Friedrich von Raumer
Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 3
Friedrich von Raumer

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Neuntes Hauptstück.

Seit dem Jahre 1220 hatte Friedrich II den deutschen Boden nicht betreten. Die äußern Gründe einer so langen Abwesenheit liegen in der Geschichtserzählung dieses ganzen Zeitraums vor Augen. Es verflossen nämlich die ersten Jahre unter Anordnung der neapolitanischen Angelegenheiten und unter Vorbereitungen zum Kreuzzuge; im Jahre 1226 hielten die Lombarden den Kaiser mit Gewalt von Deutschland zurück; dann folgte der Kreuzzug und der Krieg mit dem Papste; endlich, im Jahre 1232, vereitelten wiederum lombardische Unruhen den Plan, nach Deutschland zu gehen. Zu diesen äußerlichen, sehr wichtigen Ursachen, traten indeß wohl noch einige mehr innere Gründe.

Neapel, das schönste aller Länder, Sicilien, die herrlichste aller Inseln, zog den Kaiser mehr an, als der rauhere NordenPropter quod, in totum fere vitae nostrae deliciis abdicatis, quas regni nostri Siciliae nobis amoenitas offerebat, per aspera maris et montium, Gemaniam repetentes.  Petr. Vin. I, 30.  Martene coll. ampliss. II, 1152.  Doch klagt Friedrich, daß er wider seinen Willen so lange in Italien zurückgehalten werde.  Petr. Vin. III, 1.  Codex Vindob. philolog. N. 305, fol. 133.; er fühlte sich seinem Erbreiche näher, als dem deutschen Wahlreiche, und mochte den Schauplatz der 664 lebendigsten, freiesten Thätigkeit nicht mit einem andern vertauschen, wo die Erreichung dessen, was er für letztes und höchstes Ziel hielt, keineswegs von seinem alleinigen Willen abhing. – Andererseits hatte sich die Idee von einem Kaiserreiche und dem Wesen des Kaiserthums wohl in keinem so ausgebildet, wie in Friedrich; ja diese Idee trat um so lebendiger, man möchte sagen poetischer heraus, je mehr Schwierigkeiten sich ihrer Verwirklichung entgegenstellten. Nicht auf die körperliche Gegenwart legte Friedrich großen Nachdruck, sondern darauf: daß jede weltliche Gewalt sich im Kaiserthum reinige und verkläre, daß alles darohne Vereinzelte in ihm seinen Träger finde, und wie von einem höhern Lebensgeiste und Lebensgrunde durchdrungen und erhalten werde. In solcher Hoheit und Würdigkeit stand ihm das Kaiserthum der Kirche gegenüber, und das beharrlichste Streben seines ganzen Lebens ging dahin: diese höchste unabhängige Stellung festzuhalten und sich nicht unter die Macht eines Priesters, als eines unbedingten Obern, zu beugen. Wo aber konnte dieser an Wichtigkeit vor allen übrigen weit hervorragende Zweck, wo konnte dieser erste Kampf der ganzen Zeit kräftiger verfolgt und nachdrücklicher geführt werden, als eben in Italien? Wenn jetzt die Deutschen, so wie früher die Neapolitaner, ihren König für sich verlangten und nicht als Anhängsel eines andern Reiches betrachtet seyn wollten, so mochte ihnen der Kaiser antworten: »kämpfe ich nicht euren wichtigsten Kampf fast ohne eure Hülfe? Oder meint ihr, eure Freiheit sey gewahrt, wenn in Italien der Papst obsiegt und die Lombarden, mit altrömischer Freiheits- und Herrsch-Lust, über ihre Gränzen hinausgreifen? Kämpfe ich nicht euren Kampf im Morgenlande, ohne Vortheil für mich? Ließ ich euch nicht meinen Erstgebornen als König, und steht ihm nicht die kaiserliche Oberleitung heilsam berichtigend und regelnd zur Seite? Habe ich eure Rechte und Freiheiten nicht gemehrt, statt gemindert? Habe ich jemals das Deutsche verkannt und es in Italienisches oder Neapolitanisches verwandeln wollen?«

665 So zu fragen hatte der Kaiser ein Recht, und alle Antworten mußten günstig für ihn ausfallen. Desungeachtet ließ sich die große Schwierigkeit, ja Unlösbarkeit der vorliegenden Aufgabe nicht leugnen; und alle Bedenken, welche manche bereits vor zwanzig Jahren, bei Friedrichs erstem Zuge nach Deutschland geäußert hattenBuch VI, S. 172, 173., fanden im Verlaufe der Zeit und durch den Gang der Ereignisse ihre Bestätigung. Doch wird sich dies besser einsehen lassen, wenn vorher eine Übersicht des Wichtigsten gegeben ist, was sich in Deutschland während der letzten zehn Jahre ereignete.

Um zuvörderst von den auswärtigen Verhältnissen zu sprechen, so schützten die Alpen, trotz aller lombardischen Unruhen genügend die südlichen Gränzen, und auf der Morgenseite war von Ungern und Polen nichts zu befürchten. – Die französische Macht hatte sich unter König Philipp August sehr gemehrt, indem er die Normandie, Vermandois, Poitou, Anjou, Touraine, Clermont u. s. w. mit der Krone vereinigteGesta Phil. Aug. 251.  Gesta Ludov. VIII, 286.  Alberic. 514.; dennoch richtete sich die Thätigkeit seines im Jahre 1223 die Regierung antretenden Sohnes, Ludwigs VIII nicht gegen Deutschland, sondern gegen England und die Albigenser.

Ludwig IX welcher im Jahre 1226 den Thron bestiegLeibnitz cod. Urk. 11.  Martene coll. ampliss. I, 1257., schloß im Mai des Jahres 1232 zu Portenau mit Friedrich II sogar ein Bündniß des Inhalts: »beide Theile versprechen sich Freundschaft, Rath und Mittheilung von Nachrichten über feindselig gegen sie gerichtete Unternehmungen. Sie versagen Geächteten gegenseitig die Aufnahme und widerspenstigen Lehnsmannen Beistand. Ohne Wissen und Willen des Königs von Frankreich wird Friedrich kein Bündniß mit dem Könige von England schließen.«

Über ein solches Bündniß war im Laufe des Jahres 666 1227 viel zwischen König Heinrich von Deutschland und König Heinrich III von England verhandelt wordenRymer foed. I, 1, 100, 101.. Weil aber bei des letzten Schwäche und seinen mannigfachen Streitigkeiten mit dem hohen Adel, hier wenig zu hoffen und wenig zu fürchten war; so ließ man, wie es scheint, den Plan einer engern Verbindung mit England bald auf sich beruhen.

Dänemark war, beim Mangel an festen Gesetzen und milden Sitten, lange Zeit heillosen Verwirrungen und Freveln preis gegeben. Die Geistlichkeit griff, auf die allgemeinen Ansichten der Kirche fußend, überall um sich; unter dem Adel entwickelten sich äußere Abstufungen; an der Spitze standen Könige, man wußte nicht, ob mehr nach Erbrecht oder durch Wahl. Indem sich aber die verschiedenen Parteien und Stände wechselseitig Rechte in aller Form bewilligten oder stillschweigend zugestanden, kam alles (jedoch nicht ohne Verlust für die niedern Klassen) in ein ruhigeres Gleichgewicht, und die vorhandenen Kräfte mußten, sobald sich tüchtige Anführer fanden, nach außen frei und thätig werden. Deshalb breitete sich die dänische Herrschaft schon unter Waldemar I, dem Zeitgenossen Friedrichs I, an den Küsten der Ostsee aus, und nicht weniger gewann Kanut VI; so daß ihm ums Jahr 1202 Dänemark, die Inseln und die südlichen Landschaften von Schweden unterworfen, Mecklenburg, Pommern, Holstein, Hamburg und Lübeck aber von ihm abhängig warenSiehe Buch VI, Seite 126.. Außer Stande, während seiner Kriege mit Philipp von Schwaben, gegen diese Vergrößerung der dänischen Macht anzukämpfen, hielt es Otto IV für einen Gewinn, sich mit dem Bruder und Nachfolger Kanuts, mit Waldemar II zu verschwägern. Und als dieser, nach Friedrichs« II Austritt, Ottos Fall voraussah, trat er geschickt auf die Seite der Hohenstaufen, behielt aber die Herrschaft von ganz Nordalbingien, weil ihm dies 667 niemand zu entreißen im Stande war. – Anstatt daß früher Dänemark oft von Deutschland zu Lehn ging, standen itzt mehre deutsche Fürsten in Abhängigkeitsverhältnissen zu Dänemark und wurden von dem gewaltigen Waldemar keineswegs milde behandelt. Er verjagte den Grafen Adolf von Holstein, beschränkte die Besitzungen des Grafen Heinrich von Schwerin und ging auf seiner Siegeslaufbahn so rasch vorwärts, daß ihm schon die Küsten der Ostsee bis Kurland, Liefland und Esthland gehorchten, und die Ausführung des großen Gedankens nahe war, alle Länder, welche die Ostsee begränzen, so zu einem herrlichen Reiche zu vereinen, wie es die Römer mit allen Ländern rings um das Mittelmeer gethan hatten. Da ward ihm unerwartet die Feindschaft jener kleinen Fürsten gefährlich, welchen die Abhängigkeit von einem fremden Herrscher der deutschen Ehre unwürdig erschien, und die außerdem persönlich beleidigt waren.

Als nämlich Graf Heinrich von Schwerin nach Palästina pilgerte, übertrug er dem Könige die Vertheidigung seines Hauses und Landes; aber Waldemar benutzte nicht nur des Grafen Abwesenheit zu Erlangung mancher VortheileOlai chr. 122.  Lüneb. chr. Eccard 1403.  Godofr. mon. zu 1222 und 1224.  Erici regis chron. zu 1223, bei Langeb. I.  Corner 857., sondern beschlief auch, einem Gerüchte zufolge, dessen Weib. Der Graf verhehlte nach der Rückkehr seinen Zorn und stellte sich so freundlich und treu, daß der König sich keines Bösen von ihm versah. Eines Abends aber, es war am sechsten Mai 1223, nachdem sie mit einander auf der Insel Lyöe, südlich von Fühnen, getrunken hatten, ließ der Graf den König nebst seinem Sohne durch heimlich angestellte Männer in ihren Betten überfallen, gefangen nehmen und nach seinem Schloß Dannenberg bringen. Die Dänen erhoben laute Klagen über diesen vom Grafen an einem Könige und an seinem Lehnsherrn begangenen 668 {1224} Verrath; sie beschwerten sich beim Papste, beim Kaiser, beim Könige Heinrich. Dieser hielt daher im nächsten Jahre eine Tagsatzung zu Nordhausen, wo sich Erzbischof Engelbert von Köln, obgleich vergeblich, für die Befreiung Waldemars verwendete; er hielt eine zweite Versammlung zu Bardewick, wo unter Vermittelung des Deutschmeisters Hermann von Salza, des päpstlichen Bevollmächtigten und anderer Fürsten, am vierten Julius 1224 ein Vertrag entworfen wurde. Vermöge desselben sollte Waldemar alles dem Reiche entrissene Land zurückgeben, seine Krone vom Kaiser zu Lehn nehmen, diesem und den Fürsten 40,000 MarkGodofr. hat 100,000, Hamsfort bei Langebek I, 286, 50,000 Mark. Eine Urkunde in den Orig. guelf. IV; praef. 85, hat 40,000 Mark. für seine Befreiung zahlen, die Urfehde schwören, auf zehn Jahre Geißeln stellen und auf zwei Jahre einen Kreuzzug mit hundert Schiffen antreten. Graf Albrecht von Orlamünde, Waldemars Schwestersohn, dem die einstweilige Verwaltung Dänemarks übertragen war, verwarf aber nebst den dänischen Großen diese Bedingungen, weil er mit den Waffen günstigere zu erstreiten hoffte. Statt dessen ward auch er geschlagen, gefangen und nach Dannenberg gebracht. {1225} Dies neue Unglück trieb den König zur Annahme, selbst der härtesten Bedingungen; und nicht minder hatte auch Graf Heinrich von Schwerin Gründe, eiligst mit ihm abzuschließen. Denn König Heinrich verlangte, daß Waldemar, als ein gekröntes Haupt, ihm ausgeliefert werdeRich S. Germ. 997.  Regesta Honor. III, Jahr VIII, Urk. 81–84., und der Papst drohte den Grafen wegen seiner arglistigen That zu bannen, wenn er den König, welcher überdies das Kreuz genommen habe, nicht sogleich befreie. – Waldemar entsagte am 17ten November 1225 allen Ansprüchen auf Holstein und auf alle slavischen Länder, Rügen allein ausgenommen; er versprach 45,000 Mark SilberEs finden sich Abweichungen über die Summe von 40 bis 60,000 Mark.  Olai chr. 122.  Auct. danic. N. VI. in Ludw. reliq. IX, 155.  Diar. fratr. in Wisby Ludw. IX, 176.  Auct. incert. N. XI, ibid. IX, 209.  Albert. Stad. zu 1225., stellte Geißeln 669 {1225} und schwur seine Gefangennehmung nie zu rächen. Außerdem empfingen der Graf, seine Ritter und andere angesehene mitwirkende Personen, so viel an Pferden, Pelzen, Gewändern und Kleinoden, daß jener Lösungspreis sich dadurch wohl verdoppelte. Sobald nun aber König Waldemar am 21sten December 1225 aus der Haft befreit war, wandte er sich nochmals an Honorius III, {1226} welcher ihn von allen erzwungenen Versprechungen entband und dem Kaiser, welchem wahrscheinlich ein Antheil der Lösungssumme zugeschickt war, schrieb: »er solle, eingedenk seines Ruhms und seiner Ehre, so geringes Geld nicht mehr achten, als KothPro modica pecunia, quam in comparatione honoris tui ac famae, debes quasi sterquilinium reputare.  Reg. Honor. III, J. X, Urk. 302, 303, 316..« – Diese Weisungen hatten indeß keine Wirkung; vielmehr mußte Krieg entscheiden, wer Herr in Nordalbingien seyn und bleiben solle. Der Kaiser stand hiebei, ob er gleich nicht persönlich einwirkte, natürlich auf deutscher SeiteLangebek II, 259.  Orig. guelf. IV, 100. und forderte alle zum Abfall von Dänemark und zum Kampf wider Dänemark auf; wogegen Waldemar um so eher an den Welfen Verbündete fand, da sie ihm nahe verwandt waren und um diese Zeit über ihre Länder mit Friedrich in Zwist geriethen.

Am 22sten Julius 1227 kam es bei Bornhövet im Holsteinischen zwischen beiden Theilen zu einer großen SchlachtAlbert Stad. zu 1226.  Sartorius I, 141.  Lerbecke 510.  Hamsfort bei Langebek I, 286.  Diar. Wisb. a. h. a.  Gobelin 277.  Anon. Saxo. 124.  Corner 860.  Westphal. monum. II, 1284.. Mit Waldemar focht sein Neffe Herzog Otto von BraunschweigOtto, der Sohn Wilhelms von Lüneburg, der Enkel Heinrichs des Löwen.; auf deutscher Seite standen hingegen 670 die Grafen von Schwerin und Schaumburg, der Erzbischof von Bremen, der Herzog Albert von Sachsen und die Lübecker, unter ihrem tapfern Anführer Alexander von Salzwedel. Nur eine kurze Zeit war der Kampf zweifelhaft; mit dem Augenblicke, wo die den Dänen ungern gehorchenden Ditmarsen umwandten, wurde die Flucht allgemein und die Niederlage so entscheidend, daß an 4000 Dänen umkamen, Herzog Otto gefangen wurde, König Waldemar ein Auge verlor und dem Tode nur dadurch entging, daß ihn ein Ritter vor sich quer übers Pferd legte und auf unbekannten Wegen nach Kiel brachte. Otto mußte Hitzacker und Lauenburg für seine Lösung an den Herzog Albert von Sachsen abtretenChron. duc. Brunsv. 17.  Henr. Aquil. de gestis comit. Schomb. c. 9-10.  Nicolaus ap. Ludw. reliq. 167., und der Erzbischof von Bremen vermittelte den Frieden zwischen Waldemar und seinen Feinden auf schwere BedingungenCorner 861.  Langebek VII, 510.  Alberic. 523.. Denn obgleich sein Sohn Abel, Mathilden, die Tochter des Grafen Adolf von Holstein, heirathete, so verlor der König doch alle Besitzungen südlich von der Eider; Lübeck und Hamburg erhielten große Freiheiten und mehrten ihre Macht, ihren Handel und ihren Reichthum. Pommern gerieth durch kaiserliche Urkunden in ein Lehnsverhältniß zu Brandenburg, und von allen Eroberungen blieben den Dänen fast nur die Küsten von Esthland; nie hob sich seitdem ihre Macht wieder zu der vorigen Höhe.

Von äußern Feinden hatte also das deutsche Volk nichts zu befürchten; auch schritt, wie wir anderwärts umständlicher zeigen werden, die innere Entwickelung so vielseitig, als rasch und eigenthümlich vorwärts. Dagegen fehlte es keineswegs ganz an innern Fehden, welche mehr störten, als heilsam einwirkten.

So zog der Bischof Otto von UtrechtGodofr. mon. 1227 u. 1228. im Jahre 1227 mit dem Grafen von Geldern gegen seinen abtrünnigen 671 Lehnsmann, den Herrn von Kuvörde; beide geriethen aber aus Unvorsichtigkeit in einen Morast und wurden, nebst den meisten der ihrigen erschlagen, oder gar förmlich hingerichtet. Erst im nächsten Jahre traf den Herrn von Kuvörde die gerechte Strafe.

Um dieselbe Zeit bekriegte Bertold von TeckAuct. inc. ap. Urstis. zu 1228–1230., Bischof von Straßburg, seine Verwandten die Grafen von Pfirt, und fand Verbündete an dem Grafen Albrecht von Habsburg, dem Grafen Egino von Freiburg und an mehren kaiserlichen Städten. Zwischen Bladoltzheim und Hirtzfeld kam es zu einem Treffen, in welchem die Grafen mit großem Verlust an Menschen, Gütern, Waffen und Pferden geschlagen wurden. Dennoch verloren sie, besonders weil König Heinrich ihre Sache begünstigte, den Muth nicht, sondern sammelten ein neues Heer, und verbrannten im Jahr 1229 dem Bischofe mehre Burgen. Erst im nächsten Sommer gelang es dem Könige, in dem arg verwüsteten Lande Friede und Ruhe herzustellen.

Die jungen Markgrafen Johann und Otto von BrandenburgMagdeb. chr. 330.  Anon. Saxo 125., Urenkel Albrecht des Bären, erhoben im Jahre 1229 Fehde gegen den Erzbischof Albert von Magdeburg, wurden aber geschlagen und bis gen Brandenburg verfolgt. Hier hatten die Bürger ihre Stadtthore verschlossen, so daß jene bei fortdauernder Gefahr bis Spandau flohen und viele den Erzbischof aufforderten, diesen günstigen Augenblick zu benutzen und sich Brandenburgs zu bemächtigen. Er antwortete aber: »es sind unsere Lehnsmannen und noch Kinder; sie werden sich bessern und können dann der Kirche sehr nützen.«

Andere Fehden fanden in diesem Jahre stattGodofr. u. Salisb. chron.  Herm. Altah. zu 1230–1232.  Chron. Udalr. August. zwischen dem Erzbischofe von Köln und dem Herzoge von Lüneburg, 672 {1229 bis 1234} dem Bischofe von Bamberg und dem Herzoge von Kärnthen, dem Erzbischofe von Mainz und Konrad dem Bruder des Landgrafen Heinrich von ThüringenErfurt. chr. S. Petrin.  Gudeni cod. I, 517.; die letzte auf folgende Veranlassung: der Abt von Reinhardsborn weigerte sich, mit Konrads Beistimmung, dem Erzbischofe Steuern zu bezahlen, weil das Kloster aus thüringischem Hausgute gestiftet und niemandem zu Leistungen oder Abgaben verpflichtet sey. Als sich aber der Abt hierauf vom Erzbischof auf mancherlei Weise bedrängt und geängstet sah, willigte er in dessen Forderung und unterwarf sich einer Kirchenbuße, wonach er drei Tage lang nackt vor dem Kapitelhause knien und die Geißelung erdulden sollte. Sobald Konrad durch seine Diener hievon Nachricht bekam, eilte er zum Kapitelhause, fand den Erzbischof wie er den nackten Abt geißelte, und gerieth darüber in so furchtbaren Zorn, daß er jenen würde umgebracht haben, wenn ihn nicht andere daran gehindert hätten. Doch verwüstete er, um sich zu rächen, im Jahre 1233 dem Erzbischofe mehre Dörfer, verbrannte die Mühlen und Brücken vor Fritzlar und war im Begriff, ohne weitere Befehdung der Stadt wiederum abzuziehen, als einige Weiber von den Mauern herab seiner auf unverschämte Weise spottetenRohte chron. 1730.  huben er kleider uff - hingin dy blosse erse obir dy zeynnen, unde sprachin daz er darin flohe.. Hierüber erzürnt, wandte sich der Fürst und erstürmte die Stadt, wobei viele Menschen ums Leben kamen und nicht bloß die weltlichen Besitzthümer, sondern auch die Kirchen geplündert und verbrannt wurden. Aber schon im nächsten Jahre reute den Grafen diese That so sehr, daß er als Pilger Ablaß aus Rom holte, zur Herstellung der geistlichen Gebäude reichlich beitrug, die Armen unterstützte, und sich endlich büßend in Fritzlar vor der Kirche niedersetzte und jedem Vorübergehenden eine Ruthe anbot, um ihn damit zu geißeln. Allen erschien diese ernste Anerkenntniß seines Fehlers genügend; nur ein altes Weib ließ 673 ihrem Eifer freien Lauf, trat hinzu und gab dem Grafen mehre ernst gemeinte SchlägeDusburg 126.  Über den hiemit verwandten Streit zwischen der Stadt Erfurt und dem Erzbischofe von Mainz, im Jahre 1234, siehe Gud. cod. I, 535 u. Lünig Reichsarch. cont. 4, von Hanse und Municipalstädten, von Erfurt, Urk. 15..

Zur Entschuldigung Konrads dient, daß er doch nicht ohne alle äußere Veranlassung Krieg erhoben hatte; wogegen das Verfahren des Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen wider seine Schwägerinn Elisabeth und deren Kinder, schlechthin tadelnswerth ist.

Elisabeth war die Tochter König Andreas des zweiten von Ungern und der Gertraud von Meran. Diese, eine Schwester des wegen der Ermordung Philipps von Schwaben geächteten Markgrafen Heinrich von Andechs und des Bischofs Egbert von Bamberg, ward ums Jahr 1213 in Ungern von dem Ban Benedikt ebenfalls umgebracht; welches schreckliche Ereigniß wohl nicht ohne Einwirkung auf die Sinnesart der jungen Elisabeth bliebEngels Geschichte von Ungern I, 293.. Sie heirathete im dreizehnten Jahre den zwanzigjährigen Landgrafen Ludwig VI von Thüringen, und gebahr ihm einen Sohn Hermann und zwei Töchter Gertraud und Sophie. Diesem jüngern Hermann stand, nachdem sein Vater im Herbst 1227 zu Brundusium gestorben warAlberic. 542.  Spangenberg Chron. 323., unstreitig das nächste Erbrecht auf Thüringen zu. Anstatt sich aber mit der Übernahme einer uneigennützigen Vormundschaft für seinen etwa sechsjährigen Neffen und seine noch kleineren Nichten zu begnügen, nahm Heinrich Raspe, durch schlechte Rathgeber und eigene Habsucht gleichmäßig angereizt, das ganze Erbe für sich selbst in Beschlag und meinte: wenn jene jetzt hülflosen Kinder herangewachsen wären, würden sie froh seyn, im Fall er sie mit einer oder ein paar Burgen abfändeElisabeth. mirac. examen 2019.. Unbegnügt mit 674 {1228} diesem Raube, vertrieb er Elisabeth und ihre Kinder, für deren Recht die Mutter laut gesprochen hatte, von der Wartburg und ließ überall verkünden: niemand werde ihm durch ihre Aufnahme einen Gefallen erweisen.

So wanderte nun Elisabeth mit ihren Kindern hülflos umher und fand beinahe nirgends Herberge; ja ein Bettelweib, welches sie früher oft mit Almosen unterstützt hatte, wich ihr itzt auf der Straße in Eisenach nicht aus, sondern stieß sie in die Rinne, so daß sie ihre Kleider mit eigenen Händen waschen mußte. Elisabeth dankte Gott für diese Prüfungen und ging mit ihren Kleinen in die Kirche, wo heftige Kälte sie quälte, bis ein mitleidiger Priester es auf Heinrichs Zorn hin wagte, sie zu beherbergen. Bald nachher wurde sie von der Äbtissinn zu Kitzingen eingeladen, und erhielt endlich von ihrem Oheim dem Bischofe von Bamberg eine anständige Wohnung und Bedienung im Schlosse Bodensteinv. Hormayr Werke III, 321..

Sie wollte sich weder nach Ungern zurückbegeben, noch von einer zweiten Vermählung hören; wohl aber ermahnte sie die Ritter und Edeln, welche mit der aus Italien abgeholten Leiche ihres Gemahls durch Bamberg kamen, sie möchten ihre und ihrer Kinder Rechte vor dem Landgrafen Heinrich vertreten. Und das that vor allen mit männlichem Muthe Rudolf, Schenke von Varila oder VargulaRohte 1732.  Ich finde durchaus nicht hinreichende Gründe, die Wahrheit dieser so schönen und genauen Erzählung zu bezweifeln, wie dies von einigen geschehen ist.. Er sagte bei der ersten Zusammenkunft dem Landgrafen: »Herr, meine Freunde und eure Vasallen, die hier gegenwärtig stehen, haben mich gebeten, mit euch zu reden. Wir haben von euch in Franken und auch in Thüringen solche Unmilde gehört und vernommen, daß unser Gemüth sehr erschrocken und unser Antlitz mit Scham befangen ist. Ei, ihr junger Fürst, was habt ihr gethan und wer hat euch dazu gerathen, daß 675 {1228} ihr eures Bruders Weib, die betrübte Wittwe, eines edlen Königs Tochter, die ihr billig hättet ehren und trösten sollen, ohne Grund aus Schlössern und Städten verjagtet und wie eine gemeine Bettlerinn behandelt? Wo war eure brüderliche Treue, als ihr die Waisen eures Bruders, die ihr erziehen, denen ihr als nächster Verwandter und Vormund Liebe und Güte erzeigen solltet, schnöde von euch wieset? Das lehrte euch wahrlich euer seliger Bruder, der tugendsame Fürst nicht, welcher dem geringsten ehrbaren Manne in seinem Lande derlei nicht angethan hätte, und wir mögen wohl fragen: wo wir Treue und Gnade bei euch suchen und finden sollen, nachdem ihr solche Untreue bewiesen habt.« – Als Rudolf diese Worte gesagt hatte, schwieg der Landgraf, schlug die Augen nieder und wußte vor Scham nicht, was er antworten sollte. Da hub jener nochmals an: »Herr, was habt ihr von der kranken, verlassenen, betrübten Frau gefürchtet, welche in diesem Lande ohne Freunde und Verwandte war? Was würde euch die heilige Frau gethan haben, selbst wenn sie alle eure Schlösser inne gehabt hätte? Wie gar untugendlich lautet dies alles, wenn man davon in andern Landen erzählt! Pfui der Schande, daß unsere Ohren darüber von Fremden und Bekannten so viel hören mußten. Ihr habt gar übel daran gethan, ihr habt Gott ohne Zweifel erzürnt, das ganze Land Thüringen geschändet, euren fürstlichen Leumund geschwächt, und ich fürchte wahrlich, daß die Rache Gottes deshalb über alle kommen wird, wenn ihr nicht Buße thut, euch mit der frommen Frau aussöhnt und das wieder gut macht, was ihr eures Bruders Kindern zu nahe gethan, wo ihr sie verkürzt habt.«

Alle Grafen, Ritter und Knechte, welche gegenwärtig waren, verwunderten sich über die Kühnheit, mit welcher Rudolf zu dem Fürsten redete. Dieser aber fing an so sehr zu weinen, daß er lange nicht sprechen konnte; dann sagte er: »was ich gethan habe, ist mir herzlich leid und denen, die mir dazu gerathen haben, werde ich nie wieder hold seyn. Damit ich aber meiner Schwester Elisabeth Huld 676 {1229} und Freundschaft wieder erwerbe, will ich gern alles thun, was sie verlangt, und ihr sollt Vollmacht haben, sie auf jede Weise zu versöhnen.« Da sprach der Schenke Rudolf von Varila: »das ist recht!«

Als die heilige Elisabeth im Namen ihres Schwagers hievon Nachricht erhielt, gab sie zur Antwort: »seiner Burgen und Städte, seines Landes und seiner Leute und alles dessen, was der Herrschaft wegen Sorgen und Bekümmerniß macht, begehre ich nicht, wohl aber dessen, was mir an Mitgift und Leibgedinge gehört.«

Hierauf führten die Abgeordneten Elisabeth sogleich nach Thüringen, wo sie von ihrem Schwager aufs herzlichste empfangen und um Gottes willen gebeten wurde, daß sie ihm sein Unrecht vergebe. Da begann die fromme Fürstinn so bitterlich zu weinen, daß der Landgraf und alle Gegenwärtige sich auch der Thränen nicht enthalten konnten: theils aus Freude über die Beendigung des argen Streites, theils aus Schmerz, weil sie gedachten, wie sie am Landgrafen Ludwig einen so tugendsamen und gnädigen Herrn verloren hatten. Elisabeth lebte seitdem auf der Wartburg, bis sie im Jahre 1230 Marburg als stillern Wittwensitz vorzog. Hier erbaute sie ein Krankenhaus, und verschmähte es nicht in geringen Kleidern den Hülfsbedürftigen die allerniedrigsten, ja die ekelhaftesten Dienste zu leisten; sie hielt es schon für Üppigkeit, sich zu baden. Als ihr Vater König Andreas hievon hörte, schickte er einen Grafen Panyas nach Thüringen, welcher beim Anblick ihres ärmlichen Lebens laut weinte, sie aber nicht bewegen konnte an den ungerischen Hof zurückzukehren. Mit mehr als menschlicher Geduld ertrug sie die ihr von ihrem finsteren Beichtvater, Konrad von Marburg, aufgelegten Bußen und Geißelungen.

Als sie z. B. einst wegen der Ankunft der Markgräfinn von Meißen zu spät in seine Predigt kam, fuhr er sie so unhöflich an, daß sie ihm zu Füßen fiel; ihre Dienerinnen wurden als Mitschuldige nach seinem Befehl bis aufs Hemde ausgezogen und gegeißelt. Ein andermal gab er 677 {1230} der Landgräfinn Ohrfeigen und schlug sie mit Ruthen so sehr, daß man die Striemen noch nach drei Wochen sah; welches sie alles, im Angedenken an Christus, geduldig, ja dankbar hinnahm. Legte sie sich doch zuletzt selbst eine noch schwerere Buße auf, indem sie ihren Sohn in der Besorgniß entließ, daß sie ihn zu lieb habe und dadurch von Gott abgezogen werde! In den letzten Tagen ihres Lebens war Elisabeth nur von Nonnen und geistlichen Personen umgebenMartene coll. ampliss. I, 1254., nur mit Lesen und Hören der heiligen Schrift beschäftigt, und vermachte alles Gut, was ihr nach unermüdlichem Wohlthun übrig geblieben war, den Armen. Sie starb 1231 im vierundzwanzigsten Jahre ihres AltersKuchenb. annal. IX, 107.  S. Elis. mirac. exam. 2017, 23, 28.  Bullar. Rom. I, 79.  Leon. Allat. symmicta I, 269.  Weiße Geschichte von Sachsen I, 263.  Corner 861.  Alber. 542 setzt ihren Tod auf den 19ten Novbr. 1232.  Rayn. zu 1232, §. 9.. Der Erzbischof Siegfried von Mainz ließ ihr Leben verzeichnen und die von ihr gethanen Wunder eidlich bezeugen, worauf sie der Papst im Jahre 1235 heilig sprach.

Bewegungen und Veränderungen anderer Art erfolgten während dieser Jahre in den Häusern der Welfen, Wittelsbacher und in Österreich; wir sparen aber die Erzählung derselben noch auf, um sie dann bis zu einem erheblichen Schlußpunkte führen zu können. Dagegen muß hier von einigen geistlichen Angelegenheiten gesprochen werden, theils ihrer innern Wichtigkeit halber, theils weil sie staatsrechtliche Plane vorbereiteten und veranlaßten.

Um die Zeit, als Gregor IX den Kaiser im untern Italien bekriegte, suchte er ihm auch in Deutschland Unruhen zu erregen. Allein die päpstlichen Abgesandten fanden nicht nur keine freundliche Aufnahme, sondern wurden auch von Friedrichs Anhängern, wahrscheinlich unter Beistimmung König Heinrichs, gefangen und ihnen viel Geld 678 {1230} abgenommenGodofr. mon. zu 1228.  Conr. a Fabaria 89.  Münters Beiträge I, 92.. Eben so gaben ihnen Waldemar von Dänemark und Otto von Braunschweig (welche eben erst aus der Gefangenschaft befreit worden) zur Antwort: »sie wären nicht mächtig genug, sich mit dem Kaiser in Fehde einzulassen.« – Je weniger aber Gregor unmittelbaren Kriegsbeistand erhielt, desto mehr mußte er auf Abtragung der Schulden bedacht seyn, in welche ihn die Fehde mit dem Kaiser gestürzt hatte. In England erklärten indeß die Laien, sie würden sich zur Befriedigung römischer Lüste nicht besteuern lassenMath. Paris 248.; wogegen sich die Geistlichkeit, aus Furcht vor Bann und Interdikt, einem Zehnten unterwarf, der so streng erhoben wurde, daß man weder Früchte, noch Vieh, noch bewegliche Sachen, noch milde Gaben, noch Vorräthe verschonte und sogar von dem zur künftigen Ärnte ausgesäeten Getreide steuern mußte. Wucherer, welche der päpstliche Gesandte aus Italien mitgebracht hatte, schossen den Dürftigen, gegen ungeheure Zinsen und gegen Verpfändung von Gütern, Kirchengeräthen u. s. w. das Geld vor; welches alles, wenn die Rückzahlungsfrist, wie gar oft, nicht konnte gehalten werden, jenen obenein zufiel. Hierüber entstand allgemeine Klage, allgemeiner Haß; aber nur der Graf von Chester hatte den Muth, für sich und seine Geistlichkeit schlechthin jede Zahlung zu verweigern.

{1231} Mit größerem und einstimmigerem Nachdrucke widersetzte man sich ähnlichen Versuchen in Deutschland: denn als der päpstliche Gesandte, Otto, zu diesem Zweck im Jahre 1231 eine große Tagsatzung nach Würzburg berief, so erschienen nur sehr wenige Prälaten; mehre Laienfürsten hinderten öffentlich jeden BeschlußGodofr. mon. zu 1230.  Alberic. 539., und von dem Herzoge Albert von Sachsen, seinem Bruder Heinrich, dem Grafen von Askanien und andern sächsischen Großen, erging folgendes Schreiben an alle Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten Deutschlands: 679 {1231} »wir hören, daß der Kardinal sich unterfängt, in Sachsen und in andern Theilen des Reiches Pfründen zu vergeben und den Kirchen mehre Dienstbarkeiten und Lasten aufzulegen. Damit wir nun alle dem Joche dauernder Sklaverei entgehen und die Rechte unserer Väter aufrecht erhalten, müßt ihr tapfer und gleich den Makkabäern widerstehen, deren Fest die dankbare Kirche noch jetzt feiert. Ist doch die Bedrückung größer, als zu Pharaos Zeit, wo man selbst in den Hungerjahren die Besitzungen der Geistlichen unbeschwert ließ und ihnen aus öffentlichen Vorrathshäusern Unterstützung reichte. Darum behauptet eure Freiheiten, bedenkt, welche Vorrechte euch, im Vergleich mit den Prälaten anderer Reiche, zustehen und vergeßt nie, daß ihr keineswegs allein Geistliche, sondern auch Fürsten und Herren seyd.« – Durch Vorstellungen solcher Art, durch die Abneigung aller hohen Geistlichen und den Widerstand König Heinrichs zerschlug sich das Vorhaben des Kardinals, und er wäre später bei Lüttich fast ermordet worden, entweder von Räubern, oder von solchen, die seine Macht und Wirksamkeit haßten; ja es fehlte nicht an Leuten, welche den König für den Urheber jenes Unternehmens auszugeben wagten.

Doch waren diese Gefahren, welche zuletzt in der Hauptsache nur das weltliche Gut betrafen, die geringern, im Vergleich mit den Ketzerverfolgungen und Ketzerkriegen, welche nach der in Frankreich und Italien angewandten entsetzlichen Weise, nun auch in Deutschland einzubrechen drohten. Es hieß: »die deutschen Ketzer hegten abweichende Grundsätze über Taufe, Abendmahl, Kirchenverfassung und Kirchengebräuche. Ein Weib Luckhardis habe laut behauptet: Lucifer sey widerrechtlich aus dem Himmel verstoßen, und darin wieder aufzunehmenHarzh. III. 539 von Ketzern bei Trier.. In geheimen Versammlungen der Abtrünnigen erscheine eine Art Frosch, welcher bisweilen zu der Größe eines Ochsen heranwachse und von einigen vorn, 680 {1231} von andern hinten geküßt werde. Dasselbe widerfahre einer großen schwarzen Katze, mit der besonders die tiefer Eingeweihten auf frevelhafte Weise verkehrten. Im Finstern werde Hurerei aller Art, und, wenn die Zahl der Männer und Weiber nicht gleich sey, noch ärgere Unzucht getrieben.«

Anstatt so wunderliche unbewiesene Erzählungen genau zu prüfen, oder einzelne Thorheiten durch einzelne Mittel abzustellen, stimmten in jener für die Reinheit und Gleichheit des Kirchenglaubens übermäßig besorgten Zeit, selbst die Päpste Honorius III und Gregor IX der Klage bei, daß die Ketzerei nun auch in Deutschland und Flandern ihr Haupt erhebe; weshalb Gregor dem Predigermönche und Magister Konrad von Marburg (den wir schon als Beichtvater der heiligen Elisabeth kennen lernten) den Auftrag gabHonor. III, Reg. VI, Urk. 383 u. 395.  Reg. Greg. IX, z. d. Jahre. Urk. 166, 173, 177, 180.  Ripoll I, Urk. 70.: er solle die Irrgläubigen bekehren, nöthigenfalls aber bestrafen und das Kreuz gegen sie predigen. Gleichzeitig bestätigte der Papst eine UrkundeReg. Greg. IX, I, 240, 242., wonach der Landgraf von Thüringen jenem, mit Beistimmung von Frau, Brüdern und Kindern, die Ausübung aller seiner Patronatsrechte übertrug. So begünstigt und bevollmächtigt schritt nun der stolze, finstere, über die Pflichten seines Berufs durch Leidenschaft verblendete PredigermönchMalvenda 486 beweiset, seiner Meinung nach zu Ehren der Dominikaner, daß Konrad kein Franziskaner gewesen sey! rasch vorwärts, und verbreitete Schrecken bis weit den Rhein hinab. An die Spitze seines Rechtsverfahrens stellte er den Grundsatz: daß man die Angeklagten am besten ertappe, wenn man allen in ihrer Abwesenheit abgelegten Zeugnissen vollen Glauben beimesse und ihnen dann nur die Wahl lasse, ihr Verbrechen einzugestehen und gegen Übernahme schwerer Bußen ihr Leben zu fristen; oder ihre Unschuld zu beschwören und 681 {1231 bis 1233} – hierauf verbrannt zu werdenKonnte man sich bei solchen Grundsätzen wundern, wenn die Verfolgten, wie einige behaupten, in jedem Sprengel einen Bischof gleiches Namens und einen Papst Gregor erwählten, um nur schwören zu können, sie glaubten was der Papst und der Bischof glaube!! Ein herumschweifendes Weib Alaidis und ein gleich sittenloser Mensch Amfried, fanden sich zu Konrad und wurden die Hauptankläger vieler Unschuldigen. Zuvörderst führte ihn jene in ihren Geburtsort Krefeld und ließ ihre Verwandten verbrennen, weil diese nicht geneigt schienen, sie zur Erbinn einzusetzen. Die gleiche Strafe des Feuertodes ward in Erfurt und andern Städten angewandtConcil. XIII, 1307.  Erfurt. chr. S. Petr. zu 1233.  Herm. Altah.; worauf die kühner gewordenen sich nicht mehr mit der Anklage von geringen Leuten begnügten, sondern allmählich ehrbare Bürger und deren Frauen, dann GeistlicheAuch unter den deutschen Geistlichen wären Ketzer abzusetzen.  Reg. Greg. VI, Urk. 154., Edle und endlich gar angesehene Grafen der Ketzerei beschuldigten: so die Grafen von Sayn, Henneberg, Solms, die Gräfinn von Lotz u. a. m.

Mit der Zahl und der Wichtigkeit der Anklagen wuchs Konrads blinder Eifer: er gestattete keine Beichte bei dem gewöhnlichen Priester, erlaubte schlechthin keine Vertheidigung, behandelte jeden Fürsprecher als Mitschuldigen und sprach gewöhnlich das Urtel am Tage der Anklage.

Hiedurch stieg die Verwirrung und das Unwesen dergestalt, daß zuletzt das Weib den Mann, der Bruder die Schwester, der Knecht den Herrn anklagte; daß nur Lügen und Bestechen das Leben erhielt, Wahrheit hingegen den Tod brachte. Und dennoch gereichte dies wahnsinnige Überschreiten alles Maaßes vielleicht zum Glücke Deutschlands und zur Abhaltung der Inquisition, dieses schrecklichen Übels, welches, bei erkünstelter oder wirklicher Mäßigung, sich vielleicht unausrottbar eingenistet hätte. Zuerst traten der Erzbischof von Mainz, dann auch die Erzbischöfe von Trier 682 {1233} und Köln, es traten selbst Dominikaner gegen Konrads Verfahren auf; und als er sich daran wenig oder gar nicht kehrte, so berief König Heinrich Tagsatzungen nach Mainz und nach Frankfurt. Hier sprach der Graf von Sayn (welcher früher, um dem ersten Sturme der Wüthenden zu entgehen, seine Schuld bekannt und sich dem beschimpfenden Scheren des Haupthaares unterworfen hatte) so mannhaft gegen jenes Unwesen, daß seine Ankläger, theils Betrogene, theils elendes Gesindel, sich, weil sie ihm nichts beweisen konnten, beschämt zurückzogenGesta Trevir. Marten. 242.  Alber. 543.  Godofr. mon.  Harzh. III, 543.  Colmar. chr. I.  Lambert. addit.  Auct. incert. apud Urstis.. Hierauf ward er mit vielen andern unschuldig Angeklagten losgesprochen, und dem Bischofe von Hildesheim verwiesen, daß er übereilt das Kreuz gepredigt hatte.

Von allem diesen erstattete man Gregor IX Bericht und verlangte: er solle die Ketzerrichter und noch mehr die ungerechten Ankläger strafen. Ehe aber die Nachricht in Deutschland ankam, daß der Papst Konrads Vollmacht aufgehoben hatteErfurt. chr. Schann. 94., kehrte dieser unbekümmert um andere Einreden und Beschlüsse, nach Marburg zurück; ward aber von mehren, die unschuldig angeklagt oder über den Tod ihrer Freunde und Verwandten aufgebracht waren, am 30sten Julius 1233, nebst seinem Begleiter, dem Minoriten Gerhard erschlagenNach Gudeni cod. I, 595 thaten es Leute des Herrn von Darnbach.. Der Papst legte den Thätern als Buße auf: sie sollten in bloßen Beinkleidern mit einem Strick um den Hals und Ruthen in den Händen, nach Palästina pilgern, jedem Priester ihr Vergehen beichten und vor jedem öffentlich gegeißelt werdenConcil. XIII, 1319.  Harzh. III, 549.  Erfurt. antiq. zu 1233.  Alberic. 548..

Viele aber meinten, jene That, welche einem argen Frevler den gerechten Lohn bereitet habe, sey preiswürdig; 683 {1233} ja man müsse Konraden, als einen wahrhaften Ketzer, wiederum ausgraben und verbrennen. Ein Reichsschluß, wodurch nunmehr allen wegen Ketzerei Angeklagten billige Behandlung nach rechtlichen Formen zugesichert wurde, endete für lange Zeit die Verfolgungen gegen einzelne; leider dauerte aber nebenher noch eine andere Fehde fort, welche zum Theil aus andern Gründen war erhoben und dann mit angeblicher Ketzerei in Verbindung gesetzt worden.

Die Stedinger (ein Stamm, welcher von Bremen und Oldenburg abwärts um die Hunte und Jade bis ans Meer wohnte, und altdeutsche Volksfreiheit so wie den Hausvätern gleiche Rechte bewahrt und erhalten hatte) wollten sich weder in die neuen Abstufungen der künstlichern Lehnsherrschaft fügen, noch den über die Zehnten und Abgaben erlassenen Gesetzen der Kirche, Folge leisten. Anstatt ihnen nun allmählich und milde darzuthun, wie natürlich jene und wie heilsam diese Neuerungen seyen; oder dem unabhängigen Bauernstande die Stellung zu bewilligen, welche ihm zur Mehrung der Mannigfaltigkeit deutscher Lebenskreise hier gebührte: legte der Graf von Oldenburg zwei feste Schlösser an, deren Besatzungen vielfache Unbilden, besonders gegen Weiber und Mädchen, verübtenErfurt. chr. Schann. 93.. Da thaten sich die Stedinger, den Untergang ihrer Freiheit vor Augen sehend, zusammen, vertrieben die Besatzungen, schleiften die Burgen und machten den schmalen Eingang zu ihrem, meist von Flüssen und Morästen geschützten, Lande durch Dämme und Gräben fast unzugänglich. Und vielleicht hätten sie sich der Lehnsabhängigkeit für immer erwehrt, wenn nicht gleichzeitig der Streit mit der Kirche wäre auf die höchste Spitze getrieben worden. Ein Geistlicher, welcher zürnte, daß eine Edelfrau nur einen Groschen Beichtgeld gab, steckte ihn dieser in den Mund. Besorgt, daß sie um ihrer Sünden willen die angebliche Hostie nicht verschlucken könne, trug sie dieselbe im Munde nach Hause 684 {1233} und fing sie in einem reinen Tuche auf. Ihr Mann, welcher den wahren Zusammenhang der Sache sogleich erkannte und darüber Beschwerde bei den geistlichen Obern anbrachte, erhielt, statt angemessener Hülfe, nur ungeziemende VorwürfeWilh. Egmond. 501.. Auf die jetzt von mehren und lauter erhobene Klage über die Unsittlichkeit der Geistlichen, gab man zur Antwort: das gehe sie als Laien nichts an. Dies erhöhte den Haß dergestalt, daß jener Geistliche erschlagen, übermäßige Bußen verweigert und die Boten des Erzbischofs Hartwich von Bremen, welche Zehnten und andere kirchliche Abgaben einforderten, verspottet und auf eine schimpfliche Weise behandelt wurdenFoede tractarunt religiosos, nam nudis natibus eos quasi in aggere congregantes traxerunt.  Rusted. chr. 10.. Seitdem steigerte man die geistlichen Strafen und gab das Recht zu binden und zu lösen, ohne Vorsicht, in die Hände von Männern, die ihrer Leidenschaft freien Lauf ließen und jeder thörichten Beschuldigung Glauben beimaßenPraedicatores, ut multis visum est, sine discretione usi sunt auctoritate ligandi et solvendi, quasi gladio im manu furentis.  Emonix chr. 96-98.. Heißt es doch selbst in dem Berichte der Bischöfe von Lübeck und Ratzeburg an den PapstRipoll I, 81.  Reg. Greg. VI, Urk. 151.: »die Stedinger befragen Wahrsagerinnen und Teufel, halten sich zum Spott ihren eigenen Kaiser, Papst und Bischof, kreuzigen Christus, verehren Götzen von Wachs und große Frösche, küssen diesen den Hintern, nehmen den Speichel und die Zungen gewisser Thiere, sinnbildlicher Gründe wegen, in den Mund, treiben Unzucht aller Art, verfolgen grausam alle Geistlichen u. s. w.« Und wäre es denn zu verwundern gewesen, wenn die Angeklagten, welche man nicht für das Christenthum erzog, sondern sobald man ihrer habhaft wurde, mit ihren Weibern und (damit aus dem bösen Samen keine böse Brut hervorgehe) selbst 685 {1233} mit ihren Kindern verbrannte, in argen heidnischen Aberglauben zurückgefallen wärenReg. Greg. VII, Urk. 136.?

Mit Gregors IX Erlaubniß ward im Jahre 1233 das Kreuz gegen die Stedinger gepredigt, und schon wollte der Erzbischof Gerhard II von BremenErzbischof Gerhard war ein geborner Graf von der Lippe.  Halem Gesch. v. Oldenburg I, 199. ihre Dämme durchstechen lassen und sie ersäufen; als Herzog Otto von Braunschweig (welcher den Erzbischof haßte, weil sein Vater dem Erzstifte so viel Besitzungen hatte abtreten müssen) ihnen von einer andern Seite her so zu Hülfe kam, daß sie den Grafen Burkhard von Oldenburg nebst 200 seiner Begleiter bei Himmelskamp erschlagen konnten.

Als nun aber Otto, durch päpstliche und bischöfliche Ermahnungen bewogenOrig. guelf. IV, 39, 133.  Albert. Stad. zu 1234.  Alberic. 551.  Godofr. mon.  Wolter 58.  Lerbecke 511.  Iperius 716. Halem Gesch. von Oldenburg I, 205., den Gebannten allen Beistand entzog, als der Herzog von Brabant, die Grafen von Holland, Geldern, Lippe und Kleve ebenfalls das Kreuz gegen sie nahmen und an 40,000 Bewaffnete herbeiführten: so widerstanden sie zwar dieser Übermacht unter ihren tüchtigen Anführern Bolke von Bardenflet, Thammo von Huntorp und Detmar von Dieke, mit bewundernswerther Tapferkeit; wurden aber doch zuletzt am 28sten Mai 1234 bei Altenesch so geschlagen, daß über 4000 ums Leben kamenÜber den Tag und die Zahl der Gebliebenen finden sich Abweichungen.  Rayn. zu 1234, §. 42.  Anon. Saxo 126.  Otho catal. 793.  Corner 879.  Wiarda Gesch. I, 202.  Zantfliet chron. hat den 26sten Junius und 6000 Todte.. Der Überrest floh zu den Friesen, oder leistete der Kirche die vom Papste vorgeschriebene Genugthuung, erkannte Lehnsobere an und verlor dadurch die frühere Reichsunmittelbarkeit.

In all diesen Zwistigkeiten und Verfolgungen konnte König Heinrich weder dem Guten sogleich das Übergewicht 686 {1231} verschaffen, noch das Schlimme ohne Widerspruch unterstützen. Diese Beschränkung seiner Macht war dem jungen Manne keineswegs willkommen; ja nachdem Erzbischof Engelbert das LebenConrad. a Fabaria 84., und Herzog Ludwig von Baiern frühern Einfluß verloren hatte, betrachtete er selbst das Verhältniß zu seinem Vater nur als hemmend und störend. Manche von Heinrich ohne Rückfrage abgemachte Sache wurde durch Friedrich anders entschieden; wobei es an Lehren und Zurechtweisungen um so weniger fehlen mochte, da sich der König einer üppigen Lebensweise und schlechten Rathgebern hingabHenricus vitam regiam non habuit, nam incontinens fuit multum, minus attendens jura matrimonii, cui adstrictus erat.  Gesta Trevir. Marten. 242.  Henricus coepit quasi degener luxui deservire, consilia prudentum avertere, tyrannorum praecipitem dementiam et consortia diligere, paternis monitis in firmanda pace non obtemperare.  Histor. Noviont. monast. III, 1156, 1159., welche seine sträflichen Wünsche billigten, ja deren Verwirklichung als ein Recht und eine Pflicht darzustellen wußten.

»Wie kann Deutschland«, so sprach man, »von Neapel aus regiert werden? Wie darf der Kaiser, nachdem die Kirche eine Trennung beider Reiche anbefohlen und dem Könige eines mit voller Unabhängigkeit zugesichert hatDies war nach den spätern Verträgen keineswegs der Fall., gegen Vertrag, noch im Besitze bleiben? Aller Streit mit den Päpsten, alle Unbilden in Deutschland entstehen bloß aus jener Aufrechthaltung eines unnatürlichen, verkehrten Verhältnisses. Und diesem Übel ist kein Ende abzusehen, da Friedrich nur funfzehn Jahre mehr zählt, als sein Sohn. Bei so geringem Unterschiede des Alters, bei dem Mangel aller persönlichen Einwirkung, bei der gerechten Furcht, daß Friedrich alle Herrschaft auf seinen geliebtern Sohn Konrad bringen wolle, kann Liebe zu ihm, als Vater, nicht statt finden; und eben so wenig darf man verlangen, daß Heinrich Ehrfurcht vor dem Kaiser habe, da dieser ja eben nicht 687 {1231} Kaiser und König zugleich seyn sollMon Patav. zu 1231.. Bei minder mannigfaltigen und dringenden Veranlassungen, beim Mangel alles urkundlichen Rechts, ist Heinrich V von seinem hoch bejahrten Vater abgefallen, um in Deutschland eine geordnete Herrschaft herzustellen; und was man bei diesem entschuldigt, erscheint itzt als vollkommen gerechtfertigt.«

Solche, von Schmeichlern oft angeregte, von dem ehrgeizigen Jüngling in der Stille weiter ausgesponnene Betrachtungen, führten endlich zu dem Plane: der König solle sich zuvörderst auf alle Weise beliebt machen, dann seine Partei von der des Kaisers lösen und ihr endlich entgegenstellen.

Zu jenem Zwecke wurde wohl am ersten Mai 1231 eine Verfügung in Worms erlassenSchultes koburgische Landesgesch. 135., welche das Herkommen, wonach Fürsten und Prälaten jedesmal die Edelsten und Besten ihrer Landschaft über wichtige öffentliche Angelegenheiten befragten, itzt in eine Pflicht verwandelte und viele begünstigte, ohne viele zu beleidigen. Weniger Hoffnung war vorhanden, daß der König jene Prälaten und Fürsten selbst, für seine Zwecke umstimmen und in Thätigkeit setzen könne. Denn die Erzbischöfe und Bischöfe hatten den Kaiser, sogar während des Streites mit dem Papste, nicht verlassen; Herzog Albert von Sachsen und die Markgrafen von Brandenburg waren mit ihren slavischen Nachbaren, Landgraf Heinrich Raspe mit den innern Angelegenheiten Thüringens beschäftigt, und Otto von Braunschweig freute sich ohne Verlust seiner Erbländer aus der Gefangenschaft befreit zu seyn. Noch weniger Neigung für den König aufzutreten hatte Herzog Ludwig von Baiern; in ganz Süddeutschland bei weitem der mächtigste Fürst, zugleich aber dem Kaiser so treu und den unruhigen und übereilten Maaßregeln Heinrichs so abgeneigt, daß, nach anfänglicher Freundschaft, eine völlige Entfremdung zwischen beiden eintrat.

688 {1231} Gerade um diese Zeit, im September 1231, ward Herzog Ludwig, als er Abends auf der Brücke bei Kelheim spazieren ging, ermordetGodofr. mon.  Colon. chron. I.  Alber. Stad.  Auct. inc. ap. Urst.  Ratisb. episc. chron. 2251.  Salisb. chr. Canisii 482.. Der ergriffene, nach einigen Berichten unbekannte Thäter starb unter Martern, ohne den Urheber zu nennen; weshalb itzt einzelne, ohne allen Grund und aus blinder Leidenschaft, meinten, Kaiser Friedrich habe seinem Freunde durch einen Assassinen den Tod bereitet! Andere beschuldigten, jedoch ebenfalls ohne hinreichenden Beweis, den König Heinrich. Am wahrscheinlichsten ist eine Erzählung, nach welcher Herzog Ludwig einen albernen Menschen durch bittern Spott reizte und zu jenem Frevel bewogErmordet a morione, quem naturalem fatuum vulgo vocant.  Conradi chron. Schir. 188 und eben so Avent. ann. Schir. 231.  Ann. Bojor. VII, 3, 16.  Zschokke I, 453.  Feßmaier Gesch. v. Baiern 355.  Es ist unglaublich, daß der Kaiser im Jahre 1229 beim Alten vom Berge einen Mörder gedungen, oder später durch Briefe bestellt habe, um einen Fürsten zu ermorden, der so lange sein Freund und selbst zur Zeit seines Todes noch im Kirchenbanne war. Auch blieb Otto, Ludwigs Sohn, dem Kaiser treu und vermählte später seine Tochter mit dessen Sohn. Eben so wenig reicht eine spätere vereinzelte Nachricht: König Heinrich habe selbst seine Schuld bekannt, dazu hin, um diesen verurtheilen zu können..

Heinrichs Hoffnung, Otto, den Sohn des Ermordeten für sich umzustimmen, schlug fehl; und überhaupt konnte, selbst einem von Leidenschaft Bewegten, nicht verborgen bleiben, in welche unabsehliche Schwierigkeiten und Verlegenheiten sich derjenige verwickelt, welcher die Stellung eines allen gleich holden und gewärtigen Königs preis giebt, um als Parteihaupt aufzutreten und Parteien zu bilden. So beleidigte Heinrich die Fürsten, indem er sie mit wenig Anstand behandelte und, ohne Rücksicht auf ihre Rechte, die Volksfreiheit übermäßig zu begünstigen schien; und wiederum erregte es in den hiedurch Erfreuten große 689 {1232} Bedenken, als er Fürsten und Prälaten Freibriefe gab, welche städtische Rechte beschränkten. Alle endlich deuteten es übelLitterae Frid. II, ap. Hahn. 17. Lünig Reichsarch. pars sp. cont. I, Abschn. 2. v. Churfürsten Suppl. Urk. 125, p. 403.  Schannat. Worm. Urk. 119–121.  Hist. Novient. monast. III, 1156, 1159.. daß er die öffentlichen Gelder verschwendete und die Kinder von Hochadelichen, wie von angesehenen Bürgern, zu Geißeln begehrte, um gegen Widerspruch und Abfall gesichert zu seyn. Ob all dieser Dinge wurden im Frühjahre 1232 zu Aquileja große Klagen vor dem Kaiser erhoben, und nicht mindern Grund hatte dieser selbst, sich über seinen Sohn zu beschweren. Weil aber die strengsten Maaßregeln gegen den König weder rathsam noch gerechtfertigt erschienen, so begnügte sich Friedrich mit ernsten Ermahnungen und damit, daß sich die Herzöge von Sachsen, Kärnthen und Meran, der Patriarch von Aquileja, die Erzbischöfe von Salzburg und Magdeburg, die Bischöfe von Bamberg, Würzburg, Regensburg und Worms für Heinrichs künftiges Betragen verbürgten und versprachenSprenger Gesch. von Banz 233.  Ried cod. I, Urk. 388 aus Sibidakum im April 1232.: sie wollten, wenn er nicht gehorche und Wort halte, ihres Eides ledig seyn und bloß dem Kaiser anhangen. Außerdem mußte der König schwören: er werde seines Vaters Befehlen überall nachleben und die Fürsten mit gebührender Liebe und Achtung behandeln.

Durch diese Maaßregeln wurden alle Plane des ehrgeizigen Jünglings unterbrochen und, wie es schien, ganz untergraben, als Friedrich dessen Bewilligungen und Freibriefe nach wiederholter Prüfung, aus höherer Machtvollkommenheit bestätigte und ihnen erst wahre Bedeutung und Gesetzeskraft gab.

All diese Ereignisse erzeugten aber in Heinrich keineswegs Reue und Demuth, sondern halsstarrige Erbitterung. 690 {1233} Deshalb befehdete er, im Sommer 1233, den Herzog Otto von Baiern, den treusten Anhänger des Kaisers, und zwang ihn nicht bloß zu einem nachtheiligen Frieden, sondern auch zur Geißelstellung seines SohnesBavar. chr. ap. Pez. II, 76.  Salisb. chr. Canis. 482.  Aventin. ann. Boj. VII, 4, 4.  Godofr. mon.  Chron. Udalr. August.  Stetten Gesch. von Augsburg I. 62.  Gemeiner Chron. 333.. {1234} Deshalb bewilligte er dem Grafen Egeno von Urach, einem alten Feinde des KaisersSchöpflin hist. Zaring. Bad. I, 311, 316; V, 190, 191., große Besitzungen und Freiheiten im Breisgau, auf Unkosten des Markgrafen Hermann von Baden. Ja auf einem Reichstage zu BoppardWann der Reichstag in Boppard gehalten ist (Godofr. mon.), steht nicht näher fest. Der Freibrief, welchen Alber. 548 anführt, mag in dieselbe Zeit fallen. erklärte er sich (denn von Zögern und Verheimlichen konnte nicht mehr die Rede seyn) laut gegen seinen Vater, und wandte GründeGründe, wie sie Heinrichs Schreiben an den Bischof von Hildesheim enthielt, ließen sich widerlegen, und reichten auf keine Weise hin eine Empörung zu rechtfertigen.  Schann. Vind. I, 198., Drohungen, Bitten, Bestechungen, kurz Mittel aller Art an, um seine Partei zu verstärken. Aber obgleich manche aus tiefern Ursachen mit den Verhältnissen unzufrieden, andere nach Veränderung begierig, oder unbesonnen, oder Verräther waren; so finden wir doch, seit dieser Zeit, den König von allen Fürsten und fast von alten Prälaten verlassenDen 16ten Febr. 1233 war gar kein Fürst in Nürnberg bei dem Könige, und den dritten Febr. 1235 nur die Bischöfe von Worms und Würzburg.  Ried. cod. I, 387.  Histor. dipl. Norimb. II, 97, Urk. 10. Über die Geißeln, welche Heinrich aushob, Colmar. chron. I, zu 1235., und die Aushebung von Geißeln in den Städten beweiset, daß er auch diesen nicht vertrauen konnte. Desto wichtiger war es für ihn, außerhalb Deutschland Bundsgenossen an dem Papste und den Lombarden zu gewinnen.

691 {1234} Die vielen Zögerungen und Winkelzüge, welche diese allen päpstlichen Bemühungen für den Abschluß eines billigen Friedens mit dem Kaiser, seit dem Jahre 1233 entgegenstellten, machen es wahrscheinlich, daß sie um den bevorstehenden Abfall des Königs wußten, oder ihn mit Bestimmtheit voraussahen. Erwiesen ist es, daß Heinrich seinem Marschalle Anselm von Justingen und dem würzburgischen Oberhelfer Wolker von Tanuhr oder Tannhauer, am 13ten November 1234 unumschränkte Vollmacht gab, mit ihnen einen Vertrag abzuschließen. Am 17ten December legten diese Gesandten in Mailand die königlichen Schreiben vor, und schon am folgenden Tage war man über alle Punkte einig; welches um so mehr auf frühere geheime Unterhandlungen hindeutet, weil die übrigen in der Urkunde mitgenannten Städte, jene neuesten, auch an sie gerichteten Schreiben binnen so kurzer Frist nicht einmal empfangen, wie viel weniger über deren Inhalt Beschlüsse fassen konnten; – man müßte denn annehmen, daß ihre Bevollmächtigten schon in Mailand versammelt waren, oder Mailand die Entscheidung im Vertrauen auf seine Macht und die Macht derjenigen seiner Bürger, vorweg nahm, welche in vielen Städten, als gewählte Podesta, den Gang der öffentlichen Angelegenheiten lenktenSavioli zu 1234.  Giulini VII, 592-597.. In jenem Vertrage sind genannt: Mailand mit seinem Podesta Manfred von Cortenuova, Brescia, Bologna, Novara, Lodi und der Markgraf von Montferrat. Diese versprachen für sich und andere Städte: sie wollten Heinrich als König anerkennen und achten, für ihn innerhalb der lombardischen Gränzen fechten und weder rathen noch helfen, daß er Leben, Glieder, Ehre, Macht oder Krone verliere. Seinerseits erkannte der König den lombardischen Bund in seiner vollen Ausdehnung an, erklärte die Feinde desselben (z. B. Pavia und Cremona) auch für seine Feinde, entsagte dem Rechte eines einseitigen 692 {1234} Friedensschlusses und gelobte, er wolle von seinen neuen Verbündeten niemals neue Abgaben, Mannschaft, Geißeln, Pfänder oder Sicherheiten anderer Art verlangen. Der Eid, womit beide Theile dies alles bekräftigten, solle nach zehn Jahren wechselseitig wiederholt werden, sofern Heinrich bis dahin nicht Kaiser geworden sey. – So gab König Heinrich, ohne Rücksicht auf Kindespflicht und Reichsehre, fast alles preis, was der Kaiser, dem Sinne und Buchstaben des konstanzer Friedens gemäß, zu behaupten strebte; und die meisten Städte hielten diese, wie jede Erweiterung ihrer Rechte, für einen Gewinn. Um so mehr verdient es Erwähnung, daß Faenza (einsichtiger, oder treuer, oder beides zugleich) jenen Vertrag unwürdig nannte und den Eid verweigerte.

Als der Kaiser von dem Aufruhr in Deutschland und von Heinrichs Bunde mit den Lombarden hörte, erschrak er sehr und mochte fürchten, daß der Papst ebenfalls mitwirke und im Einverständnisse sey. Auch haben es einzelne Schriftsteller (frühere und spätere Zeiten mit diesem Augenblicke verwechselnd) geradehin behauptet, oder aus der allgemeinen Stellung der päpstlichen Macht gegen die kaiserliche, eine innere Nothwendigkeit erweisen wollen, daß Gregor diese Empörung (wie einst Paschalis II die Empörung Heinrichs V gegen seinen Vater) unterstützen mußte und unterstützt habe. Dem ist aber nicht so: denn die Stimmen lombardischer, gutentheils späterer Schriftsteller, welche das Verfahren ihrer Landsleute gern durch Beistimmung der Kirche geheiligt hätten, verdienen, bei dem Schweigen anderer, an sich wenig Glauben; und überdies werden sie durch Gregors Natur und durch vollkommen genügende Zeugnisse widerlegtGassarus 1444.  Bonon. hist. misc. zu 1231.  Galv. Flamma c. 264.  Mutin. ann. zu 1232.  Mediol. ann.  Murat. annal.. Denn so kraftvoll, ja heftig auch dieser Papst für das auftrat, was ihm als sein Recht und seine Pflicht erschien, so wenig Geschicklichkeit hatte er 693 {1235} zu geheimen Ränken, und er stand wahrlich zu hoch, vornehm und fest da, als daß er nöthig gehabt hätte durch Lügen und Empörungen, gegen die einfachsten und klarsten Ansichten des Rechts und des Christenthums, Einfluß und Herrschaft zu begründen. Er war durch Heinrichs Abfall wahrscheinlich überrascht wie der Kaiser, und so weit entfernt von den eingetretenen Verhältnissen unanständigen Vortheil zu ziehenDie Nachrichten in der Vita Pontif., Rich. S. Germ. 1035 und Petr. Vin. I, 21 gehen höchst wahrscheinlich auf diesen Zeitpunkt., daß er Friedrichs Anerbieten, ihm seinen Sohn Konrad als Geißel zu stellen, nicht einmal annahm und schon früher, am 13ten März 1235, an alle Fürsten und Prälaten nach Deutschland ein Schreiben erließReg. Greg. IX, J. VIII, N. 461, 462.  Rayn. zu 1235, §. 9., worin er laut seine Einigkeit mit Friedrich erklärte, ihn lobte und dann hinzufügte: »wir wollen nicht leiden und sollen auch nicht leiden, daß irgend jemand dem Kaiser Unrecht thue oder ihn verletze; weshalb wir euch bitten und bei unserem Herrn Jesus Christus beschwören, mit vorsichtiger Überlegung zu erwägen: wie unschicklich, ja wie schändlich es sey, wenn ein Sohn seinen Vater oder irgend einen um ihn wohl Verdienten, ohne Grund zu beleidigen strebt. Dem Könige Heinrich, welcher uneingedenk des göttlichen Gesetzes und ein Verächter menschlicher Anhänglichkeit, sich, als ein Stein des Anstoßes seinem Vater entgegengestellt hat, sollt ihr zur Verfolgung seines schändlichen Vorhabens, weder Rath, noch Hülfe, noch Gunst erzeigen, sondern ihn von den gefährlichen Pfaden klüglich und wirksam und ohne Verzug auf den rechten Weg zurückbringen. Wir verlangen dies um so mehr, da ihr ihm, nicht ohne tadelnswerthe Nachsicht, zu einem Übermaaße von Verkehrtheit vorzuschreiten erlaubtet, welches wir als vernunftwidrig und vollkommen ungerecht mißbilligen, verabscheuen und verdammen.«

694 {1235} »Alle Verbindungen, welche gegen den Kaiser geschlossen, alle Eide, welche zu deren Bekräftigung geschworen sind, erklären wir also für nichtig und werden jeden mit dem Kirchenbanne treffen, der unsern Befehlen nicht gehorcht.«

Bald nachher wies Gregor die Bischöfe von Würzburg und Augsburg und den Abt von Fulda nachdrücklich zurecht, daß sie mehr zum Aufruhr, als für den Frieden wirkten, und schrieb dem Erzbischofe von Trier: »Heinrich hat seinem Vater durch feierlichen Eid und durch besiegelte Urkunden für die Zukunft unbedingten Gehorsam versprochenWürdtwein nova subs. I, 54, 56.; er hat uns dasselbe zugesagt und sich für den Fall der Übertretung selbst des Bannes würdig erklärt. Darum habt ihr über den Eid- und Wortbrüchigen, sofern er nicht augenblicklich umkehrt, in ganz Deutschland den Bann auszusprechen.«

Gleichzeitig schrieb der Kaiser klagend an die deutschen Fürsten: sie hätten ihn so freundlich und dringend nach Deutschland eingeladen, und er habe ihnen, bei der Unmöglichkeit immer dort zu bleiben, seinen damals einzigen Sohn als Zeichen seiner Liebe und in der Hoffnung da gelassen, er werde ein heilsames Band seyn, den Vortheil aller gleichmäßig befördern und sich zu einem tüchtigen Herrscher bilden. Leider habe Heinrich ihn getäuscht, die Fürsten beleidigt, dem Rathe von Thoren, Gebannten und Verbrechern Gehör gegeben und die ihm (obgleich wider die Ansicht mancher) in Aquileja bewilligte Verzeihung nur benutzt, um größere Frevel zu verübenCod. Vindob. Phil. No. 305, p. 155.  Mart. coll. ampliss. II, 1158, 1248..

Jene päpstlichen und diese kaiserlichen Briefe erschreckten die unschuldigern Anhänger des Königs, und machten die durch Überraschung oder Furcht gewonnenen lässig. Doch sammelte er bei Oppenheim ein Heer und griff Worms 695 {1235} an: aber die Bürger widerstanden ihm und ihrem Bischofe Landolf von Hoheneck (der von allen Prälaten fast allein den Aufruhr unterstützte) mit dem größten Nachdrucke; bis die Botschaft eintrafWormat. chron. 1191.  Schultes koburgische Landesgesch. Urk. 10.  Schannat. Worm. 372.: Kaiser Friedrich sey gleich nach Ostern 1235 aufgebrochen, und werde bald in Deutschland erscheinen. Noch immer hoffte König Heinrich, daß die Lombarden seinen Vater zurückhalten würden; und wahrscheinlich hätten sie es, wenn er mit Heeresmacht genaht wäre, wenigstens versucht: aber Friedrich kam, seinem Rechte und der deutschen Treue vertrauend, ohne HeerArx I, 353., fand auf den Gränzen des Reiches an dem Abte Konrad von S. Gallen einen eifrigen Anhänger, und wurde mit noch größerer Pracht und Ehrfurcht von dem Herzoge Otto von Baiern empfangen. Nachdem er in Landshut seinen zweiten Sohn Konrad, zu neuer Begründung und Bestätigung wechselseitiger Freundschaft, mit Elisabeth, der Tochter Ottos, verlobt und den Markgrafen von Baden in alle Rechte wieder eingesetzt hatte, begab er sich nach Regensburg, wo siebenzig Fürsten und Prälaten seiner harrtenSchöpflin hist. Zaring. Bad. V, 198.. Einstimmig erkannten sie Heinrichen für schuldig, entsetzten ihn seiner königlichen Würde und unterstützten den Kaiser dergestalt, daß er gleichzeitig zehn von den festen Burgen seines Sohnes einschließen und belagern konnte. Jetzo erst ließ sich dieser durch den Deutschmeister Hermann von Salza bewegen, persönlich die Gnade seines erzürnten Herrn und Vaters anzuflehenMath. Paris 284.  Corner 864.  Adlzreiter ann. 627.  Mon. Patav. 674.  Estense chr.  Godofr. mon.  Immer bleibts zweifelhaft, ob die Absetzung Heinrichs je vor seiner Gefangenschaft ausgesprochen wurde..

Dieser verlangte: er solle alle Burgen übergeben und eidlich allen strafbaren Unternehmungen entsagen. Heinrich ging diese billigen Bedingungen ein, und ward hierauf 696 {1235 bis 1242}von seinem Vater am zweiten Julius in Worms zu Gnaden aufgenommen. Als er aber von neuem Zögerungen hervorsuchte, Trifels nicht übergeben wollte und sogar beschuldigt ward, er habe den Kaiser vergiften wollen; so ließ ihn dieser verhaften und der Aufsicht des Herzogs Otto von Baiern übergeben. Hingegen findet sich keine Spur, daß der mit kluger Milde vorschreitende Kaiser andere Theilnehmer der Empörung (den Bischof von Worms ausgenommen) verfolgt oder bestraft hätte. Heinrich wurde später von dem Erzbischofe von Salzburg, dem Bischofe von Bamberg und dem Patriarchen von Aquileja über die Alpen geführt, und endlich vom Markgrafen Lancia nach Apulien in das feste Schloß S. Felice gebrachtErfurt. chr. S. Petr. zu 1235.  Rich. S. Germ. 1036.  Auct. inc. ap. Urstis.  Alberic. zu 1235.  Anon. Saxo 127.  Tolner 384..

Sein Oheim, der König Jakob I von Aragonien, welchen man von allen Verhältnissen genau unterrichtete, scheint es nicht rathsam gefunden zu haben, sich für Heinrich zu verwendenPetr. Vin. III, 26..

Noch im Jahre 1240, wo Friedrich II Geld anwies, ihm neue Kleider machen zu lassenRegesta 392.  Prout ei expedit, vestitus non est., saß Heinrich, weil er keine Reue oder Nachgiebigkeit zeigte, in S. Felice, wurde dann nach Neokastro in Kalabrien und endlich nach Martorano gebracht, wo er am 12ten Februar 1242 starbRich. S. Germ. 1045, 1048.  App. ad Malat.  Bartol. de Neocastro prooem. 1014.  Cron. Sicil. bei Pellicia I.  Bocaccio de casibus viror. illustr. hat eine, sonst nirgends bestätigte Nachricht: daß Friedrich ihn zu sich berief und Heinrich, aus Furcht und Verzweiflung, sein Pferd zwang, über eine Brücke oder von einem Felsen zu springen, woran er starb; und eben so zweifelhaft ist eine andere Nachricht (Erford. chr. Schann. 98): der Kaiser habe ihn 1238 aus der Haft entlassen und zu Gnaden angenommen. Begraben ist Heinrich in Kosenza.. – Über dies Ereigniß erließ der Kaiser folgendes 697 {1242} merkwürdige Schreiben an alle Barone, Prälaten und Städte des sicilischen Reiches: »Der väterliche Schmerz über den Tod meines erstgebornen Sohnes Heinrich, überwiegt das Urtheil des strengen Richters und treibt eine Thränenfluth aus dem Innersten hervor, welche das Andenken erlittener Beleidigungen und der Ernst der Gerechtigkeit bisher zurückhielt.«

»Vielleicht werden sich harte Väter wundern, daß der durch öffentliche Feinde unbezwungene Kaiser einem häuslichen Schmerze erliege: aber das Gemüth eines jeden Fürsten, sey es noch so fest, ist dennoch der Herrschaft der Natur unterworfen, welche ihre Kräfte gegen jeden ausübt und Könige oder Kaiser nicht anerkennt. Ich gestehe es, daß mich der Stolz des lebenden Königs nicht beugen konnte, der Tod des Sohnes aber tief bewegte, und ich bin weder der erste noch der letzte derjenigen, welche von ungehorsamen Söhnen Schaden erduldeten und doch an ihrem Grabe weinten!«

»So betrauerte David seinen Erstgebornen, Absalom, und jener herrliche Julius Cäsar versagte keineswegs väterlich theilnehmende Thränen, dem Schicksale und dem Andenken seines Schwiegersohnes Pompejus. Selbst der schärfste, durch widernatürlichen Ungehorsam von Kindern erzeugte Schmerz, ist für Ältern kein wirksames Heilmittel gegen den Schmerz, welcher aus ihrem Tode hervorgeht. Deshalb kann und will ich auch nichts von dem unterlassen, was einem Vater nach dem Absterben seines Sohnes zukommt; deshalb befehle ich, daß überall in meinem Reiche für ihn Seelenmessen gelesen und alle heilige Trauergebräuche beobachtet werden; und so wie sich meine getreuen Unterthanen bei jedem Glücke, welches mir widerfährt, aufrichtig mitfreuen, so mögen sie jetzt auch ihre herzliche Theilnahme an meinem Schmerze beweisen.«Petr. Vin. IV, 1.  Cod. Vind. Phil. No. 61, fol. 37. No. 305, fol. 99, No. 71, fol. 73, No. 383, fol. 42.  Pipin II, 35.

Nach diesen traurigen Erfahrungen an seinem ältesten 698 {1235} Sohne, wachte Friedrich mit verdoppelter Aufmerksamkeit über die Erziehung des zweiten. Während seiner Anwesenheit in Neapel stand Konrad unter der Leitung eines sehr klugen und tüchtigen Edeln, und war so gut geartet, daß er bei allen Menschen, selbst bei dem Papste und den Kardinälen großen Beifall fand; später gerieth er aber in Deutschland auf Abwege und in schlechte GesellschaftChron. imperat. Laurentianum. Später habe er ganz die deutsche Lebensweise und die deutschen Fehler angenommen.  Ebrietati deserviens etc., worüber der Kaiser, als ihm endlich hievon Nachricht zukam, mit Recht sehr zürnte und den Aufsehern des jungen Königs ihre falsche Nachsicht streng verwies. Er verordneteCod. Vind. Phil. No. 61, fol. 39, No. 305, fol. 132.: daß alle Verführer sogleich von seinem Sohne entfernt und zur Bestrafung nach Neapel gesandt würden, und daß dessen Gesellschaft künftig nur aus Männern bestehen solle, die durch Tugend und Klugheit bereits ausgezeichnet und im Stande wären, den Jüngling mit überlegenem Ernste zur Zucht und Ordnung anzuhalten. Ihm selbst schrieb erLitterae Princ. ap. Hahn. 18.  Würdtw. nov. subs. XI, 10.  Pfister II, 302.  Rayn. zu 1250, §. 34.: »strebe nach Weisheit, und spiele nicht den König, während du noch als Schüler lernen sollst. Nicht darum allein werden die Könige und Kaiser von andern unterschieden, weil sie höher gestellt sind, sondern weil sie gründlicher erkennen und tugendhafter handeln sollen. Sind deine Sitten gut, so suche sie noch zu verbessern; schreite fort von Tugend zu Tugend und bewähre diese, wo es irgend möglich ist, durch Thaten. Befrage nur Männer, welche sich durch ihre Würde und Trefflichkeit auszeichnen; scheue zweizüngige Diener, fliehe die Schmeichelei und gieb nie Verleumdern Gehör. Ehre die Geistlichen, welche uns und dem Reiche hold sind, um ihres Stifters willen; erfreue dich an der Strenge des Kriegsdienstes und der Krieger; sey herablassend und zugänglich für jedermann, gerecht 699 {1235} in der Milde und mild in der Gerechtigkeit; damit weder das Recht, noch die Wahrheit, noch der Friede verletzt werde. – Vogelsang und Jagd, die gewöhnlichen Erholungen der Könige, mögest du mit geübten Männern, an gehörigem Orte und zu gehöriger Zeit treiben. Doch erinnern wir dich, daß du bei diesen Ergötzungen nicht zu vertraut mit Jägern und andern Dienern werdest, welche die Würde des Königs durch eitle Reden erniedrigen und edle Sitten verderben. Gedenke deines Vaters, folge den dir gesetzten Räthen und nimm ein warnendes Beispiel an deinem Bruder; dann wirst du überall Lob erhalten und deine Herrschaft grünen und wachsen.« – Und in einem ähnlichen Schreiben heißt esMartene coll. ampliss. II, 1165.: »die Könige werden geboren und sterben wie andere Menschen. Sind sie ihnen nun nicht überlegen an Tugend und Weisheit, so werden sie regiert, anstatt zu regieren, und ihre Einfalt und Untugend gereicht nicht bloß ihnen zum Unglücke, sondern zieht die Völker mit ins Verderben. Daher sagt die Schrift mit Recht: wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist! Du sollst dereinst mehr Völker beherrschen, als irgend ein Mensch auf Erden; deshalb liegt dir unerläßlich ob rastlos dahin zu streben, daß du durch Überlegenheit des Geistes und der Tugend, und nicht bloß der Geburt und dem Namen nach, ein König seyst.« 700

 


 


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