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LVI. Tischreden D. M. Luthers von der Stadt Rom

 

Von der gräulichen Bosheit und dem Regiment zu Rom.

Da Licentiat Liborius von Magdeburg, und M. G. Spalatinus, gewesener kurfürstlicher sächsischer Hofprediger, gegenwärtig und bei Doctor Mart. Luther waren, sprach er: »Weil mich unser Herr Gott in den häßlichen Handel und Spiel bracht hat, wollte ich nicht hundert tausend Gülden dafür nehmen, daß ich nicht auch Rom gesehen hätte; ich müßte mich sonst immer besorgen, ich thäte dem Papst Gewalt und Unrecht; aber was wir sehen, das reden wir.

Bembus, ein überaus gelehrter Mann, da er Rom wohl gesehen und nachgetrachtet hatte, soll gesagt haben: Rom wäre ein stinkender Pfuhl, voll der allerbösesten Buben in der ganzen Welt. Und einer hat geschrieben:

Vivere qui sancte vultis, discedite Roma,
Omnia hic ecce licent, nnon licet cesse probum
.
Wer christlich leben will und rein,

Der zieh aus Rom und bleib daheim.
Hie mag man thun, was man nur will,
Allein fromm sein gilt hie nicht viel.«

»Rom, wie ichs gesehen habe,« sprach Doctor Martinus, »ist groß in das Gevierte umfangen, eine gute Meile Wegs, so weit als von Wittenberg auf den Poltersberg. Daraus ein Jeglicher wohl abnehmen kann, was es für ein großer Platz in die Runde muß gewest sein. Er verlas auch aus den Chroniken die Zahl der Bürger zu Rom, derer wären hundert Jahr vor Christus Geburt da gewesen an ein und vierzig Mal hundert tausend; aber nicht lang hernach wären ihrer gezählet neunzig Mal hundert tausend. Das sollte ja ein Volk sein, da es anders wahr ist.«

Da sagte der Magdeburgische Licentiat, daß sie noch fünf hundert tausend Mann vermöchte; Venedig drei Mal hundert tausend Schorrstätte oder Camine; Erfurt achtzehn tausend Feuermauern. Nürnberg ist kaum halb Erfurt.

Des alten Roms Fußstapfen kann man kaum noch erkennen, da es gestanden ist. Das Theatrum siehet man, und die Thermas Diocletianas, das warme Bad des Diocletiani, welches geleitet ist in fünf und zwanzig deutsche Meilen, von Neapolis in ein schön herrlich gebauet Haus. Ah, da sind der Welt Schätze und Reichthum gewest, drum nahmen sie auch vor und thaten, was sie gelüstete.«

Ein alter Pfarrherr aß auf den Abend mit Doctor Martin Luthern; der sagete viel von Rom, denn er hätte zwei Jahr lang da gedienet, und wäre vier Mal dahin gegangen; und da man ihn fragte, warum er so oft wäre dahin gegangen? sprach er: »Erstlich suchte ich einen Schalk da. Zum Andern, fand ich ihn. Zum Dritten, bracht ich ihn. Zum Vierten, trug ich ihn wieder hinein, und setzte ihn hinter den Altar S. Peters.«

»Das Gebäu und Kirche, S. Peters Münster, hat über dreizehnhundert Jahre gewährt. Es ist eine große Summe Geldes darauf gewandt. Denn der Papst gebot den Engeln, daß sie die Seelen derer, die auf dem Romwege stürben, von Stunden an in Himmel sollten tragen. Darum schrieb Johannes Huß wider den Papst, denn er hätte keine Gewalt über die Engel, ihnen zu gebieten. So gewaltig nahm der römischen Päpste Tyrannei überhand.

Die römische Unbußfertigkeit hat sehr viel groß Unglück und Strafe verdient. Ich wollte nicht hunderttausend Gulden dafür nehmen, daß ich Rom nicht gesehen hätte; wiewol ich die großen, schändlichen Gräuel noch nicht recht weiß. Da ich's erst sah, fiel ich auf die Erde, hub meine Hände auf, und sprach: Sei gegrüßt, du heiliges Rom. Ja, rechtschaffen heilig, von den heiligen Märtyrern und ihrem Blute, das da vergossen ist; aber sie ist nun zerrissen, und der Teufel hat den Papst, seinen Dreck, darauf geschissen.«

Da sagte der Licentiat von Magdeburg: »Diese Prophezei wäre zu Rom lange Zeit gewesen, nehmlich: es muß brechen.« Item, »der Traum des Barfüßermönchs, den Doctor Staupitz 1511 zu Rom gehört hat, nehmlich, es würde ein Eremit unter Papst Leone dem Zehenten aufstehen und das Papstthum angreifen usw. Das haben wir zu Rom nicht können erkennen. Wir sahen dem Papst ins Angesicht, jetzund sehen wir ihm in Ars, außer der Majestät. Und ich, D. Martinus Luther, habe nicht damals gedacht, daß ich derselbe Eremit sein sollte; denn Augustinermönche werden auch Eremiten genennet.

Rom ist jetzt nur ein todt Aas und Haufen Schutt. Anno 1527. ist sie mit Sturm vom Herzogen von Bourbon, mit einem geringen Haufen Kriegsvolk, am allerfestesten Orte erobert und eingenommen, da die Römer und der Papst selbst sicher waren in der Kirchen. Der Papst entrann kaum, und floh davon in die Engelsburg. Es war ein solcher großer, dicker Nebel, daß die Feinde die Mauern erstiegen, ehe mans gewahr und inne ward; plünderten die Cardinäle; den Papst nahmen sie gefangen, der lösete sich mit drei hundert tausend Ducaten, die er dem Kriegsvolk gab; da gaben sie ihn los und ließen ihn ziehen. Die besten Bücher wurden in den Libereien zerrissen und kamen um. Die Copisterei ward zum Pferdstall gemacht. Viel Römer kamen jämmerlich um, ausgenommen die da kaiserisch waren, und die Columneser. Es war eine sonderliche Strafe von Gott über die Stadt.

Zu Rom ist ein trefflich hart Regiment. Denn der Parasel, der Hauptmann und Richter, reitet alle Nacht mit dreihundert Dienern in der Stadt umher, hält die Schaarwache stark. Wen er auf der Gassen erwischt, der muß herhalten; hat er eine Wehre bei sich, so wird er entweder gehänget oder ertränket und in die Tiber geworfen, oder ein Strapedechorde gegeben. Noch ist ein wüstes Leben und Morden allda. Wo aber Gottes Wort lauter und rein gelehret wird, da ist auch Einigkeit ohne Gesetz und Ordnung.

Rom, wie es jetzund ist und gesehen wird, ist wie ein todt Aas gegen die vorigen Gebäude. Denn da jetzt Häuser stehen, sind zuvor die Dächer gewest; so tief liegt der Schutt; wie man bei der Tiber wohl siehet, da sie zween Landsknechts-Spieß hoch Schutt hat. Jetzund hat es sein Gepränge. Der Papst triumphirt mit hübschen geschmückten Hengsten, die vor ihm herziehen, und er führet das Sacrament (ja, das Brod) auf einem hübschen, weißen Hengst. Nichts ist da zu loben, denn das Consistorium und Curia Rotä, da die Händel und Gerichtssachen fein rechtmäßig gehört, erkannt, verrichtet und erörtert werden.«


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