Friedens, Ausrottung der Ketzer, Rettung des heiligen Landes, und der Papst maaße sich keineswegs etwas an, wenn er in Dingen vorschreite, die der Kaiser mehre Male seinen Händen anvertraut habe. Wohl aber solle dieser, laut frühern oft wiederholten Versprechen, nur mit des Papstes Zustimmung Maaßregeln ergreifen, und bedenken, daß die Lombarden keineswegs Zeichen und Beweise unbeugsamer Halsstarrigkeit gegeben, sondern die Verspätung ihrer Gesandten genügend entschuldigt und sich nochmals zu friedlichen Verhandlungen bereit erklärt hätten.«

Dies alles kam jedoch schon zu spät. Es war unmöglich das Vertrauen zwischen dem Kaiser und den Lombarden herzustellen, und während sich beide Theile, dem alten Grundsatze gemäß, für den Krieg vorbereiteten, um einen bessern Frieden zu erhalten, kamen sie wechselseitig, durch Furcht wie durch Hoffnung angetrieben, dem Kriege immer näher.

Die Lombarden wollten auch nicht das geringste Recht, nicht die geringste Freiheit aufgeben, welche sie jetzt besaßen, und meinten: wenn ihre Vorfahren dem Kaiser Friedrich I den konstanzer Frieden abgezwungen hätten, so wäre ihnen damit nicht der Gränzpunkt aller Ansprüche und aller Thätigkeit gegeben, sondern nur die Richtung vorgezeichnet, in welcher sie weiterschreiten müßten, um eigenen, eigenthümlichen Ruhm zu erwerben. In dieser Ansicht, welche ihre Kraft und ihre Hoffnungen stärkte, lag aber auch natürlich die Besorgniß verborgen, der Kaiser werde im Augenblicke der Übermacht seinerseits eben so wenig den konstanzer Frieden als unantastbar betrachten, sondern es für erlaubt, ja für rühmlich halten, das seinem Großvater Abgezwungene zurückzunehmen. – Ob nun gleich diese entferntern und kühnern Plane nicht bei allen deutlich hervortraten, so blieb doch eine 735 {1236} Verständigung und Einigung über ein mittleres Ziel unmöglich: denn die meisten Lombarden sahen (wie wir nochmals wiederholen müssen) den Inbegriff eines würdigen öffentlichen Daseyns in der vollkommenen Unabhängigkeit von allem geistlichen, adelichen oder königlichen Einflusse; wogegen dem Kaiser, zufolge seiner eigenen Stellung und Natur, dies bloße Bürgerthum als einseitig und dürftig, ja nach so vielen Erfahrungen, als vereinzelnd, auflösend und grundverderblich erscheinen mußte. Hiezu kam, daß diejenigen Lombarden welche jene Ansicht ihrer Mitbürger nicht theilten, verbannt, verfolgt, geplündert wurden und nun bei dem Kaiser, als dem Quell alles Rechts und aller Gnade, Hülfe suchten; daß also viele nicht anders mehr, als in Haß und Fehde leben und nur durch Krieg gewinnen konnten. Und mit derselben Leidenschaftlichkeit wie die Städte, ergriffen die in Italien noch übrigen Fürsten und Adelshäupter Partei: der Markgraf von Este gegen, Ezelin von Romano für den Kaiser.

Als Friedrich II im Jahre 1220 nach Rom zur Krönung hinabzog, stand Azzo VII von Este mit ihm in der freundlichsten Verbindung, nannte sich in Urkunden sogar Statthalter von Apulien, und erhielt die Bestätigung aller seiner BesitzungenMurat. antiq. Est. I, 415, 418, 427.  Murat. antiq. Ital. I, 336.  Reg. Honor. III, Jahr 5, Urk. 516.. Hierunter war Ankona zwar genannt, doch erstreckte sich, wegen der vom Kaiser mit der Kirche eingegangenen Verträge, hierauf keineswegs die Belehnung. Vielmehr ertheilte Papst Honorius III diese im Jahre 1225Nach Compagnoni V, 50 ist des Papstes Belehnungsurkunde vom November 1225. dem Markgrafen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß ohne Hülfe eines ritterlichen Armes, das Land nicht zu behaupten sey. Noch im Jahre 1228 nannte sich Azzo durch apostolische und kaiserliche Gnade, Markgraf von Ankona und Este. Allein bei der zwischen Kaiser und Papst 736 {1236} ausbrechenden offenen Fehde, konnte niemand sich ihrer beiderseitigen Gnade länger erfreuen, und nun war es natürlich, daß Azzo sich zur Kirche neigte: theils als ihr Lehnsmann, theils weil die alten Feinde seines Hauses, Ezelino und Salinguerra, auf die Seite des Kaisers traten. Seitdem wütheten die ärgsten Fehden, fast ohne Unterbrechung, in dem nordöstlichen Theile Italiens. Im Jahre 1236, wo Azzo Podesta in Vicenza geworden war, suchte er durch eine Kriegslist Ezelinos Partei auch aus Verona zu vertreiben und ließ, als dies mißlang, mit Hülfe von Padua, Treviso und Vicenza, die Besitzungen seiner Gegner furchtbar verwüsten. Dies vermochte Ezelino, den Kaiser, wo nicht persönlich, doch schriftlich um Hülfe anzusprechenRolandin. III, 9., und bald nachher wurden Friedrichs Schreiben über seinen bevorstehenden Zug nach Italien, durch besondere Bevollmächtigte in Vicenza übergeben. Aber Azzo wollte davon nicht allein keine Kenntniß nehmen, sondern setzte bald nachher sogar festMauris. 43.  Godi 80.: »wer mit dem Kaiser in irgend eine Verbindung trete, ja ihn nur nenne, sey des Todes schuldig!« Was war bei dieser wild leidenschaftlichen Stimmung von Friedrichs Unterhandlungen zu erwarten?

Über so große Beleidigungen ihres Kaisers waren alle Fürsten sehr erzürnt und riefen: »Italien, ein Erbtheil des heiligen Reiches, müsse um jeden Preis wiedergewonnen und erhalten werden;« – als es nun aber darauf ankam deshalb ernstliche Anstalten zu treffen, meinten vieleCod. Vindob. philol. No. 305, fol. 154.: »Italien sey durch italienische Kraft zu bezwingen, und Friedrich möge lieber aus Apulien, als aus dem Norden eine Hülfsmacht kommen lassen.« Mit dem Zunehmen der Bildung, der Gewerbe, des innern Lebens und Wohlbefindens in Deutschland, hielt man ferne Züge, den zur Kaiserkrönung ausgenommen, weder für nöthig noch für gesetzlich. Auch hatte der König, nach Auflösung der großen 737 {1236} Volksherzogthümer, zwar von den minder mächtigen Fürsten weniger zu befürchten; hingegen verdoppelte sich die Schwierigkeit der Aufstellung eines Reichsheeres durch die Verhandlung mit so vielen, dem Dienste oft abgeneigten, oder dazu unfähigen Personen.

Überdies wuchsen die Kosten aller kriegerischen Unternehmungen; den italienischen Gegnern war selten etwas abzugewinnen, und den italienischen Anhängern durfte man nicht beschwerlich fallen, weil sie sonst lieber auf die Seite der Feinde traten. Aus diesen und ähnlichen Gründen konnte Friedrich in den niederrheinischen Gegenden nur sehr wenige zu einem italienischen Feldzuge überredenGodofr. mon.  Rymer foed. I, 1, 127.; und selbst in Schwaben und Elsaß, wo sein unmittelbarer Einfluß größer war, würde er, ungeachtet alles guten Willens, ohne baare Unterstützung und die englischen Heirathsgelder unübersteigliche Schwierigkeiten gefunden haben.

Fünfhundert besoldete Ritter zogen unter Gebhard von Arnstein nach Italien voraus, und erreichten Verona am 16ten Mai 1236. Das große Heer sollte baldigst nachfolgenGodofr. mon.  Corner 878.. Allein dies angeblich größere Heer, mit welchem der Kaiser am 25sten Julius von Augsburg aufbrach, zählte auch nur 1000 Reiter oder Ritter, und war also (selbst wenn wir jedem Ritter zwei Knappen oder Knechte zugesellen und annehmen, daß die nicht erwähnten Fußgänger den zahlreichern Theil ausmachten) nur gering, und zur Unterjochung Italiens ohne italienische Hülfe auf jeden Fall viel zu gering. Am 12ten August trafen die Brüder Ezelin und Alberich von Romano den Kaiser in Trident, am 16ten August nahmen sie ihn mit den größten Ehrenbezeigungen in Verona aufBonelli notiz. II, 577.  Verci Ecel. II, 113.  Parmense chron.. – Nachdem das Heer in dieser Gegend erquickt war, zog der Kaiser ohne Hinderniß über 738 {1236} den Mincio, vereinigte sich hier mit großen Schaaren aus den ghibellinischen Städten Parma, Cremona, Reggio und Modena, eroberte Markaria und Ponteviko am Oglio, und erreichte glücklich Cremona, ohne daß die Mailänder und ihre Verbündeten ihn anzugreifen wagten.

Bald nachher traf aber die Nachricht ein: daß Mannschaft aus Padua, Treviso, Vicenza und Kamino, unter Anführung des Markgrafen von Este, gen Verona aufgebrochen sey und seit dem dritten Oktober Rivalta belagere. Sogleich verließ Ezelino mit den seinen das Heer, konnte jedoch weder Rivalta entsetzen, noch Verona hinreichend decken; weshalb der von der wachsenden Gefahr benachrichtigte Kaiser unverzüglich aufbrach, in einem Eilzuge die Etsch erreichte und seine Feinde mit Anbruch des Tages dergestalt überraschte, daß sie in wilder Unordnung entflohen und er fast gleichzeitig mit ihnen vor Vicenza anlangte. Seine Aufforderung, ihm friedlich die Thore zu öffnen, ward abgeschlagen, und nun der Sturm mit größter Heftigkeit begonnen. In der Nacht vom 10ten auf den 11ten November erstiegen die Deutschen die MauernGalv. Flamma 269.  Erfurt. chr. S. Petr.  Mediol. annal.  Dandolo 349., erbrachen ein Thor und hauseten nun furchtbar in einer Stadt, wo man es als todeswürdiges Verbrechen bezeichnet hatte, ihren Kaiser zu nennen! Selbst bei dem besten Willen konnte dieser anfangs Brand und Plünderung nicht hemmen; ja ein angesehener Deutscher, welcher edeln Frauen Gewalt anthun wollte und auf Ezelinos Einrede keine Rücksicht nahm, wurde von diesem zum abschreckenden Beispiele niedergestochenPatavin. chr. 1133.  Paduan. reg. catal.. Nach endlicher Herstellung der Ruhe, behandelte Friedrich die Bürger milde, verzieh ihnen, mit Ausnahme weniger Häupter, ihre Empörung, ließ jedem den freien Genuß seines Vermögens und ernannte Alberich von Romano zum PodestaMaurisius 38-41.. Schon wurde hierauf das Gebiet von Padua überzogen und Treviso (ungeachtet der tapfern 739 {1236} Vertheidigung des Podesta Jakob Tiepolo aus Venedig ) aufs äußerste bedrängt, als ein so unerwartetes, als wichtiges Ereigniß den Kaiser nach Deutschland zurückrief.

Gleich nach seiner Entfernung war nämlich Herzog Friedrich von Österreich wieder aus seinen festen Schlössern hervorgebrochen, und hatte mit großer Kühnheit das Reichsheer überrascht, geschlagen, und die Bischöfe von Passau und Freisingen gefangen.

Einen solchen, wahrscheinlich bald über die Gränzen seines Landes vordringenden, Gegner durfte der Kaiser nicht im Rücken lassen und sich der Gefahr aussetzen, ganz von Deutschland abgeschnitten zu werden. Deshalb eilte er mitten im Winter über die AlpenpässeHasselbach 721.  Pappenheim.  Neuburg. chron.  Godofr. mon.  Mellic. chron.  Leobiense chron. 813. nach Steiermark, während sein Sohn Konrad mit einem neuen Reichsheere die Donau hinabzog. So wenig Eifer die Fürsten für einen italienischen Feldzug gezeigt hatten, so rasch und nachdrücklich unterstützten sie den Kaiser innerhalb Deutschlands für eigentlich deutsche Zwecke. Es gesellten sich zu ihm der Patriarch von Aquileja, die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Salzburg, mehre Bischöfe, der König von Böhmen, die Herzöge von Baiern und Kärnthen, der Landgraf von Thüringen, der Markgraf von Baden, der Burggraf von Nürnberg, und viele andere. Leicht wurde ganz Österreich wiederum gewonnen, und der Herzog in dem festen Neustadt eingeschlossen. Von Wien aus, dessen Bürger ihn eingeladen hatten, ordnete der Kaiser alle künftigen Verhältnisse. Die Bischöfe Egbert von Bamberg, Rüdiger von Passau und einige andere Grafen, wurden als kaiserliche Statthalter in Österreich, Graf Poppo von Henneberg als Statthalter in Wien bestätigtSenkenberg sel. IV, 430.  Schultes Gesch. v. Henneberg I, 62.  Chron. Udalr. August.  Avent. ann. Boj. VII, 4, 10..

Unter mehren Vorrechten bekam diese Stadt das wichtige der Reichsunmittelbarkeit. Ja im März 1237 sagte 740 {1237} der KaiserMonum. boica 34.: Österreich sey durch Gottes Hülfe an ihn gekommen; und noch deutlicher sprach er sich in dem merkwürdigen Freibriefe aus, welchen Steiermark im April desselben Jahres erhielt. »Weil die Einwohner«Lünig Reichsarchiv, ps. spec. von Steierm., Urk. 76, p. 141., so heißt es daselbst, »dem Kaiser so treulich beigestanden und den vom Herzoge ihm angethanen Schimpf so nachdrücklich gerächt haben, soll Steiermark nie wieder an einen Fürsten von Österreich kommen, auch keinem andern (es sey denn auf Bitten der Einwohner) verliehen werden, sondern kaiserliches Lehn bleiben. Jeder wird nach den Gesetzen der Landschaft gerichtet, in welcher er wohnt; aller Zwang von Seiten des Fürsten bei Verheirathung der Töchter hört auf. Stirbt jemand ohne Testament, so erbt der nächste Verwandte, und die Lehen gehn auch auf die Töchter über. An die Stelle des Beweises durch Kampf, tritt überall der Beweis durch Zeugen. Leibeigene dürfen nicht wider den Willen ihrer Herrn in die Städte aufgenommen werden. Ohne Zustimmung der Stände findet keine neue Steuer und keine Umprägung der Münze statt. Jeder darf auf seinem Grund und Boden eine Kirche erbauen.«

In solchem Glücke, nach Erwerbung zweier Länder, die jährlich an 60,000 Mark brachten, ward es dem Kaiser nicht schwer, die Stimmen aller in Wien anwesenden Fürsten für die Königswahl seines Sohnes Konrad zu vereinigen. Damit aber die Beistimmung keines irgend Berechtigten oder Mächtigen fehle, so setzte er einen neuen Tag in Speier an, wo jener Schluß allgemein bestätigt, und in einer Urkunde gesagt wardDie Urkunden bei Leibn. Prodr. No. 11.  Olenschlager, Urk. 15.  Dumont I, Urk. 332, p. 174.  Baluz. misc. I, 191 haben kein Datum, gehören aber wohl zu 1237.  Godofr. mon.  Colmar. chr. I.  Auctor inc. apud Urstis.  Auch war Friedrich im Julius 1237 zu Speier. Lünig spicil. eccl. von Rothenmünster, Urk. 2.: »um den nachtheiligen Folgen 741 {1237} eines Zwischenreiches oder zwistiger Wahlen, bei dem Tode des Kaisers zu entgehen, und eingedenk der großen Verdienste, welche er und seine Vorfahren sich um das Reich erworben haben, erwähle man (so wie David an Sauls Stelle erwählt worden sey) Konraden an Heinrichs Stelle zum deutschen König und künftigen Kaiser.«

Fröhliche Feste beschlossen diesen Reichstag, und nichts stand der Rückkehr Friedrichs nach Italien mehr entgegen.

Hier hatten die Guelfen bei seiner Abreise neuen Muth gefaßt, am Tage vor Weihnachten 1236 Markaria erobert und den größten Theil der cremonesischen Besatzung niedergehauenMemor. pot. Regg. zu 1236.  Barthol. ann.  Galv. Flamma 269.. Dem Markgrafen von Este wurde die Stadtfahne von Padua eingehändigt, damit er, als der erste unter den Edeln der ganzen Landschaft, die erste ihrer Städte beschütze. Doch setzte man ihm sechzehn Männer zur Seite, in der Hoffnung, ihre gemeinsame Weisheit werde in gefährlichen Lagen leichter die rechten Mittel finden, als wenn man die Vollmacht eines einzelnen übermäßig ausdehne. Unerwartet aber ergab sich, daß mehre von jenen sechzehn Männern kaiserlich gesinnt waren; weshalb sie der Podesta Ramberto (dem bei Azzos einstweiliger Entfernung die Leitung der Geschäfte oblag) schwören ließ: sie wollten sich sogleich nach Venedig zum Dogen begeben, um daselbst weitere Befehle zu empfangenRoland III, 11-16.  Mauris. 48.. Von allen aber gehorchte nur der siebenzigjährige Schinella Konti, die andern begaben sich, aus Furcht vor einer gewaltsamen Behandlung, auf ihre Schlösser. In diesem ungünstigen Augenblicke traf die Nachricht ein: daß die Brüder Romano und der vom Kaiser zurückgelassene Graf Gebhard, mit Heeresmacht nahten. Schnell zog ihnen paduanische Mannschaft bis Kartura entgegen, ward aber mit großem Verluste geschlagen, und 742 {1237} der Ort genommen. Ungehindert erreichte Ezelin itzt Monselice, welches auf einem, auf fruchtbarer Ebene sich anmuthig erhebenden, ringsum schwer angreifbaren Hügel liegt. Weil der Ort zu den alten kaiserlichen Kammergütern gehörte, die Einwohner aller Abhängigkeit von Städten überdrüssig und die Befehlshaber gewonnen waren; so eröffnete man ohne Widerstand die Thore. Hiedurch sah sich der Markgraf von Este ganz von Padua abgeschnitten und in solcher Verlegenheit, daß er sich, dem heftigen Andrängen Ezelinos nachgebend, für den Kaiser erklärte, und nur eine friedliche Behandlung seiner übrigen Besitzungen ausbedung. Nunmehr versammelte Ezelin seine Mannschaft, die Einwohner von Monselice und alle zu ihm geflüchteten oder gefangenen Paduaner, und sagte: »zeither habe nicht Recht und Gesetz gegolten, sondern Unordnung und Willkür, Unwissenheit und Bosheit; jetzt aber werde dies alles ausgetrieben und die Herrschaft des großen Kaisers wieder hergestellt. Auch in Padua sey jeder Bessere und Verständige der Empörung abhold, weshalb er die baldige Einnahme dieser Stadt hoffe.« Einer von den entflohenen sechzehn Männern bestätigte Ezelinos Worte und der Burgvogt von Monselice fügte hinzu: »alle wünschten sich von dem verderblichen Einflusse der Städte zu befreien; alle wären bereit für den wahren Herrscher Leben und Güter zu wagen.«

Dem gemäß, zog man nach Padua und bestürmte am 24sten Februar 1237 die Stadt, im Vertrauen auf die eigene Übermacht und auf die ghibellinisch gesinnten Bürger. In diesem Augenblicke war jedoch die Tapferkeit und Einigkeit noch so groß, daß Ezelinos Mannschaft überall zurückgeschlagen wurde und der Hauptzweck seiner Unternehmung schon für vereitelt galt. Da wechselten mit einer fast nur in italienischen Städten möglichen Schnelligkeit die Verhältnisse: Geschenke und Versprechungen, Furcht und Drohungen wirkten dergestalt, daß man schon am Morgen nach jenem Siege die bisherigen Obrigkeiten absetzte, neue 743 {1237} erwählte und einen Vertrag abschloß des Inhalts: »die Gefangenen werden frei gelassen, die alten Rechte nicht geändert, die alten Abgaben an den Kaiser nicht erhöht und die Stadt übergeben.« – Als Ezelin am 25sten Februar 1237 in Padua einritt, nahm er seinen eisernen Helm ab, beugte sich seitwärts und küßte das Stadtthor. Die ängstlichen Bürger nannten diesen Kuß erfreut den Kuß des Friedens; sie irrten sich sehr. Es schien als sey von diesem Tage an Ezelino der Hölle verfallen: denn alles Große und Edle seiner Natur schwand immer mehr vor dem Bösen dahin, welches aus dem Boden seines strengen und finstern Gemüthes wuchernd emporwuchs.

Graf Gebhard übernahm zwar die Stadt in des Kaisers Namen; indeß ordnete Ezelino das meiste nach seinem Willen, berief eine Versammlung der Bürger und sprach hier von der Macht Friedrichs, von dem Glücke Paduas nunmehr den rechten Weg betreten zu haben, endlich von der Nothwendigkeit einen neuen Podesta zu wählenRoland. IV, 1-3.  Laurent. 143.  Cortusior. hist. 768.. Als sich, wie er erwarten konnte, die meisten Stimmen für ihn einigten, stellte er sich erzürnt und verließ die Versammlung: allein keiner trat von seiner Wahl zurück, so daß Ezelin itzt einen Grafen Simon aus Apulien an seiner Statt zum Podesta ernannte. Auf diese Weise blieb ihm dieselbe Macht, und doch gab er weder dem Kaiser noch den Bürgern Grund zu argwöhnischen Besorgnissen. Nur wenige von den letzten verließen die Stadt in aller Stille; die meisten feierten Feste, entweder weil sie über den Wechsel der Dinge wirklich erfreut waren, oder es für rathsam hielten Freude zu erheucheln.

Nicht minder ergab sich Treviso den Kaiserlichen, und während Graf Gebhard diese Siegesbotschaften nach Deutschland brachte, befestigte Ezelino seine Macht, legte, auf Kosten der Bürger, deutsche und saracenische Söldner in die Städte, und stellte jetzt den Paduanern vor: es 744 {1237} wären gegen mehre von ihnen harte Beschuldigungen angebracht worden, über ihre Zuneigung zu dem Markgrafen von Este und über die Langsamkeit, mit welcher sie die Befehle des Podesta vollzögen. Nun glaube er zwar um so weniger etwas von dem allen, da es bekannt sey, daß der Kaiser Padua auf jede Weise schützen und erhöhen wolle; doch bitte er, die von ihm näher bezeichneten Edeln und Bürger möchten, zur Widerlegung aller Gerüchte und zur Hemmung alles Streites, eine Zeit lang Padua verlassen.« Diese Bitte, welche man einem Befehle gleich achten mußte, wurde befolgt; anstatt aber die Ausgewanderten, der erregten Hoffnung gemäß, bald in ihre Heimat zurückzuführen, ließ sie Ezelino durch Söldner aufheben und in festen Orten verwahren; ja einige wurden als Geißeln nach Deutschland und nach Apulien gesandt. Maaßregeln so gewaltsamer Art erregten in Padua die größte Bestürzung: viele entflohen, um einem ähnlichen Schicksale zu entgehen, und sicherten dadurch allerdings ihre persönliche Freiheit; aber man betrachtete sie nun als Majestätsverbrecher, zog ihre Güter ein und riß ihre Häuser nieder.

Mit dem allen war niemand unzufriedner als Giordano, der Vorsteher des Klosters S. Benedetto, welcher, durch Rechtlichkeit und Verstand, zeither den größten Einfluß auf die Beschlüsse der Bürgerschaft gehabt hatte. Ihm schickte Ezelino ein gesatteltes Pferd, mit der Aufforderung: er möge sogleich, wichtiger Angelegenheiten halber, zu ihm eilen. Giordano gehorchte, im Vertrauen auf die Sicherheit, welche ihm sein Stand gewährte; ward aber von Ezelino, nach harten Vorwürfen über seine noch fortdauernden Verbindungen mit dem Markgrafen von Este, in die Burg S. Zeno gefangen gesetzt. Hierüber entstand neue Bestürzung, und der Bischof Konrad von Padua hielt es für seine Pflicht, sich bei Ezelino nachdrücklich für den Gefangenen zu verwenden; allein jener gab ihm die strenge Antwort: »jetzt dürfe nicht mehr, wie sonst, jeder 745 {1237} anmaaßliche Geistliche des Kaisers Majestät verachten, vielmehr solle er selbst für seine ungebührliche Einmischung in weltliche Dinge, nebst seinen Genossen, als ein Pfand künftigen Stillschweigens und Gehorsams, 2000 Mark bezahlenMauris. 50..« Bald darauf sandte Ezelino 200 ihm verdächtige Männer nach Ravenna, damit er diese Stadt schrecke und jede gefährliche Einigung der Paduaner unmöglich mache.

Um diese Zeit, im August 1237, zog der Kaiser nach glücklicher Beseitigung aller deutschen Angelegenheiten, wieder über die Alpen in die lombardischen Ebenen hinab. Sein Heer war nicht zahlreich, verstärkte sich aber schnell durch die von allen Seiten ihm zuströmenden GhibellinenRich. S. Germ., und 10,000 Saracenen aus Luceria waren bereits nach dem obern Italien aufgebrochen. Der Markgraf von Este, Jakob von Karrara und viele andere Edle, eilten dem Kaiser entgegen, um durch pünktlichen Gehorsam seine Gunst zu erwerben. Auch behandelte er alle sehr freundlich; wie weit es jedoch über seine Kräfte ging die sich furchtbar Hassenden zu versöhnen, ergiebt sich schon daraus, daß Jakob von Karrara Ezelinen, mit dem er in Wortwechsel gerieth, würde ermordet haben, wenn es der Kaiser nicht verhindert hätte.

Schnell benutzte Friedrich die ihm zu Gebote stehende Übermacht und eroberte mehre Schlösser, insbesondere Montechiaro, die Vormauer von Brescia. Laut klagte die, gefangen nach Cremona geschickte, Besatzung: daß der Kaiser ihnen Freiheit des Gutes und der Personen zugesichert, aber sein Versprechen nicht gehalten habe; wogegen Friedrich behauptete: diese Gunst habe er nur für den Fall bewilligt, daß sich auch Brescia ihm ergebe. Jeder glaubte und erzählte dies oder jenes, seiner einmal ergriffenen Partei gemäß; an die Ermittelung und den Beweis der Wahrheit dachten damals die Handelnden und die Geschichtschreiber gleich wenig; weshalb 746 {1237} man auch jetzt die Widersprüche oft nur schroff und ungelöset nebeneinanderstellen kann. Weit wichtiger als die Eroberung jener Schlösser, war am ersten Oktober 1237 die Übergabe von MantuaMario Equicola 58.  Maffei ann. 586.  Bonon. hist. misc.  Estense chr.  Zagata 32.. Der Graf von S. Bonifazio schloß darüber einen Vertrag ab, welcher die Bürger von aller etwanigen Strafe befreite, ihnen die Erlaubniß bestätigte ihre Obrigkeiten zu erwählen und überhaupt von Seiten Friedrichs gemäßigtere Grundsätze zeigte, als man erwartet hatte.

So wie Mantua, stellte sich itzt durch Salinguerras Einwirkung, auch Ferrara auf dessen Seite; und nachdem endlich die Saracenen aus Luceria angekommen waren, erhielt das kaiserliche Heer eine so große Überlegenheit, daß fast niemand an der baldigen Unterjochung der ganzen Lombardei zweifelte. Deshalb wandten sich die Mailänder mit ängstlichen Bitten an den Papst, welcher ihnen auch (zufolge der, wenigstens vom Kaiser als unzweifelhaft betrachteten, Nachrichten) bedeutende Geldsummen zur Unterstützung gab und noch mehre versprachMath. Paris 296.. Durch solchen Rückhalt kühner geworden, zogen jene mit einem großen Heere aus der Stadt hervor, und der Kaiser beschloß den Kampf anzunehmen. Dies führte jedoch neue Berathungen herbei, wo sich einer ihrer ältesten und angesehensten Mitbürger dahin äußerteRayn. zu 1236, §. 15–25.: »der Kaiser ist, wie die ganze Welt weiß, unser höchster Herr; ihn zu besiegen bringt uns mithin keine Ehre; eine Niederlage hingegen stürzt uns in die größte Schande und das größte Unglück. Laßt uns daher das Sichere erwählen und nach Mailand zurückgehn. Gewaltsame Angriffe von unsern Mauern abhalten ist erlaubt, und wir werden so, wo nicht unsern väterlichen Boden, doch gewiß unsere Ehre retten.« – In diesem Augenblicke, wo die Furcht auf der einen, die Hoffnung auf 747 {1237} der andern Seite höher als je gestiegen war, erschienen päpstliche Gesandte bei dem Kaiser, um ihn zu einem billigen Frieden zu bewegen. Aber Friedrich ließ sie nicht vor; ein Beschluß, der sich zum Theil aus dem Erzählten und seiner augenblicklichen Lage, mehr aber noch aus dem erklärt, was seit dem Herbste 1236 zwischen ihm und Gregor nicht bloß über die lombardischen, sondern auch über die neapolitanischen Angelegenheiten war verhandelt worden.

Gregor klagte, daß der Kaiser manche von den ihm ehemals abtrünnigen Edeln und Gemeinen härter behandele, als es der geschlossene Friede erlaube, bei Besetzung geistlicher Stellen eigenmächtig verfahre, und deren Inhaber widerrechtlich anhalte Steuern zu bezahlen und vor weltlichem Gerichte zu erscheinen. Auf diese und ähnliche, seine Regierung treffende Vorwürfe antwortete der Kaiser sehr nachdrücklich, und erörterte die Rechte der weltlichen Herrscher aus geschichtlichen und andern Gründen. Allein Gregor blieb nicht zurück, sondern bemühte sich seine Ansicht und sein Verfahren in einem umständlichen Schreiben zu rechtfertigen, aus welchem wir das erheblichste mittheilen: »wenn du deine bittern Worte durch den Geist der Liebe, Bescheidenheit und Ehrfurcht gemildert hättest, so würden sie minder anstößig erscheinen. Wenn du ein Schüler unserer Lehre und für unsere Ehre so besorgt wärest, wie wir für die deinige, so hättest du auf bestimmte Thatsachen und Beschwerden nicht mit unbestimmten, unpassenden Reden geantwortet. Es ist deiner unwürdig zu behaupten, du wissest nichts von Dingen, welche du doch veranlaßt oder gebilligt, worüber du schon so viele päpstliche Schreiben und Botschaften empfangen hast; du wissest nichts von den Bedrückungen der Kirchen und Vasallen deines Reiches, in welchem ja niemand ohne deinen Befehl, Hand noch Fuß zu regen wagt. Gestehen doch deine Schreiben selbst ein, daß du, um königliche Rechte zu sichern, kirchliche Rechte eigenmächtig verändert und die Bürger von Kastello unter 748 {1236} deine Unterthanen aufgenommen habest; als wenn ein Beschluß derselbenConcil. XIII, 1153. einseitig unsere Anrechte vernichten und den Besitz auf dich übertragen könnte! Wenn du klüglich bedächtest, daß der Baum des Lebens mitten im Paradiese steht, so würdest du auch im Mittelpunkte deiner Gränzen bleiben und dich am wenigsten zu einer unvorsichtigen Aburtelung der Geheimnisse unseres Gewissens hervorwagen, wodurch du nur die Anbrüchigkeit deines eigenen Gewissens verräthst. Siehst du nicht, daß die Nacken der Könige und Fürsten vor den Geistlichen gebeugt sind? Es sollen christliche Kaiser ihre Beschlüsse nicht bloß dem römischen Papste unterwerfen, sondern auch niemals den Entscheidungen anderer Prälaten voranstellen. Gott hat den apostolischen Stuhl zum Richter des ganzen Erdkreises gesetzt, ihn selbst aber in Hinsicht alles geheimen, wie alles offenbaren, nur seinem eigenen Urtheile unterworfen. Wenn es auch, wie du in deinem Schreiben anführest, erlaubt wäre Kirchengüter einzutauschen, dann doch nicht ohne Beistimmung der geistlichen Obern, und am wenigsten zum Schaden der Kirche; wenn du auch einige erledigte Pfründen besetzen möchtest, so kannst du doch, als Laie, niemanden in geistliche Geschäfte einweisen; wenn du auch den Nachlaß verstorbener Bischöfe an dich nehmen dürftest, so erwachsen dir hiedurch doch keine weiteren, unsere Machtvollkommenheit beschränkenden Rechte. Willst du den wahren Sinn der königlichen und kaiserlichen Rechte, von denen du sprichst, besser erfahren, so betrachte die Handlungsweise deiner Vorgänger, Konstantins und Karls des Großen, mit welchen im Widerspruche du die geistliche Gewalt vernichten und Rom in weltliche Hände bringen möchtest. Ist es aber nicht offenbar ein erbärmlicher Wahnsinn, wenn der Sohn mit dem Vater, der Schüler mit dem Meister zu hadern wagt; mit einem Meister, der ihn, nach göttlicher Einsetzung, nicht bloß auf Erden, sondern auch im Himmel 749 {1236} binden kann! Und diese heilige Macht, welche zwar bisweilen, aber immer nur durch Übertretung göttlicher Gesetze von der weltlichen Gewalt verletzt wurde, drohst du mit schwülstig rednerischen Worten bei Königen und Fürsten zu verklagen! Wir müssen dich deshalb bitten und ermahnen, daß du dich unter die mächtige Hand Gottes, dem auch das Verborgenste offenbar ist, demüthigen und alles seiner Braut, der Kirche, angethane Unrecht bessern mögest; damit er seine Augen nicht von dir wende und wir uns in Gottes Namen über deine kaiserlichen Fortschritte aufrichtig freuen können.«

Auf dieses Schreiben hätte der Kaiser wohl nachdrücklicher geantwortet, wenn nicht um dieselbe Zeit die Empörung des Herzogs von Österreich ausgebrochen wäre; und wiederum würde Gregor wohl noch schneller und bestimmter gegen den Kaiser vorgeschritten seyn, wenn nicht Peter Frangipani neue Unruhen in Rom veranlaßt hätteBussi 124.  Rich. S. Germ. 1037. Es ist nicht erwiesen, ob und welchen Antheil der Papst an der Empörung des Herzogs, und der Kaiser an den römischen Unruhen hatte..

Bei diesen Umständen ersuchte Friedrich nochmals den Papst, das Geschäft eines Friedensvermittlers zu übernehmen, und dieser schickte auch am 29sten November 1236 zwei Kardinäle mit den gehörigen Vollmachten und Anweisungen nach der Lombardei. Ihre Bemühungen hatten indeß keinen erheblichen Fortgang; weshalb der Kaiser im Anfange des Jahres 1237 den Deutschmeister Hermann von Salza und seinen Geheimschreiber Peter von Vinea nach Viterbo sandte, und den Papst um schleunige Entscheidung und nachdrücklichen Beistand gegen die fortdauernd Widerspenstigen bitten ließ.

Gregor erkannte sehr wohl, welche Gefahr dem päpstlichen Stuhle drohe, wenn Friedrich (glücklicher und mächtiger als sein Großvater) zugleich im obern und im untern Italien Herr werde; doch war durchaus kein Grund 750 {1237} vorhanden, mit ihm zu brechen, so lange er der Kirche den Ausspruch in der wichtigsten Angelegenheit anvertraute. Und bloß politische Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten (welche in spätern Zeiten das Verfahren der Päpste nur zu oft bestimmten und verwickelten) erschienen damals, bei dem Festhalten der ächtern Grundlage katholischer Kirchenherrschaft, keineswegs entscheidend. Deshalb schrieb GregorSavioli III, 2, Urk. 615, 616.  Rich. S. Germ. 1037.  Tiraboschi stor. litt. IV, 20.  Bullae Pont. ap. Hahn. XII.  Rayn. zu 1237, §. 1–6., jedoch erst am 23sten Mai, den Lombarden: »der Kaiser verlange seinen Beistand und eine baldige Entscheidung, und er, dem die Pflicht obliege gegen jeden Gerechtigkeit zu üben, müsse also auch ihm in seinen Rechten beistehen. Jede längere Zögerung und Uneinigkeit mehre bei Friedrichs Übermacht die Gefahr; darum sollten sich ihre Bevollmächtigten am sechsten Junius in Mantua einfinden, wo die Kardinäle Rainald von Ostia und Thomas von Sabina den Gang der Unterhandlungen leiten würden.«

Es findet sich aber nirgends, daß die Lombarden oder die Kardinäle bis zum Herbste 1237 irgend etwas erhebliches für die Herstellung des Friedens thaten; vielmehr glaubte Friedrich, jene würden in ihrer Widersetzlichkeit und in ihren Hoffnungen von diesen nur bestärkt. In gleichem Sinne schrieb Peter von Vinea an den Erzbischof von KapuaPetr. Vin. III, 29.: »unser Schifflein treibet zwischen der Scylla und Charybdis, zwischen den Listen der Kardinäle und der Lombarden.« Bei diesen Umständen hielt es der Kaiser für natürlich und nothwendig, des Papstes Friedensbefehle eben so wenig zu befolgen, als es die Lombarden thaten, und mit seiner überlegenen Macht den Krieg auf die bereits erzählte Weise zu beginnen. Erst nachdem er Mantua gewonnen hatte und die Lombarden in die größte Gefahr gerathen waren, fanden sich jene Kardinäle als Friedensvermittler bei ihm ein; aber er wies sie jetzt, wie gesagt, 751 {1237} zurück und schrieb dem PapsteLitt. princ. ap. Hahn. No. XV.  Es sind Gründe vorhanden, dies Schreiben auf den Herbst 1236, oder auf den Herbst 1237 zu setzen. Wir haben den Inhalt hier aufgenommen, um an der entscheidenden Stelle nachzuweisen, was der Kaiser verlangte.: »ich zog mit friedlichen Absichten und Erklärungen nach Italien und hielt den Eifer der Deutschen zurück, welche sonst wohl daselbst mancher Willkür nachzugehen pflegen. Ich schickte den Deutschmeister Hermann nach Mantua, um wegen des Friedens zu unterhandeln: aber überall fand ich nicht Zeichen der Ehrfurcht, sondern des Ungehorsams und des Aufruhrs. Erst nachdem der Himmel mir im Felde gegen die Widerspenstigen Glück gegeben hatte, erschienen einseitige Vermittler; als wahre Vermittler kann ich aber, nächst euch, nur die Fürsten annehmen. Unschicklich wäre es ferner gewesen, wenn ich, wie man verlangte, persönlich mit den Ungehorsamen verhandelt hätte; sie mußten es schon für eine Gnade halten, daß ich nochmals Bevollmächtigte zu diesem Zweck an sie absandte. Niemals aber wollten die Listigen ihre Forderungen und Friedensbedingungen aussprechen, wohl wissend, wie sie hiebei über alles Recht und billige Maaß hinausgehen. Oder können sie leugnen, daß sie mir als ihrem Herrn und Kaiser zur Treue verpflichtet sind? daß sie meine Rechte, oder vielmehr das, was sie Regalien zu nennen belieben, widerrechtlich an sich gerissen, und Kirchen, Prälaten, Herzöge, Markgrafen und Grafen noch weniger verschont haben?«

»Ich habe ihnen vorgeschlagen: sie möchten entweder, wie es in allen Reichen Sitte ist, ihre Rechte und Entschuldigungen vor deutschen und italienischen Fürsten entwickeln und deren Spruche gehorsamen; oder, mit Beiseitsetzung rechtlicher Förmlichkeiten, mir und dem Reiche eine annehmliche Genugthuung leisten. Ja ich habe mich erboten ihnen aus Gnaden mehr zu bewilligen, als das Recht irgend verlangt, sobald sie nur Sicherheit für die Erfüllung 752 {1237} des von ihnen Übernommenen stellten, und ihnen meinerseits (damit nirgends ein Vorwand zu Argwohn bleibe) keine Sicherheit und Bürgschaft verweigert, welche Unterthanen irgend von ihrem Kaiser erheischen können. Als sie aber sahen, daß meinen gerechten Forderungen gar nichts gründliches mehr entgegenzustellen sey, so verwarfen sie unverholen jeden Rechtsgang, verschmähten meine Milde, setzten ihre Willkür an die Stelle löblichen Gehorsams und verlangten mit der größten Standhaftigkeit, oder vielmehr mit übertriebener Hartnäckigkeit, die Festhaltung des konstanzer Friedens, welcher, (abgesehen davon, daß er sich für das Reich und die Kirchenfreiheit gleich nachtheilig gezeigt hat) bei veränderten Umständen und im Augenblicke neu aufzufindender Vergleichspunkte, unmöglich als unbedingte Richtschnur angenommen werden kann.«

Den Lombarden, welche in dem konstanzer Frieden zwar nicht die einzige, aber doch die einzig gesetzliche Lebensquelle ihrer Freiheit sahen, erschien diese Erklärung des Kaisers, trotz aller höflichen Worte, schreckend und verwerflich; wenn sie aber in jedem günstigen Augenblicke kühn über die Bestimmungen jenes Friedens hinausgegriffen hatten und sich immer weitere Ziele vorsteckten; so war es nicht unnatürlich, daß der Kaiser, der in jenem Frieden eine Quelle alles Ungehorsams und aller Unordnungen erblickte, seinerseits nicht immer verlieren, sondern in den Tagen des Glücks und der Übermacht nun auch einmal gewinnen wollte. Ein päpstliches SchreibenRayn. §. 80. vom 29sten Oktober 1237, worin er ernstlich zu einem Kreuzzuge angewiesen wurde, konnte ihn in seiner Bahn um so weniger aufhalten, da sich auch die Mailänder bereits gerüstet und mit Hülfsmannschaft aus Alessandria, Vercelli, Novara, Bologna und andern Bundesstädten vereinigt hattenPetr. Vin. II, 1, 3, 35 u. 50.  Ghirard. I, 159.. Alle gingen über den Oglio und bezogen, zwischen Bächen und 753 {1237} Sümpfen, ein so festes Lager, daß sie der Kaiser weder angreifen, noch im Rücken lassen und weiter gen Mailand vordringen konnte. Die Zahl beider Heere mochte ziemlich gleich und keines, trotz der unsichern vergrößernden Angaben, über 16 bis 20,000 Mann stark seyn. Und diese Zahl verminderte sich noch von Tage zu TageSiehe die Berechnungen, in Funks Leben Friedrichs 204., weil die Lombarden lange dauernder Kriegszüge ungewohnt waren und sich, bei der eintretenden übeln Witterung des Spätherbstes, sehr nach der Heimath sehnten.

Überhaupt strebten die Verbündeten dahin, daß dies Jahr ohne erhebliches Ereigniß vorübergehen und die Sache sich in die Länge ziehen möge; während der Kaiser, dem es viel mehr Mühe kostete ein Heer aufzustellen und zu erhalten, eine baldige entscheidende Wendung wünschen mußte. Weil sich diese aber im Felde nicht darbot (denn die Mailänder waren durch drohende Bewegungen gegen den Oglio hin, keineswegs aus ihrem festen Lager hervorzulocken), so wandte er sich nochmals zu Unterhandlungen. Wie freuten sich die Lombarden, diese, wie immer, abgelehnt zu haben, als bald nachher die freudige Nachricht eintraf: das kaiserliche Heer löse sich in mehre Abtheilungen auf, welche theils in ihre Heimath, theils zur Überwinterung nach Cremona zögen.

Jubelnd verließen alle ihr morastiges Lager und die durch Regengüsse erweichten ungesunden Erdhütten, und eilten, der strengen Kriegsordnung entbunden, nach Hause.

Aber wie erschraken sie, als ihnen am Morgen des 27sten November 1237 aus allen Wäldern, Thälern und Engwegen ringsum Feinde entgegentraten. Eilends ordneten sich zwar die Zerstreuten in der Gegend von KortenuovaZwischen Martinengo und Romano . Celestini I, 167, 518.  Martene coll. ampliss. II, 1151., und fochten so tapfer, daß die vorausgeschickten 754 {1237} Saracenen bereits wichenFioretto di cron.  Math. Paris 204.  App. ad Malat.  Cod. phil. Vindob. No. 61, ol. 54; No. 305, fol. 130.  Cremon. chron. Baluzii.; als aber der Kaiser, von Enzius, Ezelin und vielen Rittern und Edlen umgeben, mit der größten Kühnheit vordrang, begaben sich die meisten aus die Flucht. Nur die heilige, zum Schutze des Fahnenwagens bestimmte Schaar wehrte sich unter Anführung Heinrichs, der den Beinamen des Feuerwerfers trugDavorio 58. mit unbezwinglichem Muthe, bis die Nacht und gewaltige Regengüsse hereinbrachen und dem Kampfe ein Ende machten. Weil sie aber der entschiedenen Übermacht ihrer Gegner bei erneutem Gefechte nothwendig hätten erliegen müssen, beschloß man in der Nacht mit dem Fahnenwagen abzuziehen. Allein (welch neuer Schmerz für die tapfern Kämpfer!) dieser Fahnenwagen war so tief im Moraste versunken, daß keine Kraft hinreichte ihn fortzubewegen. Deshalb schlugen sie ihn mit wehmüthiger Verzweiflung in Stücke, hoffend wenigstens das goldene, an der Spitze des Mastbaums befestigte Kreuz nach Mailand zu retten. Auch diese Hoffnung schlug indeß fehl: schon drangen die Kaiserlichen heran und jenes Kreuz fiel, gleich allem Kriegszeuge und dem ganzen Lager, in die Hände der Sieger. Mehre Tausende von den verbündeten Lombarden waren in der Schlacht geblieben, mehre Tausende wurden gefangen, und nur wenige, auf der regellosen Flucht, von Paganus della Torre gesammelt, verpflegt und nach Mailand geführt. Und selbst viele von diesen verloren unerwartet ihre FreiheitMediol. annal.  Estense chron. Nach dem Parm. chron. wurden 7000 gefangen. Nach Caesen. annal. über 3000 Todte und Gefangene, an 10,000 nach Rich. S. Germ., und den Briefen des Kaisers.  Math. Paris 308.  Godofr. mon.  Memor. Reg. 1109., weil die Bergamasken, zeither ihre Verbündete, jetzt auf die Seite der Sieger getreten waren und ihnen auflauerten. Der Erzbischof von Mailand, welcher der Schlacht beigewohnt hatte, wurde vermißt; der Podesta 755 {1237} Peter Tiepolo (der Sohn des Dogen von Venedig) gefangen, auf dem wieder zusammengesetzten Fahnenwagen angebunden und so im Siegeszuge erst nach Cremona, dann nach Apulien geführtDandolo 350.  Chron. msc. No. 911, p. 211.  Guil. Tyr. 718.  Cereta. Manche Mailänder sollen aus Zorn über diese Niederlagen Altäre geschändet und Christusbilder aufgehangen haben.  Math. Paris 304.. Den Fahnenwagen selbst sandte Friedrich nach Rom und ließ ihn im Kapitol mit einer Inschrift aufstellen, welche schmeichelnd an die alten Verhältnisse der Bürger zu einem weltbeherrschenden Kaiser erinnerteBonon. hist. misc.  Rich. S. Germ.  Murat. antiq. Ital. II, 491.  Rayn. §. 12-15..

Der Papst war scharfsichtig genug zu erkennen, wohin jene Ereignisse führten und diese Geschenke und Inschriften deuteten: weil er aber seit einem halben Jahre mit der kaiserlich-republikanischen Partei in Rom wiederum so zerfallen war, daß sie ihn mehr als einmal vertrieb und selbst die so lange kirchlich gesinnte Stadt Viterbo zum Abfalle bewog: so mußte er die ihm, gleich allen Königen und Fürsten, vom Kaiser überschickten Siegesnachrichten mit scheinbarer Theilnahme aufnehmen und den weitern Gang der Ereignisse ruhig abwarten. Friedrich aber eilte nach DeutschlandRich. S. Germ. 1039. Vom 25sten Dezember 1237 bis 11ten Februar 1238 findet sich weder eine italienische noch deutsche Urkunde des Kaisers. Vorher und nachher war er gewiß in Italien, also müßte die Reise nach Deutschland in diese Zwischenzeit fallen, sofern nicht, wie ich vermuthe, eine Verwechselung mit dem Jahre 1236 zum Grunde liegt. S. oben 739. und sorgte hier wie in Apulien für neue Werbungen, damit das Glück ihm nicht wieder entweiche. Überall gehorchte man seinen Befehlen, und zu der öffentlichen gesellte sich häusliche Freude. Seine Gemahlinn Isabelle gebar ihm im Februar 1238 einen Sohn, den jüngern Heinrich, und am Pfingstsonntage, am 23sten Mai, vermählte er Selvaggia, eine seiner unehelichen Töchter, in 756 {1238} Verona mit Ezelin von Romano. Ihre Ausstattung war sehr reich, acht Tage lang währten die heitern Spiele und Feste, und das Volk rühmte den Kaiser, weil er Speisen und Getränke im Überfluß vertheilen ließ. Auf andere Weise fühlte Ezelin seine BedeutungZagata 32.  Verci I, 143; II, 155.  Burchelati 581.  Cereta zu 1238.. Als er eines Tages mit dem Kaiser ausritt, kam die Rede darauf, wer das beste Schwert habe, und Friedrich zeigte das seine, welches herrlich ausgelegt und mit Steinen geschmückt war. Da sprach Ezelino: »Herr, es ist trefflich, mein ungeschmücktes aber auch.« Bei diesen Worten zog er es heraus, und auf einen Wink entblößten sechshundert seiner Begleiter ebenfalls die ihrigen. »Wahrlich,« entgegnete hierauf der Kaiser, »solch ein Schwert ist das schönste.« – In Friedrichs Gefolge befand sich damals ein Jüngling, den er seiner Sitten und seiner ritterlichen Geschicklichkeit wegen auszeichnete und zum Ritter schlug; dessen künftiges Schicksal aber niemand, und am wenigsten der Kaiser, ahnete: – es war Graf Rudolf von HabsburgStaindel zu 1238.  Guilliman Habsburg. 81.  Wahrscheinlich gingen Rudolf und sein Bruder Albrecht schon 1236 mit dem Kaiser nach Italien. Der Ritterschlag erfolgte vielleicht erst 1240, bei der Belagerung von Faenza.  Zapf. monum. I, 377-379..

Während so dem Kaiser und seinen Anhängern Glück, Macht und Freude mehr als jemals zu Theil wurden, wuchs die Besorgniß und die Angst in den lombardischen Städten. Die meisten suchten und fanden Friedrichs Gnade; nur Mailand, der Mittelpunkt aller Verbindungen und Unternehmungen gegen sein Ansehn, zögerte lange, von größerem Hasse und größerer Furcht mannigfach hin und her bewegt. Allein nach solch einer Niederlage, fast von allen Freunden verlassen, von Feinden immer enger und enger eingeschlossen, mußte es sich endlich dazu verstehen, dem Kaiser jetzt mehr anzubieten, als von diesem in andern Zeiten 757 {1238} war gefordert wordenMath. Paris 320.. Man wollte ihn, sofern er allen verzeihe und die Stadt unverletzt erhalte, als Herrn anerkennen, alles vorhandene Silber und Gold abliefern, alle Fahnen zu seinen Füßen niederlegen und 10,000 Mann zum Kreuzzuge stellen.

Friedrich aber verlangte unbedingte Ergebung auf Gnade und Ungnade. Da trat die Gräfinn von KasertaSalimbeni 336., welche bei ihm viel galt, kühn hervor und sprach: »gnädigster Herr, ihr habt ein so schönes Reich, ihr habt alles was einen Menschen beglücken kann; um Gottes willen, warum stürzet ihr euch in diese neue Fehde?« Friedrich antwortete: »du redest wahr, aber der Ehre halber bin ich so weit vorgeschritten, und der Ehre halber kann und will ich nicht zurück!« Das Andenken an seinen Großvater, an Kaiser Friedrich I, welches ihn hätte warnen und zurückhalten sollen, trieb ihn nur vorwärts: denn seine Macht, dies meinte er, sey nicht geringer, die Schuld seiner Feinde noch größer, und die schönste und freieste Gabe eines Herrschers, die Gnade, dürfe man ihm nicht abtrotzen.

Noch mehr mußte sich indeß bei den Mailändern die Furcht wie die Hoffnung, durch die Erinnerung früherer Zeiten erhöhen. Als ihnen jene Forderung vorgelegt wurde, riefen und beschlossen sie einstimmig: »wir wollen lieber mit dem Schwerte in der Hand sterben, als unsere Stadt vernichten und uns durch Hunger, Elend, Gefängniß, oder gar durch Henkershand hinopfern lassen!«

 


 


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