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XXXVII. Tischreden D. M. Luthers vom Tode.

 

Doctor Martini Luthers Trauern, Geberde und Rede, so er im Sterben und Begräbniß seiner lieben Tochter Magdalene, ihres Alters im 14. Jahr, gehabt 1542.

Grabschrift Magdalenchen Luthers, D. Martini Luthers Töchterlein, vom Vater selbst gemacht.

Dormio cum Sanctis hic Magdalena LVTHERI

Filia, et hoc strato tecta quiesco meo.
Filia mortis eram, peccati semine nata,
Sanguine sed vivo, CHRISTE, redempta tuo.

Hie schlaf ich Lenichn, D. Luthers Töchterlein,
Ruh mit alln Heilign in meim Bettlein,
Die ich in Sünden war geborn.
Hätt ewig müssen sein verlorn;
Aber ich leb nu und habs gut,
Herr Christe, erlöst mit deinem Blut!

Da nun seine Hausfrau sehr traurig war, weinete und heulete, sprach D. Martinus Luther zu ihr: »Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie hinkömmt! Sie kömmt ja wohl! Aber Fleisch und Blut fleischert und blutet, thut wie seine Art ist; der Geist lebt und ist willig. Die Kinder disputiren nicht; wie mans ihnen sagt, so glauben sie es; bei den Kindern ists Alles einfältig, sterben ohne Schmerz und Angst, ohne Disputiren, ohne Anfechtung des Todes, ohne Schmerzen am Leib, gleichwie sie entschlafen.«

Zu M. Holstein sagt er: »Lieber Magister, wo seid Ihr gewesen vor 6o Jahren? Wo bin ich gewesen? Wo bin ich herkommen? Wo seid Ihr herkommen? Wir werden uns ja nicht selber gemacht haben, und wir wollen nun zufahren und mit unserm Herrn Gott einen Kauf anschlagen und ihm unser Werk verkaufen! Er soll uns darum den Himmel geben! Ists nicht ein schändlich Ding, daß sich eine Creatur so hoch erheben soll und sich unterstehen mit seinem Schöpfer also zu handeln? Es ist also, daß wir nicht gläubten, daß Gott unser Schöpfer sei; denn so wir das gläubten, würden wir wohl ein Anders anheben und thun. Aber Niemand gläubt, daß Gott der Schöpfer ist. Wenn ers gleich sagt und sein Gewissen überzeugts ihn, daß Gott unser aller Schöpfer sei, so ists doch nicht unser rechter Ernst. Da wir von einem Andern geschaffen und gemacht wären, so hätte es wohl noch ein Ansehen. Nun kommen wir also vor Gott getreten und sprechen: Herr Gott, siehe mich an um meiner Werke willen! Ich komme her zu dir, du hast mich nicht gemacht. Ach, pfui Dich mal an!«

 

D. M. Luthers tröstliche Reden in seiner Tochter Krankheit und Begräbniß.

Da seine Tochter noch sehr krank lag, sprach er, Doctor Martinus: »Ich Hab sie sehr lieb; aber, lieber Gott, da es dein Wille ist, daß du sie dahin nehmen willt, so will ich sie gerne bei dir wissen.« Und da sie also im Bette lag, sprach er zu ihr: »Magdalenchen, mein Töchterlein, du bliebest gerne hie bei deinem Vater, und ziehest auch gerne zu jenem Vater!« Sprach sie: Ja, herzer Vater, wie Gott will! Da sagte der Vater: »Du liebes Töchterlein, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!« Und wandte sich herum und sprach: »Ich habe sie ja sehr lieb; ist das Fleisch so stark, was wird denn der Geist sein?« Und unter andern sagt er: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischoff so große Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen, noch danken kann; wiewohl ich unterweilen unserem Herrn Gott ein Liedlein singe und danke ihm ein wenig dafür.«

Da nun Magdalenchen in Zügen lag und jetzt sterben wollte, fiel der Vater vor dem Bette auf seine Kniee, weinte bitterlich und betete, daß sie Gott wolle erlösen. Da verschied sie und entschlief in des Vaters Händen. Die Mutter aber war auch wol in derselben Kammer, doch weiter vom Bette um der Traurigkeit willen. Das geschah ein wenig nach neun Horen am Mittwoch des 17. Sonntags nach Trinitatis Anno 1542.

Er, der Doctor, wiederholte oft, wie droben angezeigt, und sprach: »Ich wollte gern meine Tochter behalten, denn ich habe sie ja sehr lieb, wenn mir sie unser Herr Gott lassen wollte; doch geschehe sein Wille! Ihr kann zwar nichts Besseres geschehen!« Da sie noch lebete, sprach er zu ihr: »Liebe Tochter, du hast noch einen Vater in dem Himmel, zu dem wirst du ziehen!« Da sprach M. Philipp.: Der Aeltern Liebe ist ein Gleichniß und Bild der Gottheit, so menschlichem Herzen eingedruckt ist. Ist nun eine so große Liebe Gottes gegen das menschliche Geschlecht, wie groß der Aeltern ist gegen ihre Kinder, wie die Schrift saget, so ist sie fürwahr groß und hitzig.

Da sie nun in den Sarg geleget war, sprach er: »Du liebes Lenichen, wie wohl ist dir geschehen!« Sahe sie also liegend an, und sprach: »Ach, du liebes Lenichen, du wirst wieder aufstehen, und leuchten wie ein Stern, ja wie die Sonne!« Da man ihr aber den Sarg zu enge und zu kurz gemacht hatte, sprach er: »Das Bette ist ihr zu klein, weil sie nun gestorben ist. Ich bin ja fröhlich im Geist, aber nach dem Fleisch bin ich sehr traurig; das Fleisch will nicht heran, das Scheiden vexirt einen über die Maße sehr. Wunderding ists, wissen, daß sie gewiß im Friede und ihr wohl ist, und doch noch so traurig sein!«

Und da das Volk kam, die Leiche helfen zu bestatten, und den Doctor nach gemeinem Brauch und Gewohnheit anredeten und sprachen, es wäre ihnen sein Betrübniß leid, sprach er: »Es soll Euch lieb sein! Ich hab einen Heiligen gen Himmel geschickt, ja, einen lebendigen Heiligen! O, hätten wir einen solchen Tod! Einen solchen Tod wollt ich auf diese Stunde annehmen.« Da sagte einer: Ja, es ist wohl wahr; doch behält ein Jeder gerne die Seinen. Doctor Martinus antwortet: »Fleisch ist Fleisch und Blut ist Blut! Ich bin froh, daß sie hinüber ist, keine Traurigkeit ist da denn des Fleisches.« Abermal sprach er zu Andern, die da kamen: »Lasset Euch nicht leid sein! Ich hab einen Heiligen gen Himmel geschickt; ja, ich hab ihrer zween hingeschickt!« Unter andern, die zur Leich kamen, da man singet: Herr, gedenk nicht unser vorigen alten Missethat, sagte er: »Ich spreche: O Herr, Herr, nicht allein der vorigen und alten, sondern auch der jetzigen und gegenwärtigen Sünden, denn wir sind Wucherer, Schinder, Geizhälse usw. Ja, da ist noch der Gräuel der Messen in der Welt!«

Da man sie einscharrete und begrub, sprach er: »Es ist die Auferstehung des Fleisches!« Und da man wieder von dem Begräbniß kam, sprach er: »Meine Tochter ist nun beschickt, beide an Leib und Seele usw. Wir Christen haben nichts zu klagen, wir wissen, daß es also sein muß. Wir sind je des ewigen Lebens aufs Allergewisseste; denn Gott, der es uns durch und um seines lieben Sohnes willen zugesaget hat, der kann je nicht lügen. Zween Heiligen hat unser Herr Gott aus meinem Fleisch, aber nicht aus dem Geblüte.«

Unter andern sagte er weiter: »Man muß die Kinder doch versorgen und sonderlich die armen Mägdlein; wir dürfen nicht sorgen, daß sich ein Anderer ihr annehmen wird. Ich habe mit den Knaben keine Barmherzigkeit; ein Knabe ernähret sich, in welches Land er kömmt, wenn er nur arbeiten will. Will er aber faul sein, so bleibt er ein Schlingel. Aber das arme Mägdevölklein muß einen Stab in der Hand haben. Ein Knabe kann in die Schule laufen nach Parteken, daß darnach ein feiner Mann aus ihm werden kann, wenn ers thun will. Das kann ein Mägdlein nicht thun, es kann bald zu Schanden werden, krieget sie den Bauch voll.« Item: »Ich gebe diese Tochter unserm Gott sehr gerne, nach dem Fleisch aber hätte ich sie gerne länger bei mir behalten; weil er sie aber weggenommen hat, so danke ich ihm.«

Als Magdalena, D. Martin Luthers Tochter, Anno 1542 gestorben war, da hatte D. Martini Luthers Frau die Nacht zuvor einen Traum gehabt, daß sie gedacht hatte, daß zween schöne, junge, wohlgeschmückte Gesellen gekommen wären und hätten ihre Tochter wollen zur Hochzeit führen. Als nun Philippus Melanchthon des Morgens kömmt ins Kloster, und sie fragte: »Was ihre Tochter machte?« da hat sie ihm den Traum erzählt. Aber er war darüber erschrocken, und zu Anderen gesagt: »Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen, und diese Jungfrau in das Himmelreich, in die rechte Hochzeit führen.« Und an demselbigen Tag war sie auch gestorben.

 

Von papistischem Begängniß.

»Unterm Papstthum hielt man mit der Leich ein solch Gepränge, daß wir Heiden alle Ceremonien und Bräuche der Jüden weit übertroffen haben, und waren gar ungeheure grobe Bräuche. Herzog Albrecht von Sachsen ist mit einem solchen Gepränge begraben, daß sechs hundert Pfaffen vier Tage an einander Seelmesse hielten und herrlich gespeiset wurden. Da hat man bei allen Kaufleuten Sammet, güldene Stücke aufgekauft, so viel große wächserne Kerzen, wie die Osterkerzen geopfert. Da hat der Marschall des Fürsten Petschier zerschlagen, und sind 24 Paniere niedergefallen und wächserne Wappen zerbrochen usw. Einen solchen Pomp und Gepränge würde kein Heide oder Jüde halten.«

 

Dieses Lebens Art.

Doctor Martinus Luther beklagte das Elend und den Jammer menschliches Lebens, »welches doch alle Menschen lieb hätten. Niemand wollt es gerne lassen und sterben, da doch immer ein Unglück über das ander käme, und wäre da kein Aufhören bis in Tod. Darum schreibt Plinius der Heide lib. 20 cap. 1,, die beste Arznei eines Menschen sei, bald sterben. Und Kaiser Julius verachtete die Zeichen seines Todes, und hütete sich nicht vor Gefahr, sprach: Es ist besser ein Mal sterben denn sich immerdar vorsehen und hüten. Es ist von einem Heiden genug; doch soll man Gott nicht versuchen, sondern brauchen die Mittel, die er gibt, und es ihm befehlen.«

 

D. Martin Luther ist des Lebens überdrüssig gewesen.

D. M. Luther sagte: »Der Teufel hat uns den Tod geschworen, aber er wird eine taube Nuß beißen!«

Anno 1539, am 11. Tage Junii, fuhr D. M. Luther aus Wittenberg gegen Liechtenberg, zu der alten Markgräfin, Churfürstin. Als er nun auf den Abend mit ihrer F. G. aß und von allerlei über Tische mit einander redeten, und die Markgräfin sagte: Sie wünschete und hoffte, er sollte noch lange leben, und er könnte noch wohl 40 Jahr leben, wenns Gottes Wille wäre; da sprach D. M. Luther: »Da sei Gott vor! Wenn er mir gleich das Paradies anböte, darinnen noch vierzig Jahre allhier zu leben, so wollt ichs nicht annehmen; ich wollte eher einen Henker miethen, der mir den Kopf abschlüge. Also böse ist jetzt die Welt! Und die Leute werden zu eitel Teufeln, daß ihm einer nichts Besseres wünschen kann denn nur ein seliges Stündelein und davon. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellet ist, nicht sauer machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt!«

 

Weissagung D. M. Luthers von seinem Tode.

Anno 1546. am 16. Februar, als man zu Eisleben über D. M. Luthers Tische viel vom Sterben und Krankheit redete, da sprach D. M. Luther: »Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komm, so will ich mich alsdann in den Sarg legen, und den Maden einen feisten Doctor zu essen geben.« Und dieses wurde über zween Tage wahr, daß Doctor Martinus Luther allda zu Eisleben starb.

 

Wie Doctor Martin Luthers Vater, Hans Luther, also seliglich gestorben sei.

Anno 1530 ist Doctoris Martini Lutheri Vater Hans Luther zu Mansfeld gestorben, dem Doctor Martinus aus Coburg, wenige Tage vor seinem Ende, einen schönen, herrlichen Trostbrief zugeschrieben hatte. Als ihn nun Herr Michael Cölius, Pfarrherr im Thal Mansfeld, in den letzten Zügen gefraget hatte: Ob er auch alles dasjenige gläubte, was in den Artikeln des christlichen Glaubens uns gelehret und vorgehalten würde? da hatte er drauf geantwortet: Das müßte ja ein Lauer sein, der das nicht gläuben wollte! Da das Doctori Luthero war vermeldet worden, hatte er gesagt: »Das ist ein Wort von der alten Welt!« Aber Phil. Melanchthon hat darauf zu Doctor Luthern gesagt: Lieber Herr Doctor, das sind selige Leute, die also in der Erkenntniß Christi dahin sterben, wie schon Eure Magdalena gestorben ist; denn je älter wir werden, je thörichter wir werden! Und das beweise ich also. Denn die jungen Leute bleiben stracks einfältig in den Artikeln des christlichen Glaubens; wie sie dieselbigen gelernet haben, also gläuben sie auch dieselbigen; aber wenn wir alt werden, so beginnen wir zu disputiren, wollen klug sein, und sind doch die größten Narren!


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