Titus Livius
Römische Geschichte
Titus Livius

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581 Dreissigstes Buch.

1. Als die Consuln Cneus Servilius Cäpio und Cajus Servilius Geminus – ihr Jahr war das sechszehnte dieses Punischen Krieges – die Lage des Stats, den Krieg und die Vertheilung der Standplätze im Senate zur Sprache brachten, so beschlossen die Väter, die Consuln sollten darüber sich vergleichen oder losen, wer von ihnen die Bruttier als Hannibals Gegenmann, und wer Hetrurien und Ligurien zum Standorte haben solle. Wem die Bruttier zufielen, der solle das Heer vom Publius Sempronius übernehmen. Publius Sempronius – denn auch ihm wurde als Proconsul der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert – sollte in den Platz des Publius Licinius rücken, dieser aber nach Rom zurückkommen, ein Mann, der außer seinen übrigen Vorzügen, worin ihn zu seiner Zeit nach der Meinung seiner Mitbürger kein Anderer übertraf, auch für einen guten Krieger galt. Weil Natur und Glück alle menschlichen Güter in ihm zusammenhäuften, so hatte er zugleich bei hoher Abkunft Reichthum, war von ausgezeichneter Schönheit und Körperkraft, galt für den beredtesten Mann sowohl im Vortrage einer Rechtssache, als wenn er im Senate oder vor dem Volke einen Vorschlag zu empfehlen oder zu widerrathen hatte; für den Erfahrensten im priesterlichen Rechte: und nun hatte ihn auch der Kriegerehre sein Consulat theilhaftig gemacht.

Mit dem Beschlusse über die Führung der Geschäfte im Bruttischen war der über Hetrurien und Ligurien gleichlautend; Marcus Cornelius solle sein Heer an den neuen Consul abgeben und mit Verlängerung seines Oberbefehls Gallien als seinen Standort nebst den Legionen haben, welche im vorigen Jahre der Prätor Lucius 582 Scribonius gehabt habe. Nun loseten sie um ihre Plätze: Cäpio bekam das Bruttische, Servilius Geminus – Hetrurien. Dann wurden die Standorte der Prätoren verloset. Die Gerichtspflege in der Stadt bekam Älius Pätus, Sardinien Publius Lentulus, Sicilien Publius Villius, Ariminum mit zwei Legionen – sie hatten unter dem Spurius Lucretius gestanden – Quinctilius Varus. Auch dem Lucretius wurde der Oberbefehl verlängert, damit er die vom Punier Mago zerstörte Stadt Genua wieder aufbauen könnte. Den dem Publius Scipio verlängerten Oberbefehl begränzte man nicht auf eine Zeit, sondern auf die Ausführung seines Geschäfts, bis er den Krieg in Africa geendigt haben würde; und verordnete eine feierliche Bitte an die Götter, da Scipio durch die Überfahrt seinen Standort in Africa genommen habe, so möchten sie diese Unternehmung dem Römischen State und dem Feldherrn selbst und seinem Heere zum Segen gereichen lassen.

2. Für Sicilien wurden dreitausend Mann geworben, theils weil Alles, was diese Provinz an Kerntruppen gehabt hatte, nach Africa übergesetzt war, theils weil man beschlossen hatte, um jeder Africanischen Flotte die Überfahrt zu wehren, die Küste von Sicilien von vierzig Schiffen bewachen zu lassen. Dreizehn neue Schiffe nahm Villius mit nach Sicilien; die übrigen waren die alten, in Sicilien ausgebesserten. Marcus Pomponius, Prätor des vorigen Jahrs, der mit verlängertem Oberbefehle dieser Flotte vorgesetzt wurde, schiffte die aus Italien angekommenen neuen Soldaten ein. Eine gleiche Anzahl Schiffe bestimmten die Väter dem Cneus Octavius, dem gleichfalls vorjährigen Prätor, mit derselben Berechtigung zum Oberbefehle, um die Küste Sardiniens zu decken. Der Prätor Lentulus erhielt Befehl, zweitausend Soldaten auf diese Schiffe zu liefern. Auch zum Schutze der Küste Italiens, weil man nicht wußte, wohin die Carthager eine Flotte senden würden; – man vermuthete aber, daß sie jeden unbesetzten Fleck zum Ziele nehmen möchten; – wurden dem Prätor des vorigen Jahrs, Marcus Marcius, eben so viel Schiffe gegeben. Die dreitausend Mann für diese 583 Flotte hoben nach einem Schlusse der Väter die Consuln aus, und noch zwei Stadtlegionen für unvorhergesehene Fälle des Krieges. Beide Spanien mit ihren Heeren und deren Oberbefehl wurden den beiden alten Feldherren Lucius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus gelassen. Rom hatte zur Führung seines Krieges in diesem Jahre überhaupt zwanzig Legionen und hundert und sechzig Kriegsschiffe.

Die Prätoren erhielten Befehl, auf ihre Posten zu gehen. Den Consuln wurde aufgetragen, ehe sie von der Stadt abgingen, die großen Spiele anzustellen, welche der Dictator Titus Manlius Torquatus auf das fünfte Jahr gelobet habe, wenn der Stat noch eben so in seinem Bestande wäre. Auch erregten die von mehreren Orten gemeldeten Schreckzeichen in den Gemüthern neue Besorgnisse von Seiten der Götter. Man glaubte, auf dem Capitole hätten Raben Gold nicht allein mit den Schnabeln zerhackt, sondern sogar gefressen. Zu Antium benagten die Mäuse einen goldenen Kranz. Bei Capua bedeckte eine gewaltige Menge Heuschrecken das ganze Gefilde umher, ohne daß man recht .wußte, wo sie herkamen. Zu Reate kam ein Füllen mit fünf Füßen zur Welt. Zu Anagnia brannten zuerst zerstreute Feuerhaufen am Himmel, und dann eine ungeheure Fackel. Zu Frusino umgab die Sonne ein Hof mit einem schmalen Streifen, und diesen Kreis umschloß nachher die sich vergrößernde Sonnenscheibe von der äußern Seite. Bei Arpinum sank das Erdreich im Feldlande zu einem tiefen Kessel ein. Als der eine Consul sein erstes Opfer brachte, fehlte an der Leber des Thiers ein Lappen. Die Sühne dieser Schreckzeichen wurde mit großen Opferthieren besorgt: das Gesamtamt der Oberpriester gab die Götter an, denen man die Opfer bringen mußte.

3. Nach Beseitigung dieser Geschäfte gingen Consuln und Prätoren auf ihre Posten ab: sie alle aber sorgten, als hätten sie sich diesen erloset, für Africa; entweder weil sie sahen, daß das ganze Glück des Stats und des Krieges von dort abhänge; oder um sich dem Scipio gefällig zu machen, auf welchen damals der ganze Stat seine 584 Augen richtete. Folglich gingen dorthin nicht allein aus Sardinien, wie ich oben sagte, sondern auch aus Sicilien und Spanien Kleidungsstücke, Getreide, aus Sicilien auch Waffen, und Zufuhren aller Art. Auch hatte Scipio, den ganzen Winter über, die Geschäfte des Kriegs, die ihn in Menge und auf allen Seiten zugleich umringten, nie ausgesetzt. Utica hielt er eingeschlossen: das Lager, das er vor sich sah, gehörte dem Hasdrubal: ihre Schiffe hatten die Carthager schon in See gelassen; seine Zufuhren aufzufangen, hatten sie ihre Flotte schon fertig und in Bereitschaft. Bei dem Allen gab er selbst den Plan nicht auf, mit Syphax wieder anzuknüpfen, wenn ihn vielleicht der freie Zutritt bei seiner Gemahlinn in der Liebe gesättigt hätte. Allein von Seiten des Syphax wurden mehr Vorschläge zu einem Frieden mit Carthago gemacht, daß nämlich die Römer Africa, die Punier Italien räumen sollten, als irgend einige Hoffnung zu einem Übertritte, wenn der Krieg fortdauern sollte. Daß diese Unterhandlungen durch Abgeschickte betrieben wurden, ist mir wahrscheinlicher – und dafür stimmen auch die meisten Berichte, – als daß Syphax selbst, wie Valerius von Antium meldet, zu einer Unterredung in das Römische Lager gekommen sei. Anfangs würdigte der Römische Feldherr diese Bedingungen kaum des Anhörens; späterhin zeigte er sich gegen eben diese Vorschläge, um den Seinigen einen scheinbaren Vorwand zum Ab- und Zugehen in das feindliche Lager zu erhalten, weniger abgeneigt, und machte Hoffnung, daß die Sache durch öftere Rücksprache von beiden Seiten zu Stande kommen könne. Die Winterhütten der Carthager, aus dem ersten dem besten vom Lande zusammengeholten Stoffe gebaut, waren fast ganz von Holz. Und vorzüglich lagen die Numider größtentheils unter Flechtwerk von Schilf, das mit Matten gedeckt war, hie und da, ohne alle Ordnung; einige sogar, da sie sich ohne Anweisung die Plätze selbst gegeben hatten, außerhalb des Grabens und Walles. Auf diesen Bericht baute Scipio die Hoffnung, bei Gelegenheit das feindliche Lager in Brand stecken zu können.

585 4. Den an den Syphax abzuschickenden Unterhändlern gab er statt der Bedienten einige seiner ersten Hauptleute, Männer von bewährter Tapferkeit und Umsicht, in Sklavenkleidung mit, welche, während die Abgeordneten zur Unterhandlung gezogen würden, beim Herumgehen im Lager, der Eine hier, der Andre dort, die sämtlichen Ein- und Ausgänge, die Lage und Gestalt, sowohl des ganzen Lagers als seiner Theile, den Standort der Punier und den der Numider, die Entfernung zwischen Hasdrubals und des Königs Lager erspähen und sich zugleich über die dort gewöhnliche Anstellung der Posten und Wachen unterrichten sollten; ob es thunlicher sei, sie bei Nacht oder bei Tage zu überfallen. Bei den öftern Unterredungen schickte er geflissentlich immer wieder Andere mit, damit sich ihrer so viel mehrere mit Allem bekannt machen könnten. Als die öftere Verhandlung der Sache den Carthagern und durch sie dem Syphax mit jedem Tage so viel gewissere Aussicht zum Frieden versprach, so erklärten die Römischen Gesandten, «sie dürften zu ihrem Feldherrn nicht eher wiederkommen, bis sie eine bestimmte Antwort mitbrächten. Wenn er also seinen Entschluß schon gefaßt habe, so wünschten sie ihn zu hören, oder müsse er noch mit Hasdrubal und den Carthagern Rücksprache nehmen, so möge er bei diesen anfragen. Es sei Zeit, entweder den Frieden abzuschließen, oder den Krieg mit Ernst zu führen.» Während Syphax bei Hasdrubal, Hasdrubal wieder bei den Carthagern anfragen ließ, hatten die Späher Zeit, Alles in Augenschein zu nehmen, und Scipio, die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Und bei der Erwähnung und Hoffnung des Friedens waren natürlich die Carthager und der Numidische König so viel weniger auf ihrer Hut, sich bis dahin vor jedem feindlichen Angriffe zu sichern. Endlich ertheilten sie die Antwort, in die sie aber, weil man Römischer Seite so sehr auf den Frieden gesteuert zu sein schien, mit Benutzung dieses Anscheins, einige harte Punkte hatten einfließen lassen. Bei seinem Wunsche, den Waffenstillstand abzubrechen, gewährte dies dem 586 Scipio einen willkommenen Vorwand; und da er dem königlichen Bevollmächtigten gesagt hatte, er werde die Sache dem Kriegsrathe vorlegen, so gab er ihm am folgenden Tage den Bescheid: «Es habe außer ihm selbst, der umsonst den Frieden zu bewirken gesucht habe, niemand weiter dafür gestimmt. Er möge also die Antwort mitnehmen, Syphax könne auf einen Frieden mit Rom nur dann sich Hoffnung machen, wenn er die Partei der Carthager verließe.»So hob er den Waffenstillstand auf, um bei der Ausführung seines Plans nicht durch sein Wort gebunden zu sein; und besetzte seine ins Meer gelassenen Schilfe – denn es war schon Frühlingsanfang – mit Maschinen und Wurfgeschützen, als ob er Utica von der Seeseite angreifen wollte. Auch schickte er zweitausend Mann ab, den Hügel oberhalb Utica zu besetzen, auf dem er das vorigemal gestanden hatte, theils um die Aufmerksamkeit der Feinde von seinem wirklichen Vorhaben auf etwas Anderes abzulenken; theils auch, damit nicht während seines Zuges gegen Syphax und Hasdrubal ein Ausfall aus der Stadt und ein Angriff auf sein nur schwach besetzt gelassenes Lager geschähe.

5. Nachdem er diese Vorbereitungen getroffen und vor dem versammelten Kriegsrathe seine Späher über ihre mitzutheilenden Wahrnehmungen abgehört hatte, so wie auch den Masinissa, der um Alles bei den Feinden Bescheid wußte, so setzte er selbst hinterher seinen Plan für die nächste Nacht aus einander. Den Obersten befahl er, wenn sie nach aufgehobenem Kriegsrathe die Trompete hörten, sogleich die Legionen ausrücken zu lassen. Diesem Befehle gemäß setzten sich die ersten Fahnen gegen Sonnenuntergang in Bewegung; um die erste Nachtwache war der Zug marschfertig, und um Mitternacht erreichte er – er hatte siebentausend Schritte zu machen – das feindliche Lager. Hier übergab Scipio einen Theil seiner Truppen, auch den Masinissa und die Numider dem Lälius, hieß ihn des Syphax Lager angreifen und Feuer hineinwerfen. Dann führte er beide, den Lälius und Masinissa, einzeln auf die Seite und ermahnte sie 587 dringend, «durch Achtsamkeit und Sorgfalt zu ersetzen, was ihnen bei Nacht an Umsicht abgehe. Er selbst wolle den Hasdrubal und das Punische Lager angreifen: allein er werde sich nicht eher darauf einlassen, bis er im königlichen Lager die Flamme sehe.» Und sie blieb nicht lange aus. Denn so wie das auf die vordersten Hütten geworfene Feuer haftete, ergriff es augenblicklich die nächsten, dann der Reihe nach die folgenden und verbreitete sich über das ganze Lager. Die Bestürzung wurde so allgemein, wie sie bei einer nächtlichen, so arg um sich greifenden Feuersbrunst sein mußte; weil aber Alle das Feuer nur für zufällig hielten, ohne an einen Feind und eine Kriegslist zu denken, so strömten sie unbewaffnet zum Löschen herbei und fielen dann bewaffneten Feinden in die Hände, vorzüglich den Numidern, welche Masinissa bei seiner Bekanntschaft mit dem königlichen Lager sehr zweckmäßig auf die Ausgänge der Gassen vertheilt hatte. Viele ergriff die Flamme noch auf ihrem Lager halbschlafend: Viele wurden, da im Sturme der Flucht die Einen über die Andern stürzten, bei dem Gedränge in den Lagerthoren zertreten.

6. Da zuerst die Carthagischen Wachen und dann auch Andre, vom nächtlichen Getümmel aufgeweckt, die aufleuchtende Flamme sahen, so glaubten auch sie in eben dem Wahne, das Feuer sei zufällig entstanden. Und das Geschrei, das die Niedergehauenen und Verwundeten erhoben, ließ sie, bei dem festen GlaubenAn ex trepidatione nocturna esset, confu sus]. – Confusus oder confusis soll nach Crevier und Döring auf der Punier Ungewißheit gehen. Da aber Livius die zum Löschen Herbeieilenden nicht als die Ungewissen darstellt, vielmehr nachher sagt: Inermes – igitur, ut quibus nihil hostile suspectum esset u. s. w. so meine ich, er müßte auch vorher ihre Überzeugung, daß dies Geschrei ein bloßer Feuerlärm sei, angegeben haben. Und das läge dann in den Worten, wenn ich annehmen darf, daß an oder ac (denn beides findet sich in Msc.) aus hc oder hnc entstanden sei, welches hunc heißen sollte. Dann läse ich so: Et clamor, inter caedem et vulnera sublatus, hunc ex trepidatione nocturna esse conf isis sensum veri adimebat. Und so habe ich, weil hiebei die wenigsten Änderungen nöthig waren, übersetzt., dies sei Folge des nächtlichen Schreckens, nicht auf die 588 Vermuthung der Wahrheit kommen. Sie strömten also, jeder für sich allein, ohne Waffen, ohne im mindesten etwas Feindliches zu argwöhnen, aus allen Thoren, wo es Jedem am nächsten war, nur mit dem beladen, was zum Löschen diente, gerade in den Zug der Römer hinein. Nachdem sie Alle nicht bloß aus feindlicher Erbitterung niedergehauen waren, sondern auch, um keinen von ihnen mit der Nachricht entkommen zu lassen, that Scipio sogleich auf die bei einem solchen Getümmel natürlich verabsäumten Thore den Angriff, und als er in die nächsten Hütten Feuer hatte werfen lassen, loderte die Flamme unaufhaltsam, zuerst wie an mehrern Stellen ausgestreuet, empor, dann aber verschlang sie in zusammenhängendem Fortschritte Alles auf Einmal in Einem allgemeinen Brande. Halbverbrannte Menschen und Thiere stopften zuerst durch ihre jammervolle Flucht, und dann zu Boden gestreckt, die Wege nach den Thoren: was die Flamme nicht verzehrte, fraß das Schwert; und Eine unglückliche Nacht vertilgte beide Lager. Doch retteten sich die Feldherren beide; und von so viel tausend Bewaffneten nur zweitausend zu Fuß und fünfhundert Reuter, halbbewaffnet, großentheils verwundet und vom Anhauche der Flamme beschädigt. Vom Schwerte oder in den Flammen kamen vierzigtausend Menschen um, gefangen wurden über fünftausend; unter diesen waren viele Carthagische Edle und elf Senatoren: hundert vierundsiebzig Fahnen wurden erbeutet, über zweitausend siebenhundert Numidische Pferde und sechs Elephanten – acht hatte Feuer und Schwert weggerafft – und eine große Menge Waffen, die der Feldherr alle, als ein Weihgeschenk für den Vulcan, verbrennen ließ.

7. Hasdrubal hatte sich auf der Flucht, von Wenigen begleitet, in die nächste Stadt der Africaner begeben, und dorthin hatten sich alle Übriggebliebenen, da sie der Spur des Feldherrn folgten, gesammelt. Aus Furcht aber, daß sich die Stadt dem Scipio ergeben möchte, räumte er sie. Bald nachher ließ sie die Römer bei offenen Thoren ein, und blieb, weil sie sich freiwillig unterworfen 589 hatte, von Feindseligkeiten verschont. Dann wurden nach einander zwei Städte mit Sturm erobert und geplündert. Diese Beute und die aus dem angezündeten Lager und dem Feuer entrissene wurde dem Soldaten überlassen. Beinahe achttausend Schritte von hier setzte sich Syphax in einer befestigten Stellung. Hasdrubal eilte nach Carthago, um jeden nachgiebigen Entschluß, den der neuliche Verlust veranlassen könnte, zu verhindern. Denn der erste Schrecken, der sich dorthin verbreitete, war so groß, daß sie Alle glaubten, Scipio werde mit Aufgebung Utica's sogleich Carthago einschließen. Also beriefen die Suffeten – dies ist bei ihnen eine Art consularischen Amts – den Senat. Hier behielt von drei Meinungen – die erste erklärte sich für Gesandte an den Scipio um Frieden; die andre rief den Hannibal zurück, seine Vaterstadt vom verderblichen Kriege zu retten; die dritte, von Römischer Standhaftigkeit im Unglücke, drang auf Wiederherstellung des Heers und auf Vorstellungen an Syphax, ja nicht vom Kriege abzutreten – diese letzte, sage ich, behielt die Oberhand, weil Hasdrubal, der in Person zugegen war, und die sämtlichen Mitglieder der Barcinischen Partei den Krieg vorzogen. Nun fing man die Aushebung in der Stadt und in den Dörfern an und ließ Gesandte an Syphax abgehen, der ohnehin schon alle Kräfte zur Erneurung des Feldzuges aufbot: denn diesmal hatte seine Gemahlinn nicht wie sonst, durch Liebkosungen, auf ihn gewirkt, so viel diese über das Herz des Liebenden vermochten, sondern durch ihr Flehen und Jammern; hatte unter Strömen von Thränen ihn beschworen, ihren Vater und ihr Vaterland nicht preis zu geben, und Carthago nicht von denselben Flammen verzehren zu lassen, welchen sein Lager zum Raube geworden sei. Auch brachten die Gesandten eine Hoffnung mit, die sich ihnen zur rechten Zeit geboten hatte: es seien ihnen bei einer Stadt – sie hieß Abba – viertausend durch ihre Werber in Spanien in Sold genommene Celtiberer begegnet, auserlesene Leute; auch werde Hasdrubal nächster Tage mit einem bedeutenden Kohre sich einstellen. Also gab auch 590 er den Gesandten nicht bloß eine freundschaftliche Antwort, sondern er führte ihnen auch die Menge seiner Numidischen Landleute vor, denen er in diesen Tagen Waffen und Pferde gegeben hätte, und versprach alle Dienstfähigen seines Königreiches aufzubieten. «Sie wüßten ja selbst, daß jenes Unglück einem Brande, nicht dem Treffen zuzurechnen sei: im Kriege aber sei nur der der Besiegte, der den Waffen erliege.» So antwortete er den Gesandten. Und nach wenig Tagen vereinigten Hasdrubal und Syphax ihre Truppen wieder. Dies ganze Heer belief sich fast auf dreißigtausend Mann.

8. Den Scipio, der jetzt, als hätte er alle Gefechte mit Syphax und den Carthagern schon abgethan, mit der Bestürmung Utica's beschäftigt war und schon Maschinen an die Mauern rücken ließ, rief das Gerücht von dieser Erneurung des Feldzuges hier wieder ab; und nachdem er zu Lande und zu Wasser bloß zum Scheine einer Einschließung mäßige Posten zurückgelassen hatte, setzte er selbst mit dem Kerne seines Heers gegen die Feinde sich in Marsch. Zuerst machte er Halt auf einer Anhöhe, die beinahe viertausend Schritte vom königlichen Lager entfernt war: den folgenden Tag brachte er, als er mit der Reuterei in die unter der Anhöhe gelegenen, sogenannten Großen Gefilde hinabgegangen war, mit Annäherung auf die feindlichen Posten und Neckereien in kleinen Gefechten zu: und auch an den beiden nächsten Tagen fiel bei allem Getümmel in wechselnden Angriffen von beiden Seiten nichts Merkwürdiges vor: am vierten traten beide Heere zur Schlacht auf. Der Römische Feldherr stellte auch jetzt hinter das vorangereihete erste Glied das zweite, und das dritte ins Hintertreffen, lehnte seine Italische Reuterei an den rechten, und an den linken Flügel die Numider mit dem Masinissa. Syphax und Hasdrubal, die der Italischen Reuterei die Numidische, die Punische dem Masinissa entgegenpflanzten, nahmen die Celtiberer den Legionen gegenüber ins Mitteltreffen. In dieser Stellung geschah der Angriff. Beim ersten Zusammentreffen wurden beide feindliche Flügel, die Numider 591 sowohl als die Carthager, geschlagen. Denn weder die Numider, größtentheils Landleute, konnten einer Römischen Reuterei, noch die Carthager, ebenfalls Neugeworbene, einem Masinissa widerstehen, der außer seinen übrigen Vortheilen auch durch den neulichen Sieg ihnen furchtbar war. Allein obgleich auf beiden Seiten von ihren Flügeln entblößt, hielt die Linie der Celtiberer Stand, weil sie für sich in einem fremden Lande auf der Flucht keine Rettung sahen, und weil sie vom Scipio keine Begnadigung hoffen durften, da sie, bei seinen Verdiensten um sie und ihr Volk, gegen ihn zu fechten sich nach Africa verdungen hatten. Auf allen Seiten von Feinden umringt, starben sie, einer über den andern stürzend, auf der Stelle; und darüber, daß Alles auf sie einhieb, gewannen Syphax und Hasdrubal auf ihrer Flucht einen bedeutenden Vorsprung. Die vom langen Gemetzel mehr als vom Gefechte ermüdeten Sieger überfiel die Nacht.

9. Tages darauf ließ Scipio den Lälius und Masinissa mit der ganzen Römischen und Numidischen Reuterei und leichtem Fußvolke zur Verfolgung des Syphax und Hasdrubal abgehen. Er selbst mit dem schweren Fußvolke unterwarf sich die Städte im Umkreise, welche alle Carthagischer Hoheit waren, theils durch gemachte Hoffnung, theils durch Drohung, theils durch Sturm. Carthago war in großem Schrecken; denn man glaubte dort, Scipio werde im Fortschritte seiner Siege, wenn er alles Nahegelegene im Fluge erobert habe, plötzlich vor Carthago selbst erscheinen. Man besserte die Mauern aus, man besetzte sie zur Vertheidigung mit Maschinen, und Jeder brachte nach seinen Umständen für eine länger auszuhaltende Belagerung die Bedürfnisse vom Felde herein. Eines Friedens erwähnten nur Wenige, Mehrere einer Gesandschaft an den Hannibal, um ihn einzuberufen: die Meisten schlugen vor, die Flotte, die man ausgerüstet hatte, alle Zufuhr aufzufangen, nach Utica gehen zu lassen, um die dort liegenden Schiffe in ihrer Sorglosigkeit zu überfallen; vielleicht könne man sich sogar des nur 592 mit schwacher Bedeckung zurückgebliebenen Lagers der Seetruppen bemächtigen. Dieser Vorschlag fand den meisten Beifall: doch beschloß man die Absendung der Boten an Hannibal; denn gesetzt, die Flotte sei noch so glücklich, so bekomme dadurch nur das belagerte Utica einige Erleichterung; allein Carthago selbst zu schützen, habe man weiter keinen andern Feldherrn, als den Hannibal, und kein anderes Heer, als das seinige. Tages darauf ließen sie die Schiffe in See gehen und zugleich die Gesandten nach Italien: Alles wurde in der dringenden Noth eiligst gefördert, und Jeder glaubte, wenn er irgendwo der Säumige sei, an der Rettung Aller zum Verräther zu werden. Scipio, dem sein mit dem Raube so vieler Städte beladenes Heer zu schwerfällig wurde, schickte die Gefangenen und die übrige Beute in sein altes Lager bei Utica, und besetzte, schon mit Hinsicht auf Carthago, das von den entflohenen Wachen verlassene Tunes. Der Ort, kaum funfzehntausend Schritte von Carthago entfernt, ist theils durch Werke, theils durch die Natur befestigt, liegt im Angesichte von Carthago und gewährt selbst die Aussicht nach der Stadt und dem sie umgebenden Meere.

10. Gerade als die Römer ihre Schanzpfähle setzten, erblickten sie von hier die feindliche Flotte, die von Carthago nach Utica steuerte. Mit Aufgebung der Arbeit wurde gleich zum Marsche gerufen und der Aufbruch erfolgte eiligst, weil man die Schiffe, die in ihrer Anstellung gegen die Küste und zur Belagerung durchaus auf kein Seegefecht eingerichtet waren, nicht überfallen lassen wollte. Denn wie hätten einer so regsamen, mit allem Schiffsgeräthe versehenen und schlagfertigen Flotte jene Schiffe widerstehen können, welche Wurfgeschütz und Maschinen auf sich hatten, und entweder als Frachtschiffe gebraucht wurden, oder sich so nahe an die Mauer angelegt hatten, daß sie als Damm oder Brücke zum Hinansteigen dienten? Scipio also, der ganz gegen die Gewohnheit einer Seeschlacht die Schnabelschiffe, welche den übrigen hätten Schutz gewähren können, dicht ans Land 593 in die letzte Linie nahm, stellte dem Feinde eine vierfache Reihe von Lastschiffen als eine Mauer entgegen, verband diese, damit die Linien im Getümmel der Schlacht nicht zerrissen würden, durch Mastbäume und Segelstangen, die er von einem Schiffe in das andre hinüberragen und mit starken Seilen, wie in fortlaufender Verbindung, daran befestigen ließ; belegte sie dann mit Brettern, um über die ganze Reihe einen Gang zu haben, und unter diesen Übergängen machte er Zwischenräume, wo die Spähschiffe gegen den Feind auslaufen und sich sicher zurückziehen konnten. Wie Alles eiligst nach Maßgabe der Zeit ins Werk gerichtet war, wurden die Lastschiffe mit beinahe tausend auserlesenen Vertheidigern besetzt, und Waffen, vorzüglich zum Schusse, in großer Menge herbeigeschafft, um für einen noch so langen Kampf auszureichen. So gerüstet und gefaßt erwarteten sie die Ankunft der Feinde.

Die Carthager, die, wenn sie geeilt hätten, Alles im Gewühle der sich durch einander Tummelnden auf den ersten Angriff hätten vernichten können, liefen, durch ihre Niederlagen im Felde muthlos, und eben deswegen auch nicht einmal auf der See, wo sie doch die Stärkeren waren, vom nöthigen Selbstvertrauen belebt, nach einer den Tag über langsam fortgesetzten Fahrt gegen Sonnenuntergang in einen Hafen ein, den die Africaner Ruscino nennen. Am folgenden Tage, mit Sonnenaufgang, stellten sie auf der Höhe ihre Schiffe wie zu einer förmlichen Seeschlacht, als ob die Römer gegen sie auslaufen würden. Als sie lange gestanden hatten, und auf Seiten der Feinde nicht die mindeste Bewegung wahrnahmen, dann endlich thaten sie auf die Lastschiffe den Angriff. Der Auftritt hatte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einem Seegefechte, sondern ganz den Schein eines von Schiffen aus auf Mauern unternommenen Sturms. An Höhe hatten die Lastschiffe bei weitem den Vorzug: aus ihren Schnabelschiffen schossen die Punier ihre meisten Pfeile – kam doch der Wurf aus übergebogener Hand – vergeblich zur Höhe hinan; aus den Lastschiffen hingegen fiel der Schuß von oben 594 herab mit so viel mehr Nachdruck und selbst durch das Gewicht in stärkerem Schwunge. AlleinSpeculatoriae naves ac levia]. – Ich lasse nach Drakenborchs Wunsche das ac wegfallen, lese aber aus dem voraufgegangenen ictus erat. At speculatoriae naves, levia ipsa navigia. Man sehe in Drakenb. Register At. Livius hatte so weit von den Vortheilen der Römer in diesem Gefechte gesprochen. Nun geht er zum Gegentheile über. Sollte da das at nicht durch die vorhergehende Endsilbe des Wortes erat ausgefallen sein? Vor die Worte postremo asseres setze ich ein Punctum. die Späherschiffe wurden, selbst schon als die leichten Fahrzeuge, wenn sie unter den bretternen Brücken durch die Zwischenräume ausliefen, zuerst durch den bloßen Angriff und die Größe der Kriegsschiffe überwältigt: dann wurden sie auch den Vertheidigern des Bollwerks hinderlich, weil sie im Gemenge mit den feindlichen Schiffen jene oft nöthigten, mit dem Geschosse anzuhalten, um nicht bei der Unsicherheit des Wurfs die Ihrigen zu treffen. Zuletzt fingen die Punier an, aus ihren Schiffen mit einem eisernen Haken beschlagene Stangen – man nennt sie Raubhaken – an die Römischen Schiffe zu werfen; und da sich so wenig die Stangen selbst, als die Ketten, an denen sie hängend geworfen wurden, abhauen ließen, so eröffnete sich nun das Schauspiel, daß, so wie jedes rückwärts steuernde Kriegsschiff sein am Haken hängendes Lastschiff fortzog, hier die Bande, wodurch ein Schiff an das andere befestigt war, zerrissen, dort eine Reihe mehrerer Schiffe zugleich davongeführt wurde. Hauptsächlich auf diese Art wurden also die sämtlichen Brücken zertrümmert, und kaum den Vertheidigern so viel Zeit gelassen, in die zweite Reihe der Schiffe hinüber zu springen. AnSex ferme]. – Beinahe sechs, also nicht einmal sechs. Soll gleich die Freude nicht bedeutend sein, so ist doch die Zahl sechs fast zu klein. In einem Ms. steht XI ferme; in einem andern XLVI; noch in einem andern sexaginta ferme. Wenn ich nicht irre, so ergiebt sich schon aus dem ferme (nicht fere) daß die Zahl größer gewesen sein müsse, als sechs. die sechs Lastschiffe wurden im Schlepptaue nach Carthago fortgeführt, zu einem Jubel, der freilich ihren Werth überstieg, und doch so viel willkommner war, je unerwarteter ihnen unter lauter Unfällen und Thränen diese einzige, wenn auch kleine, Freude lächelte, die ihnen zugleich den Beweis gab, daß die Römische Flotte der Vernichtung nahe gewesen sein 595 würde, wenn nicht die Befehlshaber der Punischen Schiffe gezögert hätten, und Scipio zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen wäre.

11. Als gerade in diesen Tagen Lälius und Masinissa nach einem beinahe funfzehntägigen Marsche in Numidien angekommen waren, so traten die Massyler, die Unterthanen des Masinissa von seinem Vater her, mit Freuden zu ihm, als ihrem lange ersehnten Könige, über. Syphax, dessen Befehlshaber und Besatzungen hier vertrieben wurden, sah sich auf sein altes Reich beschränkt, aber keinesweges mit der Absicht still zu sitzen. Gattinn und Schwiegervater setzten dem Liebekranken zu, und er hatte an Mann und Pferden solchen Überfluß, daß sich bei der Übersicht der Kräfte seines so viele Jahre blühenden Reichs auch ein minder roher und unbändiger Geist hohe Gedanken hätte machen können. Nachdem er also Alle, die zum Kriege tauglich waren, zu Einem Ganzen zusammengetrieben hatte, gab er ihnen Rosse und Waffen zur Vertheidigung und zum Angriffe. Die Reuterei vertheilte er in Geschwader, das Fußvolk in Cohorten, wie er es ehedem von den Römischen Hauptleuten gelernt hatte. Mit einem Heere, das nicht kleiner war, als sein voriges, übrigens aber fast ganz neugeworben und ungeübt, ging der Marsch gegen die Feinde vorwärts. Als sein Lager in ihrer Nähe stand, machten sich anfangs nur wenige Reuter auf gedeckte Spähung von ihren Posten hervor; durch Wurfspieße gescheucht jagten sie zu der Ihrigen zurück: dann wechselten die Ausfälle, und weil die Geschlagenen der Unwille spornte, so rückten Mehrere nach, der gewöhnlichen Lockung bei Reutereigefechten gemäß, wenn Hoffnung den Siegenden, Erbitterung den Besiegten Verstärkungen zuführt. Als so das Treffen von Wenigen angefacht war, strömte der Wetteifer im Kampfe zuletzt die ganze Reuterei von beiden Seiten ins Feld. Und so lange es ungemischtes Reutereitreffen blieb, war die Menge der Masäsyler, die Syphax in mächtigen Schwärmen entließ, fast unaufhaltbar. Als aber das Römische Fußvolk; durch plötzliches Eindringen zwischen seine ihm den Weg 596 öffnenden Geschwader, eine feste Linie bildete und dem ausgelassen hereinstürzenden Feinde Gränzen setzte; da sprengten die Barbaren schon gehaltener heran, dann hielten sie still und kamen über die neue Art des Kampfs aus der Fassung; zuletzt wichen sie nicht allein dem Fußvolke, sondern hielten auch der Reuterei nicht Stand, die auf den Schutz von ihrem Fußvolke dreister ward. Jetzt rückten auch die Legionen unter den Fahnen heran: und nun vollends hielten die Masäsyler nicht nur keinen Angriff, sondern nicht einmal den Anblick dieser Fahnen und Waffen aus; so mächtig wirkte auf sie entweder die Erinnerung an die früheren Niederlagen, oder der Schrecken des Augenblicks.

12. Hier wurde Syphax, der sich mit dem Versuche, ihre Flucht durch Beschämung und Aussetzung seiner Person zu hemmen, den feindlichen Geschwadern entgegenwarf, nach einem Sturze mit seinem schwer verwundeten Pferde, übermannt, gefangen genommen und lebendig zum Lälius geschleppt, ein Anblick, der keinem erfreulicher sein mußte, als dem Masinissa. Cirta war die Hauptstadt im Reiche des Syphax: dahin flüchtete eine gewaltige Menge Menschen. Denn das Blutbad im Treffen war nicht so groß, als der Sieg, weil nur die Reutereien gefochten hatten. Es fielen nicht über fünftausend Mann, und weniger als halb soviel wurden gefangen genommen, als die Römer in das Lager einbrachen, wohin sich die über den Verlust ihres Königs bestürzte Menge geflüchtet hatte.

Da sagte Masinissa: «Für ihn könne freilich für jetzt nichts reizender sein, als sich in seinem Siege den Anblick seines nach so langer Zwischenzeit wiedereroberten Erbreichs zu erlauben: allein Glück vertrage sich mit Zeit zum Aufschube eben so wenig, als Unglück. Wenn Lälius ihn mit der Reuterei und dem gebundenen Syphax nach Cirta voraufgehen lasse, so werde er dort Alles in der ängstlichsten Bestürzung überraschen. Lälius könne dann mit dem Fußvolke in mäßigen Tagemärschen nachfolgen.» Mit Zustimmung des Lälius ging er nach Cirta vorauf und ließ die vornehmsten Cirtenser zu einer 597 Unterredung herausrufen. Allein auf diese, noch mit dem Unglücke ihres Königs unbekannt, wirkten seine Erzählungen des Vorgefallenen, seine Drohungen und Ermahnungen nicht eher, bis ihnen der König gebunden dargestellt wurde. Bei diesem traurigen Anblicke erhob sich ein allgemeines Klaggeheul, und theils verließen sie die Mauern in der Betäubung, theils wurden durch schleunige Vereinigung derer, die sich bei dem Sieger beliebt machen wollten, die Thore geöffnet. Masinissa, der an die Thore und sich dazu eignenden Plätze der Mauern Posten ausstellte, um alle Auswege zur Flucht zu sperren, sprengte auf gesporntem Rosse zur Burg, sie zu besetzen. Als er in den Vorplatz trat, kam ihm schon an der Schwelle Sophonisba, Gemahlinn des Syphax, Tochter des Puniers Hasdrubal, entgegen, und da sie in der umgebenden Schar von Kriegern den durch Waffen und übrige Tracht sich auszeichnenden Masinissa erblickte, sprach sie, für den, der er war, für den König ihn erkennend, kniefällig: «Dir Alles über uns erlauben zu können, haben Götter, Tapferkeit und Glück dir freigestellt. Darf aber eine Gefangene vor dem Gebieter über ihr Leben und ihren Tod ihre flehende Stimme erheben, darf sie seine Kniee, seine siegerische Rechte berühren; so bitte ich dich, so flehe ich bei der Hoheit der Königswürde, in der auch wir so eben noch gestanden haben; bei dem Namen: Geborner Numider! der dir mit Syphax gemein war; bei den Schutzgöttern dieser Königsburg, die dich unter segenvollerer Leitung hier aufnehmen mögen, als sie den Syphax von hier entlassen haben; gewähre einer Flehenden die einzige Bitte und verfüge über sie, als deine Gefangene, wie eigner Wille dich schalten heißt, nur laß sie nicht der übermüthigen und grausamen Willkür irgend eines Römers hingegeben sein. Wäre ich auch nichts weiter, als Gemahlinn des Syphax, gewesen, so würde ich mich doch lieber der Gnade eines Numiders und mit mir in demselben Africa Gebornen, als der eines Ausländers und Fremden überlassen. Was aber die Carthagerinn vom Römer, was Hasdrubals Tochter zu 598 fürchten habe, weißt du selbst. Hast du kein anderes Mittel, so bitte ich, so beschwöre ich dich, rette mich vor der Willkür der Römer durch den Tod.» Sie war außerordentlich schön und von blühender Jugend. Da sie also, seine Rechte umfassend nur dazu seine Zusage sich erbat, keinem Römer übergeben zu werden, und ihr Vortrag der Liebkosung näher kam, als der Bitte, so fühlte sich das Herz des Siegers nicht bloß zum Mitleiden hingerissen, sondern – wie die Numider alle zu den Lüsten der Liebe hastig sind – von der Liebe zu seiner Gefangenen gefesselt, begab sich der Sieger, der ihr zur Versicherung seines Worts für ihre Bitte, die Rechte bot, in den Pallast. Nun ging er mit sich zu Rathe, wie er sein Versprechen erfüllen möchte; und als er das nicht auszumitteln wußte, borgte er von der Liebe eine Maßregel, die eben so zufahrend als unanständig war. Er befahl, noch auf denselben Tag sogleich die Vermählungsfeier zu veranstalten, um durchaus weder dem Lälius, noch dem Scipio selbst, freie Hand zu lassen, gegen die als eine Gefangene zu verfahren, die schon Masinissa's Gemahlinn sein würde. Nach vollzogenem Beilager kam Lälius an, und verbarg seine Misbilligung des Geschehenen so wenig, daß er sogar anfangs Willens war, sie aus der Ehekammer abholen zu lassen und mit dem Syphax und den übrigen Gefangenen an den Scipio zu schicken. Indessen auf dringendes Anliegen des Masinissa, der ihn bat, es auf die Entscheidung des Scipio ankommen zulassen, welchem von den beiden Königen Sophonisba als Theilnehmerinn an seinem Lose zugegeben werden solle, schickte er bloß den Syphax mit den andern Gefangenen ab, und eroberte mit Masinissa's Beistande die übrigen vom Könige mit Besatzungen belegten Städte Numidiens.

13. Als die Nachricht kam, Syphax werde ins Lager gebracht, so strömte die ganze Menge wie zum Schauspiele eines Triumphs hinaus. Er selbst ging gebunden voran; ein Haufe Numidischer Vornehmen folgte. Nun legte Jeder, so viel er konnte, der Größe des Syphax, dem Rufe der Numider bei, indem er dadurch seinen eignen Sieg verherrlichte: «Das sei der König, dessen hohem Namen die beiden mächtigsten Völker der Erde, das Römische und das Carthagische, so viel Ehre erwiesen hätten, daß Scipio, ihr eigner Feldherr, um die Freundschaft desselben zu gewinnen, mit Hinterlassung der Provinz Spanien und seines Heeres, auf zwei Fünfruderern nach Africa geschifft sei; und Hasdrubal der Punische Feldherr nicht bloß zu ihm in sein Königreich gekommen sei, sondern ihm sogar seine Tochter zur Ehe gegeben habe. Er habe zu gleicher Zeit zwei Feldherren, einen Punischen und einen Römischen, in seiner Gewalt gehabt. So wie beide Parteien durch Darbringung der Opferthiere bei den unsterblichen Göttern Gnade suchten, so hätten auch bei ihm beide Theile um Freundschaft nachgesucht. Noch mehr, er habe eine solche Macht gehabt, daß er den von Land und Leuten verjagten Masinissa so weit gebracht habe, daß sein Leben nur durch den Ruf von seinem Tode, nur in den Schlupfwinkeln, wo er nach Art der Thiere im Walde von Raub gelebt habe, geschützt gewesen sei.»

So wurde der König, in diesen Gesprächen aller Umstehenden der wichtigste Mann, zum Scipio in das Feldherrnzelt geführt. Auch den Scipio rührte sowohl das frühere Los des Mannes im Vergleiche mit seinem gegenwärtigen, als die Erinnerung an ihre Gastfreundschaft, an die ihm dargereichte Rechte und die öffentliche und persönliche Verbindung mit ihm. Eben diese Verhältnisse gaben auch dem Syphax in der Anrede an den Sieger Muth. Denn als ihn Scipio fragte: «Wo er doch hingedacht habe, als er nicht bloß der Verbindung mit Rom entsagt, sondern ungereizt ihm den Krieg angekündigt habe;» so gestand er zwar, «er habe gefehlt und sei toll gewesen, allein nicht dann erst, als er gegen das Römische Volk die Waffen ergriffen habe: dies sei nur der Ausgang gewesen, den sein Wahnwitz genommen habe, aber nicht der Anfang. Da, da sei er toll gewesen, und da habe er alles, was Gastfreundschaft, und persönliches und öffentliches Bündniß heiße, aus seinem Herzen vertilgt, als er die 600 Carthagische Edelfrau in sein Haus gebracht habe. Bei dieser hochzeitlichen Fackel sei sein Reich in Flammen aufgegangen. Diese Furie, diese Unglückstifterinn habe durch alle möglichen Schmeichellockungen sein Herz den Römern entzogen und entfremdet, und nicht eher geruht, bis sie ihm mit eignen Händen die gottlosen Waffen gegen den Gast, gegen seinen Freund, angelegt habe, Doch in seiner Vernichtung und in seinem Unglücke finde er darin einen Trost für seine Leiden, es noch erlebt zu haben, daß gerade diese Verderberinn, diese Furie, in das Haus, in die Kammer seines ärgsten Todfeindes übergegangen sei. Und Masinissa sei weder klüger, noch standhafter als Syphax; wenigstens habe sie jener noch mit größerer Unvernunft und Unenthaltsamkeit zu seiner Frau gemacht, als er.»

14. Da er so nicht bloß als der feindlich Hassende, sondern auch als der Eifersüchtige sprach, der seine Geliebte in den Händen seines Nebenbuhlers sah, so setzte er den Scipio in nicht geringe Verlegenheit. Wahrscheinlichkeit bekamen die. Beschuldigungen dadurch, daß Masinissa so gut als mitten unter den Waffen, ohne den Lälius zu fragen, oder zu erwarten, mit einer Hochzeit zugeplatzt war; ferner durch die beschleunigte Hast, mit der er sich mit seiner Feindinn an eben dem Tage, da er sie als seine Gefangene erblickte, durch die Ehe verband. In Scipio's Augen hatte das Alles noch so viel größere Unanständigkeit, weil ihn selbstIpsum in Hispania iuvenem]. – Folgende Gründe bestimmen mich diese Worte auf den Scipio, nicht auf den Masinissa, zu beziehen. 1) Dann erinnert Livius stillschweigend an den Auftritt mit der Braut des Allucius XXVI, 50. 2) Bezieht sich nachher Scipio selbst gegen den Masinissa darauf, daß er (Scipio) in Spanien für den Enthaltsamen in diesem Punkte gegolten habe. 3) Vom Masinissa hingegen war es (ut est genus Numidarum in Venerem praeceps) nicht wahrscheinlich; wenigstens konnte Scipio den Masinissa, welcher dort mehrere Jahre im Punischen Lager stand, und nicht mit dem Scipio zusammen lebte, nicht beobachtet haben. in Spanien als den jungen Mann nie die Schönheit einer Gefangenen gereizt hatte. Noch hing er diesen Betrachtungen nach, als Lälius und Masinissa ankamen. Beide empfing er mit gleich freundlicher Miene, erhob sie vor dem ganzen Kriegsrathe mit 601 auszeichnenden Lobsprüchen, führte dann den Masinissa auf die Seite und redete so mit ihm: «Ich glaube, Masinissa, daß du in Rücksicht auf eine oder die andre gute Seite an mir sowohl anfangs in Spanien zu mir gekommen bist, Freundschaft mit mir zu stiften, als nachher in Africa dich selbst und alle deine Hoffnungen in meine Hand gegeben hast. So muß ich dir sagen: Unter diesen Vorzügen, die dir vielleicht meine Bekanntschaft wünschenswerth gemacht haben, ist keiner, auf den ich so stolz sein möchte, als auf meine Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit. Ich wünschte, Masinissa, du legtest deinen übrigen herrlichen Vorzügen auch diesen bei. Lange, lange nicht so viele Gefahren, glaube mir, drohen uns in unserm Alter von bewaffneten Feinden, als von den uns allenthalben umringenden Lüsten. Wer diese durch seine Enthaltsamkeit zügelt und zähmt, der hat sich eine weit größere Ehre, einen weit größeren Sieg erworben, als wir durch Besiegung des Syphax haben. Was du in meiner Abwesenheit als der tüchtige, als der tapfre Mann gethan hast, dessen erwähnte ich vorhin und erinnere mich noch daran mit Vergnügen. Über das Andre will ich dich selbst lieber in der Stille nachdenken, als, wenn ich es zur Sprache brächte, dich erröthen lassen. Bei unserm Siege über den Syphax, bei seiner Gefangennehmung, ging uns die Götterleitung des Römischen Volks voran. Folglich sind Syphax, seine Gattinn, sein Reich, seine Felder, seine Städte mit allen Einwohnern, kurz Alles, was dem Syphax gehörte, eine Beute des Römischen Volks; und der König und seine Gattinn, wäre sie auch nicht geborne Carthagerinn, sähen wir auch ihren Vater nicht an der Spitze der feindlichen Heere, müßte doch nach Rom geschickt werden, und des Senats und Römischen Volks Erkenntniß und Entscheidung müßte doch über die ergehen, die es sich nachsagen lassen muß, daß sie einen mit uns verbündeten Regenten uns abwendig gemacht und ihn so mit dem Kriege hat zuplatzen lassen. Besiege deine Leidenschaft! Hüte dich, dein vielfaches Gute durch einen einzigen Fehler zu verunstalten, und durch eine 602 größere Verschuldung, als der Gegenstand dieser Verschuldung werth ist, dir selbst den Dank für so viele Verdienste zu verderben!»

15. Dem Masinissa, als er dieses hörte, trat nicht allein die Röthe ins Gesicht, sondern auch die Thränen brachen ihm hervor, und nach gegebener Versicherung, daß er sich seinem Oberfeldherrn überlassen werde, und hinzugefügter Bitte, für sein unüberlegt gegebenes Wort so viel thun zu dürfen, als die Umstände erlaubten; – denn er habe ihr versprochen, sie in keine andre Gewalt kommen zu lassen; – ging er aus dem Feldherrnzelte wie betäubt in sein eignes. Nachdem er hier ohne Zeugen unter vielem Seufzen und Ächzen, so daß es die vor dem Zelte Stehenden deutlich hören konnten, eine lange Zeit zugebracht hatte, rief er, nach einem endlich ausgestoßenen lauten Seufzer, von seinen Sklaven einen Getreuen herein, der, wie es bei Königen Sitte ist, Gift auf unvorhergesehene Fälle unter seiner Aufsicht hatte, hieß ihn eine Mischung davon im Becher zur Sophonisba bringen und ihr dabei melden: «Masinissa würde ihr so gern sein erstes Versprechen geleistet haben, wie er als Gatte seiner Gattinn schuldig sei. Da ihn aber die, welche die Macht dazu hätten, hierüber nicht verfügen ließen, so halte er sein zweites Versprechen, sie nicht lebendig in Römische Gewalt kommen zu lassen. Mit dem Hinblicke auf ihren Vater als Feldherrn, auf ihr Vaterland und zwei Könige, denen sie vermählt gewesen sei, möge sie sich selbst berathen.» Als der Überbringer mit dieser Bestellung und dem Giftbecher in der Hand zur Sophonisba kam, sprach sie: «Ich nehme es an, als sein Hochzeitsgeschenk, das mir nicht einmal unwillkommen sein darf, wenn es das höchste ist, was er als Gemahl seiner Gemahlinn gewähren konnte. Das aber sage ihm wieder, ich würde eines schönern Todes gestorben sein, wenn ich mich nicht am Grabe noch vermählt hätte.» Mit eben der Geistesstärke, mit der sie dies sprach, trank sie den in Empfang genommenen Becher, ohne alles Zeichen von Verlegenheit, gelassen aus. Als dies dem Scipio gemeldet wurde, ließ er 603 aus Besorgniß, der rasche junge Mann könne sich in seiner kranken Stimmung Leides thun, ihn sogleich zu sich rufen. Bald sprach er ihm Trost ein, bald verwies er es ihm mit Sanftmuth, daß er Eine Unbesonnenheit durch die andre habe gut machen wollen und die Sache schlimmer gemacht habe, als nöthig gewesen sei. Am folgenden Tage bestieg er, um ihn von der gegenwärtigen Gemüthsbewegung abzulenken, die Feldherrnbühne und ließ zur Versammlung rufen. Hier beschenkte er den Masinissa, den er zum erstenmale mit dem Titel König anredete und mit außerordentlichen Lobsprüchen belegte, mit einem goldenen Kranze, einer goldnen Opferschale, einem Thronsessel, elfenbeinernen Stabe, gesticktem Oberkleide, und einem mit Palmzweigen durchwirkten Unterkleide. Diesem Geschenke gab er noch höheren Werth durch die Erklärung, daß in den Augen der Römer nichts erhabener sei, als ein Triumph, und für die Triumphirenden nichts ehrenvoller, als dieser Schmuck, dessen das Römische Volk den Masinissa, als den einzigen Ausländer, würdige. Dann beschenkte er den Lälius, den er ebenfalls mit Lob überhäufte, mit einem goldenen Kranze: auch die übrigen Helden des Heers erhielten, jeder nach dem, was er geleistet hatte, ihre Belohnungen. Diese Ehrenbezeigungen beruhigten des Königs Herz und erhoben ihn zu der Hoffnung, nun bald nach Entfernung des Syphax ganz Numidien zu besitzen.


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