Friedrich von Raumer
Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit, Band 3
Friedrich von Raumer

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Zweites Hauptstück.

{1220} Als Friedrich II im achtzehnten Lebensjahre sein mütterliches Reich nach des Papstes und der Deutschen Aufforderung verließ, war dasselbe kaum dem langen Unheile bürgerlicher Kriege entrissen. Zwar entzündeten sich diese während seiner mehr als achtjährigen Abwesenheit nicht aufs neue: wohl aber hatten die Barone und Prälaten jede Veranlassung und Gelegenheit benutzt, um ihre Rechte zu erweitern, die des Königs aber zu verkümmern. Lehne wurden nicht gemuthet, Grundstücke willkürlich in Besitz genommen, Dienstbarkeiten vernachlässigt, unerweisliche Gerechtsame behauptet und unleugbare Verpflichtungen verweigertCarcani const. Sicil. III, 1.. Jetzo kehrte Friedrich nach unerwartetem Glücke als Kaiser, in der vollen Kraft seiner Jugend und mit sehr veränderten Ansichten und Absichten zurück; und wo konnte er diese durchzuführen mehr wünschen und hoffen, als in Apulien und Sicilien?

Der in Deutschland hülflos Ankommende, dann mehr durch den guten Willen anderer als durch eigene Macht Obsiegende, durfte sich dort die unausführbare Aufgabe nicht einmal stellen, gewaltige Fürsten und Prälaten in abhängige Beamte seines Hofes zu verwandeln und das seit Jahrhunderten allmählich Entwickelte zu vernichten; er 356 {1220} konnte eben so wenig von der Kirche etwas ertrotzen, sondern ihr höchstens im Tausche vielleicht etwas abgewinnen; er konnte endlich, bei unzureichender Kriegsmacht, mit den Lombarden keine Streitigkeiten über den Umfang und die Gränzen der Kaiserrechte anfangen. Mithin war, trotz dem Glanze des Erreichten, die Lage Friedrichs sehr wandelbar und unsicher; er fühlte, daß der künstliche Bau leicht zusammenstürzen könne, wenn er nicht im untern Italien eine feste Macht gründe. Hier oder nirgends sey der sicherste Stützpunkt gegen den Papst, der nothwendige Anfangspunkt zu einer allgemeinen Herrschaft über Italien. Auch stellte sich ihm keineswegs, wie in Deutschland, eine, wo nicht anerkannte, doch unbezwingliche Verfassung entgegen; sondern nur Anmaassungen einzelner, welche kein normannischer König geduldet und Heinrich VI hart bestraft hatte. Und doch gerieth Friedrich selbst hiebei in eine peinliche Lage, weil er von zwei bedenklichen Auswegen sogleich den einen oder den andern ergreifen mußte. Im Fall er nämlich alle Verleihungen, Versprechungen u. s. w. anerkannte, welche Innocenz und die übrigen Vormünder während seiner Minderjährigkeit genehmigt hatten; so erhielt er sich den Ruhm der Dankbarkeit und des Worthaltens, konnte aber dann unmöglich die königliche Macht irgend herstellen, oder Ruhe und Ordnung begründen. Behielt er hingegen diese Zwecke im Auge, so mußte er vieles scheinbar Beglaubigte umstoßen, Verleihungen zurücknehmen, Versprechungen aufheben; und was manche dem staatsklugen Herrscher zu Gute rechneten, erschien doch den Betheiligten als ungerechte Strenge und Wortbruch.

Friedrich, eingedenk der langen Noth seiner Jugend, der gegenwärtigen Unordnung und der, wie er hoffte, glänzendern Zukunft, hielt sich durch die Anmaaßungen seines Vormundes nicht für gebunden, und ob er gleich mit der Kirche itzt keineswegs brechen wollte, so glaubte er doch gewisse Maaßregeln keinen Augenblick aufschieben zu dürfen, da sich Honorius gegen ihn zeither sehr milde gezeigt hatte, 357 {1220} und eine neue Entfernung aus dem Reiche durch den Kreuzzug bevorstand. In Kapua und Messina gab er mehre Gesetze zur Herstellung des Gehorsams und der guten Sitten, unterwarf alle Verleihungen und Schenkungen, welche seit dem Tode Wilhelms II gemacht waren, einer strengen Prüfung, bestätigte dann die Rechte der getreuen Lehnsmänner und begann, zu seinem und des Volkes Nutzen, den Kampf gegen die abgeneigten oder widerspenstigen BaroneRich. S. Germ.  Tauleri mem. 109.  Tuzii mem. 87.  Innocenz III führt an: er habe das ursprünglich der lateranischen Kirche zugehörige und verschuldete Sora ausgelöset, Ep. XII, 5, und Friedrich habe später, 1215, eingewilligt. Murat. antiq. Ital. V, 653.  Rayn. zu 1211, c. 6; 1212, c. 2.  Inveg. ann. 546.  Fatteschi 123.  Signorelli II, 417. Bis 1215 war sogar Neapel in Ottos IV Händen, oder von ihm abhängig. Chiarito 59.  Pecchia II, 244.. Richard, der eine Bruder Innocenz des dritten, mußte die Grafschaft Sora, der zweite, Kardinal Stephan, Rocca d'Arce räumenContelori geneal.; der früher verhaftete Diephold erhielt zwar seine Freiheit auf Bitten der Deutschen wieder, übergab aber Alife und einige andere Güter durch seinen Bruder Siegfried dem Kaiser. Die Abtei S. Germano verlor den Blutbann nebst der Stadt Atino; dem Grafen von Celano wurde manche Besitzung abgesprochen, und einige ohne Genehmigung des Königs eingeführte Bischöfe mußten wohl schon jetzt ihre Stellen niederlegen. Als Gründe zu diesen Maaßregeln finden wir angegeben: gesetzwidrige Belehnungen während der Minderjährigkeit Friedrichs, heimliches oder offenbares Einverständniß mit Otto IV, Ungehorsam gegen neuere Befehle des Kaisers, Willkür gegen das Volk, ungebührliche Erbauung von Burgen, Friedensbruch und sträfliche Fehden.

Auch die genuesischen Gesandten, welche sich wieder einfanden, konnten ihre Zwecke nicht erreichen: vielmehr unterwarf sie der König den gewöhnlichen Handelsabgaben und Handelsgerichten. Denn bestimmte Versprechungen 358 {1221} mochten nicht statt gefunden habenMarchisius zu 1221. Vergleiche Caffari zu 1217, wonach Graf Heinrich von Malta den Genuesern Freiheit von allen Abgaben im sicilischen Reiche ausgewirkt haben soll., und aus bloßer Dankbarkeit, das glaubte Friedrich, dürfe kein Herrscher Fremde Einheimischen vorziehen und ihnen übermäßige Rechte und unabhängiges Besitzthum in seinen Staaten zugestehen.

Neben den innern Angelegenheiten gedachte der Kaiser ernstlich des Kreuzzuges. Er erlaubte dem überall thätigen Kardinal Hugolinus, welcher nach dem Auftrage des Papstes, in Tuscien und der Lombardei den Kreuzzug beförderte, die Acht in dieser Beziehung auszusprechen oder zu lösen. Er wies den deutschen Rittern große Einnahmen in Messina anReg. Hon. I, 958, ad usus hiemales, Pro mantellis et agninis pellibus. und verstattete, daß jeder Baron von seinen Reichslehen etwas den Johannitern überlassen dürfeReg. Hom. III, 495.; endlich schrieb er im Anfange des Februars 1221 aus Salerno an alle Getreue in Deutschland und der Lombardei, machte ihnen eine feierlich beredte Schilderung der Leiden des heiligen Landes und fügte dann hinzu: »nach so vielen, durch Gottes Hülfe über so mannigfache Feinde erhaltenen Siegen, nach so zahlreichen, mühevollen Kämpfen, in welchen die Kraft des Kaiserthums und der Ruhm kaiserlicher Majestät hervorleuchtete; gebührt es uns den Schöpfer aller Dinge, durch den wir allein sind, leben und mit erwünschtem Glücke regieren, von ganzem Herzen, von ganzem Gemüth und aus allen Kräften zu lieben, und ihm eifrigst und demüthigst anzuhangen: denn ob uns gleich der Erfolg irdischen Glückes anlächelt, so sind wir doch weit entfernt, uns durch so vergänglichen Glanz von der Liebe und der Furcht unseres Schöpfers abhalten zu lassen. Deshalb haben wir das Kreuz genommen, und wenn ihr anders kaiserliche Gunst und Ehre schätzt, so folgt unserm Beispiele. Wohlauf ihr getreuen Ritter des Reiches, ergreift schnell 359 {1221} die Waffen christlicher Ritterschaft; schon sind die siegreichen Adler des römischen Kaiserthumes vorangezogenReg. Hon. V, 447, 448.. Zweifacher Lohn erwartet euch: die kaiserliche Gnade und die ewige Glückseligkeit. Laßt euch ermahnen, erbitten, erflehen, befeuern um der Liebe Christi willen, dessen Braut die Kirche, unsere heilige Mutter, in jenem Lande elendiglich gefangen gehalten wird. Erinnert euch ferner, wie die römischen Kaiser vor alter Zeit, mit Hülfe ihrer bis zum Tode getreuen Ritter, den ganzen Erdkreis ihrer Herrschaft unterwarfen. Eben so werdet ihr eure Mutter die Kirche, ihr werdet euern Kaiser nicht verlassen; auch dürfen wir nie dulden, daß unser frommer Vorsatz dadurch vereitelt und zu Schanden werde.«

So schrieb der Kaiser über den Kreuzzug, und wir haben keinen genügenden Grund zu zweifeln, daß er auch so dachte. Allein wie er früher in Deutschland meinte: erst nach der Wahl seines Sohnes und nach Empfang der Kaiserkrone könne der Kreuzzug mit Erfolg und Nachdruck angetreten werden: so wollte er jetzo die völlige Herstellung der Ordnung im apulischen Reiche vorangehen lassen. Nach der Betrachtungsweise des Papstes war hingegen der Kreuzzug das Erste und Nöthigste. Honorius fand aber nicht bloß Hindernisse beim Kaiser, sondern die wichtigste Ursache derselben lag, wie gesagt, darin: daß man, weil sich dieser Kreuzzug nicht mehr, wie die ersten, von selbst machte und trieb, den verschwundenen Eifer durch Zwang, die fehlende Begeisterung durch künstliche Mittel ersetzen mußte. So wollten z. B. viele Geistliche nicht für das Morgenland steuern, obgleich der Beitrag eines Zwanzigstels ihrer Einnahmen an sich keineswegs zu hoch war. Honorius ließ es nicht an mannigfaltigen Ermahnungen, ja, wo die Weigerung anmaaßend und beharrlich war, nicht an Kirchenstrafen fehlenReg. Hon. II, 925, 933, 937. Klöster wurden gebannt, die nicht zahlten. V, 289, 312, 499.. Er erweiterte die Vollmachten der 360 {1221} Bischöfe und der zur Hebung Beauftragten so sehr, als irgend möglich, und erlaubte, daß unbestimmte, schwer abzuschätzende Einnahmen, Jagd, Fischerei u. s. w., zur Vermeidung aller Plackereien, aus der Berechnung des Zwanzigsten weggelassen würdenReg. Hon. VI, 111.. Ungern sah er es hingegen, als die von Muhamedanern selbst bedrängten Spanier, statt des Zwanzigsten, nur ein Vierzigstel anboten und die Prämonstratenser ihre alten Freibriefe geltend machtenReg. Hon. III, 64, 264; IV, 831.. Er verbot, daß man (wie es unter andern in Deutschland geschah) die Kreuzfahrer vorsätzlich besteuere und verfolge, weil sie sich durch Übernahme des Gelübdes ihren gewöhnlichen Verpflichtungen entzögen; er befahl im Gegentheil sie auf alle Weise zu begünstigen, und ihnen übertragene Ämter, ob der bevorstehenden Entfernung, nicht zu nehmen. Erst nach langen Überlegungen, großen Vorsichtsmaaßregeln und mannigfachen Beschränkungen willigte er einReg. Hon. 50; V, 234; VI, 17., daß man in Südfrankreich einiges Geld zur Bekriegung der Albigenser zurückbehielt, schlug aber das Gesuch mehrer ab, welche lieber nach Preußen als nach Syrien wallfahrten wollten.

Überall war die Abschätzung, Hebung und Vertheilung der Steuern so eingerichtet, daß auf den Papst auch nicht ein entfernter Verdacht des Eigennutzes fallen konnte: vielmehr hatte dieser in seinem dritten Regierungsjahre bereits 20,000, und im fünften 30,000 Mark für den Kreuzzug aus eigenen Mitteln verwendet und seine Kassen gänzlich erschöpftReg. Hon. 50, 136. Es gab viel an römische Kreuzfahrer. ibid. III, 200; IV, 561. An Friedrich selbst 2000 Mark. ibid. V, 183.. Aber die kleinen Vertheilungen, besonders an die dürftigen Kreuzfahrer jedes einzelnen Sprengels, verursachten, daß die Hauptkasse für große gemeinsame Unternehmungen arm und unwirksam blieb; und als man von 361 {1221} diesem Verfahren abließ, entstanden wiederum Klagen jener Hülfsbedürftigen. Doch schickte der Papst Kapelläne aus, welche die Reste beitreiben und dafür sorgen sollten, daß größere Summen für das Morgenland an den dortigen päpstlichen Gesandten zu gewissenhafter Verrechnung abgeschickt würdenReg. Hon. V, 1.. Wenn einzelne Arme sich nicht selbst erhalten konnten, so wirkte man dahin, daß für mehre nur einer den Kreuzzug antrat und mit den nöthigen Mitteln ausgerüstet wurde. Sonst hielt der Papst streng darauf, daß niemand übereilt oder aus Nebenabsichten vom Gelübde gelöset werdeReg. Hon. V, 353, 366.. So mußte der Bischof von Durham, ob er gleich Altersschwäche als Hinderniß anführen konnte, 1000 Mark zur Hauptkasse zahlen, und noch mehr mochte man dem Herzoge C. von Polen abfordern, welcher behauptete: er könne nicht nach Palästina wallfahrten, weil es ihm zur andern Natur geworden sey, weder Wein noch klares Wasser, sondern allein Bier und Meth zu trinkenEx accidenti, verso in naturam, nec vinum nec simplicem aquam bibere valeat, consuetus potare tantum cerevisiam et medonem. Reg. Hon. V, 532. Ob dies C. (der Name ist in der Originalurkunde nicht ausgeschrieben) Conrad von Masovien bedeutet?.

Obgleich auf diese und ähnliche Weise allmählich, trotz aller Hindernisse, sehr große Summen für das heilige Land einkamen58,000 Byzantiner hatte der Erzbischof von Arborea auf Sardinien, 16,000 hatten die Templer in Paris gesammelt. Reg. Hon. III, 304, 685; IV, 561; V, 1. und mehre Abtheilungen von Pilgern aus Genua, Marseille und andern Seehäfen nach Syrien oder Ägypten segelten.Reg. Hon. II, 1234; III, 1.  Im August 1218 wollte eine Abtheilung Kreuzfahrer aus Frankreich absegeln. Die Schiffer wurden deshalb vom Papste angetrieben. III, 250., so fehlte doch der ganzen Unternehmung ein Haupt, es fehlte Plan und Zusammenhang; und 362 {1221} da der König von Frankreich schon einmal in Syrien gewesen war und kaum zum Waffenstillstand mit dem in Unruhe gerathenen England, viel weniger zu einer zweiten Annahme des Kreuzes bewegt werden konnteReg. Hon. III, 394, so mußte der Papst zuletzt immer wieder und ausschließlich auf den Kaiser zurückkommen. Deshalb erinnerte er ihn am 3ten Junius 1221 so höflich als dringend an sein Versprechen und fügte hinzu: »deute es nicht übel, wenn wir dir etwas bitteres zu schreiben scheinen, denn es geschieht aus Liebe, und die Wahrheit ist besser als lügenhafte Schmeicheleien. Viele nämlich murmeln und sagen: du haltest die zur Abfahrt bereiten Schiffe unter ungenügenden Vorwänden zurück, und suchest den Antritt des Kreuzzuges hinauszuschieben. Dadurch machst du uns schwere Sorge und giebst Veranlassung, daß wir von vielen gelästert werden, welche meinen, wir gäben dir aus übertriebener Liebe zu viel nach und wären mittelbar Ursache jener verderblichen ZögerungenReg. Hon. V, 706, 709.

Friedrich entschuldigte sichReg. Hon. V, 729.: »er und die Fürsten hätten beim Römerzuge so viel Geld ausgegeben und die nach Ägypten gehenden Kreuzfahrer so reichlich unterstützt, daß sie schlechthin außer Stande wären, in diesem Augenblicke auf eine anständige Weise mit großer Macht überzusetzen; doch wolle er, der Kaiser, vierzig Schiffe mit dem Bischofe von Katana und dem Grafen von Malta voraussenden.« Honorius war über das letzte, wirklich ausgeführte Versprechen sehr erfreut; doch wiederholte erReg. Hon. V, 760.: »Friedrich möge die Hauptsache nicht verzögern und sich nicht selbst täuschen und betrügen, während er andere zu täuschen meine.« Als er aber desungeachtet eine neue Verlängerung der Frist bis zum März 1222 verlangte, und zugleich mancher andere unangenehme Punkt zur Sprache kam, schrieb ihm Honorius am 21sten August nochmals umständlich und 363 {1221} aufrichtigReg. Hon. V, 636; VI, 1.: »Gott, dem nichts verborgen ist, der alle Geheimnisse kennt, ist mein Zeuge, mit welcher Sehnsucht des Geistes, mit welcher Freude des Herzens ich den Tag herbeigewünscht habe, wo ich dir die Kaiserkrone reichen würde. Ich habe mich über deine Erhöhung gefreut, wie ein Vater über die Erhebung seines Sohnes, in der Überzeugung, daß daraus für die Kirche und die ganze Christenheit der größte Gewinn hervorgehen müsse. Je mehr Verdienste die Kirche um dich hat, desto mehr muß sie von dir erwarten, desto mehr mußt du dich vor Undankbarkeit und Beeinträchtigungen hüten, desto weniger darfst du vergessen, mit welchen Eiden und Versprechungen mancher Art du dich gebunden und verstrickt hast. Schon vor deiner Krönung warst du wegen Versäumniß der Fristen in den Bann verfallen, und ich habe ihn nur aufgehoben, weil du schwurst den Befehlen der Kirche zu gehorchen. Bisher aber hast du ihre und der morgenländischen Christen Hoffnung getäuscht. Auch fehlt es nicht an Gründen zu Beschwerden anderer Art. Deine Beamten belästigen die Bürger von Benevent, gegen die früheren Verträge und Freibriefe, mit Steuern; was du um so mehr untersagen mußt, da ich bereit bin deinen Unterthanen bei etwaniger Klage gegen Beneventaner zu ihrem Rechte zu helfen. Ferner höre ich, daß du, deinem eidlichen Versprechen zuwider, dich in die Bischofswahlen mischest. Keineswegs sollen Personen, welche dir verdächtig sind, zu diesen Stellen erhoben werden, und gern will ich alles befördern, was deine und deines Reiches Ruhe erfordert: aber hüte dich in die Fußtapfen deiner Vorfahren zu treten, welche von Gott so gestraft wurden, daß außer dir kaum noch einer von ihrem ganzen Geschlechte übrig ist; hüte dich solchen dein Ohr zu leihen, welche bei einem Streite zwischen dir und der Kirche hoffen im Trüben zu fischen. Überlege, eingedenk der nächstvergangenen Zeiten, ob du von einer offenen Fehde mit der Kirche Vortheil erwarten könnest. Bedenke, daß dein Sohn nicht 364 {1221} minder durch den Einfluß der Kirche, als durch seine eigene Kraft, ruhig in Deutschland herrscht; bedenke, daß ich viele Augen und Ohren habe und sehr wohl weiß, wie vielen in Deutschland und Apulien ich einen Gefallen thäte, wenn ich unangenehme Maaßregeln gegen dich ergriffe. Aber kein Gedanke auf Erden ist mir mehr, als dieser, zuwider, und lieber trage ich den Vorwurf, ich hätte dir in zu vielem nachgegeben. Deinerseits aber vermeide nun auch, ich beschwöre dich darum, jedes Ärgerniß zwischen dir und der Kirche: denn wenn du mich endlich zu heftigen Schritten zwängest, so würde ich den ganzen Hergang der Dinge öffentlich der Welt vorlegen und Himmel und Erde zu Zeugen rufen, wie ungern und nur nothgedrungen ich milden Maaßregeln und Mitteln entsage.«

Das bisherige und nächste Benehmen des Papstes erklärt sich noch vollständiger, wenn man die von Zeit zu Zeit aus dem Morgenlande eingehenden Nachrichten damit in Verbindung setzt. Wir lassen die Erzählung der dortigen Ereignisse aber erst jetzt folgen, weil wir sie nicht zu sehr zerstückeln, sondern bis auf einen entscheidenden Punkt fortführen wollten.

Obgleich der König Andreas von Ungern im Frühlinge 1218 aus Syrien nach Europa zurückkehrte, beschlossen doch die dort bleibenden Pilger eine größere, kühnere Unternehmung. Im Mai desselben Jahres segelten König Johann, der Patriarch von Jerusalem, der Herzog Leopold von Österreich, mehre Bischöfe, Tempelherrn, Johanniter, deutsche Ritter, kurz die gesammte Macht der Christenheit, nach Damiette in Ägypten, und alle schlugen ungehindert am ersten Junius zwischen dem Meere und dem Nile ihr Lager auf. Der Stadt selbst konnten sie sich aber nicht nähern, noch die ihnen unentbehrliche Herrschaft über den Strom gewinnen, so lange ein mitten in demselben erbauter gewaltiger Thurm in den Händen der Saracenen blieb. Deshalb umringten ihn die Christen mit ihren Schiffen und beschossen ihn aus mancherlei Kriegszeuge: aber 365 {1218} griechisches Feuer und herabgeworfene Lasten zerstörten alle Anstalten, tödteten viele und schreckten die übrigenRich. S. Germ. 990.  Godofr. mon.  Vitriac. hist. Hier. 1133.  Oliv. Dam. 1403.  Memor. Regiens. 1086.. Nur die Deutschen und Friesen blieben unermüdlich. Sie verbanden zwei große Schiffe mit Balken und Stricken, errichteten auf denselben vier Mastbäume und in deren größter Höhe durch wechselseitige Befestigung der Segelstangen und durch andere zweckmäßige Mittel, eine Art von Verdeck zu gefährlichem Angriff. Flechtwerk und ein Überzug von Häuten sollte die Wirkung des griechischen Feuers und des feindlichen Geschützes abhalten. Während man nun diese Schiffe aus der Gegend des christlichen Lagers mit großer Mühe bis zum Thurme brachte und durch starke Anker gegen die Gewalt des Stromes sicherte, zogen die Geistlichen mit bloßen Füßen dem Ufer entlang und erflehten Glück für das wichtige Unternehmen. Die Saracenen hingegen warfen griechisches Feuer in solcher Menge auf den Bau, daß zuerst der Mast brach, woran die Leitern der Johanniter befestigt waren; dann stürzte auch die Leiter des tapfern Herzogs von Österreich zusammen, und die Saracenen erfreuten sich ihres Sieges. Schneller aber als sie glaubten, wurde, durch die Anstrengungen der geringern Pilger und unter der klugen Leitung des Stiftslehrers Oliver von Köln, der Bau nicht allein hergestellt, sondern auch verbessert. Vermittelst der Fallbrücken, welche bis zum Thurme reichten, erstiegen die Christen das obere Stockwerk und drängten ihre Gegner in das untere hinab. Von hier aus aber entzündeten diese, ohne eigene Gefahr, ein neues Feuer über ihren Häuptern und zwangen die Pilger, den Thurm zu verlassen. Nochmals kehrten diese, sobald das Feuer gelöscht war, zurück: aber erst nach fünfundzwanzigstündigem Kampfe ergab sich die Besatzung, und der Thurm kam am 24sten August 1218 in die Gewalt der Christen.

Nunmehr konnten diese mit ihren Schiffen tiefer in den 366 {1218} Strom hineinsegeln und der Stadt die Zufuhr abschneiden. Doch schlichen sich in der Nacht manche Kähne hindurch, bis Klingeln an die vorgezogenen Stricke befestigt wurdenSanutus 207-208.. Hierauf sah man häufig todte Pferde und Kameele den Strom hinab schwimmen, bis sich endlich ergab, daß es mit Lebensmitteln angefüllte Thierhäute waren. In mannigfacher Verkleidung gingen endlich Saracenen durch das christliche Lager zur Stadt, bis auch hiegegen zweckdienliche Maaßregeln getroffen wurden.

Daß alle diese kleinen Kunstmittel nicht auf die Dauer ausreichen konnten, sahen die Belagerten sehr wohl ein: zu ihrem Unglücke waren aber die öffentlichen Verhältnisse der muhamedanischen Reiche damals so, daß zum Entsatze der Stadt in den ersten Monaten gar nichts geschah. Dadurch nämlich, daß Adel, Saladins Bruder, seine Neffen allmählich verdrängt hatte, war schwere Spaltung in das Haus Ejubs gekommen, und jetzt lag jener fünfundsiebenzigjährige Sultan in Syrien krank danieder. Seine Söhne und Verwandten und alle sonst mächtige Häupter trafen, unbekümmert um alles übrige, nur Vorbereitungen für den Fall seines Todes, und als er endlich im September 1218 starb, bemächtigte sich sein ältester Sohn MoattamAbulfeda zu 1218. (von den Abendländern Korradinus genannt) der väterlichen Schätze und Kriegsvorräthe. In Ägypten hingegen begann Ahmed, der Anführer der hakkarensischen Kurden, Unruhen gegen Kamel, den zweiten Sohn Adels, und war im Betriff ganz obzusiegen, als Moattam mit einer Hülfsmacht herzueilte. Diese genügte zwar um Ahmed zu schrecken, nicht aber um auch die Franken zu besiegen; vielmehr schlugen diese im Laufe des Oktobers mehre Angriffe zurück, und würden noch schnellere Fortschritte gemacht haben, wenn nicht Übel anderer Art über sie eingebrochen wären. In der Nacht auf den 30sten November gesellte sich zu den heftigsten Regengüssen ein furchtbarer Sturm; so 367 {1218} daß von einer Seite die Fluthen des anwachsenden Stromes, von der andern die Wogen des Meeres bis in ihr Lager hineinstürzten, die Zelte hinwegschwemmten, die Lebensmittel und Vorräthe verderbten, das Kriegszeug aber und die Schiffe theils zu den Feinden hinüber, theils in die offene See hinaustriebenOliv. Schol. de capt. Dam. 1186.  Memor. Regiens. 1089.. Noch war dieser schwere Verlust nicht ersetzt, als eine böse Seuche unter den Pilgern ausbrach. Heftiger Schmerz ergriff die Lenden und Füße, die Farbe der Schienbeine verwandelte sich in schreckliches Schwarz, das Zahnfleisch wurde zerfressen, und nur mit höchster Mühe konnte der Kranke wenige Speise zu sich nehmen. Ärztliche Mittel retteten fast keinen; erst die neu belebende Wärme des Frühjahres bezwang das Übel.

{1219} Der Hauptplan der Christen ging itzt dahin, über den Nil zu setzen und an dessen linkem Ufer festen Fuß zu fassen: aber mehre hierauf gerichtete Versuche mißlangen, und ein den Tempelherren gehöriges Schiff wurde durch die Saracenen mit eisernen Haken zum Ufer gezogenVitriac. hist. orient. 296.. Als durch die rasche Thätigkeit der Christen, griechisches darauf gerichtetes Feuer unwirksam blieb, eilten die Ägypter hinzu, und es erhob sich der heftigste Kampf im Schiffe selbst, bis es, ungewiß von wem, durchbohrt ward und so plötzlich versank, daß nur die Spitze des Mastes noch hervorragte. Kein Christ, kein Saracene rettete sein Leben. Trotz dieser Unfälle und des durch Spitzpfähle und versenkte Fahrzeuge gedeckten Ufers, gelang es einigen Pilgern hier festen Fuß zu fassen, und nun beschloß man: das ganze Heer solle am folgenden Morgen auf das linke Ufer des Stromes übersetzen und den schweren Kampf mit den zahlreichern, vortheilhafter aufgestellten Feinden unverzagt beginnen. Aber wie erstaunten alle, als mit Anbruch des Tages, es war der fünfte Februar 1219, ein abtrünnig gewordener Christ 368 {1219} den Pilgern zurief: »der Sultan und alle Saracenen sind in der Nacht entflohen!« – und diese unglaubliche Nachricht bestätigte sich wirklich. Um den Gefahren einer neuen Verschwörung zu entgehen, hatte sich nämlich Kamel mit einem großen Theile der seinen schleunigst entfernen müssen, wodurch die Verwirrung und Parteiung unter den Bleibenden so groß wurde, daß die Christen ungehindert über den Nil setzten und Damiette von allen Seiten einschlossenGuil. Tyr.. 684.  Michaud III, 452.. Doch widerstanden die Belagerten, nachdem sie sich von jenem Schrecken erholt hatten, noch immer so beharrlich, daß manche Pilger, Geduld und Muth verlierend, in ihre Heimath zurückkehrtenAls aber viele von ihnen unterwegs scheiterten, sah man darin eine Strafe des ungenügend erfüllten Gelübdes.. Neue aus dem Abendlande anlangende Kreuzfahrer ersetzten jedoch diesen VerlustOger zu 1218.  Guil Armor. 91.  Alberic zu 1219.  Tirab. Moden. IV, Urk. 718.  Guil. Armor. 91.  Rich. S. Germ. 991.  Oger zu 1219.: der Erzbischof von Mailand, die Bischöfe von Paris, Reggio und Brescia, die Grafen von Andria, Nevers, Marche u. a. m. hatten das Kreuz genommen und segelten aus Marseille, Genua, Venedig, Brundusium u. a. O. nach Ägypten. Durch ihre Hülfe, durch den Muth und die Ausdauer aller dem Gelübde treuen PilgerDas Umständliche bei Godofr. mon., Mem. Regiens. 1095, Oliv. Schol. de capt. Dam. 1188, und hist. Damiat., geriethen die Belagerten in so große Noth, daß Kamel, nachdem alle Versuche die Stadt zu entsetzen fehl geschlagen waren, im Einverständnisse mit seinem Bruder den Vorschlag machteNach Abulf. IV, 305 und Fundgruben, V, 140 erfolgten diese Anträge erst nach der Einnahme von Damiette; dem widerspricht aber Oliver ganz bestimmt. Vitriac. hist. Hier. 1129.: er wolle den Christen für die Aufhebung der Belagerung von Damiette, Jerusalem und alle Eroberungen Saladins, nur mit Ausnahme der Burgen Krach und Königsberg zurückgeben, und selbst für diese Burgen einen Zins zahlen; 369 er wolle ferner das heilige Kreuz ausliefern und alle christliche Gefangenen frei lassen.

Bei Gelegenheit dieses Antrags offenbarte sich der im stillen schon lange nachtheilig wirkende Zwiespalt zwischen dem päpstlichen Kardinalgesandten und dem Könige Johann von JerusalemCardella I, 2, 206.  Exercitus est divisus et quisque auctoritatem sui domini sequebatur.  Dandolo 341.. Jener, Pelagius Galvani, ein geborner Spanier, verlangte überall die oberste Anführung, weil die Kirche nicht bloß den Zug veranlaßt, sondern auch die Kriegsmacht begründet und erhöht habe: dieser hingegen wollte seinem Rechte nichts vergeben und die Oberleitung des Krieges von der geistlichen Einwirkung geschieden wissen. Jetzt schlossen sich die Franzosen und Deutschen an den König an, und behaupteten: man müsse jene höchst vortheilhaften Bedingungen annehmen und Palästina aus den Händen der Ungläubigen erretten: denn Damiette, die entfernte vereinzelte Besitzung werde, wofern sie erobert würde, auch schnell wieder verloren gehen; mit der Befreiung des heiligen Landes sey hingegen der erste und höchste Zweck aller Kreuzzüge erreicht.

Dieser Ansicht widersprachen der Kardinal, der Patriarch, die Bischöfe und alle italienische Hauptleute. Der augenblickliche Erwerb Jerusalems, so sprachen sie, gewährt um so weniger Sicherheit für dauernden Besitz, da die Mauern und Thürme der Stadt niedergerissen sindAbulf. zu 1219.  Ibn Alatsyr 541-548.. Sobald die Saracenen neue Kräfte gesammelt haben, werden sie den Krieg wieder beginnen, und die Christen, das weiß der Sultan, werden ihn unglücklich führen. Damiette hingegen giebt uns die Herrschaft des Handels, verstopft die reichsten Quellen der feindlichen Macht und ist der Grundstein zu einem festern, in sich kräftigern Christenstaate. Nur 370 {1219} wenn der Sultan auch die vorbehaltenen, das offene Land beherrschenden Schlösser Krach und Königsberg überliefern und zur Herstellung der Mauern von Jerusalem 300,000 Goldstücke zahlen will, möchte sein Anerbieten vortheilhafter seyn, als die unausbleibliche Eroberung von Damiette.

Die letzte Meinung behielt die Oberhand und schien sich durch die nächsten Ereignisse als die beste zu bestätigen: denn die Macht der Ägypter und ihrer Verbündeten, welche noch immer durch Fehden mit dem Könige von ArmenienVitriac. hist. orient. 298., dem Sultane von Ikonium und den Söhnen Saladins getheilt war, reichte nicht hin die Christen aus ihrem befestigten Lager zu vertreibenAlberic. 503., und so unmöglich auch eine Erstürmung der von doppelten Mauern und zahlreichen Thürmen geschützten Stadt erschien, so konnte man doch mit Gewißheit darauf rechnen sie endlich auszuhungern. Um diese Zeit, in der Nacht vom vierten aus den fünften November 1219 erstiegen einige Pilger, wahrscheinlich im Einverständnisse mit etlichen Einwohnern, die Mauern und besetzten einen Thurm. Beim Anbruche des Tages folgten ihnen ihre Genossen, und so ohne allen Widerstand wurde die Stadt genommen, daß viele Erzähler die ganze Eroberung als ein Wunder bezeichnenGuil. Tyr. 683, 687.  Abulf. IV, 686.  Clarimarisii chron. zu 1219.  Iperius 703.  Godofr. mon.  Mem. Regiens. 1100.  Jacobi epist. de capt.  Dam. 1147.  Pappenh.  Math. Paris 208.  Guil. Nang. zu 1219.  Alberic. 503.  Nach Villani V, 40, war das florentinische Feldzeichen zuerst auf den Mauern.  Noctis silentio, furtive, sed tamen pie sey die Stadt genommen. Urk. in Martene thes. I, 874.  Michaud III, 467.. In der That aber könnte man die beharrliche Vertheidigung eher ein Wunder nennen, als das letzte Verschwinden alles Widerstandes: denn Krieg, Hunger und Krankheiten hatten die Zahl der Einwohner von 70,000 bis auf 3000 herabgebracht, und diese Überbliebenen waren durch die verdoppelte 371 {1219} Anstrengung ganz erschöpft und durch Augenschmerzen fast erblindet; ja nach Abulfeda gab es in der ganzen Stadt vielleicht nur hundert wirklich gesunde Menschen! Unbegrabene, von Hunden angefressene Leichname fand man in allen Straßen, Todte in allen Häusern, ja Kranke und Todte neben einander in einem Bette liegend! Man reinigte die Stadt und weihte die Kirchen aufs neue; doch fehlte es neben diesem löblichen Bemühen nicht an Freveln der Habsucht und der Grausamkeit.

Sobald die Nachricht von der Eroberung Damiettes nach Europa kam, entstand die größte Freude. Honorius nannte den Kardinalgesandten Pelagius einen zweiten JosuaCorner 883.  Schreiben Honorius vom 24sten Februar 1220. und erwartete um so mehr weitere Fortschritte, da er auf die baldige Abfahrt des Kaisers rechnete und manche von den bereits genannten Pilgern wohl erst jetzt in Ägypten landetenOliv. Dam. 1428.. Auch ergab sich die Stadt Tanis den Christen im ersten Schrecken. Hierauf aber traten mehre Gründe der Unthätigkeit ein. Zuvörderst wollten viele, nach so langen Mühseligkeiten, der reichen Beute sorgenfrei genießen. Andere, welche über die Theilung jener Beute in Feindschaft gerathen waren, versagten aus Zorn allen Beistand zu gemeinschaftlichen Unternehmungen. Endlich (und daraus entstanden freilich großentheils diese Übel) fehlte es an einem muthigen und kräftigen Anführer. Denn als der Kardinal, mit mehr oder weniger Rechte, dem Könige Johann die Herrschaft von Damiette nicht einräumen wollte, ergriff dieser eine Gelegenheit Ägypten ganz zu verlassen.

Der König Leo I von Armenien, dessen Tochter Johann nach dem Tode seiner ersten Gemahlinn Marie Jolante geheirathet hatte, war nämlich gestorben, und Johann nahm itzt das Land als Erbe in Anspruch. Weil aber bei seiner Ankunft in Armenien die Einwohner nicht ihn, 372 {1220} sondern nur seine Gemahlinn anerkennen wollten, mußte er nach Akkon zurückeilen, um diese abzuholenBern. thesaur. 843.  Guil. Tyr. 688.  Bernard de S. Pierre msc. 114.. Noch vor dem Ausbruche faßte er jedoch schweren Verdacht, daß dieselbe ihre Stieftochter Jolante (durch welche allein Johanns Ansprüche auf das Königreich Jerusalem fortdauerten) habe vergiften wollen, und gerieth darüber in so großen Zorn, daß er sie mit Schlägen und Fußtritten mißhandelte. Mochte nun ihr baldiger Tod, wie die Feinde Johanns behaupteten, eine Folge dieser Mißhandlung seyn, oder nicht; immer ging die Aussicht Armenien zu gewinnen für ihn verloren, und um so mehr verloren als Konstans, ein Verwandter König Leos, ihm und allen übrigen Thronbewerbern mit Nachdruck in den Weg tratAnfangs bestätigte Honorius Johanns Ansprüche, befahl aber später, dem Verlangen der andern Bewerber gemäß, nähere Untersuchungen. Rog. Hon. IV, 663; V, 258.. Dennoch kehrte Johann nicht nach Damiette zurück, worüber die Pilger und der Kardinal große Klage erhoben, und Honorius zurechtweisend an ihn schrieb: »wenn er länger in Syrien verweile, um das Land gegen die Ungläubigen zu schützen, so sey dies gut und löblich: geschehe es aber um persönliche Absichten durchzusetzen, oder gar wider die Christen in Armenien zu fechten, so sey dies verwerflichReg. Hon. V, 10, 26..« Den Genuesern, welche sich ebenfalls über den König beschwert hatten, gab der Papst weislich zur Antwort: »die römische Kirche, welche so viel für den Kreuzzug aufopferte, hat noch mehr Grund zu klagen, als ihr. Sie schweigt aber, um keine unheilbringenden Spaltungen zu erzeugen, und diesem Beispiele möget auch ihr folgen und rastlos fortwirken.«

Von solcher Mäßigung war der Kardinal Pelagius weit entfernt. Er hatte verboten, daß irgend jemand in dem Theile von Damiette, welcher dem Könige zugefallen war, ein Haus miethe oder beziehe; er hatte sogar 373 {1221} den Bann über ihn gesprochen, und sich erst nach langen und schwierigen Unterhandlungen, durch vermittelnde besonnene Männer zu einer Aussöhnung bewegen lassen.

Unter all diesen Übelständen und Thorheiten war die erste Hälfte des Jahres 1221 ohne Thätigkeit verflossen. Als aber Herzog Ludwig von Baiern im Namen des Kaisers mit Mannschaft ankam, verlangte der Kardinal von neuem aufs heftigste, daß man endlich angriffsweise verfahre. König Johann, welcher unterdeß wieder eingetroffen war, behauptete dagegen: »es sey thöricht, vor der Ankunft größerer Heere an neue Eroberungen zu denken: denn selbst im Fall eines Sieges werde man das für den Augenblick Gewonnene nicht schützen und behaupten können; im Fall einer Niederlage aber den völligen Untergang des Heeres herbeiführen. Denn nicht bloß mit den zahlreichern Saracenen werde man kämpfen müssen, sondern auch mit Übeln, gegen welche der Muth nichts helfe, mit dem Klima, der Hitze, den Krankheiten, dem Hunger und den Fluthen des Nils.« Dieser bessere Rath, welchen manche dem Könige als Feigheit auslegten, wurde verschmäht, und der vielleicht beste, mit den Türken auf obige vortheilhafte Bedingungen Frieden zu schließen, unter dem Vorwande verworfenOliver hist. Damiat. 1434.  Alberic zu 1221.  Michaud III, 475.: dies sey ohne Beistimmung des Papstes nicht erlaubt, und vom Kaiser sogar in einem besondern Schreiben ausdrücklich verboten. Das letzte war aber keineswegs der Fall; vielmehr hatte Friedrich warnen und bitten lassen, vor Ankunft seiner Flotte keine weitere Unternehmung zu wagenWürdtw. nova subs. VI, 12..

Voll Vertrauen, bald das reiche Kairo zu erobern und zu plündern, zogen die Christen von Damiette gegen das Innere des Landes, kamen aber nur bis zu einer Stelle, wo sich der nach Damiette fließende Arm des Nils von 374 {1221} dem trennt, welcher sich gen Tanis wendet. Jenseit desselben erblickten sie die ersten Feinde: denn Kamel war unter der Zeit mit seinen Brüdern und Verbündeten nicht müßig gewesen. Sie hatten zuvörderst den Christen bei Tyrus, Akkon und Cäsarea bedeutenden Schaden zugefügt, hierauf die Übermacht zur See gewonnen und Cypern ungestraft ausgeplündert; jetzt endlich standen in der Ebene von Mansura den Pilgern gegenüber: der Sultan Kamel, seine Brüder Aschraf und Moattam, Baharam der Fürst von Balbek, Schirkuh der Fürst von Emesa, Nasr der Fürst von Hama und mehre andereAbulfeda zu 1220–1221.  Abulfarag. 294.  Sanutus 209.  Math. Paris 215.  Bernard de S. Pierre mscr. 115.. Durch diese Übermacht sahen sich die Christen, anstatt eine Brücke über den zweiten Nilarm beenden und angreifen zu können, unerwartet auf die Landspitze zwischen beiden Armen beschränkt. Doch hieß es: diese Stellung sey, nachdem man auch die dritte, dem Lande zugekehrte Seite des Lagers befestigt habe, fast unangreifbar und sehr geeignet, von jedem günstigen Ereignisse nach allen Seiten hin Gebrauch zu machen. Als nun aber Kamels Flotte vom Meere herWahrscheinlich von Tanis her. den Nil aufwärts schiffte und die mit Lebensmitteln für die Pilger beladenen Schiffe eroberte; als der Sultan gleichzeitig den nach Damiette fließenden Arm des Stromes von beiden Seiten mit Bogenschützen besetzen ließ, wodurch die Gemeinschaft mit jener Stadt fast gänzlich aufgehoben wurde: da erkannten die Christen, wie sehr sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht, und wie dringende Veranlassung sie hatten, ernste und entscheidende Maaßregeln zu ergreifen. Einige berechneten itzt, daß die Kranken und Schwachen auf den wenigen Schiffen und Lastthieren nicht Platz hätten, die Lebensmittel aber bei gehöriger Vertheilung noch auf zwanzig Tage reichten; deshalb müsse man den Ausgang im festen Lager erwarten. Die meisten, an ihrer Spitze der 375 {1221} Bischof von Passau und der Herzog von BaiernAuch Bischof Siegfried von Augsburg, ein geborner Graf von Rechberg, war vor Damiette. Cleß Gesch. v. Wirtenb. II, 182., verlangten hingegen, daß man unverzüglich und ehe die Gefahr noch größer werde, nach Damiette zurückkehre. Diesem Vorschlage gemäß, sollte das Heer in der Nacht auf den 26sten und 27sten August in aller Stille aufbrechen; und vielleicht wäre es gerettet worden, wenn man die ertheilten Befehle gehörig befolgt hätte. Statt dessen aber betranken sich sehr viele in den Weinvorräthen, welche sie nicht zurücklassen wollten; andere steckten unvorsichtig mehre Zelte in Brand, und erweckten durch jenen Lärm und dieses Feuer die bereits schlafenden Feinde. Und wiederum erhöhte sich die Furcht und die Eile der Pilger, sobald sie neue Bewegungen im türkischen Lager bemerkten. Daher geriethen sie, bei der Dunkelheit der Nacht, in den tiefen Schlamm des von Stunde zu Stunde furchtbar anwachsenden Nils, oder drängten sich so zahlreich in die Schiffe, daß diese untersanken, oder blieben trunken und ohne Bewußtseyn im Lager liegen, oder vereinzelten sich auf falschen Landwegen! Mit dem Anbruche des Tages wurden die Übel nicht geringer, sondern größer: denn die Türken setzten den abziehenden Pilgern nach und drangen, wenn sie auch an einer Stelle zurückgeschlagen wurden, mit verdoppeltem Eifer an der andern vor. Mehre Schiffe, die mit dem Kostbarsten beladenen Lastthiere und, was noch schlimmer war, die Vorräthe von Pfeilen und Kriegszeug fielen in ihre Hände. Ja, der Glücksfall, daß das am besten bemannte Schiff des Kardinals entkam, wurde zum Unglück, weil sich sehr viel Lebensmittel auf demselben befanden, welche man hätte zurückbehalten sollen. Bei diesen Umständen gab die endlich wieder einbrechende Nacht, obgleich nicht vielen, doch einigen Trost. Plötzlich aber wurden die Pilger durch eine neue Gefahr aus dem Schlafe aufgeschreckt. Die Türken hatten nämlich nicht bloß einzelne Schleusen des Nils 376 {1221} aufgezogen, sondern einen Hauptdamm durchstochen, und nun drangen die Wasserwogen mit unaufhaltsamer Gewalt in das christliche Lager, und mit jedem Augenblicke kamen alle dem Ertrinken näher.

Manche, unter ihnen Imbert, der vertraute Rath des Kardinals, gingen, um dieser äußersten Gefahr zu entfliehen, itzt zu den Türken über. König Johann dagegen eilte zum Sultan und verlangte, daß ein regelmäßiger offener Kampf entscheide. Kamel erwiederte aber: »warum soll ich euch mit dem Schwerte vertilgen, da ihr dem Wasser nicht entgehen könnt?« Auch stimmten viele Emire dafür: man solle die itzige Lage der Christen so nützen, daß auch nicht ein einziger entkäme, und alle Abendländer von diesen thörichten Verwüstungszügen abgeschreckt würden. Kamel aber bedachte, daß ihn auf einer Seite Kaiser Friedrich, und auf der entgegengesetzten die Mongolen bedrohten, Damiette noch besetzt sey, Grausamkeit zur Rache reize, und türkische Hülfsheere nicht immer willig und zur Hand blieben. Deshalb wurden die auf den Untergang aller Christen oder auf die Räumung von ganz Asien abzweckenden Vorschläge verworfen, und am 30sten August 1221 nach kurzer Unterhandlung ein Vertrag geschlossen, worin es hieß: »alle Gefangenen sollen wechselseitig zurückgegeben, Damiette geräumt und der Friede zum mindesten acht Jahre gehalten werden; sofern nicht ein gekröntes Haupt christliche Heere zum Morgenlande führt und den Krieg wieder beginnt.« Für die richtige Erfüllung des Verabredeten stellten beide Theile Geißeln. Unter den christlichen befand sich der Kardinal Pelagius, der Herzog von Baiern und der König Johann. Als der letzte vor dem Sultan weinte, sprach dieser: »warum weinst du? Kein König muß weinen.« Johann erwiederte: »mich jammert das Volk, es wird im Wasser und vor Hunger umkommenRich. S. Germ. 994.  Bern. de S. Pierre 120.  Monach. Patav. 670.  Guil. Tyr. 693.377 {1221} Da ließ Kamel nicht allein die Schleusen verschließen und Brücken schlagen, was zur Errettung der Pilger wohl mochte ausbedungen seyn; sondern auch binnen vier Tagen 120.000 Brote austheilen, und den Armen ihren Bedarf noch auf 14 Tage mitgeben.

Am achten September 1221 zog der Sultan mit großer Pracht in das geräumte Damiette einNeuburg. chron.. 35,000 Christen und wohl noch einmal so viel Türken hatten in diesen, zuletzt ganz frucht- und erfolglosen Feldzügen ihr Leben verloren. Vierzig oder gar neunzig wohlbemannte Schiffe, welche Kaiser Friedrich unter dem Kanzler Walter von Palear und dem Grafen Heinrich von Malta zu Hülfe gesandt hatte, langten entweder erst nach der Rückgabe Damiettes anRich. S. Germ. l. c.  Caflari.  Inveges ann. 547.  Nach einem Schreiben Friedrichs (Würdtw. nov. subs. VI, 12) schickte er neunzig Schiffe mit dem Befehle, bis zu seiner Ankunft dem päpstlichen Gesandten zu gehorchen: sie trafen aber unterwegs schon Abgeordnete, welche die bedungene Übergabe Damiettes in Europa melden sollten. Nach Ibn Alatsyr 547 erschien die Hülfsflotte erst nach der Rückgabe Damiettes., oder wurden von den Saracenen verhindert in den Nil einzulaufen. Der Kanzler floh, des Kaisers Zorn fürchtend, nach Venedig, und Graf Heinrich verlor, als er nach Sicilien zurückkehrte, Amt und Güter.

Sobald die Nachricht von diesen Unfällen in Rom anlangte, erschrak Honorius sehr und schrieb dem KaiserReg. Hon. VI, 61; vom 19ten November 1221.: »seit fünf Jahren hoffe man vergeblich auf seinen Kreuzzug, in Vertrauen auf ihn habe man die günstigsten Anerbieten der Türken abgelehnt; jetzt werfe die ganze Christenheit alle Schuld der schrecklichen Unfälle auf den Papst, und in der That nicht ganz mit Unrecht. Denn er sey zu nachgiebig gegen ihn gewesen und habe dadurch den Untergang des christlichen Heeres in Ägypten mittelbar veranlaßt. Auch werde Friedrich, bei aufrichtiger Überlegung, 378 {1221} seine Schuld gewiß einsehen, und nicht eher wahrhaft froh seyn können, als bis er durch irgend etwas erhebliches, Gott und den Menschen Genugthuung geleistet habe. Sollte er aber gar nichts thun, so werde der Papst ihn nicht länger schonen, und die Freundschaft mit ihm nicht höher achten, als das Heil der Kirche und den Nutzen der ganzen Christenheit.« – Schon vor dem Empfange dieses Briefes hatte Friedrich aus Palermo an den Papst geschriebenSchreiben vom 25sten Oktober.  Reg. Hon. VI, 81.: »die traurige Botschaft von den Unfällen in Ägypten habe ein Schwert durch sein Herz gestoßen und ihn um so schmerzlicher berührt, je eifriger er trotz aller Hindernisse für eilige Hülfe thätig gewesen sey. Darüber würden seine Abgeordneten die nöthigen Thatsachen und Beweise vorlegen und gern weitern Rath vernehmen.«

Schneller zum Ziele führte eine persönliche Zusammenkunft des Kaisers und Papstes im April 1222 zu Veroli. Der letzte schrieb dem Kardinal Pelagius: »er habe sich nach langen Gesprächen und Verhandlungen mit dem Kaiser über alle Punkte geeinigt, und dieser sey eifriger als je auf die Rettung des heiligen Landes bedacht. Im November 1222 wolle man eine neue Versammlung in Verona halten, zu welcher bereits alle Fürsten, Prälaten, Ritter und Vasallen eingeladen wären, um in seiner und des Kaisers Gegenwart das Nöthige zu beschließen. Hier sollten alle Wünsche und Bedürfnisse des Morgenlandes durch wohlunterrichtete Bevollmächtigte vorgetragen und erörtert werdenReg. Hon. VI, 350-355., und sofern es die Umstände erlaubten, möge der König Johann, die Großmeister der Orden und der Kardinal ebenfalls daselbst erscheinen. Der Kaiser habe in Gegenwart vieler Fürsten und Prälaten geschworen, den Kreuzzug binnen der Frist anzutreten, welche in Verona, oder überhaupt im Verfolg der angestellten Berathungen vom Papste festgesetzt werde.«

379 {1222} Ähnliche Darstellungen und Aufforderungen ergingen von Seiten des Papstes und Kaisers in alle Lande, zu großer Freude vieler theilnehmenden Gemüther. Auch andere Zwistigkeiten, z. B. über die Behandlung der Geistlichen im apulischen Reiche, schienen durch einen Befehl Friedrichs beseitigt zu seyn, wonach ihnen alle unter Wilhelm II zugestandenen Rechte und Freiheiten verbleiben sollten. Jene Versammlung in Verona kam aber nicht zu Stande: denn der Papst war krankChron. mont. sereni.  Herm. Altah.  Salisb. chron., Friedrich verhindert, und mancher Berufene noch nicht angekommen; anderen, welche pünktlicher eintrafen, blieb nur der Verdruß, unverrichteter Sache heimzukehren.

{1223} Erst im folgenden Jahre traten in Ferentino der Papst, der Kaiser, König Johann, der Patriarch, der Großmeister der Orden und mehre wohlgesinnte und wohlunterrichtete Männer zu gründlicherem Berathen und Beschließen zusammenGriffo.  Bonon. hist. misc.  Rich. S. Germ.  Sanut. 210.. Der Papst legte dar, was er seit seiner Erhebung für die Rettung des Morgenlandes gethan habe; der Kaiser hingegen wiederholte die Gründe, welche ihn früher in Deutschland aufgehalten und in Apulien und Sicilien seine Kräfte beschränkt hätten. Es dauerte nämlich seit zwei Jahren nicht allein die Besorgniß fort, daß die nach Unabhängigkeit strebenden Barone, mit des Kaisers Entfernung sogleich dessen neue, streng regelnde Vorschriften übertreten würden; sondern Friedrich war auch noch immer in offenem Kriege mit den Grafen von Celano, von Molisi und andern. Ferner hatten sich die auf den innern Bergen Siciliens wohnenden SaracenenBernard de S. Pierre 117.  Der Kaiser schreibt ihnen: si essetis homines et aliquam discretionem haberetis, würdet ihr in euch gehn u. s. w.  Martene coll. ampliss. II, 1154. empört und konnten aller angewandten Mittel ungeachtet noch immer nicht bezwungen werden. Wie durfte der Kaiser es wagen, bei 380 {1223} solchen Verhältnissen sein Reich zu verlassen? Wie war es ihm, bei dem besten Willen möglich, aus diesem nicht gar großen und in sich überdies uneinigen Reiche eine zur Bezwingung des Morgenlandes irgend hinreichende Macht aufzustellen? Und König Johann konnte nebst den morgenländischen Abgeordneten nicht leugnen: daß Krieg, mit einer geringen Macht begonnen, nothwendig deren Untergang herbeiführen und die Christen jener Gegenden in noch traurigere Verhältnisse stürzen müsse.

Daher ließ man alle Pläne eines schnellen Aufbruches fahren und bestimmte noch zwei volle Jahre, um innerhalb der ganzen Christenheit genügende Vorbereitungen treffen zu können. Der Papst machte das Nöthige hienach überall bekannt, und forderte insbesondere den König von Frankreich auf, sich mit Heeresmacht dem Kaiser anzuschließen. Von letzterem empfing Honorius das eidliche Versprechen: er wolle um Johannis 1225 mit angemessener Macht aufbrechen. Damit er jedoch, außer der allgemeinen Theilnahme am Wohle der morgenländischen Christen und der Verpflichtung sein Wort zu halten, noch einen bestimmtern Antrieb bekomme und in ein engeres Verhältniß zum Königreiche Jerusalem trete, geschah der Vorschlag: daß er Jolante, die Tochter König Johanns, die Erbinn jenes Reichs, heirathe. Friedrich, welcher nach dem Tode seiner ersten Gemahlinn überhaupt einer zweiten Vermählung nicht abgeneigt war, ging um so lieber auf diesen Vorschlag ein, als man ihm die Schönheit Jolantens rühmte, und er hoffen konnte, daß alsdann jede Forderung der Päpste für das Morgenland zu seinem Vortheile, jede Anstrengung der Christenheit dazu dienen werde, ihm an den syrischen Küsten neue Reiche zu erobern. Der Papst mochte diese Hoffnungen eher theilen, als bezweifeln oder beneiden: denn auch sein Zweck wurde dadurch nothwendig erreicht, und bei jeder Ausdehnung der christlichen Welt blieb sein Gewinn ihm immer gewiß. Nicht minder erfreut war König Johann über die vornehme Vermählung seiner Tochter und 381 {1223} den Beschluß: daß jede Eroberung im Morgenlande dem Königreiche Jerusalem beigelegt und nicht, wie in Ägypten, davon getrennt und von einem andern beherrscht werden solle. Des Kaisers Ehrgeiz erregte ihm keine Bedenken, weil dieser in Asien oder Afrika nicht persönlich herrschen konnteRymer foed. I, 1, 91.  Reg. Hon. VII, 161, 176; VIII, 7.  Der Papst entband auch vom Verwandtschaftsgrade., und er mithin der nächste nothwendigste Stellvertreter, ja lebenslänglich der eigentliche Inhaber aller Macht bleiben mußte. Alle diese Wünsche, Ansichten und Hoffnungen vertrugen sich endlich mit dem Hauptziele der edlen Männer, welche, wie der Großmeister des deutschen Ordens, Hermann von SalzaCapacelatro I, 261., die Befreiung jener Lande und die Verbreitung des Christenthums, ohne weitere Nebenrücksicht, im Auge behielten.

{1223 und 1224} Sobald jener Vertrag von Ferentino abgeschlossen war, wendete Friedrich seine ganze Thätigkeit auf die völlige Beruhigung Apuliens und Siciliens. Er bezwang und verwies den Grafen von Celano, erbaute in Gaeta, Neapel, Aversa und Foggia neue Burgen zum Schutze des Landes und als Zwangsmittel wider die BaroneRich. S. Germ. 996.  Antinori II, 92.  Reg. Hon. VII, 230.; er bestrafte diejenigen, welche sich nicht zur rechten Zeit und in gehöriger Anzahl zum Feldzuge gegen die Saracenen einfanden, und ließ mit der strengen Prüfung der Besitztitel von allen Gütern und Rechten des Adels und der Prälaten fortfahren. – Bei solchem Anwachse seiner Macht fand der Kaiser allerdings die Beschränkungen unbequem, welche ihn verhinderten Bisthümer nach Willkür zu besetzen; doch mißbilligte er in diesem Augenblicke die Unhöflichkeiten, welche einer von seinen Beamten dem Papste in dieser Beziehung sagteEstens. chr. zu 1220.  Godofr. mon. zu 1224.  Marchis. zu 1223.  Notamenti zu 1223.  Alberic. 518.. Und wahrlich solch Benehmen war um so 382 {1223 und 1224} weniger passend und zeitgemäß, als Honorius in Friedrichs italischen Reichen nur die Rechte übte, welche ihm in der ganzen Christenheit eingeräumt wurdenRayn. zu 1223. No. 14.  Reg. Hon. VII, 194., und keineswegs darauf ausging an ihm irgend Händel zu suchenIm Julius 1223 sagt Honorius: libenter abstineamus ab omnibus, per quae imperator reputare se posset offendi a nobis.  Contatore histor. Terracin. 182, 183.. – Ein zweiter Fall, wo Friedrich mit der Kirche durch das Benehmen seiner Beamten in unangenehme Berührung kamSchon im Jahre 1222. Reg. Hon. VII, 41-44, 46, 48, 55, 64, 66.  Compagni V, 47., betraf das Herzogthum Spoleto. Bertold, der Sohn des ehemaligen Herzogs Konrad von Spoleto, hielt sich durch die über dies Land neu eingegangenen Verträge für verkürzt, und verleitete Gunzelin, den Truchseß des Kaisers, päpstliche Beamte aus mehren Orten zu vertreiben, Eide zu verlangen und anzunehmen, Weigernde zu ächten u. s. w. Auf die Beschwerden des Papstes erklärte Friedrich laut: »er habe dem Truchseß vor dessen Abreise ernstlich eingeschärft, daß schlechterdings nichts solle vorgenommen werden, was zu Streit mit der Kirche führen könne, und es sey Verleumdung, wenn einige behaupteten, er meine es nicht ernstlich mit solchen Befehlen.« – Auch mußte sich Gunzelin, zum Beweise der Wahrheit dieser Äußerungen, persönlich vor dem Papste zu Rede und Antwort stellen und jegliches wieder in den vorigen Stand bringen. Allen Einwohnern des Herzogthums Spoleto und der Grafschaft Ankona wurden vom Kaiser die ihm etwa geleisteten Eide erlassen, und ihnen Gehorsam gegen die Befehle der Kirche anbefohlen.

Unterdeß war König JohannGesta Ludov. VIII, 285.  Waverl. ann. zu 1223. nach Frankreich, England, Spanien und Deutschland gereiset und überall höchst feierlich und ehrenvoll aufgenommen worden; für seinen 383 {1223und 1224} Hauptzweck, den Kreuzzug, hatte er aber wenig ausgerichtet: denn König Philipp August starb im Julius 1223, und sein Sohn Ludwig war, gleich dem Könige von England Heinrich III, theils mit innern Angelegenheiten beschäftigt, theils lagen wechselseitige Ansprüche beiden mehr am Herzen, als das Morgenland. Und die französischen Barone und Ritter, welche sonst in jenen Gegenden mit unbegränztem Eifer stritten, meinten jetzt: auch der glänzendste Erfolg, auch die Eroberung eines Kaiserthums gewähre in so fernen Gegenden keinen sichern und bequemen Gewinn. Spanien mußte, wie immer, die näheren Feinde bekämpfen, und eine Vermählung Johanns mit Berengaria von Kastilien änderte nichts in Hinsicht der öffentlichen Verhältnisse. Die Deutschen endlich hatten vor Damiette eine schwere, zu keiner Nachfolge ermunternde Weisung bekommen; – so daß sich aller Gewinn aus diesen Reichen zuletzt auf 300,000 Pfund Silber (Livres) beschränkt, welche König Philipp August in seinem Testamente für das Morgenland ausgesetzt hatte; doch bleibt es zweifelhaft, ob davon wirklich, laut der Vorschrift, 100,000 an den König Johann, 100,000 an die Templer und 100,000 an die Johanniter ausgezahlt wurdenRigordus 66.  Alberic. und Guil. Nang.  Godofr. mon. zu 1223 u. 1224. Das Testament Philipps in Duchesne V, 261 hat andere Summen; doch ward es vielleicht geändert..

Nur der Kaiser hatte sich mit Ernst für den Kreuzzug vorbereitet und, zu offenbarem Beweise seines Eifers, die Leitung aller hierauf Bezug habenden Geschäfte deutschen Rittern anvertraut. Hundert Galeeren lagen in seinen Häfen segelfertig, funfzig Lastschiffe, welche an 2000 Reiter und Pferde und an 10,000 Fußgänger tragen konnten, waren in der Arbeit; er selbst wollte nach Deutschland eilen, um durch seinen Einfluß größere Anstrengungen herbeizuführen. Anfangs aber verzögerte sich sein Aufbruch, weil er bei der vertragsweise angeordneten Versetzung der 384 {1222 bis 1224} Saracenen aus Sicilien nach Nocera in Apulien gegenwärtig seyn mußteGuil. de Tripolis mscr. 280. c. 13.  Mon. Patav. 670.  Villani VI, 14. An 20,000 Mann wurden nach Apulien versetzt. Hiedurch wurde die zeither gefährliche Verbindung mit Afrika unmöglich gemacht.; und als endlich dies wichtige Geschäft beseitigt war, liefen vom Könige Johann Nachrichten über den Erfolg seiner Reisen ein, welche fast jede Hoffnung auf kriegerischen Beistand niederschlugen. »Wenige oder gar keine«, so schrieb der König, »sind in all diesen Ländern bereit das Kreuz zu nehmen, und die Predigermönche welche dazu auffordern, werden überall verachtet: theils, weil sie gewöhnlich von der niedrigsten Herkunft, theils, weil sie ohne kirchliche Würde und nicht mit der Gewalt versehen sind, Erlaß von Sünden zu bewilligen.« Andererseits äußerten sich die Bettelmönche an vielen Orten so kühn, zweideutig und übereilt, daß die Bessern abgeschreckt wurden, weil jene den Schlechten, mit Übernahme des Kreuzes, Erlaubniß zu allen Freveln zu geben schienen. Der Kaiser erstattete im März 1224 dem Papste umständlichen Bericht von allem, was er für den Kreuzzug gethan habeReg. Hon. VIII, 383. App. ad Malaterr.  Ursp. chron. 335.; zum Beweise, daß ihm die Ehe mit der Erbinn von Jerusalem und die ernste Anstrengung für das heilige Land als eins und unzertrennlich erscheine. Dann folgt die Mittheilung der traurigen Nachrichten König Johanns, und endlich die Bitte: der Papst möge zur Beförderung des Kreuzzuges tüchtige mit großen Vollmachten versehene Männer in alle christliche Länder senden, die Könige von England und Frankreich ernstlich zum Frieden und zur Theilnahme an der heiligen Unternehmung ermahnen, und niemanden selbst oder durch andere vom Gelübde lösen. Der Papst erfüllte sogleich diese BittenReg. Hon. VIII, 404, 405.  Rayn. zu 1224, No. 14.: aber weder Schreiben noch Gesandte konnten Frankreich und England zum Frieden und zu ernstlicher 385 {1224} Mitwirkung bewegen, und der Meister des deutschen Ordens Hermann von Salza, der als kaiserlicher Bevollmächtigter nach Deutschland ging, fand hier auch mehr Schwierigkeiten, als er glaubte.

{1225} Aus diesen und ähnlichen Gründen hielt es nicht allein der Kaiser, sondern auch der nach Apulien zurückgekehrte König Johann und der Patriarch für unmöglich, den Kreuzzug in der zu Ferentino bestimmten Frist mit Erfolg anzutreten.

Während nun die beiden letzten dem Papste neue Vorschläge Friedrichs überbrachtenMalesp. 124.  Reg. Hon. IX, 370.  Würdtw. nov. subs. XI, 6., berief dieser alle Prälaten seines Reiches und behielt sie (damit dem römischen Hofe willige Vollzieher harter Maaßregeln fehlen möchten) unter allerhand Vorwänden so lange an seinem Hofe, bis die erwünschte Nachricht einlief: Honorius habe die eingetretenen Schwierigkeiten richtig gewürdigt und sey zu neuen Verträgen bereit. Im Julius 1225 wurden diese zuReg. Hon. X, 8.  Rich. S. Germ. 998.  Math. Paris 138.  Concil. XIII, 1114. Lünig Reichsarchiv spic. eccl. cont. I, von der christlichen Religion. Urk. 2. S. Germano abgeschlossen und setzten fest: »der Kaiser tritt im August 1227 den Kreuzzug an und hält in Palästina zwei Jahre lang 1000 Ritter. Für jeden fehlenden ist er in funfzig Mark Strafe verfallen, welche nach der Bestimmung des Patriarchen, des Königs und der Großmeister, zum Besten des heiligen Landes verwandt werden. Außerdem hält Friedrich 150 Schiffe bereit, um 2000 Ritter nebst ihren Leuten und drei Pferden für jeden Ritter, unentgeltlich nach Syrien übersetzen zu lassen. Finden sich nicht so viele Kreuzritter, oder werden jene Schiffe nicht gebraucht, oder sind sie nicht zu gehöriger Zeit vorhanden, so zahlt und verwendet der Kaiser alle dadurch ersparte Summen auf obige Weise für das heilige Land. Zu demselben Zwecke 386 {1225} zahlt er 100,000 Unzen Goldes in vier Fristen an die oben genannten Personen, welche er aber zurückempfängt, sobald er binnen zwei Jahren den Kreuzzug wirklich antritt. Geschieht dies nicht, oder stirbt er, so bleiben jene Summen zu zweckmäßiger Verwendung in den Händen des Königs, des Patriarchen und der Großmeister. Alle Nachfolger Friedrichs haften für die Erfüllung dieser Bedingungen, und er selbst beschwört den Vertrag. Tritt er den Kreuzzug nicht zur rechten Zeit an, oder hält er nicht die vorgeschriebene Anzahl von Rittern, oder bezahlt er jene Summen nicht in den vorgeschriebenen Fristen, so ist er dadurch ohne weiteres in den Bann verfallen; fehlt er in andern Punkten, so hat die Kirche, nach seiner eigenen Einwilligung, das Recht den Bann auszusprechen. Hingegen soll der Bann auch sogleich aufgehoben werden, sobald der einzelne Grund desselben beseitigt ist.« 387

 


 


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